Wo keine Straßenpflasterung vorhanden ist, sind die zwischen den

Feldern sich dahinschlängelnden, viel gewundenen Wege in der trockenen

Jahreszeit natürlich mit knietiefem Staub, in der nassen Jahreszeit

mit eben so tiefem dünnflüssigen Kot gefüllt, man fährt also ziemlich

weich dahin, hat aber dafür nach einer Stunde Fahrt eine fingerdicke

Schicht Staub oder Straßenkot auf dem Leibe und den Augen, Nase

und Lunge damit halb verklebt. Stellenweise sind längs der großen

Verkehrsrouten schattige Bäume vorhanden, die einzige Labsal während

der ermüdenden, anstrengenden Reisen. In bevölkerten Gegenden reist

man im allgemeinen ziemlich sicher, in einsameren wird der Reisende

nur zu häufig von Räubern angehalten, besonders im Hochsommer, wenn

der Sorghum auf den Feldern zu beiden Seiten des Weges zu Manneshöhe

gewachsen ist und die Wegelagerer vollständig gedeckt sind und ohne

jede Gefahr für sich ihrem einträglichen Beruf nachkommen können. Der

fremde Reisende, welcher das Glück hat, einen kaiserlichen Reisepaß

zu erhalten und überdies an die hohen Mandarine empfohlen ist, erhält

gewöhnlich von den Mandarinen der Ortschaften, die er passiert, eine

Anzahl Soldaten als Schutz, aber ich verließ mich wenig auf meine

überdies nur mit Stöcken oder alten ungeladenen Pistolen bewaffnete

Begleitmannschaft, sondern hielt meinen Revolver schußbereit. In

einsameren Gegenden, sowie auf den sogenannten kaiserlichen Hauptrouten

sind die Wege durch eine Art Landjäger bewacht, oder sollen es

wenigstens sein. Auf Hunderten von Kilometern, die ich diese Straßen

entlang gewandert bin, sah ich trotz dem vielen Raubgesindel, das

die Gegend dort unsicher machte, nicht einen einzigen Soldaten;

doch sagte man mir, die Wachthäuser, die sich alle zwei Kilometer

neben der Straße erheben, wären zur Nachtzeit von mehreren Soldaten

besetzt. Wozu, ist mir nicht klar geworden, denn der Chinese reist

zur Nachtzeit nicht, es ist also auch niemand zu beschützen. Diese

Wachthäuser sind eine charakteristische Beigabe der Kaiserstraßen.

In den Ueberschwemmungsgebieten des Hoangho stehen sie auf drei bis

fünf Meter hohen Erdpyramiden und zeigen nach der Straßenseite eine

von einer Mauer umsäumte Veranda, in anderen Gegenden stehen sie

in gleicher Höhe mit dem Straßenboden, und von ihren Ecken laufen

diagonal zwei mannshohe, mehrere Meter lange Lehmwände aus, wie

Schutzleder für Pferdeaugen. Ihren Zweck konnte ich nicht erfahren. Die

weißgestrichenen Mauern tragen in riesigen schwarzen Schriftzeichen

die Bezeichnung „Wachthaus für Straßenpolizei”. Das Innere dieser

Häuschen ist jeder Einrichtung bar, nicht einmal Strohmatten liegen

auf dem Boden, dafür zeigen sich gewöhnlich viele Beweise, daß diese

Regierungsbauten von den Passanten für Zwecke benutzt werden, zu denen

man gewöhnlich die Einsamkeit und Dunkelheit aufsucht.

Wo Flüsse und Bäche zu überschreiten sind, giebt es an den

Kaiserstraßen überall Brücken, die meisten aus Steinquadern mit

riesigen Pfeilern erbaut, aber mit so holperigem steinernen Pflaster

auf dem Brückenbett, daß die Reisenden zur Sicherung der Körperteile,

auf denen sie sitzen, die federlosen Karren zu verlassen pflegen.

