Eine Plage in Nikko sind die unzähligen Mücken und großen schwarzen

Käfer, die durch das elektrische Licht (oh heiliger Iyeyasu!)

angezogen, die Zimmer und Säle des Hotels erfüllen. Um sie zu

verscheuchen, zündet man auf der Windseite des Hotels am Abend große

Holzfeuer an und wirft feuchtes Laub darüber, so daß die Atmosphäre

zuweilen mit erstickendem Rauch geschwängert ist. Mücken und Käfer

kommen deshalb durch die Hinterthüren ins Hotel.

Am nächsten Morgen war mein erster Gang hinüber zu dem von ungeheuren

Kryptomerien gebildeten Hain, in welchem sich die Grabtempel Iyeyasus

befinden. Zwei Brücken überspannen den wasserreichen, rauschenden

Dayagawa. Die eine aus rotlackierten Balken ist gesperrt und wird

nur geöffnet, wenn der Mikado in eigener Person zu den Grabtempeln

pilgert, die andere ist für gewöhnliche Sterbliche bestimmt. Eine

Kryptomerienallee führt jenseits des Dayagawa zu dem Tempelplateau

empor. Einen schöneren Ort hätte sich Iyeyasu für seine ewige Ruhe

nicht aussuchen können; eine wahre Schweizerlandschaft breitet

sich hier auf beiden Ufern des Dayagawa aus, mit mächtigen, kühn

emporstrebenden Bergen, ausgedehnten buschigen Wäldern, grünen Matten

und rieselnden Bächen; zwischen den ungeheuren Baumstämmen der

Kryptomerien hindurch gewahrte ich den oberen Teil des Thales mit dem

idyllischen Dörfchen Irimatschi und ein paar europäischen Neubauten,

unter denen das Nikkohotel der größte ist; näher der Tempelstraße

erhebt sich inmitten eines großen Gartens ein kaiserliches Schloß,

das im Sommer vom japanischen Kronprinzen bewohnt zu sein pflegt, und

nicht weit davon prangt eine fünfstöckige Pagode aus rotlackiertem

Holz zwischen dem Grün der Bäume. Weiter aufwärts liegen ein paar

anspruchslose Gebäude für die Priester, und jenseits derselben breitet

sich die mit Mauern umgebene Tempelanlage aus.

Die Gebäude, Thore, Tempelhallen, Opferpagoden und Heiligenschreine,

die hier in mehreren Höfen vor dem eigentlichen Grabtempel liegen,

sind keineswegs durch besondere Größe oder Höhe ausgezeichnet, und man

würde fehlgehen, in Nikko, wie in Japan überhaupt, irgend etwas zu

erwarten, das sich mit unseren Kirchen oder mit den Tempeln der Araber,

Perser, Indier vergleichen ließe. Weder in Bezug auf Architektur, noch

nach Masse, Schönheit der Formen, Größe oder Baumaterial haben sie

auch nur die entfernteste Aehnlichkeit mit diesen, ja sie sind eher

das gerade Gegenteil. Klein, gedrückt, niedrig, durchweg aus Holz

gebaut, sind sie im Verhältnis ebenso unschön wie die japanischen

Wohnhäuser, so daß sie, von außen besehen, jeden fremdländischen

Besucher enttäuschen. In Nikko ist diese Enttäuschung um so größer, als

die Japaner hier recht eigentümliche Mittel anwenden, um die Tempel

gegen Feuersgefahr und den Einfluß der Witterung zu schützen. Rings um

die einzelnen Bauten sind ungeheure Drahtnetze gezogen, ähnlich wie

unsere Hausfrauen Drahtglocken über die Butter stülpen, um sie vor

den Fliegen zu bewahren. Manche Tempel sind mit einer verwitterten

Bretterhülle umgeben, so daß sie, von außen betrachtet, sich ganz wie

unsere Dorfscheunen zeigen. Man hat also gar keine Gelegenheit, den Bau

und seine Architektur als Ganzes zu sehen; erst wenn man die wenigen

Treppen zu den die Tempel rings umgebenden Veranden emporgestiegen ist

und zwischen der Bretterhülle und den Außenwänden der Tempelbauten

selbst näher schreitet, gewahrt man etwas davon, und dann wirkt nur die

sorgfältige Zusammenfügung des Holzrahmens, der schöne rote, weiße oder

Goldlack, mit dem er überzogen ist, nicht aber der Tempel als solcher.

