aus dem fernsten Osten, hat vor etwa dreißig Jahren in Europa ihren
Einzug gehalten, einen Einzug, der einem Triumphzuge glich durch den
ganzen Kontinent. Europa fand Gefallen an ihrem bepuderten und bemalten
Rokokogesichtchen, an ihren feinen, geschlitzten schwarzen Augen mit
den hochgezogenen Brauen, an ihrem kirschrot geschminkten, stets
lächelnden Munde, an ihren drolligen Stellungen und Bewegungen. Sie
trug faltenreiche, bunte, blumengestickte Kleider, und ihr reiches,
glänzendschwarzes Haar schmückten papierene Schmetterlinge. Ihrem
Köpfchen diente gewöhnlich ein großer, bunter japanischer Papierschirm
als Folie, wie ein Heiligenschein, aber ein solcher für die Heiligen
der fremden Götterwelt.
Eine so frische, anmutige, naiv-natürliche Erscheinung hatte das alte
Europa schon lange nicht mehr gesehen. Sie war neu und kam sozusagen
über Nacht in die Mode. Man brachte sie auf die Operettenbühne und
das Puppentheater, man malte sie auf Fächer, Vasen und Wandschirme,
man modellierte sie in Porzellan und Bronze, man schnitt sie aus
Holz, und heute ist sie in Millionen von Exemplaren in ganz Europa zu
finden, von Spanien bis Rußland, von Norwegen bis Griechenland, in
Herrscherpalästen wie in bescheidenen Wohnungen. Keine Primadonna hat
sich jemals solchen Ruhmes erfreut wie dieses kleine, putzige, drollige
Fräulein Chrysanthemum.
Sie stammt aus Japan und mußte von dort wohl auswandern und sich eine
neue Heimat suchen, denn in ihrem Vaterlande ist sie in den letzten
Jahrzehnten allmählich aus der Mode gekommen. Sie hat dort lange genug
regiert, Jahrtausende lang. Und während sie Japan verlassen mußte,
um so vielen Menschen bei uns in Europa die Köpfe zu verdrehen, hat
in ihrer alten Heimat eine andere Dame ihren Platz eingenommen und
verdreht den Japanern die Köpfe: Prinzessin Mode aus Paris oder Wien
oder sonst welchem Geburtsort, in seidenen, tief ausgeschnittenen
Schleppkleidern, mit Puffenärmeln und Handschuhen, mit gewaltigen Hüten
und seidenen Strümpfen. Der Hof und die elegante Welt im Lande des
Sonnenaufgangs frönen nunmehr dieser abendländischen Prinzessin Mode.
Fräulein Chrysanthemum aber ist dort leider verschwunden; nur in der
Provinz hält sie noch Hof, und unter jenen Städten, die ihr bis auf den
heutigen Tag die Treue am meisten bewahrt haben, ist Nagasaki.
Nagasaki ist die südlichste große Hafenstadt des japanischen
Inselreiches und dabei wohl auch die entzückendste. Nirgends paßt
Fräulein Chrysanthemum besser hinein; die eine erscheint für die andere
wie geschaffen, sie ergänzen sich gegenseitig, und deshalb sind sie
einander wohl auch so lange treu geblieben.
