seines Vaters am 13. Februar 1866 auf den Thron. Zwei Jahre später, am
9. Februar 1868, vermählte er sich mit Haruko, der dritten Tochter des
Kuge (Fürsten) Ichijo Tadaka, am 28. Mai 1850 geboren, somit um zwei
Jahre älter als der Kaiser. Am 15. April 1868 verließ das Kaiserpaar
die alte Hauptstadt Japans, um die Residenz nach Yeddo zu verlegen,
das bald darauf in Tokio, d. h. östliche Hauptstadt, umgetauft wurde.
Als der bekannte amerikanische Staatsmann Seward auf einer Reise um
die Welt 1871 Japan besuchte, empfing ihn der Kaiser noch in der
altjapanischen Kaisertracht, die keineswegs als schön bezeichnet werden
konnte: lange, steife Seidengewänder, die den Körper mit Ausnahme der
Hände vollständig verhüllten, und auf dem Kopfe eine eigentümliche,
schwarze Roßhaarkappe mit einem linealförmigen Aufsatz, der sich von
der hinteren Seite der letzteren vertikal etwa einen halben Meter
über das Haupt erhob. Der Kaiser sprach kein Wort und würdigte Seward
überhaupt mit keinem Blicke. Seine Fragen und Bemerkungen waren auf
einzeln bereitgehaltenen Papierbogen niedergeschrieben, die ein
Hofbeamter dem Kaiser unterbreitete und dann ablas. Damit war die
Audienz beendet.
Einige Monate später vertauschte der Kaiser das traditionelle
japanische Kaisergewand mit einer militärischen Uniform nach
französischem Schnitt, und seither hat er sich niemals mehr öffentlich
in japanischen Gewändern gezeigt. Auf kaiserlichen Befehl mußte der
ganze Hof moderne europäische Kleider anlegen, und von der Kaiserin
herab bis zum letzten Hofbediensteten darf bei Hof seither niemand
mehr in der angestammten Landestracht erscheinen. Mit einem Federzug
wurde dem alten Japan, wenigstens den Aeußerlichkeiten nach, ein Ende
bereitet.
Ueberhaupt stürzte man sich mit wahrem Feuereifer auf die Umgestaltung
des ganzen Hofes, der Regierungsmaschine, ja selbst der Hauptstadt
nach europäischen Vorbildern. Prinz Komatsu verweilte während mehrerer
Jahre in den Hauptstädten Europas, um die Verhältnisse an den dortigen
Höfen zu studieren; der Hofmarschall Sannomiya Yoshitane wurde an den
Kaiserhof in Wien gesandt, um bei dem dortigen Oberhofmeisteramte das
ganze altspanische Zeremoniell in allen seinen Einzelheiten kennen
zu lernen, und nach Japan zurückgekehrt, wurde er damit betraut,
dieselben nicht etwa ins Japanische zu übertragen, beziehungsweise den
Verhältnissen in Tokio anzupassen, sondern ganz genau so wie in Wien
einzuführen. Nicht der Schuh wurde geändert, um für den Fuß zu passen,
der Fuß wurde in den schlechtsitzenden Schuh gezwängt.
Damit verlor aber der japanische Kaiserhof seinen eigentümlichen hohen
Reiz, seinen ganzen Charakter und die Romantik, die ihn seit so langer
Zeit umschwebt hat. So sehr man die Japaner zu ihren Unternehmungen
der letzten Jahrzehnte beglückwünschen muß, von allen Europäern und
Amerikanern, ja gewiß auch von der Mehrzahl der Japaner selbst wird
das Aufgeben der Nationaltracht verdammt. Die alte Kaiserinwitwe
beharrte bis auf den heutigen Tag fest an der angestammten Kleidung
und mit ihr ein großes Kontingent Japaner der höchsten Stände. Bei
allen Gelegenheiten, ausgenommen bei Hoffestlichkeiten, legen sie mit
Vorliebe die reizenden, faltenreichen Gewänder an, die sie in ihrer
Jugend getragen, denn sie wissen wohl, daß sie ihren sprichwörtlichen
Liebreiz, ihre unsagbare Anmut nur in diesen Gewändern besitzen.
