Dem Reinen ist alles rein. Das dachten wohl auch die vierzigtausend

strammen jungen Burschen, die behende die Kurumas durch die Straßen

Tokios ziehen, als ihnen durch die Behörden eine Uniform dekretiert

wurde. Bis dahin schienen sie schon reich gekleidet, wenn sie sich

ein paar hübsche farbige Figuren auf ihre Bronzehaut auftättowieren

ließen. Nun müssen sie aber Uniformen tragen. In Europa dürften sie

auch in diesen wegen zu großer Nacktheit eingesteckt werden, aber

für japanische Verhältnisse sind sie mehr als genügend bekleidet.

Dunkelblaue, strammanliegende Kniehosen bedecken ihre Hüften und

Schenkel, ein vorne offenes Jäckchen aus grobem, dunkelblauem

Baumwollstoffe den Oberkörper. Auf ihrem Kopfe sitzt ein mächtiger,

pilzförmiger Strohhut, auf der Außenseite mit weißem Stoff überzogen,

und an ihren Füßen stecken Strohsandalen. Jeder Kurumaj hat überdies

auf dem Rücken seines Jäckchens die Nummer seines Handwägelchens

aufgenäht. Aehnlich sind auch die Post- und Telegraphenboten

uniformiert, nur daß sie außerdem noch weiße gestrickte Handschuhe

tragen. Die Kulis, die im Hafen oder an den Ufern des stets mit Booten

und Frachtschiffen bedeckten Sumidaflusses arbeiten, ersparen sich auch

die Kniehosen. Das vorne offene Jäckchen und ein weißes Lendenband,

nicht viel breiter als unsere Kravattenschleifen, bilden ihre einzige

Bekleidung.

Die Studierenden der Universität, ja selbst die Schuljungen von

Tokio tragen heute der Mehrzahl nach europäische Kleidung, und es

befremdet den Touristen nicht wenig, inmitten des fremdartigen, bunten

Straßenverkehrs die schlitzäugigen kleinen Japaner statt im Kimono in

Beinkleidern und Stiefeln einherwandern zu sehen, die große Schultasche

oder ein Paket Schulbücher unter dem Arme. Die kleinen Mädchen dagegen

halten gerade so wie ihre Mütter an der reizenden Nationaltracht fest,

und unter all den weiblichen Gestalten, die mit dem Fortschreiten des

Tages immer zahlreicher im Straßenleben auftreten, sind die Mädchen die

lieblichsten. Gewöhnlich tragen sie schon im Alter von sechs oder acht

Jahren ein jüngeres Schwesterchen oder Brüderchen, das die Kunst des

Gehens noch nicht erlernt hat, auf ihre zarten Rücken gebunden, lassen

sich aber dadurch in ihren munteren Spielen keineswegs hindern. Die

Abwesenheit von Straßenschmutz und Wagenverkehr erlaubt es ihnen, sich

vor ihrem väterlichen Hause umherzutreiben. Zuweilen rollen am späten

Vormittage doch einzelne Equipagen von Prinzen oder Gesandten durch

die Hauptstraßen, aber gewöhnlich läuft den Pferden ein flinkbeiniger

Diener nach Art der ägyptischen Sais voraus und verhindert durch seine

Warnungsrufe Unglücksfälle.

[Illustration: Arbeiter bei der Mahlzeit.]

