Menschenstrom, der sich dem breiten Bett des Kamogawa zuwälzte. Der
Kamogawa, in der trockenen Jahreszeit nur ein wasserloses, steiniges
Flußbett mitten im Herzen von Kioto, ist der eigentliche Hauptplatz der
Stadt, der Mittelpunkt des geselligen Verkehrs und der Vergnügungen.
Diesmal zog sich in seiner Mitte noch ein ziemlich beträchtlicher
Wasserstreifen hin, so daß sich die fröhlichen Volksmassen den
Vergnügungen zu Wasser und zu Lande hingeben konnten. Als ich aus
der langen, menschenerfüllten Sandschoristraße heraus und auf die
große Kamogawabrücke kam, blieb ich, geblendet von dem Anblick des
Flußbettes, unwillkürlich stehen. Es erschien mir wie ein ungeheurer
Ballsaal, in welchem eben ein tolles Maskenfest gefeiert wurde,
lebhafter, farbenreicher, glänzender, großartiger als jene des
Abendlandes zur Zeit des Karnevals. An den beiderseitigen Flußufern
zogen sich fast ununterbrochene Reihen von Theehäusern, Restaurants,
Schaubuden, Theatern hin, alle nach der Flußseite mehr oder weniger
offen und von zahllosen farbigen Lampions erleuchtet. Derartige Buden
waren auch im Flußbett selbst errichtet, fast bedeckt mit Lampions,
und zwischen diesen Buden und jenen der Ufer spannten sich Bögen von
Lampions; Lampionketten zogen sich auf dem Wasserlauf selbst entlang,
umkränzten die offenen Bühnen der Tänzerinnen, Schauspieler und
Zauberkünstler, baumelten auf den zahlreichen Vergnügungsbooten im
Flusse, oder bewegten sich, getragen von den Spaziergängern, zwischen
der Budenstadt auf und ab, Leben, Farbe, Licht, Bewegung, Gelächter,
Gesang, Musik überall, und das einen Kilometer weit stromauf und
-abwärts. Aber das war nicht alles. Langsam schritt ich über die Brücke
und gelangte nun in die eigentliche Vergnügungsstraße der „heiligen”
Stadt der Japaner, nach der Teramadschidori, in der jedes Haus nur dem
Vergnügen gewidmet ist. Die Straße ist mit Bambusmatten, über Gerüste
ausgebreitet, eingedeckt, und von dieser Decke, ebenso wie von den
einzelnen Häusern hängen so zahlreiche Petroleumlampen, Glas- und
Papierlampions, daß die Straße gewöhnlich taghell erleuchtet ist. Große
Transparente preisen die Vorstellungen der Theater, der Geishamädchen,
Sängerinnen, Tänzerinnen an und locken schon zu gewöhnlichen Zeiten
das leichtlebige Volk von Kioto scharenweise herbei. Wie erst heute
am Bon Matsuri, am Seelenfeste! Jeder Raum, jedes Theehaus, jedes
Plätzchen im Flußbett selbst war mit fröhlichen Menschen gefüllt, die
sich gütlich thaten und dabei den Darstellungen der Künstler lauschten.
Keine Stadt Japans hat so schöne Geishamädchen, so ausgezeichnete
Tänzerinnen, so fertige Akrobaten und Zauberkünstler; und sie alle,
Tausende an der Zahl, gaben heute das Beste, das sie vermochten. Die
Japaner sind Freunde von Picknicks; einzelne Familien hatten sich
zusammengethan, um den Abend unter freiem Himmel im Flußbett drunten zu
verleben, sie hatten Geishamädchen angeworben, um für sie zu musizieren
und zu tanzen. Ueberall gab es heute derartige malerische Gruppen.
Im Kreise kauerten die Familien mit ihren festlich geschmückten
Kindern (selbst die kleinsten müssen bei solchen Gelegenheiten
dabei sein) auf dem Boden, aßen mit ihren Eßstäbchen Süßigkeiten,
Reiskuchen und eingemachte Früchte, tranken dazu Sake (Reiswein) oder
rauchten ihre winzigen Pfeifchen; zwischen ihnen hockten blutjunge,
phantastisch geputzte kleine Mädchen mit der japanischen Guitarre,
Flöte und Trommel, und während sie musizierten, tanzten die berühmten
Geishas von Kioto den Bonodori, einen religiösen, hauptsächlich in
Posen und Körperschwenkungen bestehenden Tanz, der buddhistischen
Ursprungs sein soll. Solche Bilder wiederholten sich im Flußbette
unzähligemale, hier und dort tanzten auch die Zuseher, einen Kreis
bildend, mit den Geishamädchen um die Wette. Ueberall Gesang, überall
Guitarregeklimper, Trommelschlag, Gläserklang, Gelächter, Bewegung.
