Tamsui sowohl wie Tainan sind nicht etwa kompakte Ortschaften wie

andere chinesische Hafenstädte. Beide sind nur Sammelnamen für

mehrere Ortschaften. Etwa fünfzehn Kilometer südlich des mit Tamsui

bezeichneten Küstenplatzes an der Nordspitze Formosas liegt nämlich an

dem Taipeifluß die gleichnamige Hauptstadt der Insel. Tamsui besitzt

nur das Zollamt, einige Warenhäuser und ein altes holländisches

Fort mit einigen offiziellen Gebäuden. Die europäischen Kaufleute

wohnen größtenteils in Tuatutiah, einige Kilometer stromaufwärts in

der Nähe von Taipei gelegen; und noch weiter stromaufwärts liegt

die Chinesenstadt Banka, an der Grenze des großen Reisdistrikts von

Formosa. Taipei ist eine Schöpfung des Generalgouverneurs Liu; er ließ

die Stadt ganz nach amerikanischem Muster, schachbrettförmig, mit

breiten Straßen anlegen, eine Straße nach Tuatutiah bauen, die Stadt

elektrisch beleuchten und baute sich aus dem Erlös der Bauplätze seiner

Städtegründung einen herrlichen Yamen (offiziellen Palast); selbst

japanische Jinrikshaws führte er in Taipei ein.

Ebenso wie Tamsui besteht Tainan, der südliche Hafen, aus drei

Ortschaften. Tainan oder Taiwan-fu ist eine von Cantonesen gegründete

Chinesenstadt, etwa sechs Kilometer von der Küste entfernt gelegen

und durch einen für Dschunken passierbaren Kanal mit dem eigentlichen

Hafen von Tainan, Anping, verbunden. Wenn auf den Landkarten Takao,

etwa fünfundvierzig Kilometer weiter südlich gelegen, als europäischer

Haupthafen angegeben steht, so ist dies unrichtig. In früheren Jahren

war allerdings Takao der Hauptlandungsplatz der Schiffe, allein er

ist, wie gesagt, fünfundvierzig Kilometer von der Stadt Taiwan-fu

entfernt und nur durch einen elenden Karrenweg mit ihr verbunden.

Außerdem war das Klima den europäischen Kaufleuten nicht zuträglich,

trotz der herrlichen Vegetation Takaos und des hinter ihr gelegenen

Ape-hill (Affenberg). Die Kaufleute und mit ihnen der Handels- und

Schiffahrtsverkehr haben sich deshalb nach Anping gezogen, das auch der

Sitz der Konsulate, darunter des kaiserlich deutschen Vizekonsulats,

geworden ist. Statt Takao sollte deshalb auf den Landkarten Anping

als Haupthafen verzeichnet werden. Ebenso müßte statt Taiwan auf

den Landkarten Tainan oder Taiwan-fu stehen, denn Taiwan ist eine

ganz andere Ortschaft, im Herzen der Insel gelegen und von Liu zur

Hauptstadt derselben bestimmt. Daß die Schiffe in den Häfen nicht

anlaufen können, sondern kilometerweit außerhalb der Schlamm- und

Sandbänke im Meere ankern müssen, kommt ja nicht nur in Formosa,

sondern in anderen Häfen Ostasiens vor. Aber nirgends ist die

Brandung, besonders bei Südmonsun, so heftig wie hier, wo die Wellen

der chinesischen Südsee mit voller Gewalt anprallen. Deshalb ist bei

Monsun die Ladung nicht einmal in kleinen Booten möglich und kann nur

mittels Catamarans erfolgen. Diese sind Flöße, bestehend aus zwölf etwa

sieben Meter langen Bambusrohren, in deren Mitte eine Art Badewanne

festgebunden ist. In diese müssen sich die Passagiere setzen, und

so werden sie von den Wellen ans Land getragen, nicht ohne jedesmal

gehörig durchnäßt zu werden. Aehnlich geht die Landung der Waren vor

sich, und es ist deshalb begreiflich, daß die Japaner Kelung als

Haupthafen vorziehen werden.

Die Japaner werden auch binnen kurzer Zeit die von den Chinesen längst

projektierte Eisenbahn vollenden, welche die Insel von Nord nach Süd

durchziehend, Kelung und Tamsui mit Anping verbinden soll und von der

bisher nur etwa dreißig englische Meilen in Betrieb standen.

