Ich weiß nicht, ob während der Fahrt die Verwunderung der Japaner über

mich oder meine Verwunderung über die Japaner größer war. Die Pferdchen

krochen mit einer Langsamkeit einher, die uns gegenseitig hinreichend

Muße zu Beobachtungen gab. Die meinigen waren gewiß interessanter. Es

war Abend, und die große Sommerhitze ließ die keineswegs schüchternen

japanischen Männlein und Weiblein in ihren nach allen Seiten offenen

Häuschen in buchstäblich adamitischem Kostüm verweilen. In manchen

Höfen nahmen die Familien gerade in engen Holzbottichen ihre Bäder

oder promenierten nach dem Bade ohne irgendwelche Bekleidung auf und

nieder, um sich an der Luft abzutrocknen. Je weiter auf unserer Fahrt

der Abend fortschritt, um so deutlicher konnte ich die einzelnen

häuslichen Verrichtungen in den Häusern, an denen wir vorbeifuhren,

wahrnehmen. Auf die badenden Familien folgten solche, die gerade ihr

Abendbrot, den unfehlbaren Reis, mit hölzernen Stäbchen in den Mund

schaufelten, dann andere, die auf dem erhöhten Fußboden ihrer Häuser

Strohmatten oder dünne Matratzen für ihr Nachtlager zurechtmachten,

und schließlich schlafende Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle

beisammen, splitternackt, nur durch ein weites, an der Decke hängendes

Mückennetz von der bösen Außenwelt geschieden.

Gegen zehn Uhr abends kam der Pferdebahnwagen, den ich für mich und

meine europäischen Begleiter gemietet hatte, in Shibukawa, einem

kleinen ärmlichen Dorfe, an. Große Aufregung unter den Einwohnern.

Sie sprangen in ihrer mehr als leichten Nachttoilette von ihren

Lagern, um zu sehen, was es gäbe, denn der Besitzer des der Station

gegenüberliegenden Theehauses wollte durchaus, wir sollten bei ihm

übernachten. Der Weg nach Ikao wäre zu schlecht für eine Weiterfahrt

in der Dunkelheit, und er besäße vortreffliche Nachtlager und dazu

hübsche junge Nesan, um uns den Schlaf zu versüßen. Aber ich bestand

darauf, weiter zu fahren, es schien ja der Mond, und die Nesanmädchen

übten keine Anziehungskraft auf uns aus. Nach langem Hin- und Herreden

war der ziemlich hohe Preis für die Rickshaws vereinbart. Wir setzten

uns in die kleinen leichten Wägelchen, vor jedes traten vier japanische

Kulis mit muskulösen Beinen, und fort ging’s in die Berge hinauf nach

Ikao. Ein paar Papierlaternen, von den Kulis getragen, erleuchteten

spärlich den wirklich erbärmlichen, holperigen Weg.

Nach zweistündiger Fahrt krochen unsere Kulis unter Aechzen und Stöhnen

den letzten Abhang empor nach unserem Ziele, von dem ich vorläufig

nichts gewahrte als eine Menge von mattscheinenden Lampions gerade

vor uns, mitten auf dem Wege. Als wir dieselben erreicht hatten, sah

ich, daß sie von etwa zwei Dutzend Menschen getragen wurden, die sich

vor uns ehrfurchtsvollst, wie es wohlerzogenen Japanern geziemt, auf

alle Vier warfen: der Hotelbesitzer, die Kulis, die kleinen lieblichen

Stubenmädchen, mit einem Worte, das ganze Personal des Murumatsuhotels.

In diesem hatten wir Zimmer bestellt, da es in dem vortrefflichen

Murrayschen Handbuch für Japanreisende (einen Baedeker giebt es

wunderbarerweise noch nicht) als „europäisches Hotel” bezeichnet steht.

Dieses europäische Hotel befand sich ganz in der Nähe, das erste

Haus des berühmten Badeortes. In der Dunkelheit konnten wir nur

sehen, daß es ein Stockwerk hoch war und im Erdgeschoß etwas wie

einen Speisesaal und ein Billardzimmer besaß. Als wir aber von den

hübschen Nesan die steile Treppe in das obere Geschoß emporgeführt

wurden, entpuppte sich das europäische Hotel als ein echt japanisches,

denn an Stelle von Schlafzimmern bestand das Geschoß aus einem

großen, mit feinen Matten bedeckten Raume, der durch verschiebbare

Papierwände in kleine Schlafabteilungen eingeteilt war. Zwei von

diesen, mit dünnem, durchsichtigem Papier überzogenen Holzrahmen wurden

auseinandergeschoben, und ich befand mich in meinem Schlafzimmer.