Immer lebhafter wird das Leben in den Straßen, und gegen Mittag

scheint es, als ob sich die ganze Bevölkerung Tokios auf den Beinen

befinde; Priester in ihren eigentümlichen Gewändern erscheinen, hier

und dort zieht irgend eine Tempelprozession oder ein Leichenbegängnis

mit bunten, glänzenden Schaustücken und Ornamenten einher, ohne daß

diese von seiten der Passanten besondere Beachtung fänden. Die vielen

Kaufläden, die in manchen Hauptstraßen in kilometerlangen Reihen dicht

aufeinander folgen und ihren ganzen Kram, Toiletteartikel für Damen,

Fächer, Spielzeuge für Kinder, Porzellane, Geschirre, Pantoffeln,

Papierlaternen und dergleichen auf der Straßenseite ausgebreitet

haben, sind mit Käufern und Käuferinnen gefüllt, und der ganze Verkehr

zwischen diesen Tausenden, das ganze Geschäftsleben spielt sich in

so leichter, ungezwungener, man möchte sagen spielender Weise ab,

als gäbe es in dem fernen Mikadoreiche überhaupt gar keinen Kampf

ums Dasein, als wären alle Einwohner Kapitalisten, die behaglich

von ihren Renten leben und die Geschäfte nur so nebenbei, zum

Zeitvertreib, führen, ohne Absicht auf Gewinn. Die leichte, fröhliche

Lebensart der Japaner, der Hang zu Vergnügungen, Spielen, Leckereien

zeigt sich auch durch die zahlreichen ambulanten Händler, mit denen

die Straßen gefüllt sind, Tag für Tag, Woche für Woche, als wäre jeder

Tag des Jahres ein Matsuri (Festtag). Um sie besser kennen zu lernen,

verlasse ich meine Kuruma und wandere zu Fuß durch die sich dicht

drängende Menschenmenge. Aber sofort werde ich von anderen Kurumaja

erspäht, und mehrere umringen mich mit derselben Zudringlichkeit wie

die Eseltreiber in der Muski von Kairo oder die Vetturini von Neapel.

„Riksha? Danna? O ide nasai? Irraschaimas no desaka?” „Wollen Sie eine

Rickshaw, Herr? Wollen Sie nicht fahren? Wollen Sie nicht ehrenwerten

Platz nehmen?” Und wenn ich versuche, sie abzuschütteln, entschuldigen

sie sich: „Sore kara O mi aschi de ikimas.” „Sie wollen also vorwärts

schreiten mit den ehrenwerten Beinen?” Alles ist in Japan ehrenwert.

Ueberall hört man die gebräuchlichsten Begrüßungen: „Ohaio”, oder

„Yo o ide nafaimaschta”, oder „Sajonara” und „Irraschai”, von allen

Seiten werden einem verschiedene Waren, Leckereien, geschabtes Eis

oder Limonaden angeboten, stets in freundlichster Weise. Hier der

Modschi-Yaki (Briefverbrenner), mit seinen süßen Kuchen, welche die

Form von allerhand Schriftzeichen, Tieren, Ornamenten und dergleichen

zeigen. Neben ihm der Ameya oder Gallertenmann, der den Kindern für

einen Pfennig mittels eines Röhrchens aus Gerstenbrei allerhand

Figuren bläst; an einer vom Verkehr verschonten Ecke kauert ein

Wahrsager, ein Tuch vor sich gebreitet, auf dem er mittels fünfzig

kleiner Stäbchen und sechs roten und schwarzen Holzwürfeln allen,

die es wünschen, für ein paar Pfennige ihre Zukunft vorhersagt; dort

lenkt ein ambulanter Verkäufer von klebrigen Bohnenkuchen mit Gong und

Schellengeklirre die Aufmerksamkeit auf sich, während ein blinder Amma

(Masseur) dies mittels eines Pfeifchens thut; für wenige Pfennige ist

er bereit, irgend jemandem, ob Mann oder Frau oder Kind, die Glieder

durchzukneten. Hier schreitet gravitätisch ein bebrillter Arzt einher,

gefolgt von einem Jungen, der ihm den Arzneikasten und Mörser trägt;

