litterarischen Kenntnisse, durch Musik und Gesang. Dem Europäer sind
Geist und Witz unverständlich, weil er nur in seltenen Fällen die
Sprache hinreichend beherrscht; die Musik, welche die Geisha auf der
japanischen Guitarre abzupft, ist für ihn entsetzlich langweilig und
unschön, und was ihren Gesang betrifft, so könnte man dabei weinen. Ein
solches Genäsel und Gemiaue, auch von der schönsten Geisha auf einer
europäischen Bühne zum Vortrag gebracht, würde wie die erbärmlichste
Katzenmusik wirken. Was den Europäer besticht, das sind also gewiß
nicht ihre angelernten Kenntnisse, sondern nur ihre natürlichen
Gaben, nämlich Jugend, Zartheit, Anmut. Wenn sie auch nicht hübsch
sein sollte, besitzt sie doch eine gewisse Anziehungskraft. Sie macht
einen um so tieferen Eindruck auf ihn, als er in Japan mit anderen
Frauen selbst bei längerem Aufenthalt nur sehr selten zusammenkommt.
Der Japaner hält seine Frauen, seine Töchter im Hintergrund; besucht
man ein japanisches Haus, so wird man nur von Männern empfangen, und
wird man mit diesen nach häufigerem Verkehr intimer, so kommt es wohl
vor, daß auch die Frau, vielleicht sogar die Tochter bei der Begrüßung
einmal vorgestellt wird. Aber die Frauen ziehen sich nach einigen
Worten wieder zurück und erscheinen nur bei der Verabschiedung, um sich
vor dem Besucher auf alle Viere zu werfen. Eine längere Unterhaltung
ist ganz ausgeschlossen, und wollte man einer Frau irgendwelche
Komplimente über ihre Schönheit oder über die Pracht ihrer Kleider
machen, so würde dies sehr übel aufgenommen werden.
Uebrigens würden Unterhaltungen sehr ernüchternd und enttäuschend
sein, denn die japanischen Frauen der besseren Stände waren bis vor
kurzem und sind in den Provinzen, fern von den der europäischen
Kultur eroberten Hauptstädten, auch heute noch von der Oeffentlichkeit
ausgeschlossen. Sie werden geboren, lernen in ihrer Kindheit neben den
Pflichten ihres Hauswesens höchstens noch Blumen binden, sticken, den
Zeremonienthee bereiten; sie heiraten, verblühen mit fünfundzwanzig
Jahren und sterben als treue, hingebungsvolle Hausfrauen und gute
Mütter, aber ihre Geistesgaben wurden nicht entwickelt, sie besitzen
keinerlei Kenntnisse und können deshalb weder in der Gesellschaft durch
Konversation glänzen, noch zu Hause in dieser Hinsicht die Männer
befriedigen.
Diesen Mangel ersetzen in Japan die Geishas. Sie sind Unterhalter,
Zeitvertreiber von Beruf, gegen Bezahlung von so und so viel für die
Stunde, den Tag oder Abend. Will sich ein Japaner nach vollbrachter
Tagesarbeit durch Kurzweil den Abend vertreiben, so läßt er eine
Geisha kommen; will er Freunden ein Souper geben, so nehmen daran
nicht die Frauen und Töchter seines Hauses, oder jene seiner Gäste
teil, sondern er mietet eine Anzahl Geishas mit ihren Dienerinnen und
bringt den Abend mit der ganzen Gesellschaft in einem Theehause zu.