Hoffentlich ist es zur Rückkehr zu den alten Trachten nicht zu spät,
hoffentlich werden die japanischen Machthaber, welche in anderen
Dingen so bewunderswerte Weisheit und Diskretion gezeigt haben,
die Unzweckmäßigkeit dieser Toilettenreform noch einsehen und die
europäischen Modefesseln, die sie ihren eigenen Landsleuten angelegt
haben, selbst sprengen. Die europäischen Moden haben nämlich in Japan
bei weitem nicht den Eingang gefunden, den man in Europa ziemlich
allgemein annimmt. Nur diejenigen, welche durch ihre Stellung bei Hofe
oder bei den Regierungsbehörden dazu gezwungen sind, tragen europäische
Kleider. Dazu kommen vielleicht noch Mitglieder aristokratischer
Familien, Studenten und Modenarren, welche Europa bereist haben. Alles
in allem genommen, dürften sie aber bei einer Gesamtbevölkerung von
41 Millionen nicht viel mehr als den vierhundertsten Teil ausmachen.
Ich besuchte eine Reihe von Städten, wo ich keinen einzigen europäisch
gekleideten Japaner antraf, ja es giebt in Japan noch zahlreiche
Ortschaften, wo man einen solchen überhaupt noch niemals gesehen hat.
Selbst dem Kaiser scheint die den Japanern ziemlich willkürlich
aufgepfropfte Europäermode unsympathisch zu sein, denn sobald er seine
staatlichen Funktionen beendigt hat, zieht er den Europäer aus und
den Japaner an. Bei Audienzen, Festlichkeiten und Ausfahrten trägt er
gewöhnlich die Uniform eines japanischen Generals, die ihm viel besser
steht als so manchem seiner Offiziere.
Bei einer Privataudienz, zu der ich die Ehre hatte befohlen zu
werden, hatte ich die gewünschte Gelegenheit, den Kaiser eine
Zeit lang in nächster Nähe zu sehen. Das ganze mit der Audienz
verbundene Zeremoniell erinnerte mich lebhaft an jenes bei großen
europäischen Höfen. Am Eingang zum Palast wurde ich durch Kammerherren
empfangen, die europäische Uniform mit Degen und Federhut trugen. Die
Dienerschaft war in europäischer Livree, dunkelblauem Frack mit gelben
Aufschlägen, welche das kaiserliche Wappen, die sechzehnblätterige
Chrysanthemumblüte, eingestickt zeigen, roten Westen, dunkelblauen
Kniehosen und weißen Strümpfen. Ich kann nicht sagen, daß diese
Livree den kleinen, dunkelhäutigen, schlitzäugigen Japanern mit
ihrem struppigen Haar besonders gut stand. Dafür zeigten sich die
Kammerherren, dann der Zeremonienmeister und Hofmarschall Sannomiya,
denen ich nun vorgestellt wurde, als vollendete europäische Gentlemen.
Ihrem Typus, Auftreten und Benehmen nach hätte ich sie für Spanier
oder Italiener gehalten, wenn ich ihnen irgendwo in Europa begegnet
wäre. Sie sprachen mit fließender Leichtigkeit französisch, englisch
und deutsch, und ganz besondere Gewandtheit zeigte der Adoptivsohn des
Grafen Ito, der einige Jahre in Halberstadt die Schulen besucht hat.
Der hochgebildete junge Mann, ein vollendeter Aristokrat, geht einer
ähnlich glänzenden Carriere entgegen wie sein berühmter Vater, einer
der Schöpfer des modernen Japan.
Der Saal, in dem wir uns befanden, war ganz europäisch möbliert. Auf
einem Tische lagen vier Einschreibebücher für die beiden Majestäten, je
eines für Europäer und Japaner.
Nach etwa halbstündigem Warten wurde ich durch lange hohe Korridore
in den Audienzsaal geführt, wo gewöhnlich fremde Gesandte ihre
Antrittsaudienz haben und ihre Beglaubigungsschreiben überreichen.