Europäisch war nur die Bettstelle, der Waschtisch und ein Stuhl, die

einzigen Einrichtungsstücke, die sich innerhalb der vier Papierwände

befanden. Die kleine Nesan, ein allerliebstes Mädchen, machte sich um

meine Person zu schaffen und schien nur unwillig den Versuch, mich

in mehr oder minder angenehmer Weise in den Schlummer zu wiegen,

aufzugeben. Ich schob meine Wände hinter ihr zusammen und war allein.

Auf einer Seite trennte mich ein derartiger weißer Papierbogen von

einer Schläferin, wie ich aus dem leichten Atemholen vermutete, auf

der anderen ein zweiter Papierbogen unzweifelhaft von einem Manne.

Sein sägeartiges Schnarchen verriet es. Das in Europa allerprobte

Mittel, die Stiefel an die Wand zu werfen, ging nicht gut an, denn

sie wären möglicherweise durch das Papier dem Schnarcher an den Kopf

geflogen. Ich versuchte es also mit dem jedenfalls zarteren Mittel,

dem Pfeifen, und das hatte den gewünschten Erfolg. Aber noch eine

Stunde lang war es unmöglich, zur Ruhe zu kommen, denn die kleinsten

Toilettengeräusche meiner Reisegefährten waren selbst aus den

entfernteren Schlafabteilungen vernehmbar. Am nächsten Morgen wurde ich

durch die kleinen Stubenmädchen geweckt, die einfach die Papierwände

auseinanderschoben und sich in meinem Zimmer unter fortwährendem

Lächeln und steten Verbeugungen allerhand zu thun machten, mich sogar

hinabbegleiteten in den Badepavillon, der ziemlich offen dicht an der

Straße lag. Schlösser, Riegel, Vorhänge, Badeanzüge und Schwimmhosen

sind in den japanischen Badelokalen unbekannt, und wer baden will, muß

eben fremde Gesellschaft mit in den Kauf nehmen.

Im Speisesaal gab es wenigstens Teller und Gläser, Messer und Gabeln,

Tische für die Speisen, Stühle zum Sitzen und deshalb wohl der Name

„europäisches Hotel”. Sogar ein Fremdenbuch war vorhanden, dem ich

entnahm, daß das Hotel in den letzten drei Jahren auch von drei

Deutschen besucht worden war.