Wer von dem ungeheuren, düsteren chinesischen Reiche nach Japan
fährt, der kommt in Nagasaki mitten in eine neue Welt hinein, in
die Welt der Feen. Die Landschaften, die sich dem Reisenden bei der
Einfahrt in den tief eingeschnittenen Fjord von Nagasaki zeigen, sind
von klassischer Schönheit, ideale olympische Landschaften, die man
sich nur von den griechischen Göttern oder von den Schwestern von
Fräulein Chrysanthemum bevölkert denken kann. Der Name Fjord erinnert
an die kalten, nackten Meereseinschnitte des nebeligen Norwegens mit
ihren Schneeflocken und Gletschern und ihren düsteren menschlichen
Ansiedelungen in den Thälern; der Fjord von Nagasaki ist das gerade
Gegenteil davon. Während dort die Natur majestätisch, allgewaltig,
drohend und erdrückend auftritt, schmiegt sie sich hier lieblich und
zärtlich an den tiefblauen, klaren, stillen Wasserspiegel, der sich
meilenweit ins Herz der Insel Kiuschiu, einem wahren Phäakenlande,
hineinzieht. Prächtige Felspartien, sanft ansteigende Berge mit
üppigstem Baumwuchs, zierliche, reinliche Dörfchen an den Ufern;
Gärten ringsum, daran anschließend wohlgepflegte Reisfelder, so
zierlich und schön gehalten, als dienten sie den japanischen Phäaken,
ihren Bewohnern, nur als Spielerei; hier und dort ragen Felseninseln
aus der blauen Wasserfläche hoch empor, malerisch in der Form, mit
kühnen Nadeln und Spitzen, und jede derselben gekrönt von ebenso
malerischen Fichten oder hochaufstrebenden Kryptomerien; blühende
Schlinggewächse klettern an den gelben Felsmauern empor und spiegeln
sich in der glatten Wasserfläche ebenso treu und natürlich wieder;
aus dem Grün blickt hier und dort ein Tempelchen hervor, und auf den
Felsen erheben sich brennrote Pagoden. Dutzende dieser Inselchen
sind in den Fjord hineingestreut, und zwischen ihnen ziehen still
und traumhaft die malerisch geschwungenen Boote mit blendend weißen
Segeln wie Schwäne einher. Nirgends in der weiten Welt habe ich so
ideal schöne Landschaften gesehen wie hier rings um das japanische
Inselreich. Fast erscheint es wie eine Profanation, daß die
schnaubenden, schwarzen, Kohlenrauch pustenden Dampferkolosse mitten
durch diese Feenwelt fahren, daß prosaische stählerne Schiffsschrauben
die blauen Wasserfluten aufwühlen, daß noch viel prosaischere
Matter-of-fact-Menschen in die Heimat von Fräulein Chrysanthemum
hineingedampft kommen.
Dort, ganz im Hintergrunde des Fjords, eingesattelt zwischen den hohen,
bewaldeten, tempelgekrönten Bergen liegt diese Heimat, Nagasaki.
Die Dämmerung ist angebrochen, die grauen, einförmigen Dächer der
niedrigen, zierlichen Holzhäuschen der Stadt sind kaum von dem Grün der
Bäume zu unterscheiden. Bald erscheinen rings um den Hafen Lichter,
rot, blau, weiß, in allen möglichen Farben der Papierlampions; sie
werden immer zahlreicher und flimmern endlich in vielen Tausenden
in den Straßen vor den Häusern, an den offenen Veranden auf; sie
ziehen sich die umliegenden Anhöhen hoch hinauf bis zu den Tempeln;
aus der Ferne dringen die Klänge der Samisen schwach zu uns herüber,
dazwischen Gelächter und Gesang, wie von dem fröhlichen Treiben eines
sommernächtlichen Gartenfestes.
Früh morgens werde ich durch ähnlichen Gesang, ähnliches Gelächter
aus meinen Träumen geweckt, in denen zierliche Musmis und Tänzerinnen
im Gewande Chrysanthemums die wichtigste Rolle gespielt haben. Durch
das kleine runde Fensterchen meiner Schiffskabine blickte lächelnd
Chrysanthemum selbst herein. Ja, das ist sie! Dieselben schalkhaften
Schlitzaugen, derselbe rosige Mund. Aber welcher Anzug, welche Gestalt!
