darüber: „Manche Widersprüche würden sich bei gemäßigterem Vorgehen
der Missionare vielleicht vermeiden oder ausgleichen lassen, aber wie
der Zelotismus der Bettelorden im siebzehnten Jahrhundert das klug
begonnene Werk der Jesuiten zerstörte, so tritt jetzt der Fanatismus
protestantischer Eiferer einer Annäherung hindernd in den Weg; es
kann nur gewünscht werden, daß das zwanzigste Jahrhundert nicht einen
Rückschlag zeitigen möge, wie das siebzehnte ihn gesehen.”
Rühmenswerte Ausnahmen bilden nach dem allgemeinen Urteil, das man in
China zu hören bekommt, die vier deutschen protestantischen Missionen,
die seit 1847 thätige Rheinische Missionsgesellschaft, die Berliner
Gesellschaft zur Beförderung evangelischer Missionen, der Allgemeine
evangelische Missionsverein und der Berliner Frauen-Missionsverein für
China. Die drei erstgenannten Missionsgesellschaften, von denen die
Berliner die größte und erfolgreichste ist, haben zusammen etwa 1500
bis 1800 chinesische Gemeindemitglieder aufzuweisen.
Herr v. Brandt sagt über die Missionen weiter: „Versucht man die
Thätigkeit der katholischen und protestantischen Missionen nach ihrer
erzieherischen Thätigkeit zu charakterisieren, so findet man, daß
die ersteren mehr Wert auf praktische, die letzteren auf geistige
Erfolge zu legen scheinen. Selbstverständlich besitzen beide besondere
Schulen und Institute für die Ausbildung der für den Priesterstand
bestimmten Chinesen, aber während in den Waisenhäusern und großen
Schulen der katholischen Missionen die Knaben mehr für die praktischen
Zwecke des Lebens vorgebildet und zu Handwerkern erzogen und die
Mädchen in allen für die künftige Hausfrau erforderlichen Gegenständen
unterrichtet werden, da die Erfahrung gelehrt hat, daß eine christliche
Frau selbst in einer heidnischen Familie einen oft zur Bekehrung
derselben führenden Einfluß auszuüben im stande ist, scheinen die
protestantischen Missionen größeren Wert auf eine wissenschaftliche
Ausbildung zu legen. Man könnte das eine als das System des ~Labora
et ora~, das andere als das des ~Ora et labora~ bezeichnen.”
Wurde von den englischen und amerikanischen Missionen bisher
irgendwo ein thatsächlicher, wenn auch verhältnismäßig nur geringer
Erfolg erzielt, so ist vor allem die Provinz Fukien zu nennen, und
hier, ebenso wie auch in den andern Provinzen, hauptsächlich unter
der Landbevölkerung, nicht in den Städten. So hat beispielsweise
die bedeutendste und hervorragendste der protestantischen
Missionsgesellschaften in China, die Christian Society in Shanghai,
wo sie eine große Missionsanstalt besitzt, während vierzigjähriger
Thätigkeit im ganzen 33 Bekehrungen erzielt. Arthur Moule, einer der
angesehensten protestantischen Missionare in China, sagt in seinem
Buche ~New China and old~, daß in dem Hauptsitze der Church
Missionary Society, also in der großen Stadt Futschau, nach elfjähriger
angestrengter Thätigkeit die Zahl der Christen sehr gering und fast gar
kein Fortschritt wahrzunehmen sei.
Knollys erzählt in seinem Buche ~English life in China~, er sei
einem Missionar begegnet, der während zwölf Jahren in China thätig war.
Auf die Frage, wieviel Bekehrungen er in dieser Zeit vorgenommen hätte,
nannte ihm der Missionar drei.
Ich selbst habe in Taingan-fu, im Herzen von Schantung, aus dem
Munde des vielleicht ältesten Missionars, ~Dr.~ Crawford, einem
Baptisten, vernommen, daß er in seiner sechsundvierzigjährigen
Thätigkeit noch keine wahre Bekehrung zu seiner Glaubenssekte
aufzuweisen hätte.