Die Aussicht von der Veranda unserer etwa neunhundert Meter über dem

Meere auf einem Bergvorsprung gelegenen Wohnung war entzückend; wahre

Schweizerlandschaften entrollten sich vor meinen Augen, und nur die

Schneeberge fehlten, um die Erinnerung an die Alpenländer vollständig

zu machen. Zur Linken zieht eine dicht bewaldete Schlucht die Berge

hinab bis in die Ebene, und auf dem jenseitigen Plateau gewahrte

ich ein prachtvolles japanisches Schloß, ähnlich den Schlössern

des Kaiserhauses oder der Schogune in Nikko oder Kioto, umgeben von

wunderbaren Gartenanlagen. Das moderne Japan hat eben in den letzten

zwei Jahrzehnten Leute mit noch größeren Mitteln geschaffen, und das

Feenschloß von Ikao gehört dem Präsidenten der größten japanischen

Dampfergesellschaft, der Nipon Yusen Keisha. Ikao selbst zieht sich von

dem Murumatsuhotel, dem sich noch einige Dutzende japanischer Hotels

auf dem Plateau anschließen, an der diesseitigen Schluchtwand steil

den Berg hinab, und die Hauptstraße des Ortes besteht dementsprechend

aus einer breiten, steilen, etwa einen Kilometer langen Treppe, zu

deren Seiten sich die mehrstöckigen Holzhäuser erheben. Jedes Haus

ein Hotel, jedes Hotel mit einem Bad oder Theehaus. Um das zu sehen,

brauchte ich meine Veranda gar nicht zu verlassen, denn um mich herum

in allen Gebäuden, allen Stockwerken waren die Papierwände, Thüren,

Veranden weit geöffnet, so daß ich mitten durch bis in die jenseitigen

Gebäude blicken konnte. Die Insassen betrachteten wohl mit neugierigen

Augen den fremden Europäer, ließen sich aber nicht im mindesten in

ihren Verrichtungen stören. Angekleidet oder ausgekleidet, beim

Samisenspielen, Essen, Trinken, Arbeiten, Lesen, bei der Haartoilette

oder bei noch viel intimeren Angelegenheiten zeigten sie auch nicht

eine Spur von Scheu, als ob ich etwa ein Schoßhündchen oder ein

Kanarienvogel gewesen wäre. Ich hätte gern irgend eine zimperliche alte

Jungfer aus Deutschland unversehens im Fluge hierher zaubern mögen,

um in einem dieser japanischen Hotels zu wohnen und mit den Japanern

eine Badekur durchzumachen. Sie wäre wohl aus ihrer ersten Ohnmacht

kaum wieder erwacht. Das wäre indessen auch unseren Badekommissären

und der löblichen Sittenpolizei passiert, wenn sie mich auf meinem

ersten Spaziergang durch Ikao hinab und wieder hinauf begleitet hätten.

Die uralten, mehrstöckigen Häuser mit ihren vielen Veranden, Erkern,

Treppen, Vorsprüngen, ihren hübschen Blumen, Lampions und Fähnchen an

den Fronten und den bunten Bazars mit allerlei nichtigen Kleinigkeiten

unten an der Straße nehmen sich ungemein malerisch aus, erinnern sogar

entfernt an die vom Wetter schwarzbraun gefärbten Schweizer Chalets

im Berner Oberland. Aber welch seltsames Leben und Treiben auf der

Straße und in den Gärtchen und Bädern hinter ihnen! Unsere bildlichen

Darstellungen des ersten Menschenpaares zeigen bei diesem entschieden

umfassendere Bekleidung, als die verschiedenen Männlein und Weiblein

hier in und außer dem Bade trugen. Nicht ein Läppchen in der Größe

einer Briefmarke war an ihnen zu sehen.

[Illustration: Japanische Spielkarten. (In Originalgröße.)]

Das stark schwefel- und eisenhaltige Wasser sprudelt in einer Wärme von

45 Grad Celsius aus einer Quelle hervor und wird dampfend und rauchend

durch ein Netz von Bambusrohren den Abhang hinab in die einzelnen

Bassins geleitet, die hinter und unter den Häusern liegen. Von der

großen, die Straße bildenden Steintreppe führt bei jedem Hause ein

Gang nach dem zugehörigen Bad, und in diesen nach allen Seiten offenen

Bassins ergötzt sich die Badegesellschaft, Greise und junge Männer,

alte Mütterchen und ehrbare Jüngferchen, alle durcheinander, den

ganzen Tag über. Nach japanischen Baderegeln werden von den Kurgästen

gewöhnlich mehrere dieser heißen Bäder täglich genommen, und viele

geben sich gar nicht die Mühe, zwischen den einzelnen Bädern Toilette

zu machen. Haben sie ein Bad genommen, so setzen sie sich auf die

vor den Häusern an der Straßenseite befindlichen Bänke oder kauern

splitternackt, wie sie sind, in der Sonne auf dem Boden, rauchen ihr

Pfeifchen, mustern die Passanten, spielen Karten oder Domino. Dann

geht es schwupps! wieder ins Bad, und nach ein paar Wochen ist die Kur

vorüber. Im Bade selbst empfangen die Damen Besucher, begrüßen einander

in ehrfurchtsvollster Weise mit tiefen Verbeugungen, schäkern und

lachen in der ungezwungensten Weise der Welt, wie etwa beim Karlsbader

Schloßbrunnen. Trat ich in irgend einen dieser Baderäume, so warf

mir die ganze fröhliche Gesellschaft wohl neugierige Blicke zu, ließ

sich aber sonst gar nicht stören; die jungen Damen blieben in recht

verfänglichen Stellungen auf den Holzstufen hocken, rieben sich ihre

Glieder, schwammen munter in den Bassins herum, oder lagen im Wasser

auf dem Rücken; einzelne, die wohl aus den geöffneten Häfen stammen

und die Abneigung der Europäer gegen derartige Schaustellungen kennen

mochten, hielten allerdings ihre Hände ähnlich wie die reizvolle Venus

im Kapitol, das war aber auch alles.

