er heute ist, denn schon eingangs wurde angeführt, daß er im ganzen
nur die Summe von elfhundert Millionen erreicht, sondern der Handel
Chinas, wie er sich in Zukunft gestalten wird. Er ist bisher deshalb
nicht bedeutender gewesen, weil zunächst nur eine kleine Anzahl von
Häfen dem Außenhandel geöffnet waren und es von den wenigsten derselben
Verkehrswege nach dem Hinterlande giebt. Europäische Waren konnten
demnach nur kleinen Gebieten zu entsprechenden Preisen zugängig
gemacht werden. Die Chinesen machen sich diese, wenn sie von ihrem
Nutzen überzeugt sind, zu eigen. Aber sie hegen für die europäischen
Errungenschaften, Maschinen, Dampfschiffe, Eisenbahnen und dergleichen
ebensowenig Bewunderung wie für deren Erfinder und Erzeuger. Es ist
ihnen im Laufe der Jahrhunderte von den benachbarten kleineren Völkern
viel zu viel Weihrauch gestreut worden, sie werden von ihrer Kindheit
an viel zu sehr in dem Glauben ihrer eigenen Unübertrefflichkeit
erhalten, als daß sie den Europäern höhere Achtung schenken sollten als
etwa dem Zauberkünstler, über dessen Kunststückchen sie staunen. Gerade
so wie wir unsere europäische Kultur für die beste halten, so halten
die Chinesen die ihrige für die beste, und ebensowenig wie wir die
unserige mit der chinesischen vertauschen würden, ebensowenig würden
sie die ihrige für die europäische aufgeben. Ein kleines bewegliches
Volk wie die Japaner, mit großem Verkehr und ausgebreiteter Schiffahrt,
war leichter zu überzeugen, aber auch sie nahmen von den Europäern
nur jene Dinge an, deren praktischer Nutzen ihnen sofort ins Auge
sprang, alles andere ließen sie links liegen. Es kann keinen größeren
Irrtum geben als zu glauben, die Japaner hätten die europäische Kultur
angenommen. Dazu gehört unsern Begriffen nach die christliche Religion
und Moral. Die Japaner sind aber in diesen ethischen Beziehungen ganz
dieselben geblieben, die sie vor der großen Umwälzung waren. Für
Christentum und christliche Moral sind sie unendlich viel weniger
zugänglich als die Chinesen, was die beiderseitigen Erfolge der
Missionen auch beweisen.
Die Chinesen werden ähnlich wie die Japaner zu Werke gehen, nur
unendlich viel langsamer; auch sie werden alle europäischen Erzeugnisse
und Einrichtungen annehmen, sobald sie ihre Nützlichkeit einsehen
lernen. Das beweist die ganze Entwickelung des chinesischen Handels mit
Europa. Aber die große Masse der Chinesen kennt mit Ausnahme leicht
zu transportierender kleiner Massenartikel die europäischen Produkte
überhaupt noch nicht. Würden sie den Chinesen vor Augen geführt werden,
so würden sie auch bald ausgedehnte Märkte dort finden, denn die
Chinesen sind zu praktische Menschen, zu vorzügliche Geschäftsleute,
um den Wert eines Artikels nicht sofort zu erkennen. Was bisher an
europäischen und amerikanischen Waren eingeführt wurde, kommt also
nicht ganz China zu gute, sondern nur kleineren Gebieten in der
Umgebung von offenen Häfen und längs der Wasserstraßen.
