Stünde die Person des Kaisers in Japan nicht so göttergleich, so hoch

erhaben über jedes irdische Getriebe, sie würde gewiß, wenn möglich,

noch an Volkstümlichkeit gewinnen durch die Gattin des Mikado, die

Kaiserin Frühling (Haruko). Geboren in Kioto als die dritte Tochter

eines Kuge (Prinzen), wurde sie in den strengen, starren Grundsätzen

des alten Japan erzogen; sie lernte die chinesischen Klassiker, die

japanische Dichtkunst, das Samisen- und Kotospiel (Guitarre und

Lyra), Nähen und Sticken. Nach ihrer Vermählung mit dem Kaiser ließ

sie sich der früheren japanischen Sitte gemäß die Zähne schwärzen und

die Augenbrauen abrasieren. Seit der Europäisierung des Landes kam

glücklicherweise diese Sitte außer Gebrauch, und heute ist diese edle

Frau mit dem schönen Namen der modernisierte Typus einer japanischen

Aristokratin, klein, schwächlich, mit wunderbar kleinen Händchen

und langem, schmalem Gesicht. Wohl wenigen dürfte das Aufgeben der

malerischen Frauentracht des alten Japan und das Annehmen von Schuhen

und Korsett, steifen Röcken und großen Hüten nach europäischer Mode

schwerer gefallen sein, wenigen steht diese moderne Tracht auch

ungünstiger als der Kaiserin. Heute kann ein europäischer Besucher

des Landes dies kaum mehr beurteilen, aber wer Gelegenheit gehabt

hat, eines der großen Gartenfeste am Kaiserhofe vor und nach 1885

mitzumachen, der wird diese Wandlung vom Schönen zum Häßlichen

schmerzlich empfinden. Alljährlich werden zwei dieser Feste gegeben,

eines im Frühjahr während der Blütezeit der Kirschen, eines im Herbst,

wenn die Nationalblumen der Japaner, die Chrysanthemen, in ihrer

unbeschreiblichen Blütenpracht stehen. Tausende und Abertausende dieser

Blumen, in allen erdenklichen Farben und Größen bis zu jener unserer

Sonnenrose, stehen in den breiten Avenuen des kaiserlichen Parkes

unter langen Mattendächern; manche Pflanzen tragen nur eine einzige

Blüte, manche Dutzende, ja geschützt durch seidene Zelte kann man dort

einzelne Pflanzen mit zwei- bis vierhundert Blüten sehen.

[Illustration: Kronenorden I. Klasse.]

Wer könnte die bezaubernde Anmut und Schönheit der japanischen Damen,

ihre zarte, faltenreiche Kleidung, den Reichtum und die Zeichnung

der Stoffe schildern, wie sie damals vor 1885 sich zeigten! In den

Avenuen und auf den weich besandeten Plätzen des Parkes harrten diese

reizenden Gestalten der Majestäten, bewundert von den Gesandten, den

Würdenträgern und sonstigen geladenen Europäern. Und nun erst die

Kaiserin selbst, mit ihrem zahlreichen Gefolge von Prinzessinnen und

Hofdamen, die in langer Prozession langsam die Zelte entlang wandelten.

Die Tracht der Kaiserin bestand damals aus weiten, faltenreichen Hakama

(Beinkleidern) aus dem schwersten, scharlachroten Damast, einem Ziban

(Unterkleide) und einem Kimono (eine Art Schlafrock) von lila Seide mit

eingestickten Wistaria und Chrysanthemumblüten. Um den Hals war ein

vielfarbiges Seidentuch geschlungen. Das reiche, schwarze Haar umrahmte

in einem breiten Zopf das Gesicht und fiel hinten bis zu den Hüften

herab; stellenweise waren in das Haar kleine Stückchen von weißem

Reispapier eingebunden wie bei den Shintopriesterinnen. Ueber der hohen

Stirn prangte ein kleiner, goldener Phönix, in Japan wie in China das

Abzeichen des Herrschers. In der einen Hand trug sie einen vielfarbigen

Sonnenschirm, in der anderen einen hölzernen, bemalten Fächer mit

schweren, lang herabfallenden Seidenschnüren.

