zeigen ihre Töchter durch ihr ganzes dornenvolles Leben, und es ist
nur erstaunlich, mit welcher Anmut, welcher demutsvollen Hingebung
die Frauen die größten Erniedrigungen ertragen. Sie bleiben Kinder so
lange, bis sie selbst Mütter werden, und dann wenden sie ihre ganze
Liebe, ihr ganzes Leben ihren eigenen Kindern zu, deren Sklaven sie
sozusagen werden. Niemals verschwindet das Lächeln von ihren Lippen:
ein kindliches Lächeln, solange sie unter der Mutter Obhut sind, ein
naiv-fröhliches Lächeln als Mädchen, ein bitteres Lächeln als Frauen.
Aber daß es in Gegenwart ihres Gatten von ihren Lippen schwinden würde?
Nein. Während mehrmonatlicher Reisen in Japan habe ich viele Tausende
von Frauen in allen Lebenslagen gesehen, aber niemals sah ich eine im
Zorn, niemals hörte ich eine Frau laut sprechen oder schelten, niemals
ein Gezänk mit Männern oder anderen Frauen. Sie wissen, daß die Männer
ihre unumschränkten Herren sind und von diesen nur so lange geduldet
werden, als sie ihnen gehorchen und angenehm sind. Eifersuchtsscenen,
Ungehorsam, Zänkerei, Geschwätzigkeit sind hinreichende Gründe, um sie
aus dem Hause zu jagen. Der geringste Anlaß kann als Scheidungsgrund
gelten, und sie müssen dann unter Zurücklassung ihrer Kinder enttäuscht
und unglücklich in ihr Vaterhaus zurückkehren, ohne von ihren
geschiedenen Gatten auch nur den geringsten Beitrag zu ihrem ferneren
Lebensunterhalt zu bekommen. Sie fallen dann wieder ihren Eltern und
Brüdern zur Last, denn eigenes Vermögen besitzen Japanerinnen niemals.
Nur die Söhne sind erbberechtigt, und ist kein eigener Sohn vorhanden,
so wird ein fremder adoptiert. Die Frauen besitzen nichts als ihre
Kleider und einige Hausgerätschaften. Erwerbszweige stehen ihnen keine
offen; was bleibt ihnen also übrig als zu leiden und zu dulden?
Wenn all ihre Mühen und Plagen für ihre Gatten von diesen nur durch
Liebe und Zärtlichkeit vergolten würden! Aber ebensowenig wie von ihnen
erwartet wird, daß sie den Gatten, denen sie von ihren Eltern gegeben
werden, Liebe entgegenbringen, ebensowenig werden sie auch von ihren
Gatten wirklich geliebt. Professor Chamberlain, der seit mehr als
zwanzig Jahren in Japan weilt, gesteht in seinem Werke Things japanese,
er hätte in dieser langen Zeit nur von einer einzigen Liebesheirat
gehört, und dabei hatten die beiden jungen Leute ihre Erziehung auch
noch in Amerika genossen. Sehr häufig kommt es allerdings vor, daß
zwischen den Gatten eine gewisse Neigung herrscht, allein diese ist
weit entfernt von Liebe in unserem europäischen Sinne.
Und doch erscheinen diese kleinen, herzigen, zärtlichen Wesen, die
hübschesten Mädchen, die geduldigsten Frauen, die aufopferndsten Mütter
wie für die Liebe geschaffen. Ist es nicht wie ein Fluch, daß der
Himmel diesem intelligenten und zivilisierten Volke das herrlichste
aller Gefühle, unsere Liebe, versagt hat? Sogar der Kuß ist ihnen
unbekannt. Er erscheint ihnen als etwas Tierisches.
Wenn die Frauen noch wenigstens in ihrem Hause mit Gatten und den
Kindern ihr Leben lang allein bleiben würden! Aber bald nach der Geburt
des ersten Kindes entfremdet sich ihnen der Gatte nur zu häufig, und
sie müssen es geduldig ertragen, daß er eine zweite Frau, vielleicht
auch eine dritte, ins Haus nimmt, sie müssen lächeln, während er
diesen seine Zärtlichkeit zuwendet, sie müssen schweigen, wenn er sie
fürderhin nicht mehr beachtet. Ihr ganzes Wesen sollte sich dagegen
aufbäumen, aber die Japanerin hat von frühester Jugend an dulden und
leiden gelernt, und sie leidet auch nicht in dem gleichen Maße, wie
unsere Frauen, eben deshalb, weil sie die wahre Liebe nicht kennt.
