]
Die Schleiereule ist ein viel heller gefärbter Vogel als der Waldkauz.
Ihr Rücken und ihre Flügel sind bräunlich und Brust und Kopf sind
weißlich. Ihr Schrei ist ein widerlich kreischendes „Crüüüh“. Sie
verbirgt sich am Tage in Scheunen und in Kirchtürmen und jagt in der
Nacht; sie nährt sich hauptsächlich von Mäusen. Wenn sie am Tage
herauskommt, necken sie Buchfinken und andere kleine Vögel, denn diese
wissen, daß sie nicht gut sehen kann.
Vergleiche Falke und Eule. Beachte die Wachshaut am oberen Teile des
Schnabels, die alle Vögel haben. Sie ist bei den Eulen teilweise von
Borsten bedeckt. Versuche Fuß und Schnabel des Adlers zu zeichnen
(bunte Tafel VI und Abbildung Seite 60).
Lektion 13.
Saatkrähen und ihre Gefährten.
„Geh’ und scheuche die Krähen von dem Felde, sie fressen allen Samen“,
hörte ich eines Tages einen Bauer zu seinem Sohne sagen. Er hatte
recht, denn er hatte den Samen nicht tief genug gesät, und die Krähen
fraßen davon.
Aber einige Zeit darauf zeigte ein anderer Landmann auf die Krähen in
seinem Felde, wo das Getreide schön grün war, und sagte. „Sieh’, wie
sie die jungen Haferschößlinge ausziehen.“ Und das taten sie auch. Aber
wenn wir die Pflanzen ansahen, die sie herausgehackt hatten, fanden
wir, daß jede in der Wurzel eine Stelle hatte, wo eine Larve gesessen
hatte.
Diesmal hatten die Krähen nützliche Arbeit geleistet. Drahtwürmer und
Larven fressen die Wurzeln des Grases, des Korns und der Kohlrüben
durch das ganze Feld hindurch ab. Töten die Krähen nur eine Anzahl
derselben, so retten sie oft die ganze Ernte.
In meiner Heimat gab es einmal eine Zeit, wo die Landleute eine
Belohnung für Krähenköpfe aussetzten in dem Glauben, daß die Krähen
den Feldern Schaden täten. So wurden viele Krähen in der Umgegend
getötet. Aber es tat den Landleuten bald leid. In den folgenden drei
Jahren wurden ihre Ernten durch Insekten und Larven stark geschädigt.
Sie ließen nun die Krähen in Ruhe, damit sie die Insekten vertilgten.
Ohne Zweifel sind die Saatkrähen in gewisser Weise schädlich, denn
sie fressen Vogeleier, frisch gesätes Korn und grüne Walnüsse. Sie
ziehen manchmal sogar Korn aus den Schobern, wenn sie Mangel an Nahrung
leiden. Aber sie vernichten so viele Drahtwürmer und Larven, Schnecken,
Maden und Insekten aller Arten, daß sie mehr Nutzen tun als Schaden
anrichten.
Ihr alle kennt den schwerfällig umherschwirrenden Maikäfer, der einem
abends manchmal ins Gesicht fliegt. Aber vielleicht wißt ihr nicht, daß
er, ehe er Flügel bekommt, drei oder vier Jahre lang in der Erde lebt
und sich von den Wurzeln des Grases und des Korns nährt. Saatkrähen
fressen diese Maikäferlarven, wo sie diese auch immer finden, und
retten so unsere Ernten.
Hoffentlich habt ihr Krähen in der Nähe. Es ist wirklich unterhaltend,
sie zu beobachten. Während sie ihre großen Nester in die Astgabeln der
Bäume bauen, machen sie sehr viel Lärm und Geschrei. Die männliche
Krähe fängt an, Futter für das Weibchen zu holen, schon ehe sie die
Eier legt, und füttert sie während der ganzen Brutzeit.
Die alten Vögel füttern die Jungen, lange nachdem sie ausgebrütet sind.
Wenn man aufpaßt, kann man sie mit offenem Schnabel auf das Futter
wartend am Rande des Nestes sitzen sehen. Die Saatkrähen bauen ihre
Nester gern kolonieartig auf hohen Bäumen in Gehölzen und gebrauchen
sie Jahr für Jahr wieder. Sie leiden nicht, daß fremde Krähen sich
ihnen anschließen.
