Romanhelden erzählt, sagt er in einer Randnote: „Es ist manchmal
schwer, die Sucht, Böses zu stiften, zu beherrschen, aber wenn Du
Dich (Leser) nur ernstlich bestrebst, gut zu sein, so wird es schon
gelingen. Ich wünsche sehr, daß dies geschähe. Bakin.”
Nächst Bakin und Tamenaga Schunsui wird wohl Schippenscha Ikku der
geistvollste moderne Romanschreiber sein; seine Dichtung Hiza Kurige
zählt zu den ersten Meisterwerken der japanischen Litteratur. Ikku
schildert darin mit sehr viel Humor die Abenteuer zweier armer
Schlucker, welche zu Fuß den weiten Weg auf dem Tokaido von Kioto nach
Tokio zurücklegen.
Im ganzen und großen ist die Romanlitteratur Japans lange nicht
so reichhaltig, als man in Europa anzunehmen scheint, und nur die
wenigsten Werke sind für Europäer wirklich ansprechende Lektüre. Unter
ihnen nimmt gerade der eben in deutscher Uebersetzung erschienene
Roman von Tamenaga Schunsui, wie gesagt, die erste Stelle ein, weil
er auf den erhebendsten Ereignissen der japanischen Geschichte fußt,
und die Japaner können von Glück sagen, daß sie gerade mit diesem
Roman in der europäischen Leserwelt debütierten. Der weitaus größte
Teil der japanischen Romane sind eher Ammenmärchen oder abenteuerliche
Geschichten für Schuljungen. Basil Hall Chamberlain, Professor an der
kaiserlichen Universität von Tokio und auch von den Japanern als der
beste Kenner ihrer Litteratur angesehen, sagt darüber den Japanern
ins Gesicht: „Es finden sich in ihren Erzählungen manche hübsche und
geistreiche Stellen; sie sind auch von großem Werte für Philologen,
Archäologen, Geschichtsforscher, aber vieles, was die Japaner in ihrer
Litteratur am höchsten schätzen, ist nach europäischem Geschmacke
unausstehlich fade und nichtssagend. Die Romane sind ebenso langweilig
wie die Geschichtswerke, und viel zu langatmig.” An einer anderen
Stelle sagt Chamberlain gerade von dem Meister des japanischen Romans,
von Bakin: „‚Wie unnachahmlich!‘ rufen die Japaner entzückt von
Hakkenden, einem Roman, den jeder gelesen und wiedergelesen hat, bis
er ihn beinahe auswendig kennt. ‚Wie ausgezeichnet!‘ Ausgezeichnet,
ja, antwortet der Europäer, ausgezeichnet zum Einschlafen, mit
seinen langweiligen Schilderungen unmöglicher Abenteuer, die sich
durch hundertundsechs Bände winden. Die japanische Litteratur ist
ohne Genius, ohne Gedanken, ohne Logik, Tiefe und Breite, ohne
Vielseitigkeit.”