Die kleinen, zierlichen Musmis (Kellnerinnen) des Theehauses empfangen
an der Pforte, auf alle Viere ausgestreckt, die Gäste und führen sie
in den Speisesaal; sind Europäer dabei, so lösen sie mit ihren zarten
Fingerchen die Schuhe von deren Füßen; hockt die ganze Gesellschaft
endlich in dem stuhl- und tischlosen Raume längs der kahlen Wände
auf ihren Waden, so bringen die Musmis die Speisen und Getränke
herein, setzen sie den Gästen auf winzigen Tischchen vor, tragen die
gebrauchten Tellerchen und Schüsselchen wieder fort und besorgen mit
einem Worte die gewöhnliche Bedienung. Dann aber treten die kleinen
jungen Maikos (Tänzerinnen) und endlich die Geishas auf. Sie zupfen
an ihren Guitarren und singen, sie führen fremdartige dramatische
Tänze oder Szenen aus historischen Dramen auf, für europäischen
Geschmack ebenso steif und unnatürlich, wie es ihr Gesang und ihr
Guitarrengezupfe sind. In den langen Zwischenakten aber mischen sich
diese bezahlten Vergnügungsdemoiselles unter die Gäste, setzen sich
zu ihnen, kredenzen ihnen die gefüllten Reisweinschalen und schäkern
und scherzen mit ihnen, indem sie ihren Geist, ihre übersprudelnde
Fröhlichkeit, ihren Witz und ihre Schönheit glänzen lassen. Nicht
etwa die Schönheit, wie sie bei unseren kurzgeschürzten Ballerinen
und ~Café-chantant~-Sängerinnen gewöhnlich in solcher Fülle zur
Parade kommt. Keine entblößten Arme und Nacken, keine in Seidenschuhen
steckenden Füßchen oder von Seide umspannte Gliedmaßen, nur die
bemalten, gepuderten Gesichtchen sind bei den japanischen Geishas
sichtbar. Ihre Körperchen sind ganz in die langen, goldgestickten,
schlafrockartigen Kimonos gehüllt, und kommen bei rascheren Bewegungen
auch die Glieder zum Vorschein, so üben diese dünnen Aermchen,
diese krummen nackten Beinchen, diese in plumpen, kurzen Wollsocken
steckenden Füße, die noch dazu mit den Zehen nach einwärts gedreht
sind, eher das Gegenteil von Reiz aus.
Die weiten, faltenreichen Kleider gehören zum Tanz, ja wie mit ihren
Körpern tanzen die Geishas auch mit ihren Kleidern und wissen diese
mit unglaublicher Geschicklichkeit in die schönsten Falten zu werfen,
ihnen sozusagen Leben und jenen Ausdruck einzuflößen, wie er zu der
darstellenden Situation am besten paßt.
So vergeht der Abend, ein Teil der Nacht, und bricht die
reisweinfröhliche Gesellschaft endlich auf, so wird dem Gastgeber die
Rechnung überreicht, ein Stück Papier, einen halben Fuß breit und
vielleicht zwei bis drei Fuß lang, mit allen gelieferten Genüssen
haarklein spezifiziert. Nichts wird dabei vergessen, und solche
Rechnungen sind zuweilen recht pikant, erreichen auch bei größeren
Festlichkeiten Summen bis 300 und 400 Mark. Dazu werden auch den
Geishas selbst noch beträchtliche Geschenke gemacht. Die Dämchen werfen
sich dann vor den Anwesenden ehrfurchtsvoll nieder, senken ihre Näschen
bis auf den Boden und entfernen sich, um in ihren Rickshaws nach Hause
zu fahren.
Am nächsten Abend sind sie in irgend einem anderen Theehause
für ähnliche Unterhaltungen engagiert, und so geht es bei den
professionellen Schönheiten von Japan Tag für Tag, auch Wochen und
Monde, einige Jahre lang. Dann ist wohl ihre Kunst sehr groß, aber ihre
Jugend, ihre Schönheit ist vorüber, und haben sie nicht in ihrer kurzen
Laufbahn einen Ehemann ergattert, so ziehen sie sich ins Privatleben
zurück und bilden andere kleine Mädchen in den Geishakünsten aus.
Ehemänner ergattern? Gewiß, noch dazu gar nicht selten. Die Japaner
üben in Betreff des moralischen Vorlebens dieser kleinen Dämchen viel
größere Nachsicht als die Abendländer. Orangenblüten und Myrtenkränze
werden bei japanischen Hochzeiten überhaupt nicht getragen. Die
Japaner suchen sich ihre Weiber aus, wie sie ihnen passen. Es ist
nicht viel dabei riskiert, und das bekannte orientalische Sprichwort,
von dem dreimal überlegen, ehe man sich ein Weib nimmt, ist in Japan
unverständlich. Der Gatte kann sie ja nach ein paar Monaten Probezeit
wieder zurücksenden. Eine Geisha ist unter solchen Verhältnissen
eine recht begehrenswerte Braut. Statt daß sie jeden Tag für so und
so viel die Stunde für jemand anderen singt und die Guitarre zupft,
singt und zupft sie dann nur für ihren Gatten. Sie unterhält ihn mit
den angelernten Künsten, in denen sie durch jahrelange Uebung in den
verschiedensten Theehäusern zur Meisterschaft gelangt ist, und er ist
zufrieden. Zudem ist nicht etwa jede Geisha notwendigerweise eine
Sünderin. Wohl singen die Geishamädchen in einem bekannten Liede von
sich selbst:
„Schaukle, Weide, auf und nieder,
Vorwärts, rückwärts, hin und wieder!