Mit Ausnahme des herrlichen kassetierten Plafonds, mit Malereien und
einem kleinen Thronstuhl in der Mitte, zeigte dieser Saal keinerlei
Schmuck, auch keine Möbel. Ueber den spiegelglatten Parkettboden war
ein moderner Teppich gebreitet. Zur Linken führte eine Thüre mit großen
Spiegelscheiben auf einen Korridor, welcher den Audienzsaal mit den
Privatgemächern des Kaisers verband; die Thüre zur Rechten führte nach
dem großen Thronsaal.
Auf der Seite, welche wir einnahmen, öffnete sich der Audienzsaal auf
einen wunderbar schönen Garten mit Fontänen, felsigen Wasserbecken und
Grasmatten, welche durch Gruppen von bronzenen Störchen geschmückt
wurden. Dieselben waren weiß übermalt und zeigten so natürliche
Stellungen, daß ich sie im ersten Augenblick für lebende Störche hielt.
Ob dem Kaiser ein Zeremonienmeister voranschritt, ob er angemeldet
wurde, wüßte ich nicht zu sagen. Er stand plötzlich vor mir. Ich kann
es nicht verhehlen, daß ich im ersten Augenblick befangen, überwältigt
war. Keine Persönlichkeit der Gegenwart hat eine so wunderbare
Geschichte, keine kann auf eine so lange Reihe von Ahnen zurückblicken,
die in das graue Altertum hinaufreicht, sechshundert Jahre vor Christi
Geburt! Ich befand mich vor dem Inhaber eines Thrones, auf welchem
hunderteinundzwanzig seiner Vorfahren gesessen haben und deren
Stammvater seine Gewalt von den Göttern selbst empfangen haben soll.
Der Kaiser ist für einen Japaner ein großer, stattlicher,
hochaufgerichteter Mann, mit fahlem gelblichen Gesichte, aus welchem
große, schwarze, stechende Augen blicken; das Kopfhaar ist länger,
als es die Japaner zu tragen pflegen, dicht und struppig; die Nase
ist fleischig, Schnurr- und Vollbart sind dünn, mit langen, steifen
Haaren; die Thränendrüsen treten auffallend stark hervor. Man kann
nicht behaupten, der Kaiser sei ein schöner Mann, allein das wenig
ansprechende Aeußere wird durch seinen hoheitsvollen Ausdruck und
eine gewisse Unnahbarkeit, die sein Wesen zeigt, aufgewogen. Unter
den vielen Tausenden von Japanern, denen ich auf monatelangen Reisen
in dem Inselreiche begegnet bin, habe ich keinen von interessanterem,
charakteristischerem Aussehen gefunden, und wenn man sich vor
Augen hält, daß der Kaiser der Repräsentant einer Familie ist, die
seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht über einen enggezogenen Kreis
herausgekommen ist, so muß man in ihm den reinsten Typus des Japaners
sehen.
Der Kaiser trug eine Uniform, die jener der französischen
Artillerieoffiziere ähnelt, aus schwarzem Tuch mit ebensolchen
Seidenborten. Auf der rechten Brust prangte der Stern seines
Chrysanthemumordens und zwei kleinere Ritterkreuze. Nachdem ich durch
den Zeremonienmeister vorgestellt worden war, richtete der Kaiser
mehrere Fragen an mich, die sich auf meine Reisen, hauptsächlich auf
jene nach Korea, bezogen. Er sprach japanisch, mit leiser Stimme, und
seine Worte wurden von einem Dolmetscher ins Französische übertragen.
Meine Antworten und Ausführungen wurden dem Kaiser wieder japanisch
mitgeteilt, der jeden Satz mit heftig ausgestoßenem „hei, hei”,
etwa „ja, ja” oder „ich begreife” beantwortete. Während der ganzen
Unterredung blickte der Kaiser niemandem in die Augen; er hielt sich
steif und unbeweglich wie eine Statue und reichte auch beim Abschiede
niemandem die Hand.
Unter den vorgeschriebenen drei Verbeugungen entfernten wir uns
nun, rückwärts schreitend, aus dem Saale. Im Korridor teilte mir
Hofmarschall Sannomiya mit, der Kaiser hätte ihm aus eigenem Antriebe
Befehl gegeben, mir die Räumlichkeiten des Palastes zu zeigen.
