Der frühere kaiserliche Gesandte in China, Herr v. Brandt, sagt

darüber: „Manche Widersprüche würden sich bei gemäßigterem Vorgehen

der Missionare vielleicht vermeiden oder ausgleichen lassen, aber wie

der Zelotismus der Bettelorden im siebzehnten Jahrhundert das klug

begonnene Werk der Jesuiten zerstörte, so tritt jetzt der Fanatismus

protestantischer Eiferer einer Annäherung hindernd in den Weg; es

kann nur gewünscht werden, daß das zwanzigste Jahrhundert nicht einen

Rückschlag zeitigen möge, wie das siebzehnte ihn gesehen.”

Rühmenswerte Ausnahmen bilden nach dem allgemeinen Urteil, das man in

China zu hören bekommt, die vier deutschen protestantischen Missionen,

die seit 1847 thätige Rheinische Missionsgesellschaft, die Berliner

Gesellschaft zur Beförderung evangelischer Missionen, der Allgemeine

evangelische Missionsverein und der Berliner Frauen-Missionsverein für

China. Die drei erstgenannten Missionsgesellschaften, von denen die

Berliner die größte und erfolgreichste ist, haben zusammen etwa 1500

bis 1800 chinesische Gemeindemitglieder aufzuweisen.

Herr v. Brandt sagt über die Missionen weiter: „Versucht man die

Thätigkeit der katholischen und protestantischen Missionen nach ihrer

erzieherischen Thätigkeit zu charakterisieren, so findet man, daß

die ersteren mehr Wert auf praktische, die letzteren auf geistige

Erfolge zu legen scheinen. Selbstverständlich besitzen beide besondere

Schulen und Institute für die Ausbildung der für den Priesterstand

bestimmten Chinesen, aber während in den Waisenhäusern und großen

Schulen der katholischen Missionen die Knaben mehr für die praktischen

Zwecke des Lebens vorgebildet und zu Handwerkern erzogen und die

Mädchen in allen für die künftige Hausfrau erforderlichen Gegenständen

unterrichtet werden, da die Erfahrung gelehrt hat, daß eine christliche

Frau selbst in einer heidnischen Familie einen oft zur Bekehrung

derselben führenden Einfluß auszuüben im stande ist, scheinen die

protestantischen Missionen größeren Wert auf eine wissenschaftliche

Ausbildung zu legen. Man könnte das eine als das System des ~Labora

et ora~, das andere als das des ~Ora et labora~ bezeichnen.”

Wurde von den englischen und amerikanischen Missionen bisher

irgendwo ein thatsächlicher, wenn auch verhältnismäßig nur geringer

Erfolg erzielt, so ist vor allem die Provinz Fukien zu nennen, und

hier, ebenso wie auch in den andern Provinzen, hauptsächlich unter

der Landbevölkerung, nicht in den Städten. So hat beispielsweise

die bedeutendste und hervorragendste der protestantischen

Missionsgesellschaften in China, die Christian Society in Shanghai,

wo sie eine große Missionsanstalt besitzt, während vierzigjähriger

Thätigkeit im ganzen 33 Bekehrungen erzielt. Arthur Moule, einer der

angesehensten protestantischen Missionare in China, sagt in seinem

Buche ~New China and old~, daß in dem Hauptsitze der Church

Missionary Society, also in der großen Stadt Futschau, nach elfjähriger

angestrengter Thätigkeit die Zahl der Christen sehr gering und fast gar

kein Fortschritt wahrzunehmen sei.

Knollys erzählt in seinem Buche ~English life in China~, er sei

einem Missionar begegnet, der während zwölf Jahren in China thätig war.

Auf die Frage, wieviel Bekehrungen er in dieser Zeit vorgenommen hätte,

nannte ihm der Missionar drei.

Ich selbst habe in Taingan-fu, im Herzen von Schantung, aus dem

Munde des vielleicht ältesten Missionars, ~Dr.~ Crawford, einem

Baptisten, vernommen, daß er in seiner sechsundvierzigjährigen

Thätigkeit noch keine wahre Bekehrung zu seiner Glaubenssekte

aufzuweisen hätte.

