Selbst ihren alten angestammten Namen büßten sie vielfach ein. Die

Bezeichnungen Kuge und Daimio wurden fortdekretiert und an ihrer Stelle

eine neue Rangordnung des Adels eingeführt, ganz nach europäischem

Muster. Es wurden Fürsten, Marquis, Grafen, Vizegrafen und Barone

geschaffen und die früheren Daimios je nach ihrem alten Rang und

Reichtum dieser oder jener Klasse zugeteilt. Sogar Samurais, die sich

um die moderne Bewegung Verdienste erworben hatten, wurden diese neuen

Adelstitel verliehen. Aber die alten Kuge konnten sich auch in dem

neuen Gewande nicht dazu bequemen, die Daimios und geadelten Samurais,

obschon sie vielleicht denselben Adelstitel besaßen, als ebenbürtig

zu betrachten; die Hofkreise Japans sind in ähnliche Fraktionen und

Cliquen gespalten wie die Aristokratie Frankreichs. Auch in dem Reiche

des Mikado giebt es ein Faubourg St. Germain und ein Faubourg St.

Honoré, bei allen aber dreht es sich hauptsächlich um die Gunst des

Kaisers.

Der heutige Adel von Japan zählt 10 Fürsten, 25 Marquis, 80 Grafen, 352

Vicomtes und 98 Barone. Von den 10 Fürsten sind die 5 alten Gosekke,

d. h. die höchststehenden der früheren 155 Kugefamilien, nämlich die

Ichijo- (denen die regierende Kaiserin entstammt), Kujo-, Takatsukasa-,

Nijo- und Konoyefamilien; ihnen wurden 1883 noch die Häuser Sanyo,

Iwakura, Shimadzu, Mori und Tokugawa beigesellt, und diese zehn

Familien genießen das Privilegium, daß aus ihren Töchtern die Braut des

Kaisers oder des Thronfolgers gewählt wird.

Der Kaiser verkehrt auch in den Häusern der Fürsten, und vor einigen

Jahren waren es gerade die Tokugawa, welche dem Souverän in ihrem

Palaste eine große Festlichkeit im altjapanischen Stile gaben. Bei dem

Preisfechten und der Novorstellung (eine Art lyrischen Dramas) kamen

dieselben Gesichtsmasken und unschätzbaren Kostüme zur Verwendung,

die in der Familie der Tokugawa seit Jahrhunderten im Gebrauch waren.

Uralter Sitte gemäß wurden dem Kaiser bei seinem Besuche ein kostbares

Schwert und ein Festgedicht in einem Kästchen aus Goldlack überreicht.

Der Kaiser nahm diese Geschenke aus den Händen des Gastgebers entgegen,

eines Mannes, dessen Vater Keiki der letzte der Schogune war. Dieser,

ein Rebell gegen die kaiserliche Gewalt, lebt heute vergessen, ohne

jeden Anhang und ohne politische Absichten und Hoffnungen, auf einem

kleinen Landgute in der Nähe von Shidzuoka, während sein Sohn sich

mit der gegenwärtigen Regierung vollständig ausgesöhnt hat und sich

der Gunst des Kaisers erfreut. Den heutigen Marquis und Grafen

und Vicomtes würde man es gewiß nicht ansehen, daß sie vor dreißig

Jahren noch in den alten Daimiokostümen, begleitet von einer Anzahl

Zweischwertermännern und zahllosem, malerischem Gefolge, auf dem

Tokaido oder anderen Straßen des Landes einherzogen, kleine Souveräne

mit Hofstaaten und großen Einkünften. Schmächtige, bewegliche, ungemein

höfliche Männer, kleiden sie sich nach der neuesten Mode und sehen so

elegant aus, als wären sie ihr Leben lang nicht über Piccadilly oder

St. James hinausgekommen. Sie fahren in modernen Equipagen umher,

reiten, spielen Lawn Tennis und unterhalten sich mit den ausländischen

Diplomaten in französischer, deutscher oder englischer Sprache über

allerhand europäische Dinge. In ihrem Adelsklub, dem Rokumeikwan,

lesen sie die Times oder Kreuzzeitung, spielen Billard wie Franzosen

und Poker wie Yankees; dazwischen machen sie Damen den Hof, besuchen

Afternoon Teas und lassen sich bei Wohlthätigkeitsbazars ausplündern.