Die Prinzessinnen und Damen des Gefolges trugen ähnliche Kostüme aus

den herrlichsten Gold- und Silberbrokaten, wie man sie in Europa nur

an den alten Priestergewändern findet. Der Aufzug dieser seltsamen

farbenreichen, glitzernden Gestalten inmitten einer wahren Wildnis von

Chrysanthemumblüten muß traumhaft gewesen sein.

Bei dem nächsten Kirschblütenfeste war all diese Herrlichkeit vorbei.

Die Pariser Moden waren im Winter in Japan eingezogen und hatten den

weiblichen Schmetterlingen Japans ihre Flügel abgeschnitten. Aber das

ging nicht so leicht von statten, als es gesagt ist. Welche profane

Schneiderin der Rue de la paix hätte die geheiligte Person der Kaiserin

mit ihren Händen berühren und ihr die Kleider anpassen können? Lange

sträubte sich die Kaiserin, lange wußte man keinen Ausweg. Endlich

entschloß sich die kluge Gräfin Ito, Gattin des ersten Ministers und

die Leiterin der europäischen Mode in Japan, als Probiermamsell für

die Kaiserin zu dienen, und seither sieht man die Kaiserin nur mehr

in europäischen Kleidern, die allerdings aus japanischen Stoffen

angefertigt werden. Ihr mußten alle Damen des Hofes notwendigerweise

folgen. Die herrlichsten alten Kimonos, die zartesten Stickereien,

die reichsten Goldbrokate und schwersten Stoffe wurden geopfert, um

dafür moderne Hüte und Schuhe und Pariser Kleider zu kaufen, und heute

ist ein Gartenfest bei Hofe oder ein Ball beim ersten Minister nahezu

eben so langweilig und einförmig wie in Europa. Die Wandlung hat der

japanischen Aristokratie, die nach dem Sturz des Schoguns ohnehin

schon den größten Teil des angestammten Vermögens auf den Altar des

Vaterlandes legen mußte, große Kosten verursacht, von denen sie sich

nur schwer erholt. Selbst das Kaiserhaus ist mit irdischen Gütern nicht

überreich gesegnet. Das Familienvermögen ist gering, und die jährliche

Zivilliste beläuft sich nur auf drei Millionen Yen (etwa sechs

Millionen Mark).

Auch von diesen opfert die Kaiserin ihren Anteil für allerhand

wohlthätige Anstalten, deren eifrigste Schöpferin und Förderin sie

ist. Der eigene Kindersegen blieb ihr vorenthalten, dafür trachtet sie

im schönsten Sinne des Wortes die Mutter ihres Volkes zu sein. Das

Hospital des Roten Kreuzes und die Adelsschule erfreuen sich ihrer

besonderen Fürsorge. Häufig sieht man die Kaiserin im Frühling durch

die Straßen Tokios fahren, um diesen Anstalten Besuche abzustatten,

die gewöhnlich mehrere Stunden währen. Mit engelgleicher Geduld

hört sie den französischen und englischen Prüfungen der Schulkinder

zu, obschon sie selbst kein Wort dieser Sprachen versteht. Sie

ermuntert und beschenkt die Schüler, unterhält sich mit den Lehrern

und verläßt selten eine Schule, ohne den Damen des Lehrerpersonals das

gewöhnliche kaiserliche Geschenk, eine Rolle japanischen Seidenstoffes,

zurückzulassen. Bei ihren Ausfahrten in einem prächtigen Galawagen wird

sie gewöhnlich von zahlreichem Gefolge begleitet. Eine seltsame, wohl

nur Japan eigentümliche Einrichtung ist es, daß der kaiserliche Wagen,

sobald die Kaiserin denselben, am Bestimmungsorte angelangt, verlassen

hat, von Dienern während des Wartens sorgfältig gewaschen und mit einer

grünen Seidendecke verhüllt wird.

