japanischen Kultur, die mit dem ganzen Wesen derselben verträglich
ist, ja ihrer malerischen Eigentümlichkeit ein neues, glänzendes
und erhaltendes Element zuführt. Im übrigen haben die Japaner ja
leider aus europäischen Fräcken und Schleppkleidern, Vatermördern
und Beinkleidern ein großes Leichentuch für ihre eigene, so ungemein
malerische Kultur zusammengenäht. Wer diese letztere in ihrer ganzen
Eigenheit, und so wie sie vor Jahrhunderten war, sehen will, muß
japanische Theater besuchen. Dort hat sie ihre letzte Zufluchtsstätte
gefunden, dort wird sie auch noch von den hochkonservativen
aristokratischen Elementen erhalten.
Das japanische Theater ist gar nicht so alt, als man bei einer für
asiatische Verhältnisse gewiß hohen und viele Jahrhunderte alten
Zivilisation anzunehmen geneigt wäre. Es entwickelte sich aus den
religiösen Gesängen und Tänzen, mit denen die buddhistischen Priester
in früheren Zeiten ihren Tempeldienst zu begleiten pflegten und wie
ich sie noch gelegentlich meiner eigenen Reise in den berühmten
Tempeln von Nikko und Nara vorfand. In ähnlicher Weise haben ja auch
die alten Griechen und Römer ihre Götter gefeiert, und dieser Kultus
hat sich sogar nach Spanien verpflanzt, wo der Ostertanz der Pagen
in der Kathedrale von Sevilla ein Ueberbleibsel des heidnischen
Götterdienstes sein dürfte. Die großen Feudalfürsten des alten Japan
ließen derlei Tänze und Gesänge an ihren Höfen zur Aufführung bringen;
allmählich legten sie den ersteren andere Handlungen unter, die sie
fast ausschließlich der japanischen Geschichte oder der Märchenwelt
entnahmen, und so entstand, dabei immer weltlicher werdend, das
japanische Theater von heute. Doch war es nur das gewöhnliche Volk,
das an diesen öffentlichen Darstellungen in öffentlichen, auch an die
alten Tempel gemahnenden Theatern Gefallen fand. Die Daimios (Fürsten)
hielten an den alten Traditionen fest und unterstützen sie auch noch
heute. In Tokio hatte ich Gelegenheit, mancher der traditionellen
Privatvorstellungen von alten No-Spielen beizuwohnen, die nur vor
geladenen Gästen der Aristokratie stattfinden und in denen Schauspieler
auftreten, die ihre Kunst gerade so wie ihre herrlichen, kostbaren
Kostüme von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben. Manche dieser
Schauspielerfamilien haben einen theatralischen Stammbaum von sechs
bis zehn Generationen aufzuweisen. Sie allein werden gesellschaftlich
geachtet und anerkannt. Die Schauspieler der gewöhnlichen öffentlichen
Theater aber waren bisher ebenso geächtet wie bei uns noch zur
Zeit der alten Neuberin. Sie wurden geradezu der Klasse der „Eta”
(Gesetzlose, Vogelfreie) beigezählt, und noch heute würde es in Japan
keinem Aristokraten, Offizier oder Beamten in den Sinn kommen, eines
der öffentlichen Theater zu betreten. Nur bei außergewöhnlichen
Gelegenheiten, etwa wenn der Lewinsky von Japan, Danjuro, auftritt,
oder bei Wohlthätigkeitsvorstellungen erscheinen sie, aber auch nur in
zwei oder drei der vornehmsten Theater der Hauptstadt. Der Mikado hat
noch niemals ein Theater besucht, und die einzigen Vorstellungen, die
er gesehen hat, sind alte klassische No-Stücke, die in seinem Palast
aufgeführt werden.
