In rascher Folge kommen die Kurumas, gezogen von flinken,

strammbeinigen Kulis, angefahren und entladen ihre Insassen,

europäische Diplomaten und Offiziere, japanische Minister, Aristokraten

und Beamte, reizende buntgekleidete Musmis, Frauen in jedem Alter,

alle in das japanische Nationalgewand, den Kimono, gehüllt, alle

mit Blumen und schönen Nadeln im Haar, den Fächer in der einen,

den bunten Sonnenschirm in der andern Hand. Vor dem Eingang zu dem

Shintomiza-Theater, dem vornehmsten von Tokio, ein Gedränge wie selten.

Aber obschon Hunderte derselben Pforte zustreben, giebt es doch kein

Drücken und Stoßen; mit der größten Höflichkeit machen die kleinen

japanischen Menschlein einander Platz, verneigen sich tief voreinander,

lächeln und entschuldigen sich mit vielen Worten. Man sieht, es ist die

vornehme Welt der Hauptstadt, die sich heute hier Rendezvous gegeben

hat. Unter Bücklingen überreichen die eleganten Damen dem Garderobier

ihre Strohsandalen und Holzschuhe, nehmen unter Bücklingen dafür ihre

hölzerne Garderobenummer in Empfang und betreten in ihren weißen

Strümpfen das Innere des Theaters, um in den einzelnen Logen auf dem

Boden Platz zu nehmen. Auch wir haben uns schon vor einigen Tagen eine

Loge gesichert.

Die Vorstellung hat schon längst begonnen; wenn wir, und mit uns

so zahlreiche Japaner der besten Stände, erst jetzt unsere Plätze

einnehmen, so geschieht es deshalb, weil für diese Nachmittagsstunden

das Auftreten des berühmtesten Schauspielers Japans, Danjuro,

angekündigt war. Die ganzen, frühmorgens beginnenden, spät abends

endigenden Vorstellungen mitzumachen, ist nur die Sache der mittleren

und unteren Volksklassen Japans, für diese beginnen die tagelangen

Aufführungen niemals früh genug und hören niemals spät genug auf.

Glücklicherweise wird es nach den ersten Vorstellungen bald bekannt,

um welche Stunde die besten Kräfte auftreten, die aufregendsten Scenen

stattfinden, und dann pflegen die Theater zum Erdrücken gefüllt zu

sein. Rechts und links von uns in den Balkonlogen, unter uns in den

viereckigen Logenabteilungen des Parketts sitzen die Besucher, der

größeren Zahl nach dem weiblichen Geschlecht angehörend, ausgestreckt

auf dem Boden oder den Knien liegend, hocken in den verschiedensten

Stellungen, essend, trinkend, rauchend; die verschiedenfarbigen,

faltenreichen Gewänder, die Blumen in den Haaren, die Hunderte bunter,

fortwährend bewegter Fächer vereinigen sich zu einem fremdartigen,

malerischen Bilde. Aller Augen sind unverwandt auf die Bühne gerichtet,

und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit sehen sie den Scenen zu, die

sie möglicherweise schon hundertmal gesehen haben und an denen dieses

liebenswürdigste und genügsamste Theaterpublikum aller Länder immer

wieder neuen Gefallen findet.

Dort oben auf der Bühne wird eben eines der Paradestücke Danjuros

aufgeführt. Er selbst spielt gerade einen bejahrten Daimio aus der

alten ritterlichen Zeit des japanischen Reiches; in die prachtvollsten

goldgestickten Gewänder gehüllt, sitzt er starr und stumm auf dem

Boden und kümmert sich nicht um die beiden Frauen, die, ebenfalls in

herrlichen Kostümen, neben ihm kauern. Sie schluchzen und jammern und

klagen, Thränen rollen über ihre Wangen und benetzen einen Gegenstand,

den sie einander abwechselnd reichen und mit dem Ausdruck des höchsten

Schmerzes an ihre Brust drücken. Bei genauerer Betrachtung sehe ich

zu meinem Entsetzen, daß dies ein blutender Menschenkopf ist. „Mein

Sohn, mein armer Sohn!” klagt fortwährend die ältere der beiden Frauen.