Der unternehmende Liu betraute 1887 europäische Ingenieure mit der

Ausarbeitung der Linie, übertrug aber die Ausführung chinesischen

Truppen. Der zwischen Tamsui und Kelung gelegene Höhenzug sollte

mittels eines Tunnels durchbrochen werden, dem chinesischen General

wollte indessen das schwarze Loch nicht recht einleuchten, und so gab

er den Befehl, die Bergkette mitten durchzuschneiden. Nach jahrelanger,

unsinniger Arbeit wurde dieses Projekt als unausführbar aufgegeben und

der Tunnel doch ausgeführt. Aber die Chinesen scheuten sich, durch

diese dunkle Höhle zu fahren, und monatelang nach der Eröffnung der

Eisenbahn zwischen Tamsui und Kelung blieben die Züge diesseits des

Tunnels stehen, und die Passagiere überkletterten mühsam den Höhenzug,

während die Züge leer durch den Tunnel rasselten. Erst allmählich

gewöhnten sich die Chinesen an die Durchfahrt.

Die Briefpost wird durchweg von Läufern besorgt, und die Gebühren für

einen fünfzehn Gramm schweren Brief betragen beispielsweise zwischen

Anping und Tamsui zweihundertfünfzig Cash, etwa fünfzig Pfennige. Diese

in Formosa zur Verwendung gelangenden Cash sind die schlechtesten

von ganz China, vielfach durchlöchert und großenteils aus Eisen

hergestellt. Banken giebt es auf Formosa nicht, und da es sich bei der

großen Ein- und Ausfuhr doch häufig um beträchtliche Summen handelt,

werden von den chinesischen Hongs (Geschäftshäusern) gewöhnlich fünfzig

mexikanische Silberdollars oder japanische Yen in eine Rolle gethan,

und die Papierhülle wird mit dem Hongstempel versehen. Sind diese

Hongs achtbar und angesehen, so wandern die Silberrollen ungeöffnet

von Hand zu Hand, bis sie auseinanderfallen. Dann kommt gewöhnlich

die sonderbarste Münzensammlung zum Vorschein. Falsche Münzen werden

von den Hongs, welche die Rollen ausgegeben haben, sofort gegen echte

umgewechselt.

Die japanische Verwaltung hat natürlich versucht, Ordnung in diese

Verhältnisse zu bringen, zum Segen des Landes und seiner Einwohner;

allein bisher ist dies den Japanern nicht gelungen. Die Eingeborenen

setzen den neuen Herren den heftigsten Widerstand entgegen, und es ist

gar keine Aussicht vorhanden, die Insel in absehbarer Zeit dem Frieden

zuzuführen.

Japan als Industriestaat.

Von beachtenswerter Seite ist vor kurzem die Ansicht ausgesprochen

worden, Japan werde sich kaum jemals zu einem Industriestaate

entwickeln, sondern für immer vorzugsweise ein Ackerbaustaat und

deshalb auch ein bedeutender Abnehmer fremder Industrieerzeugnisse

bleiben. Auf welcher Grundlage diese Bemerkungen fußen, ist schwer zu

erkennen, es sei denn, daß man die Verhältnisse in dem alten Japan,

wie es vor 1870 war, als Maßstab angenommen hat. Damals war Japan

allerdings ein Ackerbaustaat; aber man braucht nur die verschiedenen

Zweige der nationalen Thätigkeit durchzusehen, um zu erkennen, daß sich

in den letzten drei Jahrzehnten eine ganz entschiedene Umwandelung

des ostasiatischen Inselreiches aus einem Ackerbaustaat in einen

Industriestaat vollzogen hat. Mit jedem Jahre tritt diese Umwandelung

kräftiger hervor, und setzt man einige Haupterzeugnisse Japans, wie

Thee, Seide und Reis, beiseite, so wird man in Zukunft mit Japan als

mit einem geradezu ausschließlichen Industriestaate zu rechnen haben,

dessen mächtiger Einfluß auf die Ausfuhr Europas nach Ostasien und die

Küstenländer des Stillen Ozeans sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar

machen wird.

