schreiben über die europäischen Dames Chrysanthèmes, wie sie sich bei
den Rennen in Longchamps, im Bois de Boulogne, auf dem Seebadstrande
von Ostende und Trouville, in den Kasinos von Aix les Bains und Monte
Carlo zeigen? Derartige Parallelen kann man in Japan nicht überall
in öffentlichen Gesellschaften oder auf der Straße finden. Dort sind
sie fein sorgsam in eigenen Quartieren untergebracht. Das größte
und glänzendste ist in Tokio die vielberühmte Yoshiwara. Auf meinen
Spaziergängen durch die japanische Kaiserstadt kam ich einmal zu einer
weiten Pforte, von Polizisten bewacht. Jenseits gewahrte ich einen
breiten, mit prächtigen Blumenbeeten und Springbrunnen geschmückten
Boulevard, zu beiden Seiten mit großartigen, mehrstöckigen Palästen
besetzt, den schönsten, die ich in ganz Japan gesehen. Etwa die Paläste
des Hofes, der Regierung und des Adels, des Faubourg St. Germain von
Tokio? Ich trat ein. Ueberall vornehme Stille. Die Häuser zeigten in
den verschiedenen Stockwerken breite Veranden, mit Guirlanden und
farbigen Lampions geschmückt; die Jalousien waren zugezogen, dafür
standen die Hausthüren weit geöffnet, und im Innern gewahrte ich
schöne Höfe und zierliche Gärtchen; Diener fegten die Straßen, Gärtner
besorgten die Blumen und kurios geschnittene Bäume in den Anlagen.
Und als ich einen des Weges kommenden, europäisch gekleideten Japaner
darüber befragte, sagte er mir, ich befände mich in der Yoshiwara. Ich
müßte aber abends kommen, um das Leben hier zu sehen. Der Abend fand
mich wieder hier, aber wie verändert war das Aussehen dieser Straßen
mit ihren Dutzenden von Palästen! Tausende von Lichtern brannten in
vielfarbigen Lampions, in den Straßen wogten Menschenmengen lachend,
scherzend auf und nieder; die Paläste waren weit geöffnet, hell
erleuchtet; Samisen und Koto, Gesang und Gelächter drang aus ihnen,
und unten in den Parterreräumen der Häuser prangte die weibliche
Einwohnerschaft in ihren glänzendsten Gewändern. Statt durch Wände
und Fenster waren diese Räume nach der Straße zu durch starke Gitter
abgeschlossen, gerade wie wir sie in unseren Menagerien vor den Käfigen
der Tiger und Löwen sehen; der mit Matten und Teppichen bedeckte
Fußboden lag etwa zwei Fuß höher als die Straße, und auf ihm kauerten
die Schogi, d. h. die Mädchen, die von ihren Eltern an die Besitzer
dieser Kaschi-Saschiki genannten Häuser verkauft worden waren. In jedem
Hause etwa dreißig bis vierzig, im ganzen vielleicht zweitausend.
Manche von ihnen waren recht hübsch, nur zeigten ihre Gesichter
dicke Schichten von Puder und Schminke, und in ihren sorgfältigen
Haarfrisuren steckten Dutzende kostbarer, langer Nadeln. Der Obi,
diese breite, aus schweren Brokaten bestehende Leibbinde, die in der
japanischen Damentoilette das Mieder ersetzt, war mit der Schleife
nicht rückwärts gebunden, sondern vorn, und das allein sagte, daß
diese Dämchen Schogi waren, d. h. dem niedrigsten Stande der lustigen
Weiber von Dai Nipon angehörten. Einer Regierungsvorschrift zufolge
dürfen die Schogi nämlich ihren Obi nicht hinten binden. Es wäre ein
langes Kapitel zu schreiben über die nach unseren Begriffen unendlich
traurigen Verhältnisse, wie sie in den Yoshiwaras von Tokio, Kioto und
den anderen Städten herrschen, aber -- jeder Leser wird dieses „aber”
verstehen.
