Madame L. ist die dritte Witwe eines französischen Journalisten, der
vor einigen Jahren in Tokio eine Zeitung, Courrier du Japan, gegründet
hat. Nach einigen Nummern starb die Zeitung, gerade so wie ihr Gründer,
an der Auszehrung. Seither warf sich die Witwe auf das Hotelwesen
und darbt nicht mehr. Beim Kaffee, den ich auf der Hotelterrasse
an ihrem Tisch einnehme, frage ich sie nach Pierre Loti und Madame
Chrysanthème. Sie lacht auf. „~Mais Monsieur, c’est un farceur!~
Er war in Nagasaki, hat aber weder Haus noch Frau hier gehabt. Das ist
ja alles erdichtet! Er hat bei mir gewohnt und gegessen.” „Und Madame
Chrysanthème?” fragte ich weiter. „~Quand à ça~”, antwortete sie
mir, „es giebt Tausende hier. Sie brauchen nur zu pfeifen, und sie
kommen. Aber Pierre Loti hat niemals mit einer solchen zusammengewohnt.
Das einzige Wahre in seinem Buche ist seine Beschreibung von Nagasaki
und seine Bemerkung, daß das vermeintliche Bronzepferd im Osuvatempel
aus Jadestein ist.”
Ich empfahl mich und kehrte enttäuscht auf mein Schiff zurück. Ein
paar Stunden vorher hatte ich selbst vor dem Bronzepferde gestanden
und mich, mit dem Taschenmesser daran kratzend, überzeugt, daß das
Pferd aus Bronze sei. Ob die Geschichte mit Pierre Loti, welche mir die
Besitzerin des Hotels erzählt hat, ebenso unrichtig ist wie jene mit
dem steinernen Pferd?
Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe.
Wenn ich mir die vielen Länder, die ich in den verschiedenen Weltteilen
gesehen habe, vor Augen zaubere, so kann ich doch keines finden, das
sich an leidenschaftlichem Reiz, an idyllischer Schönheit mit dem
Paradiese von Ostasien, mit Japan, vergleichen ließe, und in diesem
letztern ist wieder die Inlandsee das Schönste.
Man denke sich den vielgerühmten Lago Maggiore mit Palanza und
seinen Borromëischen Inseln hundertmal vergrößert, dann hat man ein
annäherndes Bild der Inlandsee. Kein anderer Erdenstrich könnte den
Vergleich mit ihr aushalten, und selbst der Lago Maggiore ist lange
nicht so lieblich und zugleich großartig. Der großen Hauptinsel des
japanischen Reiches, Hondo, sind gegen Südosten drei andere große
Inseln vorgelagert, Kiuschiu, Schikoku und Awadschi, und zwischen ihnen
breitet sich eine Wasserfläche von etwa 350 Kilometern Länge und zehn
bis fünfzig Kilometern Breite aus, die mit der ungeheuren Wasserwüste
des Stillen Ozeans nur durch schmale Straßen verbunden ist. Diese von
den vier genannten Inseln umschlossene Wasserfläche ist die Inlandsee.
Auf meiner Dampferfahrt von Nagasaki nach dem in der letzten Zeit
vielgenannten Schimonoseki bildeten einige Reisebeschreibungen
über Japan meine Lektüre, und unwillkürlich mußte ich über die
Ueberschwänglichkeit lächeln, mit welcher die Schönheiten der
Inlandsee, deren Portierloge sozusagen Schimonoseki bildet, darin
gepriesen werden. Allein die Wirklichkeit übertrifft thatsächlich alle
Schilderungen. Schimonoseki selbst hat daran freilich keinen Anteil;
ein kleines, bescheidenes Städtchen, der Hauptsache nach nur aus einer
Straße bestehend, die sich auf zwei Kilometer längs des Nordufers der
schmalen Meerenge hinzieht. Der Mastenwald von unzähligen Segelbooten
entzog es unserem Anblick, so daß ich den Aufenthalt unseres Dampfers
in der gegenüberliegenden großen, schwarzen Kohlenstation Modschi
benutzte, um auf einer der flinken Dampfschaluppen, welche den Verkehr
zwischen beiden Ufern der Meerenge besorgen, nach dem Städtchen zu
fahren. Vor den Holzhäuschen und rings um die Warenhäuser herrschte
reges Leben. Schimonoseki ist von der europäischen Kultur noch
vollständig unberührt geblieben, und ganz wie vor der großen Revolution
kleiden sich und leben die Einwohner auch noch heute. Selten wird es
von Europäern besucht, kaum daß ein halbes Dutzend von Touristen in
jedem Jahre in einem der kleinen urjapanischen Gasthöfe absteigt.
