Diese Ansammlung des gesamten Adels des Landes in Yeddo ließ die Stadt

immer größer und volkreicher werden, und als endlich nach blutigen

Kämpfen die Macht der Schogune gebrochen und Yeddo unter dem Namen

Tokio zur kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt proklamiert wurde, nahm

sie einen noch viel größeren Aufschwung, der noch lange nicht seinen

Höhepunkt erreicht hat. Aber dies geschah auf Kosten des malerischen

Reizes des alten Yeddo, von dem heute nur wenig mehr übrig ist. Zwei

Jahrzehnte haben genügt, es von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Wer heute von Yokohama mit der Eisenbahn nach Tokio reist, der trifft

nach etwa einstündiger Fahrt auf einem modernen, europäischen Bahnhofe

ein, wie etwa in Leipzig, nur daß an Stelle der Droschken lange Reihen

von Rickshaws, von japanischen Kulis gezogene Handwägelchen, die

Reisenden erwarten. Auch diese Rickshaws sind bereits europäisiert.

Die Kulis tragen blaue Jacken, enganliegende Beinkleider und runde

Hüte, die Rickshaws selbst zeigen Nummern wie unsere Droschken. Ein

Portier in europäischer Uniform besorgt das Gepäck. Man rollt durch

breite Straßen, in denen sich Geschäfte mit europäischen Firmentafeln

und europäischen Waren befinden, und gelangt endlich zu einem von

einem Garten umgebenen europäischen Hotel, dem Imperial, auf japanisch

Taikoku Hoteru genannt, das ebensogut in Wiesbaden oder Trouville

stehen könnte und dort erst recht die eleganteste und modernste aller

Fremdenkarawansereien sein würde. Sogar die freundlichen, hübschen,

kleinen Nesans, die in Japan allgemein die Hotelbedienung besorgen,

sind der modernen Kultur geopfert worden, und an ihre Stelle sind

Kellner getreten. Man schläft in vollständig europäischen Zimmern

mit elektrischer Beleuchtung, speist in einem glänzenden Speisesaal

nach europäischer Küche und zahlt für Wohnung und Beköstigung, alles

einbegriffen, zwölf bis sechzehn Mark für den Tag. Von den Fenstern

dieses vornehmsten Hotels nicht nur von Tokio, sondern von ganz Japan,

sieht man auch nicht viel mehr, als man etwa in dem Auditorium Hotel

in Chicago sehen würde, weite unbebaute Flächen mit einem Dutzend

großer, drei- bis vierstöckiger Paläste darüber verstreut, einsame

Straßenanlagen, die noch der Häuser harren, und lange Reihen hoher

Telegraphenstangen, über die Hunderte von Drähten gespannt sind.

Ich zählte deren an manchen Stellen gegen fünfhundert. Selbst auf

einer ersten Rundfahrt, die gewöhnlich den Kaiserpalast und die

Gesandtschaftsgebäude zum Ziele hat, wird man vergeblich japanisches

Wesen, japanische Eigenart suchen. Die breiten, wohlgehaltenen

Straßen sind mit Gaslaternen versehen, hie und da gewahrt man eine

europäische Villa, von einem Gärtchen umgeben, die Wohnung irgend

eines japanischen Prinzen oder irgend eines ausländischen Gesandten;

