Der neue Ankömmling und sein Name wird in dem Verwaltungsamte des

Distriktes registriert, darauf folgt ein Festmahl von Reis mit roten

Bohnen, und die Taufe ist vollzogen. Ein wichtiger Akt an diesem Tage

ist auch das Rasieren des Kindesschädels. Das zarte, flaumige Kopfhaar

verfällt dem Rasiermesser mit Ausnahme eines kleinen Schöpfchens am

Scheitel. Je nach der Laune der zärtlichen Mama bleiben auf dem Schädel

ihres jüngsten Sprößlings auch mehrere derartige Schöpfchen oder ein

schmaler Kranz oder sonstige willkürliche Haarfiguren stehen, die den

japanischen Kindern ein ungemein possierliches Aussehen geben. Erst

wenn sie alt genug sind, um die Schule zu besuchen, läßt man ihnen die

Haare stehen.

[Illustration: Begrüßung des Neugeborenen.]

Dreißig Tage nach der Geburt erhalten die Kleinen ihre religiöse Weihe

dadurch, daß sie in großer Familienprozession in einen Shintotempel

getragen und dort unter den besonderen Schutz eines der Götter gestellt

werden. An diesem Tage pflegen die glücklichen Eltern auch die vielen

Geschenke, die ihrem Jüngsten bei der Geburt dargebracht wurden, zu

erwidern, indem sie jedem Geber etwas Reiskuchen oder Eier oder sonst

dergleichen senden, begleitet von einem höflichen Dankschreiben.

Wenn man bedenkt, daß besonders in den besseren Ständen mitunter

hundert oder noch mehr Geschenke einlaufen, so kann man sich die Mühen

der jungen Mutter wohl vorstellen. Die Kuchen werden gewöhnlich in

lackierten Holzkästchen gesendet, die aber durch den Ueberbringer

wieder zurückgestellt werden müssen, wobei sich die Empfänger hüten,

die Kästchen zu reinigen. Das würde Unglück über das Kind bringen.

Damit ist das ganze Zeremoniell, das mit dem Inslebentreten des Kindes

verbunden ist, beendet, und es kann sich nun unbehindert seines Daseins

freuen. Bei kaltem Wetter bleibt es hübsch zu Hause auf den reinlichen,

weichen Matten der Wohnzimmer; Möbel giebt es in den japanischen

Häusern keine, an denen es sich Löcher in den Kopf stoßen könnte; es

giebt keine Glasschränke und Etageren mit allerhand Porzellan und

Nippsachen, die es zerbrechen könnte; selbst die Wände des Zimmers

bestehen aus weichem, auf Holzrahmen gespanntem Papier, und das größte

Unglück, das die Kinder anstiften könnten, wäre, ihre Finger durch das

Papier zu stoßen. Auch die Kleider können sie sich kaum beschmutzen, im

Sommer tragen sie überhaupt keine, nicht das geringste Feigenblättchen.

Werden sie hungrig, so nähren sie sich an dem Born der Natur, und die

Muttermilch bleibt ihre hauptsächlichste Nahrung bis zum Alter von zwei

bis drei Jahren.

In den besseren Ständen und in den Familien der Kuges (Fürsten) und

Daimios (Adeligen) werden die Kinder in Kleider gesteckt, die ganz

denselben Schnitt zeigen wie jene der Erwachsenen. Es kann nichts

Possierlicheres geben als die liliputanischen Herrchen und Dämchen mit

ihren glattrasierten Schädeln und den langen faltenreichen Gewändern,

wenn sie, gerade so wie die Alten, tiefe Verbeugungen vor einander

machen oder, kaum zwei bis drei Jahre alt, schon am Familientische

teilnehmen und statt des Kinderlöffels schon die Reisstäbchen (Chop

sticks) handhaben. Ankleiden können sie sich freilich noch nicht

selbst, das besorgt Mama oder die ältere Schwester. Der nationale

Kimono wird auf dem Boden ausgebreitet und das Kleine daraufgelegt.

Dann werden ihm die Aermel auf die Aermchen gezogen, der Kimono über

den kleinen Körper gefaltet und mit einer Schärpe zusammengebunden.

