Man wäre nun geneigt zu glauben, daß die im Laufe der Jahre hierher

verschlagenen Europäer von der so sympathischen, so ansprechenden und

malerischen Kultur der Japaner, die sie selbst so sehr rühmen, etwas

angenommen haben würden. Jeder nach Japan kommende Tourist hat das

Verlangen, dies zu thun, und erkennt gerne die großen Vorteile an,

welche sie in mancher Hinsicht des Lebens gegenüber der nüchternen,

geschäftigen, europäischen besitzt. Aber die ersten Ansiedler waren

eben Engländer. John Bull bleibt überall derselbe, ob er an den Ufern

der Themse oder bei den Antipoden wohnt. Seine Zivilisation ist ihm

so fest an den Leib gewachsen wie seine Beine, und er trägt sie

überall mit hin. Die Engländer haben das Werk begonnen, die anderen

Nationen sind ihnen gefolgt, und so ist hier eine durchaus europäische

Stadt entstanden, mit geraden, wohlgepflasterten und erleuchteten

Straßen, mit steinernen Häusern im europäischen Stile, mit Kaufläden,

Buchhandlungen, Banken, Apotheken; mit vornehmen Hotels, Klubhäusern,

Kirchen, Zeitungsbureaus, daß man sich ebensogut in Plymouth oder

Penzance wähnen könnte, wären im Straßenverkehr nicht die japanischen

Diener, Arbeiter und Bettler so zahlreich.

Neben dem vorgenannten, Nipon o dori genannten Boulevard mit dem

großen Postamte und mehreren anspruchsvollen Konsulatsgebäuden ist

die schönste Straße Yokohamas der Bund, eine schnurgerade, mit Bäumen

bepflanzte Avenue, die sich wie die Promenade des Anglais in Nizza

längs des Meerufers einen Kilometer weit hinzieht und nur auf der

Landseite von Häusern besetzt ist. Aber hier, ebenso wie in den hinter

dem Bund befindlichen Straßen, befinden sich nur die Hotels, Klubs,

Konsulate und Geschäftshäuser. Doch ist die City, das geschäftliche

Viertel von Yokohama, nur tagsüber belebt. Die meisten Europäer wohnen

auf dem Bluff, südlich der Insel von Yokohama auf dem Festlande

von Nipon. Dort erhebt sich steil aus dem Meere ein etwa fünfzig

Meter hohes Plateau mit einer entzückenden Rundsicht auf die weite

Meeresbucht, die sie umfassenden malerischen Küsten und die entfernten

Bergketten des zentralen Japans mit dem alles überragenden Fudschiyama.