an den Straßenecken stehen kleine, höfliche Polizisten in europäischen

Uniformen, möglicherweise mit Brillen auf der Nase; die Menschen, denen

man begegnet, tragen zum großen Teil ähnliche Kleider wie wir, die

Wagen, Equipagen, das Militär, alles wie in Europa. Die Brücken über

die Kanäle und Wallgräben könnten ebensogut über die Spree führen, und

als ich bei einer späteren Gelegenheit zur Vorstellung beim Mikado

in den Kaiserpalast kam, fand ich auch dort einzelne europäisch

eingerichtete Räume, wie in irgend einem Herrscherpalast der Alten

Welt. In der Nähe meines Hotels befand sich ein Klub, der Rokumei-Kwan,

ähnlich eingerichtet wie St. James oder Grosvenor, mit Billard-, Lese-

und Spielsälen, in denen japanische Herrchen in eleganten Pariser

Kleidern französisch parlierten oder ihre Whistpartie spielten. Nur

eins gemahnt den europäischen Spaziergänger hier daran, daß er sich

auf demselben Boden befindet, wo früher die Schogune geherrscht und

die Daimios gewohnt haben: die geradezu kyklopischen Festungsmauern,

welche die Residenz des Kaisers umgeben. Gewaltigere Bollwerke haben

wenige Festungen der Erde aufzuweisen. Dreißig bis vierzig Meter hoch

und etwas konkav nach innen gebogen, werden diese Mauern aus lose

aufeinandergelegten ungeheuren Quadern gebildet, so groß, daß man sich

wundern muß, wie die kleinen japanischen Männlein im stande waren,

sie ohne irgend welche Maschine oder unsere modernen europäischen

Hilfsmittel in solcher Massenhaftigkeit aufeinander zu türmen. Diese

Mauern entlang zieht sich ein fünfzig bis sechzig Meter breiter und

stellenweise ebensotiefer Wallgraben hin, an dessen Herstellung

Hunderttausende von Menschen jahrelang beschäftigt gewesen sein müssen.

Der Wasserspiegel in den Gräben ist zur Sommerszeit mit blühenden

Lotospflanzen bedeckt, und auf den Wällen darüber erheben sich

ungeheure alte Pinien in phantastischen Formen, mit langen, bis an den

Erdboden reichenden Aesten. Während meines Aufenthaltes in Tokio waren

diese so malerisch beschatteten Wälle mein liebster Spaziergang. Selten

begegnete ich dort einem Menschen, selten sah ich auch in den Straßen

jenseits irgend welchen Verkehr, mit Ausnahme eines Nachmittags, als

man die Leiche des verstorbenen englischen Gesandten unter großem Pomp

und stattlicher Militärbegleitung zu Grabe trug.

[Illustration: Das Universitätsgericht.]

[Illustration: Das Gebäude der juristischen und philosophischen

Fakultät in Tokio.]

Ist das wirklich die Stadt, die vor dreißig Jahren in den Werken von

Sir Rutherford Alcock und Lawrence Oliphant so malerisch geschildert

wurde? Tokio ist ihnen dann weit vorangeeilt, und was vor dreißig,

nein, vor zehn Jahren darüber geschrieben wurde, ist heute nicht mehr

richtig. Wo sind die Scenen, welche Alcock folgendermaßen beschreibt:

„Etwa alle hundert Schritte durchschreiten wir ein Thor, das die

Japaner schließen, wenn zur Nachtzeit ein Diebesalarm gegeben wird oder

bei Tage Unruhen sich ereignen, während eine elende Stadtwache in einem

Wachthause nahebei untergebracht ist, die für die Ruhe in ihrem Viertel

verantwortlich und stets wachsam sein muß. Sobald wir eines dieser

Thore passieren, stürzen die Wachleute aus ihrem Häuschen heraus, mit

langen Stangen bewaffnet, an deren oberen Enden eiserne Ringe hängen.

Sie schlagen diese Stangen heftig auf den Boden auf, daß die Ringe

klirren, und das sehen sie als eine uns zu leistende Ehrenbezeugung an.”

Aehnliches habe ich wohl auf meinen Reisen in China und Korea gefunden,

aber in Tokio? Ebensogut hätte ich es in Chicago suchen können.

Und Oliphant, der in den sechziger Jahren Tokio besuchte, schreibt:

„Die einzelnen Straßen sind durch zahllose Thore abgesperrt, und von

einem Thore zum andern werden wir von einer neugierigen Menschenmenge

verfolgt. Sobald wir ein Thor passiert haben, wird es geschlossen,

und der Menschenhaufe bleibt hinter uns, um, an die Gitter gedrückt,

uns mit neugierigen Blicken zu verfolgen, während sich um uns ein

neuer Menschenhaufe sammelt, der uns bis zum nächsten Thore begleitet.