Der vornehme Prinz Shimadzu von heute ist kein anderer als der einstige

Daimio von Satsuma; der Marquis Maeda, bekannt wegen seines Reichtumes

und Schwager eines kaiserlichen Prinzen, ist der frühere Daimio von

Kaga. Sein Palast hat den Bauten der neuen Universität Platz gemacht,

seine früheren Jahreseinkünfte von nahe zwei Millionen Hektoliter

Reis fließen in die kaiserlichen Kassen, aber er hat doch genug übrig

behalten, um überall, auch in Europa, als reicher Mann zu gelten.

Aber noch auffälliger ist die Wandlung, die mit den früheren Kuge- und

Daimiodamen vor sich gegangen ist. Die zarten, bemalten Geschöpfchen

mit den glattrasierten Augenbrauen und geschwärzten Zähnen, mit den

buntfarbigen Kimonos und schweren Holzpantoffeln, die ihr ganzes

Leben auf den Schlössern ihrer Väter verträumten, sind heute Pariser

Modedamen mit modernsten Toiletten und Brillantenschmuck; sie haben

sich die Augenbrauen wieder wachsen lassen, ihre Zähne sind wieder

weiß geworden, und wären sie nicht so schlitzäugig und von gelblichem

Teint, man könnte sie für vornehme Europäerinnen halten. Während

sie früher vom Hauswesen, von Gesellschaften und dergleichen gar

nichts wußten, sind manche heute die Leiter ihrer Hauswesen in großen

Palästen oder Villen, ganz nach abendländischem Muster, und erfüllen

ihre vielen Pflichten mit einer Gewandtheit, die Staunen erweckt.

Selbst ans Reiten und Fahren haben sie sich gewöhnt. In Tokio besteht

unter dem Schutze der Kaiserin, die selbst eine passionierte Reiterin

ist, eine Damenreitschule, wo sich die jungen Aristokratinnen auf

vortrefflichen Pferden, Mischlingen von japanischen und ungarischen

Tieren, herumtummeln.

Nichts spricht so sehr für das Nachahmungs- und Anschmiegungstalent

der Japaner als die Schnelligkeit, mit welcher selbst ihre Frauen

ihre ganze Kultur und Anschauungsweise verändert haben. Sie legten

das alte Japanertum anscheinend mit ebensowenig Schwierigkeit und

Bedauern ab wie ein Paar getragene Handschuhe, aber nur anscheinend,

denn ihre Anstrengungen mit den neuen, fremden Sprachen, Kleidern und

Etikettevorschriften waren geradezu heroisch. Die Mütter studierten

Sprachen und Sitten gleichzeitig mit ihren Töchtern bei denselben

Lehrerinnen, und die Frauen der japanischen Diplomaten, wie zum

Beispiel die Prinzessin Komatsu, welche einige Jahre in Europa gelebt

hat, gaben der vornehmen Gesellschaft Japans nach ihrer Rückkehr

dorthin Unterricht in abendländischer Etikette und Lebensart. Viel

haben dazu auch einige europäische an Japaner verheiratete Damen

beigetragen, in erster Linie Madame Sannomiya, die englische Gattin

des japanischen Hofmarschalls dieses Namens. Zwei Japanerinnen, den

vornehmsten Hofkreisen angehörig, haben das bekannte Vassar Kollege

in Nordamerika mit Erfolg absolviert, und die Anschauungen, die

sie von dort nach Japan mitgebracht haben, wirkten auf die dortige

Gesellschaft wie Sauerteig. Die eleganteste und schönste der modernen

Damen des Hofes ist wohl die Marquise Nabeshima, die Gattin des

Oberzeremonienmeisters und reichsten Pairs von Japan.

[Illustration: Japanerinnen beim Thee.]