Wer den steilen, mit japanischen Kuriositätenlagern und Kaufläden

besetzten Weg zu dem Bluff emporklettert, befindet sich in wenigen

Minuten in einer reizenden Villenstadt, einem kleinen Homburg, ebenso

durchaus europäisch wie die Geschäftsstadt zu ihren Füßen. Jede der

hübschen, in modernem Baustil errichteten Villen ist von einem Garten

umgeben, in welchem die reiche japanische Flora, von eingeborenen

Kunstgärtnern gepflegt, zu geradezu großartiger Entfaltung gelangt ist,

vor allem in dem weitläufigen, öffentlichen Park, dem Bluff Garden,

hinter welchem man sogar einen Wettrennplatz wie jenen in Goodwood oder

Epsom gewahr wird. Verborgen zwischen majestätischen Kampferbäumen und

japanischen Kiefern liegen hier oben auch das deutsche und englische

Hospital, der Friedhof und eine Anzahl Missionsanstalten. Ebenso wie

die City unter dem Bluff, enthält auch die Villenstadt auf dem Bluff

etwa 300 Häuser mit ebensovielen Gärten. Hier leben die Kaufherren

von Yokohama mit ihren Familien in entzückenden Homes, behaglich in

ganz europäischem Stil eingerichtet, aber mit durchweg japanischer

oder chinesischer Dienerschaft. Ist der Erwerb in Yokohama auch lange

nicht so bedeutend wie in Shanghai oder Hongkong, so ist dafür auch

das Leben billiger; die Chinesen sind die ehrlichsten und treuesten

Diener, die Japaner die freundlichsten, dabei auch ganz vortreffliche

Köche, so daß es in Yokohama den europäischen Hausfrauen bei weitem

nicht so schwer ist, die Haushaltung zu besorgen, wie in Europa und

auch der Junggeselle in seinem eigenen Heim ein sehr behagliches Dasein

führen kann. In diesen Haushaltungen geht es zuweilen recht lustig

her; es werden Gesellschaften, Tänze, Diners veranstaltet, und für die

Vorbereitungen läßt man die japanischen, ungemein findigen Diener Sorge

tragen. Sie stehen mit ihren Kollegen in anderen Häusern in Verbindung;

fehlt es an Fleisch oder Fischen, so wird das Fehlende von diesen

Kollegen entlehnt, und nicht selten kommt es vor, daß ein Kaufherr,

bei einem anderen zu Gaste geladen, seine eigenen Bestecke, Teller und

Schüsseln zu seiner Ueberraschung auf dem fremden Tische findet.

Recht eigentümlich ist in Yokohama, ebenso wie in Kobe, die Numerierung

der Häuser. Wohl führen die Hauptstraßen auch Namen, und die einzelnen

Geschäftshäuser haben ihre kleinen Firmentafeln, aber die Häuser sind

nicht nach Straßen, sondern insgesamt je nach der Reihenfolge ihrer

Erbauung numeriert, so daß es sowohl in der City wie auch auf dem

Bluff nur gegen dreihundert Nummern giebt, wobei z. B. auf dem Bluff

neben Nummer 99 Nummer 251, gegenüber Nummer 115, 186 und 165 liegen.

Wo immer möglich, hat man in den Straßen die Nummern fortlaufend

gehalten; denn sie spielen in Yokohama eine viel größere Rolle als

in europäischen Städten. Da die Boten, Kuruma-Kulis, Briefträger nur

ganz selten die europäischen Schriften lesen und auch die europäischen

Namen nur schwer aussprechen können, so wird im öffentlichen Verkehr

ein Geschäft gewöhnlich nur mit seiner Nummer bezeichnet. Die Kaufleute

drucken auf ihren Briefbogen und Visitenkarten ihre Nummer ebenso bei

wie ihre Kabeladresse, aber sonst weder Straße noch Haus. Bei den

Kuruma-Boys, Dienst- und Geschäftsleuten heißen die Europäer einfach

Gentleman Nummer 3 oder Lady Nummer 10. Einen anderen Namen kennen sie

nicht.

Wie die Lebensmittel, so sind auch die Fahrgelegenheiten in Yokohama

sehr wohlfeil; die Mehrzahl der Europäer haben ihre eigene Kuruma,

die mit dem Lohn und Unterhalt des Kuli monatlich etwa zehn Yen, also

ungefähr fünfundzwanzig Mark kostet; Privatequipagen mit Kutscher

und Pferd kosten nur etwa hundert Mark monatlich, und deshalb wird

auch von den Fahrgelegenheiten ungemein viel Gebrauch gemacht. Das

gesellschaftliche Leben unter dem Häuflein der Europäer und Amerikaner

der verschiedensten Nationen ist sehr rege; die Geschäftszeit

beschränkt sich auf einige Stunden täglich, und auch diese werden nur

an Steamer Days, wenn die einlaufenden Dampfer die Post bringen und

abholen, streng eingehalten. Die Abende werden im Bekanntenkreise

oder in den beiden Klubs zugebracht; zuweilen giebt es Konzerte und

Theatervorstellungen von Wandertruppen, und fehlen diese, so hat doch

Yokohama seine Gesang-, Orchester-, Cricket-, Renn- und Segelvereine,

gerade so wie irgend eine Stadt Europas, obwohl die ganze verfügbare

Bevölkerung kaum tausend Seelen umfaßt. Sogar ein städtisches Orchester

von japanischen uniformierten Musikern ist vorhanden, und an den

Abenden, an welchen dieses Orchester in dem Garten vor dem Grand Hotel

Tafelmusik macht, herrscht in den Speisesälen dieses Hotels ein so

elegantes und bewegtes Leben wie in den vornehmen Restaurants von

Piccadilly, die Damen in großer Abendtoilette, die Herren in Schwarz

mit weißer Halsbinde.