Um nur einige Beispiele hervorzuheben: Ich habe noch am Hoangho Leute
gefunden, die ihre Kleider mit selbstgeschmiedeten und gefeilten
Nähnadeln nähten; mit Staunen betrachteten sie die glänzenden Näh-
und Stecknadeln, die ich ihnen zeigte. Den Mandarinen im Binnenlande
konnte ich kein willkommeneres Geschenk machen als ein Notizbuch
mit Bleistift. Gewöhnt, ausschließlich mit Pinsel und Tusche zu
schreiben, kennen sie auch die Stahlfeder noch nicht, die sich für die
Niederschrift chinesischer Schriftzeichen auch gar nicht eignet, und
wenn ich des Abends in einer Dorfherberge meine Reisenotizen machte,
umdrängten mich gewöhnlich Dutzende staunender Chinesen, um dem
raschen Lauf meiner Feder auf dem Papier zu folgen. Bleistifte aber
eignen sich für die chinesische Schrift, und die Mandarine konnten
sich nicht genug wundern, daß ein Stift auch ohne Tusche chinesische
Schriftzeichen auf dem Papier hervorbringen kann. Die Verwunderung
stieg jedoch aufs höchste, wenn ich den Bleistift umdrehte und mit dem
am anderen Ende befindlichen Radiergummi die Schriftzeichen wieder
wegputzte. In Städten und Dörfern war ich ein wanderndes Museum. Die
Leute hatten wohl schon zuweilen Weiße gesehen, denn die Missionare
sind bereits in die meisten Gegenden des Innern vorgedrungen, tragen
aber fast ausschließlich chinesische Tracht. Weiße in Europäertracht,
wie ich sie trug, waren ihnen noch fremd. Sie befühlten neugierig
meine Kleider und Stiefel, besahen Hut und Regenschirm, verwunderten
sich in Orten, wo Feuer noch immer mit Feuerstein und Stahl gemacht
wird, über meine Zündhölzchen und noch mehr über den in Papier
gewickelten Tabak, d. h. Cigaretten, die sogar viele Mandarine noch
nicht kannten. Auf den großen inneren Märkten fand ich gerade so
wenig europäische Artikel wie auf unseren Märkten chinesische, und
wo sie sich dort oder hier vorfinden, werden sie als Kuriosa, nicht
als praktische Waren für den allgemeinen Nutzgebrauch betrachtet.
Eisenwerkzeuge, Lampen, Gerätschaften werden immer noch zum weitaus
größten Teil von den Chinesen selbst gemacht, ebenso Kleiderstoffe
und alle möglichen Gebrauchsartikel. Sie kennen eben die praktischen
Erzeugnisse des Abendlandes, wie gesagt, nur in beschränkten Bezirken
ihres ungeheuren Landes. Wird dieses aber durch Eisenbahnen und freien
Verkehr, ungehinderte Ansiedelung seitens europäischer Kaufleute, dann
Abschaffung der Inlandszölle den Europäern wirklich erschlossen, wie es
früher oder später doch geschehen wird und muß, dann wird der Absatz
all dieser Artikel nach vielen Millionen berechnet werden müssen.
Gerade in diesen Massenartikeln ist aber die deutsche Industrie
groß. Jetzt schon werden davon nach den wenigen geöffneten Häfen,
von denen vielleicht nur ein Zehntel bis ein Zwanzigstel der
chinesischen Bevölkerung erreicht wird, große Massen ausgeführt. Wie
erst, wenn es sich um ein Absatzgebiet handelt, das auf seinen elf
Millionen Quadratkilometer Fläche vierhundert Millionen Einwohner
zählt! Die Chinesen brennen heute noch größtenteils Oel in irdenen
Lampen; und doch sind Petroleum und Petroleumlampen bereits wichtige
Einfuhrartikel. Eine einzelne Lampe hat freilich wenig Wert, handelt
es sich aber darum, achtzig Millionen Haushaltungen, so viel wie ganz
Europa zählt, mit Lampen zu versehen, dann gewinnt dieser Artikel eine
ganz andere Bedeutung. Ebenso geht es mit den meisten anderen Artikeln.
Um dafür einen Markt zu gewinnen, müssen die Leute auch die Mittel
haben, alle diese Dinge wirklich zu kaufen. China ist nun thatsächlich
ein Land, das viel größere Mittel und damit Kaufkraft besitzt, als
man gewöhnlich annimmt. Statt daß die Kaufkraft Chinas erschöpft
wäre, könnte man das gerade Gegenteil behaupten. Niemand würde es
beispielsweise einfallen, China mit Ländern wie Siam oder Marokko zu
vergleichen, und doch ist der auswärtige Handel dieser letzteren im
Verhältnis bedeutend größer als jener Chinas. In Siam entfallen etwa 23
Mark jährlich auf den Kopf, in Marokko ungefähr 9 Mark 50 Pfennige, in
China nur 3 Mark. Im Jahre 1874 entfielen vom auswärtigen Handel nur
1 Mark 50 Pfennige auf den Kopf. Es ist also eine Steigerung auf das
Doppelte innerhalb eines Vierteljahrhunderts zu verzeichnen. Ist es
anzunehmen, daß China als einziges Reich der Erde dabei stehen bleiben
und nicht weiter fortschreiten wird?