Alle in die Hauptstraße mündenden Seitenstraßen sind hier durch quer

darübergezogene Seile abgesperrt, und niemand versucht es, sie zu

übersteigen oder unten durchzuschlüpfen.”

Wo sind diese Seile, diese Thore heute? Wo die neugierigen

Menschenmassen? Ich bin durch die entferntesten Stadtteile von Tokio

gewandert, kein Mensch kümmerte sich um mich.

Und die Jaschiki? Die Hunderte von Daimioschlössern, die in einem

weiten Kreise das Schloß des Schoguns umgaben? Sie sind der modernen

Aera zum Opfer gefallen. Einige Jahre haben hingereicht, um sie

niederzureißen und eben jene weite, einsame Fläche zu schaffen, auf

der sich die geschilderten Anfänge des europäischen Tokio erheben.

Diese Fläche, mehrere Quadratkilometer umfassend, zieht sich in einem

breiten Ringe um die kaiserliche Palastumwallung und erinnerte mich

in mehr als einer Hinsicht an jene, die in vielen Städten Europas,

vornehmlich in Wien, durch die Schleifung der Festungswälle und Glacis

entstanden sind. Hier und dort, verborgen hinter den großen Neubauten

in europäischem Stil, sind wohl noch einige Jaschiki der Daimio stehen

geblieben. Eins dieser seltsamen Schlösser des alten Japan steht

noch hinter dem Imperialhotel. Seinem Aussehen nach hätte ich es für

eine Stallung gehalten, und thatsächlich dienen die noch vorhandenen

Jaschiki als Kasernen und Stallungen für die moderne japanische

Reiterei. Nur sind die alten Daimiowappen abgenommen und durch die

Chrysanthemumrosette, die das kaiserliche Wappen bildet, ersetzt

worden. Man darf sich unter den Jaschiki nicht etwa Schlösser und

Burgen mit festen Mauern, Türmen, Erkern und Balkonen vorstellen, wie

sie der Adel und auch die Patrizier in unseren Städten, hauptsächlich

in jenen Italiens und Spaniens, besessen haben. Die Japaner haben

nur auf ihre Tempel und Pagoden besondere architektonische Kunst

verwendet, ihre Wohnhäuser waren und sind heute noch mehr als

bescheiden, ebenerdige hölzerne Bauten, die nicht eine einzige feste

Mauer besitzen, sondern im Grunde genommen aus nichts weiter als einem

auf hölzernen Pfählen ruhenden Dache bestehen. Die Wände werden durch

hölzerne Latten oder Papierrahmen gebildet. Die langen, niedrigen

Außengebäude der Jaschiki dienten früher den Zweischwertermännern,

d. h. der bewaffneten Gefolgschaft ihrer Daimios als Wohnungen und

haben wohl das Aussehen, als wären sie aus Mauerwerk aufgeführt. Aber

sie bestehen auch nur aus Holz mit leichtem Mörtelbewurf. In ihren

Residenzen besaßen die Daimios wohl große, mehrstöckige Schlösser,

nicht aber in der Hauptstadt.

[Illustration: Das physikalische Institut der Universität zu Tokio.]

Deshalb zeigen auch die wirklichen japanischen Stadtviertel, die

außerhalb der ringförmigen Kanäle liegen, das Aussehen von Dörfern.