dazwischen schleicht scheu ein zerlumpter Eta (ein Paria) umher; oder

ein Kami-Kudsuhiroi (Lumpensammler) sammelt mit seinem Bambushaken

Papierstückchen oder Kleiderfetzen; oder ein Spatzenfänger stiehlt sich

vorsichtig, mit einem klebrigen Bambusstocke bewaffnet, den Hausdächern

entlang und fängt mit erstaunlicher Geschicklichkeit die ahnungslosen

frechen Vöglein. Vor den Tempeleingängen drängen sich Schaubuden,

Verkaufsstände mit Spielwaren für Kinder, buntgeschmückten Haarnadeln

für Mädchen, Toiletteartikeln, Früchten und Leckereien; zwischen

ihnen kauert, umringt von Bewunderern, ein Künstler, mit Säckchen

verschieden gefärbten Sandes versehen, aus denen er abwechselnd eine

Handvoll nimmt und damit allerhand Landschaften, Figuren, Ornamente

und dergleichen auf den Boden streut. Die Tempel selbst werden eifrig

besucht, vornehmlich von Frauen und Mädchen. Sie waschen zunächst an

dem Tempelbrunnen ihre Hände, dann schreiten sie langsam an die Stufen,

die zum Götzenschreine emporführen, und machen die Gottheit dadurch

auf sich aufmerksam, daß sie den vom Dache hängenden Glockenzug stark

anziehen; erschallt die Glocke oder der Gong, so klatschen sie laut

ihre Hände zusammen und sagen mit gebeugtem Oberkörper ihr Gebet her.

Darauf verkünden sie durch abermaliges Händeklatschen der Gottheit, daß

sie fertig sind, werfen einige Kupfermünzen vor den Altar oder in eine

danebenstehende Holzkiste für die Priester und gehen ihres Weges.

In der Mittagsstunde leeren sich die Straßen, und zur Sommerzeit

erscheinen sie zwischen zwei und vier Uhr nachmittags wie ausgestorben,

höchstens daß bei großer Hitze Frauen oder Kinder die Straße vor ihren

Häusern mit Wasser besprengen, oder daß dies von seiten der Stadt

mittels großer Wasserkarren geschieht. Drei oder vier Mann schöpfen

das Wasser aus den offenen Bottichen mittels Kübeln, die an Stangen

befestigt sind, und schleudern es kräftig über die Straße; vor vielen

Kaufläden hängen große, blaue oder schwarze Tücher vom Dache bis zum

Straßenboden, um die Sonnenstrahlen abzuhalten. Die Hausbewohner geben

sich der Siesta hin, schlafen, schlürfen ihren Thee oder rauchen

ein paar Pfeifchen. Später, gegen fünf Uhr, wird der Straßenverkehr

wieder lebhafter, die Leute besuchen vielleicht Theehäuser oder die

vielen Sakebuden, die an dem vorgehängten Fichtenzweige und den

großen, grell bemalten Sakebottichen sofort kenntlich sind. Die beste

Gattung Reiswein zeigt auf dem Bottich eine große gemalte Blume,

Hanazakari, die zweite die Schriftzeichen Muso-itschi, d. h. von

keinem übertroffen, eine dritte hat eine große Päonie aufgemalt. In

den letzten Jahren hat die Einführung von Eismaschinen eine ganze

Menge von Eisbuden entstehen lassen, in denen geschabtes Eis mit

Fruchtwässern versetzt feilgeboten wird, eine rasch beliebt gewordene

Leckerei bei den unteren Volksklassen. Tausende wandern auch zu dieser

Stunde nach dem nächsten Badehause, um trotz der Hitze ein heißes Bad

zu nehmen. Tokio besitzt über tausend öffentliche Badehäuser, in denen

durchschnittlich täglich dreihunderttausend Bäder genommen werden,

ganz abgesehen von den Furodo oder Hausbädern, von denen sich in jedem

besseren Hause eins befindet und von den Bewohnern täglich mehrmals

benutzt wird. Man braucht in diese Badehäuser gar nicht einzutreten,

um das Treiben im Innern wahrzunehmen, denn die Wände der Badehäuser

bestehen vielfach aus Latten, zwischen denen man durchblicken kann.

Männer, Weiber, Kinder treten scharenweise ein, zahlen am Eingange

einige Pfennige, bewahren ihre Kleider in Kästchen an den Wänden auf

und steigen splitternackt in das mit heißem Wasser gefüllte Bassin,

das nur durch ein Seil oder eine Bambusstange in zwei Hälften für die

beiden Geschlechter geteilt ist. Manche Frauen hocken auf den ins

Wasser führenden Stufen, manche Fräulein stehen, nur in ihre Haut

gekleidet, lachend und plaudernd am Rande des Bassins, wieder andere

trocknen sich in höchst naiver Weise ab. Die ganze Gesellschaft benimmt

sich dabei so ungeniert, als ob sie im Theater oder Theehause wäre.