[Illustration: Das Grab des Confucius.]
Freilich sind die großen Massen der Chinesen arm, und in Zeiten von
Ueberschwemmungen oder Dürre leben Millionen Menschen im größten Elend.
In viel größerem Maße ist dies in Indien der Fall. Land und Bevölkerung
sind dort viel ärmer als in China, dabei auch nur halb so groß, und
doch ist der auswärtige Handel von Jahr zu Jahr gestiegen, bis
er heute an dreieinhalb Milliarden Mark erreicht hat, mehr als das
Dreifache von China. Man hat eben die Hilfsquellen Indiens entwickelt
und dem Lande Eisenbahnen, moderne Verkehrsmittel gegeben. In China
sind alle Bedingungen für den blühendsten Handel, für den reichsten
Absatz an Waren aller Art vorhanden, das Land verfügt selbst über ganz
bedeutendes Großkapital, und Geld ist nach Hunderten von Millionen
Mark im Verkehr. Der einheimische, chinesische Binnenhandel besitzt
ungeachtet der primitiven Verkehrsmittel, der Dschunken auf dem Wasser,
Kamele, Maultiere und Schubkarren auf dem Lande einen Umfang, von dem
man sich kaum eine Vorstellung machen kann. In Schantung allein sind
mehrere hunderttausend Kulis als Schubkarrenführer beschäftigt und
Jahr aus Jahr ein mit Frachten unterwegs. Flüsse und Kanäle wimmeln
von Fahrzeugen, Frachtbooten aller Art. In den Großstädten, darunter
viele mit Hunderttausenden von Einwohnern, Orte, die man in Europa
kaum dem Namen nach kennt, herrscht Wohlstand und Reichtum, giebt
es ausgebreitete Industrien, Bankhäuser, Großkaufleute, Postämter,
Verkehrsanstalten, alles natürlich nach chinesischem Schnitt. Ich habe
all dies in meinem Buche „Schantung und Deutsch-China” (Verlag von J.
J. Weber, Leipzig) mit allen wissenswerten Einzelheiten geschildert.
Indessen, diese schon vorhandene Kaufkraft kann noch verdoppelt,
verdreifacht werden, wenn es einmal dazu kommt, die geradezu
unerschöpflichen Hilfsquellen, welche noch im Schoße der Erde
schlummern, zu öffnen. Welche Massen von Gold bergen die Höhen der
Mandschurei und die „goldenen Hügel” nördlich von Peking, die aus
verschiedenen Gründen nur zum Teil und das auch nur auf die primitivste
Art von den Chinesen ausgebeutet werden! Welche Silbermengen bergen
Schantung, Schansi, Tschili, Honan, und doch sind die Mehrzahl der
Silberlager noch gar nicht eröffnet! Aber wichtiger als Gold und Silber
sind die schwarzen Diamanten, die Kohlen. Schansi, diese ungemein
wichtige, an die deutsche Interessensphäre Schantung grenzende Provinz
hat in seinem südlichen, an den Hoangho grenzenden Teil Kohlenlager,
wo über sechshundert Millionen Tonnen der besten Anthrazitkohle der
Ausbeute harren. Dort, ebenso wie in ungeheuren Kohlenlagern des
benachbarten Honan liegen zwischen den Kohlenschichten solche von
vortrefflichem Eisenerz. Dasselbe gilt, wenn auch in geringerem
Umfange, von Schantung, und in allen diesen Gebieten wird wohl Kohle
schon gewonnen, hat sich auch eine sehr beträchtliche Eisenindustrie
schon entwickelt, aber alles mit den primitivsten Mitteln und bedrückt
durch die beutesüchtigen Mandarine.