Gegen dreimalhunderttausend Häuschen stehen hier auf dem weiten, an

Ausdehnung Paris gleichkommenden Plane in einem unentwirrbaren Netze

von Gassen und Gäßchen; nur die neuen Stadtteile, die auf dem rings um

die Mündung des Sumidagawa dem Meere abgerungenen Sumpfboden entstanden

sind, zeigen die schachbrettartige Straßenanlage der amerikanischen

Städte. Dort befindet sich auch das Fremdenviertel, Tsukidschi, mit

seinen wenigen Kaufleuten, vielen Missionaren und Kirchen. In dem

freien europäischen Japan war es nämlich den Europäern bis 1898

ebensowenig erlaubt, frei umherzureisen, wie frei zu wohnen; nur jene,

die im Dienste der japanischen Regierung standen, hatten den Vorzug, in

Tokio wohnen zu dürfen; alle anderen Europäer wurden in das Tsukidschi

verwiesen. Wir haben es in Europa in früheren Jahrhunderten mit den

Juden so gemacht und machen es augenblicklich noch hier und da so mit

den Zigeunern. Und die europäischen Großmächte ließen es geschehen,

daß die gelben schlitzäugigen Mongolen die Angehörigen der stolzesten

Rassen des Erdballs in gleicher Weise behandelten! Ist es denn zu

verwundern, daß dieses sehr überschätzte Japanervolk vor Dünkel bersten

könnte?

In das einförmige, ärmliche Straßengewirr von Tokio ist in den letzten

Jahren etwas Ordnung gebracht worden. Den japanischen „Haußmanns”

bleibt das Niederlegen ganzer Quartiere und das Durchbrechen neuer

Straßen und Avenuen erspart. Diese Arbeit wird durch die zahlreichen

verheerenden Schadenfeuer besorgt, die alle Jahre bald hier, bald dort

ausbrechen und gleich einige tausend Häuser verzehren. Ich selbst war

in Tokio Zeuge einer Feuersbrunst, die über tausend Häuser einäscherte,

ohne daß darüber viel Aufhebens gemacht worden wäre. Die leichtgebauten

Holz- und Papierhäuser brennen ja wie Streichholzschachteln, und ist

irgendwo ein Brand entstanden, so denkt die Feuerwehr gar nicht daran,

ihn zu löschen, sondern durch das Niederreißen der umstehenden Häuser

nur einzuschränken. „Die Blume von Yeddo ist das Feuer”, sagt ein altes

japanisches Sprichwort, und die Bewohner von Tokio sind von Tag zu

Tag nicht ihrer Häuser sicher. Viele besitzen in der That die wenigen

Balken und Dachgerippe für neue Häuser in Reserve. Brennt ihnen ihr

Haus zusammen, so haben sie am folgenden Abend schon ihr neues Haus

wieder aufgebaut.

[Illustration: Japanischer Tempelschrein.]

Jedesmal, wenn eine Feuersbrunst ein paar Straßen oder ein Stadtviertel

verheert hat, sind die Stadtbehörden zur Stelle und regulieren oder

verbreitern das Straßennetz, so daß es heute doch schon einige

gerade, breite Hauptstraßen giebt, durch welche sogar Pferdebahnen

gelegt worden sind. Die interessantesten und belebtesten Straßen

Tokios sind wohl die Ginza und Nakadori, interessant, weil sich

in ihnen ein Geschäftsladen an den andern reiht, voll japanischer

Produkte, Kuriositäten und Antiquitäten. Bei den Japanern herrscht

noch großenteils die Sitte, daß die einzelnen Geschäftszweige in

bestimmten Straßen oder Distrikten untergebracht sind, gerade so wie

bei den Chinesen; aber in diesen Industrie- und Handelsvierteln sind

die Häuser auch nicht größer oder stattlicher, nur haben die Japaner

der Feuersgefahr insofern Rechnung tragen gelernt, daß sie kostbarere

Waren in gemauerten Häuschen mit schweren Ziegeldächern und eisernen

Fensterläden unterbringen.

