Gegen sieben Uhr abends saßen wir auf unseren schlecht gesattelten

Kleppern und galoppierten durch die malerische Hauptstraße des Dorfes

der gewaltigen, dunkeln Masse des Vulkans zu, der sich gerade vor uns

in unsagbarer Majestät erhob. Das ganze Dorf zeigte das lebhafteste

Jahrmarktsleben; in langen Reihen waren vor den Häusern Verkaufsstände

von Süßigkeiten, Erfrischungen, kleinen Andenken an den Fudschi

und dergleichen aufgeschlagen, von jedem einzelnen Hause wehten

bunte Flaggen und Handtücher, welche die Pilger mitführen und an

verschiedenen Orten zur Erinnerung an ihre Wallfahrt abstempeln lassen.

In der Mitte der breiten Hauptstraße floß rauschend ein wasserreicher

Bach dem Sakagagawa zu, und an seinen Ufern waren unzählige winzige

Wasserräder und mechanische Spielzeuge aufgestellt, teils zum

Ergötzen der Kinder, teils um die kleinen Apparate anzutreiben, die

zur Verscheuchung der Fliegen über den Verkaufsständen von Obst und

Süßigkeiten angebracht waren.

Blutrot war die Sonne untergegangen, und das bleiche Mondlicht

leuchtete uns nun auf dem Wege, der durch öde Schutthaufen und

dunkelbraune Lavafelder emporführt. Nach etwa zweistündigem Ritt

betraten wir einen finsteren, hochstämmigen Wald und mußten unsere

Pferde stramm am Zügel halten und uns von den Kulis den Weg mit

Fackeln erleuchten lassen, um nicht durch die aus dem Boden ragenden

Baumstümpfe und Wurzeln selbst zum Fall zu kommen. Mein Reisegefährte

ärgerte sich weidlich über mein verrücktes Beginnen, den Fudschi,

statt wie die anderen Menschen am helllichten Tage, zur Nachtzeit zu

besteigen, wo man sich in der Finsternis Hals und Beine brechen kann.

Aber ich wußte, wir würden bald wieder aus dem dunkeln Walde in den

hellen Mondschein kommen, und dann war die Kraxelei doch entschieden

angenehmer als bei der im Sommer furchtbar drückenden Sonnenhitze.

Ich beabsichtigte so hoch als möglich emporzuklettern, den Rest der

Nacht in einer der Schutzhütten zuzubringen und am nächsten Morgen

die Besteigung zu vollenden. Bei dem ewig wechselnden Wetter konnte

man ja nicht wissen, ob der ganze Berg nicht schon in einigen Stunden

in dichten Nebel gehüllt sein würde, und dann wäre unsere ganze Reise

vergeblich gewesen.

Mitten im finsteren Walde erblickten wir bald Lichter und hörten

das Geklingel von Pilgerglocken. Wir hatten Umagaishi erreicht, ein

ärmliches Theehaus mit anstoßendem Flugdach, unter dem auf langen

Holzpritschen wohl ein halbes Hundert Pilger, die eben vom Fudschi

herabgekommen waren, ausruhten. Die zahlreichen, weißgekleideten

Gestalten, die hier in allen möglichen Stellungen umherlagen, nahmen

sich in dieser Waldeinsamkeit beim flackernden Scheine brennender

Kieferspäne gespensterhaft genug aus. Sie beachteten uns kaum, als wir

angeritten kamen und nach einem Schluck Thee den Weg wieder fortsetzten.