So sind Geishaherzen auch,
Folgen jedem Liebeshauch.”
Aber trotz dieser vielsagenden Generalbeichte giebt es doch eine ganze
Menge unter ihnen, die nicht jedem Liebeshauch folgen, und so ist es
begreiflich, daß manche, die heute noch bei einem Herrenabend im Klub
getanzt und gesungen hat, morgen Frau General oder Frau Minister ist.
Dann kommt ihre Schauspielerkunst ihr erst recht zu statten.
Ist eine Geisha nach mehrjähriger Dienstleistung so verblüht, daß
niemand mehr anbeißen will, dann zieht sie sich aus der Oeffentlichkeit
zurück und wird, wie gesagt, Lehrerin anderer kleiner Mädchen. An
solchen herrscht in dem mit Kindern reich gesegneten Japan kein Mangel.
Wo viele Töchter im Hause sind, da ist es schwer, sie alle an den Mann
zu bringen, andere Berufsarten in Aemtern oder im Geschäftsleben stehen
der jungen Japanerin nicht offen, und so bleibt den Eltern nichts
übrig, als ihre hübschesten und talentvollsten Mädchen Geishas werden
zu lassen, wenn sie dieselben nicht gar für ebenso tief stehende Zwecke
verkaufen. Gefällt die kleine, sieben- bis achtjährige Musmi einem
Unternehmer, so zahlt er ihren Eltern eine gewisse Summe Geldes und
läßt sie auf seine Kosten zur Geisha ausbilden. Damit beginnt für die
kleinen Mädchen eine recht harte Zeit, denn es dauert Jahre eifriger
Arbeit, um die traditionellen Tänze, Gesänge, Dichtungen, Mimik und
dann die beliebtesten Instrumente, Samisen und Koto, zu erlernen.
Dazu kommen noch viele andere Künste, von denen man im Abendlande gar
keine Ahnung hat. So z. B. das ungemein schwierige und umständliche
Zeremoniell des Tschano-yu, das heißt, der klassischen Theebereitung,
die Kunst des Blumenbindens, Taschenspieler- und Kartenkünste, vor
allem andern die Kunst, den Mann zu bezaubern und zu fesseln. In Kioto,
der alten Hauptstadt von Japan, die neben der jetzigen Hauptstadt
Tokio die schönsten und berühmtesten Geishas besitzt, giebt es eine
eigene große Tanzschule, aber der Besuch derselben war für mich nicht
von solchem Interesse, wie jener der kleinen Geishaschulen, an welchen
Kioto reich ist.
Es ist nicht leicht, Zutritt zu diesen Kunstetablissements zu erhalten,
und es bedurfte dazu langen Parlamentierens und beträchtlicher
Geldgeschenke für die Direktricen. Eines Morgens meldete mein Dragoman,
der die Verhandlungen geleitet hatte, daß ich nunmehr die Schule von
Madame Silbermond besuchen könne. Auf dem Wege dahin riet er mir,
auch verschiedene Leckereien und Bonbons für die kleinen Mädchen
mitzubringen, um sie freundlicher zu stimmen. So kaufte ich denn ein
paar Papiersäcke voll Süßigkeiten, die in Japan für ein Spottgeld zu
haben sind. Schwer beladen kamen wir vor das ebenerdige Lattenhäuschen,
in welchem Madame Silbermond wohnte. Monotones Samisengezupfe drang
durch die papierüberklebten Fenster. Mein Dragoman hielt es für
angemessen, meinen Besuch vorher anzukündigen. Gleich darauf kam er
wieder heraus und lud mich ein, näher zu treten. Kaum war die Thüre
hinter mir wieder geschlossen worden, so erschienen drei blutjunge
hübsche Mädchen in bunten Kimonos (sie waren wegen der großen
Sommerhitze nur lose über die sonst nackten Körperchen geworfen),
warfen sich vor mir auf den Boden, indem sie mit der Stirne fast den
Boden berührten, und machten sich dann kichernd daran, mir die Schuhe
von den Füßen zu ziehen. Dann nahmen sie mich bei den Händen und
führten mich wie einen Blinden zu dem Tanzsaal, dessen eine Papierwand
eben zurückgeschoben wurde. Der mit zarten geflochtenen Reisstrohmatten
bedeckte Fußboden befand sich etwa kniehoch über dem Thorweg. Die
kleinen Mädchen kletterten flink hinauf und versuchten, mir unter
fortwährendem Gekicher emporzuhelfen, als hätte ich, der ich mir unter
diesen winzigen Dingerchen wie Gulliver vorkam, das allein nicht
thun können. Im Hintergrunde des niedrigen, vollständig kahlen Raums
erhob sich eine fusshohe Bühne, auf welcher etwa ein Dutzend junger
Mädchen standen, vor ihnen auf den Matten des Saales Madame Silbermond.
