Japan die Farbe der Trauer, zum Zeichen, daß sie für ihre eigene
Familie gestorben ist. Sobald sie das Elternhaus verlassen hat, wird
dieses sorgfältig gekehrt, und in früheren Zeiten wurde vor demselben
auch ein Feuer entzündet, Gebräuche, welche anzeigen, daß ein Leichnam
aus dem Hause entfernt wurde. Sobald die Braut, begleitet von dem
Heiratsvermittler und seiner Frau, im Hause des Bräutigams eingetroffen
ist, vertauscht sie die weißen Kleider mit anderen, prunkvolleren,
und begiebt sich in das Gemach des Bräutigams. Eine junge Freundin
reicht dann eine mit Sake (Reiswein) gefüllte Schale abwechselnd der
Braut und dem Bräutigam zum Trinken. Nach dreimaligem Nippen wird eine
zweite, dann eine dritte Schale in derselben Weise dargeboten, und
dieses dreimalige Darreichen der Weinschalen besiegelt den Ehebund.
Bei wenigen Völkern der Erde vollzieht sich die Heirat einfacher und
poesieloser wie hier.
In einem Nebengemache haben sich mittlerweile die Familien und
Freunde des jungen Paares zu einem Festmahle versammelt, bei dem es
gewöhnlich recht lustig zugeht. Die Familien und der Hausstand des
Bräutigams sind in fröhlicher Stimmung, denn alle, bis zum letzten
Diener und Stallknecht, werden von der Familie der Braut mit Geschenken
bedacht; auch ist es in Japan gerade so wie bei uns Sitte, daß die
geladenen Freunde des jungen Ehepaares diesem Geschenke, gewöhnlich
Hausgerätschaften oder Kleiderstoffe, darbringen. Edelsteine und
Schmucksachen sind ausgeschlossen, da die Japanerinnen keine tragen.
Gewöhnlich bleibt die lustige Hochzeitsgesellschaft bei allerhand
Leckereien und Reiswein bis spät in die Nacht hinein versammelt;
Tänzerinnen und Sängerinnen tragen unter Begleitung von Samisen und
Kotospiel das Ihrige zur Unterhaltung der Gäste bei, und haben sich
diese endlich entfernt, so wird das Brautpaar von einem jungen Mädchen
in das Brautgemach geführt; dort müssen Braut und Bräutigam nochmals
je dreimal an drei Sakeschalen nippen, aber diesmal werden die Schalen
dem Bräutigam zuerst gereicht. Nun sind die jungen Leute Mann und Weib,
und die einzige Förmlichkeit, die noch erfüllt werden muß, ist eine
schriftliche Anzeige des Vaters der Braut an die Polizeibehörde seines
Stadtteils, daß seine Tochter aufgehört hat, bei ihm zu wohnen und in
das Haus ihres Gatten übergesiedelt ist. Das letztere ist nicht immer
ein eigenes Haus, das die jungen Leute allein bewohnen. Die Ehen werden
in Japan gewöhnlich so früh geschlossen, daß der Gatte häufig noch
gar keinen eigenen Erwerb oder irgend eine Stellung hat und deshalb
im Hause seines Vaters wohnt. Die Braut ist dann einfach ein neues
Mitglied der Familie, und dieser allein ist sie Ehrfurcht und Gehorsam
schuldig.
