Yodogawaflusses und ist von alters her der Hafen der früheren
Landeshauptstadt Kioto, mit der sie durch eine Eisenbahn und mehrere
Dampferlinien auf dem Yodogawa verbunden ist. Aber Osaka kann heute
nicht mehr als Hafen gelten, denn es ist etwa zwei bis drei Kilometer
von der schlammigen Mündung dieses Flusses in die seichte Osakabucht
entfernt, und Seedampfer können hier gar nicht herankommen. Osaka
gegenüber, auf der Westseite der etwa fünfzehn Kilometer breiten
Bucht, liegen die Zwillingsstädte Hiogo und Kobe, und diese bilden
ihrerseits den Hafen von Osaka; von dort gelangen all die Erzeugnisse
der letzteren Stadt zur Verschiffung, und wie in der Zeit vor der
Revolution die Stadt Kioto den Hafen Osaka geschaffen hat, so hat
nach der Revolution die Stadt Osaka den Hafen Kobe geschaffen und
zu großer Blüte gebracht. Dieses Kobe ist eine europäische Stadt
mit abendländischen Straßen und Häusern, mit Konsulaten, Theatern,
Konzerthallen, Klubs nach europäischer Art, noch mehr als Yokohama,
und vielleicht auch bestimmt, in nicht zu ferner Zeit dieses zu
überflügeln; Osaka aber ist, wie gesagt, japanisch geblieben.
Das merkt man sofort, wenn man in einer Kuruma durch die Straßen dieser
reizenden Stadt fährt. Sie ist ganz nach amerikanischer Schachbrettart
angelegt; die breiten, geradlinigen Straßen schneiden sich in rechten
Winkeln und werden von einer großen Zahl von ebenso geradlinigen
Kanälen gekreuzt, über die gewölbte, hölzerne Brücken führen. Es sind
also sozusagen zwei Städte übereinander; eine Stadt von Kanälen,
zwischen denen sich nicht weniger als dreieinhalbtausend Brücken
befinden.
Welche von diesen beiden Städten interessanter ist?
Bei Tag wohl die Stadt auf dem Lande mit ihrem ungemein regen Leben
und Treiben und ihren unzähligen Kaufläden, die sich in den meisten
Straßen auf Kilometer dicht aneinanderreihen, als ob jede einzelne der
162000 Familien der Stadt einen Kaufladen besäße. Durch die im Juli
1896 erfolgte Einverleibung von 28 umliegenden Städten und Dörfern in
Osaka hat sie an Bevölkerungszahl um 125000 zugenommen und ist heute
eine Stadt von 752000 Einwohnern, übertrifft also Birmingham um 300000
Seelen, und überall, Straßen auf, Straßen ab sind weitgeöffnete Läden,
so daß man beim Spazierengehen nicht nur die vor den Läden an der
Straße aufgestapelten Waren, sondern auch die in denselben herrschende
Thätigkeit wahrnehmen kann. Osaka ist ja nicht nur Markt-, sondern
auch Fabrikstadt; dabei nicht nur von europäischen Waren, sondern auch
die größte Fabrikstadt nach japanischer Art. Draußen an der Straße
der Handel, drinnen in den Läden die Industrie. Diese ist, was die
spezifisch japanischen Produkte anbelangt, Kleinindustrie geblieben.
