Für diejenigen, welche auf Offiziersstellen Anspruch machen, sind

unter der gegenwärtigen Regierung ähnliche Prüfungen eingeführt worden

wie für den Zivildienst, und den erfolgreichen Kandidaten werden je

nach der Art, wie sie die Prüfung bestehen, auch dieselben Titel,

Siu-tsai, Kü-jin und Tsin-sz, verliehen. Für den letzten (höchsten)

Grad erfolgt die Prüfung in Peking. Man darf jedoch nicht glauben,

daß die Offizierskandidaten wie jene für die Beamtenstellen auf ihre

litterarischen Kenntnisse hin oder gar in Taktik und Strategie,

Befestigungs- und Ingenieurkunst geprüft werden. Das wird von einem

chinesischen Offizier nicht verlangt. Dafür müssen die Kandidaten

gewandte Reiter, Fechter und Ringkämpfer sein; nicht die geistige,

sondern die Muskelkraft giebt den Ausschlag, und die besten Noten

erhalten jene, welche sich überdies als Bogenschützen bewähren. Dazu

wird auf dem militärischen Uebungsplatze ein dreißig bis fünfzig

Centimeter tiefer gradliniger Graben von etwa einem halben Kilometer

Länge und hinreichender Breite gegraben, daß ein Pferd in demselben

galoppieren kann. Auf etwa fünfzig bis sechzig Meter Entfernung von

dem Graben sind Scheiben aufgestellt, mit Zwischenräumen von etwa fünf

Meter voneinander. Der Kandidat, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, hat

zu Pferd zu steigen und, während dieses den Graben entlang galoppiert,

Pfeile nach den Scheiben abzuschießen. Treffen diese Pfeile das

Schwarze, so wird von den Wächtern der Gong angeschlagen, um die

Examinatoren davon in Kenntnis zu setzen. Noch 1898 hatte ich selbst

in Yentschou-fu, im Innern von Schantung, Gelegenheit, eine derartige

Prüfung zu sehen.

Mit dem erfolgreichen Bestehen der Prüfung wird jedoch der Kandidat

noch lange nicht Offizier. Dazu muß er entweder viel Geld oder viele

Freunde haben. In einem Aufsatz über das Offizierskorps, der in der

ersten Zeitung Shanghais, der Daily News erschien, heißt es in dieser

Hinsicht: „Irgendwelche wissenschaftliche Ansprüche werden an den

Offizier nicht gestellt; die höheren Offiziersstellen werden verkauft,

die niedrigeren an Freunde und Verwandte gegeben. Die wenigsten haben

eine Ahnung vom praktischen Militärdienst, und es kommt vor, daß die

höchsten Kommandostellen der Armee von gänzlich Unwissenden eingenommen

werden.”

Deshalb ist der Soldatenstand in China auch keineswegs angesehen, ja

man blickt auf ihn verächtlich herab. Die Offizierschargen stehen nicht

im gleichen Rang mit den entsprechenden Chargen des Zivildienstes,

sondern um einen Grad tiefer. Als in den neunziger Jahren zwei

deutsche Instruktionsoffiziere mit dem Einexerzieren der Infanterie

der Provinz Tschihli betraut wurden, nahmen auch die Offiziere an den

einfachsten Exerzitien teil, gerade so wie die Soldaten. Bald hatten

die deutschen Offiziere den Chinesen deutsche Strammheit beigebracht,

und diese führten alle Evolutionen vortrefflich aus. Nun wurden von

den so gedrillten Bataillonen Unteroffiziere als Drillmeister zu den

anderen Truppenkörpern kommandiert, ja die Vicekönige anderer Provinzen

erbaten sich solche, und der Einfluß der deutschen Offiziere ist

heute in den meisten Provinzialarmeen wahrzunehmen. In einigen dieser

letzteren giebt es vortreffliche Truppenkörper, die selbst europäischen

Ansprüchen genügen dürften, vor allem in den Armeen von Kwangtung und

Tschihli, welch letzterer Li-Hung-Tschang besondere Sorgfalt zuwendete.