Dank der Anregung und Unterstützung durch die japanische Regierung,

dank der Vermehrung der Bevölkerung in Japan um 25 Prozent innerhalb

zweier Jahrzehnte, dank dem allgemeinen Erwachen und Anspannen der

nationalen Thätigkeit, hat natürlicherweise auch der Ackerbau sehr

bedeutende Fortschritte aufzuweisen, die hauptsächlich der Verbesserung

der Bodenbewirtschaftung und der größeren Sorgfalt zuzuschreiben sind;

denn die bebaute Bodenfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht

in dem gleichen Verhältnis vergrößert. Während beispielsweise die

Reisländereien seit fünfzehn Jahren nur um 8½ Prozent zugenommen

haben, beträgt die Zunahme der Reiserzeugung das Dreifache, nämlich

25½ Prozent. Die Getreideländereien haben um 20 Prozent, die

Getreideerzeugung aber um 58 Prozent zugenommen. Die Zunahme von Thee

und Seide ist noch beträchtlicher, denn sie betrug innerhalb der

letzten fünfzehn Jahre bei Thee etwa 240 Prozent, bei der Seide sogar

300 Prozent. Zu diesen Stapelartikeln des japanischen Ackerbaues ist

durch die Einverleibung Formosas in das japanische Reich auch noch

Kampfer und vor allem Zucker gekommen. Bisher war Japan in Bezug auf

Zucker hauptsächlich auf die Einfuhr vom Auslande angewiesen, und sein

Bedarf an diesem für die deutsche Ausfuhr bekanntlich äußerst wichtigen

Artikel steigerte sich von 28 Millionen Kilogramm im Jahre 1872 auf das

Fünffache, nämlich gegen 150 Millionen Kilogramm im Jahre 1898, für die

es an das Ausland etwa 58 Millionen Mark bezahlte. Die eigene Erzeugung

war 1894 schon auf nahezu 50 Millionen Kilogramm gestiegen, und die

Verhältnisse für die weitere Vermehrung der Zuckerplantagen im

japanischen Reiche liegen so günstig, daß es mit der Einfuhr von Zucker

vom Auslande her voraussichtlich bald ein Ende haben wird.

[Illustration: Das Einsetzen der jungen Reispflanzen.]

Die genannten Agrikulturzweige waren in Japan schon bei der Eröffnung

des Landes für den ausländischen Handel vorhanden und haben nur eine

Steigerung erfahren. Die heutige Industrie von Japan ist aber seither

in weitaus den meisten Zweigen vollständig neu geschaffen worden, und

der Wohlstand, die Zukunft und Stellung Japans in Bezug auf Ostasien

liegt nunmehr hauptsächlich in seiner industriellen Weiterentwickelung.

Alle Bedingungen sind dafür vorhanden: Kohle, Eisen, Kupfer, Gold,

Silber, Wasserkraft, Transportmittel zu Lande und zu Wasser und endlich

große Absatzgebiete in unmittelbarer Nähe. Dazu kommen die Förderung

und Unterstützung der Regierung, die äußerst wohlfeilen Arbeitskräfte,

die ein Drittel bis ein Fünftel der europäischen Löhne beziehen, und

endlich die Gewißheit, daß seit der Einführung der neuen Verträge mit

den europäischen Mächten die heimischen Industrien durch Erhöhung der

Einfuhrzölle noch weiter beschützt und entwickelt werden können.

Die industrielle Entwickelung Japans steht in der Geschichte geradezu

beispiellos da und wird in ihrem Umfange und in ihren Gefahren für den

europäischen Markt in Ostasien immer noch nicht hinreichend gewürdigt.

In den ersten Industriestaaten der Welt stellt sich das Verhältnis der

Ausfuhr an Industrieerzeugnissen in Bezug auf die Gesamtausfuhr wie

folgt:

Von der gesamten Ausfuhr sind Fabrikate in England 82 Prozent, in der

Schweiz 75 Prozent, in Deutschland 65,9 Prozent, in Frankreich 55,6

Prozent, in Belgien 37,4 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 27,2 Prozent,

in Schweden 16,4 Prozent, in Amerika 9 Prozent.