In Peking übertrug ein protestantischer Missionar während seiner

zeitweiligen Abwesenheit die Besorgung der Kirche und des

Gottesdienstes einem chinesischen Christen, an dessen vollständiger

Bekehrung er dank siebenjähriger Erfahrung mit ihm nicht zweifeln

konnte. Als der Missionar nach Peking zurückkehrte, erfuhr er, daß sein

Stellvertreter in der Kirche eine Spielhölle etabliert habe. Mir selbst

erzählte ein Prediger der christlichen Missionsgesellschaft, einmal

seine Bekehrten dabei angetroffen zu haben, wie sie ihre buddhistischen

Götzen verehrten und nach lang anhaltender Dürre um Regen baten. Als

er sie darüber zurechtwies, antworteten sie ihm: „Dein Gott hat uns

nicht geholfen, wir versuchen es jetzt mit unsern Göttern”. Wiederholt

hörte ich von Missionaren die Ansicht aussprechen, daß sich Chinesen

aus Spekulation dem Christentum zuwenden, indem sie sagen: „Buddha Gott

ist gut, christlicher Gott auch gut, zwei Stück Gott noch besser”. Eine

große Zahl Chinesen zeigen sich wenigstens äußerlich dem Christentum

nicht abgeneigt, weil sie dann Gelegenheit haben, kostenfrei die

Missionsschulen zu besuchen, die englische Sprache, Lesen, Schreiben

und andere praktische Kenntnisse sich anzueignen. Sind sie damit

fertig, so legen sie das Christentum wieder ab.

[Illustration: Mädchen im katholischen Waisenhaus bei Tsinan-fu.]

Aus diesen Beispielen, denen unzählige andere beigefügt werden könnten,

ist zu ersehen, daß die Chinesen für das Christentum im allgemeinen

bisher keine große Empfänglichkeit gezeigt haben, ja sie stehen den

Missionaren, wie überhaupt allen Fremden, feindlicher gegenüber

als jemals zuvor. Das beweisen die wiederholten Angriffe auf die

Missionen, die Zerstörung von Kirchen, Wohnhäusern und Schulen, die

Verfolgung und Niedermetzelung von Missionaren in fast allen Provinzen

des weiten Reiches. Aber man braucht daraus nicht zu folgern, daß die

Missionare den Chinesen besonders viel verhaßter sind als die übrigen

Fremden. Haben die Missionare zunächst unter dieser Fremdenverfolgung

zu leiden, so ist es vornehmlich deshalb, weil sie größtenteils mitten

im Inlande zerstreut, fern von den offenen Häfen vollständig schutzlos

leben und daher feindlichen Angriffen zu jeder Zeit ausgesetzt sind,

während die große Zahl anderer Fremder in den offenen Häfen, die dort

zeitweilig vorhandenen Kriegsschiffe und die regen Beziehungen mit

Nachbarhäfen solche Angriffe viel schwieriger machen.

Der Schutz der Fremden in China ist eine der schwierigsten Aufgaben,

welche die Mächte dort zu lösen haben, um so mehr, als es bisher

der Zentralregierung in vielen Fällen thatsächlich an der Kraft und

Möglichkeit gefehlt hat, den Fremdenschutz selbst durchzuführen. In

Bezug auf die Missionare handelt es sich dabei nicht allein um das

religiöse Moment. Was man von dem Vorgehen, der Gesittung und dem

Wesen einzelner Gruppen von Missionaren auch halten mag, es darf

nicht vergessen werden, daß die Missionare in China, gerade so wie

anderwärts, nicht nur die Pioniere des Christentums, sondern auch

die Pioniere europäischer Kultur und europäischen Handels sind. Wo

die Missionen festen Fuß gefaßt haben, da werden die Chinesen mit

europäischem Wesen vertraut, da ist es auch leichter, Handelsposten

zu gründen, und zu dem idealen kommt mit der Zeit materieller Gewinn.

Mit den Missionen stehen oder fallen die Hoffnungen, friedlichen

Eingang in das Reich der Mitte zu erzielen. Schon deshalb verdienen

und bedürfen die christlichen Missionen ohne Unterschied des Glaubens

den weitgehendsten Schutz der Mächte. Mit Parlamentieren kommt man bei

den Chinesen nicht vorwärts, eine Kanonenmündung flößt ihnen größeren

Respekt ein als alle Gesandten zusammengenommen.