Japanische Ringkämpfer.
Im Straßenleben der japanischen Großstädte waren mir besonders zur
Zeit der Volksfeste vereinzelte Riesengestalten aufgefallen, die sich
gegenüber den sonst so kleinen, unscheinbaren, schmächtigen Japanern
nicht nur durch ihren hohen Körperwuchs, sondern auch durch ihre
Fettleibigkeit, verbunden mit staunenswerter Muskelentwickelung,
auszeichneten. Sie wurden mir als jene berühmten professionellen Ringer
bezeichnet, die im Volksleben Japans eine ähnlich hervorragende Rolle
spielen, wie etwa die Gladiatoren im alten Rom, oder die Stierkämpfer
in Spanien, oder die Faustkämpfer in England und Amerika.
In der großen Feudalzeit Japans im fünfzehnten und sechzehnten
Jahrhundert war jedes Mitglied der damaligen vornehmen Kriegerkaste,
der Samurai, ein Meister in allerlei athletischem Sport, vornehmlich
im Fechten und Ringen. Aber ähnlich wie im Abendlande sind diese die
Muskelkraft hebenden, den Körper stählenden Uebungen der modernen
Zeit zum Opfer gefallen, und selbst das Ringen wird nur mehr von den
genannten professionellen Ringkämpfern oder Sumotori ausgeübt, die eine
eigene Gilde mit strengen Gesetzen und Vorschriften ihrer Kunst bilden.
Würde sie nicht ihre äußere Erscheinung sofort kenntlich machen, so
würde ein Blick auf ihre Haartracht genügen, um sie als Mitglieder der
Ringkämpfergilde zu stempeln. Aehnlich wie die Stierkämpfer in Spanien
ihr Haar zu einem über den Nacken fallenden kurzen Zopf flechten, so
fassen die Sumotori ihr langes Scheitelhaar zu einer dicken Strähne
zusammen, die sie mittels papierenen Schnüren nach vorn auf den
Scheitel leiten. Diese Haartracht war früher auch im japanischen Volke
allgemein, und noch während meiner Reise im Inneren Japans fand ich
viele ältere Männer mit solchen Zöpfen, jedoch mit dem Unterschiede,
daß sie ihr Haupthaar bis zum Scheitel abrasiert hatten.
Wird in Japan irgendwo ein größeres Volksfest gefeiert, so müssen auch
Ringkämpfer dabei sein, und weder die Theater noch die Akrobaten,
Zauberkünstler u. dergl. ziehen durch ihre Vorführungen eine so große
Menge von Zusehern an wie die Sumotori. Je größer das Fest, desto
zahlreicher sind die Ringkämpfer, und in Tokio, Kioto oder Osaka kommt
es zuweilen vor, daß zwanzig bis dreißig Paare von Sumotori miteinander
kämpfen, so daß die Vorstellungen einen ganzen Tag über währen. Aber
es giebt kein geduldigeres Theaterpublikum als die Japaner. Je länger
eine Vorstellung dauert, desto lieber ist es ihnen. Mit Kind und Kegel
ziehen sie des Morgens ins Theater, nehmen ihre Lebensmittel für
den Tag mit, machen es sich auf den Strohmatten des Zuschauerraumes
bequem, trinken, essen, schlafen mitunter, die Mütter stillen ihre
Kinder und rauchen gerade so wie die Männer oder jungen Mädchen ihr
Tabakspfeifchen.
Die Ringkämpfer veranstalten nur selten ihre Vorstellungen selbst.
Gewöhnlich sind es eigene Unternehmer, welche sie für bestimmte Summen
anwerben, das Theater bauen und dafür die Eintrittsgelder der stets
massenhaft zuströmenden Besucher einstecken. Je größer die Erfolge
eines Sumotori sind, desto mehr wird er begehrt, desto besser bezahlt.