In Japan, wo es vor dreißig Jahren überhaupt keine nennenswerte Ausfuhr

an Fabrikaten gab, beträgt diese heute schon 38 Prozent, und Japan

steht somit in der obigen Liste an der fünften Stelle und übertrifft

sogar bereits Belgien. In den letzten fünf Jahren ist die Ausfuhr von

Fabrikaten aus Japan um nahezu das Dreifache gestiegen, während die

Ausfuhr von Rohmaterial ziemlich stationär geblieben ist. 1872 belief

sich der Wert der japanischen Warenausfuhr auf kaum einige Millionen

Mark, 1899 auf etwa 180 Millionen Mark. Die hauptsächlichsten Abnehmer

der japanischen Fabrikate sind naturgemäß die asiatischen Länder, wohin

die Ausfuhr innerhalb zweier Jahrzehnte um 650 Prozent gestiegen ist

und heute einen Wert von 150 Millionen Mark besitzt. Australien hat

bis 1880 von Japan beinahe gar keine Fabrikate bezogen, heute besitzen

diese einen Wert von über 5 Millionen Mark jährlich.

Es ist von großem Interesse, die Entwickelung der einzelnen

Industriezweige in Japan näher zu betrachten. Diese Entwickelung steht

naturgemäß mit der Beschaffung billigen Brennmaterials, d. h. mit der

Ausbeutung der reichen Steinkohlengruben in innigem Zusammenhang, die

Japan zunächst auf der Insel Kiushiu besitzt. Im Jahre 1886 wurden

schon 2 Millionen Tonnen Steinkohlen gewonnen, 1897 6 Millionen,

die Produktion hat sich somit in einem Jahrzehnt verdreifacht. Der

Preis der Kohle hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Jetzt macht

japanische Kohle der englischen bereits in Vorderindien, in Bombay,

Konkurrenz. 1898 hat der Wert der Steinkohlenausfuhr 39 Millionen Mark

betragen. Im Inlande selbst hat sich der Bedarf der Fabriken an Kohle

in demselben Zeitraum verzehnfacht.

Der zweitwichtigste Rohstoff, nämlich Roheisen, wurde 1862 noch in ganz

unbedeutenden Mengen eingeführt, nämlich 33000 Kilogramm; im Jahre 1880

betrug diese Einfuhr 6 Millionen Kilogramm, 1891 14 Millionen, 1894

sogar 40 Millionen Kilogramm, die Zunahme seit 1872 ist demnach 12000

Prozent. Der Bedarf Japans an europäischem Roheisen im Werte von 16

Millionen Mark (1894) war natürlich für die europäischen Ausfuhrländer

nutzbringend. Nun giebt es aber in Japan große Eisenlager, und binnen

kurzem wird dieses Rohmaterial an Ort und Stelle gewonnen werden.

Der Preis des in Japan eingeführten Roheisens stellt sich auf etwa

62 Yen pro Tonne, im Lande selbst kann es aber nach einer genauen

Schätzung für 15 bis 20 Yen pro Tonne erzeugt werden. Im Marinearsenal

von Yokosuka bei Yokohama wird schon seit mehreren Jahren mittels

ganz neuer Methoden vorzüglicher Stahl gewonnen, und das Aufhören der

Einfuhr von Roheisen in Japan ist fortan nur eine Frage der Zeit. 1898

wurde Roheisen nur mehr im Wert von 10 Millionen Mark eingeführt,

darunter zum Nachteile der europäischen Produzenten auch schon

chinesisches Roheisen.

Die japanischen Erzlager werden auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. In

neuester Zeit baute die Regierung in Bamstamura mit einem Kostenaufwand

von 18 Millionen Mark ein großartiges Eisen- und Stahlwerk mit 2

Hochöfen und 200 Koksöfen und einer jährlichen Leistungsfähigkeit von

90000 Tonnen fertiger Ware.

In Bezug auf die Fabriken veröffentlicht der Ostasiatische Lloyd

folgende bemerkenswerte Statistik:

Im Jahre 1883 gab es in Japan deren überhaupt nur 84 mit im ganzen

etwa 1700 Pferdestärken. Im Jahre 1893 gab es bereits 1163 Fabriken

mit etwa 35000 Pferdestärken, wovon 31165 durch Dampf- und 4142

durch Wasserkraft erzeugt werden. In einem Jahrzehnt hat demnach die

Dampfkraft um 2226 Prozent, die Wasserkraft 2134 Prozent zugenommen.