Und wie kam sie nur an meine Kabinenluke, die doch gewiß mehr als sechs
Meter über dem Wasserspiegel erhaben ist? Nun sehe ich es; ein großes,
plumpes Kohlenboot, mit Kohlen schwer beladen, liegt an der Seite
unseres Schiffes, und einige hohe, bis aufs untere Verdeck reichende
Leitern sind an das Schiff angelehnt worden. Auf den Sprossen dieser
Leitern sitzen von oben bis unten lauter Chrysanthemen und gucken
neugierig durch die Kabinenluken. Sie sind alle gleich gekleidet:
nicht in die schönen, vielfarbigen, faltenreichen Kimonos, sondern
sie tragen enganliegende, bis etwas über die Knie reichende Hosen und
lose, vorne nur notdürftig schließende Jacken aus dunkelblauem Stoff,
ohne irgendwelche Unterkleider. Die Füße sind nackt, dafür umhüllen
buntgestreifte Kopftücher den Kopf und lassen nur die hübschen,
frischen, freundlichen Gesichtchen frei. Ein Kohlenschiff nach dem
andern legt sich an unsere Seite, ganze Reihen von Leitern stehen nun
nebeneinander, viele Dutzende von kleinen putzigen, prallen japanischen
Mädchen sitzen auf den Sprossen, alle lächeln, schäkern und schwatzen
miteinander. Die älteste mag kaum siebzehn, achtzehn Jahre zählen.
Unten in den Kohlenschiffen werden endlich große Körbe mit Steinkohlen
gefüllt und den Mädchen, die zu unterst auf der Leiter stehen,
gereicht. Diese heben sie über ihre Köpfchen zu den nächsten Sprossen
empor, und so passieren sie von Hand zu Hand, bis sie auf das Verdeck
kommen. Dort nehmen andere Mädchen die Körbe in Empfang, schütten
den Inhalt in den Kohlenschacht und schleudern die leeren Körbe mit
kräftigem Schwung auf die Kohlenschiffe zurück. Der Kohlenstaub
bedeckt sie bald vom Kopf bis zum Fuß, schwärzt die Gesichter, die
winzigen Händchen und die Brüste, denn sie haben der Hitze wegen
die Jäckchen geöffnet. Darunter erkennt man nicht einmal mehr das
stereotype Lächeln, und gar bald sehen sie aus wie kleine, kohlschwarze
Teufelchen. Man sollte es kaum für möglich halten! Diese zarten,
blutjungen Geschöpfchen, die höchstens zum Guitarrezupfen, zu Spiel und
Tanz geboren scheinen, sind in diesem Lande der Phäaken Lastenträger,
Kohlenarbeiter!
Um den Bug unseres Riesenschiffes tummeln sich dicht neben und zwischen
den rußigen, schmutzigen Kohlenbarken hindurch blendend weiße, so
rein gescheuerte Sampans (Ruderboote) herum, daß man glauben könnte,
sie wären alle erst vor einer Stunde aus den Werkstätten gekommen.
Halbnackte Japaner mit bronzefarbigen, sehnigen Gliedern handhaben
sie geschickt und führen die Passagiere des Dampfers ans Land. Ein
langes Ruder ist am Steuer befestigt, und mit diesem machen sie
ähnliche Bewegungen wie der Fisch mit seinen Schwanzflossen. Die
Japaner haben bei ihren kleinen Fahrzeugen die Kunst der Fortbewegung
den Fischen abgelauscht. Vor mir dehnt sich auf der Ostseite der
weiten paradiesischen Bucht eine lange Reihe einstöckiger Häuser in
europäischem Stil aus, die das europäische Settlement von Nagasaki
bilden. Dieser reizende Hafen gehört nämlich mit vier anderen zu den
für Europäer offenen Häfen des japanischen Reiches, und auf dem wenige
Hektare großen Flächenraum, den die Japaner den Weißen zur Verfügung
gestellt haben, dürfen sie ihre Häuser bauen, ihren Geschäften
nachgehen. Nagasaki ist der älteste dieser Häfen, denn schon vor
beinahe dreihundert Jahren hatten die damaligen Herren der Ozeane, die
Holländer, die Bewilligung erhalten, hier ein Settlement zu gründen.
Davon ist freilich nichts mehr vorhanden. Die den Hafen entlang
laufende Bundstraße hat nur moderne, bescheidene Häuser aufzuweisen,
ebenso ihre Parallelstraße landeinwärts und die Verbindungsgassen, in
denen die Chinesen ihre Wohnungen aufgeschlagen haben. Kaum hundert
Europäer, die Konsuln der fremden Mächte mit eingerechnet, wohnen
hier, aber doch haben sie ihren eigenen Klub mit Billard-, Spiel- und
Lesesälen, wo man sich irgendwo im Herzen von Europa, nur nicht in
Japan fühlen könnte. Weiter südlich gegen das Meer zu liegt, versteckt
zwischen üppigen Gartenanlagen, ein bescheidenes Hotel, dessen Name
Bellevue durch die wunderbare Aussicht auf das japanische Nagasaki sehr
wohl begründet ist.