Geführt von diesem äußerst liebenswürdigen, weltmännisch gebildeten
Würdenträger nahm ich nun während der folgenden Stunde die Palasträume
in Augenschein, und es hätte gewiß noch viel längerer Zeit bedurft, um
die prachtvollen Kunstwerke der Japaner, die hier die Säle schmücken,
nach Gebühr zu bewundern.
Die Empfangsräume zeigen eine äußerst glückliche Verbindung zwischen
europäischem und japanischem Stil; der Palast selbst besteht aus einer
Reihe ebenerdiger, aneinanderstoßender Gebäude, deren jedes sein
eigenes Dach, seine eigenen Veranden und Korridore besitzt und nur je
einen großen Saal enthält. Alle diese Gebäude sind aus Holz aufgeführt,
aber statt der verschiebbaren Papierwände, welche die japanischen
Wohnhäuser besitzen, zeigen die Säle feste Wände, mit den herrlichsten
Seidenbrokaten bekleidet; die Plafonds sind gerade so wie jene der
Kaiserpaläste in Kioto kassetiert und mit Vergoldungen und Malereien
geschmückt.
Die ersten Räume, die wir besuchten, waren drei Speisesäle von
verschiedener Größe, ganz so eingerichtet wie jene in europäischen
Palästen. In dem größten dieser Säle, für mehrere hundert Personen Raum
bietend, werden dreimal jährlich große Tiffins d. h. Dejeuners gegeben,
die aber nicht, wie es in manchen Büchern zu lesen ist, stets in
europäischer Weise aufgetragen werden, sondern den daran teilnehmenden
Diplomaten zuweilen durch ihre japanischen Eigentümlichkeiten recht
unbequem sind. Auf einer kürzeren, an die Privatgemächer des Kaisers
stoßenden Seite steht eine kürzere Tafel, von welcher drei längere
Tafeln der Länge nach durch den Saal laufen. An der kürzeren Tafel
sitzt der Kaiser, während an den langen Tafeln, aber immer nur auf
einer Seite, das diplomatische Korps, die Minister und Generale
Platz nehmen, so daß sie kein Gegenüber haben. Die Mahlzeiten finden
um elf Uhr morgens statt; Teller, Gläser und dergleichen sind nach
europäischen Mustern und zeigen an den Rändern die Wappenblume des
Kaisers; an Stelle der Bestecke liegen jedoch japanische Eßstäbchen,
mit denen sich so mancher Diplomat vergeblich abmüht, ein Stückchen
Speise zu erwischen.
An einem kleinen Nebentischchen in der Nähe des Kaisers sitzt ganz
allein der geistliche Chef des kaiserlichen Hauses, der Leiter
der religiösen Shintozeremonien und des kaiserlichen Ahnenkultus,
gewöhnlich ein Prinz der Kaiserfamilie. In der letzten Zeit lag diese
Würde in den Händen des Prinzen Takuhito, aus dem Hause Arisugawa
no-miya. Bei Besuchen europäischer Prinzen wie z. B. des Zarewitsch
oder des österreichischen Thronerben im Jahre 1893 finden derlei
Mahlzeiten gewöhnlich in einem der kleineren Speisesäle statt.
Der große Gesellschaftssaal nahebei ist ganz im europäischen Stil
eingerichtet und enthält fast ausschließlich deutsche Möbel. In der
Mitte des Saales befinden sich zwei runde Divans, über welchen sich
auf Holzpiedestalen zwei große Bronzen Augsburger Fabrikats erheben,
Kämpfe von reitenden Figuren mit Löwen und Bären darstellend. In den
Ecken stehen europäische Sofas mit kleinen Tischchen davor, zwischen
den Fenstern Sèvresvasen und französische Bronzen. Sie würden überall,
nur nicht im japanischen Kaiserpalaste zur Bewunderung einladen.