In Peking übertrug ein protestantischer Missionar während seiner
zeitweiligen Abwesenheit die Besorgung der Kirche und des
Gottesdienstes einem chinesischen Christen, an dessen vollständiger
Bekehrung er dank siebenjähriger Erfahrung mit ihm nicht zweifeln
konnte. Als der Missionar nach Peking zurückkehrte, erfuhr er, daß sein
Stellvertreter in der Kirche eine Spielhölle etabliert habe. Mir selbst
erzählte ein Prediger der christlichen Missionsgesellschaft, einmal
seine Bekehrten dabei angetroffen zu haben, wie sie ihre buddhistischen
Götzen verehrten und nach lang anhaltender Dürre um Regen baten. Als
er sie darüber zurechtwies, antworteten sie ihm: „Dein Gott hat uns
nicht geholfen, wir versuchen es jetzt mit unsern Göttern”. Wiederholt
hörte ich von Missionaren die Ansicht aussprechen, daß sich Chinesen
aus Spekulation dem Christentum zuwenden, indem sie sagen: „Buddha Gott
ist gut, christlicher Gott auch gut, zwei Stück Gott noch besser”. Eine
große Zahl Chinesen zeigen sich wenigstens äußerlich dem Christentum
nicht abgeneigt, weil sie dann Gelegenheit haben, kostenfrei die
Missionsschulen zu besuchen, die englische Sprache, Lesen, Schreiben
und andere praktische Kenntnisse sich anzueignen. Sind sie damit
fertig, so legen sie das Christentum wieder ab.
[Illustration: Mädchen im katholischen Waisenhaus bei Tsinan-fu.]
Aus diesen Beispielen, denen unzählige andere beigefügt werden könnten,
ist zu ersehen, daß die Chinesen für das Christentum im allgemeinen
bisher keine große Empfänglichkeit gezeigt haben, ja sie stehen den
Missionaren, wie überhaupt allen Fremden, feindlicher gegenüber
als jemals zuvor. Das beweisen die wiederholten Angriffe auf die
Missionen, die Zerstörung von Kirchen, Wohnhäusern und Schulen, die
Verfolgung und Niedermetzelung von Missionaren in fast allen Provinzen
des weiten Reiches. Aber man braucht daraus nicht zu folgern, daß die
Missionare den Chinesen besonders viel verhaßter sind als die übrigen
Fremden. Haben die Missionare zunächst unter dieser Fremdenverfolgung
zu leiden, so ist es vornehmlich deshalb, weil sie größtenteils mitten
im Inlande zerstreut, fern von den offenen Häfen vollständig schutzlos
leben und daher feindlichen Angriffen zu jeder Zeit ausgesetzt sind,
während die große Zahl anderer Fremder in den offenen Häfen, die dort
zeitweilig vorhandenen Kriegsschiffe und die regen Beziehungen mit
Nachbarhäfen solche Angriffe viel schwieriger machen.
Der Schutz der Fremden in China ist eine der schwierigsten Aufgaben,
welche die Mächte dort zu lösen haben, um so mehr, als es bisher
der Zentralregierung in vielen Fällen thatsächlich an der Kraft und
Möglichkeit gefehlt hat, den Fremdenschutz selbst durchzuführen. In
Bezug auf die Missionare handelt es sich dabei nicht allein um das
religiöse Moment. Was man von dem Vorgehen, der Gesittung und dem
Wesen einzelner Gruppen von Missionaren auch halten mag, es darf
nicht vergessen werden, daß die Missionare in China, gerade so wie
anderwärts, nicht nur die Pioniere des Christentums, sondern auch
die Pioniere europäischer Kultur und europäischen Handels sind. Wo
die Missionen festen Fuß gefaßt haben, da werden die Chinesen mit
europäischem Wesen vertraut, da ist es auch leichter, Handelsposten
zu gründen, und zu dem idealen kommt mit der Zeit materieller Gewinn.
Mit den Missionen stehen oder fallen die Hoffnungen, friedlichen
Eingang in das Reich der Mitte zu erzielen. Schon deshalb verdienen
und bedürfen die christlichen Missionen ohne Unterschied des Glaubens
den weitgehendsten Schutz der Mächte. Mit Parlamentieren kommt man bei
den Chinesen nicht vorwärts, eine Kanonenmündung flößt ihnen größeren
Respekt ein als alle Gesandten zusammengenommen.
Seit 1891 sind in China, besonders im Stromgebiet des Jangtsekiang,
Dutzende von Missionen zerstört und zahlreiche Missionare ermordet
worden; diese Gewaltthaten vermehrten sich noch seit dem Abschluß des
chinesisch-japanischen Krieges und erreichten ihren Höhepunkt in dem
Ausbruch des Aufstandes in der Provinz Fukien, ja es hat den Anschein,
als ob der Feldzug gegen die Missionen in einer Reihe von Provinzen
systematisch betrieben würde.