An der Landungsstelle erwarten ganze Batterien von Rickshaws die
ankommenden Reisenden. Weiß der Leser, was eine Rickshaw ist?
Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sie schon längst in Europa zur
Einführung gebracht. Die Rickshaw ist das bequemste, angenehmste,
schnellste und billigste Fuhrwerk, das je zur Beförderung der Menschen
erschaffen wurde. Helios hätte in keinem bequemeren zur Sonne, der
Teufel in keinem luftigeren zur Hölle fahren können. Die Rickshaw ist
eine offene, niedrige Viktoria ohne Kutschersitz, auf zwei Rädern und
für einen Menschen Raum gewährend, der sie mit derselben Leichtigkeit
besteigt, als wolle er sich in einen Armstuhl setzen. Vorn ist eine
Gabeldeichsel angebracht. Ein japanischer Kuli stellt sich dazwischen,
hebt die Deichsel mit den Händen auf und galoppiert mit der Rickshaw
und ihrem Insassen davon. Der gewöhnliche Fahrpreis für eine Fahrt ist
zehn bis zwanzig Pfennige, und die Miete für einen halben Tag von sechs
Stunden beläuft sich auf fünfzig Pfennige (fünfundzwanzig Sen). Deshalb
fällt es in Japan auch keinem Europäer ein zu gehen. Die Rickshaw
ist ihr allgemeines Beförderungsmittel. Jede Rickshaw und jeder
dazugehörige Kuli hat seine Nummer, gerade so wie unsere Droschken, und
alle stehen unter polizeilicher Kontrolle.
Nummer 415 ist leider nicht zu sehen. Ich hätte gar zu gerne Nummer
415 gewählt, denn wer Pierre Lotis Madame Chrysanthème gelesen hat,
der weiß, daß 415 Pierre Lotis Schwager war. Indessen Nummer vier
hat eben so kräftige Lungen und eben so kräftige Beine. Kaum sitze
ich in seiner Rickshaw, so läuft er auch schon im Galopp von dannen.
Die Frühlingshitze ist groß, und auf die Gefahr hin, von einem
schlitzäugigen Polizisten eingesteckt zu werden, hat sich Nummer vier
seiner zwei Kleidungsstücke, ähnlich wie sie die vorgeschilderten
Kohlenjungfrauen tragen, entledigt. Um den Anstand einigermaßen zu
wahren, thut er es seinen Rickshawkollegen gleich und legt um den Leib
einen weißen Leinwandstreifen, so groß wie eine weiße Ballkravatte.
Sein muskelreicher Rücken glänzt von Schweiß wie polierte Bronze; das
Wasser läuft ihm von den Schultern und Beinen herunter, er keucht und
pustet, aber die Beine tragen ihn und seinen Wagen und mich federleicht
den Bund entlang nach dem alten japanischen Stadtteil, dem eigentlichen
Nagasaki.