Seit 1891 sind in China, besonders im Stromgebiet des Jangtsekiang,

Dutzende von Missionen zerstört und zahlreiche Missionare ermordet

worden; diese Gewaltthaten vermehrten sich noch seit dem Abschluß des

chinesisch-japanischen Krieges und erreichten ihren Höhepunkt in dem

Ausbruch des Aufstandes in der Provinz Fukien, ja es hat den Anschein,

als ob der Feldzug gegen die Missionen in einer Reihe von Provinzen

systematisch betrieben würde.

Die englischen Blätter von Shanghai, Tientsin und Hongkong enthalten

seit Jahren fast in jeder Woche Berichte über Christenverfolgungen, die

sich nicht allein auf die europäischen Missionen beschränken, sondern

auch gegen die chinesischen Christen gerichtet sind. Besonders hat man

es dabei auf ansässige Missionare und ihre Niederlassungen in größeren

Städten abgesehen, also gerade dort, wo sich Behörden und Garnisonen

befinden.

[Illustration: Inneres des Taischantempels in Taingan-fu.]

Als hervorragendstes Beispiel der letzten Jahre können die Gewaltthaten

in der Provinz Szetschuen im oberen Stromgebiet des Jangtsekiang an

der tibetanischen Grenze gelten. Dort waren seit Jahren etwa dreißig

katholische und protestantische Missionen thätig, mit eigenen Kirchen,

Kapellen, Hospitälern und Schulen und über zweihundert Missionaren.

In der Hauptstadt von Szetschuen, Tscheng-tu, befanden sich elf

Missionen, und die katholische Mission war gleichzeitig der Sitz des

Bischofs Dunand. Seit dem letzten Maitage des Jahres 1895 sind diese

Missionen vom Erdboden verschwunden, mit ihnen wurden auch andere

Missionen in den Provinzstädten zerstört, die Missionare angegriffen,

verwundet und gewaltsam vertrieben. Der eigentliche Anstifter war kein

anderer als der damalige Vicekönig der Provinz, Li-ping-Tschang, ein

fanatischer Fremdenhasser. Während seiner neunjährigen Regierung hat er

der Verbreitung des Christentums und europäischer Ideen unaufhörlich

Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und seinem Widerstand ist es

zuzuschreiben, daß der obere Jangtsekiang für die Dampfschiffahrt so

lange Zeit nicht freigegeben wurde.

Auch in Schansi, Yünnan, Hunan und Kiangsi gärt es fortwährend unter

den Christenfeinden, und was Schantung betrifft, so fanden die

Christenverfolgungen nach der Ermordung der deutschen Missionare Nieß

und Henle nur eine zeitweilige Unterbrechung durch das energische

Auftreten der Deutschen. Wagt man es nicht, den Europäern selbst

entgegenzutreten, so wird die einheimische Bevölkerung gegen den

Christenglauben aufgehetzt und die Wut der Leute auf die chinesischen

Christen gelenkt. Auffällig war es bei all den Angriffen auf

die christlichen Missionen, daß sie in verschiedenen Provinzen

fast gleichzeitig vorfielen, und daß nach jeder Greuelthat die

Telegraphenleitungen zwischen den betreffenden Provinzen und Peking

oder Shanghai unterbrochen wurden. Erst nachdem den Ministern in Peking

von seiten der fremden Vertreter energisch zu Leibe gegangen worden,

waren die Telegraphen rasch wieder in Ordnung. Ebenso auffällig ist es,

daß die Edikte zur Beschützung des Christentums, zur Bestrafung von

Gouverneuren und Beamten, welche diese Beschützung unterlassen hatten,

zur Auszahlung von Schadenersatz und dergleichen sehr selten in die

Pekinger Regierungszeitung kommen. Man hat die Regierung deshalb stark

in Verdacht, daß sie gegenüber den fremden Vertretern ein doppeltes

Spiel treibt und indirekt die Ausschreitungen gegen Christentum und

Fremdlinge duldet. Von seiten vieler Mandarine geschieht dies, wie

allgemein anerkannt, ziemlich offen.