Dieses in Bezug auf Eleganz vielleicht sogar ein bißchen zu weit

getriebene Gesellschaftsleben wäre in geistiger Hinsicht reger

und angenehmer, wenn die Europäer nicht in so viele geschlossene

Gesellschaften gespalten wären. So haben vor allem die sehr zahlreichen

amerikanisch-protestantischen Missionare und ihre Frauen mit der

kaufmännischen und diplomatischen Gesellschaft fast so gut wie gar

keinen Verkehr. Ebenso sind die Engländer von den Amerikanern getrennt,

beide wieder von den deutschen, und nur bei großen Anlässen, wie bei

Wettrennen, Yachtfahrten, Konzerten und dergleichen trifft man sie

vereinigt.

Japaner fehlen in der europäischen Gesellschaft vollständig. Die

Japaner haben ihren eigenen Stadtteil und leben dort gerade so wie

in irgend einer anderen japanischen Provinzstadt. Nur haben sie

durch die fortwährende Berührung mit Europäern doch schon, was ihre

Trachten anbelangt, einzelne abendländische Kleidungsstücke, Hüte,

Schuhe oder Regenschirme angenommen, sie haben im Verkehr mit den

rücksichtslosen, häufig roh auftretenden englischen und amerikanischen

Touristen viel von ihrer Höflichkeit eingebüßt, und auch die Bazare

haben sich diesem, von den ansässigen Europäern nicht mit Unrecht

gehaßten Globetrotterverkehr angepaßt. Wohl sind die Kaufläden ungemein

zahlreich, aber sie enthalten doch nur auf den Globetrottergeschmack

berechnete Artikel, und feine, altjapanische Kunstsachen oder

Antiquitäten wird man nur selten finden. Dennoch gehören die

beiden Hauptstraßen des japanischen Stadtteiles, Benten-dori und

Hondscho-dori, zu den belebtesten und sehenswertesten von ganz

Japan. Die berühmte Isezakicho, die breiteste und belebteste Straße

Yokohamas mit ihren fünf großen Theatern, ihren Schießbuden, Akrobaten

und Märchenerzählern, mit ihren feinen japanischen Restaurants und

Theehäusern, ein beliebter origineller Spaziergang für die Fremden

und wohlbekannt bei den Einheimischen, ist im Sommer 1899 einem

verheerenden Brande zum Opfer gefallen. Die schönen großen Bazare

sind bis auf den Grund zerstört, weit schweifte der Blick auf dem

öden Trümmerfeld vom Bahnhof bis zur griechischen Kirche, wo wenige

Stunden vorher hohe Häuser standen und viele Tausende von Menschen ihr

Heim besaßen. Verbrannt sind auch die Hauptpolizeistation, die große

Yoshidaschule, die Musaschibank, Backsteinbauten, die der Gluthitze

keinen Widerstand zu leisten vermochten.

Von den anderen Häusern sind, da sie nur aus Holz gebaut waren, der

steinerne Kochherd und die Dachziegel übrig geblieben. Auf jedem

Platze, wo ein Haus gestanden, wird bei einem Brande gewöhnlich von

der Polizei eine Tafel mit dem Namen des Besitzers angebracht, damit

derselbe im Schutte nach Gegenständen suchen kann, die die Hitze

überdauert haben sollten. Binnen wenigen Stunden wurden 3300 Häuser vom

Feuer verzehrt, viele Menschenleben sind verloren gegangen, und der

materielle Schaden erreichte viele Millionen.