Sie leben deshalb von ihrer ersten Jugend an ausschließlich für
ihren Beruf. Zeichnet sich in irgend einer Familie ein Knabe durch
außergewöhnliche Kraft und hohen Körperwuchs aus, so bestimmt ihn sein
Vater vielleicht zum Sumotori und giebt ihn bei einem solchen in die
Lehre. Hat er sich in allen Fertigkeiten seines Berufes ausgebildet,
so tritt er in die Gilde ein, indem er sich verpflichtet, genau nach
deren Vorschriften zu leben. Dazu gehören neben dem Gelübde der
Keuschheit zunächst solche bezüglich seiner Kunst, dann aber auch
unzählige andere, die sogar seine Nahrung betreffen. Wie mir einer der
Sumotori, dessen Bekanntschaft ich in Kioto machte, erzählte, besteht
seine tägliche Hauptnahrung aus sehr weichgekochtem Reis, und nur
ausnahmsweise aus Fleischspeisen, ein Beweis, daß die Fleischnahrung
für Muskelkraft keineswegs erforderlich ist. Mit vierzig Jahren ist die
Laufbahn der Ringer zu Ende; sie erhalten dann aus der Kasse der Gilde
eine Pension, müssen aber dafür ihre Nachfolger in den Fertigkeiten
ihres Berufes ausbilden.
Eigene Theater oder Arenen für die Ringkämpfer giebt es in Japan nicht.
Soll ein Ringkampf stattfinden, so werden an geeigneten Orten, in
Kioto z. B. in dem weiten trockenen Flußbett des Kamogawaflusses, oder
in Tokio nahe dem berüchtigten Ekointempel in der Vorstadt jenseits
des Sumidaflusses eigene Schaubuden nach Art unserer Cirkuszelte
errichtet, nur daß an Stelle der Leinwand geflochtene Strohmatten
verwendet werden. Ein derartiges Zelt, Sumo genannt, ist schon aus
der Ferne durch seine eigentümliche Zufahrt zu erkennen. Zu beiden
Seiten derselben stehen Reihen gegeneinander geneigter haushoher
Bambusstangen, und von diesen hängen sechs bis acht Meter lange,
meterbreite Streifen roten, blauen oder gelben Zeuges, die mit großen
Schriftzeichen bedeckt sind, herab. Vor dem Eingange selbst erhebt sich
ein hohes Bambusgerüst, auf welchem ein Paukenschläger möglichst großen
Lärm macht. In der Nähe sind die Ehrengaben des Publikums für die
Sieger zur Schau gestellt. Der wohlhabende Japaner spielt sich gern auf
den Kunstmäcen heraus, und wie im Abendlande den Künstlern Blumen und
Kränze gespendet werden, so giebt es hier Ehrenflaggen, Kleiderstoffe,
vor allem aber Fäßchen Reiswein. Gewöhnlich werden auch die Namen der
Ringkämpfer durch große Anschläge bekannt gemacht. Je berühmter der
Sumotori, in desto größeren Schriftzeichen prangt sein Name, ganz wie
bei uns.
Am Eingang erhält man gegen Erlag eines viertel oder halben Dollars
die Eintrittskarte in Gestalt eines mit Schriftzeichen bedeckten
Holztäfelchens, das von den Aufwärtern im Innern wieder abgenommen
wird. Japaner müssen am Eingang auch ihre Holzschuhe ablegen, ähnlich
wie wir die Hüte und Schirme ablegen, denn im Innern ist der Boden
mit feinen Filzmatten bedeckt, und diese Matten mit den schweren
Holzschuhen zu betreten, wie sie selbst die vornehmsten Damen in
Japan tragen, wäre ebenso undenkbar, als wenn wir beim Besuch eines
Privathauses auf den Möbeln des Empfangszimmers umhertrampeln würden.