Viele Brücken sind eingestürzt, und neben den Ruinen hat irgend ein

unternehmender Chinese aus Bambusstangen und Reisstroh eine fliegende

Brücke angelegt, für deren Passierung er von dem Reisenden einen

kleinen Betrag erhebt. Freilich senkt sich diese Brücke zuweilen bis

in das Wasser, oder ein schwerer Karren bricht mit den Rädern durch

das Strohbett, aber wer hinüber will, muß sich eben dieser Gefahr

aussetzen. Sind die Flüsse tief genug, dann treten an die Stelle

solcher Brücken Fährboote. Auf großen Verkehrsrouten machen die

Eigentümer derselben vortreffliche Geschäfte, und zuweilen fand ich an

beiden Ufern Dutzende von Karren, Hunderte von Reisenden mit Pferden

und Maultieren auf die Beförderung an das jenseitige Ufer wartend.

Sobald ich aber mit meiner, nur einem hohen Mandarin gebührenden

Begleitmannschaft erschien, mußte alles Platz machen, und ich hatte

den Vorzug, mit der ganzen Reisekarawane allein sofort übergesetzt

zu werden, ohne daß man eine Zahlung von mir begehrte. Ich leistete

sie indessen doch in allen Fällen. Mandarine sind nämlich in China

die größten Freiberger. Sie haben überall den Vortritt, und alle

Verkehrseinrichtungen, sogar der Aufenthalt in den Mandarinsyamen der

verschiedenen Städte, in denen sie übernachten, sind frei, während

der Ortsmandarin verpflichtet ist, sie und ihr Gefolge zu verpflegen.

Natürlich thun sie das auch nicht aus eigener Tasche, sondern das Volk

muß herhalten.

Die gewöhnlichen Reisenden werden auf die verschiedensten Arten

ausgebeutet. So traf ich beispielsweise an dem Westschantung

durchfließenden Tawönho, über welchen mein Weg mich nach dem

Kaiserkanal führte, keine Brücke und keine Fährboote, sondern nur

eine Furt. Am Ufer lagerten einige zwanzig junge Burschen, welche ein

Geschäft daraus machen, für einige Kupfermünzen Zahlung die Reisenden

durch die gelben trüben Fluten zu führen. Damit ihnen dieser Verdienst

nicht entgehe, graben sie an verschiedenen Stellen des Flußbettes unter

dem Wasser tiefe Löcher und lassen nur eine schmale, ihnen allein

bekannte Furt frei. Würde es einem Reisenden einfallen, den Fluß ohne

ihre Führung zu durchschreiten, so ist zwei gegen eins zu wetten, daß

er in eines dieser Löcher fällt, und dann muß er erst recht die Hilfe

der Burschen in Anspruch nehmen, um für zehnfache Zahlung seinen Karren

wieder herauszuziehen.

Ueber den ganzen Unterlauf des Hoangho giebt es keine einzige Brücke.

Die letzte Brücke befindet sich bei der alten Kaiserstadt Kaifung.

Angenehmer als auf den Kaiserstraßen reist man auf den gewöhnlichen

Landwegen, welche die nördlichen Provinzen durchziehen, aber

wohlverstanden nur im Frühjahr und Herbst, denn zu anderen Zeiten

stehen diese Wege unter Wasser oder sind mit knietiefem Staub bedeckt.

Sie sind wenigstens nicht gepflastert und weisen auch nicht so viele

Verkehrsstockungen durch Kamel- und Karrenkarawanen auf, die sich

gewöhnlich den Hauptspaß machen, mitten auf den Straßen ihre Rasten

zu halten. Ehe die Karren, Waren, schlafenden Tiere und Menschen

aus dem Wege geräumt sind, vergeht geraume Zeit. Schlimm werden

die Reiseverhältnisse, wenn man die Provinzen Anhuei, Kiangsu und

Ostschantung verläßt und am unteren Hoangho das ungeheure Lößgebiet

betritt, welches, stellenweise schon in Westschantung auftretend, den

größten Teil von Schensi, Schansi und Honan umfaßt, ja auch noch viele

Tausende Quadratkilometer der westlichen Mongolei einnimmt. Ich stieß

auf die ersten Lößmassen am Nordostfuß der Gebirge von Mittelschantung.