Solche Theehäuser sind in der That mit manchen Bädern verbunden, und in

den kleinen abgeschlossenen Räumen ruht sich vielleicht nach dem Bade

ein junges Pärchen auf weichen Matten aus.

Ist der Abend angebrochen, so erscheint wieder alles in den Straßen;

Tausende pilgern hinaus unter die gewaltigen, uralten Fichten des

Shiba- oder Uyenoparkes und lagern sich auf den Rasen oder in die

Theehäuser, die rings um die Lotosteiche oder an den Ufern des

Sumidagawa massenhaft stehen, andere mieten Vergnügungsboote, gehen

in Theater oder Klubs, um Tanz und Gesang der zahllosen Gaishamädchen

zu bewundern; in den Straßen leuchten allmählich lange Reihen von

buntfarbigen Lampions auf, aus vielen Häusern ertönt Gesang und

Samisenspiel, überall ist Leben und Fröhlichkeit, als gäbe es bei

diesem leichten Phäakenvölkchen gar keinen Ernst, keine Arbeit und als

wäre die ganze Hauptstadt des Mikadoreiches nichts als ein ungeheurer

Badeort in der Hochsaison. Den Ernst des Lebens unter den Japanern

lernt der Fremde im Straßenverkehr nur kennen, wenn eines der häufigen

Erdbeben den Boden der Stadt erschüttert, Schornsteine, Dächer, ganze

Häuser einstürzen und die Bevölkerung erschreckt auf die Straße eilt.

Oder wenn sich am dunkeln Nachthimmel glühendrot die Blumen von Yeddo,

die Flammenzungen von Schadenfeuern zeigen. In jedem Stadtviertel wird

der Besucher Tokios hohe Pfähle mit Glocken und Leitern finden, an

deren Spitze Wachtleute beständig nach verdächtigem Rauch oder Flammen

Umschau halten. Bemerken sie dergleichen, dann verkünden sie durch

eine bestimmte Anzahl von Glockenschlägen das Quartier, in dem Feuer

ausgebrochen ist, und sofort entsteht unter der heiteren, sorglosen

Bevölkerung lebhafte Bewegung. Hastig eilt alles nach Hause, die

Bewohner des bedrohten Stadtteiles laufen oder fahren in Kurumas so

rasch als möglich in ihre Quartiere, um ihre Siebensachen in Sicherheit

zu bringen. Die kleinen, aus dürrem Holz, Strohmatten und Papierwänden

bestehenden Häuschen flammen ja bei dem geringsten Anlaß wie Zunder

auf, und an eine Rettung des Hauses oder der nächsten Nachbarhäuser

ist gar nicht zu denken. Tokio ist schon vielmals durch Feuer zerstört

worden, und in jedem Jahre, ja in jedem Monate werden Hunderte oder

Tausende von Häusern eingeäschert. Kein Wunder, daß bei solchen

Anlässen die ganze Stadt in furchtbarer Aufregung ist, die freiwilligen

Feuerwehrgesellschaften mit ihren phantastischen Bannern und glänzenden

Helmen rasch nach der Brandstelle eilen und selbst in entfernteren

Straßengevierten das entsetzte Volk mit fieberhafter Schnelligkeit den

ganzen Hausrat zusammenrafft, um ihn nach einem sicheren Stadtteil

zu tragen. Die ungemein einfache Einrichtung der Häuser erleichtert

dies. Die Mädchen rollen eiligst die dünnen Matratzen, Strohmatten und

Kleidungsstücke zusammen, die Frauen werfen ihre Koch- und Eßgeschirre

in einen Korb, die Männer heben die verschiebbaren Holz- und

Papierwände aus den Fugen, und ein kleiner Handkarren nimmt die ganze

Einrichtung auf. Nur das Dach und die Pfähle, auf welchen es ruht,

bleiben zurück und werden ein Raub der Flammen, wenn es der Feuerwehr

nicht gelingt, rings um die Brandstätte einen Kranz von diesen leeren

Häusern rasch niederzureißen.