Auf eigenen Gestellen stehen hier Hunderte und Aberhunderte von
Holzschuhen in langen Reihen, und man kann sich das Gedränge wohl
vorstellen, wenn nach beendeter Vorstellung die ganze bestrumpfte
Gesellschaft ihre Schuhe sucht.
Im Innern des Zeltes befindet sich zur Rechten des kleinen Vorraumes
die Künstlergarderobe. Hier kauern oder liegen auf Matten ausgestreckt
die Sumotori, feste, fleischige Gestalten mit riesenhaften Gliedmassen,
gewöhnlich vollständig unbekleidet; flinke Aufwärter kämmen ihre Haare,
binden die Zöpfe fest, reiben ihre Glieder oder legen das einzige
Gewand der Sumotori beim Kampfe, eine seidene Schärpe um deren Leib.
Diese breite, ausnehmend feste Schärpe ist gewöhnlich von blauer Farbe
und mit langen Fransen besetzt. Sie wird mehreremale um die Hüften
gewunden und dann zwischen den nackten Beinen durchgezogen.
Um den inneren, gewöhnlich viereckigen Zuschauerraum zieht sich eine
etwa brusthohe Galerie, welche die teuersten Sitzplätze enthält.
Als ich mich in Osaka gelegentlich eines derartigen Ringkampfes auf
diese Galerie begeben wollte, fand ich nirgends einen Aufgang, und
ich war schon im Begriffe, mit Zuhilfenahme von Händen und Füßen
hinaufzuturnen, als ein Aufwärter mit einer kurzen Leiter herbeieilte.
Nachdem er mir meine hölzerne Eintrittskarte abgenommen, lehnte er die
Leiter an die Galerie, und als ich oben war, nahm er sie wieder mit
sich fort. Ich konnte mich des Gedankens an die furchtbaren Schrecken
nicht enthalten, wenn hier bei dem fortwährenden Tabakrauchen und
Ausklopfen der noch glühenden Asche aus den Pfeifen Feuerlärm entstehen
sollte, aber daran wird wohl von den Japanern nicht gedacht. Die
Hauptsache ist, daß durch das Fortnehmen der Leiter die Einschmuggelei
billetloser Leute verhindert wird. Will jemand während der Vorstellung
herunter, so ruft er durch Händeklatschen den Aufwärter herbei.
Wie auf der Galerie, so ist auch in dem Zuschauerraum unten gewöhnlich
jedes Plätzchen von Neugierigen besetzt. In der Mitte dieses Raumes,
rings umgeben vom Publikum, erhebt sich eine Bühne von vielleicht drei
Meter Durchmesser, und diese bildet die eigentliche Kampfarena. An den
Ecken erheben sich hohe Bambuspfosten, ein Leinwanddach tragend. Der
Boden der Arena ist mit Erde bedeckt und ringsum mit Reisstrohbündeln
eingefaßt.
Die Leitung des Kampfes obliegt einem Giozi, d. h. einem mit allen
Regeln des Ringkampfes vertrauten Richter, der in seinen jungen Jahren
selbst ein Sumotori war. In altjapanische bunte Gewänder gehüllt, das
Abzeichen seiner Würde, ein fächerartiges mit Schnüren und Quasten
behängtes Tutschiwa in der Hand, betritt er feierlichen Schrittes
die Bühne, klappert mit zwei Holzstücken, um die Aufmerksamkeit des
Publikums zu erwecken, und verkündet nun mit schreiender Fistelstimme
die Namen der zunächst auftretenden Kämpfer. Gewöhnlich sind es die
jüngeren, minder erfahrenen Ringer, welche den Anfang machen. Der
Anblick der beiden fetten, mit Ausnahme der Hüften vollständig nackten
Gestalten gewährt keinen besonderen Liebreiz. Sie schlürfen zunächst
aus den bereitstehenden Gefäßen etwas Wasser und gießen es über ihren
Körper; dann nehmen sie eine Prise Salz in den Mund, reißen von den
aufgehängten Papierpäckchen einige Blatt herunter, um sich die Hände
abzuwischen, und stellen sich dann einander gegenüber, den Kampfrichter
zur Seite, in Positur. Dazu müssen die Beine so weit wie möglich
gespreizt werden, dann hocken sie auf ihre Waden nieder, indem sie mit
den flachen Händen ein paarmal auf ihre Schenkel klatschen, und stemmen
schließlich die ausgestreckten Arme mit dem Handrücken nach unten auf
den Boden. Kaum sind sie in dieser keineswegs malerischen Stellung, so
stoßen sie fast gleichzeitig einen Schrei aus, springen, wie von einer
unsichtbaren Feder emporgeschnellt, empor und werfen sich mit vollster
Wucht gegeneinander.