Die Japaner besuchen Ikao gewöhnlich in der Sommersaison, ganz wie wir

unsere Bäder, und bringen nicht nur ihre Familien mit Kind und Kegel,

sondern auch ihr Bettzeug, Wäsche, Geschirre und dergleichen, dazu

auch zu ihrer Erheiterung Gaishamädchen mit, je nach ihren Mitteln und

Neigungen. Die Hotels sind in drei Klassen eingeteilt; die Preise in

den Hotels erster Klasse für Zimmer und Nahrung betragen pro Person und

Tag etwas über eine Mark. Freilich kennt die japanische Küche keine

Fleischspeisen, und die Hotelgäste erhalten morgens nur Reis und etwa

Bohnensuppe, mittags wieder Reis mit frischem oder gesalzenem Fisch,

dazu Gemüse, Wurzeln, Mehlspeise und Früchte, abends natürlich wieder

Reis, Fischsuppe und dergleichen. Dazwischen Thee à discrétion. Die

Preise in den Hotels zweiter Klasse belaufen sich auf etwa achtzig

Pfennige, in jenen dritter Klasse auf etwa fünfzig bis sechzig

Pfennige, alles inbegriffen. Die Bäder sind dazu in allen Hotels frei,

und nur wer in den Hotels erster Klasse ein Einzelbad nehmen will, muß

dafür eine kleine Vergütung entrichten.

Die Umgebung von Ikao ist reich an herrlichen Spaziergängen; vor allen

zu erwähnen ist jener den rauschenden, mit heißem ockergelben Wasser

gefüllten Yusawabach entlang, stromaufwärts nach dem Badeorte Yumoto,

oder der nach dem idyllischen Harunasee oder auf den steilen, aber

aussichtsreichen Vulkankegel des Somayama. Noch besuchter sind die

für skrophulöse Personen besonders heilkräftigen Bäder von Kusatsu,

eine Tagereise von Ikao mitten in der herrlichen Gebirgsregion des

zentralen Japan gelegen, mit nahezu siedeheißen Eisen-, Arsenik-

und Schwefelquellen. Selbst die Japaner, die sich so gern im Wasser

krebsrot brühen lassen, verläßt der Mut, wenn sie vor den dampfenden

Bassins des Hauptbades von Kusatsu, Netsu-no-yu, stehen, und es bedarf

einer von der Regierung angeordneten, halb militärischen Disziplin,

um sie zum Bade zu bewegen. Der Murray von Japan sagt darüber: „Ein

Hornsignal ruft bald nach Tagesanbruch so viele Kurgäste, als das

Bad fassen kann, zusammen. Jeder Kurgast ist mit einem hölzernen

Schöpflöffel bewaffnet, und auf Befehl des Bademeisters begießt sich

zunächst jeder mit hundert Schöpflöffeln voll Wasser, um Kongestionen

zu verhindern. Wärter passen dabei wachsam auf, denn zuweilen kommen

Ohnmachtsanfälle vor. Während des folgenden, dreieinhalb bis vier

Minuten dauernden Bades singen Bademeister und Kurgäste einen höchst

merkwürdigen Chorgesang, um sich gegenseitig Mut einzuflößen. Nach

Ablauf von etwa einer Minute schreit der Bademeister laut: ‚Noch zwei

Minuten‘, und die Badenden, denen die kurze Zeit bei der brennenden

Hitze des Wassers wie eine Ewigkeit vorkommt, antworten im Chor: ‚Noch

zwei Minuten‘. Ebenso wird nach Ablauf der zweiten Minute ‚noch eine

Minute‘, dann ‚noch eine halbe Minute‘ gerufen und jedesmal und immer

freudiger von den Badenden beantwortet. Endlich ruft der Bademeister

‚fertig‘, worauf die ganze Menge nackter, brennrot gebrühter Körper

über dem Wasser erscheinen und das Bad mit einer Schnelligkeit

verlassen, die jeden, der ihrem langsamen, zögernden Eintritt

beigewohnt hat, in Erstaunen versetzt. Bald darauf wird das Hornsignal

neuerdings geblasen, und eine andere Reihe von Badenden unterzieht

sich derselben Prozedur.” Die gewöhnliche Badekur in Kusatsu erfordert

hundertzwanzig Bäder, die auf den kurzen Zeitraum von vier Wochen

verteilt sind, und man kann sich also vorstellen, daß dieselbe nicht

dasselbe Vergnügen gewährt wie jene in Ikao.