Die Infanterie ist dort mit dem deutschen Infanteriegewehr bewaffnet,

gut geschult und schlagfertig. Noch besser soll, nach dem Urteil von

Fachleuten, die Artillerie sein, aus dem begreiflichen Grunde, weil die

alten chinesischen Armeen keine Artillerie besaßen, deshalb auch keine

althergebrachten Gebräuche und Vorschriften umzustoßen waren. Das ganze

Geschützwesen mußte von Grund auf neu gelernt werden, und die deutschen

Instruktoren haben in dieser Hinsicht die größten Erfolge aufzuweisen;

die Feldgeschütze wurden hauptsächlich von Krupp geliefert, und das

Material befindet sich im Gegensatz zu dem Festungsmaterial in bester

Ordnung.

Schlimmer ist es in den Provinzialarmeen um die Kavallerie bestellt.

China wird niemals eine solche im europäischen Sinne besitzen können,

denn vor allem hat es keine Pferde. Die mongolischen Ponies sind wohl

kräftig und ausdauernd, besonders auf langen Märschen, aber viel

zu klein und leicht. Alle zehn Jahre wird das Material erneuert,

dadurch, daß der Vicekönig dem Kommandierenden gewisse Summen zum

Ankauf neuer Pferde anweist, oder selbst Remontekommissionen nach

der Mongolei entsendet. Den einzelnen Lagerkommandanten wird für den

Unterhalt der Pferde das Geld monatlich angewiesen. In Tschihli beträgt

dasselbe vierzehn Mark per Pferd und Monat. Die Reiter sind mit

Winchester-Karabinern bewaffnet.

[Illustration: Chinesische Artillerie in Wutschang.]

In den anderen Provinzen ist es um die Kavallerie ebenso schlecht

bestellt wie um die Infanterie, doch soll es in der Mandschurei eine

zwischen 40000 und 50000 Mann zählende Armee von Reitern geben. In den

Garnisonen der Küstenprovinzen ist davon nichts zu sehen. Wären die

650000 Mann der Armee des grünen Banners wirklich gut geschult und vor

allem wirklich vorhanden, so würde dies eine höchst respektable Macht

vorstellen. Allein allgemein erzählt man sich, daß die Kommandanten

vieler Lager im Inland die vorgeschriebene Truppenzahl nur auf dem

Papier besäßen. Das Geld für den Sold und Unterhalt wird eingesteckt.

Steht eine Inspektion bevor, so werden schnell Rekruten in der

erforderlichen Zahl angeworben, in Uniformen gesteckt und gedrillt. Ist

diese Inspektion vorüber, so werden sie wieder entlassen.

Neben dem grünen Banner besteht in China noch die alte Mandschuarmee

in ganz derselben Organisation wie vor dreihundert Jahren, zur Zeit

der Eroberung Chinas durch die Mandschus. Damals teilte ihr Führer,

der nachherige Kaiser Tien-ming, seine Horden in vier Banner, das

rote, gelbe, blaue und weiße. Als im Laufe des Krieges zahlreiche

Mongolen und abtrünnige Chinesen seinem Heere zuströmten, organisierte

er diese in vier weitere Banner mit denselben Farben, nur mit

verschiedenfarbigen Rändern. Nach der Gründung des großchinesischen

Reiches genügten diese acht Banner für den Dienst nicht mehr, und

es wurden neben denselben noch acht weitere Mongolenbanner und

acht Chinesenbanner organisiert, die noch bis auf den heutigen

Tag bestehen, nominell in einer Gesamtstärke von 105000 Mann. Die

stärksten Banner sind jene der Mandschus mit je 85 Kompagnien von

je 80 bis 90 Mann; die Mongolenbanner sind durchschnittlich nur 28

Kompagnien, die Chinesenbanner 33 Kompagnien stark. Zusammen besitzen

die mandschurischen Banner 678, die mongolischen 221, die chinesischen

266 Kompagnien, im ganzen also sind 1165 Kompagnien Bannertruppen

verfügbar, welche von der kaiserlichen Zentralregierung in Peking

unterhalten werden und jährlich 16 Millionen Taels, d. h. etwa 64

Millionen Mark erfordern. Mit den Truppen des grünen Banners zusammen

beträgt das militärische Budget Chinas demnach 30½ Millionen Taels, und

die Bevölkerung Chinas auf 400 Millionen angenommen, entfällt auf den

Kopf eine jährliche Militärsteuer von etwa 35 Pfennigen.