Die hauptsächlichste Sorgfalt, die größte Kunst und den

verschwenderischsten Reichtum der Ausschmückung verwenden die

Japaner auf die gedrückten, inneren Räumlichkeiten, und wären sie

nicht so finster, so hätte man Gelegenheit, seine Herrlichkeiten

zu bewundern, die mit den größten Kunstschätzen des Abendlandes

den Vergleich aushalten. Sie mit Worten zu schildern, vermag wohl

kaum eine Feder, und ebensowenig kann es dem Pinsel des Malers

gelingen. Wenn an irgend etwas, so erinnern die inneren Tempelräume

mit ihren entzückenden Vergoldungen, Schnitzereien und Malereien

an unsere byzantinischen Bauten, an die Kapellen im Markusdom von

Venedig, oder die königliche Kapelle in Palermo, und fast möchte

man der japanischen Ausschmückung den Vorzug geben. Vor der großen

Revolution war diese in den Grabtempeln des Iyeyasu noch reicher;

als aber der einfache Shintokultus an Stelle des prunkvollen

Buddhismus wieder zur Staatsreligion erhoben wurde, entfernte man

all die kostbaren Kleinigkeiten, Weihegeschenke, Götzenbilder und

den malerischen Ausstellungsapparat der Buddhisten, so daß in diesen

Tempeln nur mehr die Ausschmückung der Wände und Decken, sowie die

entzückenden Thore bewundert werden können, welche die Tempelhöfe

miteinander verbinden. Das köstlichste dieser Thore ist wohl das

in weißem Lack und Goldzieraten prangende Jo-mei-mon mit seinen

wunderbaren Deckenschnitzereien. Hier, wie auch in zahlreichen anderen

Figuren zeigen die Japaner, welch hohe Kunst sie auch als Bildhauer

erreicht haben. Hinter dem Tempel, welcher den stets verschlossenen

Heiligenschrein Iyeyasus birgt, erhebt sich im Freien, mitten im

Grün, das Grabdenkmal des Helden, eine auf einem festen Steinsockel

ruhende Bronzeurne, die seine sterblichen Ueberreste enthält. Dem

europäischen Besucher gewährt das in einem Nebengebäude befindliche

Museum mit den Tempelschätzen größeres Interesse, denn hier sind

die kostbarsten Meisterwerke der japanischen Kunst zur Besichtigung

aufgelegt, dazu auch die Kleider, Waffen, Rüstungen des Iyeyasu und

allerhand Gegenstände, deren er sich bedient hat, alle mit dem aus

drei gegeneinander gerichteten Blättern bestehenden Tokugawawappen

geschmückt. Einige Wochen vorher war ich über den einsamen Bergpaß

auf dem Wege nach Hakone an der Stelle vorbeigekommen, wo Iyeyasu

von Feinden angefallen worden und ihnen nur wie durch ein Wunder

entgangen war. Jetzt sah ich hier die Sänfte, in der er sich bei dieser

Gelegenheit befunden hatte, mit dem Loch, das der Pfeil in die Wand

gebohrt; wäre er einen Zoll tiefer geflogen, diese Nikkotempel wären

niemals erbaut worden. Die Oeffnung des Museums für das allgemeine

Publikum ist übrigens dem Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand

von Oesterreich-Este zu danken. Bis dahin waren die Tempelschätze

unzugänglich; sie wurden nur ihm zu Ehren ausgestellt, und seither

bilden sie das Hauptziel der europäischen Touristen.