[Illustration: Frauen, Gobang (Sugoroku) spielend. (Obi von hinten
gesehen.)]
[Illustration: Beim Thee.]
Wenn vorhin davon die Rede war, daß den Frauen Japans keine
selbständigen Erwerbsquellen offen stehen, so müssen doch einige
Ausnahmen gemacht werden, die hauptsächlich für die Frauen der
unteren Volksklassen gelten. Sehr zahlreich sind die Dienerinnen
in Privathäusern, Hotels und Theehäusern, sowie jene, welche
Terpsichore ihr Talent, und wenn auch das nicht, so doch ihre Jugend
weihen. Wer hat nicht schon von den reizenden Gaishamädchen gehört,
welche mit Musik und Tanz die geselligen Abende der Japaner erheitern?
Aber auch diese finden trotz ihres losen Lebenswandels zuweilen einen
Mann, ja die Gaishas heiraten sogar in die höchsten Stände ein und
werden ehrbare Hausfrauen, die ihre Männer durch ihren Witz und ihr
Talent viel länger zu fesseln verstehen als viele andere Frauen.
Die glücklichsten Frauen sind in Japan doch jene der ärmsten
Volksklassen, und vornehmlich auf dem Lande. Die Männer haben
nicht die Mittel, sich Nebenfrauen zu nehmen, und Not kennt kein
Gebot. Gemeinschaftlich begeben sich Mann und Frau zur Arbeit,
gemeinschaftlich wird gegessen, sie teilen Freud und Leid miteinander,
und die Frau ist mitunter, statt Dienerin zu sein, selbst der
herrschende Geist der ärmlichen Haushaltung. Bei dem geringen Ansehen,
das die Frauen in Japan genießen, und bei der großen Freiheit der
Männer, ihrer Herren, ist es ein wahrer Segen, daß die Japaner im
allgemeinen so höflich, zuvorkommend und ruhig sind, selbst bis in die
unteren Stände. Welches elende Los wäre den Frauen beschieden, wenn
in den ersteren ebensoviel Roheit, Rücksichtslosigkeit und Flegelei
herrschen würde wie in Ländern, die dem unserigen viel, viel näher
liegen!
[Illustration: Arten der Fußbekleidung der Japanerinnen.]
[Illustration: Bei der Toilette.]
Japanische Frauentoilette.
Einer der Hauptreize der Japanerin liegt wohl unbestreitbar in ihrer
Toilette. Nicht in jener, die durch eine der unsinnigsten Verordnungen
des neuen Japan aus unserer alten westlichen Welt auch in dem fernen
Lande des Sonnenaufgangs teilweise zur Einführung kam, sondern in
jener Toilette, die die Japanerin seit undenklichen Zeiten bis auf die
Gegenwart beibehalten hat. In Japan sind die Toiletten glücklicherweise
nicht so sehr den Launen der Prinzessin Mode unterworfen wie anderswo.
Dort hat man niemals etwas von Krinolinen, von Puffenärmeln und Culs
de Paris gehört, der Schwerpunkt der Damentoiletten springt nicht in
jedem Jahre, in jeder Saison von oben nach unten, von hinten nach vorn.
Die japanischen Damen tragen keine mit ausgestopften Vögeln, Flügeln
von Käfern, Federn und anderen barbarischen Zuthaten geschmückten Hüte;
sie durchlöchern sich ihre Ohrläppchen nicht, um sie mit schwerem
Geschmeide aus Edelmetall und Steinen zu beschweren; sie schnüren ihre
zarten Füßchen nicht in enge, drückende Schuhe, und was den Stahl-
und Fischgrätenpanzer anbelangt, mit welchem die Damen anderer Länder
ihre Leiber umspannen, um sich, nach dem Ausspruch eines chinesischen
Mandarins, das Aussehen von Wespen zu geben, so sind ihnen dieselben
vollkommen unverständlich.