Ein vollständig neuer Zweig der japanischen Kunstindustrie, der mir
bisher unbekannt war, wird durch zwei Wandgobelins nach französischem
Muster repräsentiert. Die Japaner haben die Gobelinmanufaktur in
Frankreich vor mehreren Jahren erlernt, und die beiden im Kaiserpalaste
aufgehängten Prachtstücke zeigen, wie weit es die Japaner auch darin
in der kürzesten Zeit gebracht haben. Weniger schön ist der anstoßende
Musiksaal eingerichtet, und die schweren Brokatvorhänge an den hohen
Fenstern, die Brokatbekleidung der Wände, die Teppiche auf dem
Parkettboden, die vielen Divans sind auch nicht dazu angethan, die
Bestimmung dieses Saales zu fördern. In einer Ecke steht ein großer
Konzertflügel. Die schönen Vasen, Bronzen und Emailgegenstände,
darunter ein wunderbar emaillierter Hahn in natürlicher Größe, stehen
merkwürdigerweise auf deutschen Sockeln billigster Arbeit, plump in
der Form, schlecht lackiert und vergoldet. Warum man an ihrer Stelle
nicht solche japanischen Ursprunges mit dem schönen Gold- oder Rotlack
verwendet hat?
[Illustration: Die Löwenstraße in Kioto.]
Am imposantesten von allen Räumen des Palastes ist der große Thronsaal,
den wir nun betreten, ein gewaltig großer hoher Raum, dessen Wand- und
Deckenschmuck ein wahrer Triumph der japanischen Kunstindustrie
ist. Von der Decke hängen zwei Glaslüster mit unzähligen elektrischen
Lämpchen, die aber selten angezündet werden, da man sich in dem
hölzernen Gebäude sehr vor Schadenfeuern fürchtet. Deshalb giebt es
in dem Palaste auch keine Kamine, und die im Winter recht notwendige
Erwärmung wird durch Luftheizung besorgt. Auf einer niedrigen,
teppichbedeckten Estrade an einer Langseite des Saales stehen zwei
gleich große, in Deutschland angefertigte Thronstühle für die beiden
Majestäten unter einem hohen faltenreichen Sammetbaldachin. An Stelle
der Kronen, welche in europäischen Herrscherpalästen Baldachin und
Thronstühle schmücken, sind hier überall sechzehnblätterige goldene
Chrysanthemumblüten, sowie drei Blätter und drei Blüten der Kiripflanze
(~Paulownia Imperialis~) verwendet. Während die ersteren das
Staatswappen bilden, ist die letztere seit undenklichen Zeiten das
Familienwappen der Mikados von Japan. Obschon sonst die europäischen
Höfe in allen Dingen genau nachgeahmt worden sind, hat man doch, ich
möchte sagen glücklicherweise, vor den erhabensten Insignien des
europäischen Herrschertums, Krone, Szepter und Reichsapfel, Halt
gemacht. Es giebt in Japan keine Krone, ebensowenig wie in China und
Korea. Erst die Herrscher der an China grenzenden hinterindischen
Reiche, dann jene Zentralasiens tragen Kronen. Die größte Sammlung
der letzteren habe ich im Kreml zu Moskau gesehen, die schönsten
und kostbarsten jedoch in der Hauptstadt von Siam. Die Insignien
der japanischen Kaiserwürde sind auch in der neuen Aera dieselben
geblieben, die sie in früheren Zeiten waren, das heilige Schwert
des Mikado Uda aus dem neunten Jahrhundert und der heilige Spiegel,
das Sinnbild der Tonno. Der letztere wurde dem Stammvater der
Kaiserdynastie von seiner Mutter, der Sonnengöttin, mit auf die Erde
gegeben, und seit jener Zeit blieb dieses kostbare Kleinod in dem
Besitz der Familie.
[Illustration: Das japanische Staatswappen.]
[Illustration: Das Familienwappen des Kaisers von Japan.]
In dem Thronsaale finden am Neujahrstage, am Geburtstage des Kaisers
und bei außergewöhnlichen Anlässen große Empfänge statt. Die
Majestäten stehen auf der Estrade vor den Thronen, rechts von ihnen
neben der Estrade die kaiserlichen Prinzen, links die Prinzessinnen;
die Gesandten, Minister, Generale und sonstigen hohen Würdenträger
defilieren in der in Europa, vornehmlich am spanischen Königshofe
üblichen Weise, während das kaiserliche Musikkorps die Mikadohymne
spielt, dieselbe Hymne, die Japan schon vor dem Sturz des römischen
Reiches und vor der Regierungszeit Karls des Großen besessen hat.
