]
Alle diese Vögel schlafen im Binnenlande in Wäldern und Feldern.
Habt ihr aber Gelegenheit, einen Sommerabend an der Küste der See
zuzubringen, und euch dort am Strande unter den hohen Klippen oder auf
den Dünen niederlegt, so könnt ihr viele andere Vögel zur Nachtruhe
nach Hause kommen sehen. Beim Sonnenuntergang kommen viele kleine Vögel
von den umliegenden Feldern und lassen sich in den Büschen in den
Klippen nieder. Zunächst kommen dann einige Dohlen, die zufällig in der
Nähe der See wohnen, krächzend und einander über die Klippen jagend.
Sie kriechen zur Nachtruhe in die darin befindlichen Höhlen und Löcher.
Dann segeln einige große Kormorane oder Seeraben von der See aus heran
mit einem Gefolge von Möwen und lassen sich auf den Vorsprüngen in
halber Höhe der Klippen nieder. Einige krächzende Raben kommen vom
Lande her und flattern hin und her, ehe auch sie ihr Ruheplätzchen
aufsuchen. Die Uferschwalben verschwinden ebenfalls in den Löchern der
Klippen und Dünen, und auch ein Raubvogel beschreibt vielleicht seine
letzten Kreise in der Luft, um sich dann auf einen ruhigen Winkel
herabzusenken.
[Illustration: Fressende Kormorane.]
Nach einiger Zeit hört dann das Schnattern und Krächzen auf, und beim
Mondaufgange ist alles ruhig. Aber wenn man bei Mondschein auf die
silberglänzende See hinaussieht, wird man bemerken, daß viele Möwen
noch auf dem Wasser schwimmen, und vielleicht bleiben sie da die ganze
Nacht hindurch.
Beobachte die Vögel, wenn sie abends schlafen gehen und achte auf
ihren Lieblingsaufenthalt.
Lektion 8.
Vogelnahrung im Sommer.
Frühling und Sommer sind glückliche Zeiten für die Vögel. Da gibt
es reichliche Nahrung für sie und ihre Kleinen. Laßt uns an einem
schönen Sommermorgen ausgehen und die verschiedenen Vögel beim Fressen
beobachten. Ihr werdet sie nicht alle an einem Tage sehen. Aber wenn
ihr euch Mühe gebt, werdet ihr wohl imstande sein, die vorkommenden
während des Sommers ausfindig zu machen.
Dicht beim Hause findet man sicher Sperlinge, die Abfälle im Hofe
aufpicken und Raupen und Spinnen von den Stachelbeerbüschen im
Gemüsegarten abfressen. Denn der Sperling ist kein Leckermaul und frißt
fast alles: vom Getreidekorn bis zum Fleischstückchen.
Im Gemüsegarten kann man auch den Buchfinken sehen, wie er die Schalen
von Samenkörnern mit seinem scharfen, kurzen Schnabel zerbricht.
Es ist ihm einerlei, ob er sie sich von Unkräutern holt oder aus
den Radieschen- und Kohlrübenbeeten, die wir gesäet haben. Trotzdem
nützt er mehr, als er schadet, denn er vernichtet viel Kreuzkraut und
Vogelmiere.
Draußen in den Feldern läßt sich die kleine braune Lerche nieder, die
hoch oben in der Luft gesungen hat, um in den Furchen nach Samen zu
suchen, die der Pflug aufgewühlt hat. In der Nähe der Scheunen sieht
man Finken und Goldammern Körner aufpicken.
Alle diese Vögel leben hauptsächlich von Körnernahrung und haben kurze
scharfe Schnäbel, mit denen sie die Samenschalen zerquetschen, obgleich
sie oft auch Insekten fressen und ihre Jungen mit solchen füttern. Wenn
sie uns auch zuweilen an einigen unserer Feldfrüchte Schaden zufügen,
so sind sie der Hauptsache nach doch sehr nützlich, da sie das Unkraut
nicht aufkommen lassen, denn sie fressen alle Samen, die sie finden.