Jede Familie arbeitet in den kleinen, niedrigen, aber nach vorne und
hinten offenen und deshalb luftigen Läden für sich oder höchstens mit
Zuhilfenahme von einem oder mehreren Arbeitern. Hier sieht man die
fleißigen, kleinen Japaner, im warmen Sommer mit entblößtem Oberkörper,
mit ihren Händen und häufig auch mit den Füßen arbeiten. Hier sieht
man, wie die kleinen, zierlichen Fächer gemalt, wie ihre Bambusrippen
gespalten und zusammengefügt werden, ein kleiner Artikel, der aber
nach Hunderten von Millionen in alle Welt gerade von Osaka ausgeführt
wird und Millionen in die Taschen der Einwohner bringt. Hier sieht
man das Flechten der zarten, hübschen Strohmatten, die Herstellung
des Indigo zum Färben der in den Fabriken angefertigten Stoffe, das
Weben der herrlichen Seidenstoffe und golddurchwirkten Brokate, das
Zusammensetzen der bekannten Sonnenschirme aus Bambus und Papier, das
Verfertigen der kleinen, hölzernen Nippsachen, Kästchen und Schachteln,
die von verschiedenen Größen, aber derselben Form, so genau ineinander
passen; die Fabrikation der Millionen von Puppen, Kinderspielzeugen
aller Art, der Bronzefigürchen, Schälchen und hunderterlei anderer
wohlfeiler Artikel, die in den europäischen Bazars sich so
wunderhübsch ausnehmen, unsere Bewunderung erregen, unsere Kauflust
reizen. Stundenlang mußte ich in diesen interessanten Quartieren der
japanischen Kleinindustrie verweilen, bald hier, bald dort, und staunen
über die unglaubliche Geschicklichkeit, ebenso wie über die einfachen
Mittel der japanischen Handwerker. In der Zartheit und Genauigkeit
ihrer Arbeit stehen sie unter allen Nationen unübertroffen da oder
können es wenigstens, wenn sie wollen. Infolge des ungeheuren Absatzes,
den diese japanischen Nippes in Europa und Amerika gefunden haben, ist
die Nachfrage nach diesen, größtenteils aus Osaka stammenden Artikeln
so lebhaft geworden, daß die Kleinindustrie mit Arbeit überhäuft ist,
und da der Nachwuchs an Arbeitern nicht genügt, ihre Arbeitskraft aber
bei vierzehn- bis sechzehnstündiger Arbeitszeit nicht höher angespannt
werden kann, so ist in den letzten Jahren ein bedauerlicher Schlendrian
in der Herstellung eingetreten. Osaka ist eine Art japanisches Chicago,
mit seiner Jagd nach dem Gelde. Verdiene Geld, verdiene es ehrlich, und
kannst du es nicht, so verdiene es doch.
Nur eine beschränkte Zahl von Kunstgewerben hat sich noch zum Teil
von dieser Leichtfertigkeit freigehalten, darunter die Herstellung
feiner Bronzewaren und feiner Porzellansachen. In den Kuriositätenläden
von Yokohama und Kobe wurden mir häufig reizende Artikel dieser Art
vorgelegt. Bronzen mit eingesetzten oder aufgehämmerten Figuren,
Ornamenten, eingelegtem, ungemein zartem Email, in den herrlichsten
Formen, in der zartesten Ausführung. Oder entzückende kleine Vasen,
Schalen, Tassen, Aschebehälter aus feinstem Porzellan, bedeckt mit
Malereien von einer Feinheit, Kleinheit und Farbenpracht, die in Europa
unerreicht ist. Man nannte mir als Erzeuger dieser Waren Firmen aus
Osaka mit weitberühmten Namen. Als ich diese Firmen aufsuchte, um
die Erzeugungsart dieser kleinen Kunstwerke kennen zu lernen, fand
ich sie auch nur in bescheidenen kleinen Holzhäuschen, aber sie