Der erste Eindruck, den die langen, engen Gäßchen mit den bescheidenen,
einstöckigen Häuschen jetzt in den späten Vormittagsstunden machen, ist
enttäuschend. Straßen auf, Straßen ab dasselbe ewige Einerlei; gutes,
mit peinlicher Sorgfalt reingehaltenes Pflaster, mit dem Trottoir
nicht längs der Häuser, sondern in der Mitte der Straße; Matten- und
Leinwanddächer schützen die langen Reihen von Kaufläden gegen die
brennende Sonnenhitze; die Kaufläden nehmen die ganzen Häuserfronten
ein, die weder Thüren noch Fenster haben; der ganze verfügbare Raum ist
mit Waren der verschiedensten Gattung belegt, hier kostbare Bronzen
und Porzellane, dort Rüstungen, Schwerter und Helme, daran anstoßend
Papierwaren, Lampions, Schmetterlinge, Drachen; dann wieder Seidenwaren
oder allerhand Artikel aus Schildpatt, eine der Hauptindustrien von
Nagasaki. Ebensowenig wie nach vorne, haben die hölzernen Häuschen
nach hinten eine Mauer; während ich durch die Straßen fliege, kann
ich das Innere der Häuser von einem Ende zum andern sehen; alles ist
offen, auf den ungemein reinlichen Strohmatten des erhöhten Fußbodens
kauern schläfrige Japaner, Männlein und Weiblein, der Hitze wegen
in tiefem Negligé, und rauchen ihre winzigen Pfeifchen, mit Köpfen,
die kaum groß genug sind, um unseren zartesten Damen als Fingerhut
zu dienen; oder sie schlafen, auf die Matten hingestreckt, einen
Holzklotz als Kissen unter dem Kopf; oder sie hocken auf ihren Waden,
die beliebteste Stellung, und schlürfen Thee aus winzigen Täßchen,
den Theetopf vor sich auf dem Boden. Mitten durch die Häuser durch
gewahre ich hier und dort ein winziges Gärtchen mit kurios gebogenen
und verschlungenen Fichten, mit Wassertümpeln und winzigen Brücken
darüber; auf den tischgroßen Rasenflächen stehen allerhand Bronze-
und Steinfiguren, die reine Spielerei, denn viele der Gärtchen nehmen
nicht mehr Raum ein als eines unserer europäischen Wohnzimmer. Plätze,
Squares, öffentliche Gärten giebt es in dem alten Nagasaki keine;
alles ist uralt, klein, niedlich und, was mich seltsam, aber angenehm
berührte, durchaus japanisch. Von der Modernisierung des alten Japan,
die sich dem Besucher von Yokohama, Osaka, Tokio und anderen Städten
so unangenehm aufdrängt, sind in Nagasaki nur wenige Spuren zu sehen,
und doch war gerade dieser Hafen den Kaukasiern schon über zwei
Jahrhunderte geöffnet, als die anderen jedem Europäer noch hermetisch
verschlossen waren. Damals, im alten Japan, war Nagasaki der moderne,
europäische Hafen; jetzt im modernen, europäischen Japan ist Nagasaki
derjenige, der am meisten Alt-Japan bewahrt hat. Nirgends sieht man
in den Kaufläden so gute, alte Prachtstücke der japanischen Kunst wie
hier; nirgends so echtes und schönes Satsuma- und Hizenporzellan; alte
Seidenstoffe und Stickereien, Rüstungen und Bronzen. Man könnte sein
Vermögen opfern, um all diese entzückenden Produkte einer fremdartigen
Kunst zusammenzukaufen; trete ich in einen Kaufladen, flugs liegen
die Händler, Vater, Mutter und Tochter, vor mir auf allen Vieren und
berühren aus lauter Artigkeit mit der Stirn den Boden, und während
der Papa die kostbarsten Stücke aus Schachteln und Papier, Baumwolle
und Seidentüchern herauswickelt, um sie mir zu zeigen, bereitet ein
Fräulein Chrysanthemum, seine Tochter, mit ihren zarten Fingerchen Thee
und überreicht mir kniend eine Tasse. Dabei ist sie so niedlich und
hübsch und lächelt so einschmeichelnd kokett, daß man viel eher vor ihr
auf die Knie fallen möchte.
Am jenseitigen Ende der eigenartigen alten Stadt mit ihren
schnurgeraden, sich rechtwinklig schneidenden Straßen, die wohl noch
selten, wenn überhaupt jemals, von einem Lastwagen oder einer Equipage
befahren worden sind, zieht sich die Vorstadt Dschudschendschi die
reich mit alten Kampferbäumen besetzten Höhen empor. Dort, in einem
der niedlichen Häuschen mit den offenen Veranden und den hübschen
Gärten mit blühenden Wisterias, hat auch Pierre Loti mit seiner Frau
Chrysanthème gewohnt; welches der Häuschen es wohl sein mag? Gegen die
Meeresbucht zu sind die Berghänge mit Tausenden von Grabdenkmälern,
alten, mit Farnkraut und Myrten überwucherten Steinen bedeckt, und
zwischen beiden führt eine wundervolle Treppenanlage mit gewaltigen
steinernen Thorbogen die Anhöhen empor zu dem berühmten Osuwatempel,
einem der schönsten Shintotempel Japans. Nummer vier macht vor der
Riesentreppe Halt, wischt sich mit den Händen den triefenden Schweiß
von den Gliedern und ladet mich ein, den Tempel zu besuchen.