Hinter dem Orte, die waldgekrönten Anhöhen hinauf, ist jedes Fleckchen
Landes von den fleißigen Japanern bebaut worden, und auf beiden
Seiten der Meeresküste bilden die zahlreichen, mit Kanonen besetzten
Festungswerke die einzige Unterbrechung.
Die Schimonosekistraße mit ihren hohen, malerischen Uferbergen und
der hier stets heftigen Flutströmung erinnerte mich lebhaft an den
Rhein, etwa bei Bingen. Die Breite ist auch nicht viel größer,
nur sind die Krümmungen stärker, so daß die großen Seedampfer mit
besonderer Sorgfalt gelenkt werden müssen. Nach kurzer Fahrt treten
die Ufer zurück, und wir befanden uns in dem am wenigsten schönen Teil
des Binnenmeeres, der weiten, tiefblauen, spiegelglatten Suwo-Nada.
Aber schon nach zweistündiger Fahrt sahen wir vor uns eine Anzahl
von Inseln aus der Seefläche emporsteigen, und während der nächsten
zwanzig Stunden kamen wir aus dem großartigen Insellabyrinth der
Inlandsee gar nicht mehr heraus. Tausende und Abertausende von
Inseln bedecken hier die Wasserfläche, Inseln in jeder Größe, bis
zu kleinen, kaum einige Meter hohen Felsen, alle in so malerischen
Formen und in so entzückender Gruppierung, daß man bei der Betrachtung
dieser idealschönen Scenen in Bewunderung schwelgt. Die Passagiere
unseres Dampfers blieben den ganzen Tag über auf Deck; vergeblich
wurde der Gong zu den Mahlzeiten geläutet, und selbst als nach der
entzückendsten, ewig wechselnden Beleuchtung die Sonne untergegangen
war und schließlich Mond und Sterne auf dem Firmament erschienen,
konnten sich nur die wenigsten entschließen, die Kojen aufzusuchen.
An manchen Stellen befand sich unser Dampfer in einem Seekessel von
zehn bis zwanzig Kilometer Durchmesser, auf allen Seiten von Land
eingeschlossen, und nirgends war eine Durchfahrt zu entdecken. Hohe
Bergketten erhoben sich kulissenförmig hintereinander, manche bewaldet,
manche mit steilen, kühnen Vulkanspitzen; die weite Seefläche wurde von
zahllosen Segelbooten durchfurcht, alle in alten malerischen Formen
mit blendend weißen, viereckigen Segeln; ruhig wie Schwäne glitten sie
einher und näherten sich unserem gewaltigen Dampfer; dann konnten wir
auch die peinliche Reinlichkeit dieser nicht wie die Chinesenboote
bemalten, sondern weiß gescheuerten Schiffe bewundern, deren Insassen
ein geradezu ideales Leben von Ruhe und Behaglichkeit führen mochten.
Zwischen den hoch aus dem Wasser ragenden Bootenden erhob sich auf
den meisten eine kleine Kabine mit Wänden aus Bambusgeflecht, und im
Innern lagerten die Insassen, ganze Familien, anscheinend unbekümmert
um den häßlichen, schwarzen Rauch pustenden, lärmenden Riesendampfer,
der die olympische Ruhe und Erhabenheit dieser einzig schönen Natur so
rücksichtslos störte.