Das gewöhnliche Volk in Japan liebt die Theater über alle Maßen, ja ich
kenne unter den Völkern der Erde keines, das mit solcher Begeisterung
dem Theater ergeben wäre. Jede größere Stadt hat ihre Theater; Tokio,
Kioto und Osaka haben deren eine ganze Anzahl, und wer das japanische
Volksleben kennen lernen will, darf den Besuch der Theater, sowie die
gewöhnlich ungemein belebten Straßen, in denen sie gelegen sind, mit
ihren Theehäusern und Tingeltangeln aller Art nicht versäumen. Man
muß sich aber unter den japanischen Theatern nicht etwa solche nach
europäischem Muster vorstellen. Für den Japaner, der Europa besucht,
dürfte es kaum eine größere Ueberraschung geben, als wenn er die
glänzenden Räume unserer hauptstädtischen Opernhäuser betritt. Unsere
bescheidensten Provinztheater sind immer noch eleganter und vornehmer
in Bezug auf die Ausstattung sowohl wie auf die Masse der Besucher
als die schönsten japanischen Theater. Der Mehrzahl nach sind sie
große, leichtgebaute Bretterbuden, deren Zuschauerraum für drei- bis
fünfhundert Personen Platz bieten dürfte. Vor dem Eingange stehen
gewöhnlich acht bis zehn Meter lange Bambusstangen, gegen die Straße zu
geneigt, wie riesige Angelruten, und an diesen hängen blaue und rote,
mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen. Die amerikanische
Reklame mit ihren großen, bunt bemalten Affichen hat auch schon in
Japan ihren Einzug gefeiert, die Theaterfronten sind gewöhnlich mit
derlei Papierbogen ganz verklebt. An das Theater schließen sich in der
Regel zierliche Theehäuser mit halbverdeckten, lampiongeschmückten
Balkonen und Galerien an. Die Theaterstraßen der japanischen
Großstädte bestehen gewöhnlich nur aus derartigen Theehäusern,
Theatern und Schaubuden, in denen allerhand Zauber, ähnlich dem Wiener
Wurstlprater oder der Pariser Foire de Neuilly, gegen ein paar Pfennige
Eintrittsgeld zu sehen ist. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein
herrscht in diesen Straßen reges Leben, denn die Theater Japans sind
nicht nur des Abends geöffnet, die Vorstellungen dauern den ganzen
Tag über, und die Japaner, die sie besuchen wollen, nehmen Kind und
Kegel, ihre ganze Familie mit und bleiben den ganzen Tag im Theater.
Andere kommen nur für eine oder mehrere Stunden, um die wichtigsten
Scenen oder die beliebtesten Schauspieler zu sehen. Wird ein neues
Stück aufgeführt, so spricht es sich bald in der Stadt herum, welche
Stunde die sehenswertesten Akte vorkommen, und dann sind die Theater
gewöhnlich zum Erdrücken gefüllt. Die vielen Theehäuser mit ihren
Kellnerinnen und Gaishamädchen (Sängerinnen) tragen dazu bei, einen
dichten Menschenstrom durch die Theaterstraßen zu leiten, so daß dort
der Wagen- und Rickshawverkehr verboten ist. Die Theaterbesucher müssen
auch bei schlechtem Wetter ihre Rickshaws schon an der Straßenecke
verlassen und den Weg zum Theater zu Fuß zurücklegen.
