mit Brückenequipagen und dergleichen, ferner je 1 Sanitäts-
und Feldtelegraphenabteilung; ein Pferdedepot, Munitions- und
Verpflegungskolonnen, endlich eine Anzahl Ambulanzen. Die
Truppenergänzung geschieht durch 24 über das ganze Land verteilte
Depotsbataillone der aktiven und 12 der Territorialarmee. Die
letztere stellt im Kriege 12 Infanterieregimenter, ebensoviele
Kavalleriepeletons und Geniekompagnien mit der entsprechenden Menge der
anderen Waffengattungen.
Die Kriegsstärke der japanischen Armee mit Ausschluß der
Territorialarmee wird von den Japanern wie folgt angegeben:
Aktiv Beide Reserven Zusammen
Infanterie 38089 64293 102382
Kavallerie 671 788 1459
Artillerie 3817 4064 7881
Pioniere 1708 1814 3522
Train 548 54458 55006
Gendarmerie 1435 1 1436
----------------------------------------
Zusammen: 46268 125418 171686,
davon Stabsoffiziere 450, Oberoffiziere 3360, Unteroffiziere 10391; die
Zahl der Feldgeschütze ist 252.
In den vorstehenden Zahlen dürfte dem militärischen Fachmanne wohl
die geradezu verschwindend kleine Kavallerie am auffälligsten sein.
Allerdings ist dieselbe, wie ich höre, in den letzten Jahren auf über
3000 Mann gebracht worden, doch beträgt sie im Verhältnis auch dann nur
ein Zehntel der Kavallerie in den europäischen Heeren. Erklärlich wäre
dieses Mißverhältnis im Falle eines feindlichen Angriffes auf Japan, da
das Land größtenteils aus Gebirgen und sumpfigen Reisfeldern besteht,
Kavallerie also nicht entfernt in ähnlichem Maße verwendet werden kann
wie in Europa. Für einen auswärtigen Krieg aber, wie der jüngste in
China, ist die japanische Kavallerie absolut unzulänglich, einer der
größten Nachteile, unter denen die Japaner zu leiden gehabt haben.
Soweit eine Reiterei in Japan vorhanden ist, wird sie von europäischen
Fachleuten günstig beurteilt. Die Reiter sind nett uniformiert,
sehen gut aus, sitzen stramm auf den kleinen, aber kräftigen Pferden
und exerzieren gut. Auffällig ist hier, wie auch bei den anderen
Waffengattungen, die geringe Verwendung von Trompetensignalen; die
Kommandos werden hauptsächlich durch Säbelsignale gegeben; außer dem
Säbel führen die Reiter der Gardekavallerie Lanzen, jene der Linie
Muratakarabiner.
Die Pferde werden mit vier Jahren in den Dienst gestellt und
durchschnittlich mit sechzehn Jahren ausgeschieden. Der Kaufpreis
beträgt etwa 280 Mark. Seit neuester Zeit ist das deutsche Hufeisen als
Beschlag eingeführt, auch erhalten die Pferde jetzt im Stalle Streu,
während sie bisher auf dem nackten Holzboden standen, aber nicht mit
dem Kopfe gegen die Stallwände, sondern, wie ich es auch in China
und Korea wahrgenommen, mit dem Kopfe gegen den mittleren Durchgang,
resp. nach außen gewendet, wodurch sie entschieden mehr Luft und Licht
genießen als europäische Pferde. Die Stallungen sind auch viel höher
und breiter, die Abteilungen viel geräumiger als in Europa.
Die Infanterie wird von Fachleuten ebenfalls sehr gelobt; obschon in
Statur viel kleiner als europäische Soldaten, sehen die Leute doch
stramm und kriegerisch aus, halten sich und marschieren gut, führen
Bewegungen mit Sicherheit und Verständnis aus und handhaben ihre
Waffen auf dem Exerzierplatz wie bei Schießübungen überraschend gut.