Aber während bei diesen Festlichkeiten von der alten Pracht des
feudalen Japan absolut nichts mehr zu sehen ist, während die Prinzen
in moderne Uniformen, die Prinzessinnen in Pariser Toiletten gekleidet
sind und unter den Hunderten von Anwesenden auch nicht einer das
japanische Nationalgewand trägt, hat sich hinter den Kulissen dieses
modernen Kaiserhofes ein ganz erkleckliches Stück des Alten erhalten.
An den genannten Festtagen pflegt der Kaiser schon um zwei Uhr morgens
aufzustehen und unter allerhand Zeremoniell ein Bad zu nehmen; dann
werden ihm die altjapanischen Kaisergewänder angethan, und so begiebt
er sich, begleitet von seinem engeren Hofstaate, zu dem Shintotempel
innerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes; der Hofstaat bleibt vor
dem Tempel auf den Knien liegen, während der Kaiser allein eintritt
und eine Andacht vor den Tafeln seiner göttlichen Ahnen verrichtet.
Dann erst wird das alte Japan abgelegt, das moderne angezogen, und der
Kaiser hält die Gratulationscour und die Truppenrevue ab.
Ebenso durchaus altjapanisch ist auch die gewöhnliche Lebensweise
des Kaisers. Seine Privatgemächer zeigen nichts von europäischer
Einrichtung. Ein langer, kahler Korridor führt von dem eben
geschilderten Kaiserpalast zu einer inmitten von prachtvollen Gärten
gelegenen Gruppe niedriger Häuser, und hier bewohnt der Kaiser drei
Gemächer. Nach unseren europäischen Begriffen würde man dort wahre
Schatzkästlein japanischer Kunst erwarten, mit glänzendem Goldlack,
herrlichen Bronzen, Vasen und Porzellannippes. Statt dessen ist in
diesen aus unscheinbaren Papierwänden gebildeten Räumen alles kahl.
Kein Stuhl, kein Bett, nichts von den Bequemlichkeiten des Europäers
ist vorhanden. Der Boden ist mit geflochtenen Matten belegt, und der
Beherrscher des japanischen Reiches schläft auf einer harten Matratze.
Nicht einmal unsere europäischen Badeeinrichtungen sind hier eingeführt
worden, und gerade so wie der geringste seiner Unterthanen badet der
Kaiser in einem hölzernen Bottich.
Auch die Kaiserin bewohnt hier drei ähnliche Gemächer, und nahebei
waren für den Thronfolger bis zu seiner 1900 erfolgten Vermählung
einige Zimmer reserviert, welche er bewohnt, wenn er das Kaiserpaar
besucht. Jedes der vielen kaiserlichen Kinder von verschiedenen Müttern
hat nämlich eine eigene Hofhaltung. Sie werden von ihrer frühesten
Jugend auf verschiedenen Familien im Lande zur Pflege und Erziehung
gegeben, wachsen in diesen auf, und je älter sie werden, desto größer
wird ihr Hofstaat. Zeitweilig werden sie zum Besuch des Kaiserpaares in
den Palast gebracht. Die Kaiserin selbst ist kinderlos geblieben. Dem
Kaiser ist es freigestellt, sich so viele Gattinnen beizulegen, als er
wünscht, allein nur eine, Haruko, hat den Rang einer Kaiserin und wohnt
im kaiserlichen Palast an seiner Seite.
[Illustration: Japanische Hymne.]
[Illustration: Chinesisches Lied.]
[Illustration: Japanisches Lied.]