Am dritten Tage nach der Heirat findet ein festlicher Empfang im Hause
der Eltern der Braut statt, zu welchem alle Freunde der letzteren
geladen werden. Gewöhnlich werden bei dieser Gelegenheit die an die
Familie des Bräutigams gesandten Geschenke von dieser erwidert. Auch
die jungen Eheleute sind durch uralten Gebrauch gehalten, zwei oder
drei Monate später ein größeres Fest zu geben, entweder ein Festmahl
oder eine Garden party, zu welchem der ganze Bekanntenkreis eingeladen
wird. Für viele ist dieses Fest die erste Kunde von der vollzogenen
Vermählung, denn Verlobungs- oder Vermählungskarten werden in Japan
nicht ausgegeben. Die ganze Angelegenheit besitzt ja bei weitem nicht
die Wichtigkeit wie bei uns. Die Frau wird in Japan nur als die erste
Dienerin des Mannes angesehen, und ob es diese oder jene ist, die er
heiratet, bleibt sich ziemlich gleich. Standes- und Familienrücksichten
giebt es nur in beschränktem Maße, und besondere Veränderungen
treten ja durch die Heirat nicht ein. Der Mann bleibt derselbe, ob
Junggeselle oder Ehegatte; er hat keinerlei neue Pflichten, keinerlei
Beschränkungen und kann thun und lassen, was er will. Er kann seine
Abende außer dem Hause zubringen, wo er will, er kann andere Mädchen
als Konkubinen in sein Haus aufnehmen, Liebe und Treue wird von ihm
nicht erwartet. Seine Frau hat ihm in jeder Hinsicht zu gehorchen,
hat alles ruhig und freundlich hinzunehmen, ihn zu pflegen, seine
Mahlzeiten zu bereiten, seine Kleider zu nähen, sein Haus in Ordnung
zu halten: sie ist mit einem Worte nicht viel mehr als eine Dienerin
im Hause eines unserer Junggesellen, nur mit dem Unterschiede, daß sie
bei uns ihren Monatslohn erhält und freiwillig ihren Dienst kündigen
kann, wann sie will, während die japanische Frau diesen Dienst bis zu
ihrem Tode versehen muß, ja, als Zeichen, daß sie gewillt ist, dies zu
thun und keine Absicht hat, ihren Herrn zu wechseln, verunstaltet sie
freiwillig ihr Aeußeres dadurch, daß sie sich die Zähne schwarz färbt
und ihre Augenbrauen abrasiert. In den Großstädten verliert sich dieser
Gebrauch immer mehr, in den Provinzstädten und Dörfern aber fand ich
noch viele junge Frauen mit kohlschwarzen Gebissen.
Die geschilderten Gebräuche werden bei der europäischen Leserin kein
geringes Entsetzen erwecken, und gewiß wird sie ihre japanischen
Schwestern herzlich bedauern, hauptsächlich darüber, daß sie sich ohne
Liebeswerbung, ohne Brautjungfern und gar erst ohne Hochzeitsreise in
das anscheinend denkbar unglücklichste Ehejoch begeben müssen. Doch bei
den untersten Volksklassen der Japaner liegen die Verhältnisse noch
schlimmer. Die Arbeiter, Rickshawkulis, Hausdiener ersparen sich sogar
die Festmahlzeiten und das zeremoniöse Saketrinken. Sie vermählen sich
mit einer Frau, wenn es ihnen eben paßt, und vertauschen sie wieder
mit einer anderen, mit ebensowenig Umständen, wie wir etwa unsere
Kleider wechseln. Gar mancher in Japan wohnende Europäer wird beim
Nachhausekommen durch die Anzeige seines Boy oder Betto (Pferdeknecht)
überrascht, daß er sich eben vermählt habe. Einige Monate später ist
er vielleicht wieder Junggeselle, und kommt ihm wieder einmal die Lust
zu heiraten an, flugs bringt er sich eine neue Frau ins Haus, die ihm
seine Kleider flickt, seine Mahlzeiten bereitet und ihn meistens viel
besser bedient als er seinen Herrn.
Je höher man auf der gesellschaftlichen Stufenleiter emporsteigt,
desto seltener begegnet man dem Wechsel der Frauen, oder, um ein in
Europa geläufigeres Wort zu gebrauchen, den Ehescheidungen. Immerhin
entfällt sogar in den von europäischer Kultur angehauchten Hauptstädten
des Landes auf je drei Vermählungen eine Scheidung, und dieses
Verhältnis würde sich vielleicht noch weiter ausgleichen, wenn in den
wohlhabenderen Ständen nicht Umstände obwalten würden, welche die
Scheidung überflüssig machen. Es sind nicht etwa ethische Momente,
nicht größere Achtung oder Liebe für die eigene Frau, sondern es wird
dort eben wegen der zahlreichen Japaner, welche die europäischen
Verhältnisse kennen, immer weniger gern gesehen, daß man die Frau ohne
weiteres aus dem Hause jagt. Ueberdies stammen die Frauen der höheren
Stände doch aus besseren Familien, und man will sich durch eine nicht
wohlbegründete Scheidung diese letzteren nicht zu Feinden machen.
