Wenn mich inmitten des vornehmen europäischen Lebens, das sich im

Fuji-ya-Hotel abspielte, irgend etwas daran gemahnte, daß ich mich

nicht in einer schweizerischen Gebirgskarawanserei, sondern viele

Tausende Kilometer davon entfernt bei den Antipoden befand, so waren

es die kleinen, freundlich lächelnden Nesans, die in den Wohnzimmern

und im Speisesaale die Bedienung besorgten; hübsche Mädchen mit

sorgfältig frisiertem Haar, in buntfarbige Kimonos gekleidet. Auf den

reingescheuerten Matten der Korridore und Säle wackelten sie in Socken

lautlos einher, die Zehen nach einwärts gerichtet wie Enten. Außer good

morning, good night und thank you verstanden sie keine Silbe einer

europäischen Sprache, und wer nicht japanisch sprach, mußte sich durch

Zeichen mit ihnen verständigen. Die Speisekarten bei den Mahlzeiten

trugen neben den englischen Namen arabische und japanische Nummern,

ebenso die Weinkarten, und begehrte man gewisse Speisen und Getränke,

so brauchte man nur auf die dabeistehenden japanischen Nummern zu

zeigen, um das Gewünschte zu erhalten. Sonst waren Auseinandersetzungen

mit ihnen nicht nötig; sie kannten ihre Pflicht, die Betten waren

stets in Ordnung, und auf ihnen lagen allabendlich die Hotel-Ukatas

sorgfältig ausgebreitet zum Gebrauch. Diese Ukatas sind eine Art

Kimono, die Japaner wie Europäer als Schlafrock oder Bademantel

benutzen und vom Hotel gerade so geliefert werden wie Handtücher und

Bettwäsche. Morgens früh schlüpften die Hotelgäste aus ihren Betten

in die Ukatas und eilten durch die langen Korridore hinab zu dem

weitläufigen Badehaus, das aber, glücklicherweise für die Damen, keine

gemeinschaftlichen Bassins besaß wie das benachbarte Nara-ya-Hotel

und wie alle anderen japanischen Hotels und Badeorte des Landes. Dafür

giebt es im Fuji-ya-Hotel lange Reihen geräumiger Badezimmer mit

in den Fußboden versenkten großen Holzwannen, in denen bequem zwei

oder drei Menschen zusammen baden könnten. Aus Bambusrohren kann man

nach Belieben kaltes und warmes Wasser zuströmen lassen. Daran ist

kein Mangel, denn hinter dem Badehause pritschelt und rieselt es in

zahllosen Bächlein den Abhang herab. Diese Bäder gewähren so großen

Genuß, daß die europäischen Gäste es den Japanern nachmachen und

sich täglich durch zwei, drei Bäder erfrischen, nur werden sie von

ihnen nicht so heiß genommen wie von den Japanern, die ein seltsames

Wohlgefallen daran finden, sich mit heißem Wasser krebsrot brühen zu

lassen.

[Illustration: Tempelthor am See von Hakone.]