Die reizenden japanischen Mädchen in ihren malerischen Festgewändern,
Schmetterlinge und Blumen im Haare, promenierten dazwischen Arm in
Arm, auf und nieder, scherzten mit den Bekannten, bewarfen die auf
dem Fluß einherziehenden Boote mit Blumen; Kinder umringten die
ambulanten Verkäufer von Süßigkeiten, bewunderten die Fertigkeit der
Taschenspieler und lachten über die mitunter recht obscönen Scherze der
Märchenerzähler. Unter all diesen Zehntausenden befand sich nicht ein
einziger Europäer, nicht einmal ein europäisch gekleideter Japaner, es
war ein urjapanisches, urheidnisches Fest, und wer Gelegenheit gehabt
hat, dieses oder irgend ein anderes Fest, selbst in den für Europäer
offenen Städten Japans mit anzusehen, der wird von der vermeintlichen
„europäischen” Kultur der Japaner einen sonderbaren Begriff bekommen.
Steckt die europäische Kultur etwa allein in Eisenbahnen und Kanonen?
Gehören nicht auch das Christentum und die Moral dazu?
Aber unter all den Japanern, die sich auf dem breiten Flußbette des
Kamogawa gütlich thaten, befand sich wohl kein einziger Christ, von
der Moral gar nicht zu sprechen. Wohl waren die losen, leichtfertigen
Geishamädchen von ihren bemalten hübschen Köpfchen an bis zu den
Fußspitzen bekleidet, aber in ihren Tänzen trieben sie mitunter die
Unmoralität auf das äußerste, vor den Augen ganzer Familien, vor den
Augen junger Mädchen, vor Kindern! Und diese blickten naiv, aufmerksam
über jede Obscönität lächelnd auf solche Darstellungen! Es steckt in
diesem merkwürdigen Volk doch noch ein gutes Stück Barbarentums, und so
schön, so malerisch und glänzend ihre Festlichkeiten auch sein mögen,
so sehr auch Europäer davon geblendet werden, es kommt doch dabei
die ungeheure Kluft zum Vorschein, die uns christliche Bewohner des
Abendlandes von diesen heidnischen Orientalen heute und noch auf lange
Zeit hinaus trennt.
[Illustration: Beim Musizieren.]
Japanische Musmis.
Lustige Weiber in der That! Lustig und dabei neckisch, kokett, hübsch
und zärtlich, reizende Wesen, wie geschaffen, dem Manne das Leben zu
versüßen. Fragt man einen Weltfahrer, welches Land ihm vor allen am
besten gefallen hat, so wird er gewiß zur Antwort geben: Japan; und
fragt man ihn, was ihm in Japan am besten gefallen hat, so ist die
gewöhnliche Auskunft: die Japanerinnen.