Die Toilette der Japanerin ist, was ihre Zusammensetzung und ihren
Zuschnitt betrifft, von klassischer Einfachheit; sie erinnert am
ehesten an jene der Griechin aus der klassischen Zeit und ist
vielleicht ebenso alt wie diese. Aber dabei ist sie im ganzen genommen
schöner, denn zu den langen, faltenreichen Gewändern treten noch die
Feinheit und Kostbarkeit der Stoffe und vor allem die herrlichen
Farben, an denen sich das künstlerische Auge niemals sattsehen kann.
Wer jemals in Tokio oder in der alten Hauptstadt von Dai Nipon, in
Kioto, eines der zahlreichen Volksfeste mitgemacht hat, den wird neben
der Anmut und Lieblichkeit der japanischen Frauen nichts so sehr in
Entzücken versetzt haben wie diese zarten, duftigen, farbenreichen
Trachten, die den Volksmassen, aus der Ferne gesehen, das Aussehen
lebendiger Blumenbeete geben, umflattert von den herrlichsten
Schmetterlingen. Den Flügeln der letzteren, den Farben der ersteren
mögen die Japaner bei ihrem einträchtigen Zusammenwirken mit der
sie umgebenden herrlichen Natur, ja ihrem vollständigen Aufgehen in
derselben ihre Toiletten abgelauscht haben. Wie Blüten um den Stengel,
wie die Flügel an den Schmetterlingen liegen diese reizenden bunten
Trachten auf der Japanerin, und beinahe könnte man sagen, nur diese
verleihen ihr jenen eigenen, seltsamen Reiz; ohne sie erscheint auch
die Japanerin wie der Schmetterling ohne Flügel, denn sie ist im
Gegensatz zu ihrer europäischen Schwester keineswegs von besonderer
Körperschönheit.
Kein Wunder, daß die Japanerin auf ihre Toilette vielleicht noch mehr
Wert legt als die Europäerin. Aber sie thut es naiver, unbewußter als
besonders jene Erscheinungen des Fin de siècle, welche ein geistreicher
Franzose mit dem Namen Demi-Vierges bezeichnet hat. Die Japanerin
schmückt sich, um sich und den anderen zu gefallen, aber mit derselben
Harmlosigkeit entkleidet sie sich auch dieses Schmuckes und zeigt sich,
wie die Natur sie erschaffen hat. Badet sie, so thut sie es offen und
findet jedes Kleidungsstück vollständig für überflüssig; ist sie zu
Hause, so wird sie, der heißen Sommerzeit entsprechend, die langen
Kimonos abwerfen und vielleicht nur einen Lendenschurz anbehalten;
sie macht kein Geheimnis aus ihren Schönheitsmittelchen, aus Puder
und Schminken, aus Pomaden und dergleichen; die Häuser, vornehmlich
in den Landstädten und Dörfern, sind weit geöffnet, die Holz- und
Papierwände sind zur Seite geschoben, um der Luft möglichst freien
Durchzug zu gestatten, und das ganze Hauswesen, bis zu den hintersten
Räumlichkeiten, liegt dem Auge des Spaziergängers offen da. Kein
Wunder, daß der Reisende, vielleicht ohne es zu wollen, in die ganze
weibliche Intimität der japanischen Haushaltung eindringen kann und
alles dort tausendmal unbehindert sieht, was ihm im Abendlande immer
streng verborgen bleibt. Er lernt die Japanerin nicht nur im Theater,
im Theehause und auf Festlichkeiten kennen; er sieht sie bei ihren
häuslichen Verrichtungen, bei der Toilette, ja selbst im Bade, und es
kann ihm in den volkstümlichen Badeorten Japans, wie z. B. in Ikao,
selbst begegnen, daß er bei seinem eigenen Bade von einigen reizenden
Nymphen überrascht wird, die, ohne sich in ihrer Naivität das geringste
dabei zu denken, das Bad mit ihm teilen. Mit Ausnahme der Hauptstadt
baden beide Geschlechter in ganz Japan gemeinsam in öffentlichen
Bädern, und eben der Umstand, daß sie von frühester Jugend daran ebenso
gewöhnt sind, wie es vor ihnen ihre Väter und Großväter waren, läßt
ihnen das Befremden der Europäer darüber ganz unverständlich erscheinen.