Glücklicherweise sind wenigstens die anderen Stadtteile Yokohamas,

welche ebenfalls bedroht waren, verschont geblieben. Das japanische

Yokohama wird von den Europäern eher unterschätzt, denn obschon ich

fast alle größeren Städte des Mikadoreiches besucht habe, fand ich

in Yokohama doch sehr Sehenswertes, vor allem in der stets belebten

Theaterstraße mit ihren unzähligen Schaubuden, Theehäusern, Theatern,

Vergnügungen der verschiedensten Art. Dazu ist die Umgebung Yokohamas

von fast paradiesischer Schönheit; auf viele Meilen in der Runde

gleicht die Landschaft einem wohlgepflegten Herrschaftsgarten mit

den entzückendsten Tempelchen und Tempelhainen, mit reizenden,

ungemein reinlichen Dörfchen, in denen die Bevölkerung auch noch

in paradiesischer Einfachheit lebt; Kamakura mit seiner berühmten

kolossalen Bronzestatue des Buddha und seinen alten Tempeln,

Enoshima mit seinen Seebädern, Atami mit seinem heißen Hochsee und

weiterhin die Gebirgsregion von Hakone mit dem gleichnamigen See und

dem fashionabelsten Bade- und Sommeraufenthaltsort der Europäer in

Ostasien, Myanoshita. Wie man sieht, leben die Handvoll abendländischer

Pioniere im fernen Japan ganz behaglich und entbehren nur wenig von den

Genüssen und Annehmlichkeiten unserer europäischen Städte; sie haben

sogar ihre eigenen Zeitungen. In diesem Oertchen, das an Einwohnern

nicht mehr besitzt als irgend eines unserer größern Dörfer, erscheinen

nicht weniger als vier Tagesblätter, durchwegs in englischer Sprache.

Obschon die Deutschen an Zahl den Engländern und Amerikanern zunächst

stehen, haben sie bis jetzt doch noch keine eigene Zeitung, dafür

besteht eine englische Wochenschrift, die Eastern World, welche,

von einem Deutschen, Herrn Schröder, herausgegeben, die deutschen

Interessen in Japan geschickt und kraftvoll vertritt, zuweilen auch

deutsche Aufsätze bringt. Wie die vier englischen Tagesblätter bei

einer Auflage von sechzig bis einigen hundert Exemplaren bestehen

können, dürfte den meisten Zeitungsleuten Europas wohl ein Rätsel

sein, vielleicht ist es auch ihren eigenen Redakteuren ein Rätsel.

Dabei sind diese Blätter ganz vortrefflich geschrieben und gedruckt

und enthalten täglich die wichtigsten telegraphischen Nachrichten aus

Europa. Heute untersteht die europäische Einwohnerschaft leider der

japanischen Verwaltung und bildet nicht mehr eine jener eigenartigen

Republiken, deren Häupter sich aus den Konsuln und angesehenen

Kaufleuten zusammensetzen, wie die chinesischen Vertragshäfen. Die

stolzen englischen Kaufherren, die deutschen Reserveoffiziere, die

anmaßenden Yankees, dazu die den vornehmsten Ständen angehörigen

Touristen aller Herren Länder, ob Minister oder General, sind heute

den kleinen schlitzäugigen häßlichen Japanern unterworfen, und leider

beuten diese ihre souveräne Stellung, welche ihnen in, man kann wohl

sagen, unbesonnener Weise, gewährt worden ist, zum Nachteil der

Europäer aus. Die Gerichtspflege läßt sehr viel zu wünschen übrig, und

die Klagen über erlittenes Unrecht werden immer zahlreicher. Wieder war

es England, das, um seinen gewinnsüchtigen Kaufleuten Handelsvorteile

zu sichern, seinen kaukasischen Rassenstolz vor der gelben Rasse

gebeugt hat. Auch bezüglich des Zoll- und Postwesens enthalten die

Zeitungen seit Jahren fortwährende Klagen über die Unzuverlässigkeit

der japanischen Merkure. Selbst die offizielle Regierungszeitung, die

Japan Mail, hat sich diesen Klagen angeschlossen.