Das ist das Urteil jenes Gelehrten, der in seiner Stellung am ersten
berufen ist, ein solches zu fällen. Die Japan-Enthusiasten, die alles
in den Himmel erheben, was aus Japan kommt, was Japan thut und Japan
läßt, können aber auch andere anerkannte Autoritäten zu Rate ziehen,
sie werden überall das gleiche Urteil finden, Satow, Griffis, Aston und
so fort. Vielleicht werden diese Enthusiasten erwidern, daß die moderne
japanische Litteratur seit der Restauration des Mikado zu größeren
Hoffnungen berechtigte. Chamberlains Urteil ist in dieser Hinsicht
geradezu vernichtend. In seinen Things japanese, ein Buch, das 1891
in Yokohama erschienen ist, heißt es darüber in sehr bemerkenswerter
Weise:
„Die Eröffnung des Landes (der europäischen Kultur) hat der
eigentlichen japanischen Litteratur den Todesstoß versetzt. Wohl
verlassen die Presse jährlich Tausende von Büchern und Broschüren,
also vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber die Mehrzahl davon sind
Uebersetzungen europäischer Werke oder Bücher, von europäischen Ideen
beeinflußt. Das ist auch natürlich und ganz in Ordnung. In jedem
Wissenszweig wird von der gegenwärtigen Schule europäisierter Autoren,
wie Fukuzawa, Nischi Schu, Kato Hiroyuki, Toyama Masakazu und anderen
ungemein viel den Japanern zugänglich gemacht. Aber natürlicherweise
interessieren diese Uebersetzungen, Umschreibungen und Nachahmungen
den europäischen Leser, dem die Originalwerke zur Verfügung stehen,
viel weniger als die japanischen Bücher des alten Regime. Selbst die
japanische Romanschreiberei geht nun nach europäischem Muster von
statten. Nicht nur Methoden werden im Bausch und Bogen angenommen,
sondern ganze Geschichten, und die europäischen Namen werden in
japanische umgewandelt, z. B. Schmidt in Schimidu, Elisa in O Riza
und andere. Europäische lokale Verhältnisse werden den japanischen
Verhältnissen angepaßt.... Wir würden gerne zehntausend gegen eins
wetten, daß nicht ein einziger Leser dieses Buches (Things japanese)
jemals den Helden des volkstümlichsten Romans erraten würde, das unter
dem gegenwärtigen Herrscher erschienen ist. Er ist Epaminondas. Das
fragliche Werk nimmt sich unter dem Titel Keikoku Bidan das ganze
Feld der thebanischen Politik zum Vorwurf. Ein Grund der ungeheuren
Verbreitung des Werkes ist wohl der, daß nicht wenige Stellen des
Inhalts ohne viel Schwierigkeit auf die moderne japanische Politik
gedeutet werden können. Der Verfasser, Yano Fumio, hat sich aus dem
Ertrag des Buches ein schönes Haus gebaut und eine Reise nach Europa
unternommen.”
„Eine andere erfolgreiche Novelle, Kaschin no Kigu, beginnt im Kapitol
zu Washington, wo ein Japaner seinem Begleiter die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung vorliest. Die Karlisten, die schlimmen
Engländer, welche die Aegypter ihres eingeborenen Helden Arabi Pascha
beraubten, alles das erscheint in kaleidoskopartiger Mannigfaltigkeit
in diesem Werke, das, merkwürdig genug, im klassischen chinesischen
Stil geschrieben ist.”
So weit Professor Chamberlain. Freilich wäre es doch möglich, daß
gerade wegen der so weitgehenden, um nicht zu sagen, ausartenden
Europäisierung der japanischen Litteratur eine Gegenströmung zum
Vorschein käme, wie ich sie in Japan in Bezug auf Kleidung, Manieren,
Kunst, Theater vielfach bemerkt habe. Es bestehen jetzt schon eine
Anzahl Vereine zur Pflege der alten Traditionen, zur Erhaltung
des geschichtlichen vormärzlichen Japan, wenn man so sagen darf.
Aber es ist doch eine eigene Sache, wenn eine Litteratur wie eine
Treibhauspflanze künstlich gepflegt und erhalten werden muß. Der innere
Wert, die auf dem Leben und Treiben des Volkes ruhende Grundlage,
Kraft und Saft, fehlen gewöhnlich derartigen Erzeugnissen, und wird
schwerlich mehr in Japan ein zweiter Sumschin, ein zweiter Bakin
kommen. Kommt er aber, so wird auch sein Geist, gerade so wie er
selbst, europäische Formen zeigen.