Ueber das exponierte, gemeinschaftliche Baden der beiden Geschlechter

braucht man in Europa nicht erschreckt die Hände zu falten. War es doch

in den europäischen Bädern vor gar nicht vielen Generationen allgemein

gebräuchlich. Als ich in den öffentlichen Bädern der japanischen

Hauptstädte und Badeorte das seltsame, ungenierte Treiben beobachtete,

kam mir zuweilen ein großes Oelgemälde in den Sinn, das im historischen

Museum zu Basel hängt und ein Bad in dem altberühmten Baden in der

Schweiz darstellt. Gerade so splitternackt wie die Japaner von heute

tummeln sich auch hier Männer, Frauen und Mädchen ganz toll in dem

gemeinschaftlichen Bassin umher, lachen, schäkern recht verfänglich mit

den Männern, ja noch mehr: mitten im Bassin stehen auf einem großen

Tische gefüllte Weingläser, und eine fröhliche Gesellschaft giebt sich

während des Badens einem Trinkgelage hin. Freilich stammt das Bild aus

dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts.

[Illustration: Hauptstraße der Badestadt Ikao.]

[Illustration: Das innere Thor des Iyemitsutempels in Nikko.]

Nikko, eine japanische Tempelstadt.

~Nikko wo minai utschi wa, Kekko to yu na!~ „Hast du Nikko

nicht gesehen, so darfst du nicht von „prächtig” sprechen!” Mit

diesem Sprichwort, das im fernen Reiche des Mikado in aller Mund

ist, bezeichnen die Japaner die Herrlichkeiten ihres berühmtesten

und besuchtesten Wallfahrtsortes. Was die Beurteilung der Natur

anbelangt, muß man den Japanern aufs Wort glauben, denn es dürfte auch

in der abendländischen Welt kaum ein Volk geben, das eine so große

Empfänglichkeit, ein so tiefes Verständnis für die Natur, in der sie

leben, besitzen dürfte. Ich möchte diesen Charakterzug der Japaner als

ihren schönsten bezeichnen. Man wird ihn im ganzen Lande wahrnehmen.

