Agenten Visitenkarten, Zirkulare, Preiskurante, Einladungen und
dergleichen überreicht oder in meine Rickshaw geworfen oder in meine
Gepäckstücke gesteckt. Auf meinem Zimmer fand ich derlei Adressen zu
Dutzenden hinter dem Spiegel steckend oder auf dem Tische ausgebreitet,
und kaum hatte ich mit meiner Toilette begonnen, so klopften der
Reihe nach ein halbes Dutzend von Kellnern, Stubenmädchen, Agenten,
ja selbst kleine zierliche Nesans an meine Thüre, um mir Adressen zu
überreichen oder gar eine Menge von Kunstgegenständen verschiedenen
Werts, in Tücher gewickelt, vorzulegen. Wollte ich ausgehen, so
erwarteten mich diese ambulanten Verkäufer an jedem Treppenabsatze,
an jeder Korridorecke; kam ich nach Hause, so stand schon wieder eine
ganze Anzahl von ihnen mit Paketen und Rollen und Bündeln da, und
ich konnte mich ihrer nicht anders entledigen, als indem ich wirklich
einige der reizenden, aber dabei recht teuren Sächelchen erstand.
Damit hatte ich aber nur Oel ins Feuer gegossen. Mit staunenswerter
Schnelligkeit mußte sich die Nachricht von meinen Einkäufen in Kioto
verbreitet haben, denn am Tage darauf wurde ich in meinem Hotel von der
doppelten Zahl dieser Verkäufer belagert. Bei aller Zudringlichkeit
waren sie von einer Höflichkeit und Ehrerbietung, als wäre ich ein
König gewesen. Um ihre Waren kennen zu lernen, ließ ich sie mir doch im
Rauchzimmer des Hotels vorlegen. Einem nach dem andern wurde Audienz
erteilt. Den ersten hoffte ich los zu werden, indem ich ihm die Hälfte
seiner Forderung anbot. Flugs nahm er mich beim Worte, und ohne es zu
wollen, war ich um ein japanisches Kunstwerk reicher, um vierzig Mark
ärmer geworden. Dem zweiten bot ich ein Viertel seines Preises, und
zu meinem Schrecken wurde auch das angenommen. Dem dritten war die
Summe, die ich ihm anbot, doch zu gering. Damit hatte ich nun mein
Mittelchen gefunden. Ich bot den anderen ein Zehntel ihres Preises,
und das schreckte sie derart ab, daß sie mich schließlich nicht weiter
belästigten.
In den Kaufläden selbst ließen sich die Händler selten etwas
herunterhandeln, besonders in den großen Seiden-, Brokat-, Samt-
und Bronzeläden, welche die wichtigsten und schönsten Produkte der
Kunstindustrie von Kioto enthalten. Ueberall die größte Höflichkeit,
überall Thee, überall warfen sich die Verkäuferinnen vor mir nieder,
aber sie blieben fest bei ihren Preisen, die in der Regel das Doppelte
von dem betrugen, was den eingeborenen Japanern abgefordert wird. Hier
ein ergötzliches Beispiel dieser Beutelschneiderei, der man in Japan
überall ausgesetzt ist: Auf meinem ersten Spaziergange nach meiner
Landung in Yokohama fand ich in einem Curio Shop (Kuriositätenladen)
ein reizendes Glockenspiel, das in ähnlichen Läden in Paris zu fünfzig
Francs feilgeboten wird, mit zwanzig Mark bezeichnet. Natürlich
erwarb ich es sofort, ohne zu handeln. In Tokio wurde mir dasselbe
Kunstwerk um fünfzehn Mark angeboten, und da es wirklich hübsch war,
kaufte ich auch dieses Exemplar. Zu meiner Ueberraschung wickelte
einer der Händler, die mich in Kioto bestürmten, einmal noch ein
solches Glockenspiel aus seinem Bündel. Ich bot ihm die Hälfte meines
letzten Kaufpreises, also siebeneinhalb Mark, und ohne ein weiteres
Wort war der Handel abgeschlossen. Als ich eine Woche später nach dem
Birmingham von Japan, nach Osaka, kam, besuchte ich auch das dortige
Gewerbemuseum, und eines der ersten Objekte, das mir auffiel, war mein
Glockenspiel. Preis zwei Mark. Nun kaufte ich dieses erst recht und
noch ein zweites dazu, denn mit solchen Geschenken, die in Paris einen
Kaufpreis von fünfzig Francs besitzen, konnte ich doch nach meiner
Rückkehr bei meinen Freunden Effekt machen. Hoffentlich liest keiner
von ihnen dieses Bekenntnis.