Dieses einförmige, öde, farblose und armselige Häusermeer von Tokio

wird an vielen Stellen durch kleine Hügel mit üppigem Baumwuchs

unterbrochen, und zwischen den Bäumen versteckt schlummert irgend

ein kleines, verschiedenen Gottheiten geweihtes Tempelchen. Was aber

Tokio vor allen anderen Städten Japans auszeichnet, sind seine beiden

prachtvollen Parks, der Schiba und der Uyeno, mit ihren ungeheuren,

alten Kryptomerien und Kiefern, ihren langen Alleen von Aepfelbäumen,

ihren lauschigen Tempelhainen und Lotosteichen. Die wunderbaren Tempel

mit ihren nicht zu beschreibenden Einzelheiten von Ausschmückung und

Einrichtung enthalten nicht nur die Gräber der Schogune, sie enthalten

auch das Grab der altjapanischen Kunst. Wohl hat Tokio dafür moderne

Hochschulen, Hospitäler, Bibliotheken, Museen, Arsenale, Fabriken

erhalten, mit denen sich die Japaner heute brüsten, aber all das

sind fremde Errungenschaften, die sie sich angeeignet haben. Ihr

altangestammtes Eigentum, ihre Schöpfung, das Ergebnis ihrer Liebe und

ihres Verständnisses für die Natur war ihre Kunst, die so herrliche

Blüten getrieben hat; diese haben die Japaner ohne eine Thräne des

Bedauerns geopfert, im Austausch für die modernen Wissenschaften der

alten Welt hergegeben. Wer diese Tempelhaine durchwandert, die hohen,

eigentümlichen Thorbogen durchschreitet, die langen Reihen steinerner

und bronzener Opferlaternen passiert, von alten Daimios dem Andenken

der Schogune gewidmet, und endlich die heiligen Grabtempel und den

Göttern geweihten Hallen betritt, der empfindet neben rückhaltsloser

Bewunderung auch jenes tiefe Bedauern für das Dahinschwinden einer

großen Kultur, für welche der moderne Japaner kein Verständnis, kein

Gefühl zu haben scheint.

Aber es giebt in Tokio noch ein Stück unverfälschten Japans, das

die gütige Vorsehung auch noch recht lange zur Freude aller morgen-

und abendländischen Besucher erhalten möge: jenseits des herrlichen

Uyenoparks, zu Füßen der von gewaltigen Kryptomerien gekrönten Hügel

dehnt sich jene eigentümliche Ausgeburt japanischer Sitten, die

Yoschiwara mit ihren der Venus gewidmeten Freudenhäusern aus, und

dicht daran schließt sich das Quartier von Asakusa, das sehenswerteste

der ganzen Hauptstadt des Mikadoreiches. Ein vielstöckiger Steinturm,

der schon so manches verheerende Erdbeben überstanden hat, bildet das

Wahrzeichen von Asakusa, wenn nicht von Tokio selbst. Rings um diesen

Turm liegen in großen Hainen die stattlichsten Tempel der Stadt, der

Hongwanji und der der Gnadengöttin Kwannon geweihte Buddhistentempel

von Sensodschi. An diesen merkwürdigen Gebäuden mit ihren

absonderlichen Göttergestalten, Inschriften, Bildern und zahllosen

Andächtigen hat sich der Ansturm der amerikanischen Baptisten-,

Methodisten-, Unitarier-, Presbyterianer- und sonstigen Missionare doch

gebrochen, ebenso wie der Ansturm der fanatischen Umstürzler mit ihren

europäischen Reformen. Rings um diese Tempel liegt der Wurstlprater von

Tokio mit zahllosen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Verkaufsständen,

stets belebt, besonders aber an den zahlreichen Festtagen, wenn viele

Tausende grotesk geputzter Japaner mit ihren Frauen, mit Musmis und

Kindern dort hinauspilgern und Volksfeste abhalten, die in ihrer

Eigenart dem Europäer entschieden interessanter sind als der Abklatsch

europäischer Universitäten, Arsenale, Pferdebahnen und Gasanstalten,

mit denen die modernen Japaner gerade dem Europäer gegenüber so gerne

prunken.

Der Kaiser von Japan und sein Hof.

[Illustration: Jimmu Tenno, der Stammvater des japanischen

Herrscherhauses.]

Mit dem alten Japanerreich stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch

Mutsu Hito, der Beherrscher desselben, im Vordergrunde des Interesses.

