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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie
möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden
stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
Text mehrmals auftreten.
Im Abschnitt ‚Die älteste Rechenkunst‘ wurden zwei der angeführten
Zahlenverhältnisse sinngemäß korrigiert. Der Übersichtlichkeit
halber wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Texts, die
Buchwerbung ‚Helios-Klassiker-Ausgaben‘ dagegen an das Ende des
Buches verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration: Heinrich Brugsch-Pascha.]
Aus dem Morgenlande.
Altes und Neues
von
Prof. ~Dr.~ H. Brugsch-Pascha.
Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers
von
Ludwig Pietsch.
Mit Porträt und 7 Abbildungen.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Aus dem Morgenlande.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch 5
Die Symbolik der Farben 13
Die älteste Rechenkunst 25
Der Hypnotismus bei den Alten 43
Litteraten zur Moseszeit 53
Zur ältesten Zeitrechnung 62
Die sieben Hungerjahre 75
Zur ältesten Geschichte des Goldes 90
Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit 101
Eine Blitzstudie 128
Der große königliche Gräberfund 140
Die großen Ramessiden 170
Pyramiden mit Inschriften 176
Im Faijum 192
Heinrich Brugsch-Pascha.
Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung
ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit
gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in
früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar
1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch,
geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast
noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten,
als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte,
plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für
die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes
ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage
gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt
gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten
Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene
dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen
bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein
heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil
betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an
andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über
Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer,
die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen,
Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte
Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für
diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf
ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen
zu fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der
Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut
geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der
altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft.
Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten
lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er
eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander
von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen,
unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe
dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner
Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll,
so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine
der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des
jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte
dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig
geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den
Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und
Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende
Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene
Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft
der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich
dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm
IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm
ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen,
und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um
seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und
die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen
Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese
Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten
französischen Ägyptologen +Mariette-Bey+ zu machen, der damals
eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt
der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort
entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen
schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei
wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans
Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des
deutschen Forschers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer
Entzifferung boten.
Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete
sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-,
Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten.
Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen
Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des
Nilthales fort. -- Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische
Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854
zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in
jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an
der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche
sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er
zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten
der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er
nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach
Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines
Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen
Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm
empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des
Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten
französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese
von ihm veröffentlichte „~Histoire d’Égypte~“ ist die Grundlage
seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte
Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. -- Den wieder Heimgekehrten
trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte
dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen
fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein
hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und
der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere
Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich
melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren
Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und
ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam
eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen....
In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen sorgen- und
mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine
Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner
Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten.
Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte
glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren
Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen
Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der
anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf
die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und
Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse
in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt
worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der
preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten,
und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur
Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte
er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der
reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen
seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die
verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen.
Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs
äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand
gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet.
Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich
seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine
wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris
fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals
erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen
als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng
wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche
er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd,
übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk
seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der
alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem
noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. -- Aber langes ruhiges
Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen.
Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts,
der Stellung, der Thätigkeit. In demselben Jahr 1868 erging an ihn
eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach
Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner
herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen,
zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ
Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber,
seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte
dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael
Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des
höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung
des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten
Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte
Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen
zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere
Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe
berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt
nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der
altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die
Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu
der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und
Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen
wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef
es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später
auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil.
Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf
die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und
Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis
der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies
sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen
Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und
dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte
deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten,
und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt.
Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese
letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich
Brugsch sehr wesentlich beigetragen.
Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas
und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens
in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte
und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener
Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der
Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben
so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums,
der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des
Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit
dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und
seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von
organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat
Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur
Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während
alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche
Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben,
ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch
wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension
-- darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden.
Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache
und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren
Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich
Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen
lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat
Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten
Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben.
Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar
haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen
Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten
Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und
Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion,
Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von
dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert,
vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner
geworben und mächtig dazu beigetragen, das Bewußtsein von ihrer
Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu
erhalten.
Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er
sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen
fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch
dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden.
Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht.
Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine
Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit
auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und
Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte
Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er
nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf,
ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen
Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen
Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und
ein anderes: „Die Muse von Teheran“.
In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise
als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten
Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen
gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der
Berliner Universität als +Privatdocent+. Die durch Lepsius’ Tod
erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig
besetzt. -- Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und
teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen
Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und
Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst
nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und
allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala
nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von
den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.
In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören
Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten
Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme
wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze
Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener
so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die seine, scheint
sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten
Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von
der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden,
mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in
welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet
bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese
dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte
Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen.
Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als
Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf
sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt
worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der
Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist
der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug.
Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten
hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas
Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und
zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft
ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien
der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater
nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten
Augenärzte wirkt. -- Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch
bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem
Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die
professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten
frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben,
der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in
dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft
nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.
+Ludwig Pietsch.+
Aus dem Morgenlande.
Die Symbolik der Farben.
Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische
Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern
herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im
Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue,
das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb,
die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der
Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln,
vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen
Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen
das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen,
verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen
schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um
nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser
hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder
schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter
stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.
Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren
brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn
dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird.
Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik
eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem
feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben
äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten
rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir
darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz
anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen,
daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich
zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des
Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.
Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor
allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe
auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen
Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den
blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung
verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen
Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals
preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie
manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des
Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue
im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten
nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen
Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in
dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn
ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die
ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der
Farbensymbolik zu wenden.
Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung
mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik,
welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen
haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.
Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan,
auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt habe, um klassische
Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder
Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf
den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift
ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf
dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie
überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde
wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten
Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu
Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu
gewinnen.
Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem
Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser
anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen.
Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge
und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen
fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz
Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen,
diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold
würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben
bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens
das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes
inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht
zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.
Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die
Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor
Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung
bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, an der
Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. Ich wähle
eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für alle ähnlichen
gelten darf: 1) +Silber+, 2) +Gold+, 3) +Saphir+ oder +Lasurstein+,
4) +Smaragd+, 5) +Eisen+, 6) +Kupfer+, 7) +Blei+, 8) +Smirgel+. Da
in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen
eigentümlichen +Farbe+ dem Beschauer vor Augen geführt werden, so läßt
sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß,
Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer
altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur
Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb,
Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die
beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin
in sich.
Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines
besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als
+heilige+ betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge giebt die
Reihe an: +Weiß+, +Grün+, +Hellrot+, +Dunkelrot+, während in einer
jüngeren Epoche das +Hellrot+ durch +Hellblau+ verdrängt wurde. Die
Teppiche, Vorhänge, Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den
Turmflügeln der Tempel mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um
zum heiligen Gebrauch verwertet werden zu können.
Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben
vorgeschrieben waren: +Weiß+, +Blau+, +Dunkelrot+ und +Hochrot+, welche
bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und der Priesterkleidung
ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine symbolische Bedeutung
eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es auch den Auslegern noch
nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen endgültig zu führen. Der
Unterschied zwischen den ägyptischen vier heiligen Farben und den
ebräischen berührt lediglich die Farbe des +Grünen+, welche bei den
Israeliten durch +Blau+ ersetzt ward.
Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyptischen
Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck
der +Farbe+ zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt
ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die
des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung
für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff,
ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man
auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der
Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die
heiligen Tiere (von jeder Gattung +vier+), deren Farbe durch eine
priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale
ihrer Heiligkeit angesehen wurden.
Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen
Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben
dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die
Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe
der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der
Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf
Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf
Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.
Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische
Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach
den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben,
stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf
Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der
Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß,
den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche
man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf
die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das
dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über dasselbe. Dem
Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt
rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen
oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren
Umgang. Aus diesem Grunde opferte man +rotfarbige+ Tiere, um dem
unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde
zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine +rötliche+ Kuh als
Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde.
Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue
Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.
Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch
die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der
sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe
der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und
was dergleichen Überlieferungen mehr sind.
Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß
die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere
Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der
Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt,
jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene.
Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe
das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte.
Soweit nach den Alten.
Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache
der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe
unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen
inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben
folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.
1) +Weiß.+ Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle
im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim
anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die
Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das
„helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch
die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine
Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem
Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit
anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem
Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung
des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph
nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die
„Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch,
der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder
weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl
„glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und
„prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land
Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum
„prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen
Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel
„glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird
ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte,
mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht
und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der
Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht,
daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines
uralten Ursprungs rühmen dürfen.
2) +Gelb.+ Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten
Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der
sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des
Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet.
Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein
Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften
Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen,
wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein
typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte
dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold
am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen
unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände,
welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die
vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das
Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der
Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu
verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher
Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.
3) +Dunkelblau+, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder
des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt,
sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als
Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen
Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser
Pflanze den Beinamen +Dar-neken+, d. h. „vor Schaden bewahrend“.
Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium
in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau
von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder
einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die
Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer
Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd,
jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte
sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf
die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse
fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels
oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle
sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein
für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer
Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein
probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.
4) +Grün+, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den
Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische
Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis
zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als
Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der
Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die
Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward
deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von
alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie
Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist
blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des
Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten,
weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die
grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb
ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen
Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an
Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des
Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen
Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha
wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich
nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“
Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und
sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen,
welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder
auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden
nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.
5) +Rot.+ Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den
Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein,
die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im
Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten
und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des
Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung
beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen
läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne
und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend
rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig
unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose,
verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den
mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen
Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das
sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde
warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte,
betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die
wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am
Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung
der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von
Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter
sühnte Verbrechen und Sünde.
In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war
die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen,
abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche
verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als
Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde
bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer
steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen
lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein
kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch
nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses
in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken
des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz
am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar;
man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf
das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf,
sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie
hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist,
werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die
in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der
bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die
Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im
Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze +rot+
gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der
heiligen Sühne diente.
Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene
Vorschrift „von der +rötlichen+ Kuh und dem Sprengwasser“, um sich
die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte
ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt
war.
Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den
Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in
das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das
Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln
gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.
6) +Schwarz.+ Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am
besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt
Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von
den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen
gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt
erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens,
ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz
erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer,
gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein
anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und
ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache
des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.
Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt
einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern
sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die
Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales
vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht
überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das
tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste
hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen
Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb,
Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die
Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach
ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge
vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der
Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen
Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies
auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant,
Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger
Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u.
s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich
jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung
und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische
Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte
man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das
seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als
Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer
verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte
in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog
den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“,
so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa
durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen
erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es
klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht
überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer
Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe
dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in
innigstem Zusammenhang.
Die älteste Rechenkunst.
So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach
den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen,
so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von
jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten
Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen
Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem das Zeichen der
Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so
tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst
auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle
Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage
zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen
Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.
Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin
zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten
Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege
erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in
langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation
zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das
Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt
kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer
und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des
Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber
erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es
noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als
mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet
wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen
Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern
bezeichnet werden.
Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen
belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker,
ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets,
um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen
Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer
derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner
ausführlicheren Erörterung.