Die englischen Blätter von Shanghai, Tientsin und Hongkong enthalten
seit Jahren fast in jeder Woche Berichte über Christenverfolgungen, die
sich nicht allein auf die europäischen Missionen beschränken, sondern
auch gegen die chinesischen Christen gerichtet sind. Besonders hat man
es dabei auf ansässige Missionare und ihre Niederlassungen in größeren
Städten abgesehen, also gerade dort, wo sich Behörden und Garnisonen
befinden.
[Illustration: Inneres des Taischantempels in Taingan-fu.]
Als hervorragendstes Beispiel der letzten Jahre können die Gewaltthaten
in der Provinz Szetschuen im oberen Stromgebiet des Jangtsekiang an
der tibetanischen Grenze gelten. Dort waren seit Jahren etwa dreißig
katholische und protestantische Missionen thätig, mit eigenen Kirchen,
Kapellen, Hospitälern und Schulen und über zweihundert Missionaren.
In der Hauptstadt von Szetschuen, Tscheng-tu, befanden sich elf
Missionen, und die katholische Mission war gleichzeitig der Sitz des
Bischofs Dunand. Seit dem letzten Maitage des Jahres 1895 sind diese
Missionen vom Erdboden verschwunden, mit ihnen wurden auch andere
Missionen in den Provinzstädten zerstört, die Missionare angegriffen,
verwundet und gewaltsam vertrieben. Der eigentliche Anstifter war kein
anderer als der damalige Vicekönig der Provinz, Li-ping-Tschang, ein
fanatischer Fremdenhasser. Während seiner neunjährigen Regierung hat er
der Verbreitung des Christentums und europäischer Ideen unaufhörlich
Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und seinem Widerstand ist es
zuzuschreiben, daß der obere Jangtsekiang für die Dampfschiffahrt so
lange Zeit nicht freigegeben wurde.
Auch in Schansi, Yünnan, Hunan und Kiangsi gärt es fortwährend unter
den Christenfeinden, und was Schantung betrifft, so fanden die
Christenverfolgungen nach der Ermordung der deutschen Missionare Nieß
und Henle nur eine zeitweilige Unterbrechung durch das energische
Auftreten der Deutschen. Wagt man es nicht, den Europäern selbst
entgegenzutreten, so wird die einheimische Bevölkerung gegen den
Christenglauben aufgehetzt und die Wut der Leute auf die chinesischen
Christen gelenkt. Auffällig war es bei all den Angriffen auf
die christlichen Missionen, daß sie in verschiedenen Provinzen
fast gleichzeitig vorfielen, und daß nach jeder Greuelthat die
Telegraphenleitungen zwischen den betreffenden Provinzen und Peking
oder Shanghai unterbrochen wurden. Erst nachdem den Ministern in Peking
von seiten der fremden Vertreter energisch zu Leibe gegangen worden,
waren die Telegraphen rasch wieder in Ordnung. Ebenso auffällig ist es,
daß die Edikte zur Beschützung des Christentums, zur Bestrafung von
Gouverneuren und Beamten, welche diese Beschützung unterlassen hatten,
zur Auszahlung von Schadenersatz und dergleichen sehr selten in die
Pekinger Regierungszeitung kommen. Man hat die Regierung deshalb stark
in Verdacht, daß sie gegenüber den fremden Vertretern ein doppeltes
Spiel treibt und indirekt die Ausschreitungen gegen Christentum und
Fremdlinge duldet. Von seiten vieler Mandarine geschieht dies, wie
allgemein anerkannt, ziemlich offen.