Das beste dabei ist, daß er in neun Fällen unter zehn die wirklichen
Japanerinnen gar nicht kennen gelernt, vielleicht gar nicht gesehen
hat. Wie die Frauen der besseren Stände bei den meisten orientalischen
Völkern, so bleiben diese auch in Japan dem öffentlichen Leben fern;
selten erscheinen sie auf der Straße, selten bei gesellschaftlichen
Anlässen, und jene, mit denen der Europäer in Japan in Berührung
kommt, sind höchstens die Frauen der Minister, des Adels und der
Hofwürdenträger; aber diese haben in den meisten Fällen dem alten Japan
Adieu gesagt und sich dem neuen europäisierten Japan angeschlossen,
prangen in Federhüten, Miedern und Stöckelschuhen, sprechen fremde
Sprachen und tanzen Walzer und Quadrille. Der Europäer, der Japan
bereist, und mag er sich auch Jahre in diesem herrlichen Lande
aufhalten, lernt gewöhnlich nur die Frauen aus dem Volke kennen,
die Verkäuferinnen und Ladenmädchen, die Wirtinnen und Kellnerinnen
in den Theehäusern, die Sängerinnen, Tänzerinnen und andere. Wird
er von irgend einem Japaner der besseren Stände zum Diner oder Thee
geladen, so geschieht dies in der Regel nicht in dem Wohnhause des
Japaners, sondern in irgend einem Theehause, und an die Stelle der
Hausfrau mit ihren Töchtern treten Mädchen, die um so und soviel die
Stunde gemietet werden, um den Gästen die Honneurs zu machen und
durch Witz, Munterkeit, Gesang und Tanz die Zeit zu vertreiben. Die
Japanerinnen sollten diesen kleinen, zierlichen Demoiselles zu Dank
verpflichtet sein, denn wer weiß, ob sich die Frauenwelt von Dai-Nipon
in Europa eines so liebenswürdigen Rufes erfreuen würde, wenn sie dem
reisenden Europäer in allen ihren Ständen und Gesellschaftsklassen
gerade so zugänglich wäre wie jene von, sagen wir, Amerika. Vielleicht
wäre dieser Ruf auch nicht so, wie er ist, wenn die Japaner es den
Europäern gleichthun und zu den Verrichtungen in Kaufläden, in
Hotels und Theehäusern Damen von gesetztem Alter, ehrbare, gesittete
Hausfrauen, ungeschlachte Dienstboten aus den Dörfern herbeiziehen
würden. Was dem europäischen Reisenden in den ihm offenstehenden
Lokalen entgegentritt, sind durchwegs niedliche, junge Mädchen im
Alter von zehn bis siebzehn, höchstens zwanzig Jahren, so zart und
hübsch und appetitlich wie Meißner Porzellanfigürchen, denen die gütige
Vorsehung Seele und Leben eingeflößt hat. Ganz Japan sieht in seinen
Provinzhotels und Theehäusern aus wie ein großes Mädchenpensionat,
und es müßte schon ein ganz verzweifelt hoffnungsloses Exemplar von
vertrocknetem Gelehrten sein, das in so reizend schäkernder, naiv
spielender Umgebung nicht außer Rand und Band geriete. Kommt man da
in irgend ein Provinzialhotel, so trippeln geschäftig drei, vier,
fünf kleine possierliche Jüngferchen herbei und werfen sich vor dem
Fremdling nieder. Mit unnachahmlicher Grazie sinken sie auf ihre Knie,
legen ihre Körperchen zurück, so daß sie auf ihren Waden sitzen,
und machen dann ihre Verbeugung so tief, daß sie mit ihrem Näschen
beinahe den Boden berühren. Welch beneidenswerte Gelenkigkeit! Dann
raffen sie sich wieder auf, nehmen dem Gaste mit reizendem Lächeln
seine Gepäckstücke und Siebensachen ab und rücken ein weiches Kissen
zurecht, auf dem er Platz nehmen muß. Flink wirft sich wieder ein
Jüngferchen vor seine Füße auf den Boden und löst ihm die Schuhe von
den Füßen. Man ist ganz beschämt. Solch zarte winzige Händchen und so
schwere, plumpe, schmutzige Stiefeln! Aber da hilft kein Sträuben.
Kichernd und schelmisch führen sie dann den Fremden auf die glänzenden,
blank geputzten Matten oder auf einem Holzfußboden, so schön wie ein
Klavierdeckel, weiter, schieben einige Holzrahmen mit weißem Papier
überspannt zu einem Viereck zusammen, so daß ein Kämmerchen daraus
entsteht, und man ist auf seinem Zimmer. Natürlich keine Thüre, keine
Nummer, kein Schloß und Riegel, keine Fenster. Die spanischen Wände
werden alle Augenblicke von den kleinen, stets lächelnden Mädchen
auseinandergeschoben. Fräulein Sonnenschein trägt einen Kimono, dieses
bequeme Universalkleidungsstück Japans, Fräulein Mohnblüte bereitet
das Nachtlager, Fräulein Frühling richtet das Bad zurecht und hilft
einem beim Auskleiden. Nein, so eine Naivität! Odysseus ist auf seiner
Insel nicht so herrlich aufgehoben gewesen wie der Reisende in Japan.