Karrenräder und Pferdehufe reißen den trockenen, aus feinstem Sand und

Erdteilchen bestehenden Boden auf, und der Wind trägt die gelockerte,

staubige Schicht fort; kommen Regengüsse, so fließt das Wasser durch

den tiefen Wegeinschnitt ab und wäscht diesen noch tiefer. Wird das

während Jahrtausenden fortgesetzt, wie es in China der Fall war, so

wird aus dem ursprünglich im gleichen Niveau mit der Ebene liegenden

Wege eine enge tiefe Schlucht mit senkrechten Wänden auf beiden

Seiten. Die Dörfer, Felder, Gärten sind oben, die Wege fünf, zehn,

zwanzig und mehr Meter tief unter ihnen. Wo die Lößschichten nicht so

stark und die Wege demgemäß nicht so tief eingesunken sind, pflegen

Fußgänger diesen, auch noch mit knietiefem, gelbem Staub gefüllten

Wegschluchten auszuweichen und oben den Rand derselben entlang zu

wandern. Schubkarren, Maultierkarren und Reiter aber müssen durch diese

Schluchten, die mitunter viele Kilometer lang sind und nur wenige

Unterbrechungen oder Erweiterungen zeigen. Dabei sind die Wegschluchten

mit ihren senkrecht aufstrebenden kahlen Lößwänden unten kaum zwei

Meter breit. Kommen zwei Karren in entgegengesetzter Richtung gefahren

oder auch nur Lastschubkarren, so können sie einander nicht ausweichen.

Hier lernte ich zum erstenmal den Wert meiner sonst wenig nützenden

Soldatenbegleitung recht kennen; denn kamen wir zu einer derartigen

Wegschlucht, so ritt einer der Soldaten rasch voraus, um die etwa

entgegenkommenden Karren vor dem Einfahren in die Schlucht zu warnen.

Mitunter kam aber dieser bezopfte Vortrab zu spät, eine ganze Kolonne

von Lastkarren war bereits eingefahren, und dann galt es für uns, in

diesen backofenheißen, staubigen, sonnigen, trockenen Schluchten zu

warten, bis die Kutscher ihre Zugtiere ausgespannt, mit unsäglicher

Mühe und Gefahr aus den senkrechten Wänden eine kleine Höhlung gegraben

hatten, um die Tiere zurückführen und hinten wieder an die Karren

spannen zu können. Nun konnten sie die Karren wieder aus der Schlucht

heraus bis zur nächsten Ausweichestelle führen, und der Weg war für

meine Karawane frei. Keiner wagte es, darüber sich aufzuhalten; sobald

sie die nur durch ihre roten oder blauen Kittel erkennbaren, zuweilen

ganz unbewaffneten Soldaten gewahrten, gehorchten sie ohne Widerrede.

Um diese höchst beschwerlichen und zeitraubenden Unterbrechungen zu

verhindern, pflegen die Kutscher beim Einfahren in die Schluchten mit

ihren langen Peitschen zu knallen und laute, langgezogene Warnungsrufe

erschallen zu lassen. Mitunter hören sie einander auch deutlich, aber

einer hofft auf die Nachgiebigkeit des anderen, beide fahren darauf

los, bis sie einander auf der Nase sitzen. Dann geht das Geschimpfe und

das Geschrei los, aber was macht’s? Die Chinesen haben ja Zeit, und

kommen sie nicht heute ans Ziel, so doch morgen.