Es ist eher eine ganze Reihe von Tempeln, die dort oben inmitten
eines Waldes von kolossalsten Kampferbäumen und Kryptomerien vor
langer, langer Zeit errichtet wurden: kleine, einfache Holzhäuser
mit schweren, grauen, bemoosten Dächern und weiten, von Galerien
umgebenen Vorhöfen, in denen fromme Daimios im Laufe der Jahrhunderte
Opferlaternen, steinerne Wasserbecken, Drachen- und Götzengestalten,
ja sogar ein bronzenes Pferd haben aufstellen lassen. Das letztere ist
eine Berühmtheit Japans, wohl wegen seiner für dortige Verhältnisse
selten schönen Ausführung. Pierre Loti behauptete, es wäre aus Jade
(Nephritstein), indessen sein reizendes Buch Madame Chrysanthème ist
so voll von Unrichtigkeiten, daß man ihm auch wohl das steinerne Pferd
hingehen lassen muß. Nur seine Chrysanthème, diese Gattin auf Zeit, hat
er richtig geschildert, dann auch die Tänzerinnen und Sängerinnen.
Bei jedem Treppenabsatz haben die Japaner hier Tempelchen und
Shintoschreine errichtet; über jedem Thor sind die charakteristischen
Neujahrs-Hanfseile gespannt, mit langen, herabhängenden Papierfetzen,
zur Abwehr der bösen Geister. Die Treppe scheint gar kein Ende zu
nehmen. Weißgekleidete Priester mit kahlgeschorenen Schädeln huschen
in den Gängen auf und nieder, verschwinden hinter weißen Vorhängen;
andere halten eben unter allerhand geheimnisvollem Zeremoniell ihren
Götterdienst; wieder andere ruhen in den Nischen und Seitengebäuden
und schmauchen ihre Pfeifchen, deren Rauch sich mit jenem der
Weihrauchhölzchen vermengt, die in ungezählten Mengen vor den
bronzenen, steinernen und hölzernen Götzenbildern brennen.
Zur Linken führt ein Thor nach einem großen schattigen Garten. Welche
Ueberraschung! Unter den riesigen Kampferbäumen stehen hier eine Anzahl
Theehäuser, und vor jedem derselben laden uns buntgekleidete Musmis
mit freundlichem Lächeln zum Besuch ein, Musmis in roten, blauen und
rosenfarbigen Kimonos, mit Blumen besäet, Blumen auch in dem üppigen
schwarzen Haar, den Samisen, die japanische Guitarre, in der Hand, und
treten wir ein, flugs werfen sie sich zu Boden und harren der Befehle.
Dann bringen sie, immer lächelnd, Stuhl und Tischchen herbei, es folgen
Aschenbehälter mit glühenden Kohlen, dann die zierlichsten kleinen
Porzellanschüsselchen mit den seltsamsten Eßbarkeiten. Sie drücken
einem in reizend naiver Weise die japanischen Chop-Sticks (Eßhölzchen)
in die Hand und lachen über unsere Ungeschicklichkeit. Drei, vier, fünf
von diesen zierlichen Geschöpfchen kauern rings um mich auf dem Boden
und befühlen meine Kleider, zupfen an meiner Uhrkette, nötigen mich
zu essen und zu trinken. Ob ich nicht möchte, daß sie tanzten? Gewiß.
