Lotos den Anlaß, die neben den Kirschblüten und Chrysanthemen die
beliebtesten Blumen Japans sind und als Symbole der Reinheit, Tugend
und Nützlichkeit bewundert werden: der Reinheit, weil ihre zarten
weißen Blüten sich aus dem Schlamm der Pfützen und Moräste erheben, der
Tugend wegen ihres leichten balsamischen Geruches, der Nützlichkeit,
weil die Samenkörner, die sie enthalten, genießbar sind. Ueberall in
Japan, in den Wassergräben der alten Daimioschlösser, in Teichen und
Seen, an Kanälen und Flüssen entlang sind während des Monats August
diese schönen großen Blumen zu sehen. In Tokio ist der Schinobadzusee
des Uyenoparkes mit ihnen buchstäblich gefüllt, und dann pilgert
die ganze Stadt hinaus, um an den kleinen Inselchen und Brücken und
Theehäusern diese Blütenpracht zu bewundern. Noch schöner als der
Lotossee des Uyenoparkes erschien mir der kleine Teich hinter der
Pagode des Schibaparkes; umgeben von mächtigen Kryptomerien schlummert
er in deren tiefem Schatten; ein Inselchen mit einem winzigen Tempel
erhebt sich aus seiner Mitte, und die Wasserfläche ist so dicht mit
Lotosblüten bedeckt, daß man sie für einen großen Teppich halten könnte.
Aber der größte Kultus wird in Japan getrieben mit der letzten Blume
des Jahres, der Wappenblume des Kaiserhauses, dem Chrysanthemum. Seit
Jahrhunderten ist die Gilde der japanischen Gärtner, von Vater auf
Sohn, damit beschäftigt, diese Blume zu veredeln und durch allerhand
nur ihnen bekannte Mittel so vielfarbig und vielgestaltig wie nur
möglich zu ziehen. Große Vermögen werden in Chrysanthemum angelegt,
große Vermögen damit gewonnen. Die Gärtnergilde in Yokohama besitzt
an fünfhundert Gärten, zweihundert Morgen Landes umfassend, in denen
sechs- bis achthundert verschiedene Arten von Chrysanthemen gezogen
werden. Die Gilde in Tokio besitzt wohl eine noch größere Zahl von
Gärten in der Vorstadt Dangozaka, und die schönsten Blumen, die sie das
Jahr über zieht, werden gelegentlich des Chrysanthemumfestes in den
kaiserlichen Gärten vom Akasaka zur Schau gestellt. Schon diese Gärten
allein mit ihren ungeheuren Cedern und Kryptomerien, ihren lauschigen
Alleen, grünen Rasen, mit von Tempeln und Kiosken gekrönten Hügeln,
ihren Wasserflächen mit Inselchen und kurios geschwungenen Brücken
sind Wunderwerke der Japaner, die leider nur wenigen Auserlesenen
zu schauen beschieden sind. Staunend durchwanderte ich dieses Buen
Retiro der Kaiserin, das als passendsten und bezeichnendsten Namen
den Namen „Kaiserin Frühling” führt. Dem großen Park wird im November
durch die Kunst der japanischen Gärtner wahre Frühlingspracht gegeben,
und wem die Auszeichnung zu teil geworden, von der Kaiserin zu
dieser Gardenparty befohlen zu werden, der wird die schwärmerische
Leidenschaft der Japaner für die Kaiserblume, Kiku, begreiflich finden.