Bei diesen Kämpfen handelt es sich darum, den Gegner nach den genau
vorgeschriebenen Regeln des Ringens zum Fall zu bringen. Stoßen,
Schlagen, Boxen, dann gewisse Finten, wie das Unterstellen eines
Beines u. dergl., sind auf das strengste verboten und kommen auch
niemals oder doch nur höchst selten, vielleicht seitens eines
aufgeregten jungen Kämpfers vor, mit dem Ergebnis, daß der Kampf
sofort unterbrochen und er von der Arena ausgeschlossen wird.
Die Mitglieder der Sumotorigilde aber sind in der traditionellen
Kampfweise so eingeübt, daß sie nur diese zur Anwendung bringen. Als
ich dieselbe bei verschiedenen Ringkämpfen kennen lernte, fiel mir
ihre große Aehnlichkeit mit den bekannten Schwingfesten auf, welche
jeden Sommer in den Hochthälern der Schweiz dutzendweise abgehalten
werden. Hier sind es nicht professionelle Ringer oder, wie sie von
den Schweizern genannt werden, Schwinger, sondern zumeist die Hirten
von den Almen, dann Turner und Schwingamateure aus den Städten. Auch
hier gilt es als vornehmste Aufgabe, den Gegner hoch zu heben und über
den eigenen Kopf nach rückwärts zu werfen, daß er auf den Rücken zu
liegen kommt. Die Schweizer Schwinger tragen an Stelle der Gürtelbänder
aus festen Stoffen angefertigte Schwinghosen, bei welchen sie sich
gegenseitig fassen. Die japanischen Ringer dagegen suchen das Erfassen
ihres Gürtels seitens des Gegners nach Thunlichkeit zu verhindern.
Ihre Gesetze sind bei der Gleichheit der Aufgaben viel strenger als
bei den Schweizer Schwingern. Der Boden darf nur mit den Fußsohlen
berührt werden. Niederknieen, Aufstützen mit Händen oder Ellbogen
gelten als Niederlage, ebenso das Austreten aus dem nur acht oder
zehn Quadratmeter großen Kampfplatze. Die Kampfrichter verfolgen den
Verlauf des Kampfes auf das genaueste, ermuntern die Ringer durch
Zurufe, warnen sie, wenn sie gegen die Regeln verstoßen oder sich den
Strohbündeln nähern, welche den Kampfplatz umgeben. Wenn auch nur
die Zehenspitzen eines Ringers die Grenze überschreiten, gilt er als
besiegt.