Auf solche scheinbar vollständig landumschlossene Seen folgten enge,
von hohen Felseninseln eingefaßte Meerengen, die durch ihr heftiges,
schäumendes Flutenspiel reißenden Bergflüssen glichen, und waren
sie, nicht ganz ohne Gefahr für den Dampfer, passiert, so traten
uns wieder die entzückendsten Inselgruppen vor Augen; die aus den
blauen Fluten emporsteigenden Anhöhen waren bis hoch hinauf durch
die fleißigen Inselbewohner in Terrassen geteilt worden, um die
Bebauung zu ermöglichen; auf jeder Insel zeigten sich diese parallelen
Terrassenlinien, während in den lauschigen, saftiggrünen Thälern,
halb versteckt zwischen schattigen Hainen, die reinlichen Häuschen
der Einwohner lagen. Zuweilen fuhren wir so nahe an ihnen vorbei,
daß wir mit aller Deutlichkeit die Einzelheiten ihrer bescheidenen
Haushaltungen wahrnehmen konnten; oder den Strand entlang zogen sich
größere Städte hin mit Tempeln und Pagoden und regem Schiffsverkehr.
Tempelchen und Heiligenschreine mit zahlreichen hochroten Opferthoren
thronten auch auf den kleinsten Felseninselchen, gewöhnlich einzelne
von ungemein malerischen, phantastisch geformten Fichten, deren
lange, bis ins Wasser reichende Aeste von dem durch unseren Dampfer
aufgeworfenen Wellenspiel bewegt wurden. Ueber dem ganzen entzückenden,
stets wechselnden Bilde lag solcher Friede, solch Wohlbehagen, daß
man am liebsten gleich hier ausgestiegen wäre, um inmitten dieses
glücklichen Inselvölkchens den Rest seiner Tage zu verleben. Manchmal
erinnerten mich gewisse Strecken dieses Binnenmeeres an die Azoren, an
die schönen Sandwichinseln, Tausende von Kilometern weiter östlich,
mitten im Großen Ozean gelegen; dann wieder an die Thousand Islands
im St. Lorenzostrom, die ich so oft durchfahren hatte, oder an den
herrlichen träumerischen Puget Sound im fernen Washington-Territorium.
Wie die noch heute von Indianern bewohnten stillen Waldinseln
dieser amerikanischen Inlandsee mochten die Inseln, an denen wir
vorüberglitten, vor urdenklicher Zeit ausgesehen haben. Seit
Jahrtausenden aber sind sie schon der Kultur unterworfen, und gerade
diese Vereinigung von verständnisvoller Kultur und idealer Natur ist
es, welche das Inlandmeer so reizvoll macht. Manche dieser Tausende von
Inseln sind heilige Stätten der Japaner, so die Insel Miyadschima in
der Nähe der großen Stadt Hiroschima. Ein einziger herrlicher Park mit
riesenhaften, uralten Kryptomerien umgiebt die wunderbaren Tempel, denn
an diese Baumriesen darf die Axt nicht angelegt werden; mitten unter
den Pilgern ziehen die flüchtigen Waldbewohner, die Hirsche, umher
und lassen sich mit der Hand füttern; nach einer uralten Vorschrift
dürfen auf dieser heiligen Insel keine Geburten und keine Todesfälle
vorkommen. Erwartet man solche Ereignisse, so werden die Betreffenden
ans Festland geschickt.
Zu schnell vergingen uns Passagieren der Tag und die Nacht, und
am nächsten Morgen sahen wir mit Bedauern das Ziel unserer Reise,
gleichzeitig das Ende des Binnenmeeres, die weiße Stadt Kobe vor
unseren Augen am Horizont auftauchen. Aber glücklicherweise wird dem
Weltwanderer durch japanische Dampfer Gelegenheit geboten, die Inseln
der Inlandsee zu besuchen und länger auf ihnen zu verweilen. Freilich
sind diese Dampfer nicht solche europäischer Art. Nur der Schiffskörper
und die Maschinen sind europäisch, alles Uebrige ist japanisch;
der Reisende muß sich mit der recht frugalen japanischen Kost
zufriedengeben, und will er seine Kabine betreten, so muß er sich zuvor
seines Schuhwerks entledigen, gerade so, als würde er ein japanisches
Haus besuchen. Aber wie gerne opfert man die gewohnte Bequemlichkeit,
um diesen ostasiatischen Lago Maggiore zu besuchen und einige Wochen
ungetrübten Glückes inmitten der entzückendsten Inselwelt des Erdballes
zu verleben!