Dagegen protestierten aber unsere Kulis. „Umagaishi” heißt wörtlich

„Pferd zurücksenden”, d. h. es war der Ort, wo die Pilger gewöhnlich

vom Pferde steigen, um die Bergtour zu Fuß fortzusetzen. Ich hatte

aber gehört, daß der Weg noch zwei Kilometer weiter für Pferde gut

passierbar wäre, und um unsere Kräfte zu schonen, nahm ich meinem

Kuli die Fackel aus der Hand und drückte mein Pferd vorwärts. Mein

Begleiter folgte, und obschon wir manche halsbrecherischen Stellen

zu passieren hatten, kamen wir doch, vielleicht als die ersten, die

es je unternommen, zu Pferd in der Station Tschudschikiba an. Hier

ließen wir die Pferde mit der Weisung zurück, am nächsten Abend nach

Sonnenuntergang wieder zur Stelle zu sein. Nachdem wir das Gitter

eines Tempelhofes passiert hatten, erwarben wir hier von einem alten

Priester Alpenstöcke, und unsere Kulis legten einen ganzen Vorrat von

Strohsandalen an, es dürften wohl zwanzig Paare gewesen sein. Ich

glaubte, sie kauften dieselben auf die Bestellung irgend eines Wächters

der Schutzhütten weiter oben, und ließ sie gewähren.

Anfänglich ging es ganz bequem vorwärts; der Wald wechselte mit

Moorland und Grasflächen ab, und erst als wir auf etwa zweitausend

Meter Höhe angekommen waren, wurde der Baumwuchs dünner, die Fichten

wurden kleiner, verkrüppelter, und schließlich sahen wir nur noch

stellenweise knorrige Zwerglärchen und stacheliges Gestrüpp, an dem

wir unsere Kleider zerrissen. Der Mond leuchtete uns aber getreulich

aufwärts. Trotz der vielen Tausende von Pilgern, die seit Jahrhunderten

alljährlich die Bußpromenade auf den Fudschi unternehmen, hört der Weg

oberhalb des zweiten Tausend Meter gänzlich auf, und wir kletterten

teils auf harten Lava- und Basaltfelsen aufwärts, teils wateten wir

durch vulkanische Asche und Sand, die bei jedem Schritte nachgaben. Wie

die Japaner glauben, wird der von den Pilgern auf diese Art thalabwärts

geschobene Sand zur Nachtzeit von überirdischen Mächten wieder auf den

Berg hinaufgetragen. Wir bekamen aber nichts davon zu sehen.

Zur Erleichterung des Aufstiegs sind auf verschiedenen Seiten des

ungeheuren Berges Reihen von Schutzhütten angelegt worden. Auf der

Seite von Subashiri befinden sich deren zehn, in Entfernungen von

etwa je einem Kilometer und Höhenunterschieden von je dreihundert

Meter. Bald nachdem wir auf unserem schweigsamen nächtlichen Marsche

die erste Hütte passiert hatten, wurde es empfindlich kälter, Wolken

zogen gespensterhaft die Bergflanken über uns entlang und verhüllten

den Mond, der Wind wurde heftiger und artete schließlich in einen so

furchtbaren Orkan aus, daß wir mit Mühe und Not die zweite Schutzhütte

erreichten. Wir wären ohne unsere Kulis wohl an ihr vorbeigeschritten,

denn sie besteht nur aus einem in die Lavamassen gegrabenen kleinen

Absatz, der durch niedrige Mauern, aus Lavablöcken aufgeführt,

geschützt ist. Rohe Baumstämme, mit Felstrümmern beschwert, bildeten

das Dach, und die einzige, gleichzeitig als Thür und Fenster dienende

Oeffnung war durch Balken und Pfosten verrammelt. Auf unser Klopfen

wurde geöffnet, und wir befanden uns in einem niedrigen, mit Dielen

belegten Raum, in dessen Mitte auf dem nackten Felsboden ein Holzfeuer

eben verglühte. Bei dem Schein einer rauchenden Petroleumlampe sahen

wir, daß über dem Herde ein großer Kessel hing; Dutzende von Pilgern

lagen auf ihren Strohmatten schlafend umher, während andere bei der

heißen Asche des Herdes kauerten, um sich zu wärmen. Als wir eintraten,

erhob sich der Wirt dieses „Hotels zu den vier Winden”, um uns

stillschweigend in einem Winkel ein Nachtlager zu bereiten, denn bei

dem furchtbaren Sturm, der selbst durch die Ritzen und Löcher unseres

Schutzhauses pfiff, war ein Weiterklettern lebensgefährlich.

