Die Japaner pflegen für größere Reisen ihre Hauskleider, Reisedecken,

Lebensmittel und dergleichen mitzubringen, und sobald sie den Waggon

mit höflichen Verneigungen gegen die Mitreisenden betreten haben,

machen sie es sich auf den langen schmalen Sitzen so bequem als

möglich. Die Straßenkimonos werden mit dem leichten, aus hellem Stoff

angefertigten Hauskleide vertauscht, was bei dem Umstande, daß die

Japaner keine Unterwäsche tragen, zu ähnlichen Schaustellungen führt,

als wollten wir in unseren gefüllten Waggons das Unterhemd wechseln;

fortschrittliche Japaner, bei denen die europäische Kultur, von unten

beginnend, sich bereits durch moderne Schuhe oder Stiefel äußert,

streifen diese gewöhnlich ab und bleiben während der ganzen Fahrt in

Socken; bei besonders heißem Wetter schlagen die Reisenden beiderlei

Geschlechts ihre Kimonos zurück und fächeln mit den stets in ihren

Händen befindlichen Papierfächern ihren nackten Beinen Kühlung zu.

Ueberfällt die reisenden Kinderchen etwa ein natürliches Bedürfnis,

so befriedigen sie dasselbe mitunter, besonders in der dritten

Wagenklasse, auf dem Fußboden des Waggons. Reisetaschen und Koffer

nach unserer Art haben im Reiche des Mikado erst spärlich Eingang

gefunden; der Japaner der unteren Stände packt seine Siebensachen

gewöhnlich in ein buntes Taschentuch, das er vorläufig nur zu diesem

Zwecke gebraucht; für jenen, zu dem wir es verwenden, bedient er sich

kleiner Papierchen. Hat eine Japanerin in irgend einem der europäischen

Kaufläden von Tokio oder Yokohama wirklich eine lederne Reisetasche

erstanden, so wickelt sie auch diese sorgfältig in ein buntes

Taschentuch und trägt sie wie ein Bündel. Ohne Bündel keine Reisende.

Kleidungsstücke und dergleichen bringen die Japaner gewöhnlich in

Yanagigori, kurzweg Kori genannt, unter. Diese Kori bestehen aus zwei

länglichen Körben, die mit der Oeffnung gegeneinander zusammengeschoben

und mit Stricken gebunden werden. Sie haben gegenüber unseren

Reisekoffern den Vorteil, daß sie sich dem Inhalt anschmiegen und desto

weiter auseinandergezogen werden können, je umfangreicher ihr Inhalt

ist. Auch die in Japan wohnenden Europäer benutzen auf ihren Reisen

gewöhnlich diese praktischen Kori, und aus Leder hergestellt, sowie

mit Schlössern versehen, würde sich ihre Einführung in Europa sehr

empfehlen.

Für diejenigen Reisenden, die sich ihren Mundbedarf nicht von Hause

mitgebracht haben, werden auf den einzelnen größeren Stationen

überall Lebensmittel, Kuchen, Eier, Früchte, ja ganze Mahlzeiten

feilgeboten. Dazu dienen Schachteln in der Größe und Form unserer

Cigarrenschachteln aus neuem weißen Holz, sogenannte Bento, die wenige

Sen kosten. Beim Oeffnen der Umhüllung findet man zunächst eine kleine

Papierserviette, dann einen Holzspan, der als Löffel dient, und zwei

Eßstäbchen, zusammen von der Stärke und Länge eines Bleistiftes, die

zum Zeichen ihrer Jungfräulichkeit nur zu zwei Dritteilen ihrer Länge

auseinandergespalten sind. Unter ihnen zeigen sich die Leckerbissen

der japanischen Mahlzeit: auf der einen Seite der Schachtel allerhand

gekochte Wurzeln, eingemachte Früchte, rohe oder gesalzene Fischchen,

aber niemals Fleisch, auf der anderen Seite köstlicher, blendend weißer

Reis. Die Eßstäbchen dienen als Messer und Gabel, die Schachtel als

Teller; dazu werden auf den Stationen Flaschen mit gutem japanischen

Bier, Limonade und zur Kühlung dieser Getränke Eisstücke feilgeboten.