Kaum erblickten sie mich, so warfen sich alle vor mir mit feierlich
ernsten Mienen zu Boden und verharrten, den Kopf beinahe zwischen den
Beinen, minutenlang in dieser Stellung, wie wir es etwa in der Kirche
bei irgend einer besonders heiligen Handlung thun. Natürlich mußte
ich ebenfalls auf alle Viere sinken, was bei den engen europäischen
Kleidungsstücken nicht ganz gefahrlos für dieselben ist. Endlich zog
mich mein Dragoman am Rockschoße, als Zeichen, mich zu erheben. Schon
mehrmals hatte die Direktrice, den Kopf ein wenig nach mir wendend,
herübergeschielt, um zu sehen, ob ich noch auf allen Vieren lag, und
sich dann sofort wieder zusammengeduckt. Als sie nun gewahrten, daß
ich mich auf meine Knie erhob, thaten alle das Gleiche. Ich mußte
nun auf das Geheiß des Dragomans mich nach dem Befinden der Hausfrau
erkundigen; daraufhin wieder allgemeines Aufdenbodensinken, dann nach
dem Befinden ihrer Eltern, wieder auf alle Viere, dann stellte die Dame
selbst die gewöhnlichen Höflichkeitsfragen, und jedesmal galt es für
alle Anwesenden, zusammenzuklappen wie Taschenmesserklingen. Endlich
war die Begrüßung vorüber, die Theatermama und ihre possierlichen
Jüngferchen blieben nun aufrecht auf ihren Waden hocken, und ich
mußte dasselbe thun, denn die japanische Hauseinrichtung kennt keinen
Stuhl, kein Fauteuil oder Sofa, nur brachten zwei Mädchen ein paar
dünne Kissen herbei und schoben sie unter mich. Mein Dragoman hatte
inzwischen die Papiertüten mit den Süßigkeiten den kleinen Mädchen
überreicht, und obschon sie danach schielten und wohl für ihr Leben
gerne davon genascht hätten, verbot es doch die gute Sitte, ihr
Vorhaben auszuführen.
Das älteste der Mädchen mochte sechzehn Jahre zählen; ein liebes
Kind, mit süßem Gesichtchen, kauerte sie in europäischer Weise, also
auf dem richtigen Fleck ihres Körperchens sitzend, mit aufgezogenen
Beinchen an der Wand. Die anderen standen im Alter von sieben bis
fünfzehn Jahren, ihre Gesichtchen waren mit Puder bedeckt, Wangen und
Lippen rot geschminkt, und auf der Unterlippe auch noch drei goldene
Punkte aufgemalt. Sie trugen bunte, zum Teil sehr reich gestickte, aus
kostbaren Stoffen bestehende Kimonos, und da ich mich wunderte, wie
so winzige Mädchen aus armen Familien schon zu so kostbaren Kleidern
kämen (diese pflegen sich doch erst die vollendeten Geishas schenken
zu lassen), erzählte die Theatermama, unter den Mädchen befänden
sich auch solche wohlhabender Eltern, die ihre Kinder nur für den
Tanz- und Gesangsunterricht zur Schule sendeten, damit sie zu Hause
sich produzierten. Sie hätten zu Ehren des fremden Besuchers ihre
Zeremonienkleider angethan. Die wirklichen Geishaschülerinnen seien ihr
von Unternehmern in Pension gegeben worden und zahlten ihr wöchentlich
zwei Dollars (vier Mark) dafür. Aber sie hätten außerdem der Regierung
eine Taxe von einem halben Dollar monatlich für jede Schülerin zu
entrichten. Sobald diese in die Oeffentlichkeit tritt, steigt diese
Monatstaxe auf einen Dollar.