Nach Zehntausenden müssen die Chrysanthemen zählen, welche hier in der
wunderbarsten Farbenpracht erblühen; den besandeten Wegen entlang sind
leichte Flugdächer aus Bambusstangen errichtet, verhüllt durch violette
Gazevorhänge, auf welchen die weiße kaiserliche Chrysanthemumblüte
eingestickt ist. Unter jedem Flugdach sind verschiedene Arten von
Chrysanthemen ausgestellt, verschieden in Farbe, Größe, Form und
Gestaltung der Pflanze selbst. Manche Blüten sind größer als unsere
Teller, je eine auf einer Pflanze mit einem einzigen Stiel, andere mit
den zartesten ineinander gerollten Blättern haben das Aussehen großer
Schneeballen; wieder andere mit Hunderten von Blättern, die wie lange
Haare von den Blüten herabhängen, oder solche, die steif wie bei einer
Sonnenrose ringsum stehen. Besonders merkwürdig sind Pflanzen mit einem
ganzen Strauß von Blüten bedeckt, jede von einer anderen Farbe; das
größte Wunder der Gärtnerkunst aber sind einzelne Pflanzen, welche
auf demselben Stiel ein Dutzend Blüten jede von verschiedener Größe
und dabei verschiedener Farbe zeigen. Weiter im Innern des Gartens
sind große Flächen buchstäblich mit einem Teppich von Chrysanthemen
bedeckt, hier ein weißer, dort ein roter oder violetter Teppich, in
welchem jede einzelne Blume genau dieselbe Farbe zeigt, jede genau
so geöffnet ist wie die andere, so daß sie gleichzeitig welken und
vielleicht an demselben Tage verblühen. Mitten in diesen Beeten erheben
sich Riesenpflanzen, die auf ihren zwei Meter und noch längeren Stielen
bis zu sechshundert Blüten zeigen. An jeder Pflanze hängen kleine
Papierzettelchen mit dem Namen der betreffenden Art in japanischen
Lettern, Namen wie „der weiße Drache”, „goldener Tau”, „Fischers
Laterne”, „das Federnkleid”, oder auch „zehntausendmal mit Gold
bestreut” und dergleichen.
Um dieselbe Zeit, wie die kaiserliche Chrysanthemumparty finden
auch im ganzen weiten Reiche, hauptsächlich aber in Tokio selbst,
Festlichkeiten statt, für welche die Chrysanthemen die Veranlassung
sind. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, wandert dann hinaus
nach Dango Zaka, dem Quartier der Gärtner, dem Schauplatz der
fröhlichsten Hanami. Jeder einzelne Gärtner hat dort seine eigene
aus Bambusstäben errichtete Schaubude, in welcher er die schönsten
Produkte seiner Kunst gegen ein Eintrittsgeld von wenigen Pfennigen
zur Schau stellt. Aber hier sind es nicht so sehr die Blüten selbst,
als ihre eigentümliche Zusammenstellung zu Figuren und Landschaften,
welche die festlich gestimmten Japaner in hellen Scharen herbeilocken.
Die Buden sind dementsprechend in einen Zuschauerraum und eine Bühne
mit Kulissen eingeteilt, und auf den Bühnen stehen die seltsamsten
Chrysanthemumfiguren. Alle möglichen Sujets, aus der Geschichte des
Landes, der Mythologie und der Gegenwart, Landschaften, volkstümliche
Helden, berühmte Schauspieler in ihren Lieblingsrollen, Scenen
aus populären Theaterstücken, alles das wird für die Darstellung
gewählt, ein ungeheures Panoptikum, wie jenes von Madame Tussaud
in London oder Castan in Berlin, nur mit dem Unterschiede, daß
die Kleidungsstücke und Trachten ganz aus Chrysanthemumblüten
bestehen. Die Gesichter, Hände und Füße werden mit großer Treue und
Lebenswahrheit aus Wachs geformt, die Kleider aber, ebenso wie die
einzelnen Landschaftsbilder, ob sie nun Felsen, Berge, Wasserfälle,
Tempel darstellen, bestehen ausschließlich aus Chrysanthemumblüten
und -blättern, so kunstvoll aneinander gebunden, daß sie sogar die
glatte Oberfläche der Stoffe nachbilden, und dabei sind diese Blüten
nicht etwa von ihren Stielen abgeschnitten, sondern lebende Blumen,
mit ihren Stielen und Wurzeln. Wer beispielsweise die mit Stickereien
bedeckten Kimonos oder die Rüstung eines altjapanischen Kriegers
betrachtet, hält das für unmöglich. Besucht man aber Dango Zaka am
Morgen, so hat man zuweilen in dieser oder jener Bude Gelegenheit,
das Erneuern welker Blumen zu beobachten. Dazu müssen kleine Partien
von Blumen losgebunden werden, und dann sieht man, daß diese Figuren
aus einem Bambusgestell bestehen, hinter welchem die Pflanzen selbst
verborgen sind, die Wurzel sorgfältig in feuchte Erde verpackt, mit
den für die Darstellung erforderlichen Blüten oder Blättern zwischen
den Bambusplatten hervorgezogen und kunstvoll mit- und ineinander
verflochten. Des Morgens und Abends werden die Pflanzen mit Wasser
besprengt und erhalten sich, durch das Mattendach der Schaubude gegen
die Sonnenstrahlen geschützt, einen ganzen Monat lang, als ständen sie
in einem Garten.