Bei der Vorstellung, die ich in Osaka, dem japanischen Birmingham,
anzusehen Gelegenheit hatte, traf ich gerade ein, als die besten und
berühmtesten Ringer die Arena betraten, und die Aufmerksamkeit der
Kopf an Kopf gedrängten Zuseher war derart, daß man den Eintritt eines
Europäers gar nicht beachtete. Tausende von Augen waren ausschließlich
auf die beiden feisten Riesengestalten gerichtet; die Frauen vergaßen
das Essen, die Männer das Rauchen, selbst die Kinder blieben stumm
und blickten neugierig nach der Arena. In dem ganzen weiten Raume
nicht der geringste Laut, nicht die geringste Bewegung, als wäre die
ganze fremdartige Versammlung erstarrt. Aber ein kurzer, mir ganz
unverständlich gebliebener Handgriff einer der Ringer war das Signal
zu donnerndem Applaus, in welchen alle wie auf Kommando gleichzeitig
einstimmten. Von da an nahm die Erregung der Massen sichtlich zu;
die Ringer hielten einander fest umschlungen, der Schweiß lief von
ihren feisten Gliedern, die Adern waren zum Bersten geschwollen, ihr
kurzer stoßweißer Atem war bis zu mir herüber hörbar, und doch rührten
sie sich minutenlang nicht; eine kurze, kaum sichtbare Bewegung von
vielleicht Handbreite hatte abermals enthusiastische Beifallssalven zur
Folge, die eben so plötzlich, wie sie losbrachen, wieder verstummten.
Jeder Versuch des einen Ringers, über den andern den geringsten Vorteil
zu erringen, wurde von diesem sofort pariert; schließlich schien der
eine plötzlich nachzugeben, der andere fiel durch das plötzliche
Aufhören des Widerstandes nach vorne, und sein Gegner benützte diese
Blöße blitzschnell, um mit Kopf und Schultern unter den Leib seines
Widersachers zu fahren und diesen mit einem stierartigen Aufschnellen
über sich hinüberzuschleudern, daß er auf allen Vieren auf der Arena
landete.
Das Tosen und Schreien und Johlen der nun ganz außer Rand und Band
geratenen Volksmenge war unbeschreiblich. Die sonst so ruhigen,
höflichen Japaner sind bei solchen Veranlassungen ungemein leicht
erregbar; Hüte, Tücher, Fächer, Pfeifen, Tabaksbeutel flogen in einem
wahren Regen auf die Arena dem sich nach allen Seiten tief verbeugenden
Sieger zu. Sie wurden von den Aufwärtern sorgfältig eingesammelt; denn
diese handgreiflichen Beweise der Anerkennung werden nach beendeter
Vorstellung von ihren Eigentümern wieder gegen eine mehr oder minder
hohe Geldsumme oder andere Geschenke eingelöst. Alles das kommt dem
siegreichen Ringkämpfer zu gute.
In neuester Zeit ist die körperliche Ausbildung der japanischen Jugend
wieder aufgenommen worden, und in den Schulen wird überall fleißig nach
abendländischem Muster geturnt.
Wie die Japaner in ihrem Lande reisen.
Eine der ersten abendländischen Einrichtungen, die das moderne Japan
unmittelbar nach der großen Revolution zur Einführung brachte, waren
die Eisenbahnen. Heute ist die Mehrzahl der japanischen Städte durch
Schienenwege miteinander verbunden, und die Hauptmasse des Verkehrs in
diesem dichtbevölkerten Lande hat sich ihnen zugewendet. Der Reisende
in Japan ist überrascht, mit welcher Schnelligkeit die Japaner sich mit
diesem abendländischen Verkehrsmittel vertraut gemacht haben. Der ganze
Eisenbahnbau, die Verwaltung und Verkehrsleitung ruhen ausschließlich
in japanischen Händen, Japaner verfertigen die Waggons, zum Teil auch
die Schienen und das andere Material, Japaner entwerfen und bauen neue
Linien, dienen als Schaffner und Lokomotivführer, und unter den ganzen,
viele Tausende umspannenden Personal wird man nicht einen einzigen
Europäer finden.
Wie in allen anderen abendländischen Dingen, so gingen die schlauen
Bewohner des Mikadoreiches auch hier zu Werke: sie ließen sich von
europäischen Ingenieuren zunächst eine die Hauptstadt des Landes,
Tokio, mit dem Haupthafen, Yokohama, verbindende Eisenbahn bauen.