Deshalb behält man sie wohl im Hause, aber verheiratet sich dennoch mit
einer Konkubine, vielleicht auch mit zwei oder noch mehr, je nach der
Neigung oder den Mitteln. Möglicherweise wohnen diese Dämchen auch noch
mit der legitimen Gattin in demselben Hause zusammen, und ihre Kinder
wachsen gemeinschaftlich auf.
Man kann sich unter solchen Umständen die Lage der armen Frau wohl
vorstellen, die all dies geduldig und lächelnd ertragen muß. Jeder
Widerstand ihrerseits wäre vergeblich. Die Scheidung würde dann doch
erfolgen, und sie müsste unter Zurücklassung ihrer Kinder in ihr
väterliches Haus zurückkehren. Dazu ist die Liebe der japanischen
Frauen zu ihren Kindern doch zu groß. In neuerer Zeit hat die
Konkubinenwirtschaft in den besseren Ständen allerdings erheblich
abgenommen, aber Professor Chamberlain von der kaiserlichen Universität
in Tokio, vielleicht der beste Kenner des modernen Japan, sagt in
seinem 1891 in Yokohama erschienenen Buche über Japan doch noch
folgendes: „Warum sollte sich ein Mann überhaupt die Mühe geben, sich
von einer ihm unsympathischen Frau scheiden zu lassen, wenn irgend eine
Frau, die immer eine viel zu untergeordnete Stellung einnimmt, als daß
sie ihm ernstlich lästig wäre, und wenn die Gesellschaft nichts dagegen
hat, daß er sich irgendwelche Anzahl von Konkubinen hält?”
Derselbe Verfasser sagt weiter: „Die Scheidungsgründe in Japan sind:
Ungehorsam, Unfruchtbarkeit, Lasterhaftigkeit, Eifersucht, Aussatz oder
andere unheilbare Krankheiten, Geschwätzigkeit und Hang zum Stehlen,
mit einem Worte, ein Mann kann seine Frau los werden, wenn immer er
ihrer müde wird.”
Eine geistreiche Französin hat einmal gesagt: „~Fille, on nous
supprime; femme, on nous opprime~” (als Mädchen unterdrückt man uns,
als Frauen bedrückt man uns), aber in Japan giebt man sich dazu nicht
einmal die Mühe. Der Mann hat zu befehlen, die Frau hat zu gehorchen;
der Mann hat alle Rechte und Freiheiten, die Frau hat gar keine; der
Mann ist der Herr der Schöpfung, die Frau ist ein untergeordnetes
Wesen; und wenn sie irgendwelchen Einfluß in ernsten Dingen auf den
Mann ausübt, so hat sie diesen Einfluß nicht sich selbst, sondern den
Männern ihrer eigenen Familie, also ihrem Vater, ihren Brüdern zu
verdanken, auf welche ihr Gatte Rücksicht nehmen muß, bevor er zum
äußersten schreitet.
Als Beispiel dafür kann ein Fall gelten, der vor nicht langer Zeit in
Tokio vorkam: Ein junger verheirateter Adeliger verliebte sich, im
japanischen Sinne, auf dem Lande in ein junges Mädchen. Er brachte sie
nach Tokio, nahm ihr eine Wohnung und vernachlässigte seine Frau. Die
Schwiegermama entdeckte bald die Liaison, schrie Zeter und Mordio,
die Zeitungen nahmen Notiz davon, und seine Freunde fürchteten, er
würde am Ende seine offizielle Stellung bei der Regierung verlieren.
Sie legten sich ins Mittel, und zwischen Mann und Frau, Schwiegermama
und Konkubine wurde ein allseitig befriedigender Pakt geschlossen.