Das gebräuchlichste Getränk ist aber doch Thee geblieben. Kleine

Jungen verkaufen ganz reizende Theetöpfe mit heißem Theeaufguß und

kleinen Schälchen dazu für drei bis vier Sen, alles inbegriffen,

und kommt der Eisenbahnzug nach mehrstündiger Fahrt an eine größere

Station, so ist es gewöhnlich die erste Aufgabe der mit der Reinigung

der Waggons beauftragten Stationsdiener, die Dutzende von Theetöpfen

und Schälchen zu entfernen, die sich während der Reise angesammelt

haben. Die Töpfe finden aber zuweilen auch eine andere Verwendung,

wie ich auf einer Reise von Tokio nach Osaka in Gesellschaft mehrerer

europäischer Damen und einer Anzahl Japaner wahrzunehmen Gelegenheit

hatte. Einer der letzteren hatte eben zwei Täßchen Thee geschlürft und

den Theetopf unter den Sitz gestellt, als er Gelegenheit bekam, ein

im Waggon vorhandenes Seitenlokal zu benutzen. Statt sich dorthin zu

bemühen, holte er gemächlich den Theetopf wieder hervor und warf ihn

nach vollbrachter That im kühnen Schwunge zum Waggonfenster hinaus.

Derselbe Mann aber entfernte sich, an seinem Ziele angelangt, unter den

ehrerbietigsten Verbeugungen vor uns aus dem Waggon, ein Beweis, daß er

von der Unziemlichkeit seines früheren Betragens keine Ahnung hatte.

Europäer durften sich in Japan bis 1898 auch auf den Eisenbahnen

keineswegs frei bewegen, für jede Reise bedurften sie eines von der

Regierung ausgestellten Reisepasses in japanischer Sprache, in dem

die einzelnen Orte, wo die Reisenden Aufenthalt nehmen wollten,

genau angegeben waren. An jeder Eisenbahnstation, ja in jedem noch

so kleinen Orte wachte die luchsäugige japanische Polizei mit der

größten Strenge über die Reisenden, und wie eingangs erwähnt, kein

Europäer durfte sich ein Eisenbahnbillet lösen, ohne daß sein Reisepaß

vorher von einem Polizisten geprüft worden wäre. Wurde er in einem

Orte angetroffen, der in seinem Passe nicht erwähnt war, so konnte er

sich empfindlichen Unannehmlichkeiten aussetzen. Wie in dem gestrengen

Rußland konnte er ohne Paß in keinem Hotel Aufnahme finden. Durch

diese Paßschwierigkeiten wäre im Sommer 1894 meine Reise von Japan

nach Korea bald zu Wasser geworden. Der letzte Passagierdampfer, der

vor dem chinesisch-japanischen Kriege überhaupt nach dem „Lande der

Morgenruhe” abgelassen wurde, sollte an einem bestimmten Tage den

Hafen von Kobe verlassen, und mein Reisepaß war in Myanoshita, wo ich

mich gerade befand, noch nicht eingetroffen. Um den Dampfer nicht zu

versäumen, nahm ich zu einer List meine Zuflucht. Eine Kuruma, gezogen

von zwei flinken Burschen, brachte mich und mein Reisegepäck, in dem

sich unter anderem ein vollständiger japanischer Anzug befand, am Abend

des letzten Tages aus dem Gebirge nach der Eisenbahnstation Kodzu. In

dem Theehause der Station gegenüber nahm ich einen Imbiß ein, den ich

mit einem reichlichen Dschadai (Trinkgeld) bezahlte, und ersuchte dabei

eins der kleinen, mich bedienenden Nesanmädchen, mir eine Fahrkarte

nach Kobe zu lösen. Durch einen glücklichen Zufall war der Polizist

am Schalter gerade nicht anwesend, und sie brachte mir das ersehnte

Stückchen Pappendeckel. In der Dunkelheit stahl ich mich nun in ein

Bambusgestrüpp nahebei, streifte rasch meine Oberkleider ab, warf mich

in einen Kimono, band ein rotes Kopftuch um, setzte eine große dunkle

Brille auf und verbarg meine europäischen Kleider in dem Reisesack.