Dem leichtlebigen japanischen Völkchen gilt das Chrysanthemumfest wie
ein Abschied von der schönen warmen Jahreszeit, es ist das letzte der
Blumenfeste, und schon deshalb nimmt jede Familie, jeder Einzelne bis
zum geringsten Bettler daran teil. Sind die Chrysanthemen verblüht,
dann erhält die Landschaft nur noch durch die vom Spätherbst rot und
gelb gefärbten Ahornblätter Abwechselung, und während die Japaner diese
bewundern, zählen sie auch schon die Wochen, die sie von dem nächsten
Kirschblütenfest trennen.
[Illustration: Postläufer.]
Formosa.
[Illustration: Schiffbrücke über den Handafluß.]
Mit der Insel Formosa haben die Japaner eine selbständige chinesische
Provinz von über vierunddreißigtausend Quatratkilometern Größe und etwa
dreieinhalb Millionen Einwohnern gewonnen, ein Gebiet, auf das sie
zur Erfüllung ihrer handelspolitischen Pläne längst ein Auge geworfen
hatten und dessen Besitz sie in Zukunft noch unabhängiger von dem
europäischen Handel und noch gefährlicher für den letzteren machen
wird als bisher. Den Chinesen dagegen war das Opfer, das sie brachten,
kein besonders großes, denn der Wert Formosas war für sie bisher
recht problematisch, und früher oder später hätten sie diese kleinste
ihrer Provinzen doch an die eine oder die andere Macht verloren.
Bei einem Länderbesitz von mehr als elf Millionen Quadratkilometern
bildete Formosa nur den dreihundertsten Teil des chinesischen Reiches,
und selbst davon war nur eine Hälfte im Laufe der letzten Jahrhunderte
unterworfen worden. Die östliche Hälfte Formosas wird heute noch
von den der Hauptsache nach malayischen Urbewohnern eingenommen,
welche die Chinesen trotz fortwährender Kämpfe doch noch nicht zu
bezwingen im stande waren und wohl nie mit Waffen hätten bezwingen
können. Dies wird den Japanern überlassen bleiben. Auch diese werden
sich die Zähne an den wilden, tapferen Stämmen ausbeißen, die in den
Gebirgen und Urwäldern des östlichen Formosa hausen. Die Insel kam
überhaupt erst vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten in den Besitz der
Chinesen. Die ersten Besitzer waren die Portugiesen, die hier eine
Handelsniederlassung gründeten und der Insel ihren wohlverdienten
Namen, Formosa, die Schöne, gaben. Wie die meisten Besitzungen der
Portugiesen, fiel auch diese bald in andere Hände. 1643 setzten sich
die Holländer hier fest und erbauten, nahe der Nordspitze, bei Tamsui,
ein Fort, das zum Teil noch heute steht und eine Zeitlang in seinen
Mauern die Residenz des englischen Konsuls beherbergte. 1661 ließen
die Chinesen die Fremdlinge durch ihren berüchtigten Piratenchef
Koksuiga vertreiben, gewiß zum Nachteil dieses herrlichen Eilandes,
das im Besitz einer europäischen Macht sich längst zu einer blühenden
Kolonie entwickelt haben würde. Bis zum französisch-chinesischen
Kriege von 1884 bildete Formosa einen Teil der benachbarten Provinz
Fokien; damals wurde der Chinesengeneral Liu-Ming-Chuan mit einer
Armee von vierzigtausend Mann nach Formosa gesandt, um die Franzosen
daraus zu vertreiben, und wahrscheinlich zur Belohnung für die vielen
Niederlagen, die er bis zum Friedensschlusse dort erlitt, wurde er zum
ersten Generalgouverneur der neugeschaffenen Inselprovinz ernannt und
konnte die Summen, die bis dahin von dem Gouverneur von Fokien vom