Hoffestlichkeiten finden außer den geschilderten nur wenige statt.

Der Kaiser scheint an denselben keinen besonderen Gefallen zu finden.

Zuweilen werden jedoch ihm zu Ehren von den anderen Mitgliedern der

kaiserlichen Familie oder von den zehn Fürstenfamilien des Landes

Festlichkeiten veranstaltet, denen das Kaiserpaar gerne beiwohnt.

Der Thronfolger Prinz Joschihito Harunomiya, ein Sohn des Kaisers und

der Frau Yanagiwara, im Jahre 1879 geboren, wird als sehr aufgeweckt,

energisch und ehrgeizig geschildert. Er erhielt seine Erziehung in der

ganz nach europäischen Vorbildern geleiteten Adelsschule, und sollte

seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seiner Väter

zu besteigen, so dürften noch weitere europäische Reformen in Japan

zu gewärtigen sein. Soweit das japanische Staatshandbuch es angiebt,

ist er heute der einzige lebende Sohn des Kaisers, aber das Aussterben

der kaiserlichen Familie ist deshalb keineswegs zu befürchten, denn es

bestehen neben dieser noch neun Nebenlinien, deren Häupter kaiserliche

Prinzen sind und Zivillisten in der Höhe von zehn- bis dreißigtausend

Yen beziehen.

[Illustration: Die Asakusapagode zu Tokio.]

Die vornehme Gesellschaft.

Im heutigen Japan ist von dem alten Glanze der Kugefamilien, von der

Pracht der Daimios, wie sie in früheren Werken über das Inselreich des

Mikado geschildert werden, gar nichts mehr zu finden. Mit dem Jahre

1871 fand die Feudalherrschaft in Japan, welche achthundert Jahre lang

gewährt hatte, ihr Ende. Ein Federstrich ließ sie verschwinden, als

wäre sie nichts weiter gewesen als Staub, im Laufe der Jahrhunderte

angesammelt. Der uralte Hofadel ebenso wie die Duodezfürsten des

Landes gaben in vielen Fällen ganz freiwillig ihre Länder, ihre Güter,

Reichtümer und Einkünfte auf und wurden getreue Unterthanen ihres seit

sechsundzwanzig Jahrhunderten regierenden Herrscherhauses. Keine Klasse

der Bevölkerung nahm die Reformen, welche der Kaiser dekretierte,

williger an als gerade der Adel, und keine hat sich so rasch in die

europäischen Sitten und Gebräuche, wie sie heute wenigstens äußerlich

am japanischen Kaiserhofe bestehen, eingewöhnt.

Welche Opfer dieser uralte Adel des Reiches dem Vaterlande gebracht

hat, kann man ihrer wahren Größe nach erst beurteilen, wenn man den

Einfluß und die Machtstellung der einzelnen Familien in früheren

Zeiten kennen gelernt hat. Wohl kaum irgend ein Adelsgeschlecht

Europas kann auf so zahlreiche Ahnen zurücksehen wie eine ganze Reihe

der japanischen Kugefamilien, von denen einzelne ihre Abstammung

bis in das sechste Jahrhundert vor Christi Geburt zurückführen. Die

berühmteste Adelsfamilie Japans, die Fujiwara, stammen beispielsweise

von einem Diener des Großvaters von Jimmu Tenno, dem Gründer der

japanischen Kaiserdynastie, ab und sind seit mehr als 2600 Jahren mit

den Geschicken der japanischen Nation auf das innigste verflochten.