Der Schnitt der japanischen Damenkleider ist bei hoch und niedrig,
bei arm und reich, bei jung und alt, im ganzen Lande der gleiche,
und überall sind auch die Kleidungsstücke dieselben. Die kleinen
drei- bis fünfjährigen Püppchen, die mit ihren rasierten Schädeln auf
den Veranden, vor den Häusern oder auf der Straße ihren fröhlichen
Schabernack treiben, sind gerade so gekleidet wie ihre Großmama. Der
einzige Unterschied liegt in der Gattung und Farbe der Stoffe. Wie
die Aristokratin der vornehmsten Fürstenfamilie zottelt auch das
Mädchen aus dem Volke auf plumpen, schweren Holzsandalen einher,
und ebensowenig wie die letztere trägt auch die erstere jemals eine
Kopfbedeckung, es sei denn im Winter bei kaltem Wetter. Dann wird bei
Ausgängen eine Art Kapuze über den Kopf gezogen.
Beginnt die Japanerin der mittleren und oberen Stände ihre Toilette,
so wird sie zuerst den Yumodschi, ein weißes Tuch von der Form und
Breite unserer Handtücher, aber von der doppelten Länge, um die Hüften
winden und dann einen ziemlich knapp sitzenden Bademantel aus zartem,
hellfarbigem Seidenkrepp mit weiten Aermeln, den sogenannten Dschiban,
anziehen. Dieses reizende, den ganzen Körper bis zu den Füßen leicht
verhüllende Kleidungsstück vertritt bei den Töchtern Nipons unsere
Hemden. Im Winter wird darüber noch ein zweites wollenes Unterkleid,
Schitagi genannt, getragen, im Sommer aber folgt auf den Dschiban
gleich der Kimono, das äußere Kleid. Alle drei, Dschiban, Schitagi und
Kimono, sind ganz von demselben Zuschnitt und passen so genau in- und
aufeinander wie die bekannten japanischen Schachteln. Der Kimono ist
aber stets aus viel kostbarerem Stoff als die Unterkleider, und auf
ihn wird von der Japanerin viel mehr Sorgfalt verwendet; denn an der
Farbe, an dem Stoff und an der Ausschmückung desselben erkennt man die
gesellschaftliche Stellung, ja selbst das Alter der Trägerin. Zu Hause
werden einfache Kimonos aus gewöhnlichen Stoffen getragen, für Ausgänge
und Festlichkeiten solche aus Seide oder Seidenkrepp, und für besondere
Feierlichkeiten dienen Kimonos aus den kostbarsten, schwersten
Brokatstoffen, in so herrlichen Mustern, mit so zarten und dabei
reichen Stickereien, wie sie in Europa höchstens für die Prunkgewänder
von Kirchenfürsten Verwendung finden. Wer in den achtziger Jahren das
Glück gehabt hat, einer Festlichkeit bei Hofe beizuwohnen, etwa wie
den berühmten Chrysanthemumfesten in den kaiserlichen Gärten, dem wird
dasselbe wie ein Feenmärchen in der Erinnerung schweben. Inmitten
des entzückendsten Blumenflors, wo Zehntausende der herrlichsten
Chrysanthemen in allen erdenklichen Farben im Sonnenlichte prangten,
wogten Hunderte japanischer Damen, selbst blumengleich, auf und
nieder, und ihre lang wallenden Kleider wetteiferten mit den Blumen
an Farbenreichtum; nur verging jener der letzteren mit den kalten
Wintertagen, während die Gewänder der japanischen Aristokratie für die
Ewigkeit gewebt zu sein scheinen. Von Generation zu Generation wurden
diese Gewänder fortererbt bis auf den heutigen Tag, wo eine kalte,
herzlose Verordnung der japanischen Regierung sie fortdekretiert hat,
um sie durch die reizlosen Trachten der Europäerin zu ersetzen. Die
Prachtkimonos, in Farbe und Zeichnung wahre Gedichte, wanderten zu den
Händlern und durch diese in die Museen und Privatsammlungen Europas,
wo sie heute das Entzücken aller Kunstfreunde erregen. Jede vornehme
Japanerin besaß eine ganze Auswahl solcher Prunkgewänder für jede
Jahreszeit. Standen die Pfirsich- und Kirschbäume in Blüte, dann trug
sie einen Kimono über und über mit den gleichen Blüten gestickt; kam
die Zeit der Chrysanthemen, dann vertauschte sie dieses Gewand mit
einem anderen, welches in zartester Seidenstickerei nur Chrysanthemen
zeigte, und so wechselten die Gewänder der Frauen, dieser menschlichen
Blüten, je nach den Blütezeiten in der japanischen Flora. Aber nur bei
Gesellschaften und festlichen Anlässen wurden und werden vielfach heute
noch diese Gewänder getragen. Im gewöhnlichen Leben und auf der Straße
sind die Kimonos der Damen viel einfacher, leichter, ruhiger in der
Farbe, ohne Blumen und Stickereien. Die einzige Ausschmückung, welche
diese Straßenkimonos zeigen, sind die auf dem Nacken und den Aermeln in
weißer Farbe aufgestickten Wappen der Trägerin.