Volke erpreßt wurden, nunmehr selbst einstreichen. Vor 1885 war nämlich
der Gouverneur von Fokien gleichzeitig Fu, d. h. Präfekt, von Formosa,
mit der Verpflichtung, die Insel alle drei Jahre zu besuchen. Dem Laufe
der Dinge gemäß mußten bei diesen Besuchen die Unterbeamten der Insel
dem Präfekten Geschenke in Geld und Waren machen, und die Mandarine
kehrten von ihren Ausflügen nach Formosa gewöhnlich mit wohlgefüllten
Geldsäcken zurück.
Liu-Ming-Chuan war übrigens ein vortrefflicher Gouverneur, ein kleiner
Li-Hung-Tschang des Südens, und die Japaner, welche die Insel nun
übernahmen, haben ihm sehr viel zu danken, sogar eine Eisenbahn, die
zweite, die innerhalb des Bereiches des Drachenbanners überhaupt
gebaut wurde. Unter seiner Regierung machten auch die wilden Stämme
lange nicht so viel zu schaffen wie früher. Liu wußte sehr wohl, daß
es den Chinesen nicht gegeben sei, Völkerschaften mit den Waffen in
der Hand zu unterdrücken; deshalb setzte er sich mit den feindlichen
Häuptlingen ins Einvernehmen, und nach dem alten Lehrsatz, daß kleine
Geschenke die Freundschaft erhalten, ließ er den Häuptlingen Tücher,
Decken, Pfeifen, Messer, Waffen u. dergl. verabfolgen, Dinge, welche
die Häuptlinge gewissermaßen als Tribut betrachteten. Jedenfalls
verhinderten sie aus Dankbarkeit dafür die bisherigen Raubzüge ihrer
Stämme nach der von den Chinesen besiedelten Westhälfte der Insel,
bei denen sie stets ganze Dörfer und Städte zu plündern pflegten.
Aber das altherkömmliche Vergnügen, das die Formosaner darin finden,
den Chinesen die Köpfe abzuschlagen, konnten die Häuptlinge nicht
unterdrücken. Wie die berüchtigten Dajaken von Borneo, so sind auch die
Formosaner auf Menschenköpfe passioniert. Bei manchen Stämmen darf kein
junger Mann heiraten, ohne vorher mindestens den Kopf eines Chinesen
dem Häuptling überbracht zu haben. Das Köpfen erfolgt aber nicht etwa
in offenem Kampfe. Die jungen Leute lauern reisenden Chinesen auf,
überfallen sie von rückwärts, und sobald sie die Köpfe vom Rumpfe
getrennt haben, laufen sie mit diesen blutigen Trophäen ihren Lagern
zu. Dort wird zunächst ein Kriegstanz ausgeführt, währenddessen der
glückliche Bräutigam seine Braut in Empfang nimmt, um sie nach seiner
aus Baumrinde gebauten Hütte zu führen. Dort wird die Braut von allen
Squaws des Stammes besucht. Ob die Formosaner auf die Köpfe der
Japaner ebensolchen Appetit haben werden wie auf jene der Chinesen,
wird die Folge zeigen. Jedenfalls werden sie auf ihre eigenen Köpfe
etwas mehr achten müssen als bisher. Zwischen Japanern und Formosanern
herrscht entschieden größere Rassenverwandtschaft als zwischen den
letzteren und den Chinesen. Wie die Japaner, so bedecken auch die
wilden Formosaner ihre Körper mit Tättowierungen, eine Verrichtung,
die den Weibern obliegt. Manche Krieger zeigen auf ihrer Haut ihre
ganze Lebensgeschichte. Auch die Weiber werden vor ihrer Vermählung
tättowiert, und am Vermählungstage müssen sie sich außerdem ihre
Augenzähne ausziehen lassen. Ein eigentümlicher Gebrauch der Formosaner
ist der, ihre Toten an derselben Stelle zu beerdigen, auf der sie
gestorben sind, und ist dies in ihrem eigenen Hause geschehen, so
werden sie unter dem Fußboden desselben eingescharrt. Kriegern werden
außer Lebensmitteln auch ihre Waffen mit ins Grab gelegt.