Dabei ist die letztere noch in ihrer Kindheit. Hunderte von

Wasserläufen können in Japan der Industrie nutzbar gemacht werden, so

daß die Erzeugungskosten noch weitere Verminderungen erfahren werden,

gewiß in größerem Verhältnis, als die Arbeitslöhne steigen. In den

Baumwollspinnereien haben die Löhne seit 1899 eine Steigerung von 37

Prozent erfahren und betrugen 1898 für männliche Arbeiter 47 Pfennig,

für die weiblichen 28 Pfennig den Tag. In anderen Gewerben betragen die

Löhne heute wie folgt:

Tagelöhner erhalten für den Tag 75 Pfennig, Träger 1 Mark 40 Pfennig

bis 1 Mark 50 Pfennig, Tischler 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20

Pfennig, Dachdecker 1 Mark 20 Pfennig, Tapezierer 1 Mark 10 Pfennig bis

1 Mark 20 Pfennig, Mattenweber 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig.

Auch Elektrizität wird seit etwa fünf Jahren immer mehr als Triebkraft

angewendet, und seit 1890 wurden in Japan Elektromotoren im Werte

von 5 Millionen Mark eingeführt. Mit der Zeit werden jedoch auch

diese im Lande selbst fertiggestellt werden, ebenso wie heute schon

die Telegraphen- und Telephonapparate. In Osaka wird eben an einer

elektrischen Anlage gearbeitet, für die Wasserkräfte von 15000

Pferdestärken zur Verfügung stehen. Die ganze Triebkraft in den

Fabriken Osakas beläuft sich nach dem letzten Konsularbericht über die

dortigen Industrien auf 25000 Pferdestärken, und die Eigentümer der

elektrischen Anlagen berechnen die Ersparnis, die durch die Anwendung

von Elektrizität an Stelle der Dampfkraft erzielt würde, auf eine

Million Yen jährlich.

Osaka ist auch der hauptsächlichste Sitz der japanischen

Baumwollspinnerei, also jener Industrie, die von allen wohl die größten

Fortschritte gemacht hat. Die ersten Anfänge datieren aus dem Jahre

1871, als der Fürst von Satsuma, Schimadzu, einige Spinnmaschinen

einführte. Die Revolution unterbrach die Entwickelung, und erst 1880

griff die Regierung die Sache wieder auf, indem sie fünf Spinnereien

errichtete. Das Beispiel fand im Volke bald Nachahmung, denn schon

im Jahre 1886 gab es in Japan 65000 Spindeln, 1891 war deren Zahl

auf 354000, 1894 auf 664000 angewachsen, 1896 betrug sie über 800000

und 1899 eine und eine viertel Million. Die Produktion von Geweben

verschiedener Art betrug 1883 etwa 2⅓ Millionen Meter, 1891 schon

etwa 45 Millionen Meter und 1895 etwa 65 Millionen Meter. Der

Bedarf an roher Baumwolle hat sich innerhalb eines Jahrzehntes

verfünfundzwanzigfacht. 1885 wurde in Japan Rohbaumwolle im Werte von

über 3 Millionen Mark eingeführt, im Jahre 1898 war diese Einfuhr

auf 93 Millionen Mark gestiegen. Die Einfuhr von Baumwollgarnen

von Europa erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1888, nämlich mit 31

Millionen Kilogramm, fast ausschließlich aus England. 1894, also sechs

Jahre später, war diese Einfuhr auf 10 Millionen Kilogramm gesunken,

und seinerseits exportierte Japan schon im vergangenen Jahre etwa

2½ Millionen Kilogramm nach China. Japan hat sich also in Bezug auf

Baumwollgarne und Stoffe von Europa bereits unabhängig gemacht. Die

Folgen davon sind deutlich zu spüren; in Lancashire arbeiteten 1895

gegen 100 Spinnereien mit Verlust, während jene von Japan 16 bis 25

Prozent Dividende abwarfen. Am empfindlichsten war die Entwickelung

der japanischen Spinnereien für Indien. Im Jahre 1880 wurden von dort

4500 Ballen Baumwollgarne nach Japan eingeführt, 1897 nur mehr 750, und

seither ist die Ausfuhr noch weiter gefallen.