Der Kaiser pflegt sich gegen Mitternacht zur Ruhe zu begeben und
zwischen sechs und sieben Uhr aufzustehen. Bald darauf empfängt er die
Minister und unterschreibt die ihm vorgelegten Dokumente. Die Zeit bis
zu den Mahlzeiten, die er um elf Uhr vormittags und sieben Uhr abends
in Gemeinschaft mit der Kaiserin einnimmt, verbringt er mit Reiten,
Bogenschießen und allerhand Sport. In den achtziger Jahren bewog man
ihn zum Studium der englischen und französischen Sprache, allein er
gab die Sache bald wieder auf und versteht auch jetzt noch keine
europäische Sprache.
Innerhalb der weiten Parkanlagen, die, inmitten von Tokio gelegen,
von einer dreifachen festen Mauer und dreifachen tiefen Wassergräben
umgeben sind, befinden sich auch einige Hofämter, sowie die Wohnungen
der kaiserlichen Dienerschaft und der Hofdamen. Jede derselben besitzt
ihr eigenes Haus und selbständige Haushaltung und Küche. Sie kommen
als Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren an den Hof und werden
dort in aller Abgeschiedenheit großgezogen und mit den Pflichten
gegen den Kaiser, sowie dem ganzen weitläufigen Zeremoniell vertraut
gemacht. Früher wurden zu Hofdamen nur Töchter von Kuges und Daimios
gewählt, seit einigen Jahren wird diese Ehre jedoch auch Töchtern der
Samuraiklasse (niederer Militäradel) zu teil.
Seinem Volke zeigt sich der Kaiser ausschließlich als europäischer
Herrscher, in europäischer Uniform und mit den Bändern oder Sternen
von Orden, die natürlich bei der Europäisierung des Reiches ebenfalls
eingeführt werden mußten und auch dieselbe Einteilung zeigen wie die
europäischen Orden. In ihrer Ausführung sind sie bunt und unschön. Der
höchste derselben ist der Chrysanthemumorden, der nur an Mitglieder
von Herrscherfamilien verliehen wird. Im Range nächststehend ist
der Sonnen- oder Paulowniaorden, so genannt, weil die Insignien
derselben den Sonnenspiegel, umrahmt von den Blättern der vorerwähnten
Paulowniapflanze zeigen. Dasselbe gilt indessen auch von dem dritten
Orden, jenem der aufgehenden Sonne, der in acht Klassen eingeteilt
wird. Geringere Orden sind jener des Spiegels oder des geheiligten
Schatzes, der Verdienstorden der goldenen Weihe (Militärorden), dann
der Kronenorden, ein Damenorden, dessen Kleinod einen Blumentopf mit
Blumen und den goldenen Vogel Hoo zeigt. Die Japaner haben an wenig
Dingen so rasch Geschmack gefunden wie an den Orden. Bei seinen
Ausfahrten benutzt der Kaiser gewöhnlich einen reich vergoldeten
Staatswagen mit Spiegelscheiben, in dem er allein zu sitzen pflegt.
Im Februar 1889 geschah es zum erstenmal, daß der Kaiser auch seine
Gemahlin in dem gleichen Wagen mitfahren ließ, ein in den Annalen des
japanischen Hofes unerhörtes Ereignis, gleichzeitig die indirekte
Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Kaiserin. Dem kaiserlichen Wagen
pflegen Polizeibeamte, dann drei Ulanen vorauszureiten, deren einer,
in der Mitte der Straße, die Lanze aufrecht hält, während die zwei an
den Straßenseiten reitenden Ulanen die Lanze gefällt halten. Auch den
Schluß des kaiserlichen Zuges bilden drei Ulanen, die jedoch die Lanzen
mit der Spitze nach hinten halten. Unmittelbar vor dem Wagen reiten
unter Anführung eines Generaladjutanten einige Offiziere, von denen
einer die goldene Kaiserstandarte mit der Chrysanthemumblume trägt. Das
Volk verhält sich beim Anblick des Kaisers stumm und wagt gar nicht, zu
ihm emporzusehen. In einigen Gegenden des Landes herrscht der Glaube,
daß es Unglück und Tod mit sich bringen würde, das Antlitz des Mikado
zu sehen. Dem Wagen des Kaisers folgen stets einige andere mit der
Suite.
[Illustration: Chrysanthemumorden.]
[Illustration: Sonnenorden I. Klasse.]