Eine Kaiserstadt wie Kioto, welche in ihren (Holz- und Papier-)
Mauern eine Reihe von fünfzig Kaisern beherbergt hat und beinahe ein
Jahrtausend lang die Hauptstadt von Japan gewesen ist, mußte doch
noch die Paläste dieser Kaiser und seines hohen Adels haben, wenn auch
diese selbst vor einigen Jahrzehnten fortgezogen sind. In Nagoya,
in Fukuyama, in Okayama hatte ich die großen, ungemein malerischen
Burgen der alten Landesherren bewundert, welche die modernisierten
Vandalen trotz ihrer blinden Zerstörungswut gegen alles Altjapanische
noch haben stehen lassen: pyramidenförmige, mehrstöckige Pagoden,
umgeben von gewaltigen Ringmauern und Gräben. Wie herrlich mußten also
die Paläste der Kaiser selbst sein! In Tokio wird auch viel Wesens
davon gemacht, und die Erlaubnis zum Besuche der Kaiserschlösser
von Kioto mußte ich mir durch die Gesandtschaft bei der Regierung
selbst erwirken. Mit diesen Besuchspässen in japanischer Schrift,
reich mit viereckigen roten Stempeln versehen, fuhr ich eines Tages
zunächst nach dem im Nordosten von Kioto gelegenen, Goscho genannten
Kaiserpalast. Eine hohe Mauer mit sechs Thoren schließt denselben
gegen die Außenwelt ab. Durch das Mi-Daidokoro Gamon, d. h. „das Thor
der erhabenen Küche”, tretend, befand ich mich in einem öden, weiten
Hofe, auf dem sich noch vor dreißig Jahren die Paläste der Kuge,
d. h. der mit dem Kaiserhause verwandten Fürsten, befunden haben. Sie
fielen der „Revolution von oben” zum Opfer. Ein Hofbediensteter empfing
mich unter tiefen Bücklingen und führte mich in ein Bureau, wo mein
Besuchspaß durchgesehen und mein Name in ein Buch eingetragen wurde.
Hierauf begaben wir uns durch große, mit Bäumen bepflanzte Höfe zu
einem kahlen, ebenerdigen, mit breiten Veranden umgebenen Gebäude,
in dem ich die „erhabene Küche” oder die Wohnungen der Dienerschaft
vermutete. Es war aber der Kaiserpalast selbst. Ich mußte meine
Beschuhung mit weichen Hausschuhen vertauschen, deren Sohlen aus einem
Stück Seidensamt bestanden, eine Vorsicht, die ich begreiflich fand,
als ich die wie ein Pianodeckel polierten oder mit den zartesten
Strohmatten bedeckten Fußböden der Korridore und Wohnräume betrat.
Mit einer gewissen Ehrfurcht durchschritt ich die weiten Korridore,
deren Wände aus gehobelten Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen,
bestanden, denn ich war ja im Begriff, die Empfangs- und Thronsäle
der ältesten Kaiserdynastie der Welt zu betreten. Welche Schätze,
welch erhabene Kunstwerke mochten hier in dem vornehmsten Palaste
dieses Landes der Kunst aufgespeichert sein, wie freute ich mich auf
die mir bevorstehende Augenweide! Mein Führer schob eine Papierwand
zurück und hieß mich eintreten. Ein weiter, niedriger Raum mit einer
etwa kniehohen Estrade an einem Ende. Auf der Estrade erhob sich ein
niedriges Zelt aus vergilbter, weißer Seide, mit schwarzen Bändern
behängt. Sonst war nicht das geringste Möbel zu sehen. Mit leisen
Worten teilte mir der Führer mit, dies sei der Thronsaal und das Zelt
der Thron des Kaisers. Wieder wurde eine Papierwand beiseitegeschoben,
ein zweiter papierener Raum ohne irgend welche Einrichtung, der
Empfangssaal; ein dritter Papierraum ohne Möbel, das Speisezimmer; ein
vierter das Schlafzimmer; nichts als Papierwände, weiche, geflochtene
Fußbodenmatten und sehr schön geschnitzte, reich bemalte Holzdecken.