hatten keine offenen Kaufläden wie ihre minderwertigen Kollegen. An
den verschlossenen Häusern, die man ebensogut für Privathäuser hätte
halten können, waren keine Schilder oder Firmentafeln, ja selbst als
ich Einlaß gefunden hatte, sah ich auch im Innern keine Schaustücke
ausgestellt. Erst nach längerer Unterhaltung und nachdem ich den
von zarten Mädchenhänden dargereichten Thee geschlürft, wurden die
Kästen geöffnet, aus Baumwolle und Papier die kleinen Kunstgegenstände
ausgewickelt und mir mit großem Zeremoniell, etwa wie der kostbarste
Brillantschmuck, dargereicht. Und als ich die Frage stellte, wo das
Atelier sich befände, wies man mich eine steile, enge Holztreppe
hinauf in das erste Stockwerk, wo ein paar junge Arbeiter auf dem
Fußboden saßen und an den kleinen Porzellanvasen und -schalen
herumpinselten. Das war die ganze weitberühmte Fabrik. In Europa
wäre ein Porzellanmaler von solcher Kunst und Fähigkeit mindestens
ein Professor, in einem schönen Atelier sitzend und mit ansehnlichem
Gehalt. Hier sind die Künstler junge bescheidene Burschen, die sechzehn
Stunden den Tag arbeiten, halbnackt auf ihren Fersen hocken und als
Tagelohn einen Yen, etwa zwei Mark, erhalten. Wenige werden besser
bezahlt, während die weitaus größte Mehrzahl von Arbeitern, die in
dem Kleingewerbe von Osaka Verwendung finden, nicht mehr als vierzig
bis fünfzig Pfennig den Tag verdienen. Und derartiger Arbeiter giebt
es in Osaka über sechzigtausend. Die besten Mechaniker erhalten einen
Tagelohn von etwa zwei Mark, Sticker, Aufseher, Maler, Holzschnitzer
eine Mark, Fabrikarbeiter durchschnittlich vierzig bis fünfzig Pfennig,
Tagelöhner siebzig Pfennig. Noch viel geringere Arbeitslöhne erhalten
die Arbeiterinnen. Am höchsten werden die Stickerinnen und Malerinnen
bezahlt. Sie erhalten etwa vierzig Pfennig täglich; ihnen zunächst
kommen Aufseherinnen und die ausgezeichnetsten Arbeiterinnen in den
verschiedenen Industriezweigen mit etwa dreißig Pfennig, gewöhnliche
Arbeiterinnen in den Fabriken mit zwanzig Pfennig und schließlich die
Lehrmädchen mit zehn bis dreizehn Pfennig täglichem Arbeitslohn. Wie
man sieht, betragen also die Arbeitslöhne in Japan im großen und ganzen
nur ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Löhne, und wenn man
berücksichtigt, daß Japan in Bezug auf Asien etwa ähnlich gelegen ist
wie England in Bezug auf Europa, daß es mit den verschiedenen Ländern
und Häfen der asiatischen Welt durch eigene japanische Dampferlinien in
Verbindung steht und daß die Entfernung dieser Länder von Japan nur ein
Drittel bis ein Fünftel ihrer Entfernung von Europa beträgt, an Fracht
und Versicherungskosten demnach ungemein viel erspart wird, so hat man
die Erklärung für den Aufschwung von Japan als Industriestaat und die
Bedrohung der asiatischen Märkte durch die japanische Industrie.
Am auffälligsten wird sich das dem Japanreisenden in Osaka zeigen. Die
einheimische Bevölkerung hat für die Bewältigung der industriellen
Aufgaben hier längst nicht mehr hingereicht, und aus allen Provinzen
strömt die Landbevölkerung hier zusammen, um Arbeit zu finden,
die in der Stadt immer noch besser bezahlt wird wie auf dem Lande,
gerade so wie es in den europäischen Industrieländern der Fall ist.