Sofort wird der Samisku herbeigeholt, und während eine an den Saiten
zupft, tanzen die anderen die eigentümlichen japanischen Tänze, den
Manzai, Kisku und Ogurayama, tanzen sie mit den Händen, den Hüften,
den Köpfchen und Knieen, nur nicht mit den Füßen. Dabei sehen sie so
reizend aus, so verführerisch, so jung, vierzehn, fünfzehn Jahre, daß
man nicht französischer Seeoffizier zu sein braucht, um sich in diese
Chrysanthèmes zu vergucken. Und reißt man sich endlich los von den
kleinen Zauberinnen, dann fallen sie nieder auf alle Viere und berühren
ganz demütig mit der Stirne den Boden. Sayonara, Sayonara!
Am andern Tage trete ich den Rückweg nach der Stadt an, und unten
angekommen zeigt sich mir in den Seitenstraßen der Vorstädte vereinzelt
das seltsame, kaum glaubliche Schauspiel, das Pierre Loti in der Heimat
von Fräulein Chrysanthème so oft gesehen hat:
„Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags ist jedes lebende Wesen
nackt; Kinder, junge Leute, alte Männer, alte Frauen, alles sitzt in
einem Bottich irgendwelcher Art und badet. Und das findet wo immer
statt, in den Gärten, in den Höfen, in den Kaufläden, selbst auf der
Thürschwelle, so daß die Unterhaltung mit den Nachbarn auf der anderen
Seite der Straße leichter vor sich gehen kann. In dieser Situation
werden Besucher empfangen, und die Badenden verlassen ohne das
geringste Zögern die Badewanne, um dem Besucher einen Sitz anzubieten
oder mit ihm einige liebenswürdige Redensarten zu wechseln. Indessen,
weder die jungen Mädchen noch die alten Frauen gewinnen etwas durch
dieses ursprüngliche Auftreten. Eine japanische Frau ohne ihren
langen Kimono und ihren breiten, anspruchsvollen Obi (Leibbinde) ist
nichts als ein winziges, gelbes Wesen mit krummen Beinen und flacher,
formloser Brust; keine Spur bleibt zurück von ihren künstlichen kleinen
Reizen, die gleichzeitig mit ihrer Kleidung verschwunden sind.”
[Illustration: Japanerinnen in der Jinrickshaw.]
Die Wahrheit dieser Bemerkung hat gewiß jeder empfunden, der
die Japanerinnen im Bade gesehen hat, und gesehen hat sie jeder
Japanbesucher, auch wenn er sie nicht gesucht hat, ja selbst, wenn er
getrachtet hätte, ihnen auszuweichen, denn sie sind, wie gesagt,
morgens und abends überall zu sehen. Wie beim Schmetterling, so sind
es auch bei den Chrysanthèmes von Japan nur die Flügel, die Kleider,
welche sie so reizend machen.
Ob denn das Urbild von Madame Chrysanthème, der japanischen Gattin
Pierre Lotis, auch eine solche Enttäuschung für ihn war? Mein Schiff
fuhr erst spät abends weiter, ich hatte also noch hinlänglich Zeit,
ihr meinen Besuch abzustatten. Aber wie sie finden? Ueber den Bund
schlendernd, kehrte ich bei dem Konsul einer großen, uns nahestehenden
Kontinentalmacht ein, um mich nach ihr zu erkundigen. War sie seit dem
Erscheinen von Pierre Lotis Buch zu einer Weltberühmtheit geworden, so
wird man sie doch in Nagasaki noch viel besser kennen. Der Konsul war
nicht zu Hause, und sein Sekretär hatte gar keine Ahnung von Pierre
Loti und kannte weder das Buch noch die Heldin desselben. Vielleicht
konnte ich beim französischen Konsul Auskunft in dieser Angelegenheit
erhalten. Ich kletterte zwischen schönen, tropischen Gärten hinauf
zu dessen Wohnung. Loti? Madame Chrysanthème? Er zuckte die Achseln.
„Bedaure. Unbekannt.” Wie sollte er jeden Marineoffizier kennen, der in
Nagasaki herumspaziert! Es kommen so viele französische Kriegsschiffe
hierher. Gewöhnlich steigen sie bei Madame L., der Besitzerin des
Hotels Bellevue, ab.