Die vierundzwanzig Banner bilden zum Unterschiede von den

Provinzialarmeen die eigentliche kaiserliche Armee. In Wirklichkeit

aus Leibeigenen bestehend, vom Throne bezahlt und seit Generationen

von Vater auf Sohn militärpflichtig, bilden sie die wahren Stützen

des Kaiserthrones und der Dynastie in dem von dieser unterworfenen

chinesischen Reiche. Die Bannersoldaten sind es, welche den Garnisons-

und Polizeidienst in den Großstädten versehen. Doch sind sie dort

nicht wie europäische Truppen in Kasernen untergebracht, sondern sie

bewohnen in jeder Stadt eigene, mit Mauern umgebene und abgeschlossene

Stadtviertel, die sogenannte Tatarenstadt. Dort hausen sie mit Weib

und Kind in eigenen Häuschen, jeder Soldat für sich; in der Mitte der

Tatarenstadt erhebt sich gewöhnlich der Yamen des Tatarengenerals,

unter welchem diese Bannertruppen sowohl wie die Provinzialtruppen

stehen. Die Bannertruppen sind über das ganze Reich, je nach der Größe

und Zahl der Städte, verteilt, manche Provinzen, wie z. B. Kiangsi,

Hunan, Yünnan und Kueitschau, besitzen deren gar keine, andere

Provinzen, wie z. B. die Mandschurei, besitzen nur Bannertruppen.

Am zahlreichsten sind sie in der Hauptstadt Peking selbst. Dort

stehen außer den 4000 Mann der kaiserlichen Leibgarde etwa 15000

Mann der verschiedenen Banner. Je nach ihrer Farbe garnisonieren sie

in verschiedenen Stadtteilen: das rote Banner im Süden, das weiße

im Westen, das blaue im Norden und die Truppen des grünen Banners

(Chinesen) im Osten. Die eigentliche Kaiserstadt wird von den Truppen

des gelben Banners bewacht.

Daß die kaiserliche Regierung es mit dieser Bewachung wie überhaupt

mit der Disziplin der Pekinger Bannertruppen recht ernst nimmt, geht

aus der Regierungszeitung vom 1. April 1894 hervor, deren Bericht ich

hier folgen lasse, weil er auch auf die Bestrafungsarten in der Armee

einiges Licht wirft. In der Nähe der Stadtthore hatte sich verdächtiges

Gesindel herumgetrieben und war zum Teil sogar in die Stadt gedrungen.

Dies gelangte zur Kenntnis der Regierung, und diese verordnete

Folgendes: „Der Kommandeur der Gardeabteilung des geränderten weißen

Banners, Kochin, welcher an dem betreffenden Tage die Wache hatte,

wird seiner sämtlichen Aemter entsetzt; aus besonderer Gnade wird ihm

aber sein Rangknopf (auf dem Hut) und der Posten eines dienstthuenden

Gardeoffiziers zweiter Klasse geschenkt. Der Oberst desselben Banners,

ferner vier Gardeoffiziere (namentlich angeführt) sind auf der Stelle

zu entlassen. Dem Brigadegeneral des linken Flügels, Shan-yin, und

jenem des rechten Flügels, Chang-liu, werden ihre amtlichen Einkünfte

während eines Jahres, ferner dem Prinzen Tsai-yina und dem General des

mongolischen rotgeränderten Banners ihre amtlichen Einkünfte während

drei Monaten entzogen. Die Mannschaften, welche an dem betreffenden

Tage die Wache hatten, sind zu prügeln und zu entlassen. Beachtet dies

mit Zittern.”