Der Mann kündigte seiner Liebe die Wohnung, Frau und Schwiegermutter
versprachen, keinen weiteren Lärm zu schlagen, das Mädchen kehrte zu
ihren Eltern zurück, aber unter der Bedingung, daß sie den jungen
Mann allmonatlich während mehrerer Tage in seinem Hause besuchen
dürfe. Derlei Rücksichten werden aber, wohlverstanden, nur in den
höheren Gesellschaftskreisen genommen. Selbst die Japan Mail, das von
der Regierung subventionierte Organ, enthält in einer seiner Nummern
folgenden Passus: „Streng genommen, wird Polygamie in Japan heute nicht
getrieben. Thatsächlich war sie niemals legal, denn das Gesetz erkennt
nur eine Frau an. Aber in vielen ehrbaren Haushaltungen giebt es eine
Konkubine, vielleicht zwei oder selbst drei, neben der Hausfrau,
ein elender Zustand, erniedrigend, unglücklich und mittelalterlich.
Zur Ehre des Beamtenstandes, des Adels und der hervorragendsten
Handelsherren muß es gesagt werden, daß dort mit wenigen Ausnahmen
die Konkubinenwirtschaft nicht länger getrieben wird; ob aber die
öffentliche Meinung reif genug ist, dieselbe als verbrecherisch zu
verdammen, können wir nicht sagen.”
Indessen kommen in Japan Fälle vor, wo auch das Mädchen sich einen
Gatten wählen kann. Giebt es in einer Familie beispielsweise keine
Söhne, sondern nur Töchter, so wird dies von dem Vater als ein großes
Unglück angesehen. Es ist niemand da, der seinen Namen, sein Geschäft
erben kann, niemand, der die Ahnenopfer bringen kann, denn nur
Männer können zu ihren Vorfahren beten und ihnen Opfer darbringen.
Deshalb wird der Vater bestrebt sein, unter den jungen Männern seiner
Bekanntschaft einen passenden Gatten für seine Aelteste auszuwählen,
und dann wird auch diese zu Rate gezogen, ob ihr Zukünftiger auch
hübsch und liebenswürdig genug sei. Ist sie einverstanden, so wird
geheiratet. Der Mann muß aber dann ganz dieselbe traurige Rolle spielen
wie sonst die Frau. Er muß seinen Namen ablegen und jenen der Familie
seiner Braut annehmen, er muß in das Haus der letzteren ziehen und
hübsch stille halten, sonst wird er gerade so davongejagt wie eine
Frau. Natürlich geben sich zu solchen Geschäften nur arme Junggesellen
her, denn „~c’est alors Madame, qui porte les pantalons~”.
[Illustration: Oeffentlich badende Japanerinnen.]
Eine Erdbebenkatastrophe.
Zwei Jahrzehnte lang waren Tokio, die Hauptstadt, und Yokohama, der
Haupthafen des Mikadoreiches, von den furchtbarsten Schrecken der
Elemente, von den Erdbeben, verschont geblieben. Der große Fudschiyama,
dieser zum Teil mit ewigem Schnee bedeckte Riesenvulkan, schlummert
seit Generationen, und die Reisenden, die von den beiden Städten aus
mit stummer Bewunderung den herrlichsten aller Berge Japans betrachten,
denken fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines Ausbruches. Für
die letzte Juniwoche 1894 hatte ich eine Partie auf den Fudschi in
Aussicht genommen, denn nachdem ich vor Jahren auf der Spitze des
höchsten Vulkans Nordamerikas, des Popokatepetl, gestanden, war es
ein begreiflicher Wunsch, auch den höchsten Vulkan Ostasiens zu
besteigen. Da kam die Kunde, daß die schlummernden Geister des heiligen
Fudschiyama sich wieder zu regen begonnen hätten; in seinem nördlichen
Zwillingsberge, dem Asamayama, brodelte und grollte es fürchterlich,
und aus seinem großen Krater stürzten gewaltige Lavamassen hervor.