Manchmal steht ein hohes, außerordentlich massiv aussehendes Gebäude

beinahe unversehrt da, eine Kura, d. h. ein feuerfestes Haus aus etwa

vierzig Centimeter dicken Lehmwänden, worin der wohlhabendere Japaner

seine wertvollen Sachen aufzubewahren pflegt. Diese weiß polierten

Häuser, die trotz dem Material, aus dem sie gebaut werden, äußerlich

sehr geschmackvoll aussehen, werden äußerst sorgfältig aus Lehm und

Bambusflechtwerk errichtet. Die Bauzeit dauert ein bis zwei Jahre, da

von den vielen Lehmschichten die unteren immer vollständig trocken

sein müssen, bevor eine weitere darüber aufgetragen werden kann. Das

Dach besteht aus dicht gefügten, schweren Ziegeln. In Feuersgefahr

werden die dicken Läden und Thüren, deren staffelförmige Ränder

ineinander greifen, geschlossen und die Ritzen derselben von besonders

dazu Angestellten mit immer bereitstehendem Lehm zugeschmiert. Die

Kura wird dann gleichsam versiegelt, indem der Schließende die

Schriftcharaktere seines Namens auf Thüre und Fenster in den Lehm

gräbt, und sie darf erst nach Beendigung des Brandes im Beisein einer

Urkundsperson geöffnet werden. So ist in Japan bei Feuersgefahr

alles sorgsam organisiert, sowohl das Verhalten des Einzelnen, wie

das der Gesamtheit, da dieses Volk seit alters mit elementaren

Gewalten wie Feuer, Erdbeben und Wassersnot zu rechnen gewohnt ist.

Unter der Shogunherrschaft mußten die Lehensfürsten und die höchsten

Staatsbeamten in voller Rüstung zu Pferde auf dem Brandplatze

erscheinen und den Kampf mit dem Elemente leiten. Jetzt ist die

Feuerwehr vollständig nach europäischem Muster eingerichtet.

Sonderbar ist das Verhalten der Ueberlebenden, die Familie oder

Eigentum, oder beides verloren haben. Kein herzzerreißendes Klagen,

kein Zeichen überquellender Verzweiflung, sondern nur stumme

Resignation in das Unabänderliche sieht man auf allen Gesichtern. Ein

so großer Gemütsmensch der Japaner sonst ist, Aeußerungen seelischen

Schmerzes weiß er zu unterdrücken.

[Illustration: Landleute.]

Spazierfahrten im mittleren Japan.

Wer Japan jemals im Sommer besucht hat, wird es begreiflich finden,

daß die Europäer die Hauptstadt ebenso wie die Hafenstädte des

Inselreiches, wenn immer möglich, fliehen, um auf den hohen Bergketten

der japanischen Hauptinsel Hondo Kühlung zu suchen. In dieser

ostasiatischen Schweiz sind es vor allem zwei Distrikte, die von den

Europäern nicht nur Japans, sondern von ganz Ostasien bevorzugt werden:

Nikko, im Norden der Hauptstadt Tokio, und Hakone, im Süden derselben

gelegen. Die Japaner sind sich der Schönheit ihres Heimatlandes wohl

bewußt, und stolz, wie sie sind, bestrebt, sich und ihr Inselreich

den Bleichgesichtern des Abendlandes in möglichst günstigem Lichte

zu zeigen, haben sie alles Erdenkliche gethan, um die schönsten

Gebirgspartien Japans leicht zugänglich zu machen. Der europäische

Unternehmungsgeist, der sich sonst in Asien überall zeigt, auf Ceylon

und Java, in Indien und China, hat damit in Japan nichts zu thun

gehabt. Mit japanischem Gelde und durch japanische Ingenieure wurden

Eisenbahnen, Brücken, Straßen, Pferdebahnen, Fußwege angelegt, Hotels

und Badeanstalten nach europäischem Muster eingerichtet, so daß man

heute die prächtigsten Gegenden der asiatischen Schweiz, vor allem den

Distrikt von Hakone, mit ähnlicher Bequemlichkeit besuchen kann wie

Grindelwald.