Obschon Kobe, nächst Yokohama der größte und besuchteste Seehafen
des Mikadoreiches, ebenfalls zu den angenehmsten Orten des letzteren
gehört, wirkte die Landung hier doch ernüchternd auf uns, als wären wir
aus dem Olymp herabgestiegen mitten unter das prosaische, geschäftige
europäische Erdenwallen. Kobe ist nämlich in der That nichts weiter
als ein Stückchen Europa, an den Strand der größten Japaninsel
Hondo versetzt. Freilich ein schönes Stück Europa, etwa ein Stück
der Riviera, Mentone oder Bordighera. Eine schöne breite Straße mit
Baumalleen und grünen Rasenflächen legt sich um die stets mit Hunderten
von Dampfern und Segelfahrzeugen belebte Bucht, an der Landseite mit
blendend weißen stattlichen Gebäuden besetzt, in deren Mitte stets
die schwarz-weiß-rote Flagge auf dem deutschen Konsulate flattert.
Am südlichen Ende dieser Häuserreihe ragt eine von einem Leuchtturm
überhöhte Landzunge weit in die Bucht; sie wurde durch die Schlamm-
und Steinmassen des zuweilen sehr wasserreichen Minatogawaflusses
aufgeworfen, der hier an seiner Mündung die Grenze zwischen Kobe und
der japanischen Zwillingsstadt Hiogo bildet. Indessen von einer Grenze
zwischen beiden kann hier eigentlich nicht gesprochen werden, denn
beide Städte sind durch ihre Interessen, durch ihren geschäftlichen
Verkehr längst miteinander vereinigt, und die Ufer zu beiden Seiten des
Minatogawaflusses, welche einst die Städte voneinander trennten, sind
heute in reizende Parkanlagen verwandelt, ein beliebter Spaziergang der
Europäer sowohl wie der Japaner.
Kobe ist ein Beispiel des in seiner Art geradezu amerikanischen
Städtewachstums, das auch mehrere andere Orte Japans seit der großen
Revolution aufzuweisen haben. Erst vor etwa vierzig Jahren kam der
erste europäische Ansiedler nach dem öden Landstrich östlich des
kleinen Städtchens Hiogo, den die Japaner für eine europäische Kolonie
bestimmt hatten, und heute zählen Hiogo und Kobe zusammengenommen gegen
zweihunderttausend Einwohner. Wie Yokohama, so hat auch Kobe seine
englischen und deutschen Klubs, große vorzügliche Hotels ganz nach
europäischer Art, Vereine, Gesellschaften und einen sehr bedeutenden
Handel. Die Straßen Kobes übertreffen sogar jene von Yokohama an Breite
und Reinlichkeit. Inmitten des seinem Aussehen nach lebhaft an den
europäischen Süden gemahnenden Städtchens befand sich zur japanischen
Zeit ein öder Fleck, der Richtplatz von Hiogo. Das Blut Hunderter von
Opfern des Schlachtbeils hat den Boden hier gedüngt; an den Ecken des
Platzes erhoben sich die hohen Stangen, auf welche die abgeschlagenen
Köpfe, eine Beute für Geier, gesteckt wurden. Heute ist dieser Fleck
in einen reizenden kleinen Park verwandelt, hinter welchem sich die
Kobe umgebenden Anhöhen hinauf eine europäische Villenstadt befindet,
die Wohnungen der Geschäftsleute, welche unten am Strande ihre
Bureaus und Warenlager haben. Wer diese anmutige, belebte Hafenstadt
durchwandert und sie mit ähnlichen Städten in Europa vergleicht, der
würde ihre Einwohnerzahl auf mindestens mehrere tausend schätzen.