Der Sturz des Schogunats, die Wiedereinsetzung der alten Kaiserdynastie

an die Spitze der Regierung, die Einführung europäischer Kultur, die

Errichtung einer modernen Armee und Flotte, die Konstitution, mit

einem Worte, die ganze wunderbare, in der Geschichte beispiellos

dastehende Verwandlung Japans aus einem alten despotischen Feudalstaate

in ein modernes Reich mit westlicher Zivilisation wird in Europa

ziemlich allgemein der eigensten Initiative des japanischen Herrschers

zugeschrieben. Wäre dies richtig, so müßte Mutsu Hito nicht nur als

der weitaus bedeutendste der hundertzweiundzwanzig Kaiser seiner

Dynastie sein, er wäre auch eine der bedeutendsten Erscheinungen der

ganzen Geschichte, und es ist deshalb wohl begründet, sich mit dieser

Erscheinung näher zu befassen. Schon der Umstand allein, daß er als der

hundertdreiundzwanzigste seiner Familie auf dem gleichen Throne sitzt

und daß sein Stammbaum bis auf das Jahr 660 v. Chr., also auf über 2600

Jahre zurückreicht, macht ihn zu einer interessanten Persönlichkeit.

Ihm gegenübergestellt wären ja die Häupter unserer ältesten

Herrscherfamilien Europas geradezu Parvenus, denn ihr Stammbaum reicht

höchstens auf tausend Jahre zurück.

[Illustration: Bronzebuddhas im Asakusapark zu Tokio.]

Bei näherer Betrachtung gestaltet sich die Sache freilich etwas

anders. In Japan nahm man es mit der Thronfolge lange nicht so genau

wie in den europäischen Herrscherfamilien. Der Thronfolger wurde nach

Belieben aus der Menge der mit Konkubinen gezeugten Söhne auserwählt,

zuweilen wurden Frauen auf den Kaiserthron gesetzt, ja es wurden

häufig Söhne aus anderen dem Throne nahestehenden Adelsfamilien von

verschiedenen Kaisern adoptiert und zu Thronfolgern gemacht. Eine

direkte Thronfolge vom Vater auf den Sohn kam in der japanischen

Geschichte nur selten vor. In den ersten Jahrhunderten der Dynastie,

welche Jimmu Tenno, den Sohn des Himmels, als ihren Stammvater nennt,

waren die Kaiser auch thatsächlich Herrscher; später gelangten Familien

aus der nächsten Umgebung der Kaiserfamilie zu Einfluß und Macht, sie

rissen allmählich die ganze Regierung an sich, und die Kaiser selbst

waren kaum viel mehr als willenlose Puppen, die von den wirklichen

Regenten nach Belieben gewöhnlich als Kinder auf den Thron gesetzt

und wieder verjagt wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht und

den Usurpatoren gefährlich werden konnten. So waren beispielsweise

unter dem Mikado Go-Nijo (1302-1308) nicht weniger als fünf Mikados

gleichzeitig am Leben; nämlich er selbst, der von seinem siebzehnten

bis zum dreiundzwanzigsten Jahre auf dem Throne saß; dann seine vier

Vorgänger: Go-Fukakusa, der schon in seinem vierten Jahre Kaiser

wurde und in seinem siebzehnten abdankte, d. h. abdanken mußte; dann

Kameyama, Kaiser von seinem elften bis zum sechsundzwanzigsten Jahre;

Go-Uda, Kaiser von seinem achten bis zum einundzwanzigsten Jahre, und

der fünfte Kaiser, Fuschimi, schien den Ministern gar nicht zu passen,

denn in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre zum Kaiser gemacht, mußte

er schon in demselben Jahre abdanken. Wie man sieht, wechselte man

im alten Japan die Kaiser ähnlich wie heute in manchen europäischen

Staaten die Minister. Nur war das Verhältnis umgekehrt. Nicht der Hund

wedelte den Schwanz, der Schwanz wedelte den Hund.