Wie in allen größeren Shintotempeln, so befindet sich auch hier in

einem Hofe eine offene Tanzbühne, auf welcher eine Priesterin die

heiligen Tänze ausführt. In einen weißen Talar und roten Unterrock

(das Zeichen der Jungfräulichkeit) gekleidet, in der einen Hand einen

Fächer, in der anderen einen Schellenstab haltend, macht sie mit ihren

nackten Füßen einige Schritte nach der einen, einige Schritte nach der

anderen Seite, bewegt die Arme und Hände, fächelt sich, macht einige

Verbeugungen und kauert sich dann wieder auf ihre Fersen nieder. Das

ist der ganze Tanz, aber trotz seiner Einfachheit ist er nicht ohne

Wirkung, wozu die Erscheinung der Tänzerin, ihre Kleidung und ihr

schneeweiß gepudertes Gesicht mit abrasierten Augenbrauen das Ihrige

beitragen.

In der Nähe der Iyeyasutempel befinden sich auch die sehr sehenswerten

Grabtempel des Enkels und zweiten Nachfolgers Iyeyasus im Schogunat,

des Schoguns Iyemitsu, der noch die ganze Pracht der buddhistischen

Tempeleinrichtungen zeigt. Auch hierher wallfahrten die Japaner und

bringen den Priestern ihre Gaben dar, indem sie vor jedem Gebet

einige kleine Münzen auf den Boden des Tempels werfen. In ganz Japan

bekommt man die kleinste Münze, den Rin, von dem etwa fünf auf einen

deutschen Pfennig gehen, im Handel und Verkehr fast nirgends zu sehen;

dafür bestehen die Tempelgaben der Mehrzahl nach aus solchen Rin, die

augenscheinlich für diese Zwecke eigens aufbewahrt werden.

Weiter aufwärts im Flußthale des Dayagawa giebt es keine Tempel und

keine Ortschaften mehr bis zu dem etwa sechs Wegstunden inmitten

der zentralen Bergketten gelegenen See von Tschuzendschi. Ein an

wildromantischen Reizen reicher Weg führt den rauschenden Dayagawa

entlang zu diesem etwa vierzehnhundert Meter über dem Meere gelegenen

Bergsee, über den sich der kahle, mächtige Scheitel des Nantai-San

erhebt. Auf dem schmalen Landstreifen zwischen Berg und Seeufer liegt

das urjapanische Dörfchen Tschuzendschi, fast ausnahmslos aus Hotels

und Theehäusern bestehend, die halb in den See hineingebaut sind und

auf Pfählen offene Veranden tragen. Kleine, ewig lächelnde Nesans

sorgen hier für die Wünsche der Reisenden; der prächtige Lachs wird für

die Mahlzeiten frisch aus dem See gefangen, der Reis ist von blendender

Weiße, und wer sich an die leichten japanischen Papierhotels gewöhnt

hat, kann hier ein paar reizvolle Wochen verleben; nur darf er nicht

in den ersten Augusttagen kommen wie wir, denn dann drängen sich in

das kleine Oertchen Zehntausende von Pilgern; dem Seeufer entlang,

auf heiligem Boden, der durch ein mächtiges Steintorii bezeichnet

wird, liegen langgestreckte, einstöckige Pilgerkasernen, und in diesen

war jedes Plätzchen von den weißgekleideten Pilgern belegt, die am

nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang die Besteigung des heiligen

Berges Nantai-San unternehmen wollten. Ein Gitterthor versperrt den

breiten Treppenweg, der zu dem nahezu dreitausend Meter hohen Gipfel

führt, und wer die Besteigung ausführen will, muß den Priestern, die

um den nahe dem Thore gelegenen Shintotempel hausen, einen Viertel

Yen bezahlen. Aber ich hatte kurz zuvor die Besteigung des höchsten

Berges von Ostasien, des Fudschiyama, ausgeführt, und der Nantai-San,

ein Zwerg gegenüber diesem Bergriesen, reizte mich nicht weiter. Dafür

wanderte ich den stillen, romantischen See entlang, an den einsamen

Sommerhäusern des deutschen und des englischen Gesandten vorüber,

nach dem kleinen Badeorte Yumoto, wo unter Flugdächern an der Straße

Scharen von Männern und Frauen jeden Alters zusammen badeten. Woran

man sich in dem Bergdistrikt von Nikko nicht sattsehen kann, ist die

wunderbare Natur, die in solcher Großartigkeit in ganz Ostasien nicht

wiederzufinden ist. Nur gehört gutes Wetter dazu, und das ist leider

den Sommer über in Nikko selten. Es regnet hier gerade so häufig und so

viel wie in Salzburg.