Andere, wie die Sugawara, die Taira und Minamoto, wenn auch viel jünger

als die Fujiwara (zu deutsch Glycinenfeld), sind doch älter als alle

europäischen Herrscherfamilien, und ihre Ahnen nahmen fast durchgehends

die höchsten Stellen im Reiche ein. Von den heute noch bestehenden

155 Kugefamilien leiten 95 mehr oder minder direkt ihre Abstammung

von den Fujiwaras ab, alle aber sind mit der Kaiserfamilie verwandt,

und eine große Zahl dieser Familien des Hofadels haben kaiserliche

Prinzen zu ihren Stammvätern. Gewöhnlich waren es Söhne des Kaisers mit

Konkubinen, welche eigene Namen annahmen und eigene Familien gründeten;

ihre Söhne erhielten dank ihrer innigen Verbindung mit dem Kaiserhause

einträgliche Aemter, und fast in jeder Familie ist eines oder das

andere erblich geblieben. Die Mehrzahl der Aemter hatten die Fujiwara

an sich gerissen, und sie verstanden auch, dieselben jahrhundertelang

in ihrem Besitze zu erhalten. Im siebenten Jahrhundert waren sogar alle

Hofämter und die Mehrzahl der Gouverneurstellen in den Provinzen in

ihren Händen. Gerade so wie ich es in meinem Buche „Korea” bezüglich

der mächtigen Familie der Min geschildert habe, bildeten auch die

Fujiwara einen undurchdringlichen Ring um den Mikado, der nichts weiter

als ihr willenloses Werkzeug war. Wie die Min in Korea gewohnt sind,

aus den Reihen ihrer Töchter eine Gattin für den König auszusuchen,

um dadurch ihren Einfluß auf diesen zu sichern, so waren auch in

Japan Jahrhunderte hindurch die Kaiserinnen stets Töchter des Hauses

Fujiwara, und noch die in Tokio residierende Witwe des verstorbenen und

Mutter des regierenden Kaisers entstammt diesem allmächtigen Hause.

Wie Parasiten wanden sie sich um den Herrscherstamm und saugten an

seinem Safte, sich selbst stärkend, indem sie ihn schwächten. So ging

allmählich die ganze Macht der Mikados in die Hände des Hofadels über;

den Kreisen der letzteren entstammten die Schogune bis auf die letzte

Zeit, und sie, nicht die Kaiser, waren die eigentlichen Regenten und

Herren des Landes.

Neben diesen Kuge oder dem Hofadel bildete sich in den Provinzen von

Japan, sowie bei uns, allmählich ein Landadel heraus. Wohlhabendere

Bauernfamilien vermehrten ihren Grundbesitz durch Erbschaft und

Heiraten, ihre Stellung und ihr Ansehen aber durch einzelne tapfere

Familienmitglieder; die fortwährenden Räubereien veranlaßten minder

zahlreiche, minder wohlhabende Familien, bei ihren reichen und

mächtigeren Nachbarn Schutz zu suchen; Aufstände und Unruhen in

verschiedenen Teilen des Reiches zwangen die Regierung, diese Familien

zur Unterdrückung derselben in Anspruch zu nehmen, und zu Beginn des

siebenten Jahrhunderts wurden ihnen für ihre Dienste kaiserliche

Vorrechte zu teil, sie erhielten Beamtenposten in der Provinz oder an

den Grenzen des Reiches. Die Kaiserin Suiko erließ im Jahre 603 ein

Dekret, demzufolge jedem Beamtenposten eine entsprechende Adelsstellung

gebühre, und so entwickelten sich allmählich in den Provinzen adelige

Familien, die an der Spitze ganzer Distrikte oder Clans standen, wie

es noch heute beispielsweise in Schottland der Fall ist. Die Häupter

dieser Familien sind die Daimios, zu deutsch „große Namen”, deren es

bei dem Zusammensturz des alten Feudalsystems in den siebziger Jahren

etwa dreihundert gab.