Zum Schlusse noch ein Wort über die japanischen Bücher. Bei Romanen
und Novellen, Märchen und alten Geschichtswerken wird auch heute noch
die alte Form angewendet; die Papierbogen, lange Streifen, werden nur
auf einer Seite bedruckt und dann in dem Format unserer Bücher so
zusammengefaltet, daß die bedruckten Seiten die Außen-, die leeren die
Innenseiten bilden. Dann werden diese gefalteten Bogen mit Bindfaden
zusammengeheftet, und ein dünner Umschlag wird darübergeklebt. Würde
man die Blätter aufschneiden, so würden auf diese Weise immer zwei
bedruckte und zwei leere Seiten einander folgen. Aber die Blätter
der japanischen Bücher werden nicht aufgeschnitten. Umschläge und
Text sind sehr häufig in künstlerischer Weise mit farbigen Bildern
ausgestattet. Die Seiten sind nicht numeriert, und wie bei arabischen
und chinesischen Werken befindet sich der Titel auf der letzten
Seite. Das Papier ist viel leichter, fester und weicher als jenes der
europäischen Druckwerke. In neuester Zeit ist weiches, geripptes Papier
für Märchenbücher und ähnliche Druckwerke sehr beliebt geworden. Die
eigentümlichen, crêpeartigen Rippen werden dadurch hergestellt, daß
die bereits gedruckten Bogen über Bambusstäbe gepreßt werden, deren
Faserzeichnung das Papier dadurch annimmt.
Die wissenschaftlichen Werke, Uebersetzungen europäischer Werke und
auch manche einheimische werden in den letzten Jahren ganz so gedruckt
und gebunden wie die europäischen Originale: steifer Deckel und
Leinwandrücken mit Golddruck.
Ueberraschend schnell hat sich in Japan das +Zeitungswesen+
entwickelt. Im Jahre 1864 wurde das erste Blatt in japanischer Sprache
gegründet und hatte in der ersten Zeit mit großen Schwierigkeiten zu
kämpfen. Dennoch entstanden bis zum Jahre 1874 weitere zehn Zeitungen,
die indessen nicht regelmäßig erschienen und keine selbständigen
Nachrichten, sondern nur Uebersetzungen aus den englischen
Tagesblättern brachten. Redakteur und Herausgeber, Nachrichtensammler,
Drucker und Austräger waren in einer Person vereinigt. Erst nach
der Revolution, mit dem Beginn der neuen Aera, entwickelte sich das
Zeitungswesen und umfaßt heute 600 regelmäßig erscheinende Blätter.
Tokio allein hat über zwanzig Tagesblätter mit zusammen einer
Viertelmillion Auflage, ferner 130 Wochen- und Monatsschriften mit
zusammen einer halben Million Auflage.
Unter den bedeutenden einheimischen Tageszeitungen steht der offiziöse
Nitschi Nitschi Schimbum (Die neuesten Nachrichten) an der Spitze. Er
beschäftigt über hundertundfünfzig Personen, darunter einen Chef-,
einen politischen, fünf Hilfsredakteure, zwölf Berichterstatter, zwei
Stenographen, nur vier Setzer, deren jeder allerdings mehrere Gehilfen
hat, dagegen zwölf Drucker. Wie bei fast allen japanischen Blättern
bildet auch bei diesem das Reportertum den wundesten Punkt. Da die
Reporter nach der Zeile bezahlt werden, und zwar sehr schlecht, so
besteht der größte Teil der von ihnen berichteten Neuigkeiten aus
Gebilden der eigenen Phantasie. Trotzdem verdienen sie durchschnittlich
nur vierzig Mark monatlich. Sehr hervorragend sind unter den
hauptstädtischen Zeitungen ferner der radikale Dschidschi Schimpo
(Unsere Zeit) und der Hotschi Schimbun, das Organ des Grafen Okuma. Der
Dschidschi Schimpo hat die Besonderheit, fortwährend große Reformpläne
vorzubringen, die sich auf dem Papier sehr gut ausnehmen, denen es aber
an Berührungspunkten mit dem praktischen Leben fehlt.