Bei der Mehrzahl der kleineren Städte und Dörfer, die so entzückend

am Fuße bewaldeter Anhöhen, an rauschenden Bächen und Flüssen, oder

inmitten der reizvollsten Gegenden liegen, hat es den Anschein, als

wären sie nicht mit Rücksicht auf praktische Zwecke gerade wo sie sind

angelegt worden, sondern nur wegen der Schönheit der Lage, ähnlich

wie wir unsere Sommersitze wählen. Ihre Gärten, ihre Plantagen und

Felder zeigen die liebevolle, ja peinliche Sorgfalt, welche die

Japaner ihnen zuwenden, und die man in solchem Maße vielleicht nur

in Holland wiederfindet. Der ferne japanische Archipel wird so von

Gebirgen durchzogen, daß nur etwa ein Zwölftel des ganzen Reiches

kulturfähig ist, aber dieses Zwölftel gleicht einem Garten. Selbst

in den reichbewaldeten Gebirgen der Hauptinsel von Japan ist überall

diese Liebe zur Natur wahrnehmbar, vor allem in jenem romantischen

Bergdistrikte, der sich etwa hundert Kilometer nördlich von der

Hauptstadt Tokio gleichweit von den beiden Meeresküsten entfernt

ausdehnt und den Namen Nikko führt. Schon seit undenklichen Zeiten

befanden sich dort in den ungeheuren Wäldern, zwischen rauschenden

Strömen und plätschernden Wasserfällen, zwischen einsamen, tiefblauen

Seen und hoch emporragenden Vulkanen Götzentempel, zu denen die

Japaner wallfahrten. Die wildromantische Gegend übte auf dieses

empfindsame Volk einen eigentümlichen Zauber aus. Die größte Zahl

der japanischen Volksmärchen und Sagen beginnt mit den Worten: „Es

war einmal in den Nikkobergen ...” und als ich selbst diese einzig

schönen, einsamen Gebirgslandschaften durchwanderte, schien es mir,

als wären sie von allerhand zauberhaften Wesen bevölkert. Mit diesen

Märchen im Kopfe erschienen mir die spärlichen fremdartigen Wanderer

wie Gnomen, die zierlichen kleinen Mädchen, die in den Wäldern Beeren

pflückten oder Holz sammelten, wie Feen aus einer anderen Welt, ganz

die Gestalten, wie sie Hänsel und Gretel auf ihrer abenteuerlichen

Wanderung begegneten. Dazu trug wohl auch die Fremdartigkeit der

ganzen Natur bei. Vergeblich forschte ich in meinen Erinnerungen nach

Gegenden, welche sich mit diesen vergleichen ließen. Ich dachte an den

Schwarzwald, an das seenreiche Salzkammergut, aber Nikko und damit auch

das ganze Japan ist doch anders, und ich kam mir vor, als wanderte

ich auf einem fremden Planeten. Nirgends fühlte ich mich entfernter

von unserer abendländischen Kultur und bei aller Zufriedenheit

einsamer als in den lauschigen, stillen Wäldern mit ihren ungeheuren

phantastischen Fichten, ihren himmelanstrebenden Kryptomerien und

seltsamen Laubbäumen, und doch befand ich mich nur einige Minuten weit

von europäischen Hotels. Ein eigentümlicher, nicht zu beschreibender

Zauber ist über dieses herrliche Stück Erde ausgebreitet, den wohl

jeder empfunden hat, der mit einem bißchen Herz und Gemüt in seinem

Reisesack nach Nikko gekommen ist.

Dieser Zauber mußte wohl auch den großen Schogun aus der Familie

Tokugawa, den Taiko Iyeyasu, umfangen haben, denn als dieser größte

Mann der japanischen Geschichte, der Cäsar des Mikadoreiches, anfangs

des siebzehnten Jahrhunderts starb, nannte er den Bergdistrikt von

Nikko als den Ort, wo er begraben sein wollte.

[Illustration: Tempellaterne des Schogun Iyeyasu.]

Seine Nachfolger ließen ihm dort eine der herrlichsten Grabstätten

bauen, und das kaiserliche Haus, dem Iyeyasu so unvergängliche Dienste

geleistet hat, konnte ihn nicht besser ehren, als indem es den

verstorbenen Staatsmann und Helden, den Einiger des Reiches, unter die

Zahl der Götter versetzte und ihm den Titel „Hoheit des ersten Ranges,

Licht des Ostens, erhabene Verkörperung Buddhas” verlieh. Dies geschah

im Jahre 1617, und seither ist Nikko der berühmteste und heiligste

Wallfahrtsort der Japaner geworden. Die Tempel aber, die dort zu Ehren

Iyeyasus gebaut worden sind und zu denen Kaiser, Fürsten und das Volk

selbst während Generationen beigetragen haben, sind die herrlichsten

Werke der japanischen Kunst, die ja gerade zur Zeit Iyeyasus ihre

höchste Blüte erreicht hat. So hat der Cäsar Japans in der That auch

noch nach seinem Tode Wunder gewirkt; er hat den Künstlern des alten

Japan zu ihren erhabensten Leistungen Anlaß gegeben, und ihm ist es zu

danken, daß wir heute noch so viel von dieser größten Glanzperiode der

japanischen Kultur bewundern können. Die Künstler haben diese Tempel

nicht nur Iyeyasu, sie haben dieselben auch sich selbst errichtet.