Der Grund davon liegt teils darin, daß die Mandarine fürchten,

durch das Ueberhandnehmen der christlichen Kultur und des fremden

Einflusses ihren Halt am Volk zu verlieren, teils darin, daß sie sich

dem Fremdenhaß der Geheimbündler nicht offen gegenüberstellen wollen;

wissen sie doch, daß ein Widerstand der geheimen Hunggesellschaft oder

den Vegetarianern gegenüber die schlimmsten Folgen für sie selbst

hätte. Deshalb hüten sie sich auch, selbst wenn ihnen die wahren

Missethäter bekannt wären, sich an ihnen zu vergreifen. Um den Befehlen

der Pekinger Regierung und den Anforderungen der fremden Vertreter

Genüge zu thun, werden ein paar ganz unschuldige Menschen oder im

letzten Fall ein paar Sträflinge aus den Gefängnissen um einen Kopf

kürzer gemacht, die als Schadenersatz erforderlichen Summen vom Volke

erpreßt, und die Sache ist erledigt. So ist es während der letzten

Jahrzehnte gegangen, so wird es auch in Zukunft gehen, wenn nicht von

seiten der Mächte ganz andere Schritte unternommen werden als bisher.

Es genügt nicht, daß die Chinesen für jede zerstörte Mission, für

den Kopf jedes ermordeten Missionars eine bestimmte Summe zu zahlen

haben; es geht nicht, daß die Schuldigen straflos ausgehen und ein paar

Unschuldige dafür ins Gras beißen. Es handelt sich nicht allein um das

Leben des Missionars als einzelnen Menschen, das durch eine gewisse

Summe gewissermaßen erkauft werden kann. Den Mandarinen würde dies

dann immer ein, allerdings kostspieliger, Spaß bleiben, aber immerhin

ein Spaß, den sie sich mit irgend einem Missionar heute oder morgen

erlauben dürften. In Peking allein ist diesen elenden Verhältnissen

durch Proteste der Vertreter und energisches Einschreiten derselben

nicht abzuhelfen. Da die Regierung, wie gesagt, nicht immer die Macht

oder Mittel hat, die Verbrecher exemplarisch zu bestrafen, so kann dies

nur durch die Mächte geschehen.

Der Jangtsekiang, diese Hanptverkehrsroute Chinas, ist bis über

Tschungking, also bis nahe an die tibetanische Grenze für kleinere

Dampfer schiffbar, im Jahre 1899 wurde sogar eine deutsche Dampferlinie

auf dieser Wasserstraße eingerichtet, und zeitweilig fahren auch

englische, französische und deutsche Kriegsschiffe bis Hankau. Nützen

die Proteste der Mächte zum Schutze der Missionare nichts, dann

brauchen sich die Mächte auch nicht um etwaige Proteste der Chinesen

gegen ein Vordringen der Kriegsschiffe bis Itschang und Tschungking

zu scheren. Und wurden ägyptische, tunesische und marokkanische

Häfen bombardiert, so braucht man vor den chinesischen nicht stille

zu halten. Die Chinesen müssen vor dem Europäer Respekt bekommen

und durch Schaden erfahren, daß er und sein Eigentum durch Kanonen

geschützt wird. Allgemein wird in ganz China, ja in ganz Ostasien, ein

gemeinschaftliches Auftreten der Mächte gefordert und die Flußpolizei

auf dem Jangtse verlangt. Wäre in Tschungking ein Kanonenboot vor

Anker gelegen, so hätten es sich die Chinesen wohl kaum einfallen

lassen, die Missionen in Tscheng-tu anzugreifen, und wären nur hundert

europäische Marinesoldaten von Futschau landeinwärts marschiert, mit

dem Brennen und Morden in den Fukien-Missionen wäre sofort eingehalten

worden. Einen ernstlichen Widerstand hätten die mit Bogen, Pfeilen und

Feuersteingewehren bewaffneten chinesischen Soldaten in den Provinzen

des Innern gewiß nicht geleistet. Allgemein wird auch ein kräftiges

Einschreiten in Peking zur endlichen Anlage von Eisenbahnen verlangt,

die vor allem andern der Zentralregierung in Peking selbst vom

allergrößten Nutzen wäre. Nur mit Eisenbahnen kann das Land regiert

werden, durch Eisenbahnen können Aufstände im Keime rasch unterdrückt,

die Zentralgewalt des Kaisers befestigt werden. Diese Erfahrungen

wurden ja in einer Anzahl anderer Länder gemacht, zuletzt in Mexiko.

Vor der Aera der Eisenbahnen verging kein Jahr ohne Pronunciamento,

ohne Revolution. Seitdem das Eisenbahnnetz von Amerikanern hergestellt

wurde, reicht der Arm der Zentralregierung bis in entfernte Winkel des

Aztekenreiches. Dasselbe würde in China geschehen, dann erst wären

die Mandarine sofort am Kragen zu fassen, dann Ordnung im Lande zu

erhalten. ~Last, not least~ würden die Eisenbahnen die ungeheuren

Schätze Chinas eröffnen, den Missionen und Handelsleuten und damit dem

europäischen Handelsverkehr und Export Schutz und Förderung gewähren.