Und doch erreicht sie in Wirklichkeit nicht einmal achthundert, die
Frauen und Kinder eingeschlossen. Man würde es nicht für möglich
halten. Während meiner Anwesenheit fand in der hübschen Konzerthalle
der Stadt ein Konzert statt; das Auditorium war mit Damen in den
elegantesten Toiletten und Herren im Frack und weißer Binde vollständig
gefüllt, als stände die Halle in Wien oder Berlin und nicht bei den
Antipoden; ein ganz annehmbares städtisches Orchester begleitete die
fremden Künstler, und das Publikum beklatschte Brahms und Schumann mit
Enthusiasmus. Wie tagsüber in den Straßen, so herrschte auch abends
in den Klubs reges Leben; besonders wenn fremde Kriegsschiffe im
Hafen liegen, was sehr häufig vorkommt, geht es in diesen eleganten
Lokalen sehr munter zu. Mein Zimmer im Oriental Hotel ging gerade auf
den benachbarten deutschen Klub, und ich kann von diesem fröhlichen
Treiben recht viel erzählen. Vor drei Uhr morgens konnte ich keine
Nacht die Augen schließen; die Handvoll biederer Germanen machte auf
der Klubterrasse bei schäumendem Münchener Faßbier genug Lärm für einen
großstädtischen Turnvereinsabend. Die meisten Europäer, die nicht als
Regierungsvertreter oder Missionare hier wohnen, sind Importeure,
Seiden- und Theehändler. Mit Interesse besuchte ich eines der großen
Thee-godowns, wo Hunderte von Japanerinnen bei kärglichem Tagelohn die
Theeblätter in heißen Pfannen rösten; mit offenen Jacken, die Brust und
Arme entblößt, stehen sie vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang an
ihren Röstöfen und wenden mit den Händen die schmutziggrünen Blätter,
die hauptsächlich in Nordamerika guten Absatz finden.
Das Schönste von Kobe ist seine Umgebung. Unmittelbar hinter der Stadt
steigen eine Reihe von Bergen auf mehrere hundert Meter vom Meere
empor, darunter sogar ein Bismarcksberg, wegen der drei einsamen,
schlankstämmigen Bäume, die auf seinem kahlen Scheitel stehen, so
genannt; diese Berge entlang ziehen sich prächtige Spaziergänge
und führen zu schattigen Wäldern, Aussichtspunkten, Tempeln und
Theehäusern. Der anmutigste Spaziergang ist wohl jener zu den berühmten
Wasserfällen von Nunobiki, in deren Nähe man häufig große Affen
herumklettern sieht. An den Wasserfällen spielt sich, besonders an
Festtagen, ein gutes Stück japanischen, recht ursprünglichen Lebens
ab. In den Tümpeln zu Füßen der Fälle baden sich nackte Männlein und
Weiblein zusammen in rührender Ungeniertheit, in den Theehäusern tanzen
die Maikos und singen die Geishas bei unvermeidlichem Samisengezupfe.
Kaum wurden die Mädchen meiner oder irgend eines anderen Europäers
gewahr, so ging der monotone Singsang los. Man hat die Mädchen
hundertmal tanzen gesehen, das Pin-Pin der japanischen Guitarre
tausendmal gehört, aber man läßt es doch immer wieder über sich
ergehen. Japan ist eben das Land des Gesanges und des Tanzes.
Yokohama.