In den letzten Jahren sind ganz neue Stadtteile entstanden, und die
leichten, ärmlichen Häuschen sind schon vermietet, ehe sie fertig
dastehen. Die Baugründe sind in diesem industriellen Emporium im
Preise auf nahezu das Dreifache jener der Landeshauptstadt Tokio
gestiegen, dementsprechend sind auch die Mieten und der Schischikin
höher. Jeder, der ein Haus mieten will, muß dem Besitzer, bevor er
das Haus bezieht, eine bestimmte Summe als eine Art Garantie zahlen,
und diese wird Schischikin genannt. Brennt das Haus nieder, so fällt
der Schischikin dem Hausbesitzer ganz zu, jedenfalls erhält er aber
beim Ablauf der Miete zwanzig Prozent dieses Garantiebetrages, und bei
den ärmlichen Verhältnissen der Japaner muß es Verwunderung erwecken,
daß sie überhaupt im stande sind, den Schischikin zu erlegen. Der
größte Zuzug nach Osaka kommt aus der westlich davon gelegenen Provinz
Hiroschima, hauptsächlich Nachkommen der von den japanischen Eroberern
unterworfenen Ureinwohner des Landes, der Ainos, ein friedfertiges,
fleißiges, anspruchsloses Völkchen, das auch das Hauptkontingent
für die japanischen Arbeiterkolonien in Australien, Neukaledonien,
Hawai u. s. w. geliefert hat. Tausende von armen jungen Mädchen im
zarten Alter von acht bis zwölf Jahren finden in den Fabriken von
Osaka Beschäftigung, und viele Fabrikbesitzer haben für diese jungen,
unselbständigen Arbeiterinnen eigene Kasernen angelegt, in welchen sie
essen, schlafen, ja mitunter sogar im Lesen und Schreiben unterrichtet
werden. Von ihrem kärglichen Tagelohn von durchschnittlich zwölf
Pfennig müssen sie etwa neun Pfennig für Kost und Wohnung abgeben. Bei
ihrem Anwerben erhalten sie einige Mark für Kleidung und überdies die
Reisekosten nach Osaka, dafür müssen sie sich auf die Dauer von drei
Jahren an die Fabrik verpflichten; der Ueberschuß von ihren Löhnen wird
in eigenen Sparkassen angelegt und ihnen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit
bar ausbezahlt. Die erste Fabrik, die diese Einrichtung traf, war die
große Kanegafudschi-Spinnerei in Tokio, welche über zweitausend solcher
kleiner Mädchen beschäftigt.
Aber wo sind diese großen Fabriken von Osaka? In dem Straßengewirre
dieser großen Stadt sind sie nicht zu sehen. Sie liegen größtenteils
außerhalb, an den schmutzigen, übelriechenden Kanälen, gewaltige, ganz
europäische Bauten, nach den modernsten Mustern angelegt und mit den
besten europäischen Maschinen eingerichtet, von denen viele auch von
Deutschland bezogen worden sind. Die beiden größten Etablissements
stehen unter dem Betriebe der Regierung: das Arsenal und die Münze.
Nach dem Urteil hervorragender Fachleute können sich beide mit den
besten Etablissements dieser Art in Europa messen. Der österreichische
Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, sagt in seinem ausgezeichneten
Weltreise-Tagebuche folgendes über das Arsenal: „Die Kürze der Zeit, in
welcher Japan vermocht hat, sich mit allen einschlägigen europäischen
Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu wunder. Das Arsenal
ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so daß die
Geschützrohre, welche in rohem Zustande aus der Gießerei kommen, binnen
kürzester Zeit fertiggestellt werden. In mehreren umfangreichen Hallen
wird die Geschoßerzeugung in großem Stile betrieben; selbstverständlich
fehlt es auch nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen,
Reparaturwerkstätten, Tischlereien, Wagenbauereien und Sattlereien. Das
Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland;
so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische
Regierung hergestellt.”
Ebenso wie das Arsenal wird auch die kaiserliche Münze, eine der
größten und vollkommensten der Erde, durchaus von Japanern geleitet.
Mit erstaunlichem Nachahmungstalent haben die kleinen, freundlichen,
zuvorkommenden Japaner auf ihren europäischen Studienreisen die
Geheimnisse unserer Erzeugungsmethoden auf geraden oder krummen
Wegen kennen und nachahmen gelernt, und nach Hause zurückgekehrt war
es ihr erstes, dieselben Anlagen herzustellen und einzurichten, um
sich von den europäischen Märkten zu befreien. Dasselbe gilt von den
großen Baumwollspinnereien, in denen Hunderttausende von Spindeln
schwirren und aus australischer, indischer, ja selbst ägyptischer
Baumwolle Garne herstellen, die in ganz Ostasien, sogar in Indien,
allmählich die europäischen Produkte verdrängen. Aehnliches gilt von
Webereien, Bierbrauereien, Lederfabriken, Glasbrennereien. Auf meinen
Spaziergängen durch Osaka stieß ich sogar auf Fabriken von europäischen
Regenschirmen, für welche die Stahlrippen aus Deutschland kommen, von
Seifen, Zahnbürsten, Schuhen, ja sogar von Taschenuhren. Allerdings
arbeitet die Uhrenfabrik heute noch, nach mehrjährigem Bestande, mit
Verlust, aber es wird nicht lange dauern, bis sie ebensolche Erfolge
aufzuweisen haben wird wie die Fabriken schwedischer Streichhölzchen,
die heute schon die ganze, früher sehr bedeutende Einfuhr dieser
Artikel aus Europa in Ostasien verdrängt haben.