Kräftiges, gemeinsames Auftreten in Peking, Kriegsschiffe auf den

Flüssen und in Tientsin würden den Widerstand der starren Mandarine

wohl brechen. Freilich kosten derlei Expeditionen Geld, allein die

Summen sind verschwindend im Verhältnis zu dem Nutzen, welcher Europa

durch die Eröffnung des chinesischen Reiches in den Schoß fiele.

Vor einigen Jahrzehnten, im Jahre 1853, waren es die amerikanischen

Kriegsschiffe, welche, mit ihrem wackern Commodore Perry an der Spitze,

auf dieselbe Weise die Eröffnung von Japan erzwangen. Wenige Schiffe

mit ein paar hundert Mann haben dazu hingereicht, der Welt ein großes

asiatisches Reich zu erschließen. Haben wir seither keine Fortschritte

gemacht? Haben die vereinten Großmächte nicht die Mittel und die

Kraft, dieselbe Prozedur mit China vorzunehmen? Ist kein Perry mehr

da? Mit christlicher Liebe allein ist noch kein orientalisches Reich

den Europäern geöffnet worden. Immer und überall mußte die Gewalt

mitsprechen. Die alten, erstarrten, den Fremden trotzenden Mächte sind

wie Austern. Man muß sie mit Gewalt öffnen, dann sind sie tot und

können von den Europäern verspeist werden.

Verkehrswege im Innern von China.

Um sich eine Vorstellung von den Schwierigkeiten des Reisens in China

zu machen, muß man sich zunächst vor Augen halten, daß es im ganzen

chinesischen Reiche keine Straßen, keine fahrbaren Wege nach unseren

Begriffen giebt. Wohl sind in früheren Jahrhunderten (man könnte von

Jahrtausenden sprechen) einzelne sogenannte Kaiserstraßen angelegt

worden, die in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens besser gebaut

waren als unsere Chausseen. Dieser Straßenbau erfolgte aber in vielen

Fällen nicht etwa, um den Bedürfnissen des Verkehrs zu entsprechen,

sondern nur auf Routen, welche die Kaiser des Reiches zu bereisen

beabsichtigten. Als beispielsweise die Residenz von Peking nach

Nanking und ein paar Jahrhunderte später wieder von Nanking nach

Peking verlegt wurde, baute man zwischen diesen beiden Städten quer

durch die Provinzen Kiangsu, Schantung und Petschili eine vorzügliche

Straße, deren Spuren ich vom Jangtsekiang nach Norden an verschiedenen

Stellen begegnet bin. So z. B. in der Nähe von Yangtschou, der früheren

Hauptstadt des längst vergangenen Yangreiches, in welcher vor mehr als

siebenhundert Jahren der berühmte Venetianer Marco Polo drei Jahre lang

Gouverneur war. Dann wieder in verschiedenen Teilen von Westschantung,

wo mir stellenweise die großen, durch eine Art Zement miteinander

verbundenen Steinquader die Richtung der einstigen Kaiserstraße

anzeigten. In China werden, wie schon früher erwähnt, Pagoden und

Tempel, Wohnhäuser, Straßen und Brücken selten ausgebessert; einmal

gebaut, bleiben sie sich selbst überlassen. Geschieht es zeitweilig

doch, dann sind es weniger die Mandarine, die dafür Geld opfern,

sondern die Bürger der an der Verkehrsroute liegenden Ortschaften,

die es als wohlthätiges Werk betrachten und gewöhnlich an den Brücken

oder Wegstrecken, welche sie auf ihre Kosten ausbessern lassen,

womöglich schon vor der Ausbesserung eine Steintafel aufstellen, auf

welcher in großen Lettern ihre Namen und ihre That verewigt sind.