Großes Ansehen genießen auch der liberale Mainitschi Schimbun
(Tägliche Neuigkeiten), der Herrn Nüma gehört, dem Vorsitzenden des
Parlaments, dann der ebenfalls freisinnige Tschoja Schimbun (Amts- und
Volksnachrichten), der konservative Tokio Dempo (Jedoer Telegraph),
welcher als das Organ des früheren Handelsministers Generals Tami gilt,
endlich der radikale, von einem japanischen Mitglied des britischen
Barreaus redigierte Koran Schimpo (Oeffentliche Meinung), das
Sprachrohr des Chauvinisten Grafen Itagaki und des Grafen Goto, eines
strebsamen Politikers, der sich seit längerer Zeit vergeblich bemüht,
die Führerschaft der radikalen Opposition zu erhalten. Uebrigens decken
sich die Ausdrücke liberal, radikal, freisinnig in ihrer Anwendung
auf japanische Zeitungen und Politiker vorläufig noch nicht mit dem,
was man in Europa unter denselben versteht, denn einstweilen hat der
blutjunge Parlamentarismus des Mikadolandes noch nicht zur endgültigen
Bildung von bestimmten Parteien geführt.
Die Zensur ist zwar abgeschafft, aber die Presse hat, wie in
Rußland, nicht wenig von den Behörden zu leiden. In einem Saale des
Polizeigebäudes von Tokio sitzen zahlreiche Beamte, denen die Aufgabe
obliegt, sämtliche einheimische Preßorgane nach Erscheinen auf
Gesetzwidrigkeiten hin zu prüfen. Hat einer der mit Schere und Rotstift
bewaffneten Herren etwas Verdächtiges erspäht, so legt er es seinem
Chef vor, der seinerseits mit der Regierung sich ins Einvernehmen
setzt. Wird es höhern Orts gewünscht, so ladet man den betreffenden
Redakteur höflichst ein, bei der Polizei zu erscheinen, wo er dann ohne
Umschweife die freundliche Mitteilung erhält, sein geschätztes Blatt
sei auf so und so viele Tage und Wochen verboten. Nicht immer bleibt es
bei dem Verbote, häufig kommt es auch zur gerichtlichen Verurteilung,
zu Gefängnis. Um sich dieser Unannehmlichkeit zu entziehen, stellen
viele Redakteure, was ja auch anderswo vorkommen soll, Strohmänner an,
die gegen geringe Bezahlung und in Anbetracht eines beneidenswerten
Müßigganges den Verantwortlichen spielen.
[Illustration: Scene aus dem Kriege Japans gegen China:
Fünf japanische Pioniere schlagen über hundert chinesische Soldaten in
die Flucht.]
Das Heerwesen der Japaner.
Es mag sein, daß sich die Japaner, als sie den tollkühnen Entschluß
faßten, den chinesischen Koloß zu bekriegen, nicht ihre eigenen
Erfahrungen vor Augen hielten, sondern jene der Franzosen und
Engländer, die dasselbe Wagnis noch unter viel ungünstigeren Umständen
und mit noch viel geringeren Mitteln ausführten. Zehntausend Franzosen
und Engländer waren vor etwa vier Jahrzehnten im stande, selbst
Peking einzunehmen und den Chinesen in ihrer eigenen Hauptstadt den
Frieden zu diktieren. In ihrem Dünkel hielten die Japaner ihre Truppen
thatsächlich jenen der europäischen Mächte für gleichwertig, und
möglicherweise sagten sie sich, wenn so geringe Truppenmengen aus so
großen Entfernungen derartige Erfolge zu erzielen vermochten, so konnte
der Sieg der so viel größeren Armee ihres, China so nahe gelegenen
Heimatlandes nicht ausbleiben.
In der That haben die Japaner in der Organisierung und Ausbildung ihrer
kleinen Armee Staunenswertes geleistet, ja, wer die japanischen Truppen
auf dem Exerzierplatz oder auf dem Manöverfeld gesehen hat, dem muß
es geradezu unglaublich erscheinen, daß dieselben Leute, die heute so
stramm und nach allen Regeln europäischer Kriegskunst exerzieren, noch
vor fünfunddreißig Jahren in mittelalterlichen Rüstungen steckten,
daß sie an Stelle von modernen Hinterladergewehren und gezogenen
Feldgeschützen mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.