Wohl befinden sich neben den einzelnen Theatern oder am Haupteingange
derselben auf der Straße Billetverkäufer, welche den Passanten gegen
Erlag weniger Cash ein mit Schriftzeichen bedecktes Holzplättchen
einhändigen; allein der Japaner, der für seine ganze Familie Platz
haben will, muß sich denselben tags vorher, bei Zugstücken sogar
schon mehrere Tage vorher sichern. Gewöhnlich vereinigt sich der
Theaterbesitzer mit dem Besitzer des benachbarten Theehauses; dieser
ist häufig sein Geldgeber und Kassierer, verkauft die Theaterplätze
gegen einen gewissen Prozentsatz und liefert den Theaterbesuchern
Speisen und Getränke. Wären die Theater nicht schon an den großen
Angelruten kenntlich, die sozusagen die Besucher von der Straße
fischen, so würden die Hunderte von Sandalen und Strohschuhen vor
den Theatergebäuden dieselben schon als solche kennzeichnen. Keinem
Japaner würde es einfallen, mit seinen Sandalen das Innere eines
Theaters zu betreten, ebensowenig wie einen Tempel, einen Kaufladen
oder sein eigenes Wohnhaus. Vor den Theatern stehen lange Gestelle,
auf denen in mehreren Reihen die ganze Theaterfront entlang die
plumpen, mit Stelzenstöckchen versehenen Holzsandalen oder Strohschuhe
paarweise aufgehängt sind. Am Eingang zieht der Besucher die Füße aus
seinen Sandalen und erhält für dieselben von dem Garderobier eine
entsprechende Nummer, auf einem kleinen Holzklotz verzeichnet.
Das Innere der japanischen Theater ist von jenem der unserigen
vollständig verschieden. Wohl giebt es eine Bühne mit Vorhang,
allein Seitenkulissen, Rampenlichter, Souffleurkasten, Schnürboden
und dergleichen fehlen. Dafür verlängert sich die Bühne auf beiden
Seiten in den Zuschauerraum hinein, und diese etwa zwei Meter breiten,
mannshohen Podien laufen, das Parkett zwischen sich einschließend,
bis an die hintere Wand des Zuschauerraumes. Von dort gelangen die
Schauspieler durch eigene, dem Publikum nicht zugängliche Korridore
wieder auf die Bühne zurück. Die Mehrzahl der Theater besitzt über dem
Parkett noch eine Galerie, und diese ist gerade so wie das erstere
ganz in Logen eingeteilt. Nur der kleine Raum hinter den Logen bis
zur Wand zeigt eine Reihe von Sitzbänken für die geringsten Klassen
des Theaterpublikums, und in manchen Theatern ist wohl eine, von den
übrigen Logen gesonderte Abteilung für europäische Besucher mit Stühlen
zum Sitzen versehen. Sonst giebt es in den Theatern keine Sitze, denn
das Publikum kauert auf dem Boden. Das ganze Parkett ist bis zu der
Rampe durch zwei Fuß hohe Bretterwände in viereckige Räume von etwa
vier Quadratmetern Fläche eingeteilt, und diese schachbrettartigen
Felder sind die Logen. Wird jemandem eine Loge in der Mitte des
Parketts zugewiesen, so muß er über die Abteilungsbretter und durch
eine Reihe anderer Logen steigen, um zu der seinigen zu gelangen.
Dort angekommen, ist er für den Tag ausschließlicher Besitzer des
vollständig kahlen Kastens. Will er Sitzmatten, Ecktischchen, Kohlen-
und Aschenkästchen, so muß er sie von den Angestellten eigens entlehnen
und erhält für jeden gezahlten Betrag eine entsprechende Quittung,
die auf Verlangen der Kontrolleure vorgewiesen werden muß, denn sonst
wird der Betrag nochmals abverlangt. Gewöhnlich versammeln sich die
Teilnehmer einer Theatre party oder einzelne Familien, welche Logen
reserviert haben, in den Morgenstunden im Theater und je vier nehmen in
einer Loge auf den Bambusmatten des Bodens Platz. In den Zwischenakten
kommen die Kellner und Kellnerinnen des Theehauses, um nach ihren
Wünschen zu fragen, Thee, Süßigkeiten, Früchte oder die bestellten
Mahlzeiten zu bringen. Ueberdies befinden sich im Theater selbst, nahe
dem Eingange, Stände mit Früchten, Tabak, Backwerk und Getränken aller
Art, so daß die Besucher tagsüber das Theater gar nicht zu verlassen
brauchen. Für die eigenen Familiendiener wird kein Eintrittsgeld
berechnet; häufig legen diese oder das Theehaus alle Beträge aus,
und am Schlusse der Vorstellung wird die Rechnung überreicht, die
in den besseren Theatern für eine Familie von vier Personen etwa
folgendermaßen lautet:
Eintrittsgeld 60 Sen
Loge 80 „
Matten und Kohlenkästchen 25 „
Bedienung 10 „
Thee und Süßigkeiten 25 „
Früchte 25 „
Fische und Reis 25 „
Theehausrechnung 50 „
Trinkgeld für die Dienerschaft 20 „
------------------
zusammen 3 Yen 20 Sen (etwa 6½ Mark).