Die Uniform der Bannertruppen weicht von jener der Provinztruppen

einigermaßen ab. Sie besteht aus einer bis über die Knie reichenden,

nachthemdartigen weißen Tunika, über welcher eine ärmellose Jacke von

der Farbe der betreffenden Banner getragen wird. Von derselben Farbe

sind die Beinkleider, von denen jedoch nicht viel zu sehen ist, da

sie in den kurzen Schäften der Filzstiefeln stecken. Der Hut ist mit

zwei Eichhörnchenschwänzen geschmückt. Auf ihren kleinen, kräftigen

Ponies sitzend und zu Kompagnien vereinigt, sehen diese Tatarentruppen

ungemein malerisch aus. Ueber die farbenreichen Uniformen erhebt sich

in jeder Kompagnie ein großes Banner, umgeben von zahlreichen kleineren

Fähnchen, welche die Soldaten in eigenen Schäften auf dem Rücken

tragen. Die Pfeilköcher sind über die Schultern gehängt, die Säbel

aber hängen nicht am Gürtel der Reiter, sondern stecken horizontal auf

der linken Seite des Pferdes unter dem Sattel, der Griff voraus. In

der Rechten halten die Reiter die Zügel, in der Linken den Bogen. Zur

vollkommenen Ausrüstung gehören überdies Tabakspfeife, Fächer und der

mit scheußlichen Fratzen bemalte runde Schild.

Allerdings dürfen diese Truppen einem europäisch geschulten und

bewaffneten Feinde gegenüber weitaus im Nachteil sein. Indessen

müssen die ungeheuren Fortschritte in Betracht gezogen werden, die

in den letzten zwei Jahrzehnten in Bezug auf die Ausbildung mancher

Truppenkörper gemacht wurden. Neben Abteilungen, die heute noch ebenso

sind wie vor hundert Jahren, giebt es andere, die vollständig nach

modernen Mustern ausgerüstet und einexerziert sind und die auch, wie

die letzten Kriege gezeigt haben, an Tapferkeit manchen europäischen

Truppen nicht nachstehen. Von der ganzen verfügbaren Armee, mit den

mongolischen und tibetanischen Truppen etwa eine Million, dürften

vielleicht nur 50000 Mann den Anforderungen der modernen Kriegskunst

entsprechen. Die Armee Li-Hung-Tschangs allein besteht, mit den

Bannerleuten zusammen, aus etwa 50000 Mann gut geschulter Truppen mit

über 500 Geschützen, von denen etwa die Hälfte moderne Hinterlader

sind. Dank dem Einfluß des genannten Vicekönigs von Tschihli sind seit

dem letzten Franzosenkrieg in Tientsin, Nanking und anderen Städten von

europäischen Fachleuten geleitete Militärschulen und Arsenale angelegt

worden, von denen jene von Shanghai und Futschau wohl die bedeutendsten

sind. In Bezug auf Ingenieurwesen, Verpflegung, Sanitätswesen ist es

bisher noch beim alten geblieben, doch tritt dafür wieder ein anderer

wichtiger Umstand in den Vordergrund: die Ausdauer, Furchtlosigkeit und

überraschende Mäßigkeit der chinesischen Soldaten. Hätten sie auch noch

Disziplin, China würde es mit irgend einem Feinde aufnehmen können.

Aber gerade diese fehlt dem chinesischen Soldaten vollständig, und sie

kann ihm auch nicht so rasch beigebracht werden.

[Illustration: Tieng-min leh, kommandierender General von Schantung.]

[Illustration: Besuch des Gouverneurs in der katholischen Mission in

Tsinan-fu.]

Die christlichen Missionsanstalten in China.