Welcher Ausdehnung sind ferner die Thee- und Seidenkultur in China
noch fähig! Und vor allem unter europäischer Anweisung die Industrie,
wenn man in Rechnung zieht, welche Millionen fleißiger, flinker,
genügsamer Arbeiter den Chinesen zur Verfügung stehen! Werden diese in
dem ungeheuren Reiche schlummernden Schätze und Kräfte geweckt, dann
wird es kein größeres und dankbareres Absatzgebiet auf Erden geben als
China. Dieses wird den Industrieländern der Alten und Neuen Welt stets
erhalten bleiben. Vielfach kommt zwar die Befürchtung zum Ausdruck,
China könnte das alte Europa einmal, wenn es zu modernem Leben und
Schaffen erwacht ist, erdrücken. Diese Befürchtung ist unbegründet.
Zunächst wird es noch vieler Jahrzehnte bedürfen, ehe an einen
wirksamen Wettbewerb Chinas ernstlich gedacht werden kann; während
Europa diese ganze Zwischenzeit vor sich hat, entwickeln sich auch hier
die Industrien immer mehr, es entstehen immer neue Industriezweige,
neue Artikel, in welchen die europäischen Industrieländer den Chinesen
voraus bleiben werden. Der zeitliche Abstand, um welchen China in
seiner Entwicklung hinter Europa zurückgeblieben ist, kann nicht leicht
ausgeglichen werden. Weder China noch Japan wird Europa bei den hier
fortwährend auftauchenden neuen Erfindungen einholen können, sie werden
in dieser Hinsicht für absehbare Zeit von Europa abhängig bleiben.
Aus dem Gesagten kann man ersehen, daß der Handel Chinas noch tief
in den Kinderschuhen steckt, aber er schreitet doch rasch voran, und
wenn alle Mächte sich so sehr um China bemühen, so geschieht es, um
sich bei Zeiten einen Platz dort zu sichern. Im Jahre 1766 haben
23 fremde Schiffe hingereicht, den auswärtigen Handel Chinas zu
bewältigen; im Jahre 1830 waren schon 150 Schiffe dazu erforderlich;
im Jahre 1898 erreichte der Schiffsverkehr in den chinesischen Häfen
die Riesenzahl von 43000 Dampfern und 9000 Segelschiffen mit zusammen
34 Millionen Tonnen Gehalt. Vor einem halben Jahrhundert war der
Wert des Außenhandels weniger als hundert Millionen Mark. Heute hat
er elfhundert Millionen erreicht, d. h. soweit er auf europäischen
Schiffen und in den dreißig offenen Vertragshäfen sich abwickelt.
Welche Unmassen ausländischer Waren in den anderen Häfen des Reiches
und in den 21000 chinesischen Schiffen mit acht Millionen Tonnen
Gehalt dazu kommen, entzieht sich der Beurteilung; der Gesamtwert des
Außenhandels kann aber jährlich nicht geringer sein als anderthalb
Milliarden Mark.
Wohl kann dieser Außenhandel in dem einen oder anderen Jahre
durch außergewöhnliche Ursachen, wie Kriege oder geschäftliche
Krisen in Europa, durch Währungsschwankungen oder vor allem durch
Kriege, Revolutionen und dergleichen in China selbst zeitweilig
eine Verminderung erfahren; er wird aber im ganzen und großen
stetig zunehmen, und diese Weiterentwicklung zu hemmen, haben
weder die reaktionären Mandarine, noch die Regierung die Macht.
Ein Blick in die Vergangenheit eröffnet dem Auge auch die Zukunft.
Wie lagen die Verhältnisse in China noch vor sechs Jahrzehnten,
zur Zeit des berühmten Opiumkrieges? Das Innere Chinas war jedem
Europäer verschlossen, und in den wenigen Häfen, in denen sie sich
aufhalten durften, waren sie den strengsten, mitunter schmachvollen
Beschränkungen unterworfen.
Wäre es damals jemandem eingefallen, zu prophezeien, daß fünfzig Jahre
später europäische Großstädte auf chinesischem Boden stehen würden, daß
die Flüsse von europäischen Dampfern befahren, Eisenbahnen, Telegraphen
das Land durchziehen würden, man hätte ihn für verrückt gehalten.