Man dünkt sich wie der einzige Mann in einem Reiche voll hübscher,
junger Frauen. Ist man nach dem Bade in seinen Kimono geschlüpft,
so wird die ehrenwerte Mahlzeit aufgetragen. Ein Fräulein trägt den
ehrenwerten Tobakomon mit dem Hibatschi herbei, d. h. ein Kästchen mit
glimmender Kohle und einem Aschenbecher, denn es wird vorausgesetzt,
daß jedermann Raucher ist. Dann wird ein winziges, niedriges
Tischchen herbeigetragen mit allerhand japanischen Leckerbissen und
dem unfehlbaren Tscha, d. h. Thee. Tische, Stühle, Fauteuils nach
unserer Art sind natürlich nicht vorhanden; dafür giebt es schwellende
Kissen auf dem Boden, und man muß lernen auf seinen Waden zu hocken.
Geräuschlos schlüpfen die kleinen Musmis aus und ein, richten die
blendend weißen Eßstäbchen zurecht, gießen aus Porzellanflaschen
warmen Reiswein in die Schalen und machen sich in jeder erdenklichen
Art nützlich. Man kann nichts thun, ohne eine Musmi an seiner Seite
zu haben, selbst in dringenden Fällen, wo man allein sein will. Sie
sind wie Peter Schlemihls Schatten fortwährend auf unseren Fersen. Ob
man ehrenwerte Musik hören will? Natürlich. Arigato, danke. Sofort
treten ein paar kleine liebliche Mädchen vor, eine hübscher, putziger
als die andere. Sie kauern sich an der Papierwand gegenüber auf die
Fersen, nehmen den Samisen, d. h. die japanische Guitarre, oder den
Koto (eine Art Zither) zur Hand und zupfen ohne Unterlaß an den Saiten
herum. Ob man einen ehrenwerten Tanz sehen will? Gewiß. Eine oder
zwei Tänzerinnen huschen herein, phantastisch aufgeputzt in reichen,
goldstrotzenden Gewändern und tanzen.
Nacht. Man hat sich endlich, ganz verwirrt von dem liebreizenden
Empfang, auf die harte Matratze zwischen den vier Papierwänden
hingestreckt und muß sich wahrhaftig in die Beine zwicken, um zu
sehen, ob man nicht träumt, ob dieses Schlaraffenleben Wirklichkeit
ist. Draußen auf der Veranda brennt ein Licht in einem farbigen
Lampion; aus der Ferne hört man Gesang und frohes Gelächter, dazu
überall das Gezupfe auf den Samisen; zuweilen huscht ein Schatten an
den durchscheinenden Papierwänden vorbei. Wer nur in den Nebenräumen
schlafen mag? Man braucht ja bloß die Wände auseinanderzuschieben, nur
ein klein wenig, ja nicht einmal das. Das Papier ist ja leicht mit
dem Finger zu durchstechen. Richtig, da ist es schon. Andere haben
denselben Gedanken gehabt. Ein leichtes Geräusch am zerreißenden
Papier, ein einziges Fingerchen hat sich den Weg in unser Schlafgemach
gebrochen, verschwindet, und in der Oeffnung erscheint ein schwarzes,
glänzendes, neugieriges Auge. Kracks. Noch ein zweites Loch, ein
zweites Auge. Was doch die Japanerinnen neugierig sind! Auf einer
Seite im Nebenraume ein leichtes Seufzen, ein Klopfen, wie wenn ein
Kapellmeister seinem Orchester abklopft. Leichter Tabakgeruch dringt
zwischen den Spalten in unser Gemach. Wir sind aber auch neugierig. Wer
da wohl drinnen sein mag? Mit dem Taschenmesser wird mäuschenstill ganz
unten am Boden ein Loch durchs Papier geschnitten, da hockt ein Musmi
in recht, recht leichter Kleidung vor ihrer Matratze und schmaucht noch
vor dem Schlafengehen ein winziges Pfeifchen, nicht größer als ein
Bleistift mit einem aufgesetztem Fingerhütchen. Ein, zwei tiefe Züge,
dann klopft sie das Pfeifchen an dem Hibatschi wieder aus und steckt
eine Kleinigkeit Tabak, den sie zwischen den Fingern zu einer Erbse
gedreht hat, in den Fingerhut. So raucht sie fünf, sechs Pfeifchen,
legt sich dann auf die Matratze, schiebt sich den kleinen, ziegelgroßen
Holzklotz, der ihr als Kopfkissen dient, vorsichtig unter den Nacken,
damit ja ihre sorgfältige Haarfrisur nicht in Unordnung gerät, und
zieht eine dicke, geblümte Decke über das winzige Körperchen. Gute
Nacht! Ob sie wohl ahnt, daß neben ihr ein Europäer weilt? Ob sie
seinen Seufzer gehört hat? Alle Japanerinnen sind doch nicht neugierig.