Auffällig ist es, daß sie beim Bajonettfechten, ebenso wie die Reiter
beim Säbelfechten, Ausfälle oder Paraden mit Schreien begleiten. Der
Dienst wird sehr streng gehandhabt, entschieden strenger als in manchen
europäischen Armeen, und die Leute dürfen nur zweimal in der Woche
die Kaserne verlassen. Dafür ist in diesen Kasernen alles mögliche
geschehen, um die Soldaten bequem unterzubringen. Die Schlafsäle,
gewöhnlich für zwanzig bis dreißig Mann bestimmt, sind hoch, luftig,
licht, geräumig, mit erträglichen Betten und Kopfbrettern und
hinreichend Tischen und Bänken, alles von peinlichster Sauberkeit. Jede
Kaserne ohne Ausnahme hat Krankenzimmer und eigene große Badehäuser mit
heißem und kaltem Wasser, wo die Soldaten nach Belieben täglich zwei-
oder dreimal baden können, ein Luxus, der bei uns nur den wenigsten
vergönnt ist. Auch die Küche ist von besonderer Sauberkeit, allerdings
keine außerordentliche Leistung, wenn man die überaus einfache Kost
der japanischen Soldaten berücksichtigt. Fleischspeisen erhalten
sie überhaupt nicht, ebensowenig Brot in unserm Sinne als tägliche
Nahrung. An ihre Stelle treten dreimal am Tage gekochter Reis mit etwas
Gemüse, die großen weißen Rettiche, Daikon genannt, und allenfalls zur
Abwechslung Bohnen oder getrocknete Fische. Ihre Löhnung, nach allen
Abzügen etwa zwei Yen (nach dem heutigen Kurse ungefähr vier Mark),
wird ihnen monatlich ausbezahlt.
Von allen Waffengattungen wird die Artillerie am meisten gelobt.
Ein englischer Artilleriemajor, namens Henry Knollys, erlaubt sich
in seinem Buche „Life in Japan” folgendes, von englischem Dünkel
diktiertes Urteil über dieselbe: „Sie ist in keiner Hinsicht auch
nur annähernd so gut wie die englische Artillerie, aber soweit die
Beurteilung in Friedenszeiten überhaupt möglich ist, werden die
japanischen Feldbatterien im Vergleich mit jenen Frankreichs, Belgiens
oder Deutschlands nicht zurückzustehen brauchen.” Ihre Geschütze
sind 7½-Centimeter-Hinterlader aus der Uchatiusschen Stahlbronze
im Arsenal von Osaka hergestellt und mit je sechs Pferden bespannt.
Die Geschütze sind nicht aus blankem Metall, sondern mit japanischem
Lack überzogen. Als Bedienungsmannschaft sind für jedes Geschütz fünf
Kanoniere und ein berittener Unteroffizier vorhanden.
Das Offizierkorps der Japaner verdient alles Lob; viele Offiziere
haben in europäischen Armeen gedient und sprechen eine der drei
europäischen Hauptsprachen, wie ich es selbst unter den Offizieren
der in Korea stehenden Division erfahren habe. Diese Division war die
erste, welche seit der Neuorganisierung der japanischen Armee auf
den Kriegsfuß gebracht wurde, und ich fand all das auf dem Papier
verzeichnete Material thatsächlich vorhanden. Die Pioniere führten
ihr ganzes Brückenmaterial mit sich, eine Telegraphenabteilung legte
während meines Rittes von der Hauptstadt Söul nach Chemulpo den
Feldtelegraphen, auf dem Wege fand ich Munitions- und Sanitätskolonnen,
die Batterien hatten ihre sechs Geschütze und ihren ganzen
vorgeschriebenen Bestand, das ganze Korps machte überhaupt einen
vortrefflichen Eindruck.
Deshalb ist auch die Armee in Japan, im Gegensatz zu China, sehr
beliebt und geachtet. Von seiten wohlhabender Bürger geschieht schon
im Frieden vieles, um das Los der Vaterlandsverteidiger zu verbessern,
aber während des Krieges mit Korea war es geradezu rührend, welche
Massen von Tabak, Sake (Reiswein), Nahrungsmitteln aller Art sowie
Geldbeiträge den Soldaten von Japan aus zugesandt wurden.
[Illustration: Das Daimioschloß zu Kumamoto.]
Eines wichtigen Zweiges des Militärwesens muß hier noch gedacht werden:
der Krankenpflege. Bei dem chinesischen Heere besteht eine solche als
selbständige Organisation überhaupt nicht. Die Chinesen haben weder
Militärärzte noch irgend welche Einrichtungen, um die Verwundeten von
den Schlachtfeldern zu holen und zu pflegen. Im jüngsten Kriege nahmen
sich die gesunden Kameraden ihrer gefallenen Brüder nach Thunlichkeit
an; allein das Los der großen Mehrzahl der verwundeten Chinesen war
der elendeste Tod, sofern ihnen nicht von den Japanern oder von
europäischen Missionsärzten Beistand geleistet wurde. Ebensowenig
kennen die koreanischen Soldaten unser Sanitätswesen, wie es ja
überhaupt in ganz Korea keine Aerzte giebt, die auf diesen Namen
überhaupt Anspruch erheben könnten. Nur die zahlreichen katholischen
Missionare in Korea sind immer bestrebt gewesen, neben dem Seelenheil
auch für das leibliche Wohl der Koreaner nach Kräften zu sorgen, und
ihren ärztlichen Kenntnissen sind zum großen Teil ihre bisherigen
überraschenden Erfolge zuzuschreiben. Auch einige andere Missionen
haben Hospitäler in einzelnen Städten errichtet, und in erster Linie
ist hier jenes des anglikanischen Bischofs Corfe in Söul hervorzuheben.