Einen ähnlichen Aufschwung hat die Seidenfabrikation und die

Seidenindustrie genommen, obschon die japanische Rohseide an Güte

sich nicht entfernt mit der chinesischen Seide messen kann. Im Jahre

1889 betrug die Produktion 3½ Millionen Kilogramm, wovon 2¾ Millionen

Kilogramm im Werte von über 100 Millionen Mark ausgeführt wurden; 1894

betrug die Erzeugung über 10 Millionen Kilogramm, die Ausfuhr aber

6¼ Millionen Kilogramm im Werte von 170 Millionen Mark. Das betrifft

nur die Rohseide. Aber auch Seidenstoffe werden in ungeheuren Mengen

ausgeführt, namentlich aus der Provinz Fukui, wo es im Jahre 1890 nur

2200 Webstühle mit 3000 Arbeitern gab. Im Jahre 1894 gab es schon

12500 Webstühle mit 12000 Arbeitern, hauptsächlich Mädchen, die als

Arbeitslohn für das Stück Seide 50 Yen erhalten und den Monat 5 bis 10

Stück weben können. Die Ausfuhr von Seidenstoffen besaß 1885 einen Wert

von 216000 Mark, im Jahre 1898 jedoch 35 Millionen Mark.

Die Teppichindustrie in Sakai, einer kleinen Stadt in der Nähe

von Osaka, beschäftigt über 16000 Arbeiter. Im Jahre 1890 wurden

aus Japan 27000 Teppiche ausgeführt, 1898 bereits 800000, und

heute haben die japanischen Teppiche sogar in England einen ganz

bedeutenden Markt, weniger wegen ihrer Qualität, als wegen ihrer

hübschen, den orientalischen Teppichen nachgemachten Muster und ihrer

großen Wohlfeilheit, ein Drittel bis ein Viertel des Preises der

orientalischen Teppiche.

Eine interessante Statistik betrifft den Aufschwung einer ganzen Anzahl

anderer Industrien, von denen die meisten vor einem Jahrzehnt überhaupt

gar nicht bestanden haben. So z. B. betrug der Wert der Gesamtausfuhr

in Mark im Jahre 1889 140 Millionen, im Jahre 1899 428 Millionen. In

Bezug auf die Waren gestaltete sich die Ausfuhr folgendermaßen:

1897 1898 1899

in Millionen Yen

Seide 55,6 42,0 62,6

Rohseide in Stücken 9,5 12,0 15,8

Seidengewebe 9,4 3,5 3,5

Baumwollengespinst 13,5 20,1 28,5

Baumwollenerzeugnisse -- 2,6 3,9

Reis 6,1 6,0 10,3

Thee 7,9 8,6 8,5

Kohle 11,6 15,2 15,1

Kupfer 5,6 7,3 11,4

Kamfer -- 1,2 1,8

Streichhölzchen 5,6 6,3 5,9

Matten 3,3 3,9 3,7

Porzellan -- 2,0 2,2

Zu den großgewerblichen Erzeugnissen, durch deren Herstellung die

emsigen Japaner den Absatz der europäischen gleichartigen Erzeugnisse

immer mehr beeinträchtigen, ist nunmehr auch noch das Bier getreten.

Die bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, die der Nihon-Bakuscha-Kaischa

(zu deutsch: Japanische Biergesellschaft) stand vor etwa sechs Jahren

am Rande des Zusammenbruchs; im Jahre 1895 aber verkaufte sie bereits

7515 Koku (etwa 13500 Hektoliter) Bier, und ihre Aktien stiegen

daraufhin von 40 auf 80 Yen, beziehungsweise von 12½ auf 34 Yen. Nicht

viel schlechter entwickeln sich die andern Bierbrauereien Japans,

woraus der Rückgang der Ausfuhr deutscher Biere nach Englisch- und

Holländisch-Indien, nach Japan, China, den Philippinen, kurz nach

Ostasien, in der Zeit von 1891 bis 1895 von 96000 Hektoliter auf 81000

Hektoliter sich leicht erklärt.