Wie Paris und Wien, so hat auch Tokio seine gesellschaftliche

Wintersaison, die gewöhnlich vom Oktober bis Mai, d. h. bis zum

Eintritt der heißen Jahreszeit dauert, und während dieser Saison geht

der soziale Eiertanz noch viel peinlicher und zeremoniöser vor sich

als in den großen Residenzen Europas. Staats-, Diners- und sonstige

Visiten müssen genau innerhalb einer gewissen Zeit gemacht werden,

und der Europäer, der eine Wintersaison in der Gesellschaft von

Tokio zubringt, kommt vor Visitenkartenabgabe kaum zum Atemholen.

Und fügen muß er sich, will er nicht aus den Gesellschaftslisten

gestrichen werden. Sogar das Tanzen nach europäischer Mode hat die

junge Welt Japans schon erlernt, und auf den zahlreichen Bällen bei den

Ministern, Hofwürdenträgern und Gesandten tanzen die schlitzäugigen

Komtessen und Baronessen mit einer Präzision, gehen durch die Figuren

der Quadrille und der Lanciers mit einer Kenntnis der Details wie

alte pommersche Grenadiere auf dem Exerzierplatz. Wehe dem Europäer,

der da irgend einen falschen Schritt macht! Er wird nicht durch

Scherze oder huldvolles Lächeln, sondern im Gegenteil, durch tiefen

Ernst zurechtgewiesen und könnte vor Scham über die Kenntnis seiner

Tänzerinnen unter den Parkettboden versinken. In den Tänzen auf

japanischen Bällen wird der Europäer zumeist nur militärischen

Drill finden, und es ist kaum anzunehmen, daß die japanischen Damen

besonderen Gefallen daran haben. Aber es ist eben europäische

Sitte, und ihr muß gefolgt werden. Die Festlichkeiten am Kaiserhofe

beschränken sich auf einige Staatsbankette an besonderen Festtagen

und auf zwei Garden parties, bei welchen die Majestäten zu erscheinen

pflegen. Dagegen giebt der Premierminister gewöhnlich am Vorabend

des kaiserlichen Geburtsfestes einen Staatsball, und ihm folgt kurze

Zeit darauf der Gouverneur von Tokio mit einem zweiten. Auch in

den Gesandtschaften der europäischen Großmächte finden zahlreiche

Festlichkeiten, Soirées dansantes, Diners und Garden parties statt,

dann bei den Prinzen und Mitgliedern der hohen Aristokratie. Nur

mit musikalischen Unterhaltungen war es bisher sehr schlecht bestellt.

Neben diesen europäischen Kreisen giebt es in Tokio jedoch immer noch

altjapanische Kreise, ja dieselben nehmen in der letzten Zeit eher zu

als ab. Sie stellen sich die Erhaltung ererbter Sitten und Gebräuche

zur Aufgabe, pflegen die alte Musik und das alte Theater und stellen

sich auch in der Kleiderreform auf die Seite der feudalen Trachten.

Die glänzenden, goldstrotzenden und gestickten Daimiokostüme sowie die

Waffen haben sie wohl abgelegt, aber der nationale Kimono und der Obi

sind in diesen Kreisen des legitimistischen Adels alleinherrschend.

Daß sie diesem Adel angehören, lernt der Europäer schon nach kurzem

Aufenthalte erkennen, denn die Japaner beiderlei Geschlechts tragen

auf den Kimonos ihr Familienwappen aufgestickt. Gewöhnlich sieht

man rückwärts auf dem Kragen, dann auf beiden Aermeln und auf der

Brust weiße Kreise in der Größe unserer Damenuhren und innerhalb

dieser Kreise weißgestickte Figuren, Blätter und Blüten verschiedener

Pflanzen, Schmetterlinge, Vögel. Dies sind die alten Daimiowappen, an

ihnen erkennt man die Angehörigen der Tokugawa, der Satsuma, Fujiwara

und anderer großer Familien. Selbst die Samurai tragen derartige Wappen

als das einzige, was die europäische Kultur von dem alten Japan noch

nicht weggeschwemmt hat. In mancher Hinsicht ist dies bedauerlich. Eine

Verbindung der altjapanischen mit der modernen europäischen Kultur

wäre gewiß zweckentsprechender gewesen und hätte auch bei den Japanern

selbst größeren Beifall gefunden.