Voilà tout. So gab es etwa dreißig, vierzig derartige Räume, nur
zeigten manche von ihnen künstlerische Wandmalereien, Bäume und
allerhand Tiere mit viel Geschmack und Genauigkeit gemalt, sonst aber
kein Bett, keinen Tisch, keine Vase oder Bronze, keine Blume. In einem
Saale waren die Wände mit Malereien bedeckt, die Fächer darstellten,
alle von solchem Geschmack, solcher Harmonie der Farben und Formen, daß
ich mich kaum davon trennen konnte. Aehnliche Gefühle wie die, welche
mich jetzt bewegten, hatte ich empfunden, als ich in Sakkara und Biban
el Meluk in Aegypten die Königsgräber besuchte. Auch dort sind die
leeren Räume mit ähnlich frischen Wandmalereien geschmückt. Aber wie
dort, so schien es mir auch hier, als lägen Jahrtausende zwischen den
Menschen, die zur Zeit ihrer Erbauung gelebt haben, und der Gegenwart.
Und ist nicht auch dieser Papierpalast ein Königsgrab? Ist er nicht
das Grab des alten Japan, das unvergleichlich viel anziehender,
interessanter, malerischer war in seinen Menschen und ihrer Kultur als
das nach europäischer Art gestiefelte und gespornte Japan von heute?
Schöner, großartiger, individueller ist der nicht weit vom Kaiserpalast
gelegene Palast der Schogune, Nidscho genannt. Die militärische Macht
dieser einstigen Vicekönige äußert sich noch heute durch die festen
Mauern mit pagodenartigen Ecktürmen, die ihn umgeben. Das Reisehandbuch
nennt den Nidschopalast einen Traum von goldener Schönheit, womit
wahrscheinlich die reichen Vergoldungen der Decken und Tragbalken der
einzelnen Räume gemeint sind. Die Räume sind größer und höher, die
Malereien kräftiger und kühner, einzelne in der That von besonderer
Schönheit. Das Ganze zeigt größeren Reichtum, größere Vornehmheit.
Geradezu blendend ist der goldstrotzende Audienzsaal der Schogune, und
leicht konnte ich mir im Geiste das imposante Bild vergegenwärtigen,
als diese nun in Staub liegenden großen Herren die in den prächtigsten
Kostümen prangenden Feudalfürsten des Landes empfingen, ein Bild, das
in solchem Glanz und solcher Fremdartigkeit wohl nirgends erreicht
worden ist. Aber wo ist das alles heute? An einem Tage wurde es
fortdekretiert, und nichts ist davon übrig geblieben als dieser
Schogunpalast, die trotz ihrer Leere immer noch imponierende Hülle.
Viel interessanter als diese beiden Paläste sind die zahllosen
Buddha- und Shintotempel, welche Kioto beherbergt, nicht weniger
als dreitausend an der Zahl mit achttausend Priestern. In dieser
Hinsicht ist Kioto wirklich ein Rom, ja es hat sogar seinen Papst
in der Person des Großbonzen der Schinsekte, dessen Haupttempel der
prächtige Higaschi-Hongwanschi ist. Tage verbrachte ich mit dem Besuche
der verschiedenen Tempel, mit ihren Tausenden und Abertausenden
von Buddhastatuen groß und klein, mit ihren bronzenen Göttern und
Göttinnen, ihren Opferschreinen und habgierigen, recht unheiligen
Priestern. Selten traf ich in diesen Tempeln andächtige Männer; die
Hauptbesucher waren Frauen, und wie opferwillig diese den Göttern
gegenüber noch heute sind, sah ich bei dem Bau des vorerwähnten
Higaschi-Hongwanschi.