Die Bedürfnisse der wilden, der Mehrzahl nach großen und kräftigen
Formosaner sind sehr gering; ihre Bekleidung ist ebenso spärlich
wie die der Malayen, und ihre Nahrung gewinnen sie durch Jagd und
Fischfang. Sie sind also keine nennenswerten Abnehmer für europäische
oder japanische Waren, aber dafür birgt ihre Heimat so große
Naturschätze, daß die Japaner dennoch sehr bald in Beziehungen zu ihnen
werden treten müssen. Ohne blutige Kämpfe wird dies nicht abgehen, denn
die leichtfüßigen Formosaner leben nur in den schwer durchdringlichen
Urwäldern und dem zerklüfteten Hochgebirge, dessen Gipfel die Höhe
von dreitausend Metern erreichen. Dort liegen große Kohlen-, Eisen-,
Kupfer- und Goldlager, die bei regelrechter Ausbeutung reichen Ertrag
liefern würden, und die Urwälder bestehen hauptsächlich aus großen
Kampferbäumen, auf die es die Japaner hauptsächlich abgesehen haben.
Von Wichtigkeit für den russischen und amerikanischen Markt ist auch
das Vorhandensein von Petroleum in Formosa. Rußland besaß bisher eine
Petroleumeinfuhr in China im Umfange von jährlich zehn Millionen
Gallonen, Amerika eine solche von vierzig Millionen Gallonen; Japan
dagegen bezahlte bisher jährlich zwischen drei und vier Millionen
Yen für Petroleum an die genannten beiden Länder. Sollten sich die
Petroleumlager auf Formosa in der That als so ergiebig erweisen,
wie man glaubt, so dürfte dies der Einfuhr vom Auslande her einen
empfindlichen Schlag versetzen.
Während die mineralischen Schätze Formosas noch größtenteils brach
liegen, haben die von den benachbarten Provinzen des chinesischen
Festlandes eingewanderten Chinesen mit gewohntem Fleiß die ungemein
fruchtbaren Ebenen des westlichen Formosa in ausgedehnte Thee-, Reis-
und Zuckerpflanzungen verwandelt. 1887 gelang es dem Vizekönig Liu,
einige Stämme der wilden Formosaner zur Unterwerfung zu bringen.
Wenigstens fand ich in der Pekinger Zeitung vom 26. Juni 1887 einen
langen Bericht, in dem Liu die Vollendung einer Straße in westöstlicher
Richtung quer durch Formosa von Chang-hua nach Shui-wei meldete.
Dadurch konnten chinesische Truppen bis an die Ostküste vordringen und
neunundachtzig Ortschaften mit einundzwanzigtausend Einwohnern der
chinesischen Verwaltung einverleiben. In einem späteren Bericht meldet
Liu die Unterwerfung von weiteren Distrikten an der Ostküste mit gegen
sechzigtausend Einwohnern. Dieselben nahmen chinesische Ortsvorsteher
und Präfekten sowie den chinesischen Kalender an, ja heute tragen sie
chinesische Kleidung und Haartracht mit langen Zöpfen; sie haben Jagd
und Fischfang aufgegeben und sind friedliche Ackerbauer geworden.