Miyanoshita ist reich an den herrlichsten Spaziergängen, und ohne seine

europäische Bequemlichkeit aufzugeben, hat man nirgends im Mikadoreiche

so gute Gelegenheit, das japanische Dorf- und Landleben kennen zu

lernen wie hier. Der ganze Distrikt ist eine entzückende Idylle, ein

Olymp in Wirklichkeit, mit zufriedenen, höflichen, stillen, arbeitsamen

Menschen, die aus der sie umgebenden herrlichen Natur einen Garten

gemacht haben. Arm wie Kirchenmäuse, hegen sie doch anscheinend keinen

Neid gegen die europäischen Protzen, die sie den Sommer über in ihrem

Bergparadiese stören, vielleicht haben sie einsehen gelernt, daß ihr

friedliches Landleben, ihre Beschäftigung, ihre bequeme Kleidung, ihre

einfache Gemüse- und Fischnahrung immer noch vorzuziehen ist der tollen

geschäftlichen Jagd, der Unruhe und Genußsucht dieser fleischfressenden

Ungetüme John Bull, Onkel Sam und Bruder Sauerkraut. Das japanische

Dorf Miyanoshita hat dem europäischen Badeort Miyanoshita nur insofern

Rechnung getragen, als in dem reizenden Theehause thalaufwärts Tische

und Bänke für die Badegäste angelegt wurden und zum Thee auch Löffel

und europäisches Backwerk serviert werden. In der Mitte des reizenden

kleinen Theehausgartens befindet sich ein Teich mit Tausenden von

Goldfischen, so zahm, daß sie Biskuit aus der Hand schnappen.

Die Missionare, Diplomaten, Kaufleute, Touristen, die sich hier in

den Bergen des Herzens von Japan allsommerlich aus allen Erdteilen

und Ländern zusammenfinden, kann man nur des Morgens und Abends

im Speisesaale vereint sehen. Tagsüber ist das große Hotel wie

ausgestorben. Nach dem Frühstück werden verschiedene Wanderungen

ins Gebirge angetreten. Die freundlichen japanischen Hauswirte in

tadelloser europäischer Toilette lassen den Wanderern ihren Lunch auf

japanische Weise in frisch gehobelte kleine Kästchen packen, vor der

Thüre stehen Dutzende von sehnigen jungen Kulis mit ihren Rickshaws,

Kagos oder europäischen Tragstühlen, dazu höfliche Führer, und man kann

wochenlang täglich auf anderen Wegen die Umgebung durchstreifen, um mit

jedem Tage entzückter von diesem herrlichsten aller außereuropäischen

Länder nach Miyanoshita zurückzukehren. Der Reihe nach besuchte

ich die reizenden Gebirgsdörfer Kiga, Dogashima, Miagino, badete

in gemischter japanischer Herren- und Damengesellschaft in den

Schwefelquellen des Badeortes Kodschigoku, bestieg den Sengenyama

und den Myojogatake, um den wunderbaren Ausblick auf die japanischen

Meeresküsten mit der vorgelagerten Vulkaninsel Oschima zu genießen und

auf der entgegengesetzten Seite die stolzen Formen des Fudschiyama zu

bewundern. Einige Tage später stand ich auch während eines wütenden

Taifuns auf der etwa viertausendzweihundert Meter über dem Meere

gelegenen Spitze dieses höchsten Bergriesen Ostasiens und blickte in

den furchtbaren, mit Rauch und Schwefeldämpfen gefüllten Krater hinab.

Aber der reizendste Tagesausflug von Miyanoshita ist doch jener nach

dem idyllischen Bergsee von Hakone. In bequemen Stühlen ruhend, die

von je vier kräftigen Kulis mittels langer elastischer Bambusstangen

auf den Schultern getragen wurden, brachen wir frühmorgens auf, um

zunächst in dem etwa fünfhundert Meter weiter oben im Gebirge gelegenen

Schwefelbad Ashinoyu Halt zu machen. Das Matsuzakahotel, halb in

europäischem Stil geführt, war gerade so gefüllt wie alle anderen mit

Hunderten von rheumatischen Japanern beiderlei Geschlechts, die in den

heißen Quellen dieser vulkanischen Regionen Heilung suchten, aber für

Europäer muß ein längerer Aufenthalt in diesem Ashinoyu entsetzlich

sein. Der Ort liegt auf einem vollständig kahlen, trostlosen Plateau

und ist den halben Sommer über in dichten Nebel gehüllt, während die

Schwefelquellen die ganze Gegend durchstänkern und die umliegenden

Sümpfe giftige Dämpfe aushauchen. So brachen wir denn nach kurzer

Rast wieder auf, um auf öden Bergwegen zwischen den gewaltigen

Kegeln des Kamiyama und des zweispitzigen Futagoyama (Zwillingsberg)

hinabzuwandern zu dem Hakonesee.