Zahlreiche Arbeiter waren noch mit der Fertigstellung dieses
Riesengebäudes, eines der größten von Japan, beschäftigt, und in
einer Ecke des Bauhofes lagen zwei mannshohe Rollen von armdicken
schwarzen Tauen. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß sie aus Haaren
geflochten waren. Mein Führer erzählte mir nun, daß die gewöhnlichen
Taue durchwegs zu schwach waren, um die ungeheuren Dachbalken dieses
mächtigen Baues beim Emporziehen zu tragen, und ihr Reißen hatte
mehrere Unglücksfälle zur Folge. Da weissagte ein Priester, daß
nur Taue aus Frauenhaaren stark genug sein würden, die Arbeit zu
ermöglichen. Und siehe, Tausende von Frauen opferten ihren Haarwuchs,
mehr als erforderlich war. Wo gäbe es im Abendlande Frauen, die
sich zu einem solchen Opfer entschließen würden? Hat es nicht seine
Berechtigung, wenn alle Reisenden das Lob der Japanerinnen singen?
Mehr als irgendwo lernt man in den Tempeln von Kioto das innere
Leben der Japaner kennen, ihre Geistesrichtung, ihren Aberglauben.
Dabei enthalten sie aber auch ungezählte Merkwürdigkeiten, deren
bloße Anführung allein schon ein Buch füllen würde. Und wie am Tage
die Tempel, so gewähren zur Nachtzeit die zahllosen Theehäuser des
Gion einen tiefen Einblick in die Sitten der Japaner. Gion ist das
Quartier der Leichtlebigkeit, oder soll man sagen Leichtliebigkeit? Die
Theehäuser sind ihrem Aeußeren nach bei weitem nicht so groß, reich und
einladend wie die Yoshiwara von Tokio oder Yokohama, ärmliche, niedrige
Häuschen, vor deren Thüren abends große weiße Papierlaternen mit recht
verfänglichen Inschriften brennen. Aber im Innern geht es dafür desto
toller zu. Aber auch im Freien kann man dieses eigentümlich muntere,
lose Treiben kennen lernen, besonders im Sommer, wenn der Kamogawa
ausgetrocknet ist und das Völkchen von Kioto es sich in dem weiten
steinigen Flußbette bequem macht. Oder an den zahllosen Festtagen
des Jahres, wenn die ganze Bevölkerung mit buntem Festschmuck in den
Straßen ist. Dann erst sieht man, daß Kioto noch lebt und daß die
Bevölkerung ebenso sorglos, ebenso urjapanisch ist wie zur Zeit der
Schogune.
Daimondschi, das japanische Totenfest.
Japan ist das Land der Feste, wie kein zweites auf Erden. In jeder
Woche finden in diesem gesegneten Inselreiche des fernen Ostens
Festlichkeiten statt, nicht nur solche, wie wir sie haben: Neujahr,
Kaisers Geburtstag und dergleichen, sondern Blumenfeste, Kinderfeste,
Erntefeste, Fluß- und Waldfeste, vor allem aber religiöse Feste ohne
Zahl. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, beteiligt sich daran.
Die Häuser, Straßen, Gärten, Plätze und Tempel sind im Festschmuck,
ebenso wie das Volk, das mit Kind und Kegel hinauszieht ins Freie.
Landet ein Fremder an solchen Festtagen in Japan, er könnte sich auf
irgend einem anderen Planeten denken, so fremd, so eigenartig sind
die ungemein lebhaften, farbenreichen Bilder, die sich ihm überall
darbieten, heute noch gerade so wie vor Jahrhunderten, denn was von
der europäischen Kultur an Aeußerlichkeiten in Japan angenommen wurde,
beschränkt sich auf die kleinsten Kreise und spielt in dem großen,
alles beherrschenden Volksleben gar keine Rolle.