So bleiben denn die Theaterbesucher den ganzen Tag über im Theater,
und für den Fremden bilden die einzelnen Logen mit ihren Insassen
ebensoviele Schaubühnen, durch die er das Leben und Treiben der Japaner
viel besser kennen lernt als auf der wirklichen Bühne. Die Mehrzahl der
Besucher sind gewöhnlich Frauen und Mädchen. Mit ihren Kindern, mit
Kopfkissen, Päckchen, Papiertüten, Pfeifen, Tabaksbeuteln, Theekannen
treffen sie im Theater ein und machen es sich in ihrer Loge bequem.
Die Kinder werden vor ihnen auf den Boden gebettet, der Aschenbehälter
mit den glimmenden Kohlen steht zwischen ihnen, sie stecken sich ihre
winzigen Pfeifchen an und kauern auf den Boden nieder. In dieser für
Europäer unbequemen und ermüdenden Stellung verharren sie stundenlang;
es war mir in Japan immer ein Rätsel, wie die zarten Frauen und Mädchen
ihre Kniebeuge so lange aushalten konnten. Zeitweilig strecken sie sich
ganz auf die Matten nieder, legen den Arm unter den Kopf und schlafen.
Oder sie geben den schreienden Kindern in recht ungenierter Weise die
Brust, rauchen dabei ihr Pfeifchen, knabbern an Zuckersachen, schlürfen
Thee und fächeln sich Kühlung zu. Jeder Japanerin ebenso wie jedem
Japaner sind Fächer und Pfeifchen ganz unentbehrliche Dinge; einer oder
der andere dieser Gegenstände ist stets in ihren Händen.
[Illustration: Im Hausgarten mit Holzschuhen.]
[Illustration: Vor dem Familienschatz.]
Während der Vorstellung lauschen die Theaterbesucher andächtig den
Ausführungen der Schauspieler, wälzen sich vor Lachen über den
geringsten Scherz, vergießen Thränen bei jeder ernsten Scene, schaudern
und gruseln bei Hinrichtungen und Selbstmorden, die auf der japanischen
Bühne eine große Rolle spielen und mit allen blutigen Einzelheiten
ungemein realistisch dargestellt werden. Fällt der Vorhang, dann geht
der Lärm los. Die Hälfte der Anwesenden erhebt sich und eilt, über die
Logenwände kletternd, zwischen den Insassen der Logen hindurch dem
Ausgange oder den Büffettbuden zu; anderseits erscheinen wieder ein
paar Dutzend Aufwärter oder Theehausmädchen, welche dampfende Schüsseln
und Theetöpfe durch die verschiedenen Logen tragen; die Kinder klettern
aus einer Loge in die andere, oder wohl gar auf die Bühne hinauf und
tummeln sich dort lachend und schäkernd herum; mitunter steigen ganze
Familien auf die Bühne, um vor dem Vorhang ihre Mahlzeiten einzunehmen;
die in den Logen Zurückgebliebenen müssen sich in acht nehmen, daß
ihnen nicht ihre Zehen abgetreten werden; ich mußte häufig ebensosehr
die Geduld wie die Höflichkeit bewundern, mit der die japanischen Damen
alle diese fremden Menschen, Besucher, Aufwärter, Kinder in ihren
Logen und mitten zwischen sich hindurch umhersteigen ließen. Nicht ein
finsteres Gesicht, nicht eine Gebärde des Unwillens oder der Ungeduld;
lächelnd verneigen sie sich vor den Kellnern, lächelnd spielen sie
mit den fremden Kindern, lächeln müssen sie bei allen Gelegenheiten.