Auf der ganzen Strecke begegneten wir keiner menschlichen Seele;

ausgebrannte Kraterkegel ragen überall aus der baumlosen Hochebene

hervor, hier und dort liegen kleine, bläulich-grüne Seen, nirgends

ein Haus oder auch nur ein Flugdach; in dieser Einsamkeit haben

buddhistische Heilige sich durch Bildwerke, in die Felswand gegraben,

verewigt. Wie man in ganz Japan überall auf Weg und Steg kleinen

Steindenkmälern und Götzenstatuen begegnet, so schlummern auch hier

Dutzende in dem hohen, dürren Grase, darunter auch der riesige Dschizo,

eines der Meisterwerke japanischer Bildnerkunst.

Endlich sahen wir einen Teil des blauen, stillen Hakonesees zu unseren

Füßen liegen und hatten bald wieder die von ungeheuren Kryptomerien

beschattete Tokaidostraße erreicht. Auf dieser hier noch vortrefflich

erhaltenen, mit großen Steinen gepflasterten wichtigsten Heerstraße des

alten Japan weiterwandernd, erreichten wir gegen Mittag das idyllische

Dörfchen Moto-Hakone, am südlichen Ende des Sees gelegen, und einen

halben Kilometer davon entfernt ein japanisches Theehaus, Tsudschi-ya.

Mit seiner Vorderseite in den See hineingebaut, öffnen sich die durch

Papierwände in einzelne Zimmerchen geteilten Veranden auf die weite,

von Bergen umsäumte Wasserfläche, in deren Hintergrund der gewaltige

Fujiyama emporragt. Zur Rechten erhebt sich auf einer schmalen, in den

See vorspringenden Landzunge ein kaiserliches Schloß, das im Sommer

zeitweilig Mitgliedern der Herrscherfamilie zum Aufenthalt dient. Auf

der Theehausveranda nahmen wir unseren Imbiß ein, aufgetragen durch

ein liebliches, junges Mädchen, das uns zum Andenken auch noch kleine

Porzellannippsachen zusteckte, wohl als Erwiderung auf das reichliche

Trinkgeld, das sie sich mehr durch ihr freundliches Wesen als durch

besonders rasche Bedienung erworben hatte.

Als wir aufbrachen, um das bereitstehende Ruderboot zu besteigen,

kam ein gewaltiger Platzregen niedergeprasselt, der unsere weißen

Leinenanzüge und die Unterkleider bald bis auf die Haut durchnäßte. Das

Boot war mit Wasser derart gefüllt, daß wir auf unseren Stühlen Platz

nehmen und die Beine hochhalten mußten, während zwei von unseren Kulis

fortwährend mit den Kübeln das Wasser ausschöpften. Das ähnlich wie

unser Baedeker rot gebundene Murraysche Handbuch von Japan hatte ich

zum Schutz gegen die Nässe unter meinen Sitz geschoben. Da der Führer

ein baldiges Aufhören des Regengusses prophezeite und wir doch abends

wieder nach Miyanoshita zurückkehren mußten, machten wir gute Miene zum

bösen Spiel und ließen uns über den See nach dem Nordende desselben

rudern.

Von den Ufern, die an malerischer Pracht mit den Gestaden der

italienischen Riviera wetteifern, bekamen wir nur einzelne Stellen zu

sehen. Nach zweistündigem, angestrengtem Rudern erreichten wir die

Stelle, wo wir aussteigen mußten, um über die sogenannte Große Hölle

den Rückweg anzutreten. Unsere Kulis hoben uns mit den Stühlen aus

dem Boot und trugen uns, bis an die Hüften im Wasser watend, unter

fortwährendem, strömendem Regen ans Ufer. Als ich dort meinen Tragstuhl

verließ, um die steile Anhöhe des Kamuri zu Fuß emporzuklettern,

brachen plötzlich meine Reisegefährten, Europäer wie Japaner, in

schallendes Gelächter aus. Der rote Murray war in der Regenlache, die

sich unter meinem Sitz gebildet hatte, vollständig durchnäßt worden und

hatte meine weißleinenen Beinkleider gerade an ihrer bescheidensten

Stelle knallrot gefärbt.