Am zahlreichsten sind im japanischen Kalender, wie schon gesagt, die
religiösen Festlichkeiten, solche der Buddha- und Shintoreligion,
ohne daß sich das niedere Volk in seiner Unwissenheit und dabei
auch Gleichgültigkeit in religiösen Dingen eine Vorstellung von der
eigentlichen Bedeutung dieser Feste macht. Genug, daß es ein Matsuri,
ein Fest ist, und Gelegenheit bietet, sich zu unterhalten, den Tag über
im Freien zuzubringen, die schönsten Kleider anzulegen, mit Verwandten
und Bekannten zu zechen.
Nur eines dieser Feste wird vom Volke im ganzen Lande verstanden, das
Fest der Toten, oder wie wir es nennen würden, Allerseelen.
Wohl ist von der modernen Staatsregierung in Japan offiziell
wieder die altangestammte Religion der Japaner, der Shintoismus,
im Lande eingeführt worden, aber das Volk steckt doch noch ganz
im buddhistischen Glauben, der viele Jahrhunderte lang bis zur
gegenwärtigen Restauration der herrschende war. Nach diesem Glauben
kommen im August jeden Jahres die Seelen der Verstorbenen für drei
Tage wieder auf die Erde, besuchen ihre Familien, Heimstätten und
Lieblingsplätze, um am Abend des dritten Tages wieder ins Jenseits
zurückzukehren.
Diese Geister müssen nach der Meinung des Volkes festlich bewirtet
werden, und deshalb wird das Totenfest im ganzen Lande wie kein zweites
gefeiert, besonders in der alten Hauptstadt Kioto.
Als ich Mitte August von einer längeren Reise wieder nach Kioto
zurückkehrte, zeigte sich mir diese sonst verhältnismäßig einförmige
Stadt in geradezu feenhafter Farbenpracht. Straßen auf, Straßen ab,
nichts als bunte Fahnen, Flaggen, Festons; an den Häuserfronten in
meilenlangen Reihen bunte Lampions in jeder Größe und Form, auf jeder
Hausterrasse Blumen, Reisig, Papierguirlanden, besonders reich an
solchen Häusern, in denen sich im abgelaufenen Jahre ein Todesfall
ereignet hatte.
Blickte ich in diese dünnen Holzhäuschen mit zurückgeschobenen
Papierwänden, dann sah ich vor den kleinen Familienaltären, welche
dem Andenken der Toten geweiht sind, glimmende Weihrauchkerzen, deren
leichter Rauch sich in dünnen Fäden emporschlängelte, und zwischen
ihnen kleine Porzellanschälchen mit Reis und Reiswein, als Speise
und Trank für die Toten. In den vornehmsten Yaschiki (Palästen) der
Großen wie in den ärmsten Hütten, im Hintergrunde der Kaufläden, in
Werkstätten, überall werden die Seelen der Verstorbenen auf diese
seltsame Weise bewirtet, ohne daß dabei von Andacht oder Trauer etwas
wahrzunehmen wäre. In den Straßen drängten sich die Menschen in ihren
malerischen langen Festkleidern: Männer in dunklen, schlafrockartigen
Kimonos, Frauen mit bunten Sonnenschirmen und Fächern, Mädchen mit
hellfarbigen Kleidern und roten Unterröcken, alle gepudert und
geschminkt, daß ihre Gesichter wie Puppenlarven aussahen; kleine
putzige Kinderchen tummelten sich in großer Zahl zwischen den
Erwachsenen herum, womöglich noch bunter gekleidet als die letzteren.
Wenn immer ich in meinem zweiräderigen Wägelchen, der Rickshaw,
sitzend um irgend eine Ecke bog und in eine neue Straße einlenkte,
dann bot dieselbe in ihrer Gesamtheit ein seltsam prächtiges Bild
dar. Die Sonnenstrahlen leuchteten auf diesen Unmassen von roten,
gelben, blauen, grünen Sonnenschirmen, auf diesen Tausenden von ebenso
bunten Schlafröcken, die sich auf- und abbewegten, spielten auf den
Blumensträußen und Fächern, die sich in unzähligen Händen befanden.