Im Jahre 1870 begonnen, wurde diese 27 Kilometer lange Bahn 1872
dem Verkehr übergeben, und sie diente seither als Muster für die
Herstellung jenes ziemlich ausgedehnten Eisenbahnnetzes, das sich
über die Hauptinsel Nipon ausbreitet. Die europäischen Ingenieure
hatten ihre Schuldigkeit gethan, indem sie den Japanern zeigten, wie
man es macht, und wurden entlassen. Alle anderen Bahnen wurden von
den japanischen Ingenieuren der ersten Musterbahn nachgebaut, und sie
unterscheiden sich deshalb nur wenig von den europäischen Bahnen.
Stationshäuser, Oberbau, Rollmaterial, Signaleinrichtungen sind im
wesentlichen dieselben wie bei uns.
Immerhin ist man auf Reisen in Japan überrascht, die Eisenbahnen so
vorzüglich funktionieren zu sehen, als wären sie schon seit vielen
Jahrzehnten im Betriebe, nur nehmen sie es mit den Fahrzeiten nicht
sehr genau. Rufen sie „tadeima” oder „suguni”, etwa „höchste Zeit”,
so dauert es gewöhnlich noch eine geraume Weile, bis abgefahren wird,
Zugverspätungen sind also natürlich. Dabei haben sich die Japaner
keineswegs in ihrem Thun und Lassen den Bahnen angepaßt, sondern
umgekehrt, sie haben sich dieselben dienstbar gemacht, ohne auch nur
das Geringste von ihrer nationalen Eigenart, von ihrem Leben und
ihren Sitten aufzugeben. Auf meiner ersten Bahnfahrt im Reiche des
Mikado, von Yokohama nach Tokio, brachte mich ein japanischer Kuli
in einer Kuruma, diesem bequemen Fauteuil auf Rädern, nach einer
Eisenbahnstation, die ebensogut in Halle oder Weimar hätte stehen
können, nur daß hier, wie überhaupt auf den japanischen Stationen,
die Restaurationslokale fehlen. An den Schaltern der drei Klassen
standen Japaner, um ihre Fahrkarten zu lösen, und die Beamten sprechen
auch hinreichend englisch, um sich mit europäischen Reisenden zu
verständigen. Nur mußte ich, bevor ich meine Karte erhielt, einem
Polizeiagenten in Uniform meinen japanischen Reisepaß vorweisen. Wäre
in meinem Paß die Stadt Tokio nicht angeführt gewesen, so wäre mir auch
keine Fahrkarte verkauft worden.
Bis zur Abfahrt des Zuges verteilten sich die Passagiere in den
Wartesälen der drei Klassen, die ähnlich eingerichtet sind wie bei uns,
mit Tischen, Stühlen und Bänken längs den Wänden. Im Wartesaale zweiter
Klasse lagen sogar die wichtigsten Tagesblätter der Hauptstadt zur
Lektüre auf. Männer, Frauen und Kinder, alle in ihren ursprünglichen
Nationaltrachten, machten es sich auf den ihnen ungewohnten Sitzen so
bequem, wie sie nur konnten; statt mit herabhängenden Beinen dazusitzen
wie Europäer, streiften viele ihre plumpen Holzsandalen von den
Füßen, zogen die Beine herauf und setzten sich in gewohnter Weise auf
ihre Fersen. Die mehr als große Ungezwungenheit der Japaner in Bezug
auf ihre Sitten konnte ich selbst hier, in dieser von zahlreichen
Europäern bewohnten und von ihnen am meisten beeinflußten Stadt an
einem ergötzlichen Beispiele wahrnehmen. Mitten zwischen den Frauen
und Mädchen im Wartesaal zweiter Klasse saß ein älterer Japaner,
der von der unangenehmen Landplage Japans, den kleinen hüpfenden
Menschenjägern, ein wenig gepeinigt zu werden schien. Ohne sich um die
Anwesenden im geringsten zu kümmern, entledigte er sich seines Kimono,
dann seines Unterkleides und stand nun in nicht viel umfassenderer
Bekleidung da als der, in der er erschaffen wurde. Nach aufmerksamer
Betrachtung seiner Gliedmaßen schüttelte er seine Kleidungsstücke
(Heiliger Florian, schütz’ mein Haus und zünd’ die anderen an!)
sorgfältig aus, zog sie wieder an und nahm ruhig Platz.