Auf halsbrecherischen Pfaden, an den Seiten schwindelnder Abgründe,

führte unser Weg in das Thal von Miyanoshita zurück, und die

Höllengegend, die wir zu durchwandern hatten, wird uns durch ihre

großartige Wildheit und Einsamkeit wohl zeitlebens in Erinnerung

bleiben. Heiße Schwefeldämpfe dringen überall aus dem weichen Kalk-

und Schwefelboden, in dem unsere Füße stellenweise bis an die Knöchel

versanken; das Wasser, das aus zahlreichen Quellen hervorsprudelt, ist

ebenso heiß wie die nackten Felsen, die sie umgeben; dichte Nebelwolken

raubten uns den Ausblick, warme Schwefelwasserstoffgase den Atem; an

manchen Stellen brannte uns der Boden unter den Füßen, an anderen

mußten wir über gewaltige Steintrümmer uns den Weg bahnen, und das

bei unausgesetztem, strömendem Regen. Erst gegen Abend, als wir das

lachende, grüne Thal der Hayagawa erreicht hatten, kam die Sonne wieder

zum Vorschein.

Gerade diese Verschiedenheit der Landschafts- und Kulturbilder macht

Miyanoshita zu dem entzückendsten Aufenthalt, den man sich denken kann,

und wäre es in Europa gelegen, es würde gewiß zu unseren besuchtesten

Wallfahrtsorten der Sommertouristen zählen.

Nach mehrwöchentlichem Verweilen in dieser Bergregion des mittleren

Japan brachen wir endlich, nicht ohne Bedauern, auf, um nach der alten

Hauptstadt des Reiches, nach Kioto, zu fahren. Auf dem Wege dahin

blieben wir noch einige Tage in dem interessanten Nagoya, das, auf der

großen Eisenbahnlinie Tokio-Kioto gelegen, doch noch von europäischen

Einflüssen verschont geblieben ist und neben echt japanischem Leben

auch noch großartige Tempel, reichgefüllte Antiquitätenläden und

vor allem sein stolzes Daimioschloß besitzt. Dieses letztere, ein

mehrstöckiger Bau in Pyramidenform, wird von den berühmten zwei

goldenen Delphinen gekrönt, von denen einer auf der Weltausstellung

in Wien allgemeine Bewunderung erregt hat. Das alte Schloß, einst

die Residenz der mächtigen Fürsten von Owari, enthält in seinem

Innern nicht viel Sehenswertes mehr, denn die Zerstörungswut der

Staatsbehörden, der in den ersten Jahren der gegenwärtigen Regierung

so viele Herrlichkeiten des alten Japan zum Opfer gefallen sind, hat

auch dieses großartige Denkmal der Feudalzeit nicht verschont. Nur in

seinem Aeußern ist es so geblieben, wie es in der ersten Hälfte dieses

Jahrhunderts war.

Von Nagoya führte uns der Weg, teilweise in Rickshaws, teilweise im

Eisenbahnwagen, durch die gesegneten Gefilde des ehemaligen Fürstentums

Owari über Gifu an die Gestade des großen Biwasees und schließlich nach

Kioto.

[Illustration: Japanischer Buddha.]

Kioto, die alte Hauptstadt von Japan.

Der österreichische Thronerbe Erzherzog Franz Ferdinand sagt in seinem

spannenden Werke über die von ihm unternommene Weltreise mit vollem

Recht: „Was dem Katholiken Rom, dem Russen Moskau, dem Mohammedaner

Mekka, dem Buddhisten Kandy, das ist Kioto dem Japaner.”