Desto interessanter dürfte die Besteigung werden, dachte ich mir, und
fuhr von Tokio nach Yokohama, um die Vorbereitungen für meinen Ausflug
zu treffen.
Der Tag war furchtbar heiß; drückende Schwüle lag über den weiten
Reisfeldern der Tokiobucht; der Himmel zeigte bleierne Färbung, und
mit Sehnsucht erwarteten wir Passagiere einen Regenguß. In Yokohama
angekommen, fand ich unter den Gästen des Grand Hotel dasselbe
Unbehagen, das ich selbst empfand; das Tiffin (Gabelfrühstück) wurde
kaum genossen, und wir zogen uns gegen zwei Uhr nachmittags in unsere
Zimmer zurück. Kaum hatte ich mich auf das Ruhebett geworfen, als
plötzlich die Möbel rings um mich zu tanzen begannen; die Kommode fiel
um, die Wände und der Fußboden krachten und schwankten wie auf bewegter
See. Ein furchtbares Poltern und Dröhnen ließ mich vermuten, es wäre
irgend ein Pulvermagazin in die Luft geflogen; als ich aber, zum
Fenster hinausblickend, die Kamine von den Hausdächern fallen und diese
selbst einstürzen sah, da wußte ich sofort den wahren Grund dieser
Erscheinung. Hatte ich doch schon ein heftiges Erdbeben in Venezuela
durchgemacht. Mit einem Satze war ich zur Thüre hinaus und eilte über
die krachenden Treppen zwischen den heftig schwankenden Mauern hinab
ins Freie an den Meeresstrand; Dachziegel, Mörtelstücke, Trümmer der
Gesimse fielen rings um mich zu Boden. Das noch vor wenigen Minuten
spiegelglatte Meer war wild aufgeregt und sandte hohe Brandungswellen
den Strand empor; die schweren Dampfer und Kriegsschiffe draußen
schaukelten heftig; eine ungeheure Rauch- und Staubwolke erhob sich
über dem Weichbilde der Stadt, und man konnte sich bei dem schwankenden
Boden kaum aufrecht erhalten. Während solcher Katastrophen ist es
schwer, Beobachtungen zu machen; ich erinnere mich nur an das
furchtbare unterirdische Dröhnen, an die einstürzenden Schornsteine und
Dächer, das Rasseln der Fenster und das Abstürzen großer Felstrümmer
von den Klippen des nahen Bluff; ich weiß nur, daß rings um mich Damen
ohnmächtig auf dem Boden lagen, daß die Einwohnerschaft der Häuser
längs der ganzen Straße des Bundes entsetzt aus ihren vier Mauern
hinaus ins Freie stürzte, daß die Häuser ebenso schwankten wie die
Schiffe draußen in der Bucht.
Wie lange die schreckliche Katastrophe währte, wußten wir nicht; erst
nachträglich erfuhren wir, daß die Erschütterungen viereinhalb Minuten
gedauert hatten. Endlich beruhigte sich der Boden, aber die wenigsten
Menschen waren zu bewegen, in ihre Häuser zurückzukehren, da sie
eine Wiederholung des Erdbebens befürchteten. Ich hatte keine Zeit
zu verlieren, denn mit Bangen dachte ich an meine in Tokio weilenden
Lieben. Ueber die Schuttmassen zwischen den geborstenen Wänden hinweg
eilte ich nach meinem Zimmer, um meine Effekten zusammenzupacken, und
ließ mich in einer Jinrickshaw nach dem Bahnhof führen. Dort erfuhr
ich, daß infolge des Erdbebens der nächste Zug erst in einer Stunde
abgelassen würde, und so benutzte ich diese letztere zu einer Rundfahrt
durch die Stadt. Schuttmassen lagen in den Straßen, größtenteils von
der abgeworfenen Bedachung, dem Maueranwurf und den Schornsteinen der
Häuser herrührend; manche Häuser waren ganz eingestürzt, andere drohten
einzufallen, und eine große Zahl zeigte weitklaffende Risse und Sprünge
in den Mauern; bei einer Theefabrik waren Polizisten und Feuerwehrleute
beschäftigt, Trümmer fortzuräumen, unter denen gegen dreißig Menschen
begraben waren; auf Strohmatten oder notdürftig zusammengebundenen
Tragbahren wurden Verwundete fortgetragen. Viele Dächer waren von
den einstürzenden gemauerten Schornsteinen durchschlagen worden und
zeigten große Löcher; im Straßenboden waren hier und dort klaffende
Risse bemerkbar; in den Bazars, hauptsächlich in den vielen Läden mit
den schönen japanischen Porzellan- und Emailwaren hatte das Erdbeben
furchtbaren Schaden angerichtet; die prächtigsten, kostbarsten Sachen
lagen zertrümmert auf der Erde.