[Illustration: 1. Dompfaff (Körnerfresser). 2. Schwalbe
(Insektenfresser). 3. Hänfling. 4. Lerche (Körner- und
Insektenfresser).]
Rauch-, Turm- und Hausschwalben haben ganz andere Schnäbel. Wenn ihr
sie bei ihrem schnellen Fluge durch die Luft beobachtet, so werdet ihr
sehen, daß sie die Schnäbel sehr weit öffnen können, um Fliegen und
Mücken zu fangen. Sie haben schwache Beine und starke Flügel, denn sie
fangen alle Nahrung im Fluge. Achtet darauf, wie nahe sie sich bei
trübem Wetter am Boden halten. Dann fliegen die Insekten tief, und die
Schwalben folgen ihnen. Aber an einem hellen sonnigen Tage fliegen die
Insekten hoch in der Luft und infolgedessen die Schwalben auch.
Jene große Drossel, die auf dem Rasen umherhüpft, ist ganz verschieden
von den Schwalben. Sie hat starke Beine und Füße und einen langen,
schmalen, rundlichen Schnabel. Sie nährt sich von Würmern und Schnecken
im Sommer und von Beeren im Herbst. Sieh sie jetzt an! Sie hat die Füße
fest auf den Rasen gestemmt und zieht mit aller Kraft an einem Wurme.
Sie wird ihn bald aus der Erde heraus haben und ihn forttragen, um ihre
Jungen damit zu füttern.
Viele der kleineren Singvögel nähren sich nur von Insekten. Ihr habt
sie sicher gern, es sind so niedliche kleine Dinger. Da ist zuerst
die Bachstelze mit ihren schwarz und weißen Flügeln und ihrem langen
Schwanze, der auf- und niederwippt, wenn sie im Grase nach Insekten
jagt. Nicht weit davon ist ein kleiner Zaunkönig, der auf einem
Rosenstrauche umherhüpft und Blattläuse und Raupen abpickt, die so viel
Schaden anrichten.
Auf einem Busch in der Nähe sitzt ein kleiner brauner Vogel mit
graugesprenkelter Brust. Es ist der gemeine gefleckte oder graue
Fliegenschnäpper. Sieh, wie still er sitzt! Dann schießt er plötzlich
mit weit geöffnetem Schnabel in die Luft hinaus, schnappt zu und kehrt
auf seinen Platz zurück. Er hat eine Fliege gefangen und wartet nun auf
eine andere.
[Illustration: Grauer Fliegenschnäpper.]
Dann möchte ich, daß ihr einen anderen kleinen Vogel betrachtet, den
ich liebe, weil er so hübsch und bunt ist. Es ist eine Blaumeise
(siehe bunte Tafel IV), ein kleiner Vogel mit hellblauem Kopfe
und ebensolchen Flügeln und gelber Brust. Er hängt mit dem Kopfe nach
unten an dem Zweige eines Baumes und lauert auf Spinnen. Wenn er eine
gefangen hat, fliegt er nach einem anderen Baume, und so erhascht er
in kurzer Zeit ein sehr gutes Frühstück. Er ist ein mutiger kleiner
Vogel, und im Winter kann man ihn während des Fütterns gut kennen
lernen.
Diese Vögel, wie die Drossel, die Bachstelze, der Fliegenschnäpper,
der Zaunkönig und die Meise, sind uns sehr nützlich. Sie verzehren
Schnecken und Larven, Raupen und Maden. Auch die Nachtigall und die
Amsel nützen uns auf diese Weise und auch ein anderer Vogel, von dem
ich möchte, daß ihr ihn kennen lernt. Es ist die Hecken-Braunelle, ein
kleiner brauner Vogel mit bläulich-grauer Brust, der an den Hecken
entlang flattert. Ihr habt ihn sicher schon gesehen. Er fängt ein
kleines Insekt, fliegt ein Stückchen weiter und fängt ein zweites, um
dann gerade vor euch aufzufliegen, wenn ihr auf dem Wege dahingeht.