Die Wirklichkeit von heute übertrifft sogar solche Prophezeiungen;
dreißig seiner größten und wichtigsten Häfen sind europäischen
Kaufleuten und Ansiedlern erschlossen, aus Shanghai und Hongkong sind
europäische Großstädte geworden, in denen man mit derselben Sicherheit
und Bequemlichkeit wohnt, als lägen sie in Europa. Telegraphenlinien
verbinden die Hauptstadt mit den Provinzen, Kabel die Inseln mit
dem Festlande; zwischen Tientsin und Shanghaikwan, Tientsin und
Peking, Shanghai und Woosung u. s. w. verkehren Eisenbahnzüge. Die
einzelnen Küstenpunkte von Tongkin bis hinauf in die Mandschurei sind
durch regelmäßige Dampferlinien unter fremden Flaggen miteinander
verbunden; auf den Hauptflüssen verkehren europäische Dampfer, und die
Hauptwasserstraße des chinesischen Reiches, der Jangtsekiang, ist eine
Hanptverkehrsstraße des europäischen Handels geworden bis hinauf gegen
die tibetanischen Grenzdistrikte für Handelsschiffe aller Flaggen,
vornehmlich auch der deutschen Flagge. Das so lange verschlossene
sagenhafte Peking ist heute der Sitz der europäischen Gesandten, die
mit den höchsten Beamten des Riesenreiches verkehren und von dem Kaiser
in seinem eigenen Palaste empfangen werden. In Peking befinden sich
Kirchen, Klöster, Schulen und Universitäten, die letztern chinesische
Unternehmungen, aber mit europäischen Lehrkräften. Die Armee hat
europäische Instruktoren, moderne Arsenale stehen unter europäischer
Leitung, ebenso der ganze Telegraphen-, Post- und Zolldienst mit
Beamten, welchen die höchsten chinesischen Auszeichnungen verliehen
worden sind. Wer hätte das vor dreißig oder vierzig Jahren zu hoffen
gewagt?
Die Wirren der letzten Zeit sind vorübergehend, die Kugel ist einmal
ins Rollen gekommen und, wie gesagt, nicht mehr aufzuhalten. Der
Aufstand gegen die Fremden und ihre Kultur, welche sie dem alten China
bringen wollen, scheint wie ein letztes Aufraffen der Reaktionäre, der
alten Partei der Mandarine und Litteraten, der Geheimgesellschaften
und des von ihnen abhängigen Gesindels, zusammen immer noch bedeutend
genug, daß die schwache Regierung sich ihnen nicht wiedersetzen
konnte. Ihnen gegenüber steht aber eine ganz bedeutende Partei von
aufgeklärten Leuten, welche in den offenen Häfen oder in Singapore,
Hongkong, Batavia moderne Bildung und Kultur kennen gelernt haben,
dann der ganze großenteils vom Auslande abhängige Kaufmannstand in den
Handelsstädten. Dazu kommen auch zahlreiche Mandarine und ein großer
Teil des gebildeten Teils des Volkes. Wenn diese nicht offen für die
Erschließung des Reiches eintreten, so ist es teils aus Furcht vor
der Regierung einerseits, die ihre Absichten niemals klar und offen
zum Ausdruck bringt, und vor den Geheimgesellschaften anderseits,
welche fremdenfreundlichen Mandarinen gleich mit dem Mordstahl zu
Leibe gehen. Ich habe in den verschiedenen Städten des Innern mit
Hunderten von Mandarinen und anderen aufgeklärten gebildeten Leuten
gesprochen und aus ihren Aeußerungen diesen Eindruck gewonnen. Dazu
kommt noch bei ihnen die Furcht, daß durch die Eröffnung des Reiches
die politische Selbständigkeit desselben verloren gehen könnte. So
gern sie die europäischen Industrien verwerten möchten, sie haben
doch eine ganz ausgesprochene Vaterlandsliebe, die in dem Grundsatz
gipfelt: „China für die Chinesen”. Ich hatte Gelegenheit, Einblick
zu bekommen in die Berichte, welche seitens der Zentralregierung von
den Provinzgouverneuren über die projektierten Eisenbahnen eingeholt
wurden. In diesen Berichten kommen Aeußerungen vor, wie: „Zum Bau
der Bahnen können wir chinesisches Material benutzen, zur Ausführung
von Arbeiten können Leute aus unserem Volke herangezogen werden. Die
Gehälter der etwa in Dienst zu stellenden Europäer würden doch nur
einen beschränkten Betrag ausmachen” .... „Das nötige Eisenbahnmaterial
vom Auslande zu beziehen, wäre zu umständlich und kostspielig. Unser
Eisen ist für Schienen ganz geeignet. Wenn sie auch vielleicht
teurer zu stehen kämen, so wären sie doch unsere Landeserzeugnisse”....