Diese farbenreiche Menschenmenge wogte zwischen den bunten Häuserreihen
einher, wie ein ungeheures Blumenbeet in Bewegung. Und fuhr ich dann
mitten durch dieses Gewühl, dann bemerkte ich nur fröhliche Gesichter;
die Alten blickten vergnügt umher, die Mädchen, diese lieben kleinen,
reizenden Musmis, kicherten, die putzigen Kinder lachten, sprangen und
tanzten, als gälte es irgend ein besonderes Freudenfest zu feiern,
nicht ein Trauerfest für die Toten.
Das Ziel der meisten waren die Friedhöfe. Dort zwischen den langen
Reihen von gleichförmigen niederen Grabsteinen standen bei jedem
einzelnen Grabe Bambusstöcke, in deren Oeffnungen frische Blumen
steckten. Die fröhliche Menge zeigte nicht die geringste Ehrfurcht oder
Scheu vor den letzten Ruhestätten ihrer Toten. Lachend und scherzend
stiegen sie über diese hinweg, erneuerten hier und dort die Blumen,
banden bunte Lampions an die Stöcke oder stellten Oellämpchen auf die
Grabsteine, denn heute Abend, dem dritten des Totenfestes, sollten die
Seelen der Verstorbenen wieder zurückgeleuchtet werden in das dunkle
Jenseits.
Kaum brach die Dämmerung an, so leuchtete es auf den Friedhöfen wie in
den Straßen und Häusern überall auf, anfänglich nur schwach, später
in grellen Farben. Hunderttausende von Papierlampions brannten längs
der Häuser, die mit ihren Papierwänden im Grunde genommen selbst wie
ungeheure Lampions erschienen. Dazu kamen die Lampions, welche die
Menschen in den Straßen umhertrugen, auf langen Stöcken über ihren
Köpfen, oder in den Händen, oder zu beiden Seiten der geräuschlos
umherrollenden zahlreichen Handwägelchen. Das ganze Gewühl hatte
etwas Seltsames, Phantastisches an sich: die Abwesenheit von Wagen
und Pferden in den Straßen, das eigentümliche Geräusch der auf dem
Straßenboden einherschlürfenden Holzpantoffeln, die von den roten
oder blauen oder gelben Lampions in dieselben Farben getauchten
Gestalten mit den fremdartigen Gesichtszügen, die weißen, bemalten
Larvengesichter der Frauen: es schien mir, als wären all diese Wesen
die Verkörperung jener Seelen, welche, aus dem Jenseits herabgekommen,
heute noch in Kioto weilten, auf der Rückwanderung begriffen nach ihrem
unbekannten Seelenheim, nach dem Nirwana, als wäre Kioto aus einer
Stadt von Lebenden heute in eine Stadt der Geister ihrer Vorfahren
verwandelt.
Ich fühlte mich beinahe unheimlich inmitten dieser Tausende und
Abertausende, unter denen ich der einzige Europäer war, und ich ließ
mich nach dem Kiotohotel zurückführen, um von den Fenstern meines im
obersten Stockwerk gelegenen Zimmers den Gesamteindruck der Stadt zu
genießen. Als ich dort eintrat, gewahrte ich auf dem schwarzen Felsen,
der sich wie ein Turm im Osten der Stadt hinter Maruyama erhebt, einen
Lichtschein. Wie die Flamme einer ungeheuren Fackel schwankte der
ferne Lichtschein den steilen Abhang des Daimondschiyama entlang; dann
erschien ein zweiter, ein dritter, dann Dutzende und Dutzende, bald
hier, bald dort, Irrlichtern gleich, gespensterhaft, hoch empor, wie
leuchtende Flammenwege, die ins Jenseits führen. All diese Flammen,
flackernd, vom Winde bewegt, bald erlöschend, bald wieder aufleuchtend,
verbanden sich allmählich zu Linien, die einander begegneten, einander
kreuzten, und schließlich stand das chinesische Schriftzeichen
Dai, einem verschlungenen ~A~ nicht unähnlich, in ungeheuren
Flammenlinien auf dem hohen Berge.