Gewöhnlich trägt das Kind um den Hals auch ein kleines

Messingschildchen mit Namen und Adresse, damit es nicht verloren gehen

kann; zum besonderen Schutz gegen Unglücksfälle trägt es am Gürtel

ein Kintschaku, d. h. ein Beutelchen aus kostbarem Stoff, in dem sich

irgend ein Zaubermittelchen befindet. Bei kaltem Wetter werden zwei

oder drei Kimonos ineinandergesteckt, und ihre Länge schützt Füßchen

und Händchen.

In den armen Familien (und bei weitem die Mehrzahl der Japaner ist arm)

kann man den jungen Sprößlingen nicht diese Pflege angedeihen lassen.

Sie bleiben nackt oder bekommen höchstens einen Kimono. Mama hat viel

zu viel im Hause, im Garten oder auf den Feldern zu thun, als daß sie

sich viel mit ihrem Kindchen beschäftigen könnte; allein lassen kann

sie es auch nicht, und so bindet sie es mit langen Bändern auf ihren

Rücken. Ist aber ein älteres Schwesterchen da, selbst wenn es nur sechs

oder sieben Jahre alt sein sollte, so wird das Kleine dem Schwesterchen

aufgesattelt, und Mama kann ungehindert ihren Arbeiten nachgehen. Wo

immer ich in Japan hinkam, in Städten und Dörfern, auf den Feldern wie

in den Straßen, selten sah ich ein junges Mägdlein zwischen sieben und

fünfzehn Jahren, das nicht ein Kindchen auf seinem Rücken getragen

hätte, und der Kopf des kleinen Wesens ragte darüber hervor wie das

Tüpfelchen über dem i. Es findet sehr bald Gefallen an dieser reitenden

Stellung, guckt fröhlich über die Schultern des Schwesterchens in die

Welt und bleibt dort Tag für Tag, Woche für Woche, bis es endlich

selbst zappeln und gehen gelernt hat. Und ist es erst fünf, sechs Jahr

alt geworden, so ist vielleicht wieder ein junges Brüderchen oder

Schwesterchen zur Welt gekommen, dem es nun seinerseits den Rücken

leihen muß.

[Illustration: Junge Mädchen, ihre kleinen Geschwister tragend.]

Wie das Kleine, so gewöhnt sich auch die jugendliche Trägerin ganz

unbewußt an diese Last und tummelt sich vor den Häusern herum, spielt

mit den Nachbarkindern oder arbeitet, als wäre ihr das Kindchen

angewachsen wie ein Höcker. Stundenlang trägt sie dasselbe umher, und

wird dieses schläfrig, so schläft es ein, ohne sich durch das Schütteln

beim Laufen und Herumspringen hindern zu lassen; die Händchen fallen

schlaff herunter, das Köpfchen baumelt hin und her, fällt zurück

oder auf die Seite, daß ich oft fürchtete, jetzt müßte das Genick

brechen; aber das Kind schlief ruhig weiter. Daß ein Kindchen der

Trägerin entfallen würde, kommt äußerst selten vor; wie ein gewandter

Naturreiter auf seinem Pferde, so klammert es sich mit den gespreizten

Beinchen an die Seiten der Trägerin, die thun und lassen kann, was sie

will, es bleibt fest im Sattel. Wird es hungrig, so setzt sich die

Trägerin neben Mama oder vielleicht auf deren Schoß, das Kleine dreht

sich herum und nährt sich an Mamas Brust, ohne daß die letztere es zu

halten braucht. Und wie fröhlich, wie still und wohlerzogen sind diese

Kinder! Selten habe ich ein japanisches Kind weinen gesehen, niemals

schreien gehört; niemals nahm ich schlechtes, ausgelassenes Benehmen

wahr; niemals Prügeleien unter Jungen, niemals eine Bestrafung durch

die Eltern. Werden sie irgendwie ungebührlich, so droht Mama oder Papa

mit dem Oni, dem roten Teufel, der die Kinder holen wird. Der rote

Teufel ist ihr größter Schrecken, und man kann sich vorstellen, welches

Entsetzen das Kommen eines rothaarigen, rotbärtigen Deutschen etwa

unter den Kindern eines Dorfes hervorruft. Sie zerstieben, laufen und

verstecken sich in alle Schlupfwinkel.