Dort zieht eine hübsche Musme aus den Aermeln ihres vorne offenen, den
Busen entblößenden Kimono ein kleines Spiegelchen hervor, kramt aus
den Tiefen der sackartigen Aermel Kamm, Puderbüchse, Lippenschminke
und sonstige Toiletteartikel hervor und hantiert angesichts der ganzen
Versammlung mit diesen Dingerchen. Allmählich kehren die Theatergäste
wieder auf ihre Plätze zurück, von der Bühne ertönen drei dumpfe
Schläge, ähnlich jenen, mit welchen auf den französischen Theatern
der Beginn angezeigt wird; der Vorhang wird in die Höhe oder nach den
Seiten zurückgezogen, und der nächste Akt beginnt.
Von Akten kann eigentlich keine Rede sein, ebensowenig wie von
Tragödien, Lustspielen und Dramen nach europäischem Muster. Die
Darstellungen, welche, wie bemerkt, morgens beginnen und spät abends
endigen, beziehen sich gewöhnlich auf geschichtliche Ereignisse oder
sind Märchen, Sagen und Romanen der alten Japaner entnommen. Auch
giebt es keine eigene Theaterlitteratur. Als ich in Tokio einmal durch
meinen Dolmetsch den Theaterunternehmer nach dem Verfasser des eben
zur Ausführung gelangenden Stückes fragte, that er sehr verwundert
und wußte nicht, was er antworten sollte. Erst als ich ihm meine
Frage näher erklärte, erfuhr ich von ihm, daß an den japanischen
Theaterstücken Direktor, Schauspieler, Theatermaler, Maschinisten, ja
selbst das Publikum mitarbeiten. Irgend ein Märchen, eine Erzählung
oder eine in den Zeitungen berichtete Begebenheit wird zum Vorwurf
genommen, die Schauspieler arbeiten ihre Rollen selbst aus, jeder gute
Einfall, der von irgendwelcher Seite kommen mag, wird bereitwilligst
verwendet, und so entsteht allmählich das Stück, das aber während der
ersten sechs oder acht Aufführungen täglich verändert und verbessert
wird. Selbst später noch extemporieren die Schauspieler ganz nach
Belieben, Scenen werden versetzt oder ganz weggelassen, und nur bei
historischen Begebenheiten befleißigt man sich möglichster Treue in den
geringsten Einzelheiten.
Mit Ausnahme von einigen der vornehmsten Theater, vor allem des
Shintomiza-Theaters in Tokio, sind die scenischen Einrichtungen noch
ganz so primitiv wie zu Shakespeares Zeiten in Europa, ja, wie sie
Shakespeare selbst in seinem Sommernachtstraum verspottet hat. Für
Interieurs bleibt die Bühne vollständig kahl. Eine Mauer mit einem
Thor wird dadurch angezeigt, daß man in der Mitte der Bühne ein Thor
aufstellt, und es bleibt der Einbildung des Publikums überlassen,
sich zu beiden Seiten die hohe Mauer dazu zu denken. Die Schauspieler
dürfen nur das Thor benutzen und nicht wissen, was jenseits desselben
vorgeht; Theehäuser werden dargestellt, indem man ein paar Lampions
mit der Inschrift „Theehaus” auf den Boden steckt. Gärten werden durch
natürliche Pflanzen dargestellt. In den ersten Theatern Tokios hat man
neben einer Menge anderer europäischer Einrichtungen auch schon gemalte
Dekorationen, elektrische Beleuchtung und dergleichen angenommen, und
besonders in dem vorerwähnten Shintomiza-Theater werden ganz hübsche
scenische Effekte erzielt. Sonst beschränkt sich der theatralische
Pomp fast ausschließlich auf die Kostüme der Schauspieler, deren
Garderobe viele historische Waffen, Rüstungen, Mäntel und dergleichen
von bedeutendem Wert enthält. Häufig bekommen beliebte Schauspieler
derlei Gegenstände von aristokratischen Familien zum Geschenk. Die
Schauspieler haben aber auch bessere Gelegenheit als bei uns, diese
Prachtgegenstände aus nächster Nähe bewundern zu lassen, denn sie
treten nicht nur auf der Bühne selbst auf, sondern benutzen zu ihrem