Nur die Kinder werden auch im gewöhnlichen Leben in die buntesten
Kleider gesteckt; in allen Farben des Regenbogens prangen ihre
Kimonos, geschmückt mit großen, auffälligen Stickereien. Je älter das
Kind, desto zarter werden die Farben, desto kleiner die Muster, und
die jungen Damen tragen nur einfarbige helle Kimonos, zumeist zart
rosenrot, lichtblau, lila oder taubengrau, das heute die fashionable
Farbe zu sein scheint. Je älter die Dame, desto dunkler wird die Nuance
des Kimono, ohne jemals ganz schwarz zu werden.
Aber es giebt doch eine Klasse von Frauen, welche sich darin gefallen,
auch im gewöhnlichen Leben die geschilderten reichen Trachten zu
tragen, ja jene der vornehmen Welt darin zu überbieten: die Sängerinnen
und Tänzerinnen, jene leichtlebigen originellen Geschöpfe, welche bei
den Japanern eine so große Rolle spielen.
[Illustration: Haartrachten der Japanerinnen.]
Der Kimono wird um den Leib durch ein breites Band, den Obi,
zusammengehalten, und auf dieses Band verwenden die Japanerinnen
aller Stände die größte Sorgfalt. Der Obi ist ihr größter Stolz, ihr
Reichtum. Der Reisende, welcher in den ersten Tagen seines Aufenthaltes
in Japan auf der Straße oder im Eisenbahnwagen, in Theehäusern oder
im Theater Japanerinnen sieht, wird von diesem Kleidungsstück nicht
sonderlich erbaut sein, denn wie eine wattierte Leibbinde, stets von
dunklerer Farbe als der Kimono, umgürtet der Obi den zarten Leib der
Japanerin, um sich rückwärts zu einem Cul de Paris aufzubauschen, der
mit einem großen Kopfkissen verzweifelte Aehnlichkeit hat. Wären die
Obis weiche, schmale Schärpen, wie sie die Männer in Japan um ihren
Kimono tragen, das Aussehen der Japanerin würde dadurch entschieden
gewinnen. Der Obi ist ein drei bis vier Meter langes und etwa einen
Meter breites, viereckiges Stück Stoff, aber stets von der schwersten
Seide und so kostbar, wie ihn die Trägerin nur erschwingen kann.
Es giebt Obis, welche Hunderte von Mark kosten, und gewöhnlich
ist der Preis dieses Gürtelbandes höher als jener aller anderen
Kleidungsstücke, welche die Japanerin trägt, zusammengenommen. Um den
Obi anzulegen, ist immer die Hilfe einer zweiten Person erforderlich,
und es scheint in der That eine wahre Kunst zu sein, den Obi zu
knüpfen. Zunächst wird über die langen, faltenreichen Kleider eine
Schärpe aus Krepp, der Hoso-Obi, gebunden, dann wird der Obi der Länge
nach zu einer etwa fußbreiten Schärpe zusammengefaltet und mit der
Faltung nach oben der Japanerin zwei- bis dreimal um den Leib gewunden.