„Mein Gatte!” ruft schluchzend die andere. Der Daimio zwischen beiden

verzieht aber keine Muskel seines Gesichts. Kalt und teilnahmlos läßt

er den Blick über das blutende Haupt seines einzigen Sohnes gleiten,

des letzten Sprossen seiner Familie, der im Kampfe gegen die Armee des

Mikado gefallen war. Auf ein stummes Zeichen von ihm entfernen sich die

beiden Frauen.

Nun erhebt sich der Greis mühsam vom Boden und wendet sich langsam

herum, um zu sehen, ob er wirklich allein sei. Niemand ist da, um Zeuge

seines Schmerzes zu sein. Er atmet hoch auf und wirft sich plötzlich

mit einer unnachahmlichen Gebärde der Verzweiflung über den am Boden

liegenden Kopf. Sein ganzer Körper zittert, sein Greisengesicht ist in

Thränen gebadet, während er das blutende Haupt mit dem wirren Haar und

den verglasten Augen mit beiden Händen erfaßt und weit von sich haltend

lange betrachtet; dann drückt er es an seine Brust und seine Wangen,

verharrt eine Zeit lang in dieser Stellung und sinkt plötzlich wie

leblos zu Boden, während das Haupt aus seinen Händen kollert.

Allmählich kehrt das Leben in den Körper des Greises zurück, er erhebt

sich, seine Augen blicken teilnahmlos und verwundert umher, als

suchte er sich die letzten Momente ins Gedächtnis zurückzurufen, dann

zeigt eine schmerzliche Verzerrung seiner Gesichtsmuskeln, daß er das

Bewußtsein seines entsetzlichen Unglücks wiedererlangt hat. Ein tiefer

Seufzer entflieht seiner Brust, sein Gesichtsausdruck wird ruhiger, ja

es hat den Anschein, als wäre es auch mit seiner Trauer vorbei. Nun

zieht er langsam sein Schwert aus der Scheide und legt es neben sich

auf den Boden; sorgfältig, bedächtig löst er Stück für Stück von seiner

Kriegerrüstung; dann öffnet er die seidenen Untergewänder, läßt sich

auf den Boden nieder, nimmt das Schwert und schlitzt sich damit den

Leib auf. Das Blut entquillt der klaffenden Wunde, der entseelte Körper

fällt zusammen, der alte Daimio hat Harakiri begangen.

Damit schließt das erste Stück, an welchem Danjuro teilnimmt, der

Vorhang fällt, und erleichtert atmen alle auf. Nun begreife ich den

Ruhm des japanischen Salvini, der seit nahezu fünfzig Jahren die

Japaner entzückt und begeistert, gerade so wie vor ihm sein Vater,

sein Großvater und so fort bis zurück in die neunte Generation vor

ihm, eine ganze Dynastie von Danjuros, ein Schauspieleradel, der auf

neun Ahnen zurückblicken kann. Mit dem Leben haben diese letzteren ihm

auch ihre hohe Kunst eingeflößt, sie haben ihn in die Traditionen des

alten klassischen Schauspiels eingeweiht; von Vater auf Sohn sind die

Sitten und Gebräuche der ritterlichen Feudalzeit bis aus die Gegenwart

herabgekommen und mit ihnen auch die alten Kostüme und Trachten, die

Danjuro als die kostbarsten Erbstücke bewahrt und verehrt. In ihm ist

das alte Japan verkörpert, und die Japaner, die ihn sehen, sehen in ihm

ihre eigenen Vorfahren.

Nach kurzer Pause hebt sich der Vorhang wieder, und Danjuro, den wir

eben als alten Ritter bewundert haben, erscheint jetzt als alte Frau.

Mit staunenswerter Kunst hat er sein Gesicht in ein aristokratisches

Frauengesicht verwandelt und trägt das Frauenkostüm mit so viel Anmut,

daß man schwören könnte, eine Frau vor sich zu haben. Sie beweint und

beklagt den Tod ihres Gatten; ihr Sohn steht vor ihr, schmerzerfüllt

über den Verlust des Vaters und entschlossen, sich selbst den Tod zu

geben. Doch seine Mutter ruft ihm mit bewundernswertem Pathos die Worte

zu: „Hab ich dich dafür mit meiner Brust genährt? Ist das in der That

mein Sohn, der sterben will, ohne den Tod seines Vaters gerächt zu

haben?”