Dadurch wurden Hunderttausende von Morgen des fruchtbarsten Landes der
Kultur gewonnen. Die zahlreichen Mischlinge zwischen den Eingeborenen
und Chinesen, Pepos genannt, nähern sich im Charakter mehr den Chinesen
und sind ebenfalls fleißige, intelligente Pflanzer. In ihrer langsamen
Weise und trotz aller Unehrlichkeit der Beamten haben die Chinesen im
ganzen genommen während der zweihundert Jahre, die sie wirklich auf
Formosa waren, jedenfalls mehr zuwege gebracht als die Spanier auf den
Philippinen in dreihundert Jahren.
Früher bildete Reis den wichtigsten Exportartikel von Formosa; allein
durch die Unterwerfung so großer Massen von Eingeborenen, die früher
von Jagd und Fischfang lebten, durch die große Zuwanderung und die
starken aus China nach Formosa gesandten Truppenkörper stieg der
Reisbedarf der Insel derart, daß der Export vollständig aufgehört
hat. An seine Stelle tritt als wichtiger Ausfuhrartikel im Norden
Thee, im Süden Zucker. Der Formosathee (Oolang) wird hauptsächlich
nach Amerika ausgeführt und kommt nach Europa nur in ganz geringen
Mengen, vermischt mit chinesischem Thee. Zucker wurde früher nach
Europa und Australien ausgeführt. Durch das Fallen der Zuckerpreise
hier lohnte sich der Export nicht mehr, und der größte Teil des
Formosazuckers geht jetzt nach Japan und dem chinesischen Festlande.
Man sieht also, welche Wichtigkeit die Landesprodukte Formosas für
Japan besitzen, das dafür wieder mit den europäischen Staaten in Bezug
auf die Einfuhr wetteifert. Dieselben Artikel, die es mit so vielem
Erfolg auf den chinesischen Markt wirft, führt es auch in Formosa ein,
und da die Insel nunmehr ganz in den Besitz Japans übergegangen ist,
wird es mit der Einfuhr europäischer Waren in Formosa, die in den
letzten Jahren durchschnittlich einen Wert von fünfzehn bis zwanzig
Millionen Mark erreichte, nun ganz zu Ende sein. Ein großer Teil des
Warenverkehrs zwischen Formosa, China und Japan erfolgte bisher auf
deutschen Schiffen; auch diese dürften in Zukunft durch japanische
ersetzt werden. Bisher hatte die japanische Nipon Yusen Kaisha, eine
der größten Dampfergesellschaften der Welt, wohl regelmäßige Linien
nach den benachbarten Lutschuinseln und den chinesischen Häfen Amoy
und Futschau, die Formosa gegenüberliegen, aber nicht nach dieser
Insel selbst. Einen Monat nach dem Friedensschluß schon wurde von
der Yusen Kaisha beschlossen, nunmehr auch regelmäßig Dampfer nach
Formosa laufen zu lassen. Geht diese Ausbreitung des japanischen
Dampferverkehrs so weiter fort, so werden noch eine Anzahl anderer
deutscher Dampfer, hauptsächlich die sogenannten Tramp Steamers, in
Ostasien ihren Verkehr einstellen müssen. Die Japaner unterhalten
heute schon regelmäßige Dampferverbindung unter japanischer Flagge
mit Korea, China, den Philippinen, Indien, Java, Australien und sogar
der Südsee. Eine der ersten Thaten der Japaner auf Formosa wird es
auch sein, die Seidenzucht einzuführen, was den Chinesen bisher trotz
mehrfacher Versuche nicht glückte. Heute schon ist Japan neben China
das wichtigste Seidenland und erreicht bei einer Seidenausfuhr im Werte
von jährlich sechzig Millionen Yen beinahe die Ausfuhr von Frankreich
und Italien. Formosa wird die Produktion der Rohseide noch weiter
vermehren, japanische Fabriken werden sie verarbeiten; und bei den
alle Konkurrenz unmöglich machenden billigen Löhnen wird die Ausfuhr
der Seidenstoffe aus Japan, die heute etwa siebzehn Millionen Yen
erreicht, sehr bald zu ungeahnter Höhe steigen. Deutschland ist daran
mit Frankreich und Italien lebhaft interessiert, denn wir besitzen
eine jährliche Ausfuhr von Seidenwaren im Werte von hundertundsechzig
Millionen Mark. Diese ostasiatische Konkurrenz wird in den kommenden
Jahrzehnten eine Existenzfrage für Millionen werden.