[Illustration: Das Wappen der Schogune der Familie Tokugawa.]

[Illustration: Spielen mit Sand-, Papier- und Seidenformen.]

Die Japanerin.

Das Studium der Frauen (und welches Studium wäre interessanter?)

fällt dem Reisenden in Japan viel weniger schwer als in den meisten

anderen Ländern des Orients. In der Heimat des Islam werden die

Frauen verborgen und streng gehütet, so daß kein fremdes Männerauge

sie erblicken kann; in Indien stecken sie in ihren Zenanas, in China

hausen jene der besseren Klassen hinter den hohen Umfassungsmauern

ihrer weitläufigen Familienwohnungen, in Korea bedecken sie bei der

Annäherung eines fremden Mannes die Gesichter oder fliehen. Der

Reisende kann also dort gewöhnlich nur die eine, die männliche Hälfte

der Bevölkerung in ihrem Thun und Lassen genauer kennen lernen. Anders

in Japan. Den Bewohnern des großen asiatischen Inselreiches sind

Harems oder Zenanas unbekannt, und die Frauen werden in der Freiheit

ihrer Bewegung viel weniger beschränkt. Keine Kopftücher oder Schleier

verhüllen ihre Gesichter, ja statt des Verbergens ihrer reizenden,

liebenswürdigen Persönlichkeit findet oft das gerade Gegenteil statt,

eher ein Zuviel als ein Zuwenig. Die Sprache ist bei weitem nicht so

schwierig als jene anderer Völker, und auch in Bezug auf den Verkehr

mit den Ausländern werden ihnen ebensowenig Beschränkungen auferlegt

als wie mit ihren eigenen Landsleuten des starken Geschlechts. Selbst

für denjenigen, der sich nicht die Mühe giebt, die klangvolle,

sympathische Sprache der Japaner zu studieren, offenbart sich das

Frauenleben bis in viele seiner interessantesten Einzelheiten. Nicht

etwa deshalb, weil sich die Japaner in Bezug auf ihre Frauen, oder gar

diese selbst, großer Mitteilsamkeit befleißigten. Im Gegenteil. Sie

sind darin gerade so schweigsam wie andere orientalische Völker, aber

dafür tritt das Familienleben in Japan in vieler Hinsicht ganz offen zu

Tage. Im Straßenleben, bei Festlichkeiten, in Theehäusern und Theatern,

in Hotels, auf Reisen spielen die Frauen eine fast ebensogroße Rolle

wie die Männer, und wer Japan im Sommer besucht, dem gewähren die

tagsüber offenen Häuser mit ihren Gärtchen und Höfen einen tiefen

Einblick in das häusliche Leben. Die Japaner thun gut daran, denn

gerade ihre Frauen verleihen diesem herrlichen Lande den größten Reiz.

Gewiß wird jeder Reisende, der einige Monate in Japan verweilt hat, von

den Frauen schwärmen, sein Entzücken steigert sich, je länger er dort

verweilt.

Eine Reihe von liebenswürdigen Bildern der Erinnerung zieht vor

meinen Augen vorüber, während ich diese Zeilen schreibe. Vornehme

Damen mit langen schmalen Gesichtern und schwarzen schönen Augen,

angethan mit den kostbarsten Seidengewändern, gefolgt von kleinen

bescheidenen Dienerinnen; festlich geputzte Mädchen in farbenreichen,

blumengestickten Kimonos, den bunten Sonnenschirm in der einen, den

einem Schmetterling gleichenden Fächer in der anderen Hand, die

Gesichter weiß gepudert, die schwarzen Augen munter und kokett in die

Welt blickend, ein ewiges Lächeln um ihre rot geschminkten Lippen;

fleißige Frauen in dunkelblauen Schlafröcken beim Kochen, Nähen und

Waschen; auf den Feldern andere, die mit hochgeschürztem Kleid bis

über die Knie im Schlamm stehend und im höchsten Sonnenbrand sorgsam

ein Reispflänzlein um das andere pflanzen, stundenlang ohne Unterlaß;