Und während sich dort diese Flammenschrift formte, erstrahlten auf
diesem und jenem Berge in der Dunkelheit andere Riesenflammen, nicht
willkürlich und formlos, sondern bestimmte Umrisse annehmend, Linien,
wie erstarrte Blitze, Dschunken, Pagoden, Schriftzeichen, Thorbogen und
dergleichen. Ganz im Westen, wahrscheinlich auf den schwarzen Flanken
des Araschiyama, erschien ein derartiger japanischer Thorbogen, ein
Torii, wie ihn die Japaner nennen, von ganz ungeheuren Dimensionen,
mit turmhohen brennenden Pfeilern und Querbalken, so lang wie Brücken.
Wohin ich mich auch wenden mochte, gigantische, gespensterhafte
Feuerzeichen überall, auf allen Höhen rings um die tief in einem weiten
Thalkessel lagernde Stadt, und in den Straßen dieser letzteren selbst
Myriaden bunter Lichter in langen Linien, mit anderen, die dazwischen
einherjagten, als wären es wirklich die Seelen der Verstorbenen, die
jenen flammenden Himmelszeichen, jenem feurigen Thorbogen zueilten.
Darüber die finstere, kohlschwarze, sternenlose Nacht.
Als sich mein Auge an dieses seltsame Meer von Flammen und Lichtern
gewöhnt hatte, bemerkte ich erst, daß ringsum auf den Hausdächern,
auf Tempeln und Pagoden dunkle, schweigsame Gestalten standen, wie
die sterblichen Hüllen jener irrlichtgleichen Seelen, die dort
unten in den Straßen weilten. Als aber erst das große Flammenthor
in seinen ganzen Umrissen brannte, als das Dai-Zeichen riesengroß
durch die Nacht leuchtete, da erhob sich von diesen Gestalten auf
den Dächern, den Bewunderern des feenhaften, höllischen Schauspiels,
lautes Jubelgeschrei, das sich in den Straßen unten fortpflanzte, der
Enthusiasmus der lebhaften, leicht beweglichen Volksmengen war entfacht
und machte sich durch donnernde Rufe Luft.
Nach einer halben Stunde begannen die vielen Feuerscheine zu
verblassen, allmählich zu erlöschen, die langen Reihen zerfielen wieder
in einzelne Flammen, aus dem hellen Leuchten wurde dunkelrote Glut,
wie die an Vulkanseiten hängende Lava, und dann erlosch auch diese,
nur hier und da kleine Flämmchen, kleine flackernde, im dichten Rauch
leuchtende Pünktchen zurücklassend, als wären die Heerscharen des
Jenseits nunmehr zurückgekehrt und hätten nur noch einzelne Verspätete
auf dem Wege zurückgelassen.
Dann ward es wieder dunkle Nacht, aber noch für lange nachher blieben
diese glühenden Zeichen in meinen Augen, wie man das Bild der
Sonnenscheibe, in die man geblickt, noch weiter sieht, selbst wenn man
das Auge schließt.
Fürwahr, die feisten, faulen, spekulativen Buddhistenpriester kennen
ihr Volk und verstehen es, das Interesse an ihrem Tempelzauber im
Volke lebendig zu erhalten. Jahrhunderte hindurch haben die Mönche
der Klöster auf den Kioto umgebenden Bergen die einfache, harmlose
Bevölkerung ihrer Dörfer zu bewegen vermocht, das ganze Jahr über Holz
zusammenzutragen und es auf den Berghängen in die bestimmten Linien
jeder Flammenfigur niederzulegen. Welche Holzmassen herbeigeschleppt
werden müssen, geht schon daraus hervor, daß jede der längeren Linien
des Schriftzeichens Dai sich über eine Strecke von zweidrittel
Kilometer hinzieht.