Der alte Liebling der Japaner interessierte mich in so hohem Grade,

daß ich mit Freuden den Antrag meines Dolmetschers annahm, das nächste

Stück auf der Bühne zuzubringen und den Künstler persönlich kennen zu

lernen. Aber gerade so wie in manchen anderen Ländern ist auch in Japan

der Künstler vor den Kulissen ein anderer als hinter den Kulissen,

und Danjuro ist ein ebenso eitler Geck wie viele seiner Kollegen in

den uns näher liegenden Ländern. Ja er treibt es mit seinem Ruhme

noch viel ärger. Ihn auf der Bühne oder in seinem Zimmer zu besuchen,

ist nämlich nicht etwa eine Auszeichnung, sondern ein einfaches

Geldgeschäft. Wie man zahlt, um in das Theater zu gehen, so zahlt man

in Japan noch einmal, um die Lieblingsschauspieler des Landes in ihrem

Toilettenzimmer zu sehen und von ihnen empfangen zu werden. Eine ganze

Menge von Bewunderern umstanden den Eingang zu Danjuros Garderobe,

und sein japanischer Impresario war gerade damit beschäftigt, ihnen

gegen Erlag eines mehr oder minder großen Lösegeldes ihre Hüte und

sonstigen Toilettegegenstände, die sie dem Schauspieler in ihrem

Enthusiasmus zugeschleudert hatten, wieder zurückzugeben. Andere hatten

Einlaß in das Heiligtum gefunden, und es war ergötzlich, die tiefen

Verbeugungen und Huldigungen zu sehen, mit denen sie Danjuro begrüßten.

Er selbst nahm diese mit anscheinend gleichgültiger Miene als etwas

Selbstverständliches entgegen. Allmählich wurde er freundlicher, und

als ihm einer seiner Verehrer vermutlich eine besondere Schmeichelei

gesagt hatte, ließ er sich so weit herab, ihn mit einer Nadel aus

seinem Haare zu beschenken; einigen Damen schrieb er seinen Namen

in schwungvollen Zügen auf den dargereichten Fächer, und schließlich

bereitete er sogar eigenhändig Thee zu und reichte den Damen die

kleinen gefüllten Schälchen dar.

Die Zeit verrann, die Besucher verließen die Bühne, und Danjuro mußte

daran denken, seine Toilette für das nächste Stück zu machen. Von

seinem Zimmerchen oberhalb der Bühne konnte er diese ganz übersehen,

und wie eine eigensinnige Primadonna begann er nun seine Anordnungen

herunterzuschreien; nichts schien ihm recht zu sein; nervös ließ

er sich dabei von drei oder vier unterthänigen Dienern die Kleider

ausziehen, schließlich nahm er vor einem großen Spiegel auf dem Boden

Platz, um sein Gesicht zu bemalen. Er sollte zunächst als japanische

Tänzerin auftreten, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit schuf er

sich mit einer wachsartigen Salbe eine andere Nase, malte sich neue

Augenbrauen, ließ sich Haar und Chignon zurechtrichten und schließlich

die wunderbarsten Kleider anlegen, die in großen Bambuskörben verwahrt

waren. Danjuros Garderobe hat nicht wenig zu seinem Ruhme beigetragen.