Die Regierung unterstützt diese Entwickelung der einheimischen
Industrie mit allen Kräften und lehnt sich dabei vollständig an die
den Europäern haarklein abgelauschten Methoden an. So fand ich mitten
in der Stadt ein großartiges Handelsmuseum, wie es leider selbst in
vielen europäischen Großstädten noch fehlt. Jede japanische Stadt
hat ein derartiges, Hakurankwei genanntes Museum, aber von allen,
die ich gesehen habe, ist jenes von Osaka das vollständigste. Gegen
Erlag eines Eintrittsgeldes von wenigen Pfennigen trat ich in einen
großen, mit Baumanlagen und Blumenbeeten geschmückten Ausstellungspark
mit einer Anzahl von Gebäuden, ganz wie irgend eine europäische
Industrieausstellung, nur daß jene von Osaka permanent ist. In den
Gebäuden sind all die hunderterlei Industrien der Stadt systematisch
geordnet; die Produkte sind mit vielem Geschick übersichtlich
aufgestellt; jeder einzelne Artikel, selbst der kleinste, zeigt
auf einem kleinen Zettelchen den Preis und kann gleich an Ort und
Stelle erworben und mitgenommen werden. Am Abend ist der Park mit
elektrischem Licht hell erleuchtet, eine Militärmusik konzertiert, und
Tausende von Japanern besuchen diese Ausstellung, als ob Ausstellung,
elektrisches Licht, Wiener Walzer und dergleichen hier etwas ganz
Selbstverständliches, Altbekanntes und nicht durchaus fremde, erst vor
wenigen Jahren hier aufgepfropfte Kulturblüten wären.
Ebenso wie der Industrie haben sich die Japaner auch der europäischen
Militärkunst bemächtigt und sie in Osaka nach dem alten dräuenden
Fort verlegt, das auf einer Anhöhe im Osten der Stadt, hoch über dem
wasserreichen, reißenden Yodogawastrom, thront. Der große japanische
Feldherr Hideyoschi ließ es im Jahre 1583 erbauen, und sein Palast im
Innern dieser starken Feste war der großartigste und kostbarste, den
Japan je besessen hat. Der erste Schogun aus der Familie Tokugawa, der
berühmte Iyeyasu, nahm es 1615, und seither blieb es im Besitz der
mächtigen Schogune bis zum Jahre 1858. Hier wurde der letzte Schogun
mit dem Reste seines Heeres von den Truppen des Mikado bedrängt,
und am 22. Februar des genannten Jahres fiel auch dieses japanische
Gaeta. Der Schogun flüchtete sich auf ein amerikanisches Kriegsschiff,
seine Anhänger steckten den kostbaren Palast, den größten Stolz der
japanischen Kunst, in Brand, und die Flammen, die ihn verzehrten,
wurden zum Grabe des altjapanischen Feudalsystems, gleichzeitig aber
zur Wiege der neuen Kaiserherrschaft und der modernen Aera.
Heute enthält die Festung die Kasernen und Offiziersquartiere einer
japanischen Division. Zwischen den Wachen durch die Eingangsthore
schreitend betrachtete ich mit Staunen die gewaltigen Mauern,
welche Hideyoschi vor dreihundert Jahren hier hat aufführen lassen.