Damit soll freilich nicht auch gesagt sein, daß Kioto sich irgendwie

mit Kandy, Mekka, Moskau oder gar mit Rom vergleichen lasse. Wer von

der alten Hauptstadt des Mikadoreiches eine Art Rom erwartet, wird

bei seinem Besuche dieser Hauptstadt gründlich enttäuscht. Kioto ist

keine Stadt von Palästen, von Kunstwerken, Denkmälern, Museen, von

großstädtischem Leben und Reichtum, wie Moskau oder Rom. Es besitzt

davon im vollen Sinne des Wortes nichts, und würde irgend einer der

zahllosen Adelspaläste der ewigen Stadt, irgend eine ihrer Kirchen

nach Kioto verpflanzt werden, sie würden die größten und vornehmsten

Bauten dieses japanischen Rom bilden; ja ich zweifle, ob die

hundertfünfzigtausend Häuser von Kioto zusammengenommen hinreichend

Mauerwerk enthalten, um damit nur einen einzigen römischen Palast bauen

zu können.

Kioto ist eine hölzerne Hüttenstadt, gerade so wie der Hauptsache nach

Tokio, wie Nagoya, Nagasaki und alle anderen Städte des japanischen

Inselreiches, nicht schöner, nicht reicher, nicht großartiger; aber es

ist dennoch die interessanteste Stadt. Warum, lernt der Reisende schon

nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen kennen, besonders wenn er

zuvor die anderen Städte Japans besucht hat.

Die Landkarte zur Hand. Dort, wo die größte Insel des Mikadoreiches die

schmalste Stelle zeigt, beiläufig im Mittelpunkt des ganzen japanischen

Archipels, liegt der malerische Biwasee, an Größe etwa den Genfersee

erreichend. Westlich von diesem See liegt in einem von hohen Bergen

umschlossenen Thalkessel das alte Kioto. Für eine Kaiserresidenz war

die Lage gut gewählt, und thatsächlich lebten und starben hier seit

beinahe einem Jahrtausend eine lange Reihe von Kaisern, ungesehen

von ihrem Volke, eingeschlossen in einen von hohen Mauern umgebenen

Palast aus Holz und Papier. Erst die große Revolution sprengte vor

etwa fünfunddreißig Jahren die Fesseln, mit denen die allmächtigen

Vizekaiser, die Schogune, ihre kaiserlichen Puppen auf dem Throne

umfangen hielten. Im Triumph wurde der Kaiser, dieser Nachkomme der

Sonnengöttin, nach der neuen Residenzstadt Tokio, dem alten Yeddo,

geführt, Japan warf sich der europäischen Kultur in die Arme und

ließ Kioto zurück, wie ein ausgekrochener Schmetterling sein dünnes,

vertrocknetes Puppengehäuse zurückläßt. Der ganze Schwarm der Kuge,

dieses japanischen Hofadels, der Daimios, das schmetterlingsgleiche,

glänzende Gefolge des Kaiserhofes zog mit dem Mikado nach seiner neuen

Hauptstadt, und statt mit einem Rom ist Kioto eher mit einer unserer

verlassenen Fürstenresidenzen zu vergleichen.

Schon während der seither verflossenen drei Jahrzehnte hat es von

seiner früheren Bevölkerung etwa ein Drittel eingebüßt und besitzt

heute nur noch gegen dreihunderttausend Einwohner. Aber das ist nur der

Anfang von seinem Ende; die gegenwärtige Hauptstadt zieht viel von dem

Glanz und Reichtum, das benachbarte Osaka viel von Industrie und Handel

an sich; die verarmte Bevölkerung sucht anderswo besseren Erwerb, und

es wird Kioto vielleicht ähnlich, wenn auch nicht ganz so gehen wie

den japanischen Kaiserresidenzen vor Kioto und wie jenen in anderen

Ländern; es wird eine Stadt bleiben von historischen Erinnerungen.