Er besitzt viele Dutzende der kostbarsten alten Kleider aus Brokaten

und anderen Stoffen, die in Bezug auf Qualität, Form und Zeichnung

geradezu einzig sind. Viele sind seit Generationen Erbstücke in

seiner Familie, nicht nur Theaterkleider, sondern wirkliche Rüstungen

und Hofkleider alter Fürsten, die seinen Vorfahren zum Geschenk

gemacht wurden und deshalb neben dem reellen auch historischen Wert

besitzen. Seine Waffen, Pfeifen, Fächer, Ornamente aller Art sind

wahre Prachtstücke, und mit Stolz zeigt er sie zuweilen selbst seinen

Günstlingen oder Schülern. Vor einigen Jahren wurde ein Teil dieser

Garderobe gestohlen. Die ganze Polizei von Tokio wurde aufgeboten,

und nach langen Nachforschungen gelangte man wieder in den Besitz

der gestohlenen Stücke. Als sie aber Danjuro gebracht wurden, wies

er sie stolz zurück; niemals, so äußerte er sich, würde er wieder

Kleidungsstücke anlegen, die durch die Hand von Dieben entweiht worden

wären.

[Illustration: Theaterstraße in Yokohama.]

Der alte Mime hatte die Vorstellung so lange aufgehalten, bis er

mit seiner Toilette fertig war, dafür war auch die Verwandlung in

eine jugendliche Tänzerin so vollkommen, daß ich Danjuro in dieser

niemals wiedererkannt hätte. Wir eilten nach unserer Loge zurück.

Eben geht der Vorhang, ein Geschenk des Königs Kalakaua von Hawai, in

die Höhe; ein halbes Dutzend Trommler erscheinen, gekleidet in die

herrlichsten, blumenbestickten Seidengewänder, Trommeln in der Form

von riesigen Sandgläsern auf dem Rücken, und kauern im Hintergrunde

der Bühne auf dem Boden nieder. Ihnen folgen ebensoviele Musiker mit

dem nationalen Musikinstrument der Japaner, dem Samisen, einer Art

Guitarre. Die Trommler schlagen auf ihre Felle, die Guitarrespieler

zupfen an ihren Samisensaiten, und Danjuro erscheint in geradezu

traumhaft schönen, überreichen Gewändern, feenhaft leicht und graziös,

das Vorbild eines japanischen Gaishamädchens. In der Mitte der Bühne

angekommen, führt der Greis, den wir schon als Daimio und als alte

Frau bewundert hatten, die berühmtesten Tänze der losen Gaishamädchen

auf, wobei es seinem hohen Alter allerdings sehr zu statten kam, daß

die japanischen Ballerinen ihre Tänze mit allen Teilen des Körpers,

nur nicht mit den Beinen ausführen, und daß diese letzteren den

Blicken des Publikums verborgen bleiben. Während unsere Ballettdamen

in Bezug auf die Dekolletierung die äußersten Grenzen des Möglichen zu

erreichen trachten, suchen ihre japanischen Kolleginnen im Gegenteil

so viel der kostbarsten Stoffe als nur möglich auf sich zu häufen

und jeden Körperteil, mit Ausnahme des Gesichtes, der Hände und der

Fußspitzen zu verbergen, die verkehrte Welt. Ein geistreicher Mann

hat einmal ganz richtig gesagt: „~La décense commence, où finit la

beauté!~” Das gilt aber nur für Europäerinnen; ihre japanischen

Schwestern haben das Wort „décence” nicht in ihrem Dictionnaire, denn

dieselben Gaishamädchen, die bei ihren Tänzen ein ganzes japanisches

Modemagazin auf ihr winziges Körperchen laden, baden vielleicht in

ihrem Heimatdorfe auf offener Straße ohne das geringste Feigenblatt.