Er holte einige dünne, gefütterte Wolldecken hervor, breitete sie auf

dem Boden aus und reichte uns noch vor dem Schlafengehen einen Kessel

mit heißem Thee. Wir wickelten uns in unsere Mäntel, und todmüde, wie

wir waren, hätten wir sofort in tiefen Schlaf versinken sollen, wenn --

ja wenn!

Japan ist das Paradies der Flöhe, und selbst in vornehmen Hotels, wie

in jenen am Miyanoshita, quälen sie den müden Wanderer in grausamer

Weise. In den japanischen Hotels und Theehäusern aber sind sie

eine entsetzliche Plage. Deshalb wollte ich auch das Nachtlager in

Subashiri vermeiden, fiel aber desto trauriger hier herein. Kein Klima

scheint ihnen zu kalt, kein Berg zu hoch, keine Entfernung zu groß,

keine Person zu heilig. Mit wahrhaft republikanischer Gleichheit

und Brüderlichkeit machen sie sich an alles, was lebt und eine Haut

zu durchbeißen, rotes Blut zum Anzapfen hat. Ob diese verteufelten

Miniaturgemsen durch Extrakuriere von unserem Kommen unterrichtet

wurden, ob sie unsere Ankunft gerochen hatten, ich weiß es nicht; fünf

Minuten, nachdem wir unsere müden Glieder ausgestreckt hatten, ging

der Teufel los: ein Beißen und Jucken und Krabbeln, daß es nicht mehr

auszuhalten war. Auf diese Legion von Quälgeistern Jagd zu machen,

wäre wohl vergebliche Mühe gewesen; wenn sie nur immer ruhig sitzen

geblieben wären! Aber nachdem wir zwanzig Stunden lang in der Eisenbahn

und in Karren gefahren, geritten und gegangen und in Tragstühlen und

Rickshaws durchgerüttelt worden waren, außerdem von der scheußlichen

Kälte durchfrorene Finger hatten, war unsere Treffsicherheit auch

dahin. Indessen, wir wollten unser Blut so teuer wie möglich verkaufen.

Daß der ungleiche Kampf gegen diese blutdürstige Brut uns bevorstand,

wußte ich und hatte mich mit Penny Royal-Oel versehen. Das bißchen

Einreiben des Körpers, das wir vorher schon unternommen hatten, war

nutzlos gewesen; so wurden denn die ganzen Flaschen in die Unterwäsche

ausgegossen. Nun gab es eine Stunde Ruhe, und müde, wie wir waren,

schliefen wir doch ein. Als wir aber um vier Uhr aufwachten, um

unseren Weg fortzusetzen, waren unsere Körper doch mit roten Punkten

wie besäet. Die Biester hatten während unserer Nachtruhe diese

Tättowierung vorgenommen.

Es regnete und stürmte draußen noch immer so fürchterlich, daß wir

beschlossen, noch zwei Stunden länger im Schutze dieses Flohstalles

zu bleiben. Aber um sechs Uhr war das Wetter gerade so, auch um acht

Uhr, zehn Uhr. Es wurde Mittag, und schon fürchteten wir, es würde

uns ebenso ergehen wie vielen anderen, die zwei bis drei Tage bei

schlechtem Thee und gekochtem Reis da oben in der Lavawüste zubringen

mußten, da hellte sich das Wetter auf. Der Wind blies noch so kräftig,

daß wir uns draußen kaum aufrecht halten konnten und mein Gefährte

schon die Absicht aussprach, unverrichteter Dinge kehrt zu machen.