Von dem trotz der Nähe des Meeres heißen, sonnenverbrannten Yokohama

brachte mich eine mehrstündige Eisenbahnfahrt nach Kozu. Dieses ist ein

kleines, ärmliches Städtchen nahe der Mündung des steinigen Sakawagawa

in das Meer gelegen und würde wohl kaum jemals einen europäischen

Reisenden zum Aufenthalt verlocken, wenn es nicht die Pforte zu dem

herrlichen Bergdistrikt von Hakone wäre.

Während die altberühmte Hauptstraße des Landes, der Tokaido, von Kozu

aus quer in den Bergdistrikt von Hakone hineinlenkt, muß die Eisenbahn

ihm ausweichen; sie führt in einem weiten, hufeisenförmigen Bogen um

ihn herum und erreicht erst auf der anderen Seite bei Numazu wieder

das Meer. Den Tokaido entlang, der noch vor drei Jahrzehnten den

Feudalfürsten des Landes mit ihrem malerischen Gefolge als Reiseweg

diente, führt heute eine Pferdebahn mit schlechten Wagen, von elenden

Kleppern gezogen, und diese bestiegen wir nun, um uns bis Yumoto an

den Fuß der bewaldeten Berge führen zu lassen. Japanische Landleute,

Kulis, barfuß bis zu den Schultern, dazwischen reizende Musmis in

bunten Kimonos und alte Weiber mit Bündeln und Körben bildeten unsere

Reisegefährten. Untereinander befleißigen sie sich der größten

Höflichkeit, aber uns Europäern gegenüber zeigten sie nur vornehme

Verachtung, im besten Falle Gleichgültigkeit. Waren ihnen doch in

den letzten Jahren so viele anglo-amerikanische Flegel in den Weg

gekommen, die ihren Gruß mit Grobheiten erwiderten, ihre Höflichkeit

laut belachten und sich als so ungezogene Bengel benahmen, daß man den

Insulanern ihren Abscheu vor der ganzen abendländischen Touristenwelt

gar nicht verübeln kann.

In Odawara, wo sich der Pferdebahnstation gegenüber die gewaltigen

Ringmauern einer zerstörten Feudalburg erheben, wurde kurzer Halt

gemacht, dann ging es zwischen den wohlgepflegten, sorgsam bewässerten

Reisfeldern auf hohem Damme weiter über das steinige, breite Bett des

Hayagawa nach Yumoto.

Hier wurden wir europäischen Passagiere von Dutzenden halbnackter Kulis

umringt, die uns ihre Rickshaws zur Weiterfahrt in die Berge hinauf

anboten. In langen Batterien waren die leichten zweiräderigen Wägelchen

aufgefahren; ohne daß man es wehren konnte, wurde das Gepäck auf die

Rickshaws verladen, und mit derselben Zudringlichkeit, wenn auch mit

größerer Höflichkeit wie die Beduinen an den ägyptischen Pyramiden,

ließen uns die Kulis nicht los, bis jeder von uns eine Rickshaw mit

zwei oder drei strammbeinigen bronzenen Gesellen angeworben hatte.

Der eine stellte sich zwischen die Gabeldeichsel und erfaßte diese,

ein zweiter vor ihm schlang sich eine Zugleine über die Schulter, und

während dieses menschliche Tandemgespann unter lautem Hallo anzog,

schob ein dritter von rückwärts nach. So durcheilte die ganze Karawane

von mehreren Dutzend Rickshaws das Dorf, reizend eingenistet an den

steilen Ufern der Schlucht, aus welcher der wasserreiche Hayagawa, ein

Abfluß des herrlichen Bergsees von Hakone, hervorbraust. Die heftigen

Regengüsse des Sommers hatten kurz zuvor die Brücke weggerissen, und

notdürftig waren einige Bretter und Balken zu einem halsbrecherischen

Steg gezimmert worden, über den uns die Kulis geschickt hinüberhalfen.

Jenseits der Schlucht bestiegen wir andere bereitstehende Rickshaws,

und nun ging es auf breiter, aber von Regenbächen zerrissener,

steiniger Straße steil aufwärts in die Berge. Zur Rechten tief unter

uns schäumte der Strom, zur Linken erhoben sich steile, stellenweise

überhängende Bergwände, mit der üppigsten Vegetation überwuchert.