So wartete ich das Herannahen des Zuges ab, und als er in die Station

eingefahren war, sprang ich, so schnell es die schweren Holzpantoffeln

erlaubten, mit einem Tuche vor dem Munde, als hätte ich Zahnschmerzen,

zwischen Polizisten und Bahnbeamten hindurch in den Zug. Während der

nächtlichen Fahrt erschien glücklicherweise nur ein Jünger der heiligen

Hermandad in meinem Waggon, wo ich mich auf eine Bank ausgestreckt

schlafend stellte. Meine Vermummung und die Dunkelheit halfen mir über

diese Gefahr hinweg, und glücklich kam ich in Kobe, einem den Europäern

geöffneten Hafen an, wo man sich über meine japanische Tracht nicht

wenig ergötzte. Das Schiff war erreicht, der Reisepaß aber kam, wie ich

nachträglich erfuhr, erst zwei Tage nach meiner Abreise in Myanoshita

an.

Mit ihren Eisenbahnen machen die Japaner vortreffliche Geschäfte. Nach

den offiziellen Mitteilungen vom Jahre 1896 hat das Eisenbahnnetz eine

Länge von etwa 3000 Kilometern erreicht. Das ist vorderhand nicht

viel, denn Japan hat dieselbe Größe wie ganz Norddeutschland mit

Ausschluß der thüringischen Staaten und dabei eine Einwohnerzahl von 42

Millionen, also um 9 Millionen mehr als Norddeutschland. Während dieses

nun ein Bahnnetz von über 30000 Kilometern Länge besitzt, hat dasselbe

in Japan nicht viel mehr als ein Zehntel dieser Länge im Betrieb. Dafür

sind augenblicklich noch weitere 1500 Kilometer im Bau begriffen.

Während des Jahres 1895 hat die Regierung 26 temporäre Baubewilligungen

im Gesamtumfange von 1350 Kilometern mit einem Kapital von 40 Millionen

Yen erteilt, dazu 5 permanente mit 390 Kilometern und 10½ Millionen

Kapital. Die Spurweite der japanischen Bahnen ist geringer als jene

der europäischen und beträgt nur, die Schienen einbegriffen, 1 Meter

15 Centimeter, weshalb die Geschwindigkeit der Schnellzüge zu wünschen

übrig läßt. Dafür sind auch die Fahrpreise geringer, denn sie betragen

für den Kilometer nur etwa 6 Pfennig in der ersten, 4 Pfennig in der

zweiten und 2 Pfennig in der dritten Klasse. Mit Ausnahme der kurzen

Strecken zwischen Kobe und Osaka, sowie zwischen Tokio und Yokohama

sind alle japanischen Bahnen eingleisig.

Unter staatlicher Verwaltung standen 1895 880 Kilometer mit 127

Stationen und 3000 Waggons, die Einnahmen beliefen sich auf 7¼

Millionen Yen, die Ausgaben auf 4 Millionen, so daß bei einem

Anlagekapital von 40 Millionen Yen die Verzinsung etwa 8 Prozent

beträgt; im Jahre 1891 belief sie sich nur auf 6 Prozent.

80 Millionen Yen sind in den Eisenbahnlinien der Privatgesellschaften

angelegt, die Ende 1895 eine Gesamtlänge von 2300 Kilometern mit 273

Lokomotiven und 5000 Waggons besaßen. Ihre Einnahmen beliefen sich auf

8¾ Millionen, die Ausgaben auf 4 Millionen, und da von dem Kapital nur

60 Millionen eingezahlt sind, so ergiebt sich bei einem Reingewinn von

5¾ Millionen eine recht ansehnliche Dividende.

Die Zahl der Passagiere belief sich 1895 auf nahezu 22 Millionen, von

denen 20½ Millionen die dritte Fahrklasse benutzten und 750000 die

zweite; nur 50000 fuhren in der ersten Klasse, der Rest entfällt auf

Dienstreisende.

Durch Unfälle wurden 135 Passagiere getötet und 38 verwundet.

Im Jahre 1898 war die Länge der Staatsbahnlinien 1065 Kilometer, der

Privatbahnen 3682 Kilometer, zusammen also 4747 Kilometer.