Viel tiefer eingeschnitten sind die Wege in Schansi und Honan,

und dabei sind sie viele Tausende von Kilometern die einzigen

Verkehrsrouten. In den senkrechten Lößwänden, zwischen denen man

über sich nur einen schmalen Himmelsstreifen wahrnimmt, giebt es

sogar Wohnungen der Landleute, Hotels, Tempel und Götzenschreine. Die

Leute graben sich lange Galerien, die sie als Wohnzimmer, Küchen und

Vorratskammern einrichten, die Reisenden müssen in ähnlichen Höhlen

einkehren, die sie mit ihren Dienern und Zugtieren teilen. In manchen

Gebieten haben die Lößablagerungen, welche ein Flußthal, und damit

auch eine Stadt, von dem nächsten Flußthal mit dem Reiseziele trennen,

Hunderte von Kilometern Ausdehnung, und einmal in der Wegschlucht,

kann man nicht wieder heraus, ausgenommen auf steilen Pfaden, die

sich gewöhnlich am Zusammenfluß zweier Schluchten die senkrechten

Lößwände hinanschlängeln. Man kann unter diesen Umständen begreifen,

warum einflußreiche Mandarine schon lange darauf hinwirken, die

Kaiserresidenz von dem für Europäer leicht erreichbaren Peking mitten

in die Lößgebiete nach dem alten Singanfu zu verlegen. Dort wäre die

Regierung der Beeinflussung durch europäische Kriegsschiffe und Kanonen

entrückt, dorthin kann niemals ein europäisches Heer gelangen, und die

Mandarine könnten nach Belieben schalten und walten. Engpässe wie die

Lößwege von Schansi und Honan habe ich nur noch im nördlichen Arizona

gefunden. Eine geringe Anzahl Leute genügt, um auch der stärksten Armee

den Durchgang zu wehren, und aus diesem Grunde allein schon wäre es

einem Heere unmöglich, auf der Route durch Schansi und Honan gegen

Singanfu vorzugehen.

Während sich der ungemein lebhafte Verkehr zwischen den großen

Städten und Handelsmittelpunkten nördlich des Jangtsekiangs auf den

geschilderten Landwegen abwickelt, findet der weitaus größte Verkehr in

den südlich des Jangtsekiangs gelegenen Provinzen auf dem Wasser statt.

Der Chinese benützt Flüsse und Kanäle in viel größerem Maße, als es

in Europa der Fall ist. Schon Kaiser Hwang-ti, unter dessen Regierung

die Chinesen, lange vor den Phöniziern, zum erstenmal die offene See

befuhren, ließ vor 4500 Jahren ein ausgebreitetes Netz von Kanälen

anlegen, und dieses wurde im Laufe der Zeiten vervollständigt, wo immer

sich nur eine Gelegenheit darbot. Im Süden des Reiches, vornehmlich

in Kwangtung, sind die Flüsse die Hauptstraßen, und Straßen auf dem

Festlande wurden dort nicht als Verbindungen zwischen Handelszentren,

sondern zwischen zwei nicht durch Kanäle zu verbindenden Wasserstraßen

angelegt. Das südliche China ähnelt mit seinen Wasserstraßen Holland.

Diese gewöhnlich nur kurzen Landwege sind im Süden in viel besserer

Verfassung als im Norden, und selbst Pfade im Hinterlande sind zuweilen

mit großen Granitplatten gepflastert, die durch eine Art Zement

miteinander verbunden sind. Am auffälligsten zeigt sich das Gewirr

von Kanälen dem Reisenden im südlichen Kiangsu und in Tschekiang, im

Gebiet der großen Handelsstädte Sutschau und Hangtschau. Fast der

gesamte Handels- und Personenverkehr spielt sich auf den Kanälen

und Flüssen ab. Ist die Wasserreise auch zeitraubender, so ist sie

doch unvergleichlich wohlfeiler als der Landverkehr, und das ist ein

Umstand, der bei den vielen Eisenbahnprojekten eine viel viel zu

wenig berücksichtigte Rolle spielt. Gewinnsüchtige Unternehmer in

Europa haben für den Süden Chinas ein ganzes Netz von Eisenbahnen

ausgeheckt, aber sie sollten die Sache doch eingehender prüfen, ehe

sie das europäische Kapital zur Beteiligung einladen. Bei einem so

ausgebreiteten Kanalverkehr ist der Unterschied in den Transportkosten

zwischen Eisenbahn und Wasser ein so gewaltiger, daß er für die

Chinesen die Vorteile einer schnelleren Beförderung weitaus aufwiegt.