Himmelbetten und Wiegen nach europäischem Muster giebt es in Japan

nicht. Das Kleine wird fleißig gebadet, noch dazu in fast brühend

heißem Wasser, was ihm aber nicht zu schaden scheint. Arme Leute, die

keine eigenen Bäder besitzen, nehmen das Kindchen in die öffentlichen

Bäder, wo sie in Gemeinschaft mit anderen Eltern und Kindern ohne

irgend welche Scheu in dasselbe Bassin steigen.

[Illustration: Kinderszene.]

Diese Bäder, der beständige Aufenthalt in der freien Luft, die

unfreiwillige Bewegung, welche die Kinder auf dem Rücken ihrer

Geschwister machen, scheinen ihrer Gesundheit sehr zuträglich zu

sein. Die Sterblichkeit unter den japanischen Kindern ist geringer

als bei uns, und die einzige ziemlich allgemeine Krankheit ist ein

Hautausschlag auf den Köpfen und Nacken, der aber bald schwindet. Ist

er überstanden, dann sehen die Kinder so gesund, kräftig und pausbackig

aus wie Posaunenengel, eine wahre Freude für Eltern und Freunde, die

das Kind bewundern, die feisten, harten Glieder befühlen und ihm eine

glänzende Zukunft prophezeihen. Welches Kind ist denn überhaupt in

den Augen seiner Eltern nicht das schönste und klügste, das es jemals

gegeben hat!

Allmählich lernt das Kleine auch ein wenig sprechen, lange bevor ihm

das freie Gehen gelingt. Die japanische Sprache ist so klangvoll,

einfach und leicht zu erlernen, wenigstens was die notwendigsten

Ausdrücke betrifft. Auch bei dem japanischen Kindchen sind die ersten

Ausdrücke mama, tata, bebe, nur bedeuten sie ganz andere Dinge als bei

uns. Mama heißt Nahrung, Essen, Trinken; bebe heißt Kleid, tata Socken;

mit dem Worte ija wird nein, ich mag es nicht, es ist mir unangenehm

bezeichnet. Das Kind lernt nun auch das Gehen, zuerst im Hause, dann

außerhalb, in dem Gärtchen, das die meisten japanischen Familien hinter

ihren Holzhäusern besitzen, oder auf der Straße, die ja selten von

Fuhrwerken befahren wird und so besonders in Dörfern den gewöhnlichen

Tummelplatz der Kinder bildet. Ist das Gehen im Hause gelungen, so

wird dem Kinde der Gebrauch der geta oder stelzenartigen Holzpantoffel

gelehrt, und es ist staunenswert, mit welcher Leichtigkeit es sich an

diese plumpe, schwere Fußbekleidung gewöhnt, damit läuft, springt und

den tollsten Schabernack treibt.

Die Eltern verfolgen die Entwickelung ihrer Kinder mit der

liebevollsten Zärtlichkeit, ja die Liebe zwischen Eltern und Kindern

ist vielleicht die einzige, wahre Liebe, welche die Japaner kennen.

Sie bewachen und lehren die Kleinen und strafen sie kaum jemals.

Aberglaube hat damit sehr viel zu thun. Wenn Blattern oder epidemische

Kinderkrankheiten im Orte wüten, dann schreibt der sorgsame Papa über

seine Hausthüre, die Kinder wären nicht zu Hause, damit die bösen

Geister sich gar nicht bemühen, die Schwelle zu überschreiten. Vor

Lügen werden die Kinder dadurch gewarnt, daß man ihnen sagt, der böse

Oni würde ihnen die Zunge ausreißen.