Kommen und Abgehen die vorgenannten Estraden, auf denen sie langsam
und feierlich mitten durch das Publikum schreiten. Zudem ist es
gang und gäbe, den Schauspielern in ihren Ankleidezimmern Besuche
abzustatten, wobei man ihnen gewöhnlich allerhand kleine Geschenke
überreicht. Auch noch auf andere Weise kommen sie in die Lage, kleine
Privatmuseen anzulegen oder sich durch Geldgeschenke zu bereichern,
denn beliebte Schauspieler werden in Japan vom Publikum noch viel mehr
verhätschelt als bei uns. Die beiden durch das Auditorium führenden
Estraden heißen Hans mischi, d. h. „blumige Wege”, weil man den
Lieblingen des Publikums dort vor ihrem Auftreten Blumen streut. Haben
sie das Publikum zu besonderer Begeisterung hingerissen, so wird diese
häufig in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht, wie ich es bei den
Stiergefechten in Spanien gesehen habe. Hüte, Schirme, Fächer, Pfeifen,
Toiletteartikel aller Art werden dem abgehenden Schauspieler von zarten
Händen zugeworfen, gerade wie einem siegreichen Torero, und diese
Gegenstände werden dann in seiner Garderobe von den Eigentümern durch
Bargeld oder andere Gegenstände wieder eingelöst.
Ob die Schauspieler diese Huldigungen nach unseren europäischen
Begriffen verdienen, ist eine andere Frage. Der Mehrzahl der
europäischen Besucher kommen diese Vorstellungen ungemein gekünstelt,
unnatürlich und langweilig vor. Der ersten Vorstellung in einem
japanischen Theater wohnt man gewöhnlich mit Interesse bei, aber
damit ist der Reiz des Neuen und Ungewöhnten erschöpft, und wenige
lassen sich verleiten, eine zweite zu besuchen. Nach meinen eigenen
Erfahrungen halte ich das für unrichtig, denn erst, wenn man sich
durch mehrmaligen Besuch an die Eigentümlichkeiten der dramatischen
Kunst in Japan gewöhnt hat, kann man die Vorzüge der Darstellung
beurteilen. Die Tradition scheint von den darstellenden Künstlern in
Japan zu verlangen, daß sie auf der Bühne das Gegenteil des Natürlichen
thun; ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Thun und
Lassen sind eher Zerrbilder der Wirklichkeit, aber auch darin liegt
eine Kunst, die gelernt werden muß. In Bezug auf das Mienenspiel und
den Gesichtsausdruck leisten die japanischen Schauspieler mitunter
Großartiges, und da es bis vor wenigen Jahren in den hauptstädtischen
Theatern an Rampenlichtern gefehlt hat, ließen sich die Schauspieler
während der Handlung auf der Bühne durch schwarzgekleidete Diener
begleiten, welche Lampions trugen, die an der Spitze von Bambusstäben
hingen und den Schauspielern vor die Nase gehalten wurden, damit
ihr Gebärdenspiel im wahren Sinne des Wortes in das richtige Licht
gesetzt werde. Neben den Schauspielern befinden sich übrigens immer
Diener auf der Bühne, um ihnen die Kostüme und die Frisur während
der Handlung zurecht zu zupfen, Gerätschaften herbeizutragen, die
Scenerie zu versetzen und dergleichen. Es wird dabei stillschweigend
angenommen, daß diese Diener für das Publikum unsichtbar sind. Der
Souffleur befindet sich ebenfalls auf der Bühne; zuweilen sitzt er an
einem Tischchen an der Seite und erzählt mit unnatürlicher Stimme den
Lauf der Handlung, oder preist die Kunst der Schauspieler oder singt,
begleitet von einem Orchester, das in einem Bambuskäfig zu Rechten der
Bühne auf dem Boden hockt und im Trommeln, Guitarrezupfen, Pauken- und
Lärmschlagen Großartiges leistet. Am meisten pflegt sich dabei ein
Musiker auszuzeichnen, der zwei kurze Holzstäbe in mehr oder minder
rascher Folge aneinanderschlägt, je nachdem es die Handlung verlangt.