Die meisten Schäden zeigten die Häuser in den europäischen Quartieren,
da sie größtenteils aus Mauerwerk bestehen und ein Stockwerk hoch sind;
die japanischen Häuser sind zumeist ebenerdig und aus Holz gebaut, aber
während sie auf diese Weise von dem Erdbeben mehr verschont blieben,
hatte doch am Tage zuvor eine andere furchtbare Katastrophe unter
ihnen gewütet; nicht weniger als tausend Häuser waren einer großen
Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und noch rauchten die schwarzen
verkohlten Reste dieses zerstörten japanischen Stadtviertels.
Rechtzeitig kehrte ich nach der Eisenbahnstation zurück, um den Zug
nach Tokio zu benutzen. Während der einstündigen Fahrt sah ich überall
Spuren des Erdbebens, eingestürzte Mauern und Häuser, beschädigte
Dächer, umgestürzte Toris (Tempelthore) und Statuen. Auf dem Wege von
der Schimbaschistation in Tokio nach dem dortigen Imperial Hotel sah
ich, daß das Erdbeben hier noch heftiger gewesen sein mußte als in
Yokohama, denn noch viel mehr Häuser waren beschädigt, besonders in dem
Stadtviertel der Europäer; fast jedes zweite Dach hatte gelitten; die
Schornsteine waren überall eingestürzt, die Mauern waren geborsten, der
Mörtelanwurf abgefallen, viele Häuser ganz zertrümmert; von den das
kaiserliche Palais umgebenden Festungswällen war die aus großen Quadern
bestehende Bekleidung auf Strecken von fünfzig Metern abgefallen.
Endlich war ich am Imperial Hotel angelangt, und glücklicherweise
war unter den Gästen kein Unglücksfall zu beklagen. Dagegen bot der
prachtvolle Bau selbst einen schrecklichen Anblick dar. Das große
Einfahrtsthor war eingestürzt und lag nebst dem Eisengitter in Trümmern
auf dem Boden; die Kamine waren abgestürzt und hatten große Löcher
in das Dach geschlagen; die Mauern zeigten durchgehends klaffende
Sprünge; mehrere Angestellte waren durch herabfallende Mauerstücke
verwundet worden; in den Salons und Wohnzimmern waren Möbel umgestürzt,
Bilder, Spiegel, Vasen und Statuen herabgefallen und zertrümmert. Die
benachbarten Häuser waren schwer beschädigt und mußten zum Teil ganz
abgetragen werden.
Merkwürdigerweise war das kaiserliche Palais durch das Erdbeben nur
wenig betroffen, und das Kaiserpaar war mit dem bloßen Schrecken
davongekommen; die Paläste der kaiserlichen Prinzen waren teilweise arg
beschädigt. In den Straßen waren die Japaner schon überall beschäftigt,
die Schuttmassen fortzuräumen, die Verschütteten auszugraben und
die Schäden auszubessern. Doch gewärtigte man eine Wiederholung des
Erdbebens. Um neun Uhr abends wurde auch ein zweiter Stoß, jedoch von
geringerer Heftigkeit, empfunden. Am folgenden Tage hatte sich die
allgemeine Furcht etwas gelegt, aber wie wohlbegründet sie war, geht
aus der Statistik der Unglücksfälle hervor, welche die japanischen
Morgenzeitungen auf Grund der eingelaufenen Meldungen veröffentlichten.