Die ziemlich verbreitete Ansicht, die Missionen in China stammten erst

aus neuerer Zeit und fielen beiläufig mit der Eröffnung chinesischer

Häfen für den europäischen Handel zusammen, ist irrig. In China

wurde das Christentum schon viel früher gepredigt als in so manchem

europäischen Lande. Der Tradition nach soll sogar der Apostel Thomas

nach China gekommen sein. Sicher ist es, daß die Nestorianer dieses

große Reich zum Felde ihrer Missionsthätigkeit ausersehen haben und

schon in den ersten Jahren des sechsten Jahrhunderts, etwa um das Jahr

505, dorthin gelangten. Williams sagt in seinem großen Werke über

China u. a.: „Eines der interessantesten alten Denkmäler in China, und

gleichzeitig die älteste christliche Inschrift in Asien, rührt von

den Nestorianern her und stammt aus dem Jahre 781”. Diese Inschrift

wurde 1625 in Schang-an, einer Stadt der Provinz Schensi, entdeckt

und beschreibt die Ankunft der christlichen Missionare, sowie den

Schutz, den die chinesischen Kaiser der neuen Lehre während anderthalb

Jahrhunderten angedeihen ließen. Ein Priester, Olopun, wurde im Jahre

635 vom Kaiser in seinem Palaste empfangen, und in dem gleichen Jahre

wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das mit dem Satze schließt:

„Laßt den neuen Glauben freien Lauf nehmen durch das ganze Reich”.

Nachfolgende Herrscher schützten die christliche Religion, und Klöster

erhoben sich bald in hundert Städten. Zu Ende des achten und in der

ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts wetteiferten die buddhistischen

Missionare mit den Christen. Im Jahre 841 gelang es der Sekte der

Taoisten, den Kaiser zu bewegen, ein Edikt gegen den Buddhismus zu

erlassen, und mit diesem litt auch das Christentum. Kirchen und Klöster

wurden zerstört, und die Nestorianer konnten sich von diesem Schlage

nicht mehr ganz erholen. Wohl erwähnt Marco Polo noch christliche

Kirchen in China, allein es wird bezweifelt, daß sie aus der Zeit der

Nestorianer stammten. Doch gelang es im Jahre 1307 dem Pater Johannes

von Monte Corvino in Peking, oder wie es damals hieß, Khanbalik, festen

Fuß zu fassen. Papst Clement V. ernannte ihn zum Erzbischof von Peking,

und als solcher wirkte er beinahe zwei Jahrzehnte lang. Sein einziger

europäischer Gefährte war ein Deutscher, Bruder Arnold von Köln. Als

bald darauf die mongolische Dynastie gestürzt wurde, fand auch die

neubegründete Mission ein Ende.