Den Knaben wird gewöhnlich viel größere Freiheit gestattet als den

Mädchen. Der Knabe wird ja von selbst seinen Weg machen; er ist der

Erbe und Nachfolger des Vaters, dessen Handwerk er erlernt und dem

so viele andere Berufszweige offen stehen. Anders das Mädchen. Es

muß lernen, einen Mann zu gewinnen und nach der Verheiratung ihn für

immer zu fesseln. Es darf keinen eigenen Willen haben, darf weder

Unzufriedenheit noch Zorn, Heftigkeit oder Schmerz äußern; alle diese

Gefühle muß es lernen unter freundlichem Lächeln, unter höflichen

unterwürfigen Manieren und mit einer gewissen Koketterie zu verbergen;

es muß lernen, sich selbst anziehend und den anderen das Leben angenehm

und behaglich zu machen.

Glücklicherweise wird dem Töchterchen dies alles in zartester Weise und

vielleicht ganz unbewußt beigebracht. Sie ist ja der Liebling im Hause.

Die Eltern und Brüder behandeln sie mit Liebe und Zärtlichkeit, die

Diener mit Achtung.

Allmählich werden ihr auch die häuslichen Verrichtungen sozusagen

spielend beigebracht. Sie sind in japanischen Haushaltungen nicht

so bedeutend wie bei uns, denn die einfachen, einstöckigen Häuschen

haben, wie gesagt, fast gar keine Möbel, Nippsachen, Bilder, Spiegel,

Teppiche, Fenster und dergleichen. Die Zimmer sind kahle Räume mit

mattenbedecktem Boden, die Wände Papierrahmen, und die Reinhaltung

derselben sowie der Engawa, d. h. der rings um das Haus laufenden

Galerie, ist ziemlich leicht. Die Schlafstätten beschränken sich auf

einfache Matratzen, die abends auf den Fußboden gelegt und morgens,

wieder zusammengerollt, in einem Schrank aufbewahrt werden, und was die

Mahlzeiten anbelangt, so brauchen sich die japanischen Mädchen nicht

mit der höheren Kochkunst abzumühen, verschiedene Suppen, Braten und

Mehlspeisen zubereiten zu lernen, in die Geheimnisse der Tunken und

Konserven einzudringen, denn alle diese kulinarischen Genüsse wird

auch der verwöhnteste Gatte nicht von ihr verlangen. Morgens Reis,

mittags Reis, abends Reis, dazu getrocknete Fische und einfach gekochte

Gemüse, das sind die Gerichte des täglichen Speisezettels. Es giebt

auch keine Spitzen und feine Wäsche zu reinigen, keine Balltoiletten

nach neuester Mode anzufertigen, keine Hüte zu schmücken; die einzige

Fertigkeit, welche die jungen Mädchen in Japan brauchen, ist das

Nähen; ihr schlafrockartiger Kimono und das Unterröckchen, das sie

tragen, bedürfen keiner Modistin und Damenschneiderin; sie nähen ihre

Kleidungsstücke selbst, und sind diese schmutzig, dann werden sie

zertrennt und in kaltem Wasser ohne Seife gewaschen. Das Plätteisen ist

den Japanern unbekannt. Nach jeder Wäsche werden die Kleidungsstücke

neu genäht. Strümpfe und Schuhe in unserem Sinne werden von den

Japanerinnen ebensowenig getragen wie Hüte. Ihre einzige Kopfbedeckung

ist die allerdings sehr sorgfältige, mit Nadeln und Blumen geschmückte

Haarfrisur, und diese wird alle Wochen einmal von eigenen

Haarkünstlerinnen gegen ganz geringes Entgelt sorgfältig aufgebaut.

[Illustration: Knabe im Kimono.]