Während die Japaner sich mit diesen und anderen Einrichtungen an die
Seltsamkeiten des Theaterwesens anlehnen, wie ich es in China, Siam
und Java kennen gelernt habe, sind sie in einer Hinsicht sogar den
Europäern vorangeeilt. Vor einigen Jahren besuchte ich in Neuyork das
Madison Square-Theater und sah dort eine eben erfundene Einrichtung,
welche es gestattete, auf offener Scene einen vollständigen
Dekorationswechsel in weniger als einer Minute auszuführen. Unterhalb
der eigentlichen Bühne befand sich eine zweite gleich große. Während
auf der ersteren gespielt wurde, setzten die Bühnenarbeiter auf der
zweiten unteren die nächstfolgende Scene. Auf ein gegebenes Zeichen
wurde eine sinnreiche Maschinerie in Thätigkeit gesetzt. Die obere
Bühne verschwand im Schnürboden, die untere trat an ihre Stelle, ein
Zwischenakt war erspart. Diese amerikanische Erfindung war in Japan
schon längst im allgemeinen Gebrauch, nur daß die beiden Bühnen nicht
übereinander, sondern hintereinander liegen. Durch eine einfache
Vorrichtung wird der ganze Bühnenapparat, ähnlich wie die Drehscheibe
bei Eisenbahnen, um eine vertikale Achse gedreht, die vordere Bühne
kommt nach hinten, die hintere mit ganz verschiedener Scene nach vorne,
und das Spiel wird ohne Unterbrechung fortgesetzt.
Die Annahme europäischer Sitten und Gebräuche in so vielen
Berufszweigen ist auch nicht ohne Einfluß auf das Theater geblieben.
Man verlangt Darstellungen, die dem modernen Leben entnommen sind, man
verkürzt ihre Dauer und verwendet immer mehr die freien Abendstunden
für den Theaterbesuch. In Tokio hat man begonnen, unsere modernen
Theatereinrichtungen anzunehmen, und nun sollen, wie eingangs erwähnt,
auch die Frauen als Darsteller zugelassen werden. Um den Theaterbesuch
so rege als möglich zu gestalten, werden an jedem Tage eine Anzahl
kleinerer Stücke aufgeführt, und zwar pflegen die Direktoren zwischen
historischen Darstellungen und Tragödien Possen und Balletvorstellungen
einzuschieben. Die Billets können für jedes einzelne Stück gelöst
werden, ähnlich wie es in den Zarzuela-Theatern in Spanien der Fall
ist. Nur Oper und Operette fehlen in Japan noch gänzlich, und es wird
kaum innerhalb eines Menschenalters dazu kommen, daß die Japaner an
unserer Vokalmusik Geschmack finden. Die einzigen lyrischen Dramen,
welche die Japaner kennen, sind die aus der klassischen Zeit stammenden
No-Darstellungen, und diese sind noch viel einförmiger und langweiliger
als die gewöhnlichen japanischen Theaterstücke. Immerhin sollten die
Japaner ihrer Kaiserin dafür Dank wissen, daß sie dem Theater durch die
Zulassung von Frauen neue Abwechselung und neue Anziehungskraft gegeben
hat.
[3] Minnie Hauk.
Danjuro, der Salvini von Japan.