Ueberdies wären über dieses Netzwerk von Kanälen so viele Brücken zu

bauen, in dem weichen Boden so kostspielige Fundierungen vorzunehmen,

daß die Kapitalsanlage in vielen Fällen kaum eine entsprechende

Verzinsung finden würde. Deshalb ist unter anderen auch Hongkong mit

der Zweimillionenstadt Canton noch durch keine Eisenbahn verbunden.

Anders liegen die Verhältnisse im Norden, vornehmlich in Schantung

und Petschili, und dementsprechend sind auch die meisten, ja fast

einzigen Bahnen bisher nur in diesen Provinzen zur Ausführung

gekommen. In Schantung giebt es so gut wie keine Wasserwege, der sehr

bedeutende Verkehr steht im Zeichen des Schubkarrens und Packesels,

und dort werden sich die im Bau begriffenen Eisenbahnen, zunächst

jene von Tsingtau nach Tsinanfu, vortrefflich lohnen. Dabei kommt

ihnen der Umstand zu statten, daß es sozusagen dort, wie bemerkt,

gar keine Straßen giebt und die Mandarine sich im allgemeinen um die

Verkehrswege nicht im mindesten kümmern. Freilich ist ungeachtet

der elenden Verkehrsverhältnisse das Reisen in Schantung doch sehr

wohlfeil. Warentransporte kosten durchschnittlich für je 100 Li und

100 Kattie (= 1 Pikul = 60½ Kilogramm) 50 bis 70 Pfennig. So z. B.

kostet der Transport von Tsinanfu nach Peking, etwa 1000 Li (nahe an

500 Kilometer), 5 Mark für den Pikul. Die Kosten eines Karrens oder

einer der in Ostschantung gebräuchlichen, von Maultieren getragenen

Sänften, Schen-tze genannt, belaufen sich für den Tag auf 3 Mark, und

damit kann der Reisende täglich 60 bis 70 Kilometer zurücklegen. Werden

auf den neuen Bahnen in Schantung dieselben Fahrpreise gerechnet wie

in Deutschland, etwa 6 Pfennig der Kilometer in zweiter Klasse und

4 Pfennig in dritter Klasse, so würden sich die Transportkosten bei

einer Tagesreise von etwa 400 Kilometer auf 24 resp. 16 Mark stellen.

Die Reise im Karren würde auf derselben Strecke etwa 20 Mark kosten,

aber eine Woche Zeit in Anspruch nehmen, so daß die Chinesen wohl die

Eisenbahn vorziehen würden.

Im ganzen sind bis heute in China gegen 450 Kilometer Eisenbahnen in

Betrieb. Die längste ist die von Tientsin über Tongschan und Tongku

nach Schanhaikwan an der großen Mauer führende Bahn mit 214 englischen

Meilen. Eine zweite Bahn läuft von Taku über Tientsin nach Peking, eine

dritte von 80 englischen Meilen Länge von Peking nach Pautingfu. Die

Fahrgeschwindigkeit beträgt auf diesen Bahnen nur 20 englische Meilen

in der Stunde. Sonst giebt es in China nur noch die Bahn von Woosung

nach Shanghai und eine kurze Kohlenbahn am Jangtsekiang. Die Bahn von

Peking nach Pautingfu soll von einer belgischen Gesellschaft durch

Schansi nach Kaifung und von dort nach Hankau verlängert werden. Kommt

sie zu stande, dann öffnen die glänzenden Stahlschienen wie mit einer

Lanzette das Herz des chinesischen Reiches, dann ist Honan und damit

auch Singanfu leicht erreichbar, in Berührung mit der abendländischen

Welt. Aber bis dahin wird noch eine lange, sehr lange Zeit vergehen.

Die Chinesen werden noch viele Jahre fortfahren, ihre bisherigen

Verkehrsmittel anzuwenden, und ob sie die Eisenbahn durch Schansi und

Honan, wenn sie einmal gebaut ist, auch so rasch benutzen werden, ist

noch fraglich.