Nachdem diese Daimiofamilien in ihren Distrikten sich einmal zu

den reichsten und mächtigsten emporgeschwungen hatten und der Ball

ins Rollen gekommen war, stieg diese Macht je nach der Größe ihres

Distriktes, nach der Energie, mit der sie auftraten, oder durch Zufall,

so daß sie bald zu einer Art Souveränität gelangten. Damals war dies

um so leichter, als es keine Verkehrswege gab und die Zentralregierung

am Hofe des Mikado selbst viel zu schwach war, um dem Weitergreifen

der Daimioherrschaft einen Damm entgegenzusetzen. Die Kuge blieben

freilich die höchste Aristokratie des Landes, Legitimisten, könnte man

sagen; die Daimios aber waren die reichsten und mächtigsten, und viele

von ihnen besaßen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ungeheure

Einkünfte. Ihr Rang wurde je nach der Größe der letzteren bemessen.

So hatte beispielsweise der reichste Daimio, jener von Kaga, eine

jährliche Einnahme von einer Million Koku Reis (nahezu zwei Millionen

Hektoliter), während sich die niedrigsten Daimios auf Einkünfte von

zehntausend Koku Reis (etwa achtzehntausend Hektoliter) standen.

Die Macht der Daimios wurde im achten Jahrhundert noch durch eine

Verordnung des Hofes vergrößert, derzufolge alle wohlhabenderen Bauern,

welche im Waffenführen, Bogenschießen, Reiten bewandert waren, eine

Art Miliz im ganzen Lande bilden sollten, unter Anführung der Daimios.

Diese Maßregel war eine der wichtigsten in der ganzen Geschichte des

Mikadoreiches, denn sie teilte die Bevölkerung in zwei große Klassen,

die Ackerbauer und die Soldaten. Griffin sagt in seinem Werke „The

Mikados Empire” sehr richtig: „Dabei wurde ein Teil des Volkes auf

eine Lebensweise geführt, in welcher Reisen, Abenteuer, soldatische

Tugenden, Ehre und Ritterlichkeit eine bedeutende Rolle spielten,

und damit wurde die beste Klasse der Männer von Japan, die Samurai,

geschaffen. Die Samurai haben jahrhundertelang das Waffenwesen,

Ritterlichkeit, Patriotismus und Intelligenz des japanischen Reiches

nahezu monopolisiert. Sie sind die Männer, welche stets bereit waren

zu lernen und denen die großen Reformen des modernen Japan, das

Aufheben des Feudalwesens, die Niederwerfung des Schogunats und die

Wiederherstellung der einstigen Macht der Kaiser zuzuschreiben sind.

Ihr Geist ist es, welcher Japan heute regiert; ihre Söhne sind es, die

in Europa die Zivilisation des Abendlandes studieren; die Samurai sind

die Seele der Nation.”

Jeder Daimio hatte eine mehr oder minder große Zahl von Samurai

(Zweischwertermännern) unter seinem Befehl; sie teilten sich in zwei

Klassen: Schizuko oder Samurai höheren Grades, deren es in Japan nach

Aufhebung der Feudalherrschaft etwa 260000 gab, und Sotsu oder Samurai

niederen Grades in einer Gesamtzahl von 167000. Die mächtigsten Daimios

mit der größten Zahl und tüchtigsten Klasse von Samurai waren jene von

Satsuma, Chosu, Tosa und Hizen; von ihnen gingen auch hauptsächlich

die Ideen aus, welche zu den großen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte

führten, und Männer aus diesen Clans oder Stämmen haben auch heute

die Zügel der Regierung in ihren Händen. Die Träger der Namen Ito,

Yamagata, Yamada, Inouye und Aoki sind frühere Samurai von Chosu, die

beiden Saigos, Terashima, Yoshida, Oyama, Kuroda sind frühere Samurai

von Satsuma, welchem Clan überdies nahezu die ganze Seemacht Japans

angehört.