Sie schläft.
Am Morgen wieder dieselbe Geschichte. In Japan kennt man kein
Anklopfen an die Thüre, kein Hereinrufen. Man mag gerade bei den
privatesten Toilette-Angelegenheiten sein, die Papierwände werden
auseinandergeschoben, frei und mit dem freundlich warmen Sonnenlichte
dringt auch Fräulein Frühling wieder lächelnd ein. Das Bad ist
bereit, der Frühstücksthee u. s. w. Während dieser Zeit werden die
Matratzen wieder zusammengerollt und fortgetragen, die Effekten und
Toilettesachen eingepackt, die Papierwände auseinandergeschoben, der
Boden geputzt und geglättet wie ein Spiegel, nicht ein Stäubchen
ist zu sehen. Mittags gemeinschaftliche Mahlzeit mit Japanern und
Japanerinnen; der Tschau (d. h. die Speisen) werden in der Mitte des
Raumes auf kleinen Tischchen aufgetragen, alles unter fortwährenden,
tiefen, zeremoniösen Verbeugungen, als wären die Gäste lauter Könige.
Der große, niedrige Raum ist nach allen Seiten offen; vorne blickt
man auf die Straße, hinten auf ein Gärtchen mit sorgfältig besandeten
Wegen, grünem Rasen und kurios geschnittenen Bäumchen. In der Mitte,
gerade vor der japanischen Table-d’hôte-Gesellschaft, ist ein kleiner
Wassertümpel mit klarem Wasser, von künstlichen Felsen umgeben. Während
wir essen, kommt da ein Japaner durch den Garten geschritten, wirft
seinen Kimono ab und steigt splitternackt, gerade wie er erschaffen,
in die kühle Flut. Nachdem er einigemale untergetaucht, kommt er
wieder ans Land, stellt sich angesichts der Frauen und Mädchen und
der kleinen, vierzehn- bis sechzehnjährigen Musmis hin und reibt sich
mit Tüchern die Nässe vom Leibe. Welches Ach und Shoking, welcher
Anlaß zu Ohnmachtsanfällen und welcher Aufwand an Riechfläschchen,
Taschentüchern und dergleichen gäbe es doch in Europa! Hier kümmert
sich kein Mensch um ihn; man sieht ihn gerade so, wie man die Bäume und
den Himmel sieht, aber niemandes Blicke bleiben länger auf ihm haften;
kein Augenpaar wird züchtig errötend niedergeschlagen. Und als er sich
endlich zu uns setzt, um seinerseits das Tiffin (Vormittagsmahl)
einzunehmen, geschieht dies unter gegenseitigen zeremoniösen
Verbeugungen.
Wir wollen das Hotel verlassen. Vor dem erhöhten Fußboden der weiten
Halle, die das Hotel eigentlich bildet, stehen zwischen Dutzenden
von Getas, d. h. japanischen Holzpantoffeln, auch unsere Schuhe.
Diensteifrig eilen die kleinen Mägdlein wieder herbei, um uns beim
Anziehen derselben behilflich zu sein, und als wir uns zum Fortgehen
wenden, fallen sie wieder auf die Erde. Sayonara, Sayonara tönt es von
ihren ewig lächelnden Lippen.