Schade darum, denn die Lage dieser urjapanischen Stadt ist

entzückend. Ihre schnurgeraden, nach amerikanischer Schachbrettmanier

angelegten Straßen liegen zu beiden Seiten des Kamoflusses (Kamogawa)

ausgebreitet, in einer weiten, ovalen Mulde von der Form eines alten,

ausgebrannten Kraters. Aber an die Stelle der starren Lava sind üppige

Gärten getreten, das weite, graue, einförmige Häusermeer wird hier

und dort doch von schattigen Tempelhainen, von Gartenanlagen und

Squares unterbrochen und von den silbernen Bändern mehrerer Flußläufe

durchzogen. Die sanften Abhänge der Kioto umgebenden Berge sind mit

schönen Gärten bedeckt, zwischen denen zahlreiche Klöster, Tempel,

Heiligenschreine und Pagoden hervorlugen, und die Länderstriche der

ferneren Umgebung sind von den üppigsten Kulturen eingenommen, denn

diese zentralen Provinzen von Japan, in deren Mitte Kioto liegt, sind

die fruchtbarsten des ganzen Reiches.

Auch die neue Eisenbahn von Osaka nach Kioto hat kein neues Leben in

die alte Stadt gebracht, und die moderne halbeuropäische Kultur, deren

Einfluß man an vielen Dingen in Tokio und anderen Städten gewahrt, hat

Kioto vollständig unberührt gelassen.

Als ich, von der ganz europäischen Hafenstadt Kobe kommend, in Kioto

eintrat, brachte mich ein Kuli in einem der bequemen Rollstühle,

diesen japanischen Droschken, durch gerade, einsame Straßen nach einem

zweistöckigen Hotel, dem Kiotohotel. Es ist heute noch das einzige

europäische Gebäude der Stadt, ganz modern gehalten, wie irgend ein

Hotel in Europa. Trat ich aber aus dieser abendländischen Touristenoase

auf die Straße, so befand ich mich mitten im urjapanischen Leben.

Unabsehbare Reihen kleiner, höchstens ein Stockwerk hoher Holzhäuschen,

nach der Straßenseite weit geöffnet; hier und da Kaufläden mit Büchern,

japanischen Nippsachen oder Antiquitäten, oder ein Tempel mit mehreren

Thorbogen und schöngeschwungenem Dach. Die Straßen ungepflastert,

aber doch sehr reinlich gehalten; bei Tage nur wenig Verkehr, am

Abend schlecht erleuchtet und noch einsamer. Meilenweit auf und ab,

überall dasselbe. Die vollständig in europäische Tracht gekleideten

Japaner, die Männer ebensogut wie die Frauen und kleinen possierlichen

Mädchen, blieben stehen, um den Fremdling mit neugierigen Blicken

zu betrachten; die Kinder liefen mir nach oder bildeten einen Kreis

um mich, wenn ich bei irgend einem Kaufladen anhielt. Dem äußeren

Rahmen nach präsentierten sich die einzelnen Stadtviertel Kiotos wie

ebensoviele Dörfer des Berner Oberlandes, die ähnliche braune, mit

Veranden geschmückte Holzhäuser zeigen. Denkt man sich irgend eines

dieser Stadtviertel nach der Schweiz, etwa in das Emmenthal, versetzt,

so könnte es ganz gut als ein Berner Dorf gelten, nur würde das dichte

Beisammenstehen der Häuser und die Regelmäßigkeit und Reinlichkeit der

Straßen Verwunderung erregen.