Bischof Corfe war früher Seelsorger bei der englischen Kriegsmarine
und Kaplan des Admirals Herzog von Edinburg. Dank dieser Stellung
gelang es ihm, unter den englischen Seeoffizieren hinreichend Kapital
zu sammeln, um in Söul eine englische Mission mit einem größeren
Hospital einzurichten. In dieser vortrefflichen, von zwei europäischen
Aerzten geleiteten Anstalt sah ich 1894 gegen zwanzig koreanische
Soldaten, die auf der Expedition gegen die Rebellen des Togakuto
verwundet worden waren. Sie erzählten mir von dem entsetzlichen Elend
auf den koreanischen Schlachtfeldern, wo die Verwundeten hilflos
verschmachteten, falls sie nicht von den Siegern verstümmelt wurden.
Es ist eine der vornehmsten zivilisatorischen Errungenschaften der
Japaner, daß sie ihr Augenmerk nicht nur auf die in der Schlachtlinie
kämpfenden, sondern auch auf die verwundeten Soldaten richteten, und
mehr als mit den Hinterladerkanonen und dem preußischen Drill haben
sie durch die Organisierung der Krankenpflege ihren Platz unter den
Kulturstaaten gesichert.
Die Japaner besitzen nicht nur ein vorzügliches militärärztliches Korps
mit Aerzten, die sich auf europäischen Universitäten ihr Diplom geholt
haben, sondern sie besitzen auch eine Gesellschaft vom Roten Kreuz.
Erst im Jahre 1877 mit etwa 20 Mitgliedern gegründet, zählt sie deren
heute über 28000 und besitzt ein Jahreseinkommen von etwa 70000 Yen,
ungefähr 150000 Mark, mit einem Reservefond von nahe einer Million Mark.
Der große Aufstand von 1877 in der Provinz Satsuma bot die Veranlassung
zur Gründung dieser Gesellschaft. Vicomte Sano, der jetzige Präsident
der Gesellschaft, war auch ihr Gründer, und seinem unermüdlichen
Wirken, verbunden mit dem Beistand, den ihm die beiden Barone Siebold,
Söhne des berühmten Japanschilderers, liehen, ist das heutige Blühen
der Gesellschaft zu danken. Der Mikado und seine Gattin nahmen sich
des jungen Unternehmens eifrig an; ihre Beiträge allein erreichten
bisher eine Million Mark, und sie stellten die Gesellschaft unter
ihren kaiserlichen Schutz. Vicomte Sano konnte sich kein besseres
Vorbild für die Organisation seines Werkes nehmen als die von Baron
Mundy gegründete Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft. Wie dort,
so beschränkt sich auch in Japan die Krankenpflege nicht auf den
Krieg. Die häufigen Erdbeben geben genug Veranlassung für segensreiche
Thätigkeit im Frieden. So wurden bei dem großen Erdbeben im Oktober
1891 in den Provinzen Owari und Mino allein über 7000 Personen getötet
und 11600 Personen verwundet. Sofort wurden Aerzte und Pfleger nach den
zerstörten Orten gesandt und über 2000 Personen in Pflege genommen.
In demselben Jahre wurde in Tokio ein großes, ganz von den
Mitteln der Gesellschaft erbautes Hospital eröffnet, für welches
das Universitätshospital von Heidelberg als Muster diente. Alle
Einrichtungen des Hospitals wurden in Tokio kopiert und als Chefarzt
~Dr.~ Hashimoto, der Chefarzt der japanischen Reservetruppen,
erwählt.
Kaum war die Kriegserklärung gegen China erlassen, so meldeten sich
sofort freiwillige Krankenpfleger in großer Zahl, die, in Kolonnen
organisiert und mit allem nötigen Material ausgerüstet, der Armee nach
Korea folgten.