Der Grund davon liegt teils darin, daß die Mandarine fürchten,
durch das Ueberhandnehmen der christlichen Kultur und des fremden
Einflusses ihren Halt am Volk zu verlieren, teils darin, daß sie sich
dem Fremdenhaß der Geheimbündler nicht offen gegenüberstellen wollen;
wissen sie doch, daß ein Widerstand der geheimen Hunggesellschaft oder
den Vegetarianern gegenüber die schlimmsten Folgen für sie selbst
hätte. Deshalb hüten sie sich auch, selbst wenn ihnen die wahren
Missethäter bekannt wären, sich an ihnen zu vergreifen. Um den Befehlen
der Pekinger Regierung und den Anforderungen der fremden Vertreter
Genüge zu thun, werden ein paar ganz unschuldige Menschen oder im
letzten Fall ein paar Sträflinge aus den Gefängnissen um einen Kopf
kürzer gemacht, die als Schadenersatz erforderlichen Summen vom Volke
erpreßt, und die Sache ist erledigt. So ist es während der letzten
Jahrzehnte gegangen, so wird es auch in Zukunft gehen, wenn nicht von
seiten der Mächte ganz andere Schritte unternommen werden als bisher.
Es genügt nicht, daß die Chinesen für jede zerstörte Mission, für
den Kopf jedes ermordeten Missionars eine bestimmte Summe zu zahlen
haben; es geht nicht, daß die Schuldigen straflos ausgehen und ein paar
Unschuldige dafür ins Gras beißen. Es handelt sich nicht allein um das
Leben des Missionars als einzelnen Menschen, das durch eine gewisse
Summe gewissermaßen erkauft werden kann. Den Mandarinen würde dies
dann immer ein, allerdings kostspieliger, Spaß bleiben, aber immerhin
ein Spaß, den sie sich mit irgend einem Missionar heute oder morgen
erlauben dürften. In Peking allein ist diesen elenden Verhältnissen
durch Proteste der Vertreter und energisches Einschreiten derselben
nicht abzuhelfen. Da die Regierung, wie gesagt, nicht immer die Macht
oder Mittel hat, die Verbrecher exemplarisch zu bestrafen, so kann dies
nur durch die Mächte geschehen.
Der Jangtsekiang, diese Hanptverkehrsroute Chinas, ist bis über
Tschungking, also bis nahe an die tibetanische Grenze für kleinere
Dampfer schiffbar, im Jahre 1899 wurde sogar eine deutsche Dampferlinie
auf dieser Wasserstraße eingerichtet, und zeitweilig fahren auch
englische, französische und deutsche Kriegsschiffe bis Hankau. Nützen
die Proteste der Mächte zum Schutze der Missionare nichts, dann
brauchen sich die Mächte auch nicht um etwaige Proteste der Chinesen
gegen ein Vordringen der Kriegsschiffe bis Itschang und Tschungking
zu scheren. Und wurden ägyptische, tunesische und marokkanische
Häfen bombardiert, so braucht man vor den chinesischen nicht stille
zu halten. Die Chinesen müssen vor dem Europäer Respekt bekommen
und durch Schaden erfahren, daß er und sein Eigentum durch Kanonen
geschützt wird. Allgemein wird in ganz China, ja in ganz Ostasien, ein
gemeinschaftliches Auftreten der Mächte gefordert und die Flußpolizei
auf dem Jangtse verlangt. Wäre in Tschungking ein Kanonenboot vor
Anker gelegen, so hätten es sich die Chinesen wohl kaum einfallen
lassen, die Missionen in Tscheng-tu anzugreifen, und wären nur hundert
europäische Marinesoldaten von Futschau landeinwärts marschiert, mit
dem Brennen und Morden in den Fukien-Missionen wäre sofort eingehalten
worden. Einen ernstlichen Widerstand hätten die mit Bogen, Pfeilen und
Feuersteingewehren bewaffneten chinesischen Soldaten in den Provinzen
des Innern gewiß nicht geleistet. Allgemein wird auch ein kräftiges
Einschreiten in Peking zur endlichen Anlage von Eisenbahnen verlangt,
die vor allem andern der Zentralregierung in Peking selbst vom
allergrößten Nutzen wäre. Nur mit Eisenbahnen kann das Land regiert
werden, durch Eisenbahnen können Aufstände im Keime rasch unterdrückt,
die Zentralgewalt des Kaisers befestigt werden. Diese Erfahrungen
wurden ja in einer Anzahl anderer Länder gemacht, zuletzt in Mexiko.
Vor der Aera der Eisenbahnen verging kein Jahr ohne Pronunciamento,
ohne Revolution. Seitdem das Eisenbahnnetz von Amerikanern hergestellt
wurde, reicht der Arm der Zentralregierung bis in entfernte Winkel des
Aztekenreiches. Dasselbe würde in China geschehen, dann erst wären
die Mandarine sofort am Kragen zu fassen, dann Ordnung im Lande zu
erhalten. ~Last, not least~ würden die Eisenbahnen die ungeheuren
Schätze Chinas eröffnen, den Missionen und Handelsleuten und damit dem
europäischen Handelsverkehr und Export Schutz und Förderung gewähren.