„Nur für die erste Strecke würde ich empfehlen, Eisenmaterial aus
dem Auslande zu beziehen, bis die Hochöfen und Hüttenwerke für die
Fabrikation unserer Schienen fertig sind. Dann sollte lediglich
einheimisches Eisen verwendet werden, damit die Entwicklung des
Eisenbahnnetzes unserer eigenen Industrie zum Vorteil gereiche”....
„Wir sollten für den Eisenbahnbau keine ausländischen Gelder
aufnehmen, sondern ebenso wie die chinesische Dampfergesellschaft
dreißig Millionen Taels im Inlande aufgebracht hat, eine inländische
Anleihe aufnehmen. Eurer Majestät möchte ich das allerunterthänigste
Gesuch unterbreiten, alle Anträge, die fremde Anleihen bezwecken,
kurzweg abzulehnen, um das Unwesen der ausländischen Banken und
Geschäftsvermittler, dieses Ratten- und Heuschreckenungeziefers, das
uns aufzehrt, zu vermeiden”... „Wollen wir Bahnen bauen, so müssen
wir uns die Erbauer aus unserem eigenen Volke durch Schulen und
ausländische Lehrer selbst heranziehen”.... „Wir wollen fremdes Kapital
und fremde Arbeit von unseren Eisenbahnunternehmungen ausschließen”....
In diesen Gutachten sprechen die Provinzgouverneure auch die
Ueberzeugung aus, daß die Eisenbahnen dem Handel und Wohlstand der
Chinesen förderlich sein und überdies die Ausländer von diesem Handel
verdrängen werden. Das zeigen unter anderen folgende Stellen in den
Berichten: „Der Handel, der jetzt auf fremden Schiffen erfolgt, würde
wieder den Landweg einschlagen und den Fremden den Gewinn wegnehmen zu
gunsten unserer Bevölkerung. Wenn aber den Fremden kein Gewinn mehr
bei uns in Aussicht steht, so werden sie die Sache bald aufgeben und
nach Hause zurückkehren”... „Eure Majestät würden durch die Eisenbahnen
und die durch sie wachsende Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse den
Staat und die Nation auf eine sichere Grundlage stellen und nicht
den fremden Händlern ein Mittel zum Wettbewerb und zu größerem Gewinn
verschaffen”... „Eisenbahnen fördern den Handel, die Maschinen, die
Industrie; durch sie wird man die Erzeugnisse des Landes aus entfernten
Gegenden zu versenden im stande sein. Die Eisenbahnen sollen uns
helfen, durch Eröffnung der verschlossenen Quellen unserer Reichtümer
die Verluste wieder gut zu machen, welche wir durch die Ausfuhr unseres
Kapitals erlitten haben.”