[Illustration: Das Innere des Grabtempels des Shoguns Iyemitsu in

Nikko.]

Japanische Blumenfeste.

Im Reiche der aufgehenden Sonne hat sich in den letzten Jahren sehr

viel geändert, manche Sitten und Gebräuche sind der modernen Kultur,

der sich die Japaner ergeben haben, leider zum Opfer gefallen, aber

viele nationale Züge und Eigenarten haben sich dennoch bis auf den

heutigen Tag erhalten und werden auch noch für lange Jahre hinaus

erhalten bleiben.

Dem Reisenden in dem herrlichen Inselreiche des Stillen Ozeans wird

es nicht schwer, diese Züge herauszufinden, denn sie bieten sich

ihm sozusagen auf Schritt und Tritt dar. In erster Linie möchte ich

die Liebe der Japaner zur Natur und zu deren schönstem Schmuck, den

Blumen, nennen. Nirgends wird dem Blumenkultus größere Liebe, größeres

Verständnis, größere Kunst entgegengebracht. Vom Kaiserpaare herab

bis zum letzten Bettler huldigt alles den Blumen, Männer wie Frauen,

Greise wie Kinder hegen und pflegen sie mit der größten Zärtlichkeit.

Wohin ich auf meinen Reisen auch gelangte, überall fand ich die

Wohnungen mit Blumen geschmückt. Im kaiserlichen Palast von Tokio fand

ich sie in kostbaren Vasen prangen, in den Holz- und Papierhütten der

Feldarbeiter in Bambusgefäßen als einzigen Schmuck der ärmlichen Räume;

blieb ich in einem japanischen Hotel länger als einen Tag, dann wurden

jeden Morgen von zarten Mädchenhänden die Blumen in meinem papierenen

Zimmer gewechselt; die halbnackten Kuli, welche mich in ihren leichten

Handwägelchen, den Rickshaws, durch das Land zogen, steckten sich eine

Blume hinters Ohr; in den Straßen der Städte wandern Blumenverkäufer,

die schöne Last in Körben auf eine Bambusstange gehängt, umher, und

kein Bettler ist zu arm, um nicht für einige Rin (Zehntelpfennigstücke)

eine Blume zu erwerben.

Aber noch mehr: der Kalender der Japaner setzt sich auch heute noch aus

Blumenfesten zusammen; statt die Monate und Jahreszeiten mit unseren

Namen zu bezeichnen, geben die Japaner ihnen den Namen ihrer Blumen.

Mit Blumennamen nennen sie auch ihre Töchter, und diese, wie alle Damen

Japans überhaupt, kleiden sich je nach der Blume, welche zu gewissen

Jahreszeiten in ihren Gärten vorherrscht. Zur Zeit der Kirschblüte

tragen sie Kimonos (schlafrockartige Oberkleider), auf welche

Kirschblüten eingestickt sind; sind diese verblüht, dann kommen in der

Natur, wie auf den Toiletten Azaleen an die Reihe, und so fort, bis

der November die herrlichste Blume Japans, die Chrysanthemum, bringt.

Ja sogar der Wandschmuck der Wohnräume richtet sich nach den Blumen.

Die Japaner pflegen auf die kahlen nackten Papierwände ihrer Wohnungen

Kakemonos zu hängen, lange mit Blumen und anderen Sujets bemalte

Papierstreifen; blühen die Glycinen oder Päonien oder der Lotos, dann

werden auch in den Häusern Kakemonos mit solchen Blumen aufgehängt und

vor diese Vasen mit frischen Blüten gestellt.