Aber nein. Wir waren so weit gekommen, nun mußten wir hinauf. Also

vorwärts! Es ging langsam, beschwerlich, aber es ging. Wir erreichten

die dritte, vierte, fünfte Schutzhütte, dann die sechste, siebente und

achte. Mein Reisegefährte war aber am Ende seiner Kräfte. Ich trat ihm

meine Kulis ab, sie schlangen einen Gurt um seinen Leib und zogen, drei

andere schoben von rückwärts, und so kam er mir allmählich nach, nicht

ohne sich in jeder der Schutzhütten durch den mitgebrachten Cognac zu

erfrischen.

In diesen Höhlen fanden wir überall müde Pilger, viele Flöhe,

teure Rechnungen, aber nur wenig Trank und Speise, höchstens Reis,

getrocknete Fische und Maccaroni, die in langen Schnüren an den Wänden

mitten zwischen den blauen und roten Handtüchern hingen, die fromme

Pilger zur Erinnerung zurückgelassen hatten. Jedes Tuch trug den

Namen eines Pilgers. Die Wände, Stützbalken, selbst die Decken waren

mit diesen seltsamen Visitenkarten austapeziert, viele hatten nur

Papierstreifen mit ihren Namen zurückgelassen, und unter den letzteren

las ich auch manchen englischen und amerikanischen Namen.

Je höher wir emporkamen, desto häufiger und größer wurden die

Schneefelder in den Furchen, die in den obersten Kegel des Berges

eingerissen sind, und dieser Schnee verschwindet das ganze Jahr

über nicht. Zwischen den Furchen ziehen sich steile Grate aus

harter, nackter Lava herab, und einen solchen benutzten wir zu

unserem Aufstieg. Der scharfe Wechsel der Temperaturen hat diese

Lavamassen vielfach gespalten, und dadurch fanden unsere Füße beim

Aufwärtsklettern einigen Halt.

Bei der sechsten Schutzhütte schon hatten wir die kalte, dichte

Wolkenschicht durchschritten, die den Berg wie mit Baumwolle umwickelt

hielt, und der mächtige Gipfel lag klar vor uns, so nahe, daß wir

hofften, ihn binnen einer halben Stunde zu erreichen. Aber wir waren

nun schon drei Stunden geklettert, und je höher wir stiegen, desto

höher schien auch der Berg zu werden. Zu unserer Linken, also mehr

gegen die Südseite des Berges, befand sich zwischen zwei Lavagraten

eine ungeheure Halde von Schutt und loser Asche, wie ich sie in solcher

Ausdehnung nirgends gesehen habe. Vom Gipfel des Berges zieht sie sich

viele Kilometer weit abwärts bis zu dem Waldkranz, der den Fudschi

dort auf etwa anderthalbtausend Meter Höhe besäumt, und über diese

Halde sahen wir Dutzende von Pilgern, auf ihre Bergstöcke gestützt, den

Abstieg unternehmen, in raschem Laufe, bei jedem Schritt um vielleicht

ebensoviel durch den hohen Schutt abwärts sinkend.

Endlich, gegen fünf Uhr abends, standen wir am Fuße einer ungeheuren

Treppe, deren Stufen in die ungemein steile, glatte Lavawand gehauen

sind, um den Aufstieg zum Gipfel überhaupt möglich zu machen. Mühsam,

als wären unsere Beine von Blei, zogen wir dieselben von Stufe zu Stufe

aufwärts, und recht erschöpft betraten wir gegen sechs Uhr abends den

Rand des Kraters.

Auf dem schmalen Plateau zwischen dem äußeren Bergumfange und dem

Krater selbst, der etwa einen größten Durchmesser von einem Kilometer

haben mag, stehen einige aus Lavablöcken erbaute Häuschen, bewohnt

von Priestern und Schenkwirten, die allerhand Erfrischungen und

Erinnerungen an den heiligen Berg feilbieten. Eines der Häuschen ist

zu einem kleinen Tempel eingerichtet, und an seinem Eingang setzten

wir uns nieder, um ein halbes Stündchen zu ruhen und den Rest unserer

Flasche Kokawein zu trinken. In den Cordilleren Südamerikas hatte ich

zuerst die erfrischende Wirkung der Kokablätter kennen gelernt, und

seither begleitet mich der Kokawein bei allen Bergbesteigungen.