Ebenso wie Dampfeisenbahnen sind in den letzten Jahren auch zahlreiche

Pferdebahnen in Japan gebaut worden, in Städten sowohl wie auf dem

Lande, ja die Japaner sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen und

können sich einer Eisenbahn rühmen, wie sie auf dem weiten Erdenkreis

wohl kaum ihresgleichen hat. Als ich im Sommer 1894 auf meinen Fahrten

längs der herrlichen Bucht von Odawara, südlich von Yokohama, das Bad

von Atami mit seinem berühmten intermittierenden Geiser besuchte, legte

ich den Weg dahin noch in der Rickshaw zurück. Seither sind spekulative

Köpfe auf den Gedanken gekommen, eine Rickshaw-Eisenbahn anzulegen

mit menschlichen Lokomotoren. Statt der von einem Kuli gezogenen

Handwägelchen laufen auf dieser Bahn viersitzige Wagen, von zwei Kulis

gezogen. Ich glaube, es besteht in Japan bereits ein Tierschutzverein.

Ob es nicht zweckmäßig wäre, auch einen Menschenschutzverein zu

gründen? Die Steigungen auf dieser Kulibahn sind derart bedeutend, daß

sie von den armen Zugmenschen kaum bewältigt werden können, besonders

wenn statt vier sogar sechs Passagiere in dem Wägelchen Platz nehmen;

ebensowenig können die Kulis beim Herabfahren den ins rasche Rollen

gekommenen Wagen zurückhalten, und es ist in der kurzen Zeit des

Bestehens dieser Kulibahn schon häufig zu Unglücksfällen gekommen.

Die Aufhäufung des Verkehrs durch die Eisenbahnen hat natürlicherweise

die alten Verkehrsstraßen Japans vereinsamt, aber wer Land und Leute

kennen lernen will, muß dieselben doch noch benutzen. Die älteste

dieser Straßen, die berühmte Nakasendostraße, läuft von Kioto mitten

durch die Insel Nipon in östlicher Richtung; eine zweite führt von

der alten Reichshauptstadt nach Norden, eine dritte in nordöstlicher

Richtung nach der heiligen Tempelstadt Nikko, aber während der letzten

Jahrzehnte vor der Einführung der Eisenbahnen war die belebteste

Verkehrsstraße der Tokaido, zwischen Kioto und Yeddo, die Hauptroute

der alten Feudalfürsten mit ihrem zahlreichen, oft nach Tausenden

zählenden Gefolge auf ihrem jährlichen Huldigungszuge an den Hof des

Schoguns. Der Verkehr auf dieser wichtigsten Route Japans wurde an

Lebhaftigkeit von keiner Straße in den Großstädten übertroffen, und

selbst heute noch wird der Tokaido täglich von Tausenden benutzt, die

zu Fuß, zu Wagen, in der Rickshaw oder in der japanischen Sänfte,

dem Kago, längere Reisen unternehmen. Leider verwendet die unter

dem Zeichen des Dampfverkehrs stehende japanische Regierung auf die

Straßen nur wenig Sorgfalt. Häufige Ueberschwemmungen und Erdbeben

richten in jedem Jahre immer größere Verheerungen an, und stellenweise

sind diese Verkehrswege kaum passierbar. Noch vor zwei Jahrzehnten

waren sie durch die herrlichsten uralten Kryptomerien beschattet,

und auf manchen Strecken, wie bei Nikko und an dem See von Hakone,

hatte ich noch Gelegenheit, in meiner Rickshaw zwischen langen Reihen

dieser wunderbaren Bäume einherzufahren, die mich in ihrer stolzen

Höhe und Eigenart lebhaft an die berühmten Sequojas im Distrikt von

Yosemite in Kalifornien erinnerten. In ihrem Streben nach vermeintlich

europäischer Kultur begannen die Japaner auch hier mit rücksichtsloser

Hand diese majestätischen Ueberreste des alten Japan zu vernichten;