Nur wenn ein Provinzgouverneur oder gar der Kaiser (was freilich

schon jahrzehntelang nicht mehr geschehen ist) eine Reise durch ein

bestimmtes Gebiet unternehmen soll, dann werden die Wege durch die

Mandarine in die schönste Ordnung gebracht. Alle zehn Jahre reist

beispielsweise der Kaiser oder ein Prinz als sein Stellvertreter von

der Hauptstadt durch Petschili und die chinesische Mandschurei nach

Mukden, um dort nach altem Herkommen an den Gräbern seiner Vorfahren

zu opfern. Ungeheure Summen werden dann angewendet, um den elenden

Weg mit Steinen zu pflastern, alle Unebenheiten auszufüllen und das

ganze Straßenbett mit gelbem Sand zu überschütten. Alle Dörfer und

Städte längs der ganzen Strecke werden bis auf den letzten Heller

gebrandschatzt. Von sieben zu sieben Kilometern werden längs der Straße

Pavillons als Rastorte errichtet und mit den kostbarsten Seidenstoffen

und Stickereien ausgeschmückt. Selbst wenn der Kaiser nicht in eigener

Person die Wallfahrt unternimmt, sondern an seiner Statt nur sein

Bildnis nach Mukden schickt, muß dies geschehen. Auf der jüngsten

Flucht des Kaiserhofes von Peking nach dem Westen waren die Straßen

gewiß in schönster Ordnung. Der Telegraph mußte spielen, Meldereiter

wurden vorausgesandt, um den Mandarinen das hohe Glück zu verkünden,

daß die Kaiserin in nächster Zeit passieren würde, und die Mandarine

preßten die Bevölkerung in den Dienst, um die Wege in aller Eile

herzurichten. Leider finden aber diese Reisen des Kaiserhofes und der

hohen Excellenzen nur zu selten statt, und deshalb spotten die Wege in

den meisten Gegenden jeder Beschreibung. Stieß ich bei meinen Fahrten

auf Teile der Kaiserstraßen, dann wich ich ihnen sorgfältig aus und

zog mit meiner Karawane gewöhnlich rechts oder links in die Felder,

denn die alten Granitquader haben sich an vielen Stellen gesenkt,

ein Block steht einen Fuß unter, der nächste oder zweitnächste um

einen Fuß über dem anderen. Streckenweise fehlten sie ganz, und tiefe

Löcher traten an ihre Stelle. Diese Straße zu benutzen, hätte meinen

federlosen Karren wohl die Räder und Achsen, meinen Zugtieren die Beine

gekostet. Und doch haben Straßen das chinesische Reich durchzogen, als

die ägyptischen Pyramiden noch nicht gebaut waren. Kaiser Hwang-Li, der

eigentliche Gründer des Reiches war es, der zuerst im Jahre 2640 vor

Christi Geburt, also vor etwa viereinhalb Jahrtausenden, gepflasterte

Straßen nach allen Großstädten anlegen ließ. Wäre seinem Beispiel doch

nur von einigen seiner Nachfolger gefolgt worden!

Im nördlichen Teile Chinas sind Landwege (Straßen kann man diese über

Stock und Stein führenden Routen nicht nennen) viel häufiger als

südlich des Jangtsekiang, denn im Norden giebt es viel weniger Flüsse

und Kanäle. Wären solche vorhanden, dann gäbe es keine Landwege,

denn der Chinese benutzt, wo immer möglich, nur Wasserwege. Selbst

Großstädte sind untereinander nur durch solche, für Karren kaum

benutzbare Wege miteinander verbunden, und ein europäischer Reisewagen

könnte auf keiner Straße in China zehn Kilometer zurücklegen, ohne daß

die Achsen brechen würden. Am besten sind die Wege auf ebenem Boden

und in den Alluvialgebieten von Westschantung und Petschili. Dort

giebt es keine Steine; wo in der Nähe von Städten die Wege mit Steinen

gepflastert waren, sind die letzteren längst von der Bevölkerung zum

Hausbau weggenommen worden, was dem Reisenden keineswegs unangenehm

ist, denn, wie bemerkt, haben die chinesischen Reisekarren keine

Federn. Der Wagenkasten, einem großen, nach vorne offenen Reisekoffer

ähnlich, sitzt direkt auf der schweren Holzachse zwischen den beiden

Rädern, und man kann sich lebhaft vorstellen, welche Reiseeindrücke

man auf holperigen Steinstraßen von unten hinauf erhält, zumal der

Wagenkasten keine Sitze hat. Der Reisende kriecht von der Gabeldeichsel

aus auf allen Vieren in den Karren und nimmt direkt auf dem nackten

Holzboden Platz.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 40 / 71 段