Danjuro tanzt ein Viertelstündchen lang; dann springt ein

schwarzgekleideter Theaterdiener vor und hält eine Decke mit

ausgestreckten Armen derart vor den Tänzer, daß dieser den Blicken

des Publikums verborgen bleibt. Andere Diener mit schweren Kleidern

auf den Armen erscheinen, und auf der Bühne, während Trommelschlag,

Samisengezupfe und der miauende Gesang eines verborgenen Chors ertönen,

wechselt Danjuro seine Toilette. In dieser, womöglich noch schöneren,

führt er einen zweiten Tanz auf, ebenso graziös, aber ebenso monoton

wie der erste. Ein dritter und vierter folgt, und schließlich kommt

der Knalleffekt, das Auftreten der Damen Fukiko und Dschisuko, der

Töchter Danjuros, als Tänzerinnen in Gemeinschaft mit ihrem Vater. Für

die anwesenden Japaner mögen sie bewundernswerten Reiz und jugendliche

Anmut in noch höherem Grade besitzen als der Vater, uns Europäern sind

diese feinen Unterschiede nicht ganz verständlich. Unseren Begriffen

nach erreicht niemand den alten Danjuro in Gesichtsausdruck, in der

Klarheit und Deutlichkeit der Sprache, bei der jede einzelne Silbe,

jeder Laut seine Bedeutung hat und die so manchem unserer europäischen

Mimen als Muster dienen könnte, schließlich auch in der Pracht der

Kostüme, sowie in der Leichtigkeit und Natürlichkeit, mit welcher

Danjuro sie trägt.

Der alte Knabe nimmt in dem Shintomiza-Theater natürlich die erste

Stellung ein, und seine festen Bezüge sind die höchsten, die je

einem japanischen Schauspieler gezahlt wurden, dreitausend Yen, etwa

sechstausend Mark jährlich. Was mögen unsere Salvinis und Rossis, die

solche Summen für einen einzigen Abend erhalten, dazu sagen? Freilich

tritt Danjuro auch in anderen Theatern Tokios und der Provinzstädte

auf und verdient sich mit derlei Gastvorstellungen, mit Geschenken

und Unterricht vielleicht noch ebensoviel. Die jüngeren Schauspieler

spielen jahrelang ohne irgendwelche Bezüge in seiner Gesellschaft, nur

um von dem großen Meister zu lernen, ja sie zahlen für den Vorzug, mit

ihm auftreten zu können. Durch sie erhält sich auch auf der japanischen

Bühne die alte Ueberlieferung, auf die man im Reiche des Mikado noch

immer große Stücke hält, trotz des modernen Realismus, dessen Hauch mit

der europäischen Kultur auch zu diesen Antipoden gekommen ist und das

japanische Theater zu beeinflussen beginnt.

In seinem Privatleben ist Danjuro ein japanischer Gentleman, dessen

Hauptleidenschaft das Angeln ist. Danjuro ist übrigens nur ein

Theatername, der sich aus dem sechzehnten Jahrhundert von Vater auf

Sohn bis zum heutigen Träger vererbt hat. In Japan führen nämlich

merkwürdigerweise Maler, Schriftsteller und Schauspieler ebenso

angenommene Namen wie bei uns. Seinen Freunden ist Danjuro unter seinem

wirklichen Namen Horikoschi Schu bekannt.

Danjuro ist indessen nicht der einzige Repräsentant aus alten

japanischen Theaterfamilien; allerdings hat keiner eine so große

Zahl von Theaterahnen aufzuweisen wie er, aber doch giebt es einige

Schauspieler, in deren Adern Jahrhunderte altes blaues Komödiantenblut

rollt. So ist der nächst Danjuro beliebteste Schauspieler Genoske

der vierte seines Namens. Auch Sodansche, ein Vetter Danjuros, hat

mehrere Ahnen, aber dennoch werden selbst diese Schauspieler von

der guten Gesellschaft in Japan gemieden und stehen in einer Art

sozialem Bann, gerade so wie unsere eigenen Thaliajünger noch im

vorigen Jahrhundert. Mit den modernen Anschauungen, die heute in Japan

herrschen und immer mehr um sich greifen, dürften auch die Vorurteile

gegen die Schauspieler allmählich verschwinden; mit ihnen wird aber

auch die altjapanische klassische Bühnenkunst verschwinden, deren

hervorragendster Vertreter heute noch der alte Danjuro ist.

[Illustration: Gelegenheitsdichterin. Einübung eines Liedes.]

Litteratur und Zeitungswesen in Japan.