reizende junge Mädchen mit vollen blühenden Gesichtern und üppigen

Formen, die, in enge Röckchen und Hosen gekleidet, rittlings auf

schwer bepackten Pferden sitzen und sie geschickt über gefahrvolle

Bergpfade lenken, die zierlichste Kavallerie, die man sich denken

kann; freundliche aufmerksame Dienerinnen in den Hotels, die sich bei

meinem Kommen und Gehen ehrfurchtsvoll auf den Boden werfen und ihn

mit ihren weißen Stirnen berühren; Damen, kleine Tabakspfeifchen im

Munde, in Theaterlogen auf ihren Fersen hockend, Aug’ und Ohr für die

grotesken Vorgänge auf der Bühne; einschmeichelnde, putzige, hübsche

Wesen, die mir in den Theehäusern die winzigen Schälchen mit Thee und

Sake kredenzen und dann mit Samisenspiel und anmutigem Tanz die Zeit

vertreiben: Frauen überall, daß man darüber fast die Männer vergessen

könnte. Nirgends in Asien erscheinen sie so sehr als die bessere

Hälfte wie hier, aber nirgends wird dies auch von den Männern so wenig

gewürdigt. Und doch sind sie zeitlebens bestrebt, nur den Männern zu

dienen, ihnen zu gefallen, das Leben zu erleichtern und zu verschönern,

willig sich selbst dabei aufopfernd. Hier sind die lieblichsten Babies,

die muntersten Kinder, die zärtlichsten Töchter, die liebendsten

Frauen, die besten Mütter, die man in Ostasien vielleicht finden kann.

[Illustration: Japanerinnen bei der Begrüßung.]

Es ist die verkehrte Welt. In Europa würde man derartige Frauen auf

den Händen tragen, sie verzärteln und lieben, und hier in ihrer

Heimat werden sie von der männlichen Welt mit Geringschätzung als

untergeordnete Wesen behandelt, und ihre Aufopferung wird als etwas

ganz Selbstverständliches hingenommen. Niemals gab es in Japan einen

Werther, einen Toggenburg, einen Romeo, niemals hat ein Japaner

einer schönen Frau zuliebe ritterliche Thaten begangen, ein Turnier

ausgefochten oder gar sein Leben eingebüßt. Schillers Lied vom

„Handschuh” muß dem Japaner einfach lächerlich erscheinen. In Japan

giebt es keinen Ritter Delorges, und das edle Fräulein Kunigunde hätte

sich wohl selbst hinabbemühen müssen unter die Löwen und Leoparden, um

ihren Handschuh zu holen. Entfällt einem Japaner Fächer oder Pfeife,

so wird sich seine Frau eifrig bücken, um den Gegenstand vom Boden

aufzuheben. Nicht den Damen wird der Vortritt gelassen, sondern den

Männern; ~Place aux Messieurs~ ist dort die Parole.

Allerdings wird der Frau von den überaus zuvorkommenden und höflichen

Japanern ein gewisser Grad von Höflichkeit gezeigt; die Tochter des

Hauses wird von ihrer eigenen Familie O Jo Sama, d. h. junge Dame,

genannt, und spricht man von der Hausfrau, so wird ihrem Namen stets O,

d. h. ehrenwerte, vorgesetzt. Das will aber nicht viel sagen, denn auch

die Kulis werden mit ehrenwert angesprochen. In seinem Buche über Japan

erzählt ~Dr.~ Kleist, sein europäischer Nachbar habe einen Hund

besessen, der auf den nicht ungewöhnlichen Namen Meyer hörte. Riefen

ihn die japanischen Diener, so setzten sie jedesmal O vor, also etwa

„ehrenwerter Herr Meyer!”