Kräftiges, gemeinsames Auftreten in Peking, Kriegsschiffe auf den
Flüssen und in Tientsin würden den Widerstand der starren Mandarine
wohl brechen. Freilich kosten derlei Expeditionen Geld, allein die
Summen sind verschwindend im Verhältnis zu dem Nutzen, welcher Europa
durch die Eröffnung des chinesischen Reiches in den Schoß fiele.
Vor einigen Jahrzehnten, im Jahre 1853, waren es die amerikanischen
Kriegsschiffe, welche, mit ihrem wackern Commodore Perry an der Spitze,
auf dieselbe Weise die Eröffnung von Japan erzwangen. Wenige Schiffe
mit ein paar hundert Mann haben dazu hingereicht, der Welt ein großes
asiatisches Reich zu erschließen. Haben wir seither keine Fortschritte
gemacht? Haben die vereinten Großmächte nicht die Mittel und die
Kraft, dieselbe Prozedur mit China vorzunehmen? Ist kein Perry mehr
da? Mit christlicher Liebe allein ist noch kein orientalisches Reich
den Europäern geöffnet worden. Immer und überall mußte die Gewalt
mitsprechen. Die alten, erstarrten, den Fremden trotzenden Mächte sind
wie Austern. Man muß sie mit Gewalt öffnen, dann sind sie tot und
können von den Europäern verspeist werden.
Verkehrswege im Innern von China.
Um sich eine Vorstellung von den Schwierigkeiten des Reisens in China
zu machen, muß man sich zunächst vor Augen halten, daß es im ganzen
chinesischen Reiche keine Straßen, keine fahrbaren Wege nach unseren
Begriffen giebt. Wohl sind in früheren Jahrhunderten (man könnte von
Jahrtausenden sprechen) einzelne sogenannte Kaiserstraßen angelegt
worden, die in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens besser gebaut
waren als unsere Chausseen. Dieser Straßenbau erfolgte aber in vielen
Fällen nicht etwa, um den Bedürfnissen des Verkehrs zu entsprechen,
sondern nur auf Routen, welche die Kaiser des Reiches zu bereisen
beabsichtigten. Als beispielsweise die Residenz von Peking nach
Nanking und ein paar Jahrhunderte später wieder von Nanking nach
Peking verlegt wurde, baute man zwischen diesen beiden Städten quer
durch die Provinzen Kiangsu, Schantung und Petschili eine vorzügliche
Straße, deren Spuren ich vom Jangtsekiang nach Norden an verschiedenen
Stellen begegnet bin. So z. B. in der Nähe von Yangtschou, der früheren
Hauptstadt des längst vergangenen Yangreiches, in welcher vor mehr als
siebenhundert Jahren der berühmte Venetianer Marco Polo drei Jahre lang
Gouverneur war. Dann wieder in verschiedenen Teilen von Westschantung,
wo mir stellenweise die großen, durch eine Art Zement miteinander
verbundenen Steinquader die Richtung der einstigen Kaiserstraße
anzeigten. In China werden, wie schon früher erwähnt, Pagoden und
Tempel, Wohnhäuser, Straßen und Brücken selten ausgebessert; einmal
gebaut, bleiben sie sich selbst überlassen. Geschieht es zeitweilig
doch, dann sind es weniger die Mandarine, die dafür Geld opfern,
sondern die Bürger der an der Verkehrsroute liegenden Ortschaften,
die es als wohlthätiges Werk betrachten und gewöhnlich an den Brücken
oder Wegstrecken, welche sie auf ihre Kosten ausbessern lassen,
womöglich schon vor der Ausbesserung eine Steintafel aufstellen, auf
welcher in großen Lettern ihre Namen und ihre That verewigt sind.