Steinblöcke von sechs bis sieben Metern Länge, in einem Gewichte von
weit über hundert Tonnen, an Massenhaftigkeit mit den Steinkolossen
von Baalbeck und Karnack wetteifernd, liegen hier zu ungeheuren Mauern
aufgetürmt, und wie dort, so mußte ich mich auch hier wundern, wie es
den alten Japanern mit ihren ursprünglichen Mitteln, ohne Kenntnis
unserer Mechanik, möglich war, diese Blöcke hierherzubringen und
aufeinanderzulegen. Dieselben sind übrigens auch bei den Japanern
Gegenstände der Bewunderung, und jeder einzelne hat seinen eigenen
Namen. An den Ecken erheben sich heute noch auf diesen Mauern die
eigentümlichen altjapanischen Wachthäuser mit mehreren Dächern
übereinander, sonst aber ist alles dem modernen Militärwesen
entsprechend eingerichtet worden. Wo immer möglich, scheint es das
Streben der japanischen Regierung zu sein, Altjapan zu zerstören und
die Kultur gewaltsam der abendländischen anzupassen. Aber im Volke mit
seinen Sitten, seiner Religion und seinen Trachten ist alles beim alten
geblieben.
[Illustration: Yebiso, Vorstadt von Osaka.]
Auf dem Gipfel des Fudschiyama.
Als wir zwei, Herr Josef Schittenhelm aus Wien und ich, die Höhen
des steilen Otometogepasses erklommen hatten, zeigte sich unser
Reiseziel, der gewaltige Fujiyama (sprich Fudschiyama) in seiner ganzen
Majestät. Scharf heben sich seine chokoladebraunen Flanken und seine
schneebedeckte Spitze von dem klaren, blauen japanischen Himmel ab,
ganz so wie er auf Millionen von Abbildungen zu sehen ist, aber wie er
sich den Sommer über in Wirklichkeit nur selten zeigt. Gewöhnlich ist
sein Haupt in dichte Wolken gehüllt, und viele Reisende haben während
ihres wochenlangen Aufenthaltes im Mikadoreiche den heiligen Berg
der Japaner überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Als kleiner Junge
hatte ich den spitzen Vulkankegel auf einem japanischen Papierfächer
abgebildet gesehen; später auf Porzellanvasen, auf Tellern, in
drolligen japanischen Bilderbüchern, in Gold auf Bronze- und
Silbergefäßen getrieben, kurz auf all den unzähligen Sächelchen, mit
welchen die Japaner unseren Markt überschwemmen. Ist doch der Fudschi
das Wahrzeichen der Japaner, eine Art Gottheit, die Verkörperung der
Konohamasaku ya hime, d. h. der Prinzessin, welche die Knospen der
Bäume zu Blüten entwickelt. Wo hätte ich jemals gedacht, daß ich diesen
herrlichsten aller Berge in Wirklichkeit sehen würde! Und nun sollte
ich morgen auf seiner Spitze stehen!
Eigentlich ein unsinniges Unternehmen, eine zwecklose, mühsame,
aufreibende Spielerei. Die Besteigung des Fudschi gilt den Japanern als
Sühne für ihre Sünden, viele Tausende von Pilgern strömen im Sommer
aus allen Teilen des Reiches herbei, und es bestehen, besonders unter
der Landbevölkerung, zahlreiche Pilgervereine, deren Mitglieder einen
kleinen Jahresbeitrag leisten, um in jedem Jahre abwechselnd einer
Anzahl von Pilgern die Wallfahrt zum Fudschisan zu ermöglichen. Aber
unsere christliche Religion kennt keine Bergbesteigungen als Buße für
unsere Sünden. Indessen, zehn Jahre vorher hatte ich auf der Spitze des
Popocatepetl, des höchsten Berges von Nordamerika gestanden, und es
reizte mich, nun auch auf dem höchsten Berge von Ostasien zu stehen.