Die Enden werden rückwärts in kunstvoller Weise zu einer riesigen
Masche gebunden, und diese zwölf bis fünfzehn Lagen des ungemein
schweren, dicken Stoffes bilden eben das eigenartige Kissen, das die
Japanerin unter ihrem Rücken trägt. Um seinerseits wieder den Obi zu
halten, wird darüber ein elastisches dünnes Seidenband mit kleinen
kunstvollen Goldschließen an den Enden, das Obi-dome, gebunden. In
den Falten des Obi verbirgt die Japanerin eine ganze Menge kleiner
Artikelchen, die sie stets bei sich zu tragen pflegt, und was im Obi
nicht Platz findet, wird in die weiten, sackartig herabfallenden Aermel
des Kimono gesteckt. Da sind zunächst die kleinen, weichen Papierchen,
welche die Japanerin statt des Taschentuches zu benutzen pflegt; ferner
Pfeife, Tabaksbeutel und Zündholzschachtel, denn die Töchter Japans
sind eingefleischte Raucherinnen und ziehen alle Augenblicke die
winzigen Pfeifchen mit den fingerhutgroßen Köpfen und bleistiftlangen
Stielen hervor, um sich diesem Genuß hinzugeben. Dann kommen allerhand
Toilettenartikel, Kamm, Nadeln, Puderbüchse, Schminkkästchen,
Schwärzestifte für die Augenbrauen, ein kleines Spiegelchen und
schließlich der unentbehrliche, allgegenwärtige kleine Papierfächer.
[Illustration: Haartracht einer Japanerin.]
Noch häßlicher als der Obi erscheint dem Europäer die Fußbekleidung
der Japanerin. Diese zarten, ätherischen, reizenden Geschöpfchen
gehen ihr ganzes Leben lang auf schweren Holzschuhen einher. Schon
in den ersten Jahren ihrer Kindheit werden ihre winzigen Füßchen in
zolldicke Holzsandalen gesteckt, die durch Lederstreifen an den Füßen
festgehalten werden, und ein anderes Schuhwerk bleibt ihnen bis zu
ihrem Tode unbekannt. Die Japanerin trägt keine Strümpfe. Ihre Waden
bleiben nackt, und gehen sie im warmen Sommer in den Straßen oder den
schattenreichen städtischen Parks spazieren, dann legen sie wohl auch
ihre Kimonos über den Arm und zeigen mit rührender Unverfrorenheit
ihre Beine. Aber auch bei herabfallenden Kimonos öffnen sich diese
Gewänder beim Gehen und enthüllen die Beine mehr oder weniger bei jedem
Schritte. An Stelle der Strümpfe trägt die Japanerin ganz kurze, etwa
bis über die Fußknöchel reichende Leinen- oder Seidensocken mit einer
Abteilung für die große Zehe und fester Sohle aus dickem Baumwollstoff.
In ihren Häusern, im Theater, in Tempeln und Theehäusern gehen die
Japanerinnen nur in diesen Socken einher, und die Holzsandalen bleiben
vor der Thüre stehen. Treten sie auf die Straße, so schlüpfen sie
mit ihren Füßen wieder in die schweren Klötze und schleifen damit
mühsam und mit gebeugten Knien, vornüber geneigt, einher. Stehend oder
sitzend ist die junge Japanerin von unsagbarem Reiz, der aber sofort
verschwindet, wenn sie auf der Straße einherschlürft.
Man geht in Europa fehl, wenn man glaubt, die Verordnung der
japanischen Regierung hätte im Volke irgendwelche Wirkung gehabt
und das alte Japan hätte seine bisherigen malerischen Trachten
modernen Kleidern, Miedern, Federhüten und Stöckelschuhen geopfert.
Ausschließlich bei Hofe werden diese Produkte der europäischen
Modeknechtschaft getragen, und die in solcher Maskerade erscheinenden
Damen mögen wohl als abschreckendes Beispiel für all ihre nicht
hoffähigen Schwestern gedient haben, denn, der Vorsehung sei es
gedankt, man begegnet in Japan, wohin man auch reisen mag, in Städten
und Dörfern, bei hoch und niedrig, nur japanischen Toiletten. Statt
dieselben durch europäische ersetzt zu sehen, müßte man eigentlich
herzlich wünschen, daß der japanische Kimono, aber ohne Obi und
Holzsandalen, im Abendlande Einführung fände.