Nun begannen die Tänze. Der Reihe nach führten die herzigen Kinder in
aller Unschuld die gewagtesten und schwierigsten Tänze auf, immer zwei
bis vier Kinder zusammen. Die japanischen Tänze sind nicht solche wie
unsere Ballett- oder Ballsaaltänze; die letzteren kennt der Japaner
überhaupt nicht, und wenige Errungenschaften der europäischen Kultur
kommen ihm lächerlicher, sinnloser und den Anstand verletzender
vor wie Walzer oder Polka. Noch toller findet er das Umherhüpfen
der Ballettmädchen in kurzen, tief ausgeschnittenen Kleidern, die
Schaustellung der Glieder, den Zehentanz. Die Maikomädchen sind bei
ihren Tänzen stets bis zu den Zehenspitzen bekleidet, und die Tänze
selbst stellen gewöhnlich irgend ein Ereignis in der Geschichte oder
eine Handlung im Leben dar, wenn von Tänzen im rechten Sinne des Wortes
überhaupt gesprochen werden kann. Es sind vielmehr Posen, Bewegungen
mit dem Oberkörper und den Händen, unterstützt und verständlich gemacht
durch die ungemein ausdrucksvolle Kunst der Fächersprache.
Ich war deshalb sehr verwundert, als zum Schluß die beiden ältesten
Mädchen, trotz ihrer Jugend schon vollständig erblüht, eine veritable
Tarantella zum besten gaben. Mit erstaunlicher Leichtigkeit trippelten
die Füßchen über den Boden, drehten sich die frischen zarten Körper
im Kreise, daß die Kimonos fast wagerecht von ihnen abstanden; dazu
schüttelten die Mädchen wie toll die Köpfe und klatschten in die
Händchen. Dann warfen sie sich plötzlich auf die Hände nieder, stellten
sich auf den Kopf und streckten die Beine in die Höhe.
„Das ist der Manzai,” sagte stolz Madame Silbermond, als die
Tänzerinnen wieder auf ihren Füßen standen. „Gefällt er Ihnen?” Als ich
meiner Bewunderung Ausdruck gab, fügte sie bei: „Das ist der einzige
europäische Tanz, den ich meine ehrenwerten Schülerinnen lehre.”
Irgend ein europäischer Spaßvogel wird sich wohl in Kioto den Jux
erlaubt haben, diese Schlußpose, als zum abendländischen Tanze gehörig,
gezeigt zu haben, und nun wird sie in den Geishaschulen von Kioto
eingeübt.
Aber nicht nur darin zeigt sich der Einfluß der Europäer. Er ist schon
so groß geworden, daß er sogar die ganze Existenz der Geishamädchen
bedroht. Durch die Einführung von Mädchenschulen, durch die
Erschließung anderer Berufsarten für das zarte Geschlecht und endlich
durch den Wandel in Bezug auf die moralischen Anschauungen der Japaner
dürften die Geishas, wie sie heute bestehen, immer seltener werden. Wer
weiß, ob dann nicht auch noch unsere ~Cafés chantants~ und unser
Ballett im Lande der aufgehenden Sonne zur Einführung gelangen.