Mit Bedauern bestieg ich in Utsunomiya, am Fuße des Nikkodistriktes

gelegen, den prosaischen Eisenbahnzug, der mich und eine ganze Menge

von europäischen Touristen an einem heißen Augusttage hinaufführen

sollte in die Berge; mit Bedauern deshalb, weil der bisherige Weg

unendlich viel reizvoller und großartiger war als diese in der Sonne

glänzenden und blitzenden Schienenstränge, die, wo immer sie auch

liegen mögen, dem europäischen Reisenden den Gedanken einflößen,

sie führten nach Europa. Sie sind die gewaltigsten Zerstörer alles

Ursprünglichen, Eigenartigen; wie ungeheure Lanzetten stechen sie

in die fremden Kulturen, und in die so entstandenen Wunden dringt

die abendländische Alltagswelt. Neben unserer Bahn, bald näher, bald

ferner, führte der altjapanische Weg hinauf zum Grabe Iyeyasus,

seiner ganzen, über fünfundzwanzig Kilometer betragenden Länge nach

von den großartigsten Kryptomerien beschattet. Wie gewaltige Türme

ragen diese stolzen Nadelbäume aus der Ebene; ein einziger allein würde

Aufsehen erregen, und es sind deren viele Tausende, vor Jahrhunderten

gepflanzt von einem Pilger, der zu arm war, um für das Grabmal des

Nationalheiligen eine steinerne Opferlaterne zu kaufen. Seine Gabe

ist schöner als alle Opferlaternen zusammengenommen. Zum Glück fährt

die Eisenbahn nicht ganz hinauf nach dem etwa 700 Meter über dem

Meere gelegenen Nikko, sondern der Rest des Weges muß in den bequemen

Fauteuils auf Rädern, den Rickshaws, zurückgelegt werden. Auf dieser

Rickshawfahrt rollt man zwischen den Riesenbäumen einher, die den

Weg nach Nikko zu beiden Seiten einfassen und mit ihren ineinander

verschlungenen Aesten wie mit dem Dach eines gotischen Domes überwölben.

Von Nikko als einem Ort zu sprechen, ist unrichtig. Nikko wird der

ganze Bergdistrikt bis zu dem gewaltigen ausgestorbenen Vulkan

Nantai-San genannt, dem höchsten Berge dieses Teiles von Japan. An

seinem Fuße liegt der romantische, waldbekränzte See von Tschuzendschi,

und diesem entströmt, auf seinem Laufe zahlreiche Kaskaden bildend,

der rauschende Dayagawa. Dort, wo sich sein wildromantisches Thal

erweitert, liegen zwei Dörfer, Hadschi-idschi und Irimadschi, und

zwischen beiden, verborgen zwischen ungeheuren Kryptomerien, liegen

die Prachtgräber der Schogune. Hadschi-idschi besteht nur aus

einer einzigen, etwa zwei Kilometer langen Straße, und auf meiner

raschen Fahrt schien es mir, als wäre jedes Haus ein Hotel, ein

Kuriositätenladen oder ein Theehaus. Kommen doch in jedem Jahre

Zehntausende von Pilgern hierher, um den Manen Iyeyasus ihre Verehrung

zu bezeugen und dann weiterzuwandern nach Tschuzendschi, um dort den

Nantai-San zu besteigen.

Am oberen Ende des langgestreckten, durch seine vielen Kaufläden

und sein bewegtes Leben recht malerischen Dorfes liegt das große

Kanayahotel, in dessen ganz europäisch eingerichteten Räumen ich

gegen hundert Europäer fand. Am Abend zeigte der Speisesaal mit

seinen elegant gekleideten Damen und Herren in steifer Abendtoilette

ein Bild, wie man es in einem europäischen Badeorte erwarten könnte,

aber nicht hier, im Herzen des alten Japan. Die hohe Lage in den

Bergen, die prachtvollen Wälder, die Kühle und die Frische, die hier

auch im Sommer herrscht (oder herrschen soll, denn ich vermißte sie

während eines fünftägigen Aufenthalts schwer), haben Nikko zu einer

Art ostasiatischer Schweiz gemacht. Wie die Japaner zu ihrem Iyeyasu

pilgern, so pilgern die in Ostasien ansässigen Europäer hierher, um

der unerträglichen Hitze von Tokio, Kobe, Shanghai, Hongkong, ja

selbst von Singapore und Bangkok zu entgehen. Auch die fremdländischen

Diplomaten von Tokio flüchten hierher, und auf den freien Plätzen

zwischen den größten Heiligtümern des alten Japan wird die Andacht

der eingebornen Pilger durch lärmende, rücksichtslose Cricket- und

Lawntennis-Spieler gestört. Diesem ewigen Lawntennis kann man sogar

hier nicht mehr entgehen.

[Illustration: Priesterhäuser und Thorbogen in Nikko.]

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 66 / 71 段