Wir Europäer sind gewiß ebenfalls den Blumen hold, und viele von uns

pflanzen und pflegen sie mit derselben Liebe wie die Japaner; aber in

Bezug auf ihre Zusammenstellung sind wir im Vergleich zu ihnen noch

weit zurück, und nur die deutschen Blumenzüchter befleißigen sich

ähnlicher Sorgfalt. Wie plump und sinnlos sind die Sträuße, welche auf

dem allwöchentlichen Blumenmarkte rings um die Madeleinekirche in Paris

feilgeboten werden! Dutzende von Rosen derselben Farbe werden dort

eng aneinander gequetscht, und das Ganze wird in einer großen weißen

Papiertüte steckend feilgeboten. Ein derartiges Unding würde in Japan

Entsetzen erregen. Dort wird auch die geschnittene Blume einzeln und

für sich behandelt, als säße sie noch auf der Pflanze im Garten. Der

Japaner legt nicht so viel Wert auf den Geruch und die Farbe der Blume

selbst, wie auf die Form, das künstlerische Zusammenwirken von Blume,

Stengel und Blättern. Sind die letzteren auch wenig schön, so heben

sie doch durch ihre Zusammenstellung die Schönheit der ersteren. Die

zarte Kunst der Behandlung von Blumen, ob lebender oder geschnittener,

gehört in Japan mit zu den schönsten Künsten, und die Erziehung einer

Japanerin wird als unvollständig betrachtet, wenn sie nicht einen Kurs

in der Blumenkunst durchgemacht hat.

Bei dieser Vorliebe, ja ich möchte sagen Leidenschaft der Japaner

für ihre herrliche Flora ist es nicht zu verwundern, daß die Blumen

die wichtigsten Sujets sind, welche in den japanischen Malereien und

Skulpturen, bei der Ausschmückung von Bronzen und Porzellanen zur

Verwendung kommen, ja daß sie vom japanischen Adel als Wappenbilder

gewählt werden.

Und wie bei jedem einzelnen Japaner, so äußert sich die Liebe zu

den Blumen im ganzen Lande durch zahlreiche, allgemein gefeierte

Blumenfeste. Wie es bei uns ein Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest

giebt, so giebt es in Japan ein Kirschblüten-, Azaleen- und

Chrysanthemumfest. Selbst zur Neujahrszeit werden die Häuser in

Ermangelung von Blumen mit Immergrün, Tannen und Bambus geschmückt.

Kommt aber der Frühling, dann bringen die wärmeren Sonnenstrahlen die

zarten Knöspchen der Kirschbäume zur Blüte, und das ganze Inselreich

ist bald in das herrlichste Rosenrot gehüllt, als wären Massen kleiner,

von der Sonne durchleuchteter Wölkchen vom Himmel herabgeflogen, um

für einige Wochen zwischen den Baumkronen der Gärten zu verweilen. Wer

jemals das Glück gehabt hat, den unbeschreiblich üppigen Blütenschmuck

der Kirschbäume in Japan zu sehen, der wird die Begeisterung der

Japaner gerade für diese Blüte wohl begreifen und es natürlich finden,

daß sie die Kirschbäume nur ihrer Blüten wegen pflanzen, denn die

japanische Kirsche ist ungenießbar. Nach der unwirtlichen kalten

Jahreszeit wirkt der rosenrote Schnee, in den sich die Bäume hüllen, um

so stärker. Die Kirschblüte, und nicht, wie es im Abendlande allgemein

geglaubt wird, die Chrysanthemumblüte ist die Lieblingsblume der

Japaner.

Schon vor der vollen Entfaltung der Blüten wird in den Tagesblättern

Japans über das Fortschreiten derselben berichtet. Depeschen aus allen

Teilen des Landes verkünden die Freudenbotschaften, daß hier oder dort

die Bäume bereits in Blüte stehen, und unter den Stadtneuigkeiten kann

man lesen, daß Prinz Sandscho oder der Premierminister Graf Ito sich

für drei Tage nach Nara oder Kioto begeben haben, um die blühenden

Kirschbäume zu bewundern.