Unsere Kulis trugen uns im raschen Lauf durch eine wahrhaft
paradiesische Landschaft herab nach Gotemba, an den Fuß des
Fudschi. Wir saßen in Tragstühlen, die ganz bequem sind, solange
man sich in Ruhe befindet. Werden aber die langen Tragstangen aus
elastischem Bambusrohr auf die Schultern der Kulis gehoben und
schlagen dieselben eine raschere Gangart an, dann wird man in
grausamer Weise durchgeschüttelt. Bei jedem Schritte wird man aus dem
Stuhl emporgeschnellt und fällt so unsanft auf den harten Rohrsitz
zurück, daß wir ganz zerschlagen in Gotemba, einem an der großen
Tokaidobahn gelegenen Dörfchen, eintrafen. In einem Theehause,
bedient von zierlichen Nesanmädchen, nahmen wir unseren Mittagsimbiß,
verabschiedeten unsere Kulis und machten uns nach kurzer Rast wieder
auf den Weg nach Subashiri. Mein Reisegefährte wollte um keinen Preis
mehr einen Tragstuhl besteigen. Den ungefähr sechs Kilometer auf
harter Lava aufwärts führenden Weg zu Fuß zurückzulegen wollte uns in
Anbetracht der uns bevorstehenden ermüdenden Bergbesteigung auch nicht
zusagen, und so mieteten wir den einzigen Wagen, der in Gotemba zu
haben war, ein elender Kasten, bespannt mit einem müden Klepper. Wir
waren damit aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn die Fahrstraße
zwischen Gotemba und Subashiri erwies sich als eine der elendesten,
die ich jemals befahren habe, voll tiefer Schlammlöcher, Steintrümmer
und Lavablöcke, so daß wir während dieser denkwürdigen Fahrt noch
schlimmer durchgeschüttelt wurden als vorher in den Tragstühlen.
Subashiri ist eines der interessantesten Dörfchen von Japan. Die große
Pilgerzeit hatte begonnen, und gewiß mochten an zweitausend Pilger
in den zahlreichen Hotels und Theehäusern weilen, aus denen der Ort
besteht. Während wir auf der Terrasse des Yone-yama-Theehauses ruhten,
kamen und gingen ununterbrochen Pilgerzüge von sechs, acht, zwanzig,
dreißig Personen, alt und jung, reich und arm, aber ausschließlich
nur Männer, keine Frauen, denn das Betreten des heiligen Berges ist
den Frauen verboten. Alle die Pilger, die an uns vorbeizogen, waren
gleich gekleidet: weiße Jacken, weiße, enganliegende Beinkleider,
weiße Socken, Strohsandalen an den Füßen, ungeheure Strohhüte auf
den Köpfen; um die Schultern hatte jeder eine etwa quadratmetergroße
Strohmatte geschlungen, die als Schutz gegen Regen, Sonne und Kälte,
zur Nachtzeit auch noch als Lagerstätte dient. In seiner Rechten trug
jeder Pilger einen langen Stab wie unsere Bergstöcke, in der Linken
aber eine Glocke, mit welcher fortwährend gebimmelt wurde. Auf den
Veranden, in den nach allen Seiten offenen Häusern waren Pilger, die
einen ruhten, die anderen spielten oder rauchten oder machten in
höchst rücksichtsloser Weise ihre Toilette. Auf dem mattenbedeckten
Fußboden unseres Theehauses wurde eben von der Hotelgesellschaft die
Abendmahlzeit eingenommen. Japanische Herren und Damen, darunter
ganz junge Mädchen, hockten im Kreise auf ihren Waden und handhabten
geschickt ihre Eßstäbchen, indem sie Reis in ihren Mund schaufelten
und ab und zu aus einer in der Mitte stehenden großen Schüssel ein
Stückchen Fisch oder Wurzel abgabelten.
Der schlaue Hotelwirt wollte wahrscheinlich von uns das Geld für ein
Nachtquartier verdienen, denn er riet uns sehr ab, noch heute abend
den Aufstieg auf den Fudschi zu wagen. Das Wetter würde schlecht
werden, es wären auch keine Pferde mehr da, um uns durch die Lava-
und Schuttfelder nach Umagaishi, der letzten für Reiter zugänglichen
Station des heiligen Berges zu bringen und dergleichen mehr. Als
wir aber dennoch darauf bestanden und es mir gelungen war, ein paar
Reitpferde aufzutreiben, hetzte er uns die Polizei auf den Hals.
Mit wichtiger Miene wurden uns die Pässe abverlangt, da sie aber
von der Regierung in Tokio ausgestellt und vollständig in Ordnung
waren, belästigten uns die uniformierten Gesetzeshüter nicht weiter,
vertrieben sogar noch die zahllosen Kinder, die uns in einem großen
Kreise stehend begafften.