In früheren Zeiten brachte die japanische Litteratur manches Schöne zum

Vorschein; aber man würde weit vom Ziele schießen, wollte man annehmen,

sie hätte sich jemals auf der gleichen Stufe mit der japanischen Kunst

und Kunstindustrie befunden. Wohl reicht sie zurück in jene Zeiten,

als wir Germanen noch Barbaren waren, und hat Werke aufzuweisen, wie

das Koschiki, das aus dem Jahre 712, und das Nihondschi (japanische

Chronik), das aus dem Jahre 720 stammt, aber die Romandichtung hat

sich niemals auf besondere Höhe emporgeschwungen, und man würde gar

nicht fehlgehen, den Roman von Tamenaga Schunsui „Treu bis in den

Tod” nach unseren Begriffen als den besten zu bezeichnen, welchen

die japanische Litteratur besitzt. Er ist auch in Japan selbst der

populärste. Die ersten Dichtungen stammen aus dem elften Jahrhundert,

und merkwürdigerweise waren ihre Verfasser auch in den folgenden

Jahrhunderten bis auf die neuere Zeit hauptsächlich Damen. Griffis

sagt darüber: „Im Mittelalter war es ein Hauptzeitvertreib der

Hofgesellschaft, Gedichte zu schreiben und vorzutragen. Der Kaiser

selbst ehrte eine Dame oft dadurch, daß er ihr ein Thema für ein

Gedicht angab, und ein glücklicher Gedanke, eine wohlklingende Stanze

oder ein hübscher Vortrag genügten, die betreffende Dame zur Ehrendame

des Hofes, zur kaiserlichen Konkubine, ja selbst zur Kaiserin zu

machen. Ein anderes Vergnügen bestand darin, Geschichten zu schreiben

und vorzulesen, und so entstanden die Monogataris, aus welchen wir

das Hofleben Japans im zehnten und elften Jahrhundert kennen lernen;

die Edelleute und Edelfrauen der damaligen Zeit treten vor uns in

all ihrer Frivolität, aber auch mit all der Eleganz ihres damaligen,

in so aristokratischen Kreisen sich bewegenden Daseins.” Wir lernen

aus diesen Schriften ihr Denken, ihre Liebeständeleien, ihre ewigen

Mondlichtschwärmereien kennen, ebensogut wie die Gesellschaften, die

sie veranstalteten, und die Kleider, die sie bei solchen Gelegenheiten

trugen. Das erste aus jener romantischen Zeit stammende Buch ist ein

Märchen, Taketori monogatari, d. h. Die Erzählung vom Bambusflechter,

in welcher die Abenteuer eines Mädchens geschildert werden, das aus

dem Monde nach unserer Erde verbannt wurde. Das bedeutendste und

berühmteste Buch jener Zeit ist das Gendschi monogatari, von Murasaki

Schikibu, der Tochter des Daimio von Etschizen, im Jahre 1004 verfaßt.

Die schönste und reinste Sprache soll in ihren Dichtungen eine

Konkubine des Kaisers, Sei Schonagan, besessen haben, die ebenfalls

im elften Jahrhundert lebte. Die Männer schrieben damals und auch

noch in den späteren Jahrhunderten nicht das reine Japanisch, sondern

gebrauchten zahlreiche chinesische Ausdrücke, wie wir in unserem

Mittelalter Griechisch und Lateinisch gebrauchten. China war das

Griechenland von Ostasien; von dort stammten Wissen, Religion, Künste

und Litteratur; nur die Frauen pflegten die reine japanische Sprache;

einer der besten Kenner der japanischen Litteratur, W. G. Aston, sagt

darüber: „In der Geschichte der Litteratur steht die Thatsache einzig

da, daß der größte Teil der besten litterarischen Leistungen einer

Nation aus der besten Epoche das Werk von Frauen ist.”

Nach der Wiedereinsetzung des Mikado in die weltliche Gewalt war es

das Bestreben der leitenden Staatsmänner, die alten Traditionen wieder

aufzufrischen; einmal in jedem Jahre, gewöhnlich im Januar, wird ein

Thema zur poetischen Bearbeitung ausgeschrieben, und die ganze Nation

kann an diesem Preisdichten teilnehmen. Auch der Kaiser, die Kaiserin

und die höchsten Würdenträger senden ihre Arbeiten ein, die durchweg

aus einunddreißig Silben in fünf Zeilen zu bestehen haben. 1889 war

das Thema: Gebet für die Dynastie in einem Shintotempel, 1890 war es:

Patriotische Glückwünsche, 1891: Die Langlebigkeit des grünen Bambus

und dergleichen. Der bekannteste und gelesenste Novellist Japans ist

wohl Bakin (1767 bis 1848), dem die japanische Litteratur nicht weniger

als zweihundertneunzig Werke verdankt, darunter solche mit Dutzenden

von Bänden. Das bedeutendste Werk dieses fruchtbaren Dichters ist

Hakkenden, d. h. Die Geschichte von acht Hunden, in hundertundsechs

Bänden. Eines der hübschesten von Bakins Büchern heißt „Die Gefangenen

der Liebe” und wurde ganz kürzlich von einem Amerikaner, Edward Grey,

ins Englische übersetzt. Glücklicherweise hat der Uebersetzer die

Eigentümlichkeiten der japanischen Ausdrucksweise so viel wie möglich

beibehalten, vor allem die steifen Höflichkeitsformeln, die sich so

anhören, als ginge die Sprache auf Stelzen. In den „Gefangenen der

Liebe” handelt es sich um zwei Samurai, die gegen die Ehre gesündigt

haben, und um einen Jägersmann, der sich gegen die Religion vergangen

hat, und nicht nur diese drei Personen, auch ihre Kinder werden dafür

vom Zorn des Himmels verfolgt. Der Jäger hatte dadurch, daß er wie ein

Priester betete, den heiligen Hirsch von fünf Farben in den Bereich

seines Bogens gelockt und durch einen gutgezielten Pfeil getötet. Die

beiden Samurai aber hatten ihren Daimio, Nitta Yoschisada, als dieser

mit einem schwachen Gefolge von einem dreitausend Streiter zählenden

Feind angegriffen wurde, nicht verteidigt, sondern waren feige geflohen.

Der ältere Samurai, Ritter Itara Tarago Takeyasu, trat in den Dienst

eines anderen Daimio und heiratete Haschibusa, die Maitresse eines

heruntergekommenen Priesters Namens Saikei, welcher der Sohn des

obenerwähnten Jägers ist. Haschibusa vergiftet ihren Gatten zufällig

dadurch, daß sie eine Eidechse in den Brunnen fallen läßt, aus dem der

Samurai seinen Theetopf füllt. Der jüngere Bruder des Samurai, Ritter

Itara Schiro-Schiro-Takeakira, schwört Rache, und in der Meinung, in

der Dunkelheit den Priester Saikei vor sich zu haben, schlägt er der

Witwe seines Bruders, Haschibusa, den Kopf ab. Er wird wegen Mordes

angeklagt und begeht Harakiri.

Die Frau des Jägers stirbt an demselben Tage, an welchem der Jäger

mit dem toten Hirsch von fünf Farben heimkehrt, und neun Jahre später

stirbt er selbst an Wasserscheu. Ebenso ereilte seinen Sohn ein

unnatürlicher Tod, und jeder, in dessen Besitz das Hirschfell gelangt,

geht elend zu Grunde. Nach vielen Abenteuern wird auch Saikei, der Sohn

des Jägers, von Taye, der Tochter des jüngeren Samurai, ermordet, und

die Geschichte hat damit ihr Ende.

Bakin hat in seine Erzählung auch übernatürliche Elemente

eingeflochten. Saikei hat einmal den Donner aus den Aesten eines Baumes

befreit, in welche sich dieser verfahren hatte. Dafür schützt ihn die

Frau des Donners eine Zeitlang vor den Verfolgungen der Taye; ja sie

läßt ihn sogar während einer zeitweiligen Erlahmung des Donners dessen

Platz in den Wolken einnehmen.

Sehr naiv sind die vielen Randbemerkungen, welche Bakin seiner

Erzählung beifügt. So sagt er vom Donner ganz ernstlich: „Die Erde ist

voll von Schwefel und Salpeter, die in Form von Dunst emporsteigen

und oben sich vereinigend zu Dampf werden, der die Eigenschaften von

Schießpulver hat. Wenn dieser Dampf sich der Sonnenhitze zu sehr

nähert, so entzündet er sich plötzlich, und die Explosion wird in der

ganzen Welt gehört.”

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 54 / 71 段