In Honan, wo ähnlich wie in Schantung der Transport vielfach mit

Schubkarren erfolgt, kostet ein solcher mit einem Mann 50 bis 80

Pfennig, bei einer täglichen Durchschnittsfahrt von 30 Kilometer;

ein Ochsenwagen, der dieselbe Strecke zurücklegt, kostet je nach der

Beschaffenheit der Straße 2 bis 3 Mark täglich. Der Preis eines mit

zwei Maultieren bespannten Karrens vom Jangtsekiang bis Peking kostet

einschließlich der Unterkunft und Mahlzeiten 70 bis 80 Mark. Die etwa

1000 Kilometer lange Strecke wird in zwei bis drei Wochen zurückgelegt.

Bei diesen Verhältnissen ist es zweifelhaft, ob eine Bahn in Honan,

die unverhältnismäßig hohe Baukosten erfordert, auf einer gesunden

finanziellen Grundlage stehen wird.

[Illustration: Chinesischer Briefumschlag.]

[Illustration: Schantungpflug mit Dreigespann.]

Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel.

Angesichts der neuesten Unruhen in China, der ewigen Gefahr, in der

die Fremden dort leben, der großen Opfer an Menschen und Geld, der

kostspieligen militärischen Expeditionen, welche die Beziehungen

Europas mit dem Reiche der Mitte zur Folge gehabt haben und

voraussichtlich noch in Zukunft haben werden, hört man die Frage:

Hat der Handel mit China überhaupt eine so große Bedeutung, daß er

diese Opfer rechtfertigt; wäre es nicht besser, sich anderen Gebieten

zuzuwenden und deren Erschließung anzustreben?

Wie groß ist dieser Handel? Im Jahre 1898 belief sich im Gesamtwert

die Ein- und Ausfuhr, soweit die in den Vertragshäfen bestehenden

Zollbehörden ihn kontrollieren, auf etwa elfhundert Millionen Mark.

Diese Summe erscheint nicht groß, wenn man bedenkt, daß der Außenhandel

des kleinen Belgien einen Wert von über zweiundzwanzighundert Millionen

besitzt, also das Doppelte des Außenhandels von China. Selbst

Argentinien hat trotz seiner Jugend als Staat bereits einen Außenhandel

von nahezu tausend Millionen Mark. In einer Reihe anderer Staaten

entwickeln sich die Handelsbeziehungen mit Europa ruhig, ohne besondere

Schwierigkeiten, ohne jedwede Opfer und militärische Expeditionen.

Warum, so hört man fragen, sollen also die Steuerzahler wegen des

verhältnismäßig geringen Handels so tief in den Säckel greifen?

Und dennoch geschieht dies seitens fast aller Seemächte. Neben dem

Deutschen Reiche sind bei den letzten Unruhen England, Frankreich,

Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland, Holland, selbst das kleine

Belgien an der Expedition gegen China beteiligt gewesen, dazu die

Vereinigten Staaten und Japan. Freilich stand dabei zunächst die

Aufgabe im Vordergrunde: Bestrafung des Bruchs des Völkerrechts durch

die Mißhandlung der Gesandten seitens der chinesischen Machthaber,

man könnte besser sagen, der chinesischen Ohnmachtshaber, Sühne für

die vielen Menschenleben, die schweren Verluste an Hab und Gut der

fremden Einwohner. Aber dabei wurden doch auch geschäftliche Interessen

verfolgt, und man dachte auch an den Nutzen, welchen die Expedition

nach dem Friedensschluß für die verschiedenen Mächte bringen soll.

Ebenso sicher, wie die endliche Niederwerfung Chinas durch die

verbündeten Streitkräfte, ist es auch, daß eine Aufteilung Chinas

in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird. Im Gegenteile, statt als