Die Krankenpflege bei den Japanern in Korea und China war großenteils
in ihren Händen, und in rühmenswerter Weise beschränkten sie ihre
Thätigkeit nicht auf ihre Landsleute, sondern nahmen auch verwundete
Chinesen auf.
Im Jahre 1886 trat die Gesellschaft durch Vermittelung der japanischen
Regierung der Genfer Konvention bei und nahm auch trotz der heidnischen
Religion ihrer Mitglieder merkwürdigerweise das christliche Abzeichen
derselben an, das rote Kreuz im weißen Felde, das nun sogar auf den
Schlachtfeldern des fernen Ostens seine segensreiche Thätigkeit
entfaltet hat.
[Illustration: Vergnügungsboot.]
Straßenleben in Tokio.
Von all den Sehenswürdigkeiten, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches
dem fremdländischen Touristen bietet, ist keine so interessant und
reizvoll wie das Volksleben in den Straßen, Winter und Sommer, Tag
für Tag, von Sonnenaufgang bis in die zehnte oder elfte Abendstunde,
ein Museum eigener Art, das uns ganz Japan, arm und reich, hoch und
niedrig, in allen Ständen und Berufsarten, auf die bequemste und
anziehendste Weise vor Augen führt: am frühen Morgen bei der Toilette,
vormittags im geschäftlichen Verkehr, nachmittags auf der Promenade,
abends bei den Vergnügungen.
Schon um sechs Uhr morgens stehen vor dem Hotel die eigentümlichen,
japanischen Droschken, die von flinken, strammbeinigen Burschen
gezogenen Kurumas, und trat ich um diese frühe Stunde auf die Straße,
so begrüßte mich gewiß mein gewöhnlicher Kurumaja, den Hut in der
Hand, mit den Worten: „Sukoschi o aruki irraschai?” (Herablassen, eine
kleine ehrenwerte Spazierfahrt machen?) Ihn abzulehnen hätte mir nicht
viel genützt, denn ein paar andere wären mir mit ihren Handwägelchen
gefolgt, straßenauf und -ab, bis ich mich doch entschlossen hätte,
einen davon für meine Spazierfahrt zu mieten.
Die Japaner sind keine Frühaufsteher. Um sechs Uhr morgens sind die
Straßen noch menschenleer, die Häuser größtenteils geschlossen,
und nur hier und da sieht man Weiber, welche die Straßen vor ihren
Häusern kehren. Die japanische Polizei ist sehr streng, und jede
Vernachlässigung wird empfindlich gestraft. Die Straßen der Hauptstadt
haben ja keine Trottoirs; sie sind auch nicht so notwendig wie
in europäischen Städten, denn in Tokio giebt es fast gar keinen
Wagenverkehr. Alle Welt geht zu Fuß oder fährt in den kleinen Kurumas,
deren Zahl in der Hauptstadt allein vierzigtausend übersteigt. Deshalb
sind die Straßen auch leicht reinzuhalten. Was die Hauseigentümer
nicht zusammenkehren lassen, wird von den zahlreichen Hühnern vertilgt,
die um diese Stunde für kurze Zeit aus ihren Käfigen gelassen werden.
An den Straßenecken stehen schläfrige Polizisten in ihren europäischen
Uniformen; Kulis mit langen, schmalen Bottichen auf dem Rücken eilen
geschäftig von Haus zu Haus, um den Unrat des vorhergehenden Tages
einzusammeln und auf die Felder vor der Stadt zu tragen, ein gar
kostbarer Schatz, denn nur durch diesen ist der Ertrag der japanischen
Kulturen so reichlich. In den ärmeren Quartieren bezahlen die Bewohner
mancher Häuser mit dem Unrat allein ihren Mietzins. Diese sorgfältige
Verwendung der städtischen Abfälle hat freilich auch ihren Nachteil.
Tokio besitzt noch immer keine Wasserleitung, die Ziehbrunnen in den
Straßen reichen für den Wasserbedarf nicht hin, und in den ärmeren
Quartieren muß man zu den Flüssen und Bächen Zuflucht nehmen, welche
durch die auf dem Lande allgemein übliche, künstliche Bewässerung einen
Teil dieser Abfälle wieder in die Stadt führen, eine der Hauptursachen
der Cholera- und Typhusepidemien.