Wie man sieht, wird in diesen Berichten der Fremdenhaß, welcher die
Chinesen kennzeichnet, auch durch die höchsten Reichsbeamten in
offizieller Weise zum Ausdruck gebracht. Fremdenhaß ist die bisherige
Richtschnur der ganzen Beziehungen Chinas zum Auslande gewesen; nur
in geringem Grade bei der Landbevölkerung vorhanden, steigt er mit
den höheren Gesellschaftsklassen und wird zum Fanatismus bei den
Litteraten, sowie bei der Mehrzahl der Machthaber. Er liegt auch den
ganzen jüngsten Unruhen zu Grunde und ist, wenn man die Sache mit
kaltem Blute betrachtet, begreiflich. Man denke sich doch in einem
europäischen Reiche die wichtigsten Häfen in chinesischem Besitz
und den dortigen Welthandel in chinesischen Händen; man denke sich
chinesische Dampfer auf den europäischen Hauptströmen, Eisenbahnen,
industrielle Anlagen mit chinesischem Kapital gebaut, durch Chinesen
verwaltet, in den Hauptstädten chinesische Missionare, den unteren
Volksklassen von Buddha und Confucius erzählend, und alles das unter
dem Schutze chinesischer Gesandten in den Hauptstädten der europäischen
Reiche, mit chinesischen Kanonen und Kriegsschiffen an den Grenzen,
welche alle Begehren der Gesandten unterstützen. Gewiß würde sich der
Haß gegen die chinesischen Eindringlinge ganz gewaltig regen, und man
würde alles einsetzen, um sie wieder hinauszuwerfen. Nun dünken sich
die Chinesen auf einer viel höheren Kulturstufe, als die der Europäer;
sie sind stolz auf ihre uralte Zivilisation, die sich Jahrtausende lang
bewährt und alle anderen überdauert habe. In ihrem Dünkel betrachten
sie die Fremdlinge als ebenso „minderwertige” Wesen, wie wir die
Chinesen betrachten, und hegen ihnen gegenüber denselben Haß, den wir
gegen sie empfinden würden, wenn sie unsere Heimatländer kommerziell
ausbeuten würden.
Indessen, diese Gefühle der Chinesen können nicht geschont werden,
zumal sie selbst mit Europa und Amerika in den mannigfaltigsten
Verkehr getreten sind. China muß entwickelt, erschlossen werden, und
dazu ist es nötig, daß China die erdrückende Macht Europas und die
große Ueberlegenheit seiner Kultur noch eingehender kennen und fühlen
lernt. Es giebt China gegenüber kein Zurück mehr, sondern nur ein
Vorwärts. China wird militärisch niedergezwungen werden, wie schon
mehrmals zuvor. Ist das geschehen, dann soll wieder Friede herrschen.
Damit aber die alten Fehler der Friedensabschlüsse mit China vermieden
werden, ist es erforderlich, daß genügende Macht auch in Zukunft über
die Erfüllung der Friedensbedingungen wache. Eine der vornehmsten
der letzteren wird es sein müssen, daß Angehörige aller Nationen
ungehindert in China verkehren dürfen; es soll keine „Vertragshäfen”
mehr geben; jede Stadt soll offen sein; Flüsse und Kanäle müssen frei
sein für die Schiffahrt der Flaggen aller Länder; es sollen keine
„Interessensphären” für verschiedene Staaten mehr geschaffen werden;
ganz China soll eine Interessensphäre sein für die ganze Welt und damit
auch für sich selbst. Es darf nicht geduldet werden, daß beispielsweise
ausschließliche Absichten Englands auf das ganze Jangtsekiangthal, das
Rückgrat des chinesischen Reiches, zur Ausführung kommen. Hongkong,
Macao, Tsingtau und andere bestehende feste Besitzungen fremder Mächte
werden als solche bestehen bleiben, neue aber sollen nicht dazu kommen.
Wieviel von diesen Wünschen zur Durchführung kommen kann, steht
dahin. Es wird dies mehr von den Mächten, als von China abhängen, am
meisten von England, das schon jetzt bestrebt ist, eine Sonderstellung
einzunehmen und seine eigenen Ziele zu verfolgen. Die größten Gewinner
aber werden jene Mächte sein, welche als jüngste auf der chinesischen
Bildfläche erschienen sind, Amerika und Japan. Alle Konzessionen Chinas
kommen zunächst diesen beiden Mächten zu gute; ihr Einfluß und ihr
Handel sind, wie bemerkt, in den letzten Jahren rascher gestiegen als
die irgend welcher anderer Staaten. Das bringt ihre geographische Lage
und ihre Entwickelung mit sich und kann nicht geändert werden. Von den
europäischen Mächten ist am chinesischen Handel nächst England das
Deutsche Reich am meisten beteiligt. Hoffentlich wird der Friede diese
Beziehungen zwischen Deutschland und China zu noch einträglicheren
machen!
[Illustration: Brücke über den Sze-shui-fluß in Yentschou-fu.]
Zweiter Teil:
Japan.
[Illustration: Der Hafen von Nagasaki.]
[Illustration]
Nagasaki, die Heimat von Fräulein Chrysanthemum.