auf Meilen wurden die Bäume niedergeschlagen, um Platz zu machen für

die Telegraphenstangen, und erst der Einspruch der Diplomaten und das

Geschrei der ausländischen Zeitungen brachte die offiziellen Vandalen

zur Besinnung. Die meisten Straßen Japans sind so schlecht unterhalten,

vom Wasser so zerrissen und bei Regenwetter so bodenlos wie die

chinesischen; nur stellenweise ist der Verkehr mittels Rickshaws

möglich, und deshalb hat sich auch noch so lange der entsetzliche

Marterkasten der Japanreisenden früherer Zeit, der Kago, erhalten. Der

Kago wird hauptsächlich noch von Frauen benutzt, und es nahm mich beim

Anblick derselben stets wunder, wie so zarte Wesen tagelang in diesem

elendesten aller Tragstühle verweilen konnten: ein Sitzbrett, nicht

viel größer als das unserer Armstühle, vorn und hinten mit Stricken an

einer von Kulis getragenen Bambusstange aufgehängt, bildet den Kago.

Auf diesem Sitze hockt der Reisende auf seinen Waden, denn der Kago ist

zu niedrig, um auf der zum Sitzen bestimmten Partie des menschlichen

Körpers zu ruhen und die Beine herabfallen zu lassen, auch zu kurz, um

die Beine ausstrecken zu können.

Dabei ist infolge der kleinen Statur der Japaner der Raum zwischen

Sitzbrett und Tragstange so niedrig, daß nur kleine Frauchen ihren

Kopf hochtragen können; ich selbst konnte ihn nicht heben, ohne an

die Tragstange anzustoßen. Zur Linderung der Marter wird freilich ein

Kissen auf den Sitz gebreitet und an der Bambusstange ein horizontales

Schutzdach aus Stoff gegen Sonne und Regen befestigt, aber eine Marter

bleibt es dennoch, im Kago zu reisen. Deshalb wurden in den letzten

Jahren hauptsächlich für die europäischen Reisenden die Tragstühle

eingeführt, wie sie in China, meistens in Hongkong, gebräuchlich sind.

Sie bestehen aus einem bequemen Armstuhl aus Strohgeflecht mit einer an

Seilen hängenden Fußbank; statt von einer Bambusstange herabzuhängen

wie der Kago, ist an jeder Seite des Tragstuhls etwa in der Höhe des

Sitzes eine mehrere Meter lange elastische Bambusstange angebracht,

deren Enden auf den Schultern von zwei bis vier Kulis ruhen.

Bei Rickshaw, Kago und Tragstuhl ist es erstaunlich, welche Kraft

und Ausdauer die sehnigen Kulis entwickeln; noch erstaunlicher

die Geringfügigkeit des Lohnes, mit dem sie sich zufrieden geben.

Allerdings sind ihre Bedürfnisse mehr als bescheiden; sie schlafen in

den ärmlichsten Hütten oder unter den längs des Tokaido und Nakasendo

stellenweise errichteten Flugdächern; sie nähren sich von Reis und

Gemüsen, und was ihre Kleidung betrifft, so besteht sie im Inlande,

entfernt von der polizeilichen Ueberwachung der Städte, im Sommer immer

noch aus der weißen Kravatte, die sie sich um die Lenden binden. Nur

auf den belebtesten Verkehrswegen tragen sie dazu noch eine blaue,

vorn offene Jacke und gestatten sich zuweilen auch den Luxus von

enganliegenden Kniehosen. Derartiger Kulis dürfte es im Reiche des

Sonnenaufgangs gegen zwei Millionen geben.

[Illustration: Rahmenstickerei.]

Ein Birmingham des fernen Ostens.

Der große Krieg zwischen China und Japan hat die Aufmerksamkeit Europas

in höherem Maße als bisher auf Ostasien gelenkt, und vielfach sind

die großen Gefahren besprochen, die der europäischen Industrie durch

den Wettbewerb der Länder Ostasiens, vor allem Japans, drohen. Japan

ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Industriezweigen selbständig

geworden, ja es tritt auf den ostasiatischen Märkten, sogar auch in

Europa, mit seinen Industrieerzeugnissen erfolgreich auf.