Kriegsbeute verschiedene Provinzen und Länderstriche einzuheimsen,

haben die Mächte alles Interesse daran, das chinesische Reich intakt zu

erhalten und ihm eine feste, starke Regierung zu geben, sogar unter der

Leitung eines Kaisers aus der gegenwärtig herrschenden Dynastie. Ganz

abgesehen von der Eifersucht unter den Mächten bei einer Aufteilung und

der Unmöglichkeit einer Einigung über die von jeder Macht beanspruchten

Gebiete, hat man sich gewiß schon in jedem Kabinette gefragt, auf

welche Weise und zu welchem Zwecke die verschiedenen Provinzen des

aufgeteilten Vierhundertmillionenreiches von den Mächten regiert und

verwaltet werden sollten. Es ist ja hinlänglich bekannt, welchen

Aufwand an Geld, Beamten, Militär, Schiffen und dergleichen schon ein

Landgebiet von der Größe einiger hundert Quadratkilometer, etwa wie

Deutsch-China, erfordert. Wie viele Hunderte Millionen, Zehntausende

von Soldaten, Hunderte von Beamten würde erst die Verwaltung einer

ganzen Provinz bedürfen! Es handelt sich bei den chinesischen Provinzen

um Ländergebiete so groß wie Preußen oder ganz Süddeutschland, mit

Einwohnerzahlen von zwanzig bis vierzig Millionen. Selbst wenn solche

Gebiete an die erobernden Reiche angrenzen würden, wie etwa Nordchina

an Sibirien, würden solche Bissen in Anbetracht der heterogenen

feindlichen Bevölkerung nicht zu verdauen sein. Wie erst, wenn man

die ungeheure Entfernung Chinas von den mitteleuropäischen Reichen in

Betracht zieht! Der Krieg der Amerikaner gegen das im Vergleich mit den

Chinesen verschwindend kleine Völkchen der Philippiner, der Frankreichs

gegen Tonkin und Englands gegen die handvoll Boeren sprechen

deutlicher, als es alle Argumente vermögen.

Und selbst wenn eine solche Verwaltung unter der Anspannung aller

Kräfte doch eingerichtet würde, so würde die Frage entstehen: wozu? Was

ist der Nutzen, den ein solch unsinniges Wagnis hätte? Die Erschließung

der betreffenden Provinz? Die Hebung der Kaufkraft ihrer Bevölkerung?

Die Schaffung eines neuen Absatzgebietes? Würde das letztere wirklich

ausschließlich der Industrie der betreffenden Kolonialmacht zu gute

kommen, dann wäre dies zum wenigsten etwas Greifbares, obschon viele

Jahrzehnte der Aufwand unverhältnismäßig größer sein würde als der

Ertrag. Das Spiel wäre die Kerzen nicht wert, die man dabei verbrennt.

Aber das ausschließliche Recht der kommerziellen Ausbeutung einer

Provinz würde von anderen Mächten niemals zugestanden werden.

Mehrere haben mit Säbelgerassel erklärt, unter allen Umständen an

der Politik der offenen Thür festzuhalten. Gleiches Recht, gleiche

Handelsfreiheit für alle Mächte ist ihre Politik in Bezug auf den

chinesischen Markt, und eine Macht, welcher es gelingen sollte, eine

Provinz als Kriegsbeute zu ergattern, würde dann einfach nur anderen

Mächten, zunächst den Japanern und Amerikanern, die Kastanien aus dem

Feuer holen. Wohl ist heute und wohl auf Jahrzehnte hinaus England

am chinesischen Handel am meisten beteiligt, aber der Handelsverkehr

Japans und Amerikas mit China geht mit Riesenschritten vorwärts; sie

haben heute schon alle anderen Mächte, England ausgenommen, überholt,

und dank ihrer günstigen geographischen Lage, geringen Frachtsätzen und

anderen Umständen wird in Zukunft unzweifelhaft ihnen der Hauptanteil

am chinesischen Handel zufallen. Provinzen auf Kosten europäischer

Steuerzahler zu erschließen, oder gar die Verwaltung selbst zu

übernehmen, hieße also, den genannten großen Handelsrivalen in die

Hände arbeiten.

Ueber diese Fragen ist man in den europäischen Kabinetten wohl schon

längst im klaren. Es giebt in China keine Provinzen zu holen, keine

Kolonien zu gründen, und doch besteht unter allen Industriemächten ein

wahrer Wetteifer in Bezug auf China.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 41 / 71 段