Meinen Begleiter konnte ich zu einer Promenade um den Krater herum

oder gar auf die etwa hundert Meter tiefe Sohle desselben nicht

bewegen. Wollten wir die Nacht nicht oben zubringen, so mußten wir

den Rückmarsch sofort wieder antreten. Ich eilte deshalb allein auf

der schmäler werdenden Kante aufwärts zu dem kleinen Pavillon, der an

der höchsten Spitze des Kraterrandes steht, und blickte von dort in

den dampfenden, nebelerfüllten Kessel, dessen Wände aus zerklüfteten,

phantastisch aufeinandergetürmten Lavablöcken bestehen. Aus manchen

Ritzen und Oeffnungen schießt pfeifend heißer Dampf hervor, ein

Zeichen, daß der höchste Vulkan Ostasiens nur schlummert. Wie, wenn er

gerade jetzt aus seinem zweihundertjährigen Schlafe erwachen würde?

Der Anblick wäre gewiß großartig, aber ich hätte mich dafür doch sehr

bedankt. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich grausen.

Mein Führer hielt mich davon ab, in den Krater hinabzusteigen, denn es

wäre die höchste Zeit, den Rückmarsch anzutreten. Von den Priestern

des Tempelchens ließen wir uns noch den Stempel des Fudschigipfels auf

unsere Bergstöcke einbrennen, warfen noch einen Blick um uns und den

Berg hinab zu der Wolkenschicht, die uns die Aussicht auf das Land und

Meer zu unseren Füßen entzog, und machten uns wieder auf den Weg. Als

wir den Fuß der steilen Felsentreppe erreicht hatten, bestanden die

Führer darauf, uns Strohsandalen über die Schuhe zu binden und mir

noch drei andere Paare mitzugeben, da ich gewöhnlich unserer Karawane

voraneilte. Statt dann den glatten Lavagrat abwärts zu gleiten,

auf dem wir emporgestiegen waren, schwenkten wir rechts ab auf die

unabsehbare Schutthalde, unsere Füße versanken bis über die Knöchel

in den losen, scharfen Sand, den der Krater in früheren Zeiten in so

unglaublichen Mengen ausgeworfen hatte, und unsere Schuhe wären gewiß

schon in der ersten halben Stunde zerschnitten gewesen, würden wir sie

nicht durch die Strohsandalen geschützt haben. Das also war der Grund,

warum die Führer sich gleich mit zwei Dutzend Exemplaren davon versehen

hatten. Während des Abstiegs mußten wir sie wiederholt wechseln, denn

nach je einer halben Stunde hingen sie wie Fetzen um unsere Füße. Die

ganze Halde war besäet mit diesen Sandalenresten, und man hätte aus

ihnen allein einen kleinen Fudschiyama aufbauen können. Man denke nur:

in jedem Jahre wird der heilige Berg von vielleicht dreißigtausend

Pilgern bestiegen, die mindestens an hundertfünfzigtausend

Sandalenpaare verbrauchen, und das geht nun schon seit Jahrhunderten

vor sich!