Als die letzte Schogunfamilie, die berühmten Tokugawa, die Macht in

den Händen hatte, wurde den Kaisern wohl alle Achtung und Verehrung

zu teil, die ihnen gebührte, allein von der Regierung waren sie

vollständig ausgeschlossen, ja sie waren kaum besser als Gefangene, die

nicht einmal, wie das Sprichwort sagt, einen goldenen Käfig hatten.

Dank der kaiserlichen Gnade war es mir gestattet, in der früheren

Hauptstadt des Reiches, in Kioto, die Paläste zu besichtigen, die

den Vorgängern des Kaisers und in seinen jungen Jahren auch noch dem

regierenden Kaiser als Wohnung angewiesen waren. In den weitläufigen,

einförmigen Holzgebäuden mit ihren breiten Veranden und papierenen

Zimmerwänden sah ich noch viel weniger Pracht als in dem Palaste

ihrer Unterthanen, der Schogune. Dort wohnten und lebten die Kaiser

vollständig abgeschlossen von der Außenwelt, vollständig unsichtbar

und in gänzlicher Unkenntnis der Größe und Eigenart ihres Reiches. Nur

in den seltensten Fällen kamen sie über die Palastmauern heraus, und

auch das nur in fest verschlossenen und verhängten Wagen. Von ihrem

Regierungsantritte bis zu ihrem Tode bildeten ihre Frauen und ihre

Hofhaltung den einzigen Verkehr. Nur die Kuge und die Daimios, also der

höchste Adel des Landes, wurden in seltenen Fällen in den Thronsaal

zugelassen, um dem Sohne des Himmels ihre Glückwünsche darzubringen

oder ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Sie lagen an einem Ende des Saales auf

den Knieen, mit dem Gesichte auf dem Boden, während der Kaiser auf dem

Throne am anderen Ende des Saales saß. Und welcher Thron! Ein Zelt von

der Größe und dem beiläufigen Aussehen unserer kleinsten Feldzelte,

aus weißem Seidenstoff angefertigt. Im Innern desselben liegt auf

dem Holzboden eine Matratze, und auf dieser saß der Kaiser mit

verschränkten Beinen. Während der Audienz wurde auch noch ein dichter

Vorhang herabgelassen, damit kein Sterblicher das geheiligte Antlitz

des Sohnes des Himmels erblicke.

Auch noch der regierende Kaiser empfing seine Fürsten auf diese Weise,

und wer vor einem Vierteljahrhundert gesagt hätte, derselbe Kaiser

würde auf einer Landesausstellung in Tokio angesichts vieler Tausende

seiner Unterthanen selbst die Preise verteilen, mit der Kaiserin an

seiner Seite ein neugeschaffenes Parlament eröffnen oder in seinem

modernen europäischen Palaste Diners und Garden parties geben, der wäre

in Japan als verrückt eingesperrt worden.

Die Sache erscheint in der That unglaublich und liest sich wie ein

phantastisches japanisches Märchen. Am unglaublichsten aber erscheint

es, daß Kaiser Mutsu Hito, der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre

nur wenige fremde Menschen zu Gesicht bekommen hat, der in seinem

siebzehnten Jahre zum erstenmal seinen Palast verließ, zum erstenmal

grüne Reisfelder und bewaldete Berge, Dörfer und Städte mit seinen

eigenen Augen gesehen hat, daß dieser Kaiser einige Jahre später

bereits eine Armee nach europäischem Muster schuf, europäische Kultur

und Kleidung für seine Unterthanen dekretierte und 1889 sogar seinem

Lande eine Konstitution nach europäischem Muster gab.

[Illustration: Mutsu Hito, Kaiser von Japan.]

[Illustration: Haruko, Kaiserin von Japan.]

Alle diese Errungenschaften werden in Europa ziemlich allgemein der

persönlichen Thatkraft und Einsicht des Kaisers zugeschrieben, aber mit

wie wenig Recht, kann man bei einigem Nachdenken schon aus dem Gesagten

erkennen. Zu den herrschenden irrtümlichen Ansichten haben wohl die

Begriffe beigetragen, die wir Europäer von unseren Herrschern haben.