Wie am Hofe des Mikado die Kuge allmählich die Gewalt an sich rissen,

so erging es auch an den kleinen Höfen der Daimios, wo die Samurai

die Rolle der Kuge übernahmen und die Gewalt der Daimios in ihre

Hände bekamen. Die ganze Regierung des Clans, die Verwaltung des

Landes wurde durch die Samurai besorgt, die Daimios hatten sich um

die Regierungsgeschäfte gar nicht zu kümmern; sie wohnten mit ihren

Familien in ihren prachtvollen Schlössern auf dem Lande oder in

der Nähe ihrer Hauptstädte und vertändelten ihre Zeit weniger mit

Waffenübungen als mit allerhand Spielereien, Theezeremoniell, Poesien,

Aufführungen von alten Theaterstücken, Tänzen und Gesängen; allerdings

unterstützten sie die schönen Künste, und die herrlichen Porzellane,

Bronzen, Waffen, Metallarbeiten, Stoffe und Stickereien, die heute in

unseren Museen so große Bewunderung erregen, wurden zum größten Teile

auf Bestellung der Daimios ausgeführt. Aber auf der anderen Seite war

dieses weichliche, thatenlose Leben nicht dazu angethan, den Daimios

ihre frühere Energie, ihren Thatendienst zu erhalten, und was ihre

Frauen anbelangt, so waren sie nicht viel mehr als Puppen. In den

Schlössern der Daimios gab es weder die geistige Thätigkeit, welche

an dem Hofe des Mikado herrschte, noch die Pflichten und Arbeiten

der Samuraifrauen, so daß das Leben der Daimiofrau vielleicht, wie

Alice Bacon in ihrem reizenden Büchlein über die japanischen Frauen

sagt, langweiliger und zweckloser war als das irgendwelcher Frauen

des Landes. Umgeben von endlosen Vorschriften der Etikette, ohne die

Anregung, die von physischer Arbeit oder intellektueller Thätigkeit

kommt, vegetierten diese Frauen mehr, als daß sie lebten. Kein Wunder,

daß die Daimios unter der Herrschaft der Schogune aus dem Hause

Tokugawa geistig wie physisch degeneriert waren, denn in dem Leben der

Frauen gab es absolut nichts, was sie befähigt hätte, Gattinnen und

Mütter starker Männer zu sein. Zart, niedlich, gekünstelt, geschickt in

allerhand kleinen Nichtigkeiten, aber unfähig, selbständig aufzutreten,

waren sie wohl vornehme Damen in jeder Weise, mit Instinkten von Ehre

und Noblesse von ihrer frühesten Kindheit an, aber diese Jahre von

Absperrung, von Unterwürfigkeit seitens ihrer Hunderte von Dienern,

von fortwährendem Unterricht in den Pflichten, Würden und Zeremonien

ihrer Stellung zeigen sich heute in auffälliger Weise an diesen

Geschöpfen. Alice Bacon sagt über sie: „Es fehlt ihnen an Kraft,

Ehrgeiz, an Klarheit des Denkens, während die Nation der Japaner diese

Eigenschaften im höchsten Grade besitzt; dafür haben sie aber seltenen

Anstand, reizvolles Benehmen, starkes Ehrgefühl und Rassenstolz,

gepaart mit persönlicher Bescheidenheit, die nahezu Unterwürfigkeit

erreicht.” Alice Bacon kennt sie genau, denn sie war einige Jahre lang

Lehrerin in der seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Adelsschule in

Tokio, wo die Söhne und Töchter der Aristokratie ganz nach europäischen

Vorbildern ihre Erziehung genießen.

Während der letzten Generationen waren die Daimios durch ihr

weichliches, üppiges Leben so weit herabgekommen, daß die Schogune

der Dynastie Tokugawa leichtes Spiel mit ihnen hatten. Um sie besser

im Zaume zu halten und etwaigen Unternehmungen zu Gunsten der

Wiederherstellung der Kaisergewalt vorzubeugen, zwangen die Schogune

sie, in der Hauptstadt Tokio Paläste zu bauen und während einer

Hälfte des Jahres dort, in der unmittelbaren Umgebung der Schogune,

zu wohnen. Aeußerlich wurden ihnen alle erdenklichen Ehren zu teil,

aber in Wahrheit waren sie der Mehrzahl nach machtlose Puppen der

Schogune. Griffin sagt über sie: „Rang-, Ehren- und Titelsucht ist

die hervorragendste Leidenschaft der Japaner. Die reichsten Daimios

opferten große Summen und ließen alle Einflüsse in Kioto spielen, um

nur einen neuen Titel zu erhalten.” Titel und Orden spielen deshalb

auch im modernen Japan eine wichtige Rolle, und selbst posthume Titel

werden heute verliehen.