Die geistige Erziehung hat bis auf das letzte Jahrzehnt viel weniger

Zeit erfordert als das Anlernen verschiedener Nichtigkeiten, die aber

im Lande des Mikado eine große Rolle spielen. Die jungen Mädchen

werden sorgfältig in die Geheimnisse der zeremoniellen Theebereitung

(Tscha no yu) eingeweiht, sie lernen das umfangreiche Zeremoniell der

Begrüßung und Bewirtung der Gäste, das Zusammenstellen und Binden von

Blumensträußen, Samisen (Guitarre) spielen und in besseren Familien

wohl auch verschiedene alte Tänze und Pantomimen zur Unterhaltung ihrer

Eltern und etwaiger Gäste. Im Alter von sechs bis zehn Jahren besuchen

sie irgend eine Privatschule, wo ihnen das Lesen und Schreiben der

chinesischen und japanischen Schriftzeichen, chinesische Litteratur,

japanische Dichtkunst und Geschichte beigebracht werden. Arithmetik,

Geographie, Weltgeschichte und all die anderen Wissenschaften

unserer Schulen werden den japanischen Kindern erst seit etwa einem

Jahrzehnt bis zu einem gewissen Grade gelehrt; zuerst aber müssen sie

dem chinesisch-japanischen Schulgang folgen. Es ist keine geringe

Aufgabe für die armen jungen Wesen, nachdem sie mühsam die ungemein

schwierige Schriftsprache der Mongolen und das Malen der Tausende von

Hieroglyphen mit Pinsel und Tusche erlernt haben, die letzteren mit

Feder und Tinte zu vertauschen und Englisch, Deutsch oder Französisch

zu lernen; statt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu hocken,

auf Schulbänken zu sitzen, an Schultischen zu schreiben; und diese

Schulfrage gehört in Japan noch immer zu den ungelösten, ja vielleicht

unlösbaren Fragen. In Tokio, Yokohama und anderen Städten, in denen

die europäische Kultur einigermaßen Fortschritte gemacht hat, war es

mir ein befremdender Anblick, an Stelle der reizenden, buntgekleideten

und geschmückten Miniaturjapaner diese kleine Welt in europäischer

Kleidung mit Schulbüchern unter dem Arm zu sehen, ganz so wie bei uns.

Den Eltern bereitet diese von der Regierung dekretierte europäische

Erziehung und Kleidung ihrer Kinder schwere Sorgen und Kosten. Für die

Jungen sind die Vorteile der neuen Erziehung noch leichter zu erkennen,

bei den Mädchen aber wird die letztere einen vollständigen Umschwung

in ihrem ganzen Leben und damit auch einen Umschwung der Kultur und

Lebensweise des ganzen Volkes mit sich bringen. Ob aber die sittliche

Grundlage für die letztere wirklich vorhanden ist?

[Illustration: Der Wurstlprater in Tokio.]

Augenblicklich muß man noch im verneinenden Sinne antworten, denn

die japanischen Kinder genießen keinerlei Religionsunterricht, das

Christentum macht nur ungemein langsame Fortschritte, und die Moral

nach unseren Begriffen steht bei den Japanern auf einer verhältnismäßig

sehr niedrigen Stufe. Unsere Ansichten über die Tugend und Keuschheit,

über die Liebe, Liebeswerben und Sittsamkeit sind der großen Mehrzahl

des Volkes überhaupt unverständlich, und es muß gerechtes Erstaunen

erwecken, daß die japanische Jugend trotzdem einen so hohen Grad

kindlicher Naivität besitzt.

Und dabei bleiben Knaben und Mädchen in Japan länger Kinder als bei

uns; sie sind sich keines Unrechts bewußt und freuen sich ihrer

Kindheit, freuen sich an niedlichen, unschuldigen Spielen, freuen sich

an Puppen und Märchen und Festlichkeiten, an denen es gerade in Japan

eine übergroße Zahl giebt. Schon in ihrer frühesten Jugend lernen sie

die Arithmetik, indem sie an den Fingern abzählen, wieviel Tage es

noch bis zu dem nächsten Matsuri (Volksfest) sind. Zu Neujahr, an den

buddhistischen oder nationalen oder häuslichen Festtagen werden sie in

die denkbar buntesten Kleider gesteckt und wie Püppchen geputzt; die

Mädchen pudern und bemalen ihre Gesichter, schwärzen die Augenbrauen,

schminken die Lippen, gerade so, ja eher noch mehr als die Alten,

und es kann keinen lustigeren Anblick geben als an solchen Festtagen

die zu den Tempeln führenden Straßen und die Tempelhöfe selbst, wo

Hunderte von Buden mit allerhand bunten und sinnreichen Spielwaren

errichtet sind, zwischen denen dieses kleine Puppenvolk, begleitet von

den Eltern, sich drängt, alles betrachtet, alles kauft und sich freut,

so daß auch der ärgste Kinderfeind sich mit freuen muß. Jede Stadt

Japans ist eine Art Nürnberg oder Sonneberg; in jeder Straße findet

man Spielzeuge aller Art, und die Spielwarenindustrie ist eine der

bedeutendsten des ganzen Landes.