In Europa sind die letzteren Persönlichkeiten mit ausgesprochener

Individualität, in Japan aber ist der Mikado, wie Chamberlain ganz

richtig sagt, einfach der Kaiser. Er hat nicht einmal einen Namen,

der von seinen Unterthanen ausgesprochen werden darf. Nach seinem

Tode wird er unter dem Namen Meji, d. h. Aufklärung, bekannt sein,

den er seiner Regierungszeit gegeben hat. Alle Verordnungen, alle

Maßnahmen, Neuerungen werden allerdings vom Kaiser dekretiert, allein

er ist keineswegs auch der Schöpfer derselben. Es wäre ja auch ganz

unmöglich, daß der Kaiser, der beispielsweise in seinem Leben noch

niemals das offene Meer gesehen hat und niemals auf einem Schiffe

war, eine Kriegsflotte nach europäischem Muster aus eigenem Antrieb

schaffen sollte; oder daß er, der niemals einen anderen Soldaten

gesehen als etwa die Samurai (Zweischwertermänner) seiner Eskorte

auf der Reise nach Tokio, deutsche Stabsoffiziere nach Japan berufen

sollte, um seine moderne Armee Taktik und Strategie zu lehren. Aber

ein großes Verdienst um sein Land und Volk, gleichzeitig auch um den

Triumph unserer europäischen Kultur hat sich der Kaiser unzweifelhaft

erworben: das, thatkräftige, kluge, weitsehende Männer seiner Umgebung

gewähren zu lassen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie auf ihren

Posten selbst dann noch zu belassen, als sie seine kaiserlichen

Vorrechte beschnitten, ja ihn veranlaßten, von seiner Gottähnlichkeit

herabzusteigen unter die Menschen und selbst Mensch zu werden. Dazu

gehört viel Seelengröße, viel Einsicht und Klugheit, Eigenschaften, die

bei orientalischen Herrschern bei ähnlichen Anlässen nur äußerst selten

zu finden sind. Statt wie es sonst zu geschehen pflegt, dem Strome

der öffentlichen Meinung nachzugeben, ist er als erster mit seinem

Beispiel vorangegangen, er hat befohlen und hat als erster diesen

Befehlen Folge geleistet. Wo der Kaiser sich der Notwendigkeit beugt

und die tausendjährige eigenartige Kultur seines Landes opfert, um

neue, ihm und seinem Volke durchaus fremde, anfänglich unsympathische

europäische Kulturfesseln anzulegen, da mußten seine Unterthanen ihm

folgen. Die Gebildeten und Klugen der letzteren thaten dies aus eigener

Ueberzeugung, die weitaus größte Masse gehorchte eben dem Gebote ihres

Kaisers, gegen den von alters her ein Widerstand, eine Auflehnung

undenkbar ist. Nur diese allgewaltige Autorität, diese halbgöttliche

Stellung, welche der Kaiser aus der früheren Zeit mit hinübernahm bis

zur Einführung der konstitutionellen Verfassung, konnte die ungeheuren

Umwälzungen möglich machen, welche die Männer der Regierung beschlossen

hatten. Wie in Deutschland und Italien, so muß man in dem neugeeinigten

Japan neben dem Herrscher auch diese seine Ratgeber nennen, vor allen

anderen Graf Ito, den Bismarck von Japan, dann Yamagata, Inouye,

Yamada, Aoki, die beiden Saigo, Kuroda, Mutsu, Oyama, Okubo, Yoshida

und Terashima. Sie sind die eigentlichen Schöpfer des neuen, ich

möchte sagen abendländischen Japan, Männer, beseelt von glühender

Vaterlandsliebe und Loyalität, dabei durch und durch ehrenhaft und

selbstlos. Nicht sich wollten sie heben, sondern nur ihr Vaterland.

Glücklich ein Land, das solche Männer hat!

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 46 / 71 段