Drei Jahrhunderte nach Marco Polo, in den Jahren 1579 und 1581,

erreichten die ersten römisch-katholischen Missionare, die Jesuiten

Michael Ruggiero und Matteo Ricci, das chinesische Reich. Von Canton

wanderte Ricci nordwärts bis nach Nanking, wo er 1610 starb. Der Kaiser

empfing ihn freundlich, und unter seinem Schutz bekehrte Ricci eine

beträchtliche Anzahl vornehmer Chinesen zum Christentum; die Tochter

eines von ihnen, in der Geschichte unter dem Namen Candida bekannt,

erbaute 39 Kirchen, ließ auf ihre Kosten 130 Bücher drucken und sandte

zahlreiche eingeborene Missionare in die Provinzen, um den neuen

Glauben zu predigen. Bald folgten den ersten Jesuitenvätern eine Anzahl

anderer, darunter die berühmten Adam Schaal, Verbiest, Regis, die unter

dem Schutz des letzten Kaisers der Mingdynastie, sowie unter den beiden

ersten Kaisern der neuen Mandschudynastie Hervorragendes leisteten. Das

astronomische Observatorium in Peking, eine Kanonengießerei und eine

Anzahl großer geographischer Werke über China legen davon noch heute

Zeugnis ab. Unter dem mächtigen Schutz des Hofes und der Regierung

machte der Katholizismus in China überaus rasche Fortschritte, bis

es aus Anlaß religiöser Fragen zum Zwiespalt zwischen dem Kaiser und

den dem Papst gehorchenden Missionaren kam. Den Chinesen leuchtete

es nicht ein, daß sie einer außerhalb Chinas residierenden höheren

Autorität als jener ihres eigenen Kaisers gehorchen sollten, und 1724

wurde ein Edikt erlassen, wodurch die Verbreitung des katholischen

Glaubens in China verboten wurde. Alle Missionare, ausgenommen einige

in Peking thätige Gelehrte, wurden des Landes verwiesen. Viele

folgten dem Befehl, andere blieben im geheimen und befestigten die

Uebergetretenen in ihrem neuen Glauben. Bis zum Jahre 1842 machte der

Katholizismus nur geringe Fortschritte. In diesem Jahre jedoch wurde

das Christentum in China durch die Verträge mit den europäischen

Mächten gestattet; zahlreiche Missionare trafen bald darauf wieder in

China ein, und heute giebt es unter den Chinesen weit über eine Million

Katholiken. Die in Hongkong erscheinende katholische Zeitschrift

„The Roman Catholic Register” gab vor kurzem folgende Statistik der

katholischen Missionen in China: 41 Bischöfe, 664 europäische und 559

chinesische Priester; gegen 2000 niedere und 34 höhere Schulen; 34

Klöster, 3000 Kirchen und Kapellen und 1092818 Bekehrte. Es kommt also

auf je 400 Chinesen ein Katholik. Neben den Schulen sind in vielen

der über alle Provinzen Chinas verbreiteten Missionen auch Hospitäler

und Waisenhäuser errichtet worden, die nicht wenig zur Bekehrung der

Chinesen beitragen. Am wirksamsten ist jedoch immer noch die Propaganda

vermittelst Zeitschriften, Büchern und Flugblättern in chinesischer

Sprache geblieben; diese stammen hauptsächlich aus der großen Druckerei

der Jesuitenmission in Zikawei, wohl die bedeutendste Druckerei in ganz

China.

Von den acht in dem Reiche der Mitte thätigen katholischen Missionen

sind jene des Pariser Seminars die zahlreichsten, mit zehn Vikariaten,

gegen 250 christlichen Missionaren und gegen 175000 Christen. Erst dann

kommt der seit 1660 in China thätige Jesuitenorden mit zwei Vikariaten,

130 Missionaren und etwa 140000 Christen. Dann schließen sich an die

Lazaristen, Franziskaner und Dominikaner, deren Mission aus dem Ende

des siebzehnten Jahrhunderts stammen; ferner das belgische Seminar,

das Mailänder Seminar seit der Mitte dieses Jahrhunderts und endlich

der Augustinerorden, der 1879 eine Mission errichtete. Als letzte kam

im Jahre 1887 die deutsche katholische Mission von Südschantung, die

binnen kurzer Zeit sehr große Erfolge erzielt hat. Bemerkenswert ist

es, daß die beiden Kathedralen von Canton und Peking zu den größten

Bauten dieser Städte gehören und daß die katholischen Missionare

vielfach die Kleidung der Chinesen und sogar den langen chinesischen

Haarzopf annehmen.

Der gewiß überraschende Erfolg der katholischen Missionen wäre nach

der Ansicht zahlreicher Katholiken in Ostasien noch großartiger, wenn

Frankreich sich nicht so auffällig als der alleinige und rechtmäßige

Beschützer aller Katholiken in Asien, vor allem in China, aufspielen

würde. Die Sache hat viel zu sehr einen politischen Beigeschmack, und

die Chinesen, die von den Franzosen schon wiederholt bekriegt worden

sind, fürchten, daß die Franzosen diesen Schutz über die Katholiken

nur als Deckmantel für politische Zwecke benützen. Ich habe das von

einflußreichen Chinesen selbst wiederholt aussprechen hören, und

sie trauen der Aufrichtigkeit der Franzosen in dieser Sache um so

weniger, als sie erfahren haben, mit welchem Eifer die Franzosen

in Frankreich selbst gegen alle katholischen Institute vorgehen.