Die Zustände in Japan waren damals jenen ähnlich, die in Deutschland
vor der Erfindung des Schießpulvers herrschten. Das Land war in den
Händen der feudalen Edelleute, die in ihren Ritterburgen saßen und
ihre eigenen Fähnlein von Knappen und gerüsteten Kriegsleuten, die
Samurai, unterhielten. Jeder dieser Daimios war ein kleiner, nahezu
unabhängiger Fürst, der Kaiser aber war machtlos. Heute ist er der
Herrscher, die Daimios sind mediatisiert, ihre Staaten sind in Dai
Nipon, d. h. Großjapan, aufgegangen, ihre Armeen aufgelöst, und die
alten Samurai stecken in Uniformen nach europäischem Muster.
Wenn man heute in Japan einer, wenn auch kleinen, so doch vollständig
modernen Armee begegnet, die innerhalb der letzten zwanzig Jahre
geschaffen wurde, wenn man erfährt, daß ihre Bewaffnung und Ausrüstung
im Lande gefertigt und dort große Arsenale, Schiffbauwerkstätten,
Militärschulen und Akademien sozusagen aus dem Boden gestampft wurden,
so muß dies bei dem militärischen Fachmanne gerechtes Erstaunen, wenn
nicht Bewunderung erwecken. Aber die Leistung ist in Wirklichkeit
noch großartiger, als sie für den ersten Augenblick erscheint; denn
die Soldaten hatten nicht etwa wie unsere Rekruten den Zivilrock aus-
und den Militärrock anzuziehen. Sie mußten, figürlich gesprochen, die
altjapanische Zivilisation ausziehen und in die moderne europäische
Zivilisation hineinschlüpfen, denn das moderne Soldatentum ist mit den
alten Sitten und Trachten der Japaner vollständig unverträglich. Bei
den alten Samurai und Daimios war der asiatische, streng ausgesprochene
Kastengeist seit vielen Generationen in Fleisch und Blut übergegangen.
In die moderne Armee eintretend, fanden sich viele Samurai plötzlich
ihren einstigen Untergebenen untergeordnet. Anscheinend war dies ein
geradezu unübersteigbares Hindernis für die Disziplin des Heeres. Die
übergroße, für europäische Augen geradezu lächerliche Höflichkeit der
alten Zeit ist bis auf den heutigen Tag in Japan allgemein wahrnehmbar.
Unter Männern verschiedener, nie gleicher Stellung herrscht ein
fortwährendes Verbeugen und Komplimentieren, der Untergebene wirft sich
vor dem Höheren bei Besuchen in seinem Hause auf die Knie und berührt
mit der Stirn den Boden. Gestern that er es noch und heute, nachdem
er den Soldatenrock angezogen, soll er stramm und steif vor demselben
Höheren dastehen und möglicherweise ihm scharf ins Auge blicken.
Gestern bestand seine einzige Kleidung in einem losen, an den Hüften
umgürteten Schlafrock, dem Kimono, und einem Paar Schlappschuhen oder
Strohpantoffeln. Hals und Brust, Arme und Beine waren bloß. Heute hat
er die stramme Militäruniform zu tragen mit dem beengenden Halskragen
und den vielen, ihm vollständig ungewohnten, ja sogar unbekannten
Knöpfen; statt des leichten Strohhutes muß er den schweren Tschako,
statt des kleinen Fächers das Gewehr, statt der Strohpantoffel die
schlimmsten Marterinstrumente der Japaner, Röhrenstiefel, anziehen, in
denen er sich fühlen muß wie in den spanischen Stiefeln der Inquisition.
Gestern schlüpfte er beim Betreten eines Hauses aus seinen
Strohpantoffeln und betrat die schönen reinen, teppichgleichen Matten
mit bloßen Füßen oder in Strümpfen. Heute wird nun gerade das
Gegenteil von dem Soldat gewordenen Japaner verlangt: er darf seine
Stiefel nicht ausziehen, wenn er Wohnräume betritt. Gestern waren ihm
Tische und Stühle unbekannte Dinge. Er saß und lag und aß auf dem
Boden. Heute muß er auf Betten liegen, auf Stühlen sitzen, an Tischen
seine Mahlzeiten einnehmen.