Diese Musmis sind nur die bescheidensten weiblichen Wesen, mit denen
der Europäer in Japan in Berührung kommt. Die nächst höhere Klasse
sind die Maikos und Geishas. Während bei uns bekanntlich alle Frauen
uns das Leben versüßen und angenehm machen, giebt es in Japan dafür
professionelle Versüßerinnen in der Gestalt zahlloser Tänzerinnen und
Sängerinnen, die jede Stadt ohne Ausnahme aufzuweisen hat. Tokio und
Kioto, die neue und alte Hauptstadt von Dai-Nipon, allen voran, was
ihre Zahl anbetrifft, aber jene, welche die größte Künstlerschaft
besitzen und im Lande am berühmtesten sind, wird man in Osaka und
Nagoya finden. Sie sind nicht etwa bestimmten Theehäusern, Theatern,
Klubs oder Vergnügungslokalen zugeteilt wie unsere Volkssängerinnen,
Dämchen des Corps de Ballet, Soubretten und dergleichen, sie bilden
auch keine Gesellschaften oder Wandertruppen, die in Variététheatern,
Cafés chantants oder Tingeltangeln ihre Kunst zum besten geben, sondern
wohnen in der ganzen Stadt verteilt bei ihren Lehrmeistern oder Eltern
und lassen sich für ein, zwei Stunden zu bestimmten Festlichkeiten
oder Anlässen anwerben. Die jüngsten unter ihnen sind gewöhnlich die
Maikos (Tänzerinnen), und erst, nachdem diese einige Jahre durch
ihren Tanz die vergnügungslustige Männerwelt entzückt haben, werden
sie Gaishas (Sängerinnen). Als solche bleiben sie bis zu ihrem
zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Lebensjahre ~en vogue~, um
dann allmählich anderen, jüngeren Platz zu machen und zu verschwinden.
Sie sind eine Eigenart von Japan. Ich habe ähnliche, wenn auch nicht
so reizvolle, professionelle Gesellschaftsdamen nur noch in Korea und
China getroffen, sonst nirgends auf dem Erdkreis. Ohne sie kann man
sich Japan nicht gut denken. Während die Musmis in den Hotels und
Theehäusern nur für die persönliche Bequemlichkeit der Besucher Sorge
tragen, erheitern die Maikos sie durch ihren Tanz und ihre dramatischen
Darstellungen, die Geishas aber vertreiben ihnen durch ihren Witz,
ihren Gesang und ihre klassische Bildung in der angenehmsten Weise die
Zeit. Als reizende Zugabe besitzen alle drei Klassen, Musmis, Maikos
und Geishas, stets Jugend und Schönheit.
[Illustration: Sängerinnen (Trio).]
Die Geishamädchen.
Eine Geisha nach europäischen Begriffen, wie sie etwa in der Operette
dieses Namens während der letzten Jahre dem Theaterpublikum vorgeführt
wurde, ist nicht dasselbe, was eine Geisha in ihrem schönen Heimatlande
Japan ist. Ja, ich möchte sagen, sie haben miteinander nichts gemein
als den Namen. Wie wäre es auch möglich, auf einer europäischen Bühne
diese reizenden, kleinen Zierpüppchen darzustellen, die in Japan das
Leben der Männer versüßen, ihnen die Abende in der angenehmsten Weise
vertreiben, bei ihren Mahlzeiten die Gattinnen ersetzen, überhaupt als
der Inbegriff von Schönheit, Anmut, Jugend, Geist und Witz gelten!
Sollten unsere Geishas auf der Bühne wirklich ihren lieblichen
japanischen Vorbildern entsprechen, dann dürfte zunächst keine von
ihnen größer sein als die kleinste unserer Soubretten, keine älter als
zwanzig Jahre, keine schwerer wiegen als das leichteste Schneiderlein.
Die winzigen Dämchen unserer Bühnenwelt, die in Jugend und Gestalt
an die Geishas von Japan erinnern könnten, sind unsere kleinen
Ballettratten, ehe sie noch aus dem Uebungssaal heraus auf die Bühne
getreten sind. Aber auch nur in Aussehen und Gestalt; alles andere, was
die kleinen Dämchen unserer Ballettschulen erst lernen müssen, um ihren
heiteren Beruf vor und hinter den Kulissen mit Grazie zu erfüllen,
haben ihre Schwestern in Japan längst hinter sich. Wo denkt eine
Sängerin des Abendlandes daran, vor dem achtzehnten oder zwanzigsten
Jahre in die Oeffentlichkeit zu treten? In Japan denkt sie in einem
solchen Alter bereits daran, sich zurückzuziehen. Und während unsere
Geishas nur die vorgeschriebene Musik zu singen, die vorgeschriebenen
Dialoge zu deklamieren haben, muß die japanische Geisha durch