Auf dem Gepäckbureau werden Gepäckstücke in ähnlicher Weise angenommen
und eingeschrieben wie bei uns, nur daß die Empfangsscheine den
Bestimmungsort und die Nummer in japanischer Schrift tragen. Als die
Abfahrtszeit des Zuges gekommen war, wurden die Fahrsteige geöffnet,
und die ganze Menge von Passagieren, mehrere Hunderte an der Zahl,
begab sich in den bereitstehenden Zug. Nur wenige Passagiere trugen
europäische Kleidung und ebensolche Schuhe; von ihnen wurde die erste
Wagenklasse bevorzugt; zahlreicher waren jene, die zu ihrem dunklen,
schlafrockartigen Kimono einen europäischen Hut oder weißen Sonnenhelm,
dann Schuhe und Regenschirme europäischer Mache trugen; die Halbjapaner
benutzten größtenteils die zweite Wagenklasse, während die große Masse
der durchwegs japanisch gekleideten Passagiere in der dritten Klasse
Platz nahmen. Diese Unterscheidung habe ich später auf meinen Reisen
durch das ganze Land gefunden. Nur in den seltensten Fällen traf ich in
der ersten Klasse einen Japaner in Nationaltracht; auch dann war er in
europäischer Kleidung in den Wagen gestiegen und hatte erst hier den
abendländischen Rock mit dem bequemen Kimono vertauscht, ohne Rücksicht
auf die anderen Passagiere.
Auf derlei, gelinde gesagt, Ungeniertheiten muß man sich bei
Eisenbahnreisen in Japan ebenso gefaßt machen wie in den Städten und
Dörfern, nur sind sie reisenden Europäerinnen auf den Eisenbahnen
peinlicher, weil sie sich, in Waggons eingeschlossen, dem nicht durch
schleunige Flucht entziehen können. Von den Waggons erster Klasse sind
wohl manche in verschiedene Abteilungen geteilt, viele andere aber,
ebenso wie die Waggons zweiter Klasse, bilden nur einen einzigen Raum
mit an den Wänden entlanglaufenden Sitzbänken und einem freien Platz
in der Mitte, wo sich gewöhnlich ein Tischchen mit Eiswasser befindet.
Die Waggons dritter Klasse haben wohl Abteilungen, aber die Teilwände
reichen nur etwa zum halben Rücken der sitzenden Passagiere. Manche
Abteilungen in den besseren Wagenklassen zeigen in japanischer und
englischer Sprache die Bezeichnung „Nichtraucher”, doch bleibt sie in
diesem Lande, wo Männer und Frauen ohne Ausnahme Raucher sind und stets
ihre kleinen Pfeifchen bei sich führen, unbeachtet. An Reinlichkeit
und Bequemlichkeit läßt nur die erste Wagenklasse nichts zu wünschen
übrig, aber in dieser bekommt der Reisende wieder nichts von dem
eigentümlichen und hochinteressanten Volksleben zu sehen, das sich
in der zweiten und dritten Klasse abspielt. Auf meinen Reisen wählte
ich deshalb gewöhnlich die zweite Klasse, und bei Tag und Nacht blieb
meine Aufmerksamkeit zwischen den herrlichen Landschaftsbildern, an
denen wir vorbeiflogen, und dem Leben und Treiben meiner japanischen
Mitreisenden geteilt. Schlafwagen und Restaurations- oder Büffettwagen
sind, nebenbei bemerkt, in Japan noch unbekannt.