Ihr dürft ihn nicht mit dem Sperling verwechseln. Er ist ein ganz
andersartiger Vogel; die Hecken-Braunelle ist ein Singvogel und singt
sehr lieblich.
Wir haben keine Zeit mehr, andere Vögel zu beobachten; aber wir müssen
noch die Krähen ansehen, die nach Würmern und Larven auf den gepflügten
Feldern Jagd machen, und wenn wir in die Nähe des Waldes kommen,
beobachten wir vielleicht eine Waldschnepfe, die unter den Bäumen nach
Würmern sucht. Sie fliegt mit einem lauten Schwirren davon, lange ehe
wir in ihre Nähe kommen, und da sie dabei ein ängstliches Dack, Dack
ausstößt, nehme ich an, daß es das Weibchen ist. Ihr Nest ist sicher
nicht weit entfernt.
Bei einem Spaziergange durch den Wald könnt ihr die kleinen Baumläufer
sehen, wie sie an den Bäumen hinauf laufen und nach Insekten suchen,
und der Specht läßt seine klebrige Zunge hervorschießen und klopft an
die Bäume und Äste, während die Holztaube nach Hause fliegt, den Kropf
voll von Hafer oder Erbsen zum Futter für ihre Jungen.
Oder wenn ihr einen Spaziergang am Flußufer macht, seht ihr vielleicht
den zierlichen Eisvogel herabschießen, um kleine Fische zu fangen, oder
der ernste Reiher steht ganz still, bis sein Kopf plötzlich vorwärts
schießt, und er einen großen Aal mit seinem Schnabel aus dem Wasser
herauszieht.
Viele solche Beobachtungen könnt ihr selbst machen. Das große Geheimnis
ist, jeden Vogel, den ihr erblickt, aufmerksam anzusehen und etwas über
ihn zu lernen.
Beobachte die harten Schnäbel der Vögel, die Samen fressen -- Fink;
den krummen Schnabel der Vögel, die Fleisch fressen -- Habicht; den
weiten Schnabel der Vögel, die Insekten im Fluge fangen -- Schwalbe;
den langen, schlanken Schnabel der Vögel, die unter dem Boden nach
Nahrung suchen -- Waldschnepfe.
Lektion 9.
Herbstwanderungen.
Sobald der Sommer vorbei ist, gibt es nicht mehr so viele Nahrung für
die Vögel, und einige fangen an, fortzuziehen. Diejenigen, welche von
Insekten leben, gehen zuerst. Der Kuckuck ist meist schon gegen Ende
Juli fort. Auch die Turmschwalben ziehen schon in den letzten Tagen des
Juli von Mitteldeutschland fort, und gegen Mitte September, wenn die
Rauch- und Hausschwalben nur noch wenige Fliegen, Mücken und Motten
finden, machen auch diese sich für ihre lange Reise fertig.
Durch scharfes Aufpassen könnt ihr unsere Schwalben gegen Mitte
September sich auf einem Kirchturm oder dem Dache einer Scheune
versammeln sehen; sie fliegen dann zusammen fort und lassen sich in
der Nacht auf Bäumen zur Ruhe nieder. Dies tun sie niemals im Sommer.
Da schlafen sie auf den Balken einer Scheune oder unter irgend einer
Dachtraufe und halten sich immer in der Nähe der Häuser. Auch ehe sie
im Herbst fortziehen, sammeln sie sich meist in der Nähe menschlicher
Wohnstätten, z. B. gern in langen Reihen auf Telegraphendrähten.
[Illustration: Wegzug der Schwalben.]
[Illustration: Hausschwalbe (unten); Rauchschwalbe, ein Junges fütternd.