Hat die japanische Frau ihre demütigende Stellung vielleicht selbst

verschuldet? Betrachten wir sie näher. Ein ungemein zierliches,

reizvolles Wesen von kleiner Gestalt, mit winzigen Händen und Füßen

und sorgfältig frisiertem, rabenschwarzem Haar, ihre Augen sind die

einer Madonna, ihr Herz das eines Kindes; ihr Lächeln, als würde sie

ewig ihren Geliebten vor Augen haben, ihr Benehmen unsagbar einnehmend

und höflich; ihr Gesicht nach europäischen Begriffen entschieden

hübsch. Die Hautfarbe ist jene der Andalusierin, soweit man die

Hautfarbe bei den Damen beider Rassen unter der dicken Puderschicht

überhaupt entdecken kann. Sie spricht mit sympathischer, leiser,

einschmeichelnder Stimme, und aus ihrem Alter macht sie kein Geheimnis.

Im Munde sitzen kleine, regelmäßige weiße Zähne, die sie nach der

Verheiratung schwarz färbt, damit sie keinem Manne mehr gefalle.

Vergebliches Bemühen, denn bei geschlossenem Munde ist sie gerade

so hübsch. Und die Japanerinnen können den Mund geschlossen halten.

Sie wissen, daß die Geschwätzigkeit eine der sieben Ursachen der

Ehescheidung bildet. Das ganze Persönchen steckt in einem an den Hüften

zusammengebundenen Schlafrock von verschiedenen Farben. Setzt sich die

Japanerin, so kniet sie zuvor nieder und legt ihren Körper auf ihre

Fersen zurück. Liegt sie, so dient ein Holzklotz als ihr Nackenkissen,

damit ihre sorgfältige Frisur nicht zu Schaden komme; geht sie, so thut

sie das mit einwärts gewandten Füßen, wie die Enten, und neigt den

Körper vor, als müsse sie bei jedem Schritt vornüberfallen. Begegnen

ihr Bekannte, so verneigt sie sich mehrere Male zeremoniös zur Erde,

als wären es lauter Könige, und ihr ganzer gesellschaftlicher Verkehr

wird durch die strengste Etikette geregelt; sie trinkt nicht, spielt

wenig, dafür raucht sie gerne bei jeder Gelegenheit ihr Pfeifchen, das

sie immer nebst Tabaksbeutel und Zündhölzchen in den Aermelsäcken ihres

schlafrockartigen Kimono trägt. Reinlichkeit ist eine ihrer schönsten

Tugenden; um ihr zu frönen, opfert sie gerne eine andere Tugend, die

Schamhaftigkeit. Sie nimmt täglich ein oder mehrere Bäder in oder außer

dem Hause, allein oder in Gesellschaft, und zeigt dabei in ihrer naiven

Unschuld aller Welt, wie sie gewachsen ist. Sie ist aber entsetzt

über die tief ausgeschnittenen Ballkleider unserer Damen. Nur keine

verführerischen Halbheiten! Entweder sie ist ganz bekleidet, oder, wo

es die Umstände erfordern, wirft sie den Kimono ab und kleidet sich nur

in ihren natürlichen Liebreiz, der ihr aber lange nicht so gut steht

wie der Kimono. Auch in der heißen Jahreszeit, in ihrem Hause oder bei

der Arbeit im Freien, befreit sie häufig ihren Oberkörper von aller

Gewandung.

Besonders anregende Unterhaltung, geistige Genüsse, kann man von ihr

nicht erwarten, denn sie lernt in ihrer Jugend wohl Singen, Tanzen,

Samisen (die japanische Guitarre) spielen, sie lernt notdürftig lesen

und schreiben und das Hauswesen führen. Dafür versüßt sie den Männern

das Leben durch ihren Liebreiz, ihre Engelsgeduld, ihre Sanftmut und

Unterwürfigkeit. Sie versteht es vortrefflich, einen Blumenstrauß in

künstlerischer Weise zu binden und ihrem Gatten die Kleider zu flicken.

Sie zieht ihre Kinder groß, liebt und verzärtelt sie und verbringt ihr

eigenes Leben in Arbeit und Enttäuschungen. Ihre glücklichste Zeit

ist ihre Kindheit. Einmal verheiratet, kann sie einen dicken Strich

durch ihren Kalender machen. Mit vierzehn, sechzehn Jahren beginnt ihr

Ehejoch, das sie schwer durchs ganze Leben trägt.

[Illustration: Im Familienzimmer.]

Der Schlüssel zu ihrem ganzen Charakter ist Unterwürfigkeit, Gehorsam.