Die Größe und Bedeutung des modernen Japan im Welthandel, die
Leichtigkeit, mit der es sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte
der europäischen Kultur erschlossen und die europäischen Industrien
angenommen hat, lassen die Ansicht gerechtfertigt erscheinen, daß auch
die wenigen europäischen Handelsstädte in Japan in rascher Zunahme
begriffen seien. Aber die Zahl der in Japan ansässigen Europäer,
welche auch in der besten Zeit kaum viertausend erreicht haben dürfte,
hat in den letzten Jahren, besonders nach dem neuen Vertrag mit den
europäischen Mächten, welcher die Europäer in Japan in unerhörter Weise
den japanischen Gerichten unterstellt, eher ab- als zugenommen. Im
ganzen waren in Japan bis 1898 sieben Städte den Europäern geöffnet,
d. h. in sieben Städten wurden ihnen eigene, streng begrenzte Quartiere
für Wohnsitze angewiesen, und die dort ansässigen Weißen, zum größten
Teil Engländer und Amerikaner, verteilen sich bis auf die jüngste Zeit
in folgender Weise:
Yokohama etwa 1800
Tokio „ 900
Kobe „ 900
Nagasaki „ 400
Osaka 150
Hakodate 63
Niigata 10.
Unter diesen etwas über 4000 Ausländern befinden sich 2100 Engländer,
1000 Amerikaner, 600 Deutsche und 500 Franzosen.
Wenn man berücksichtigt, daß mehr als die Hälfte dieser Ausländer
christliche Missionare sind und daß von den übrigen 2000 wieder mehrere
hundert im diplomatischen Dienst ihrer Heimatsländer oder im Dienst
der japanischen Regierung stehen, so bleiben im ganzen etwa tausend
Europäer, welche in Japan als Kaufleute thätig sind.
Das wichtigste Emporium des europäischen Handels mit Japan und
gleichzeitig die größte europäische Ansiedelung im Reiche des
Mikado ist Yokohama. Die großen Dampfergesellschaften, welche den
Verkehr zwischen Europa, Ostasien und Amerika mit Japan vermitteln,
darunter auch der Norddeutsche Lloyd, lassen ihre Schiffe hier
anlaufen. Yokohama ist das große Thor nicht nur für den ausländischen
Warenverkehr und die Touristenwelt, sondern auch für die Japaner
selbst: es ist der Hafen der Reichshauptstadt Tokio und durch seine
große Nähe beinahe nur ein Vorort der letztern. In gesellschaftlicher
Hinsicht bilden Yokohama und Tokio nur eine Stadt. An größern
Festlichkeiten in der einen Stadt nehmen die Europäer der andern
gewöhnlich teil, und zwischen beiden herrscht das ganze Jahr über reger
Verkehr.
Wer auf einem der großen Passagierdampfer des Norddeutschen
Lloyds von China aus oder mit den Prachtschiffen der kanadischen
Pacificgesellschaft von Nordamerika aus sich dem Hafen von Yokohama
nähert, der wird von dem europäischen Leben dort vor der Hand nichts
gewahr. Beim Anblick der malerischen Pracht der Seeküsten dieses
ostasiatischen Inselparadieses, der Fremdartigkeit des Schiffsverkehrs
auf der tiefblauen, mit zahlreichen, seltsamen Eilanden gespickten
Meeresfläche glaubt er sich nach der langen einförmigen Seefahrt eher
einem anderen Planeten zu nähern, als dessen erstes Wahrzeichen er
bei klarem Wetter den wunderbaren Schneekegel des heiligen Berges der
Japaner, des Fudschiyama, erblickt. Scharf hebt sich die den größten
Teil des Jahres mit Schnee bedeckte Vulkanspitze von dem italienischen
Himmel ab, der mich in seiner Eigenart und Majestät an einen anderen
Bergriesen in der westlichen Hemisphäre erinnerte, an den gewaltigen
Orizaba in Mexiko. Wie dieser, so weist auch der Fudschiyama mit
seinem Schneekegel den Seefahrern leuchtend den Weg. Bald nachdem
er über dem Horizont erschienen, zeigt sich gegen Osten ein zweiter
mächtiger Vulkan, der stets qualmende Oschima auf der Vriesinsel. Dann
kommen die ungemein malerischen Küsten der Bai von Tokio in Sicht, der
Dampfer kreuzt die Mississippibucht mit ihren steilen, bewaldeten,
malerisch geformten Felsen und geht endlich im Angesicht von Yokohama
mitten zwischen Hunderten von Schiffen aller Art, von den größten
fremdländischen Kriegsdampfern bis zu den winzigen japanischen Sampans,
etwa einen Kilometer weit vom Lande vor Anker. Wie das Theaterschiff
im dritten Akt von Meyerbeers „Afrikanerin”, ist auch unser Dampfer
bald von fremdartigem, dunkelhäutigem Volke erobert, das aber nicht
gekommen ist, um den friedfertigen Seefahrern den Garaus zu machen,
sondern mit freundlichem Grinsen in der höflichsten Weise den Kulis
Adressen von Hotels, Schneidern, Schustern und Kuriositätenhandlungen
zu überreichen. Die drei vornehmsten Hotels von Yokohama holen
glücklicherweise die Passagiere in eigenen Dampfbarkassen ab, und
ihre Angestellten überheben sie der Sorge um ihr Reisegepäck. Auf
der ganz europäisch eingerichteten Landungspier stehen wie bei uns
die Droschken, Dutzende von Kurumas, bequeme einsitzige Fauteuils
auf Rädern, bereit, und ein Kuli, der Kutscher und zweibeiniges
Zugtier zugleich ist, bringt uns in raschem Lauf auf einer durchaus
europäischen Straße nach dem ebenso europäischen Grand Hotel.