Endlich prangen auch die Kirschbäume in der Hauptstadt selbst in ihrem

unglaublich reichen Blütenschmuck. Wer in der ersten Aprilhälfte die

Kirschhaine des Uyénoparks oder von Mukodschima an den Ufern des

Sumidagawa durchwandert, der sieht dort die riesigen Bäume, hoch wie

alte Eichen, mit Blüten vollständig bedeckt, ohne daß noch ein einziges

grünes Blatt erschienen wäre; nicht kleine leichte Blütchen, sondern

rosenrote, blattreiche, doppelte Blumen, so groß wie Centifolien. Auf

jedem Ast, jedem Zweiglein sitzen sie dicht aneinander gedrängt, kaum

daß die größeren Aeste sichtbar sind; und dahinter erheben sich die

dunkelgrünen mächtigen Kryptomerien, diese schönsten Nadelholzbäume des

Orients. Die Blüten hauchen einen zarten Duft aus, fremdartige Vögel

singen und trillern in den dichten rosenroten Kronen, die sich in den

stillen Lotosteichen wiederspiegeln.

Dann kommt der Kirschblütensonntag, ein Nationalfest der Japaner,

dieses Phäakenvölkchens. Ueber Nacht sind in den weiten Avenuen, ebenso

wie in den Seitenwegen und entlang den schmalen lauschigen Waldpfaden

Hunderte und Aberhunderte von leichten Buden entstanden, in denen

kleine putzige Japaner und Japanerinnen allen möglichen Flittertand

verkaufen. Jede dritte Bude ist ein Theehaus, in welchem Reiswein

feilgeboten wird, und Tausende von Familien mit Kind und Kegel, alle

in seidene Festgewänder gehüllt, lustwandeln in dem rosenroten Wald,

bleiben hier und dort vor irgend einem besonders prächtigen Baume

stehen, um ihn mit Kennerblick zu bewundern oder möglicherweise

Gedichte, seine Pracht verherrlichend, an den Stamm zu heften. Jeder

Besitzer eines Gartens hat um diese Zeit sein Kirschblütenfest und

versendet große mit Kirschblüten gezierte Einladungskarten an seine

Freunde; sogar der Hof ladet die Gesellschaft und das diplomatische

Korps zu einer Gardenparty ein, welche in den weiten in üppiger Pracht

stehenden Palastgründen des Hama Rikiu abgehalten wird.

Wer aber das japanische Volksleben in seiner ganzen Eigenart kennen

lernen will, der muß nach Mukodschima im Südosten von Tokio gehen.

Dort wurden, als noch das Schogunat (Vizekaisertum) der mächtigen

Tokugawafamilie in voller Blüte war, Kirschbäume gepflanzt, die heute

ungeheure Dimensionen erreicht haben, so daß in den weiten Alleen

ihre Zweige sich verschlingen und einen rosenroten Dom bilden. Dort

vor allem ist der Schauplatz der Hanami, d. h. Familienpicknicks,

auf welche sich die Kinder das ganze Jahr über freuen. Schon lange

vorher werden von verschiedenen Familien gemeinschaftliche Ausflüge

vereinbart. Zu Fuß, in Booten oder in langen Reihen von Rickshaws

treffen sie ein, jede Gruppe durch ein gemeinschaftliches Zeichen

erkenntlich; die einen tragen buntfarbige Tücher um den Kopf gewunden,

die anderen gleiche Halstücher, die dritten irgend einen bunten Fleck

auf ihren Kimonos. Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, alle in ihren

buntesten Schlafröcken, durch ebenso bunte Papierschirme gegen die

Sonne geschützt, ebenso bunte Fächer schwenkend; auf jedem Boote

ausgelassene Fröhlichkeit, Gesang, Gelächter, Trommelschlag und

Samisengezupfe; ein Karneval im blühenden Frühling!