Als Mädchen schuldet sie diesen dem Vater, als Gattin dem Manne, als

Witwe ihrem ältesten Sohne. Was immer ihr befohlen wird, hat sie

auszuführen, und sie wird einen ihr unsympathischen Gatten nehmen,

ohne zu murren. Zieht sie als Hausfrau in die Wohnung ihres Gatten,

so ist es nicht, um an seiner Seite dem Hause vorzustehen. Sind ihre

Schwiegereltern am Leben, so wird sie sofort deren Dienerin, und selbst

ihr eigener Gatte wird sie gegen die Nergeleien ihrer Schwiegermutter

nicht schützen können. Alice Bacon ruft in ihrem hübschen Buche über

die japanischen Frauen mit Recht aus: „Glücklich die Frau, deren

Schwiegereltern nicht mehr am Leben sind!” Das Unglück ihres Gatten

gereicht ihr zum Vorteil, denn statt zwei Herren hat sie dann nur einem

zu dienen.

Allerdings liegt ihr dann allein die Leitung des ganzen Hauswesens ob,

aber nicht als die ebenbürtige Gattin des Mannes, sondern als seine

erste Dienerin. Sie erscheint im öffentlichen Leben selten an seiner

Seite; auch zu Hause sitzt sie nicht an seinem Tische. Er nimmt die

Mahlzeiten allein ein, sie hat ihn dabei zu bedienen. Seine Wünsche

sind ihre Befehle, die sie willig und freundlich ausführen muß. Sie muß

nicht nur seine Kleider nähen und waschen, sie muß ihm selbst beim

An- und Auskleiden behilflich sein; ja häufig setzt sie sogar einen

gewissen Stolz darauf, mit eigener Hand Dienste zu leisten, welche

sonst der Dienerschaft obliegen. Selbst die Kaiserin ist von diesen

Pflichten des persönlichen Dienstes nicht befreit, sondern muß den

Kaiser, ihren Gatten, auf verschiedene Weise bedienen.

Wie strenge es mit ihren Pflichten genommen wird, geht aus einem

weit verbreiteten Werke des japanischen Moralisten Kaibara hervor.

Darin heißt es: „Niemals darf die junge Frau sich gegen die Befehle

ihrer Schwiegereltern auflehnen; in jedem Punkte muß sie dieselben

befragen und ihnen gehorchen; selbst wenn sie von diesen gehaßt oder

beschimpft würde, hat sie zu schweigen. Sie darf nicht selbstsüchtig

zuerst an ihre Eltern denken. Jenen ihres Gatten, dann ihren Schwägern

und Schwägerinnen gebührt zunächst ihre Achtung, denn die letzteren

sind die Geschwister ihres Gatten. Eine Frau soll zu ihrem Gatten

emporsehen, als wäre er der Himmel selbst, und niemals soll sie

ermüden, ihrem Gatten in allen Dingen zu folgen, um so der himmlischen

Züchtigung zu entgehen. Möge sie niemals von Eifersucht auch nur

träumen; sie kann sich dadurch ihren Gatten nur noch mehr entfremden

und sich in seinen Augen unerträglich machen. Am Morgen muß sie früh

aufstehen, am Abend spät zu Bett gehen. Statt in der Muße des Tages zu

schlafen, soll sie ihre Haushaltung besorgen und nimmer müde werden zu

weben, zu nähen und zu spinnen. Sie darf nicht zu viel Thee und Wein

trinken, noch zu vielen Vergnügungen nachgehen. Sie darf sich durch

Medien oder Wahrsagerinnen nicht verleiten lassen, in unehrerbietige

Vertraulichkeit mit den Göttern zu verfallen, und soll nicht

fortwährend mit Beten beschäftigt sein. Wenn sie ihre Pflichten als ein

menschliches Wesen zufriedenstellend erfüllt, braucht sie überhaupt

nicht zu beten und wird sich doch des göttlichen Schutzes erfreuen.

Väter”, so endet Kaibara seine Ausführungen, „lehrt eure Töchter diese

Maximen schon von ihrer frühesten Kindheit an!”

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 49 / 71 段