[Illustration: Saatkrähen am Neste.]
Die Krähen bleiben nicht lange mehr in den Nestern, nachdem die
Jungen flügge geworden sind. Im August und September ziehen sie oft
zum Schlafen in Buchen- und Fichtenwälder und kommen vor dem Frühling
nicht zu ihrem Horste zurück. Aber dann und wann sprechen sie beim
Vorüberfliegen darin vor und sehen nach ihren Nestern.
Die Rabenkrähen brüten -- ebenso wie die Nebelkrähen -- nicht gesellig
wie die Saatkrähen. Sie leben paarweise und bauen ihre Nester meist in
hohe Bäume in Wäldern weit von Häusern entfernt. Sie sind schädlicher
als Saatkrähen, denn sie fressen junge Vögel, Tauben, Enten und Kücken.
Man kann schon in einiger Entfernung die Rabenkrähe von der Saatkrähe
unterscheiden, weil man im Sommer sehr selten mehr als zwei zusammen
sieht. Wenn man sie in der Nähe erblickt, wird man sie bald
unterscheiden lernen, weil die Saatkrähe, sobald sie ein Jahr alt ist,
ein kahles weißliches Band an der Schnabelwurzel hat, wo die Rabenkrähe
Federn trägt.
Habt ihr jemals beobachtet, wie gravitätisch eine Saatkrähe über das
Feld schreitet? Sie hüpft nicht wie eine Drossel oder ein Sperling,
sondern setzt einen Fuß vor den anderen und macht dann und wann einen
kleinen Sprung. Einige bleiben stets in der Nähe auf Bäumen sitzen,
um bei Gefahr zu warnen, und wenn diese Wachen „Krah, Krah“ schreien,
erhebt sich der ganze Schwarm. Sie fliegen mit langsamem Flügelschlage
fort und fallen in ein benachbartes Feld ein.
Ein Freund von mir, der in der Nähe eines Krähenhorstes wohnt, erzählt,
daß er beobachtet habe, wie zwei Wachtkrähen jeden Morgen umherfliegen
und die anderen aufwecken, und es ist sehr spaßig zu sehen, wie die
faulen zuletzt in großer Eile herauskriechen, um noch zur rechten Zeit
mit den anderen fortfliegen zu können.
Obgleich Saatkrähen nie anderen Vögeln ihrer Art erlauben, sich zu
ihnen zu gesellen, leben sie mit Dohlen in tiefer Eintracht zusammen
und dulden auch zeitweise Stare unter sich. Eine Dohle bewegt sich
ziemlich ebenso wie eine Krähe, obwohl sie ein lebhafterer Vogel ist.
Sie ist kleiner und hat einen grauen Nacken. Der Star (siehe Seite 44)
ist ein Wandervogel. Obgleich sein Kopf und Rücken schwarz sind, hat er
doch namentlich im Frühling so viele helle Farben auf den Federspitzen,
daß er nicht dunkel aussieht wie Saatkrähe und Dohle, sondern bunt und
glänzend.
[Illustration: Dohlen.]
Es wundert mich, warum diese Vögel den Saatkrähen so oft folgen.
Vielleicht weil die Krähe sehr scharf sehen kann und die Erde auf der
Suche nach Nahrung mit ihrem langen Schnabel aufwühlt. Dohle und Star
picken hier auf, was sie über der Erde finden, und so fällt für sie
vielleicht etwas Nahrung ab, wenn die Krähe den Erdboden aufwühlt.
Versuche eine Saatkrähe, eine Rabenkrähe, eine Dohle, einen Star,
eine Elster und einen Häher zu beobachten, und zeige, wie man sie
erkennen kann.
Lektion 14.
Vögel mit Schwimmfüßen.
Außer den Vögeln, die auf dem Lande leben und sich dort ernähren, gibt
es sehr viele, die hauptsächlich auf und an dem Wasser leben. Einige
von diesen heißen „Watvögel“ und einige „Schwimmvögel“; sie haben mit
Schwimmhäuten versehene Füße. Wir haben schon im Buche II von zwei
Watvögeln gelesen, von dem grünfüßigen Wasserhuhn und dem Bläßhuhn.
Heute wollen wir von den Schwimmvögeln sprechen.
[Illustration: Vogelfüße.