Miß Alice Bacon, die jahrelang als Erzieherin in vornehmen Häusern
Japans geweilt und einen tiefen Einblick in das japanische
Frauenleben gewonnen hat, sagt von den Gaishas: „Die Gaisha ist nicht
notwendigerweise schlecht, aber in ihrem Leben ist sie so großen
Versuchungen ausgesetzt, daß auf eine ehrbare Gaisha viele kommen, die
auf Abwege geraten und schließlich tief unter das Niveau der Ehrbarkeit
sinken. Aber sie sind so verführerisch, glänzend und geistreich,
daß viele von ihnen von Männern in angesehenen Stellungen zu Frauen
genommen wurden und heute an der Spitze der vornehmsten Haushaltungen
stehen...” Einer der größten Bewunderer Japans, Sir Edwin Arnold, zollt
den lustigen Weibern von Dai Nipon alle Anerkennung, sagt aber in Bezug
auf ihre Moral in seinem Buche „~Japanese ways and thoughts~”
folgendes: „In Japan hat der Buddhismus die irdische Liebe in
Mißachtung gebracht, die Lehren des Confucius haben sie noch weiter
herabgesetzt, und der ideallosen Natur der Männer dient sie nur als
Zeitvertreib und Vergnügen. Die japanischen Frauen haben der Theorie
nach diese beschränkte Ansicht über die geschlechtlichen Beziehungen
angenommen und für viele Zeitalter die Treue des Gemüts höher gestellt
als die Reinheit ihres Körpers...”
„Ohne Zweifel ist es in den besseren Ständen die Regel, daß die
Töchter bis zu ihrer Verheiratung sorgfältig erzogen und bewacht
werden sollen, aber diese jungen Mädchen sprechen von den Musmis und
Gaishas und Freudenmädchen in so freier Weise, daß man sofort den
Unterschied zwischen den Anschauungen der Japaner und Europäer über die
Beziehungen der beiden Geschlechter erkennt. Japan ist ein Land, wo es
nicht nur ganz gewöhnlich ist, daß ein Mädchen sich für ihre Eltern
zu öffentlichem Gebrauch verkauft, sondern wo sie für diese That eher
bewundert und gelobt als geschmäht wird.”
Wo sie selbst eine so vielsagende Generalbeichte ablegen, braucht man
sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Douglas Sladen sagt in seinem
Buche „~The Japs at home~” folgendes über sie: „Ist eine Geisha
geschickt, scherzhaft, gutmütig, vor allem aber schön, so erwirbt sie
sich bald einen Ruf in der Stadt. Die jungen japanischen Stutzer hören
es gerne, wenn man sie mit ihr neckt; ihre Engagementsliste ist auf
Tage hinaus besetzt, man kann sie nur auf ein Stündchen zu Gesicht
bekommen. Juwelen erscheinen auf ihren Fingern, Perlen in ihrem Haar,
sie wird stolz, merkwürdige, vielsagende Blitze schießen zuweilen aus
ihren Augen, eines Tages ist sie verschwunden. Wir werden zu einem
großen Festgelage geladen, sie ist nicht da. Wir fragen bei ihren
Freunden nach, niemand hat sie gesehen. Nun wissen wir, daß sie am
Ziele ihres Strebens angelangt ist. Irgend ein reicher Herr hat sich
so sehr in sie verliebt, daß er sie für sich allein haben will, und
deshalb hat er sie aus den Händen ihres Herrn losgekauft. Sie folgt
ihrem neuen Herrn in sein Haus, auf Zeit oder für immer, und sie, die
in ihrer Jugend so zahlreichen Männern den Kopf verdreht hat, wird eine
ehrenwerte Frau Oberst so und so, oder Frau Minister X.”
[Illustration: Schlafende Mädchen.]
Wie häufig kommt es vor, daß Eltern ihre Töchter für eine kurze Zeit
an Europäer verheiraten und den klingenden Lohn dafür einstreichen!
Wer hat nicht Pierre Lotis reizendes Buch „Madame Chrysanthème”
gelesen? Und wie Pierre Loti mit seinem kleinen Frauchen, so ist es
vielen anderen Lotis in Japan ergangen, die Scheidungen sind dort so
leicht gemacht! Aber sind die Europäer, die sich auf diesem nicht mehr
ungewöhnlichen Wege zu einer zeitweiligen Lebensgefährtin verhelfen,
nicht ebenso sittenlos wie die lustigen Weiber von Dai Nipon? Wie, wenn
eines Tages als Gegenstück zu dem Buche „Madame Chrysanthème par Pierre
Loti” ein Buch erschiene: „Pierre Loti par Madame Chrysanthème”? Ob
die kleine, liebliche Japanerin nicht auch allerhand recht ergötzliche
Einzelheiten über ihren Ehemann auf Zeit erzählen könnte?