Wo ist nun in dem fernen Inselreiche der Sitz der so jungen und

doch so gewaltigen Industrie? Sind es einzelne Gebiete oder Städte,

oder entwickelt sich das ganze Japan allmählich zu einem kleinen

ostasiatischen Westfalen? Der Reisende in Japan erlangt darüber

bald Klarheit. Während sich auf Reisen in Europa die Nähe größerer

Städte gewöhnlich durch die mit Rauch geschwängerte Atmosphäre, durch

Kirchtürme, hohe Schornsteine und große Fabrikgebäude kundgiebt,

sieht man in Japan die Städte erst, wenn man sich beinahe in ihnen

befindet. Ein Kranz von Gärten und hohen Bäumen entzieht die niedrigen,

einstöckigen Gebäude dem Anblick, und die Atmosphäre der Städte ist

ebenso klar und durchsichtig, der Himmel ebenso blau wie auf dem Lande.

Die Japaner verwenden eben zur Feuerung hauptsächlich nur Holzkohlen.

Schornsteine sind dazu nicht nötig, ja den Städten des südlichen

Japan sind solche bisher glücklicherweise noch unbekannte Dinge

geblieben.

[Illustration: Reisende Japanerinnen auf der Tokaidostraße.]

Das Erstaunen des Japanreisenden ist deshalb groß, wenn er auf seiner

Fahrt längs der Ostküste von Yokohama nach Kobe, etwa eine Stunde

vor dieser Hafenstadt, im Osten die Atmosphäre mit dichtem Rauch

geschwängert sieht, als ob dort gerade irgend eine Ortschaft vom Feuer

verzehrt würde. Beim Näherkommen gewahrt er in der weiten Ebene eine

große Zahl von umfangreichen Fabrikanlagen mit roten, mehrstöckigen,

vielfensterigen Gebäuden und Dutzenden hoch über sie emporragenden

Schornsteinen, ein Anblick, an den er wohl in den Industriebezirken

von Sachsen oder Westfalen gewöhnt ist, der hier aber sein Befremden

erweckt. Bald darauf fährt er in eine rauchige, finstere, belebte

Eisenbahnstation ein, und der japanische Schaffner ruft Osaka.

Osaka, das japanische Birmingham, das neugeschaffene Emporium

der ebenso neuen japanischen Industrie, die größte Fabrikstadt

von Ostasien. Gleichzeitig ist dieses Osaka (sprich Ohsakka) die

zweitgrößte Stadt des Landes, an Einwohnerzahl, Bedeutung und Reichtum

nur von Tokio übertroffen. Vor dem Stationsgebäude drängen sich

zwischen Tausenden von geschäftigen Menschen Hunderte von Kurumas,

diese kleinen, zweiräderigen, von flinken, strammen Burschen gezogenen

Handwagen. Ich springe in eine dieser Kurumas, rufe dem Kuli die

Worte „Yadya Dschiyutai” zu und befinde mich nach einer raschen Fahrt

von zehn Minuten durch die ungemein belebten Straßen Osakas in dem

einzigen, halbwegs europäisch eingerichteten Hotel dieser japanischen

Großstadt.

Das Dschiyutaihotel steht im Verein mit einigen anderen Gebäuden auf

einer langen, schmalen, mit hübschen Parkanlagen bedeckten Insel

inmitten des Yodogawaflusses, der hier etwa die Breite des Rheins bei

Köln besitzt. Diese, Nakanoshima genannte Insel ist mit den Stadtteilen

an beiden Ufern durch eine breite, stets dicht mit Menschen besetzte

Brücke verbunden; auf dem Strom fahren zahllose Dampfer, Frachtboote

und Sampans auf und nieder; die Ufer sind dicht mit malerischen,

mehrstöckigen Holzhäusern eingefaßt, die mit ihren Fronten auf Piloten

im Wasser stehen und in jedem Stockwerk eine mit Blumen, Lampions und

Flaggen geschmückte, weit in den Fluß ragende, offene Veranda zeigen.