Das Merkwürdigste in dem Aufschwung der japanischen Industrie ist

die Mannigfaltigkeit der Produkte. Mit Ausnahme einer beschränkten

Anzahl ganz spezieller Artikel, vornehmlich was die Chemie betrifft,

wird heute in Japan alles erdenkliche hergestellt, und wenn auch

die Qualität sehr viel zu wünschen übrig läßt, so werfen doch alle

Industriezweige ansehnlichen Verdienst ab. Bedeutende Ausfuhrartikel

sind z. B. Streichhölzer, Papiertapeten (Imitation von gepreßtem

Leder), künstliche Blumen, Laternen, Vorhänge aus Glasperlen,

Schildkrotartikel geworden. Japan hat heute drei große Flanellfabriken,

für welche die Wolle aus Australien importiert wird. Die Fabrik in

Osaka besitzt 250 Webemaschinen und 2000 Spindeln, aus Deutschland und

England bezogen; in Osaka befinden sich ferner Fabriken von Wand- und

Taschenuhren, Zahnbürsten, Unterwäsche aus Papier, Zuckerraffinerien,

Papiermühlen, Druckereien und Schriftgießereien, im ganzen 2600

industrielle Etablissements mit 16000 männlichen und 20000 weiblichen

Arbeitern. Im Maschinenbau sind ebenfalls großartige Fortschritte zu

verzeichnen: die Japaner bauen bereits Lokomotiven, Eisenbahnwaggons,

ja sogar ihre großen Panzerschiffe. Von 19 in den letzten 5 Jahren

angeschafften Kriegsschiffen wurden nicht weniger als 12 auf

japanischen Werften erbaut.

Mit dieser großartigen Entwickelung der Industrie hält auch jene des

Transportwesens gleichen Schritt; die eine läßt sich ohne die andere

nicht denken. Die Eisenbahnen haben innerhalb 27 Jahren um 12250

Prozent zugenommen, der Tonnengehalt der japanischen Dampfer hat in 24

Jahren um 1380 Prozent zugenommen. 1898 besaß Japan bereits 970 Dampfer

mit 273000 Tonnengehalt, dazu 714 Segelschiffe mit 45000 Tonnengehalt.

Schiffe japanischer Bauart besaß es 17000.

Diese ungeahnte und beispiellose industrielle Entwickelung Japans

ist naturgemäß auch auf die Inlandsverhältnisse nicht ohne Einfluß

geblieben. In jeder Hinsicht ist eine Steigerung der Preise

eingetreten; Luxusartikel, wie z. B. Seide, sind im Preise um 30 bis 40

Prozent gestiegen, und ein japanisches Blatt veröffentlichte kürzlich

eine Liste von 22 Artikeln, deren Kaufpreis in den zwei letzten Jahren

um 24 Prozent gestiegen ist. Darunter befinden sich gerade die zum

Lebensunterhalt wichtigsten Artikel, wie z. B. Reis, Gerste, Salz,

Zucker, Brennmaterial, Metallartikel, Baumwollwaren.

Für eine weitere Reihe von Jahren wird sich die japanische Industrie

in demselben Maße wie bisher wohl noch weiter entwickeln, aber mit der

Zeit wird auf dem ostasiatischen Markte selbst Japan ein wichtiger und

gefährlicher Konkurrent entstehen, nämlich China.

Freilich dürften darüber noch viele Jahrzehnte vergehen, und in

diesen wird Japan aus dem chinesischen Handel von allen beteiligten

Staaten den allergrößten Nutzen ziehen, denn es liegt an der Pforte zu

dem chinesischen Reiche und kennt die Verhältnisse, Eigenheiten und

Bedürfnisse des chinesischen Volkes wie kein anderes Industrieland.

Die europäischen Mächte holen den Japanern während jeder Expedition,

an denen sie beteiligt sind, einfach die Kastanien aus dem Feuer. Aber

daran ist nichts zu ändern.

[Illustration: Eisenbahn-Gepäckzettel für Yokohama.]

Dschiudschutsu.

Dschiudschutsu ist ein japanisches Wort, das gewiß nur den

allerwenigsten bekannt sein dürfte. Selbst Leuten, die jahrelang

in Japan gelebt haben, wird es kaum jemals zu Ohren gekommen sein.

Es steht in keinem mir bekannten Buche über Japan, und die einzige

Abhandlung, die ich darüber gesehen habe, befindet sich in den

Transactions of the Asiatic Society. Sie hat Kano Dschigoro, einen der

größten Lehrer des Dschiudschutsu, zum Verfasser.

Aber das fremdartige unbekannte Wort wird gewiß mit der Zeit auch in

Europa immer geläufiger werden, denn Dschiudschutsu ist der Schlüssel

zum japanischen Volkscharakter in seinen Beziehungen zum Ausland, es

ist das Geheimnis der Erfolge des fernen Inselreiches.

Dschiudschutsu heißt etwa: +durch Nachgeben siegen+.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 69 / 71 段