Bald erscheinen in den Straßen auch Landbewohner und Fischer, die
den Ertrag ihrer Felder resp. ihres nächtlichen Fanges auf den Markt
bringen. Manche tragen ihre Lasten auf dem Rücken, andere haben sie auf
Handwägelchen verladen, zuweilen sieht man auch einzelne von Pferden
oder Ochsen gezogene Wagen, aber der hauptsächlichste Frachtenverkehr
erfolgt doch auf Schultern und Rücken der fleißigen, arbeitsfreudigen
Kulis.
Allmählich werden auch die Häuser geöffnet. Mit lautem Rasseln und
Knarren werden die Amado (hölzerne Sturmwände), die zur Nachtzeit rings
um die Veranden der Häuser aufgestellt werden, beiseite geschoben,
und während meiner langsamen Fahrt erhalte ich gar manchen Einblick
in die intimen Verrichtungen des japanischen Hauswesens. Hier lagert
eine Familie auf den weichen, reinlichen Matten und nimmt das Frühstück
ein. Eltern und Kinder hocken im Kreise um die mit blendend weißem
dampfenden Reis gefüllten Schüsseln und schlürfen aus zarten winzigen
Täßchen heißen Thee. Dort liegt ein Japaner noch auf der Matratze und
schmaucht sein Morgenpfeifchen, während die weiblichen Wesen seines
Hausstandes waschen und fegen und kochen. Im Nebenhause breitet ein
Kuriositätenhändler seine Schätze zum Verkaufe aus, ohne sich um seine
Nachbarinnen zu kümmern, die eben in einem großen hölzernen Bottich
ohne irgendwelche Bekleidung ihr Morgenbad nehmen. In einem anderen
Hause kauert ein junges Mädchen, bis zu den Hüften unbekleidet, vor
einem Spiegel, pudert ihr hübsches Gesichtchen und schminkt ihre Lippen
so ungeniert, als wäre sie zwischen vier Wänden eingeschlossen. In
demselben Raume macht vielleicht ein Japaner seine einfache Toilette.
Seit der Europäisierung des Landes tragen die Japaner ihre alten,
sorgfältigen Haartrachten nicht mehr; ihre Zöpfchen fielen der Schere
des Friseurs zum Opfer, und die bürstenartigen Haarstoppeln folgen
dem Kamme doch nicht. Bärte werden in Japan vornehmlich nur von den
Beamten, den Aristokraten und Gelehrten getragen; die Männer des Volkes
aber rasieren ihre Gesichter vollständig glatt. Ist diese Arbeit
besorgt, so wird der lange, schlafrockartige Kimono angezogen, die Füße
werden mit weißen oder blauen Leinensocken bekleidet, und die Toilette
ist gemacht.
Die Straßen füllen sich immer mehr, hauptsächlich mit Männern, die
in ihre Geschäfte eilen oder auf den Märkten Einkäufe besorgen.
Reis, Fische und Gemüse bilden die Hauptnahrung der Japaner. Fleisch
wird nur wenig gegessen, an seine Stelle treten die Fische, die in
unzähligen Arten auf den interessanten, belebten Fischmärkten zum
Verkauf dargeboten werden, und merkwürdigerweise sind es auch hier nur
Männer, die ihren täglichen Hausbedarf einkaufen. Alles spielt sich in
größter Ruhe ab, Käufer und Verkäufer verneigen sich ehrfurchtsvoll
voreinander, und Szenen, wie sie sich auf unseren europäischen
Fischmärkten abspielen, sind in Japan ebenso undenkbar wie die
unflätigen Flüche, die man bei uns zu hören bekommt. Die japanische
Sprache kennt keine Flüche.
Noch größer sind die Höflichkeitsbezeugungen in den Häusern oder
auf der Straße, wenn Bekannte einander begegnen. Die große Mehrzahl
der Japaner geht noch immer barhäuptig umher; nur Soldaten, Beamte,
Studenten oder elegante Dandys tragen Kopfbedeckungen, und bei diesen
besteht der Gruß im Salutieren oder ehrerbietigen Abnehmen der Hüte
unter mehrfachen tiefen Verbeugungen. Bei Altjapanern wirken die
Begrüßungen, selbst in den unteren Ständen, auf den europäischen
Beschauer geradezu komisch. Bei einem besseren Zustande der Straßen
würden sie wohl voreinander niederknien. So beschränken sie sich bei
der Begegnung darauf, stehen zu bleiben und halbwegs in die Knie zu
sinken. In dieser Stellung machen sie mehrere tiefe Verbeugungen
voreinander, während sie mit den Händen auf ihren Schenkeln mehrmals
auf- und niederfahren und bei geöffneten Lippen, aber geschlossenen
Zähnen die Luft mehreremale laut hörbar einziehen. So bleiben sie eine
geraume Zeit einander gegenüber, bis sich endlich der eine entschließt,
seinen Weg fortzusetzen. Er wird stets als der Unhöflichere von beiden
betrachtet, außer wenn seine Rangstellung ein höhere sein sollte.