Ueberall, in den Häusern, auf den Veranden, auf der Brücke und im

Flusse herrscht das regste Leben. Menschen, wohin das Auge blickt,

durchweg Japaner, anscheinend ganz unbeeinflußt durch die europäische

Kultur. Während meines mehrtägigen Aufenthaltes in Osaka begegnete ich

keinem einzigen Europäer. Es gab wohl in früheren Jahren viele hier,

als die Japaner zur Anlage und Einrichtung ihrer Fabriken europäischer

Fachleute bedurften. Sobald diese jedoch ihre Schuldigkeit gethan

und die Japaner in die Geheimnisse ihrer Kunst eingeweiht hatten,

wurden sie von den letzteren wieder entlassen. Heute werden all die

großen Fabriken, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte auf diesem

urjapanischen Boden entstanden sind, fast ausschließlich von Japanern

geleitet; sie sind mit japanischem Gelde errichtet worden, die

europäischen oder asiatischen Rohprodukte, die sie benötigen, werden

mit europäischen Maschinen ausschließlich von Japanern verarbeitet,

kommen durch japanische Handelshäuser auf den Markt, werden bei

japanischen Gesellschaften gegen Schäden versichert und endlich auf

japanischen Dampfern nach den verschiedenen Häfen, aber auch nach

China, Indien, Australien, ja selbst nach Europa verschifft. Kürzlich

hat eine große japanische Dampfergesellschaft, die Nipon Yusen Kaisha,

eine regelmäßige Dampferlinie über den Stillen Ozean nach Amerika und

eine zweite durch den Suezkanal nach Europa eingerichtet, und die

massenhaften Fabrikprodukte von Osaka gelangen in Europa auf den Markt,

ohne daß der Europäer irgend etwas daran verdient.

Doch, wo sind die Fabriken des so rasch berühmt gewordenen Birmingham

von Ostasien? Rings um den breiten Fluß und selbst im Innern der Stadt

giebt es keine, und wer ähnliche Frachtwagen und andere Fuhrwerke,

Maschinen, Schienengeleise, Quais mit schwarzen Drehkränen, gehandhabt

von rußigen Arbeitern, erwartet, wie sie sich in den Fabrikstädten

Europas zeigen, der wird hier angenehm enttäuscht. Auf dem Flusse, in

den zahlreichen Kanälen, in den Straßen der inneren Stadt bis hinauf

zur altjapanischen Frohnfeste ist das Bild von Osaka urjapanisch, und

weder Tokio noch Kioto, noch irgend eine andere von Fremden besuchte

Großstadt ist von der europäischen Kultur so unbeeinflußt geblieben

wie Osaka. Tokio läßt sich von der Regierung, figürlich gesprochen,

allmählich ins Europäische übersetzen, ebenso Yokohama, Kobe, Hiogo,

teilweise sogar Kioto und Nagasaki. Osaka dagegen hat die europäische

Kultur ins Japanische übersetzt; es hat sich von derselben alles

angeeignet, dessen es bedarf, hat es aber dem japanischen Wesen

angepaßt und ist in dem Aussehen seiner Straßen und Häuser und der

Menschen, die in ihnen wohnen und verkehren, anscheinend mit zäher

Absichtlichkeit urjapanisch geblieben. Ich habe auf meinen Reisen durch

Japan keine Stadt gesehen, in der sich das japanische Leben und Treiben

unverfälschter und dabei lebhafter zeigte, auch in dieser Hinsicht

keine interessantere und sehenswertere Stadt gefunden als eben Osaka.

Man sollte glauben, daß die großartigen europäischen Industrien, die

sich hier in so kurzer Zeit entwickelt haben, auch auf das Leben,

die Kleidung und das ganze Wesen der Einwohner nicht ohne Einfluß

geblieben sein könnten. Keine Spur davon. Im Gegenteil. Nirgends ist

von altjapanischer Eigenart mehr wahrzunehmen als gerade hier. Nirgends

ist der alte Aberglaube, der Götzendienst, das Prozessionswesen

ausgeprägter; nirgends werden die vielen Matsuri (Volksfeste)

ursprünglicher gefeiert; nirgends giebt es bewegteres Leben in den

Theehäusern und Theatern; die Geishamädchen von Osaka sind in ganz

Japan als die hübschesten und fähigsten anerkannt, und in Osaka wird am

besten nach altjapanischer Weise getanzt, gesungen und musiziert.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 63 / 71 段