Durch die Abtretung der Insel Formosa an Japan ist auch die
Kampfererzeugung sozusagen ein Monopol der Japaner geworden, denn
dieser in der Arzneikunde sowohl wie in manchen Industrien so ungemein
wichtige Artikel wird nur auf den südlichen Inseln des Mikadoreiches
und auf der Insel Formosa gewonnen. Wohl habe ich auch auf den
Sundainseln, in Siam, Malakka, Andalusien und Westindien Kampferbäume
angetroffen, aber Wälder und Pflanzungen dieser höchst wertvollen Bäume
haben nur die japanischen Inselgruppen bis zum fünfunddreißigsten
Breitengrad aufzuweisen, und die zivilisierte Welt wurde von diesen
mit dem Bedarf an Kampfer versorgt. Bisher wurde die größte Menge des
rohen Kampfers nach Europa (hauptsächlich nach London und Hamburg)
sowie Nordamerika verschifft und dort in eigenen Raffinerien für
den Gebrauch zubereitet. Von Formosa kamen sehr bedeutende Mengen
zunächst in Hongkong auf den Markt, und durch diese wurde der Preis
des japanischen rohen Kampfers innerhalb gewisser niedriger Grenzen
gehalten. Dadurch aber, daß Formosa nunmehr an Japan gefallen ist,
beherrschen die Japaner nicht nur den ganzen Markt, sondern sie dürften
auch die Ausfuhr des Rohkampfers mit hohen Zöllen belegen, um dadurch
die einheimischen Kampferraffinerien zu heben.
Die Japaner werden auch gewiß die beiden bisherigen Haupthäfen
Formosas, Tamsui und Tainan, aufgeben und einen dritten Hafen, Kelung,
an ihrer Stelle wählen. Tamsui und Tainan sind dem europäischen Handel
seit 1858 geöffnet gewesen, es sind dort eine Anzahl europäischer,
darunter auch deutsche, Firmen etabliert; dieselben haben Godowns und
Hongs (Geschäfts- und Warenhäuser) mit großen Kosten aufgeführt und
mit vieljähriger Mühe endlich den Handel auf eine gewinnbringende
Grundlage gebracht. Damit dürfte es bald ein Ende haben; die Europäer
werden ausziehen und den Japanern Platz machen müssen. Nicht etwa, daß
sie durch Gewalt vertrieben würden, die Japaner werden sie einfach,
figürlich gesprochen, aushungern. Die beiden Häfen Tamsui und Tainan
sind nämlich den Dampfern nicht zugänglich; diese müssen weit außerhalb
auf offener Reede liegen bleiben, und während des Südwestmonsuns, der
hier sehr stark bläst, von den hier sehr häufigen Taifuns gar nicht
zu sprechen, kommt es oft genug vor, daß die Schiffe, ohne Ladung
zu löschen, nach den Pescadores oder gar nach Amoy oder Futschau
weiterdampfen müssen. In Kelung, das nur etwa dreißig Kilometer östlich
von Tamsui an der Nordostspitze von Formosa liegt, ist die Wassertiefe
bis dicht an die Werften selbst für große Kriegsdampfer hinreichend,
und überdies ist der Hafen durch eine vorliegende Insel gegen Stürme
geschützt. Außerdem liegen dicht bei Kelung die großen Kohlenlager, die
bisher Südchina, vor allem Futschau, mit Kohlen versahen. Kelung ist
also unzweifelhaft der zukünftige Haupthafen Formosas, während Tamsui
und Tainan nur den chinesischen Dschunkenverkehr, wenigstens zum Teil,
behalten dürften.