Viel lieber sehen sie hinter Katholiken in China den Papst als die

Franzosen stehen, und es geschah wohl, um ihrem Einfluß möglichst

vorzubeugen, daß sie sich herbeiließen, einen päpstlichen Delegaten

in Peking zu empfangen. Gleichzeitig wurde aber von der obersten

Stelle das sogenannte Duldungsedikt erlassen, worin den Chinesen, die

zum Christentum übertreten, wiederholt eingeschärft wird, daß sie

dadurch nicht aufhören, Chinesen zu sein, und als solche unter dem

Schutz der eigenen Regierung stehen, der allein sie Gehorsam schuldig

sind. Von den vorgenannten Bischöfen, oder wie sie in China heißen,

apostolischen Vikaren, sind die weitaus große Mehrzahl auch Franzosen,

und zwar Jesuiten, Lazaristen oder Priester der schon 1663 gegründeten

Gesellschaft der Missions etrangères in Paris, neun Vikare sind

Italiener, der Rest verteilt sich auf Spanier und Belgier. Als im Jahre

1887 die deutsche (Steyler) Mission in Südschantung gegründet wurde,

ist dort auch ein deutscher Vikar, Bischof von Anzer thätig, und eine

der ersten Maßnahmen dieses eifrigen Mannes war es, seine Mission unter

deutschen Schutz zu stellen. Alle anderen katholischen Missionen in

China stehen auch heute noch unter französischem Schutz.

Der erste protestantische Missionar, der China besuchte, war Doktor

Robert Morrison im Jahre 1807, und er blieb bis auf den heutigen

Tag auch der verdienstvollste. Damals war der Fremdenhaß in China

so stark, daß er an ein Bekehrungswerk nicht denken konnte; dafür

unternahm er die Herausgabe eines großen chinesischen Wörterbuchs und

die Uebersetzung der ganzen Bibel ins Chinesische, Werke, die seinen

Namen für alle Sinologen unsterblich machen. Nach dem Vertrag von

Nanking 1842, in welchem Hongkong an England abgetreten und fünf Häfen

den Europäern geöffnet wurden, kamen eine Anzahl protestantischer

Missionare nach China und begannen ihre Bekehrungsthätigkeit. Damals

gab es nur sehr wenige chinesische Protestanten, kaum einige Dutzend.

Seither wurde das Reisen im ganzen Reiche freigegeben, andere Häfen

wurden eröffnet, den Missionaren der ständige Aufenthalt und die

Errichtung von Kirchen, Schulen und Spitälern in einer Reihe von

Inlandstädten gestattet. Heute giebt es nach der offiziellen Statistik

im ganzen 40 verschiedene protestantische Missionsgesellschaften,

die in fast allen Provinzen Chinas thätig sind und ein Personal

von 1300 Europäern (darunter 700 Frauen) und 1657 chinesischen

Missionaren besitzen. Während die katholischen Missionare europäischer

Abstammung größtenteils der französischen Nation angehören, sind die

protestantischen zumeist Engländer und Amerikaner, dann auch Deutsche

und Schweden. Die Zahl der zum Protestantismus bekehrten Chinesen,

Methodisten, Baptisten, Lutheraner, Presbyterianer und dergleichen

beträgt im ganzen etwa 50000. Berücksichtigt man die große Zahl der

Missionare und die Zeit, die ihnen zur Verfügung stand, so entfällt auf

die Thätigkeit jedes protestantischen Missionars nicht viel mehr als

jährlich eine bekehrte Seele.

Die Ursachen dieser spärlichen Resultate zu beleuchten, ist hier

nicht der Platz. Wer darüber näheres zu erfahren wünscht, lese die

Werke der, nebenbei bemerkt, protestantischen Reisenden Cummings,

Williams, Moules, Knollys, Spencers, Percivals, Exners und anderer.

Die darin enthaltenen Ausführungen lassen es sehr wünschenswert

erscheinen, daß das ganze System der protestantischen Missionen eine

gründliche Umgestaltung erfahren möge, sollen die ungeheuren Summen,

die für Missionszwecke in China geopfert werden, wirklich wenigstens

einigermaßen Nutzen bringen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 39 / 71 段