In der gegenwärtigen Uebergangsperiode von Alt- zu Neujapan bekommt
man in den Straßen Tokios zuweilen eine ergötzliche Mischung von
Volkstrachten zu sehen. Das konservative Element bilden in Japan
ebenso wie anderwärts die Frauen. Während monatelanger Reisen im
Mikadoreiche habe ich Japanerinnen in europäischer Kleidung niemals
auf der Straße, niemals in Theehäusern und Theatern und nur vereinzelt
in vornehmen Gesellschaften in der Hauptstadt gesehen. Selbst einzelne
Kleidungsstücke, wie Hüte, Schuhe, Strümpfe und dergleichen, haben
bei den Japanerinnen noch nicht Eingang gefunden; auf der Straße wie
im Hause kleiden sie sich glücklicherweise noch durchwegs japanisch,
tragen ihre Kimonos und Obis, fächeln sich mit Papierfächern, rauchen
ihre winzigen Pfeifchen, schneuzen sich mit Papierläppchen. Nur ein
europäischer Artikel hat Gnade vor ihren Augen gefunden: an Stelle
der reizenden Sonnenschirme aus Bambus und buntgeblümtem Papier
tragen sie heute schon vielfach unsere unschönen Regenschirme mit
dunklem Stoffüberzug. Bei den Orientalinnen fing die europäische
Kultur von unten an; in Algier, Tunis, Aegypten, Kleinasien haben
die Schönen willig ihre Pantöffelchen mit europäischen Schuhen und
Strümpfen vertauscht; bei den Japanerinnen kommt der europäische Segen
in Gestalt des Regenschirmes von oben, während sie mit Eigensinn an
ihren unschönen, etwas über die Knöchel reichenden Socken und an den
schweren, plumpen Holzsandalen, den Getas, festhalten. Auf diesen ein
bis zwei Zoll hohen Holzklötzen schlürfen sie mit geknickten Knien
und vorwärts geneigtem Oberkörper einher, und wenn die Frauen im
Straßenleben Tokios dennoch die reizvollsten Erscheinungen sind, so
verdanken sie dies nur ihren lieblichen, freundlichen Gesichtchen und
den bunten, langen, faltenreichen Gewändern. Madame de Staël hat in
Bezug auf die Europäerinnen sehr richtig bemerkt: „Es ist ihnen schwer,
schön zu tanzen, schwerer, schön zu gehen, am schwersten, schön zu
stehen.” Den Japanerinnen ist es schwer, schön zu stehen, schwerer,
schön zu gehen, und tanzen nach unseren Begriffen können sie gar nicht.
[Illustration: Mutter mit Kind.]
Auch unter den Männern, denen man in den Straßen Tokios begegnet, sieht
man nur wenige in europäischer Tracht. Hier reitet wohl ein Offizier
in europäischer Uniform einher, stets begleitet von einer Ordonnanz;
die Polizisten und Postboten tragen Uniformen, die Beamten, Aerzte,
Professoren, Edelleute, Angestellte des Hofes und einzelne Elegants,
die Europa besucht oder dort studiert haben, tragen europäische
Kleidung. Aber sonst sind die Japaner ihrer alten Tracht treu
geblieben. Dem Fortschritt huldigen viele von ihnen höchstens insofern,
als sie zu ihren langen Kimonoschlafröcken europäische runde Hüte oder
Seidencylinder tragen, was ihr Aussehen keineswegs malerisch macht.
Man denke sich nur in einer europäischen Stadt einen Spaziergänger
mit Brille, Cylinderhut, Regenschirm und plumpen Holzpantoffeln, den
Körper in einen langen, dunkeln Schlafrock gehüllt, der beim Gehen
auseinanderschlagend die nackten Beine des Spaziergängers zeigt! Und
solche Gestalten sieht man in den Straßen Tokios zu Tausenden. Noch
grotesker ist ihr Anblick bei Regenwetter. Um ihren Kimono nicht zu
beschmutzen, heben sie denselben zuweilen bis an die Hüften empor
und schlürfen in nackten Beinen umher. Dasselbe thun aber auch die
japanischen Frauen und Mädchen mit rührender Ungeniertheit.
[Illustration: Im Asakusatempel.]