Nur wenn ein Provinzgouverneur oder gar der Kaiser (was freilich
schon jahrzehntelang nicht mehr geschehen ist) eine Reise durch ein
bestimmtes Gebiet unternehmen soll, dann werden die Wege durch die
Mandarine in die schönste Ordnung gebracht. Alle zehn Jahre reist
beispielsweise der Kaiser oder ein Prinz als sein Stellvertreter von
der Hauptstadt durch Petschili und die chinesische Mandschurei nach
Mukden, um dort nach altem Herkommen an den Gräbern seiner Vorfahren
zu opfern. Ungeheure Summen werden dann angewendet, um den elenden
Weg mit Steinen zu pflastern, alle Unebenheiten auszufüllen und das
ganze Straßenbett mit gelbem Sand zu überschütten. Alle Dörfer und
Städte längs der ganzen Strecke werden bis auf den letzten Heller
gebrandschatzt. Von sieben zu sieben Kilometern werden längs der Straße
Pavillons als Rastorte errichtet und mit den kostbarsten Seidenstoffen
und Stickereien ausgeschmückt. Selbst wenn der Kaiser nicht in eigener
Person die Wallfahrt unternimmt, sondern an seiner Statt nur sein
Bildnis nach Mukden schickt, muß dies geschehen. Auf der jüngsten
Flucht des Kaiserhofes von Peking nach dem Westen waren die Straßen
gewiß in schönster Ordnung. Der Telegraph mußte spielen, Meldereiter
wurden vorausgesandt, um den Mandarinen das hohe Glück zu verkünden,
daß die Kaiserin in nächster Zeit passieren würde, und die Mandarine
preßten die Bevölkerung in den Dienst, um die Wege in aller Eile
herzurichten. Leider finden aber diese Reisen des Kaiserhofes und der
hohen Excellenzen nur zu selten statt, und deshalb spotten die Wege in
den meisten Gegenden jeder Beschreibung. Stieß ich bei meinen Fahrten
auf Teile der Kaiserstraßen, dann wich ich ihnen sorgfältig aus und
zog mit meiner Karawane gewöhnlich rechts oder links in die Felder,
denn die alten Granitquader haben sich an vielen Stellen gesenkt,
ein Block steht einen Fuß unter, der nächste oder zweitnächste um
einen Fuß über dem anderen. Streckenweise fehlten sie ganz, und tiefe
Löcher traten an ihre Stelle. Diese Straße zu benutzen, hätte meinen
federlosen Karren wohl die Räder und Achsen, meinen Zugtieren die Beine
gekostet. Und doch haben Straßen das chinesische Reich durchzogen, als
die ägyptischen Pyramiden noch nicht gebaut waren. Kaiser Hwang-Li, der
eigentliche Gründer des Reiches war es, der zuerst im Jahre 2640 vor
Christi Geburt, also vor etwa viereinhalb Jahrtausenden, gepflasterte
Straßen nach allen Großstädten anlegen ließ. Wäre seinem Beispiel doch
nur von einigen seiner Nachfolger gefolgt worden!
Im nördlichen Teile Chinas sind Landwege (Straßen kann man diese über
Stock und Stein führenden Routen nicht nennen) viel häufiger als
südlich des Jangtsekiang, denn im Norden giebt es viel weniger Flüsse
und Kanäle. Wären solche vorhanden, dann gäbe es keine Landwege,
denn der Chinese benutzt, wo immer möglich, nur Wasserwege. Selbst
Großstädte sind untereinander nur durch solche, für Karren kaum
benutzbare Wege miteinander verbunden, und ein europäischer Reisewagen
könnte auf keiner Straße in China zehn Kilometer zurücklegen, ohne daß
die Achsen brechen würden. Am besten sind die Wege auf ebenem Boden
und in den Alluvialgebieten von Westschantung und Petschili. Dort
giebt es keine Steine; wo in der Nähe von Städten die Wege mit Steinen
gepflastert waren, sind die letzteren längst von der Bevölkerung zum
Hausbau weggenommen worden, was dem Reisenden keineswegs unangenehm
ist, denn, wie bemerkt, haben die chinesischen Reisekarren keine
Federn. Der Wagenkasten, einem großen, nach vorne offenen Reisekoffer
ähnlich, sitzt direkt auf der schweren Holzachse zwischen den beiden
Rädern, und man kann sich lebhaft vorstellen, welche Reiseeindrücke
man auf holperigen Steinstraßen von unten hinauf erhält, zumal der
Wagenkasten keine Sitze hat. Der Reisende kriecht von der Gabeldeichsel
aus auf allen Vieren in den Karren und nimmt direkt auf dem nackten
Holzboden Platz.