[Illustration: Im Tempelhain von Asakusa. (Winterbild.)]

Die Hauptstadt des Mikadoreiches.

[Illustration: Das erste Gymnasium zu Tokio.]

Japan wird gerne das England oder Frankreich von Asien genannt, aber

seine Hauptstadt Tokio ist nicht das Paris von Asien. Unter den

zahlreichen Reisenden, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches in den

seit ihrer Eröffnung vergangenen vier Jahrzehnten besucht haben, dürfte

es nur recht wenige geben, die von dieser frühern Residenzstadt der

Schogune und jetzigen Kaiserstadt nicht sehr enttäuscht gewesen sind.

Tokio ist wohl in Bezug auf seine Ausdehnung und Bevölkerungszahl

mit Paris zu vergleichen; aber seiner Einförmigkeit nach ist es ein

asiatisches Philadelphia, seiner Unfertigkeit nach ein asiatisches

Chicago, vielleicht die häßlichste und ärmlichste aller Millionenstädte

des Erdballs. Man kommt gewöhnlich mit großen Erwartungen nach

Tokio, das als der vornehmste Sitz des europäischen Wissens und der

europäischen Kultur in Asien gilt. Bis zu einem gewissen Grade ist

das auch richtig, allein nehme man die paar Dutzend europäischer

Monumentalbauten und Villen fort, welche innerhalb der letzten zehn

Jahre hier an den Ufern des Sumidagawa entstanden sind, so bleibt

von dem vielgerühmten Tokio, der Hauptstadt des Ostens, nicht viel

mehr übrig als ein ungeheures Dorf. Vergeblich sucht man hier irgend

welche der glänzenden, fremdartigen Prachtbauten, wie sie die alten

Großstädte Indiens oder die Hauptstädte von Persien, Aegypten, Siam,

Birma, selbst einzelne chinesische in so großer Zahl besitzen. Tokio

ist nicht einmal die schönste und interessanteste Stadt des eigenen

Landes. Was die Lage und Umgebung anbelangt, habe ich Nagasaki viel

malerischer gefunden, die frühere Hauptstadt des Mikadoreiches,

Kioto, viel interessanter; Kioto besitzt auch großartigere japanische

Paläste, Nikko schönere Tempel, Nagoya schönere Straßen, Osaka mehr

Leben und Industrie. Tokio ist nur die volkreichste der japanischen

Städte, dazu die besuchteste und bekannteste, die Residenz des Kaisers,

der Sitz der Regierung. In seiner Anlage und Bauart aber wirkt es

sehr ernüchternd. Es ist keine japanische Stadt mehr und noch nicht

eine europäische, in einem keineswegs malerischen Uebergangsstadium

begriffen, das, wenn einmal vorüber, aus dem einstigen urjapanischen

Sitz der Schogune eine alltägliche Stadt geschaffen haben wird, wie

etwa Minneapolis oder Omaha oder sonst eine Stadt des amerikanischen

Westens. Allerdings nur dem äußern Rahmen nach, denn glücklicherweise

steckt in dem japanischen Volke ein gesunder Sinn, der sich der von

oben kommenden Europäisierung mit Erfolg widersetzt. Gerade dieses

harte Aufeinanderprallen der beiden einander so fremden Kulturen, der

europäischen und japanischen, macht Tokio augenblicklich interessant

und sehenswert. Welche von diesen Kulturen die Oberhand gewinnen

wird? Vorläufig ist es nicht zu sagen. Der Druck von oben ist stark;