Das größte Fest der Mädchen ist das Puppenfest, das am dritten Tage des

dritten Monats abgehalten wird, und es giebt an diesem Tage wohl wenige

Häuser im Reiche des Mikado, wo nicht sämtliche Puppen aus den Truhen

hervorgeholt, sorgfältig herausgeputzt, gekleidet und auf Gestelle

gesetzt werden, zur Freude der jungen Welt. In den Häusern des Adels

kommen dabei zuweilen Hunderte von Puppen zum Vorschein, die zum Teil

alte Familienerbstücke sind und gewöhnlich den Kaiser, die Kaiserin,

das Gefolge und den Adel in Prachtgewändern darstellen. Die kleinen

Mädchen dürfen dann den Puppen in winzigen Geschirren die Speisen

kochen und auf ebenso winzigen Tischchen vorsetzen, sie spazieren

führen, an- und auskleiden. An den öffentlichen Feiertagen freuen sich

die Kleinen mit den Großen; sie spielen auf der Straße fast dieselben

Spiele wie unsere Kinder: Ball, Drachen und Federball; im Winter, wenn

es kalt ist, hocken sie um den Hibatschi (offenes Holzkohlenbecken) in

der Mitte des Wohnzimmers, spielen Karten oder lassen sich von Großmama

oder der Tante (O Ba San) die reizenden japanischen Märchen erzählen.

Für die Jungen ist das größte Fest das Flaggenfest am fünften

Tage des fünften Monats; in jeder Familie, welche Söhne besitzt,

werden an diesem Tage papierne Fische von ungeheurer Größe auf

Bambusstangen gebunden und diese am Hause aufgestellt. Der Wind

bläst die Papierfische wie Luftballons auf, und dann sieht man über

dem Häusermeer der Städte Zehntausende derartiger Fische schweben.

Die Jungen aber ziehen, womöglich als Soldaten oder Samurai

(Zweischwertermänner) gekleidet, bunte Flaggen in der Hand, umher und

stopfen sich mit Süßigkeiten voll. Große Freudentage sind es jedesmal,

wenn die Eltern ihre Kinder mit in das Theater nehmen, Freudentage

im wahren Sinne des Wortes, denn die Familien pflegen morgens ins

Theater zu gehen und es erst spät abends zu verlassen. Die Kinder hören

andächtig den geschichtlichen Darstellungen zu, und was daran häßlich

und gemein ist, thut ihrer Ehrfurcht vor den Eltern keinen Abbruch.

Nichts dürfte dem europäischen Besucher japanischer Inselstädte mehr

auffallen als dieser schönste Zug des japanischen Charakters. Er

wird so weit getrieben, daß sich alle Kinder und Diener eines Hauses

jedesmal auf die Knie werfen und mit der Stirne den Boden berühren,

wenn ihre Eltern ausgehen oder nach Hause kommen; nirgends ist Gehorsam

so sehr die erste Kindespflicht wie in Japan, und in dieser Hinsicht

könnten sich die Kinder in andern Ländern die Japaner zum Beispiel

nehmen.

[Illustration: Kleidermachen.]

Hymens Fesseln bei den Japanern.

Für die junge, unverheiratete Japanerin ist die Zeit, welche sie

in ihrem Elternhause zubringt, wohl die glücklichste. Eltern und

Geschwister hängen mit großer Zärtlichkeit und Liebe an ihr und

erfüllen nach Thunlichkeit alle ihre Wünsche; sie freut sich ihrer

Kindheit und genießt bis zu ihrer Vermählung zwischen dem vierzehnten

und siebzehnten Jahre weit größere Freiheiten als die Töchter anderer

Völker. Man kann es diesen kleinen, munteren, bemalten und bepuderten

Püppchen in ihren bunten Kleidern auf den ersten Blick auch ansehen,

daß sie glücklich sind. Ein ewiges Lächeln schwebt um ihre rotbemalten

Lippen, freundlich blicken ihre schwarzen, großen Augen in die Welt,

und mögen sie auch schon längst in die Geheimnisse des Ehelebens

eingeweiht worden sein, sie sind doch Kinder geblieben, die sich mit

ihren jüngeren Geschwistern an allerhand Spielen erfreuen.