schlagfertigen Witz glänzen, tändeln, spielen, kokettieren, wie
es in keinem Codex vorgeschrieben ist und wie es nur ihr süßes,
leichtfertiges Naturell eingiebt. Ja nicht einmal in Bezug auf die
Liebe, und was drum und dran hängt, gleichen einander die beiden
Geishas. Die Sprache der Liebe ist universell und überall verständlich,
heißt es. In Europa, ja, aber nicht in Ostasien. Die europäische Geisha
ist der wirklichen wahren Liebe fähig, mit der größten Hingebung, die
japanische wohl der größten Hingebung, aber nicht der wahren Liebe. Sie
haben seltsame Herzchen, diese kleinen Geishapuppen von Japan, nicht
größer und nicht kleiner als die unserer Theaterdamen, aber es ist
nichts drin, es ist wie eine leere Börse. Werden Münzen hineingethan,
dann klingt es. Und bekommt das kleine Geishamädchen Geld, dann singt
es. So ein Geldbeutelherz kennt deshalb auch keine Leidenschaft, außer
die bezahlte, und auch diese ist anders als im Abendlande. Was liegt
bei uns nicht alles in einem verstohlenen Händedruck, in einem einzigen
Blick! Die kleine Geisha von Tokio und Kioto kann man anblicken
und anzwinkern und drücken, so kräftig man will, sie versteht kein
Deutsch. Sie versteht auch keinen Kuß, und will irgend ein europäischer
Schnurrbart mit ihren Lippen in Berührung kommen, dann glaubt sie, es
soll ihr das Rot ihrer Lippenschminke abgebürstet werden. Da giebt es
kein Geplänkel, kein Liebesgirren, sie kennt keine Halbheiten. Nichts
oder alles, gewöhnlich alles.
[Illustration: Mädchentypen.]
In der Operette wird auf diese Unkenntnis des Kusses bei den Japanern
auch in dem bekannten reizenden Duett Rücksicht genommen, aber dabei
umarmen einander doch die Geisha und ihr europäischer Liebhaber, als
wäre dies in Japan gerade so selbstverständlich wie anderswo. Die
Japaner umarmen einander aber ebensowenig, wie sie einander küssen
oder die Hände schütteln. In der ganzen japanischen Litteratur, weder
in Prosa noch in Gedichten, findet sich irgend eine Anspielung auf
dergleichen, selbst wo die heißeste Liebe der Gegenstand ist. Wenn Mann
und Frau, Eltern und Kinder, Braut und Bräutigam, nach jahrelanger
Trennung einander wiedersehen, kommt es zu keinem derartigen Erguß
ihrer Liebe und Freude.
Die Liebe kommt auch nicht durch Worte zum Ausdruck, wie es in der
Operette fortwährend geschieht. In der japanischen Sprache giebt es
keine Wörter wie Liebchen, Schätzchen, Täubchen und dergleichen, an
denen die europäischen Sprachen so reich sind. Nicht einmal der Ton der
Stimme wird weicher und zärtlicher, wenn zwei Liebende, Liebende nach
japanischer Art, beisammen sind.
Ich habe in einer berühmten japanischen Ballade, Schuntokumaru mit
Namen, die ebenso bekannt und beliebt in jeder Haushaltung ist wie
bei uns etwa die Liebesgedichte unserer größten Poeten, einen
höchst seltsamen Zärtlichkeitserguß gefunden. Es handelt sich um
zwei Liebende, die, durch ein grausames Geschick getrennt, das ganze
Reich auf der Suche nacheinander durchwandern und sich endlich
im Kiomidzutempel unerwartet wiederfinden. Welcher Dichter würde
die zwei Liebenden nicht in der Ekstase des höchsten Glückes mit
thränenüberströmtem Antlitz aufeinanderstürzen und ein paar Minuten
lang sich umarmen und küssen lassen, wenn nicht die Geliebte selbst vor
lauter Erregung ohnmächtig wird oder gar tot zu Boden stürzt? In der
japanischen Ballade gucken die Liebenden einander stumm an, dann hocken
sie sich auf ihre Waden und streicheln einander ein wenig.
Wenn aber die Liebe in Japan mit dem ganzen Zärtlichkeitskalender
so unbekannt ist, wie kommt es dann, daß alle Europäer, die nach
Japan kommen, von den kleinen Geishamädchen so entzückt sind? In der
Operette hat man diesen Mangel an Liebesergüssen durch solche nach
europäischer Art ersetzt, und sie präsentieren sich auch auf der Bühne
im japanischen Gewande recht niedlich, aber japanisch sind sie nicht.
Durch was wirkt dann die japanische Geisha?