[Illustration: Mädchentrachten; Rückenansicht.]
[Illustration: Kinderspiele bei einem Volksfeste.]
Japanische Jugend.
Dem europäischen Besucher Japans muß das ganze, ferne, schöne
Inselreich wie ein einziger großer Kindergarten vorkommen. Alles
scheint sich dort um die liebe, kleine, herzige Welt zu drehen. Die
Häuser sind so klein und nett und zierlich, die Gerätschaften darin
erinnern an Spielzeuge, die Gärtchen rings herum mit ihren kurios
beschnittenen und verkrümmten Bäumchen, ihren winzigen Rasenflächen,
Wassertümpeln, Miniaturbrücken und Tempelchen sehen aus, als wären sie
für Puppen und nicht für Menschen geschaffen worden. In Japan sind eben
auch die Erwachsenen in vielen Beziehungen Kinder. Man kann dort wohl
sagen, wo die Kindheit anfängt, aber nicht, wo sie aufhört. Es ist das
reine Kinderparadies.
Kinder bilden die einzige Sehnsucht des neuvermählten Ehepaares und,
sind sie einmal vorhanden, dessen größten Stolz, ja dessen wichtigsten
Besitz. Der Vater arbeitet nicht bis zu seinem Greisenalter, um die
Kinder zu ernähren. Die Kinder sind es, die den Vater ernähren. Ist
sein Haar grau geworden, so pflegt er sich von seinen Geschäften
zurückzuziehen und überläßt die weitere Sorge, ja überhaupt seine ganze
Habe, seinem ältesten Sohne. Er selbst verbringt den Rest seines Lebens
in Ruhe und Behaglichkeit. Japanische Eltern blicken nicht mit Sorge in
die Zukunft, denn sie wissen und können in allen Fällen darauf zählen,
daß das Uebermaß von Liebe und Zärtlichkeit, das sie ihren Kindern zu
teil werden lassen, von diesen reichlich vergolten wird, daß sie bis zu
ihrem Tode von ihren Nachkommen gepflegt, geliebt und geachtet werden.
Der größte Segen der Japaner ist ihr Kindersegen.
Die Ankunft eines Kindchens wird mit Freude begrüßt, besonders wenn der
neue Ankömmling auf Erden männlichen Geschlechts ist, denn nur ein Sohn
kann Namen und Besitz der Familie erben. Sofort werden Verwandte und
nähere Freunde durch eigene Boten von dem großen Ereignis in Kenntnis
gesetzt, und bald darauf stellt sich ein Strom von Besuchern in dem
glücklichen Hause ein, um die Eltern zu beglückwünschen und das junge
Wesen in Augenschein zu nehmen. Freude auf allen Gesichtern, nur nicht
bei dem kleinen Weltbürger, der von Hand zu Hand gereicht wird und
dem die Welt in den ersten Wochen seines Daseins recht unbehaglich
vorkommen mag. Die Geschenke, die er erhält, kann er ja nicht nach
ihrem Werte schätzen, und Geschenke erhält er in Hülle und Fülle. Bald
sind es Kleidungsstücke oder Stoffe verschiedener Art, bald Spielzeug
oder Lebensmittel, hauptsächlich Eier. Alle Geschenke sind niedlich in
Papier verpackt und mit rotem Bindfaden zusammengebunden. An diesem
hängt, in einem winzigen Paketchen aus rotem Papier, ein Stückchen
Fisch, Noski genannt, der bei den abergläubischen Japanern als
glückbringend gilt.
Am siebenten Tage nach der Geburt des Kindes wird ihm von seinem
Vater oder einem Freunde der Familie ein Name gegeben, gewöhnlich der
Vatername, etwas verändert, oder der Name eines Vorfahren. Ist das Kind
ein Mädchen, so wird es nach irgend einer hübschen Naturerscheinung
benannt, wie Frühling, Sonnenschein oder Gold, Apfelblüte,
Chrysanthemum, Lilie und so fort.