Diese wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen, daß der Japaner beim
Eintritt in die Armee seine ganze bisherige Lebensweise, ja sein
Japanertum aufgeben muß, und es kann der japanischen Armee deshalb kein
größeres Kompliment gemacht werden, als wenn gesagt wird, daß sie sich
diesen ihr fremden, steifen, ja geradezu abstoßenden Vorschriften ohne
Murren fügte und daß Insubordination nur selten vorkommt. Wie ich von
europäischen Offizieren in Japan erfuhr, sind in den Kasernen gar keine
Arrestlokale vorhanden; die wenigen, die hie und da zu finden sind,
stehen meistens leer. Die Leute gewöhnen sich überraschend schnell an
die europäisch-militärische Erziehung, sie lernen rasch und sehen in
den reinlich gehaltenen, gut sitzenden Uniformen ganz martialisch aus.
Diese Thatsachen sind viel überraschender als das Vorhandensein der
europäischen Militäreinrichtungen selbst. Die letzteren wurden einfach
mit affenartiger Leichtigkeit und Genauigkeit Europa abgelernt. Die
Japaner schickten zahlreiche Offiziere und Techniker nach Europa, wo
ihnen mit etwas zu weit gehender Liebenswürdigkeit Thüren und Thore
geöffnet wurden; sie beriefen Offiziere aus den europäischen Armeen,
Ingenieure und Werkleute aus den europäischen Arsenalen, erwarben
europäische Waffen, Gewehre, Geschütze, Ausrüstungsgegenstände,
Maschinen und dergleichen, aber diese letzteren wurden nicht etwa in
der erforderlichen Zahl bezogen, sondern nur als Modelle, um darnach
andere in Japan selbst herzustellen. Die Europäer zeigten ihnen das
Wie, und als die Japaner ihnen alles genau abgeguckt hatten, gab man
den Europäern den Laufpaß. Selbst mit den Patenten wurde weitgehender
Mißbrauch getrieben; man veränderte nur irgend einen Bestandteil
und gab dann den betreffenden Gegenstand als eigene Erfindung aus.
So z. B. ist die Infanterie mit Hinterladergewehren System Murata
bewaffnet, die nichts anderes sind als französische Grasgewehre, von
dem findigen japanischen Oberst Murata etwas verändert. Dank diesem
recht fragwürdigen Vorgehen findet man heute in Tokio ein Arsenal,
das vollständig den europäischen Waffenfabriken nachgemacht ist, und
das von den Japanern mit so viel Stolz gezeigte Arsenal in Osaka ist
im ganzen wie in allen Details eine verkleinerte Kopie des Arsenals
von Woolwich; dieselbe Einteilung, dieselben Maschinen, dieselbe
Arbeit, nur daß sich die guten Japaner aus anderen Arsenalen die
modernsten Erfindungen und Verbesserungen absahen oder vielmehr
abstahlen und in Osaka zur Anwendung brachten. Der Europäer aber, der
diese Kriegswerkstätten, diese Militärschulen und Akademien, diese
Kasernen und militärischen Einrichtungen besichtigt, wird von den
stolzen Japanern mit dem Zaunpfahl eingeladen, alles rückhaltlos zu
bewundern, und sie sind höchst ungehalten, wenn man ihnen vorwirft, daß
das alles andere, nur nicht japanisch ist. Dank der Nachsicht und dem
Entgegenkommen der europäischen Militärbehörden ist es den Japanern
gelungen, diese letzteren und damit auch die europäischen Industrien
über den Löffel zu barbieren. Mit diesen geborgten Einrichtungen haben
die Japaner nun ein vortreffliches Heer geschaffen, das auf allgemeiner
Wehrpflicht fußt. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Lebensjahre ist
jeder Japaner auf Grund der 1889 etwas umgeänderten Militärgesetze des
Jahres 1872 wehrpflichtig. Die Armee besteht aus dem stehenden Heere,
der ersten Reserve, der zweiten Reserve und der Territorialarmee. In
dem stehenden Heere beträgt die Dienstzeit drei Jahre, in der ersten
und zweiten Reserve vier Jahre und in der Territorialarmee fünf Jahre.