Die Mädchen spielen heitere Gesellschaftsspiele, Männer tanzen wie

Satyre, Poeten sagen ihre den Bäumen gewidmeten Oden her, Seiltänzer,

Akrobaten, Märchenerzähler, Wettringer unterhalten das Volk. Dazu

die eigentümlichen langen Gewänder, die fremdartige Landschaft, so

daß man sich ein paar tausend Jahre zurück versetzt denken könnte,

mitten in irgend eine Saturnalie des Petronius. Mit dem Einbruch

der Dämmerung erscheinen Tausende und Abertausende von buntfarbigen

Papierlampions in den Bäumen, auf den Booten im Flusse, rings um die

zahlreichen Sakeläden und Theehäuser. Damit ist die Zeit für das

Abendbrot gekommen. Im Kreise sitzen die Familien und Gesellschaften

beisammen, handhaben lachend, scherzend ihre Eßstäbchen, trinken

dazu aus winzig kleinen Porzellanschalen Sake und lassen sich mit

Samisen und Gesang unterhalten. Schöne Maiko- und Gaishamädchen in den

herrlichsten Gewändern, die Gesichtchen bemalt, das rabenschwarze Haar

unter einem Wald von Schmetterlingsnadeln verborgen, tanzen und führen

kleine Szenen auf. Am fröhlichsten wird das Treiben, wenn irgend ein

plötzlicher Windstoß durch die Bäume fährt, die Blüten entblättert und

sie wie rosenroten Schnee auf die ganze Gesellschaft herabfallen läßt.

Nur zu bald geht es mit der Kirschblütenherrlichkeit zu Ende, aber

an ihre Stelle treten, noch während sie auf den Bäumen prangt, die

Azaleen und nur wenige Tage später die Päonien, nicht wie wir sie

kennen, sondern wie sie in solcher Größe, Menge und Pracht nur Ostasien

besitzt. Ich habe in Japan mannshohe Azaleen- und Päonienbäume

gesehen mit Tausenden von Blüten, ja in dem Klostergarten von Hia

Hungtien an der Ostgrenze von Deutsch-China bewunderte ich einen

Azaleenbaum, dessen Stamm einen halben Meter Durchmesser besaß und

dessen haushohe Krone an zwanzigtausend Blüten beherbergen mochte. Die

Päonien, in Japan Botan genannt, zeigen sich Anfang Mai in wunderbarer

Farbenpracht. Auf sie folgen im Juni die herrlichen, die Teiche und

Wassergräben mit einem lila Teppich bedeckenden Iris; wie die Tulpen in

Holland, so prangen die Iris hier auf weiten Feldern, mehrere Morgen

einnehmend; kommen einige Tage später die Glycinen, auf Japanisch

Fudschi genannt, zur Blüte, dann ist in manchen Gebieten lila die

hervorragende Farbe in der Landschaft. Den Wänden der Landhäuser

entlang, an Palästen und Hütten, auf Theehäusern und künstlich

errichteten Lauben und Gängen winden sie sich in unglaublicher

Ueppigkeit empor und über die Dächer hinweg; dazu wird bei vielen

Häusern des ärmeren Volkes der Dachfirst mit Iris bepflanzt, so daß sie

im Juni vollständig mit lila Blüten bedeckt sind. Am berühmtesten ist

die dreihundertjährige Glycine (~Wistaria chinensis~) im Garten

des Kameidoklosters, das Ziel unzähliger Wanderer, welche im Frühsommer

hierher pilgern, um diese mehrere hundert Meter langen blütengespickten

Ranken zu bewundern. Schattige Laubgänge bildend, Theehäuser mit einem

Blütendach bedeckend, reichen sie bis weit in den kleinen See hinaus,

in dessen stillem Wasser sich diese lila Blütenpracht wiederspiegelt.

Ebenso besucht wie der Glycinengarten von Kameido ist die fünfhundert

Jahre alte Glycine in Kasukabe, nordöstlich von Tokio, eine wunderbare

Pflanze, deren Ranken rebenartig eine Laube von vierhundert

Quadratmetern bedecken.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 67 / 71 段