die Regierung arbeitet mit den ihr zu Gebote stehenden, bedeutenden

Mitteln; die Großen und Reichen des Landes folgen ihr zum Teil aus

Klugheit, zum Teil aus Neigung oder Ueberzeugung. Aber auf das

Leben und Treiben des Volkes haben sie glücklicherweise noch keinen

maßgebenden Einfluß gewonnen, die Japaner sind im großen und ganzen in

der Provinz wie in der Hauptstadt, was Sitten und Trachten anbelangt,

dieselben geblieben, wie sie vor der Europamanie der Regierung gewesen

sind, und so zeigt denn Tokio als einzige Stadt des Mikadoreiches

japanisches Leben im europäischen Rahmen, heute und wohl auch noch für

viele Jahre hinaus. Tokio liegt an der Mündung des Sumidagawa, die

weite, seichte Bucht von Yeddo und seine sumpfigen Ufer gestatten aber

den großen Seeschiffen die Annäherung nicht. Der Seehafen von Tokio

ist das einige Kilometer weiter südlich gelegene Yokohama, mit dem es

eine Eisenbahn nach europäischem Muster verbindet. Von dem Sumidagawa

führt ein breiter Kanal in das Hügelland, auf welchem das Häusermeer

von Tokio sich befindet, und windet sich in zwei nahezu vollständigen

Spiralen um den Stadtmittelpunkt. Die innere Spirale umschließt

die Paläste und Gärten der kaiserlichen Residenz, die äußere jene

Stadtviertel, in denen sich die hauptsächlichsten Regierungsgebäude,

Gesandtschaften, Paläste und Villen der vornehmen Welt befinden, und

jenseits dieser äußern Spirale, mit dem Sumidagawa und der Meeresbucht

durch zahlreiche Kanäle verbunden, dehnen sich die großen, ärmlichen

Dörfer aus, die allmählich miteinander verschmolzen und in das

Weichbild von Tokio einbezogen wurden. Die Japaner bauten sich diese

Dörfer und Wohnsitze in den weiten Thälern, die sich zwischen dem

Kranz der das einstige Yeddo umgebenden Hügel befinden; die letzteren

selbst blieben größtenteils von der Ueberbauung verschont und tragen

heute noch den alten, herrlichen Waldschmuck. Sie bilden die Parke und

Tempelhaine, den Stolz und die schönste Zierde von Tokio. Wenn der

alte Hodscho Udschitsuma, der im Jahre 1524 hier auf dem sumpfigen

Boden zwischen den vereinzelten, kleinen Dörfern eine Festung angelegt

hat, etwa noch einmal zum Leben käme, wie würde er sich wundern, rings

um diese Festung eine der größten Städte des Erdballs zu sehen, noch

mehr aber darüber, daß an derselben Stelle, wo einst sein Wohnhaus

stand, heute der Mikado selbst residiert! Die Macht und der Besitz

der Hodschos wurde durch den ersten Schogun Jjejassu gebrochen, der

die kleine Festung Yeddo im Jahre 1598 zu seiner Residenz machte.

Aber auch das hätte Yeddo nicht zu so großem Wachstum und solcher

Blüte verholfen, wenn die Schogune nicht die Feudalfürsten des Landes

verpflichtet hätten, in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Teil des

Jahres zuzubringen. Uneinig untereinander, zu schwach, um der Macht

der Schogune aus dem reichen Hause der Tokogawa zu widerstehen, mußten

diese Daimios rings um die befestigte Residenz der Schogune eigene

Wohnsitze für sich und ihr Gefolge bauen, und so entstanden zwischen

dem innern und äußern Festungskanal die Jaschiki von über dreihundert

Daimios. Jeder dieser Daimios zog jährlich mit einer Gefolgschaft von

zahlreichen Samurai, mitunter mehreren Tausenden, über die Hauptstraße

des Reiches, den Tokeido, nach Yeddo, ein Herold schritt diesen

prunkvollen Zügen voran und rief dem Volke, mit dem Fächer winkend, die

Worte zu: „Schita-ni-Oru”, „nieder auf die Knie!” In der Residenzstadt

der Schogune angelangt, bezogen sie mit ihren Familien und stattlichen

Heerscharen die Jaschiki, und sollten sie auf Geheiß der Schogune in

den Krieg ziehen, so mußten sie dem Schogun als Geisel ihre Familien

zurücklassen.

[Illustration: Theehaus in Tokio.]

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 45 / 71 段