Die letztere wird nur im Kriegsfalle einberufen, die erste und zweite
Reserve nur während sechzig Tagen im Jahre.
Nun beträgt die festgesetzte Friedensstärke der Armee auf dem Papier
etwa 70000, in Wirklichkeit aber nur 40000 Mann. Bei einer Bevölkerung
von 41 Millionen Seelen werden jedoch im Jahre über 200000 junge Leute
dienstpflichtig. Was geschieht mit den Ueberzähligen?
Vor allem wurde das System der Einjährig-Freiwilligen ganz nach
deutschem Muster eingeführt; ferner werden vom aktiven Militärdienst
ausgenommen: Personen, die unter 4 Fuß 11½ Zoll groß sind, und das
scheidet bei der kleinen Körperstatur der Japaner schon einen ganz
beträchtlichen Prozentsatz der Rekruten aus.
Ebenso sind vom aktiven Dienste befreit: Familienhäupter, Priester,
Lehrer und Schüler der von der Regierung anerkannten Bildungsanstalten,
Aerzte und Regierungsbeamte, deren Dienst nicht von Stellvertretern
besorgt werden kann; einer von zwei gleichzeitig einberufenen Brüdern
oder ein Mann, dessen Bruder dient oder der einen Bruder im aktiven
Dienste verloren hat.
Diese Ausnahmen erreichen im Jahre durchschnittlich vierzig Prozent
der Stellungspflichtigen, da aber noch immer nahezu dreimal so viel
Rekruten als erforderlich zur Verfügung bleiben, so wird eine durch das
Los bestimmte Anzahl nur für ein Jahr dem aktiven Dienste einverleibt
und dann in die erste Reserve versetzt.
Der Oberstkommandierende der Armee ist der Kaiser, dem als
Generalstabschef der Marquis Oyama zur Seite steht und der
gewissermaßen als Armeechef anzusehen ist. Die Organisation und
Verwaltung der Armee untersteht dem Kriegsministerium. Die stehende
Armee ist in 12 Divisionen eingeteilt, deren Hauptquartier in
verschiedenen Hauptstädten des Inselreiches liegt. Jede Division
besteht aus 2 Infanteriebrigaden, 1 Kavallerie- und einem
Feldartillerie-Regiment, dann je 1 Genie- und Trainbataillon;
jede Brigade aus 2 Infanterieregimentern zu 3 Bataillonen mit je
4 Kompagnien. Ein Infanterieregiment besteht aus 1 Oberst oder
Oberstleutnant, 4 Majoren (von denen einer im Stabe), 1 Adjutanten, 12
Hauptleuten als Kompagniechefs, 27 Leutnants, von denen je 2 in einer
Kompagnie und 3 im Stabe, 25 Fähnrichen, 15 Feldwebeln, 82 Gunso oder
Obersergeanten, 48 Sergeanten, 192 Korporalen, 432 Soldaten erster
und 816 Soldaten zweiter Klasse. Hierzu kommen 65 Nichtkombattanten,
darunter Zahlmeister, Aerzte, Krankenpfleger, Rüstmeister, Handwerker
und dergleichen und 14 Pferde, zusammen also 1720 Mann und 14 Pferde.
Im Kriege wird das Regiment auf 2880 Mann gebracht.
Ein Kavallerieregiment besteht aus 3 Schwadronen mit je 159 Offizieren
und Soldaten und 135 Pferden, in Kriegsstärke mit 189 Mann und 145
Pferden. Die Artillerie ist in Brigaden zu je 2 Batterien mit 4
Geschützen eingeteilt, und jede Brigade besteht in Kriegsstärke aus 10
Offizieren und 326 Mann mit 12 Geschützen und 258 Pferden.