Was den Reisenden in Yokohama gewiß zunächst auffällt, ist die
Abwesenheit von all den unangenehmen, lärmenden und schmutzigen
Zuthaten unserer europäischen Häfen. Nirgends die hohen, düstern
Warenhäuser, die rauchenden und pustenden Lokomotiven, kreischenden
Dampfkräne, Schienengeleise, Frachtwagen, schmutzigen Hafenstraßen mit
ihrem internationalen Verkehr, ihren Matrosenkneipen und Kramläden.
Yokohama zeigt sich von der See aus eher wie eines unserer fashionablen
Seebäder, Ostende oder Norderney, als wäre es gar nicht eine der
wichtigsten Hafenstädte und Warenzentren eines großen Kontinents,
sondern nur eine Villeggiatur wohlhabender Europäer, die sich hier wie
etwa an der Riviera der herrlichen Natur und des gesellschaftlichen
Lebens erfreuen wollen. Tausende von Globetrottern und Weltreisenden,
vergnügungssüchtigen reichen Amerikanern und Engländern ziehen hier
das ganze Jahr über aus und ein; Hunderte von europäischen Ansiedlern
in Ostasien, hauptsächlich aus Shanghai, Hongkong, ja aus Bangkok
und Singapore bringen den Sommer mit ihren Familien in Japan zu, und
Yokohama ist der wichtigste Landungsplatz, der Verteilungspunkt all
dieses fashionablen Verkehrs.
[Illustration: Der Nankotempel zu Kobe.]
Dabei ist diese europäische Stadt im Reiche des Mikado eine ganz neue
Gründung; noch vor etwa vierzig Jahren war der Name Yokohama höchstens
einigen Diplomaten bekannt, als das damalige elende Fischerdörfchen
von ein paar hundert Einwohnern von der japanischen Regierung den
Europäern für eine Ansiedelung zugewiesen wurde. Damals hätte gewiß
niemand vorausgesagt, daß nach vier Jahrzehnten dieses Fischerdorf zu
einer Großstadt von nahe 200000 Einwohnern und einem Welthafen von
ein paar Millionen Tonnen, mit einem Warenverkehr im Werte von etwa
hundertfünfzig Millionen Yen herangewachsen sein könnte.
Yokohama liegt auf einer nur wenige Meter über dem Meeresspiegel
sich erhebenden, vollständig flachen Insel, auf der Ostseite bespült
von den Wellen der Bai von Tokio, auf den übrigen drei Seiten durch
Schiffahrtskanäle vom Lande getrennt. Diese etwa zwei Kilometer
lange und einen Kilometer breite Insel wird durch einen mit schönen
europäischen Gebäuden besetzten und mit Gartenanlagen geschmückten
Boulevard in zwei Hälften geteilt. Die nördliche Hälfte wird von der
japanischen, die südliche von der europäischen Stadt eingenommen.