Wir flogen nur so die Halde hinab. Zehn Stunden hatten wir gebraucht,

um auf den Gipfel zu kommen, und in weniger als drei Stunden waren

wir, halb springend, halb in dem losen Sand abwärts gleitend, wieder

unten am Waldessaume. Mittlerweile war es stockfinster geworden, und

beim Scheine von Fackeln mußten wir uns den Weg durch den Wald abwärts

bahnen nach unserem Ausgangspunkte Umagaishi, das wir etwa um zehn Uhr

nachts erreichten. Die Pferde standen bereit, aber wir blieben doch

ein Stündchen zwischen todmüden japanischen Pilgern auf den Bänken

ausgestreckt, um ein wenig neue Kräfte zu sammeln. Waren wir doch

seit vierzig Stunden unterwegs! Wir wären gerne die ganze Nacht hier

geblieben, aber die Furcht vor der entsetzlichen Flohplage trieb uns

bald weiter. Lieber die Nacht zu Pferde zubringen, als sich noch einmal

diesen blutdürstigen kleinen Raubtieren aussetzen. Mein Begleiter

wurde halbtot in den Sattel gehoben, als er aber zu Pferde saß, kam er

wieder zu sich, und wir trabten lustig Subashiri zu. Dort wagte ich

nicht, abzusteigen und Rast zu halten, denn mein armer Reisegefährte

wäre diesmal kaum wieder in den Sattel gekommen. So ritten wir denn

durch die stillen, toten Straßen des Dorfes und kamen glücklich um

vier Uhr morgens in Gotemba wieder an, rechtzeitig, um den Frühzug

nach Kozu zu besteigen. Von dort waren wir um neun Uhr morgens wieder

in dem entzückenden Badeorte Miyanoshita bei unseren Lieben. Sie waren

hocherfreut, uns wiederzusehen, denn während wir auf dem Fudschiyama

waren, hatte unten ein furchtbarer Taifun gewütet, der eine Menge

Schiffe vernichtet, eine Anzahl Dörfer arg mitgenommen und auch sonst

im Lande großen Schaden angerichtet hatte. Diesem Taifun waren wir oben

auf der Spitze des höchsten Berges Ostasiens wohl entgangen, aber doch

würde ich lieber einen Taifun durchmachen, als nochmals den Fudschiyama

besteigen.

[Illustration: Der heilige Berg Fujiyama.]

[Illustration: Samisen.]

Ikao, ein japanisches Karlsbad.

Kein Land des Erdballes ist so vulkanisch wie das aus

dreitausendachthundertundfünfzig Inseln und Inselchen bestehende

japanische Kaiserreich. Eine ganze Reihe von Vulkanen sind dort

noch heute thätig, und alle paar Jahre dringen Berichte von den

schrecklichen Verheerungen zu uns, welche die Ausbrüche dieser Vulkane

oder die Erdbeben dort anzurichten pflegen. Aber, bringen die Vulkane

Zerstörung mit sich, so gewähren die Mineralquellen, die brühend

heiß ihren Hexenkesseln entspringen, dafür wieder Heilung für viele

körperliche Leiden. Japan ist ungemein reich an derartigen Quellen,

die Eisen, Schwefel, Arsenik, Salz und Soda enthalten, und rings um

diese Quellen sind zahlreiche Badeorte entstanden, die seit vielen

Jahrhunderten von den Japanern aufgesucht werden: Unzen in der Nähe

von Nagasaki, Kusatsu und Yumoto bei der altberühmten japanischen

Tempelstadt Nikko, Miyanoshita, das fashionabelste und den Europäern

bekannteste Bad in dem Distrikt des heiligen Berges Fudschiyama, und

endlich Ikao mitten in den Gebirgen der Insel Nipon.

Ikao liegt nicht auf der großen Heerstraße der Globetrotter und ist

noch nicht so besucht und verdorben von vergnügungssüchtigen Engländern

und Amerikanern; noch keine Fahrstraße oder Eisenbahn führt hinauf zu

den segenspendenden, heißen Quellen, und wer einen unverfälschten,

stark besuchten, dabei interessanten und an Vergnügungen reichen

Badeort der Japaner kennen lernen will, der reise nach Ikao, dem

Karlsbad von Japan.

Nach meinen Erlebnissen in dem Lande der Morgenruhe, Korea, aus dem ich

eben kam, durfte ich mir eine kleine Erholungsreise wohl gestatten.

Schon die Fahrt nach der Ikao nächstgelegenen Eisenbahnstation, der

Stadt Takasaki, gehört zu den schönsten, die man unternehmen kann.