1. Raubvogel (Adler). 2. Schwimmfuß (Gans). 3. Scharrfuß (Fasan). 4.
Kletterfuß (Specht). 5. und 6. Sitzfuß (Drossel und Lerche).]
Wenn man an der Küste wohnt, so kennt man die Möwen, die oft weit
an den Flüssen hinauf fliegen. Die Möwen folgen den Flußläufen bis
tief ins Binnenland hinein. So finden wir sie z. B. sehr häufig an
den Hafenanlagen Hamburgs, wo sie selbst in der inneren Stadt an den
Kanälen und Bassins der Alster, eines kleinen Nebenflusses der Elbe,
nicht fehlen. Es gewährt einen lieblichen Anblick, wenn sie immer
rundherum fliegen und auf das Futter warten, das ihnen die Leute
zuweilen zuwerfen.
Einige von euch haben vielleicht auch schon Kormorane (siehe S.
33) gesehen, große schwarze Vögel, die schwerfällig über die See
hinfliegen, mit weit vorgestreckten langen Hälsen und schmalen Flügeln.
Sie lassen sich dann auf dem Wasser nieder und tauchen plötzlich mit
dem Kopfe voran unter; gleich darauf kommen sie mit einem Fisch im
Schnabel herauf, den zu verschlingen sie oft längere Zeit gebrauchen.
Wohnt man auf dem Lande in der Nähe eines großen Sees oder eines
Teiches, so kann man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einen
sonderbaren kleinen Schwimmvogel beobachten, den kleinen Steißfuß
oder Zwergtaucher. Dies ist ein brauner Vogel mit schmalem Kopfe und
dünnem Halse, der im Schilfe an den Ufern eines Teiches umherplätschert
oder ruhig dahinschwimmt. Dann und wann taucht er nieder, um
Wasserschnecken, Fische oder Wasserpflanzen heraufzuholen. Man muß sehr
behutsam sein, wenn man in seine Nähe kommen will, denn er taucht beim
geringsten Geräusch unter und kommt an einer weit entfernten Stelle, wo
man ihn nicht mehr sehen kann, wieder herauf.
Hat man aber diese mit Schwimmfüßen versehenen Vögel noch nicht
gesehen, nicht einmal eine wilde Ente, so kennt doch jedes Kind die
zahme Ente, die auf unseren Bauernhöfen gezüchtet wird. Unsere Enten
wurden vor langer langer Zeit aus wilden Enten gezähmt und sind ihnen
sehr ähnlich. Wir wollen sehen, was wir über sie lernen können.
Seht sie einmal an, wie sie über den Hof watschelt. Ihre Füße haben
zwischen den drei Vorderzehen eine Haut, die diese miteinander
verbindet. Das heißt, sie ist mit Schwimmfüßen versehen. Nun achtet
darauf, daß, wenn sie den Fuß aufhebt, die Haut sich wie ein Fächer
zusammenfaltet, und daß sich dieselbe wieder ausbreitet, wenn sie den
Fuß niedersetzt. Wenn sie den Teich erreicht, gleitet sie ins Wasser
und beginnt zu paddeln, indem sie die Füße abwechselnd benutzt, gerade
wie wir beim Gehen. In klarem Wasser kann man sehen, daß die Haut sich
wie beim Gehen zusammenfaltet, wenn sie den Fuß vorwärts streckt, daß
sie sich öffnet, wenn sie ihn zurückstößt und gegen das Wasser schlägt.
Die Haut öffnet sich also und bildet eine Art Ruder, mit dem sie sich
vorwärts treibt.
Die Beine stehen weit hinten am Körper, so daß sie diese benutzen kann,
um sich schnell hin und her zu drehen. Sie kann Kopf und Körper tief in
das Wasser tauchen, um nach Wasserschnecken und Kaulquappen zu suchen,
so daß fast nur der Schwanz noch heraussieht, während sie gleichzeitig
weiterpaddelt.
Dann achte darauf, wie leicht ihr Körper ist. Er schwimmt ganz auf
dem Wasser. Dies kommt teils daher, daß eine Schicht von leichtem
Fett unter ihrer Haut liegt, und teils davon, daß sie eine dichte
Daunendecke unter den Federn trägt. Darin fängt sich sehr viel Luft,
und diese macht sie leicht.
[Illustration: Möwen mit Jungen.