Die herrlichsten Blüten, große japanische Lilien, die bei uns als

Topfpflanzen sorgsam gepflegt werden, bedeckten die Abhänge nach

vielen Tausenden; überall rauschten Bäche, in Kaskaden über Stock und

Stein hüpfend, herab, dem Hayagawa zu. An manchen Stellen hatte der

Regen Bergstürze zur Folge gehabt, durch welche die Regierung mit

Mühe einen Weg bahnen ließ; in vielfachen scharfen Windungen, tiefe,

finstere Schluchten entlang führte die Straße aus der nicht viel über

dem Meeresspiegel liegenden Ebene aufwärts nach der entzückenden

Bergidylle Miyanoshita, die fünfhundert Meter hoch zwischen der grünen

Felspyramide Myojogatake und dem bewaldeten Sengenyama eingeschachtelt

ist. Ich mußte die Ausdauer meiner flinken Kulis bewundern, die auf

dem ganzen einstündigen Wege nur einmal anhielten, um sich an einer

Quelle Kopf und Schultern zu baden und mehrere Holzbecher voll Wasser

zu trinken. Der Schweiß rann in Strömen über den bronzenen Rücken und

an den muskulösen Beinen hinab; schon kurz oberhalb Yumoto hatten

sie sich ihrer Leinenjacken entledigt, sie ausgewunden wie ein Stück

ausgespülter Wäsche und zum Trocknen über die Deichselstangen gehängt.

Mit Bewunderung, gemischt mit Neid, betrachteten wir zarter veranlagten

Europäer den prächtigen Körperbau dieser Bergbewohner.

Miyanoshita besteht aus zwei kleinen, urjapanischen Dörfchen, zwischen

denen sich auf einem mit europäischen Gartenanlagen geschmückten

Plateau das stattliche Fuji-ya-Hotel erhebt; etwas weiter unterhalb,

am oberen Rande der steilen Hayagawaschlucht, befindet sich ein

zweites Hotel von europäischem Aussehen, Nara-ya genannt, das aber

der Hauptsache nach vornehmen Japanern zum Aufenthalt dient. Gerade

während meines ersten Besuches von Miyanoshita weilten hier zwei

putzige kaiserliche Prinzchen, Söhne Seiner Majestät und irgendwelcher

japanischen Komtesse oder Baronesse; sie besaßen einen aus zahlreichen

Personen bestehenden Hofstaat, und unternahmen sie ihre täglichen

Spaziergänge, so wurden sie von einem ganzen Schwarm von Höflingen und

Polizisten begleitet.

Auch das Fuji-ya-Hotel, eines der besten von ganz Ostasien, ist

zur Hälfte nach japanischer Art eingerichtet, das heißt an das

im Schweizer Villenstil erbaute, ganz europäisch eingerichtete

Haupthaus lehnen sich die Flügel, so leicht und zart wie schwedische

Streichholzschachteln. Die einzelnen Schlafräume haben wohl Betten und

sonstigen abendländischen Hausrat, die Wände aber sind nach japanischem

Muster nur verschiebbare Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen,

ohne Fenster, ohne Thüren, nur von einer langen Holzveranda umgeben,

von der man in die Schlafräume gelangt, indem man die Papierrahmen

auseinanderschiebt. Ein weggeworfenes brennendes Zündhölzchen,

unvorsichtiges Handhaben des Kerzenstockes würde das ganze Hotel wie

einen Haufen trockener Holzspäne aufflammen lassen. Dafür spüren die

europäischen und japanischen Gäste dieses Kartenhauses nur wenig

von den häufigen Erdbeben, dieser schrecklichsten Landplage Japans.

Während wir im Haupthause mehrmals durch die Erschütterungen, die das

Gebäude in allen Fugen krachen und die Einrichtungsstücke herumtanzen

ließen, aus unserer Ruhe geschreckt wurden, waren diese Erdbeben in den

japanischen Anbauten kaum wahrnehmbar.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 57 / 71 段