Der Zauber von Kioto, ebenso wie der anderen Städte Japans, liegt

nicht in den Aeußerlichkeiten, die mehr als bescheiden sind, sondern

in dem Leben und Treiben seiner Einwohner, in Sitten, Trachten

und Festlichkeiten. Ueberdies birgt das äußerlich so einförmige

Straßengewirre in seinen unscheinbaren Häuschen dasjenige, was wir an

der japanischen Kultur am meisten bewundern und um was wir die Japaner

geradezu beneiden könnten: ihre Kunst und Kunstindustrie. Am Hofe des

Kaisers und seiner Großen ist sie in früheren Jahrhunderten großgezogen

worden, die Künstler standen ihr ganzes Leben lang im Solde der

Fürsten, und ihr Streben war es nicht, wie jener in anderen Ländern,

möglichst rasch zu Ansehen und Reichtum zu kommen, sondern Kunstwerke

zu schaffen, diesen ihre Individualität aufzuprägen. Arbeitsteilung war

diesen Künstlern unbekannt. Jedes ihrer Werke wurde von ihnen entworfen

und vom Anfang bis zur gänzlichen Vollendung allein ausgeführt. Die

Zeit, die sie dazu bedurften, war nebensächlich, und häufig ist es

vorgekommen, daß Künstler an einem einzigen Kunstwerk ihr ganzes Leben

lang gearbeitet haben. Da kam die Revolution. Der Kaiser und die

Fürsten zogen von Kioto fort, aber viele Künstler blieben in der alten

Hauptstadt zurück. In den kleinen Werkstätten, die sich durch keine

Schilder oder äußere Zeichen dem Fremden offenbaren, wird fleißig nach

den alten Grundsätzen weitergearbeitet, nur geschieht dies jetzt nicht

mehr für die bisherigen Ernährer und Förderer dieser Künstler, die

Fürsten, sondern für den allgemeinen Markt. Das konservative Element

ist in diesen Künstlerfamilien zu stark, und die Zeit, die seit der

Revolution verstrichen ist, war zu kurz, als daß sie sich den modernen

Verhältnissen hätten anpassen können, wie es leider in Tokio, in Osaka

und anderen japanischen Städten der Fall ist. Dazu ist in Kioto die

künstlerische Atmosphäre noch dieselbe geblieben; zahlreiche Fürsten

und Große entäußerten sich ihrer Kunstschätze, als die Regierung

ihre Länder und Einkünfte konfiszierte, und obschon der größte Teil

dieser Kunstschätze nach dem Abendlande gewandert ist und heute in

Museen und Privatsammlungen die Bewunderung aller Kenner erweckt, ist

doch noch vieles gerade in Kioto zurückgeblieben, das den dortigen

Künstlern zum Vorbilde und zur Grundlage für andere Kunstwerke dient.

So gewährt es dem Fremden das größte Interesse, diese bescheidenen

Künstlerateliers zu besuchen und zu sehen, wie die entzückenden Bronze-

und Emailsachen, Porzellane, Lackwaren, Malereien, Stickereien, Brokate

und Seidenstoffe aus den fertigen Händen mit so ungemein einfachen

Mitteln hervorgehen. Tagelang wanderte ich von einem zum anderen;

überall wurde ich mit der altjapanischen, in den Hafenstädten leider

auch allzurasch schwindenden Höflichkeit aufgenommen; überall wurde

mir mit großem Zeremoniell von zarten Mädchenhänden Thee vorgesetzt,

und nach langer Unterhaltung ließen sich die Künstler vielleicht

herbei, ihre schönsten, in Kisten auf das sorgfältigste verpackten

Kunstwerke zu zeigen. Ebensogroßes Interesse gewährte es mir, in den

zahllosen Antiquitäten- und Kuriositätenläden der, Mandschudschidori

genannten, Straße umherzustöbern, wo sich neben ganz modernen, auf den

europäischen Touristenmarkt berechneten Waren doch noch eine ganze

Menge altjapanischer Kunstwerke vorfindet. Uebrigens braucht man

sich in Kioto gar nicht in die verschiedenen Läden zu bemühen. Die

Bevölkerung ist einesteils durch die geschilderten Umstände verarmt,

anderseits hat sie mit der den Japanern eigentümlichen Findigkeit und

Schlauheit den Marktwert der alten Kunstprodukte rasch herausgefunden,

und teils aus Not, teils aus hochentwickelter Gewinnsucht suchen die

Händler oder auch Private die abendländischen Besucher der Stadt selbst

auf.

[Illustration: Das alte Kaiserschloß in Kioto (Umfassungsmauer).]

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 58 / 71 段