In Tokio allein wurden innerhalb der viereinhalb Minuten des Erdbebens
36 Menschen getötet, über 300 verwundet; die Zahl der beschädigten
Häuser erreichte 3720, der umgestürzten Mauern 162, der Schornsteine
289, der Risse im Erdboden 96. Seltsamerweise beschränkte sich das
Erdbeben auf den zentralen Teil Japans zwischen Yokohama und Tokio; in
den entfernteren Städten wurden die Erdstöße nur ganz leicht verspürt
und verursachten nur geringe Unglücksfälle. Die Vulkane zeigten während
des Erdbebens keine erhöhte Thätigkeit.
Dafür sind sie in den letzten Jahren wieder desto thätiger gewesen, vor
allen anderen hatte der schreckliche Bandaisan im Norden Japans im Juli
1900 einen heftigen Ausbruch, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer
fielen. Nur der höchste Vulkan Japans, der berühmte heilige Fujiyama,
hat seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag seine erhabene Ruhe
bewahrt.
Modernes Theaterwesen in Japan.
Frauen auf der japanischen Bühne! Das ist die wichtigste Neuigkeit, die
eben aus dem fernen Lande des Sonnenaufganges zu uns herüberdringt.
Frauen als Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf den Brettern, welche
in Japan, wie bei uns, die Welt bedeuten! Die Kaiserin von Japan hat
selbst die Initiative dazu ergriffen, ihren weiblichen Unterthanen
diesen neuesten Beruf zu eröffnen, und in Zukunft wird es im Reiche
des Mikado auch weibliche Sterne am Theaterhimmel geben. Bisher haben
wohl die reizenden Musmis von Japan die dramatische und lyrische Kunst
eifrig gepflegt, allein es war ihnen nicht gestattet, im Verein mit
ihren männlichen Kollegen öffentlich aufzutreten. Bei uns gefallen
sich die Theaterdamen von stattlichem Wuchs darin, in Hosenrollen
aufzutreten, in Japan aber, diesem Lande der verkehrten Welt, gefallen
sich die schönsten Männer darin, in Unterröcken zu spielen. Alle
Weiberrollen, nicht nur die alten, wurden von geschminkten Jünglingen
gespielt, ja sogar das japanische Ballett zählte bisher nur männliche
Ballerinen. Warum? Wieder die verkehrte Welt: weil es gegen den Anstand
und die gute Sitte verstoßen hätte, Mädchen neben jungen Männern
öffentlich auftreten zu sehen. Die Japaner haben eben eigentümliche
Begriffe von Anstand. Während die kleinen hübschen Mädchen im Alter
von zwölf bis achtzehn Jahren, die Frauen im Alter von achtzehn bis
dreißig Jahren, die Großmamas im Alter von dreißig bis wer weiß wie
viel Jahren ihre Bäder häufig öffentlich auf der Straße nehmen, während
die Damen in den fashionabeln Badeorten Ikao oder Karuizawa mit der
größten Ungeniertheit im Verein mit fremden Männern in demselben
kleinen Baderaum stecken, ohne irgend etwas Schlimmes davon zu denken,
dürfen sie in voller Bekleidung auf der japanischen Bühne nicht neben
und mit Männern auftreten. Im vergangenen Jahre hat eine amerikanische
Sängerin von Weltruf, welche Japan als die erste Primadonna überhaupt
besuchte[3], die dortigen Hofkreise auf das Widersinnige dieser
Anstandsregeln aufmerksam gemacht und die hohe Stellung erklärt,
welche die Frauen der europäischen Bühne nicht nur auf dieser, sondern
vielfach auch im gesellschaftlichen Leben einnehmen. In ihrem Streben,
es den Europäern auf allen möglichen Gebieten gleichzuthun, haben sie
sich nun, gestützt auf diese und andere Berichte, auch die Reform
des Theaterwesens zur Aufgabe gestellt, und sie beginnen damit, daß
sie den Japanerinnen die Thüre zum Hinterpförtchen der Theater, zum
Bühneneingang, öffnen.