Von dieser Kuge- und Daimiowirtschaft ist in Tokio, wenigstens was

die Aeußerlichkeiten betrifft, heute alles verschwunden; verschwunden

sind auch die geräumigen Paläste des Adels, die sich noch vor zwanzig

Jahren in weitem Kreise rings um die feste, mit Mauern und Wällen

umgebene Residenz der Schogune hinzogen und eine Adelsstadt, ein

Faubourg St. Germain, bildeten, wie es in dieser Art wohl auf Erden

nicht wiederzufinden war. An der Stelle des Schogunpalastes innerhalb

der Ringmauern steht heute der moderne Palast des Kaisers; auf den

Trümmern der niedergerissenen Adelspaläste erheben sich kolossale

moderne Bauten, Ministerien, Schulen, Universitätsgebäude, oder die

weiten Grundflächen wurden zur Anlage von Parks und Gärten verwendet.

Nur wenige jener Paläste sind der Zerstörungswut des modernen Japan

entgangen, und an ihnen kann man erkennen, wie die Daimios in

ihnen gewohnt haben. In den langen niedrigen Außengebäuden, welche

viereckige Höfe bilden, wohnten die Samurai, die ihre Herren auf den

Reisen nach der Hauptstadt zu begleiten pflegten, und in den inneren

Gebäuden, einfach, kahl, niedrig, mit papierüberzogenen Holzrahmen

als Wänden, wohnten die Daimios. Ihre Wappenblumen sind von den

Thoren verschwunden, und an ihrer Stelle zeigt sich dort das Wappen

des Kaisers, die Chrysanthemumblüte; an Stelle der Samurai hausen in

diesen Räumen japanische Kavallerie und Artillerie modernen Musters.

Ebenso sind die stolzen, vielstöckigen, eigentümlichen Stammburgen und

Schlösser in den Provinzen in Kasernen umgewandelt worden. Die Familien

selbst wohnen teils in altjapanischen Häusern, teils in modernen

englischen Villen, je nachdem es ihre Mittel gestatten, denn der größte

Teil ihrer Einkünfte wurde ihnen bei der Aufhebung der Feudalherrschaft

ebenso entzogen wie ihre Länder. Sie wurden viel gründlicher

mediatisiert, als es in Europa seinerzeit geschah. Es war auch bei

diesen verweichlichten, mittellosen Herren leichter durchzuführen,

zumal einige wirklich groß angelegte, patriotische Daimios selbst den

Anstoß dazu gaben. Jene von Satsuma, Choshiu, Tosa und Hizen richteten

eine Eingabe an den Thron, in welcher sie ihre Ländereien nicht als

Privatbesitz, sondern als Eigentum der Krone bezeichneten und sich

bereit erklärten, dieselben zusammen mit den Registern des ganzen Clans

dem Kaiser zur Verfügung zu stellen. Die kleineren Daimios wußten

nun, daß auch die Tage ihrer Herrschaft gezählt seien und Widerstand

vergeblich wäre. Im September 1871 erschien ein kaiserliches Edikt,

welches alle Daimios des Landes nach Tokio berief und ihnen befahl,

sich ins Privatleben zurückzuziehen. In ihren Schlössern, in den weiten

Hallen ihrer Vorfahren, nahmen sie Abschied von ihren Samurai und

begaben sich, von einigen Dienern begleitet, nach der Hauptstadt. Ihre

ehemaligen Fürstentümer wurden in Provinzen geteilt und unter Präfekten

gestellt. Mit der Feudalherrschaft in Japan war es voraussichtlich für

immer vorbei.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 48 / 71 段