Das nördlich der Reichshauptstadt gelegene Land, das man im bequemen

Eisenbahnwaggon während dreier Stunden durcheilt, gleicht einem

herrlichen Garten. Jede Erdscholle ist von den fleißigen Japanern

der Kultur unterworfen worden; die kleinen Felder und Obstgärten,

die schattigen Haine, hohen Bambushecken, die Wege und Stege sind

mit solcher Sorgfalt gepflegt, als ob ihre Besitzer lauter reiche

Herren wären, die sich dem Ackerbau und der Gärtnerei nur aus nobler

Passion hingeben. Dabei paßt in dieser geradezu idealen Landschaft

alles zusammen, wie wenn ein geschickter Landschaftsgärtner, irgend

ein japanischer Pückler-Muskau, die Hügel hätte künstlich aufführen

und mit mächtigen Bäumen bepflanzen lassen; als ob er auf die

verschiedenen Nuancen des Grün Rücksicht genommen und hier die hellen

Bambusstauden, dort die dunkleren Kampferbäume, noch weiter die hohen

dunklen Kryptomerien und kurios geformten Fichten nur wegen der

Farbenzusammenstellung und des malerischen landschaftlichen Aufbaues,

nicht aus Nützlichkeitsgründen gepflanzt hätte. Die höchsten Bäume

sieht man auf den kleinen Hügeln, die sich hier und dort aus der

weiten, mit rauschenden Bächen und Flüssen reich bewässerten Ebene

erheben, und aus ihrem dunklen Grün leuchtet irgend ein Tempelchen oder

eine Pagode hervor, zu denen lange Avenuen emporführen, gebildet von

lauter Torii. Zwei, drei Dutzend dieser eigentümlich geschwungenen,

hellrot angestrichenen Thorbogen stehen hier bei manchem Tempelchen

hintereinander. Dieser weiten, schönen Landschaft dienen bewaldete

Bergketten als Hintergrund, drei, vier, fünf hinter- und übereinander,

wie Theaterkulissen, hier und da noch überhöht von steilen

Vulkankegeln, die zwei- bis dreitausend Meter hoch in den blauen

japanischen Himmel ragen.

Takasaki, ein liebliches, belebtes Städtchen, harmoniert heute

vortrefflich mit seiner Umgebung und bildete bei der Annäherung meines

Zuges den farbenreichen Mittelpunkt dieser olympischen Landschaft. Es

war gerade Festtag, und Straßen auf, Straßen ab sah ich nichts als

Triumphbögen aus Reisig und Blumen gebaut, Blumenguirlanden von Haus zu

Haus, dazu unzählige, vielfarbige Lampions, und auf den Dächern wehte

ein Wald von rot-weißen japanischen Flaggen. Jeder Lastwagen, jede

Rickshaw, sogar die Waggons der Pferdebahn, die Takasaki durchzieht,

waren mit Lampions behangen. In den Straßen aber wogte das buntgeputzte

Volk wie Schmetterlinge in einem ungeheuren Blumenbeet. So fröhlich

und zerstreut sie auch waren, die Anwesenheit eines Europäers mitten

unter ihnen fesselte doch ihre Aufmerksamkeit, und bald war ich von

neugierigen Knaben und Mädchen umringt. Sie sahen mich verwundert,

aber dabei ganz zutraulich an, betupften meine Kleider und Handschuhe

und brachen in schallendes Gelächter aus, als ich in japanischer

Sprache versuchte, meine Weiterfahrt auf der Pferdebahn zu arrangieren.

Eine solche führt nämlich von Takasaki noch nun etwa fünfundzwanzig

Kilometer weiter in die Berge hinein, bis nach Shibukawa, ganz so

eingerichtet wie unsere europäischen Pferdebahnen. Dieselben Wagen,

dieselben europäisch uniformierten Kutscher und Schaffner; nur gehen

sie mit ihren Pferden menschlicher um als ihre abendländischen

Kollegen, lassen keine Ueberfüllung der Wagen zu und jede halbe Stunde

wird angehalten, um den Pferden mit kaltem Wasser Maul und Bauch zu

begießen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 65 / 71 段