All diese Freuden und diese kindliche Selbständigkeit müssen sie

aufgeben, sobald sie heiraten. Wenn sie sich nur ihre zukünftigen

Gatten selbst auswählen dürften! Wenn es ihnen nur gestattet würde,

ihre Herzen zu Rate zu ziehen, umworben und in unserem Sinne geliebt zu

werden! Aber das Liebesleben unserer Völker ist den Japanern unbekannt.

Hat das junge Mädchen das genannte heiratsfähige Alter erreicht, so

trachten die Eltern, sie sobald als möglich unter die Haube zu bringen.

Aber die einleitenden Schritte werden selten von der Familie des

Mädchens unternommen. In der Regel wendet sich der heiratslustige junge

Mann an einen schon verehelichten Freund, der unter den jungen Musmis

seiner Bekanntschaft Umschau hält; hat er eine gefunden, die ihm für

seinen Freund passend erscheint, so trägt er die Sache ihren Eltern

vor. Diese erkundigen sich nun ihrerseits nach den Verhältnissen des

jungen Mannes, und sind sie geneigt, ihm ihre Tochter zu geben, so wird

gewöhnlich im Hause des Vermittlers oder bei einer Theegesellschaft

oder bei einer Theatre party eine Begegnung der jungen Leute zu

stande gebracht. Des jungen Mädchens Wille wird dabei nicht besonders

berücksichtigt, und es scheint ihr auch gar nicht so sehr daran gelegen

zu sein. Sie weiß, daß sie der Ehe ebensowenig entgehen kann wie dem

Tode, und so kann es sich ihr dabei hauptsächlich nur darum handeln,

von allen Uebeln das kleinste zu wählen, d. h. einen Mann zu finden,

gegen den sie nicht gerade Abneigung empfindet. Wärmere Gefühle,

Sympathie oder gar Liebe werden von ihr nicht erwartet. Hat auch der

Freier nichts Besonderes an ihr auszusetzen, so wird die Sache gleich

in Ordnung gebracht. Er hat ja nicht viel dabei zu verlieren, da er

sie nach ein paar Monaten Probezeit ohne weiteres ihren Eltern wieder

zurückschicken kann. Zum Zeichen seines Einverständnisses sendet er

seiner Zukünftigen gewöhnlich ein Stück Seidenstoff, das die Stelle des

Verlobungsringes vertritt. Die Familie des Mädchens dagegen sendet ihm

ein ähnliches Stück Stoff für einen Kimono. Nun wird mit Brautstand und

Hochzeitsvorbereitungen nicht mehr viel Zeit verloren. Die Freunde des

Bräutigams lassen sich bei Wahrsagern einen glücklichen Tag für die

Hochzeit nennen, und am Abend dieses Tages begiebt sich die Braut in

das Haus ihres Bräutigams.

Religiöse oder gesetzliche Förmlichkeiten sind bei japanischen Heiraten

nicht erforderlich. Der ganze Vorgang ist nicht viel mehr als die

Uebersiedelung des Mädchens aus ihrem Elternhause in jenes des jungen

Mannes. Ihre Kleider, ein Schreibtischchen, ihr Arbeitskorb, das

Kästchen mit ihren Schminken und Pomaden, dann zwei Eßtischchen und ein

paar Teller aus lackiertem Holz bilden die gewöhnliche Aussteuer. Je

wohlhabender die Familie, desto größer ist die Last ihrer Kleider, und

häufig kommt es vor, daß junge Mädchen davon mehr in die Ehe bringen,

als sie für ihr ganzes Leben brauchen. Auch ihre persönliche Dienerin,

wenn sie solche besitzen, pflegt ihnen in das neue Haus zu folgen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 51 / 71 段