Auf der Reise von Tschungking den Jangtsekiang abwärts ist der nächste

offene Flußhafen Itschang, gleichzeitig der Endpunkt der Dampferfahrt.

Dort befinden sich nur drei Agenturen von Hankauer Postämtern, die aber

Briefe und Wertsendungen nach allen größeren Orten Chinas annehmen.

Der wichtigste Verkehrsmittelpunkt des Jangtsekiangthales ist die

etwa sieben Tagereisen weiter stromabwärts gelegene Stadt Hankau,

die Metropole des chinesischen Theehandels, mit etwa einer Million

Einwohner. Hier befinden sich nicht weniger als siebenundzwanzig

verschiedene Postunternehmungen, von denen fünfzehn ihre Poststücke mit

Dampfern, zwölf mit Landboten versenden. Briefe von hier nach Shanghai

oder Ningpo kosten 80 Cash, nach Canton 100 Cash, nach Peking oder

Tientsin 200 Cash, und die Postanstalten arbeiten so vorzüglich, daß

selbst bei der Beförderung auf Fluß- und Kanalbooten Verluste selten

vorkommen. So sandte beispielsweise, wie der Zolldirektor von Hankau

berichtet, die Postanstalt Hotschang in den letzten fünfzehn Jahren

4200 Postboote aus, von denen nur drei ihre Postsäcke verloren haben.

Die Post des nächsten Posthafens Kiukiang wird durch vierzehn

Agenturen von Hankauer oder Shanghaier Postanstalten besorgt, und

mehrere Agenturen ruhen in den Händen einer einzigen Chinesenfirma.

Auch hier arbeiten die verschiedenen Postämter zusammen und senden

gemeinschaftlich einzelne Kuriere mit den Postsäcken nach verschiedenen

Städten. So wird beispielsweise an allen Tagen des Monats, welche

die Ziffern 1, 4 und 7 enthalten (also am 1., 4., 7., 11., 14., 17.,

21., 24. und 27.), die Post nach den Städten des Südens, an allen

Tagen, welche die Ziffern 2, 5 und 8 enthalten, nach den Städten des

Nordens befördert. Der weiter stromabwärts gelegene offene Hafen Wuhu

ebenso wie das nur zwei Tagereisen von Shanghai entfernte Tschinkiang

liegen bereits gänzlich innerhalb der Interessensphäre der großen

Postanstalten Shanghais, der Hauptstadt des Jangtsekianggebietes.

Neben den privaten Posten und dem oben bezeichneten Kurierdienst für

Regierungsdepeschen besteht in China seit einer Reihe von Jahren noch

eine Art halboffizielle Post, die von dem ausgezeichneten Leiter der

chinesischen Zollämter, Sir Robert Hart, ins Leben gerufen wurde

und wohl den bescheidenen Anfang für die nunmehr zur Einführung

gelangende chinesische Reichspost bilden dürfte. Ursprünglich war

dieser Postdienst nur für den Verkehr der Zollämter bestimmt, allein er

hat sich so sehr bewährt, daß die in den Vertragshäfen residierenden

Europäer ihre für das Innere Chinas, für Peking und Korea bestimmten

Briefschaften hauptsächlich nur der Zollpost anvertrauen. Dieselbe

ist ganz nach europäischem Muster organisiert, und die Beförderung

geschieht im Sommer durch Dampfer, da ja die Vertragshäfen mit wenigen

Ausnahmen Dampferverbindung mit Shanghai und demzufolge auch mit Korea

und Tientsin, dem Hafen von Peking, besitzen. Da im Winter die Häfen

des Gelben Meeres während mehrerer Monate durch Eis geschlossen sind,

erfolgt der Postdienst dann durch Kuriere, und zwar zwischen Peking und

Tientsin täglich, zwischen Tientsin und Nintschwang in der Mandschurei

einmal wöchentlich, und zwischen Tientsin und den südlicheren Häfen

Tschinkiang, Tschifu (d. h. also auch Shanghai) dreimal wöchentlich.

Außerdem geht von Shanghai bei jedesmaliger Ankunft der europäischen

und amerikanischen Postdampfer noch eine Extrapost mit den für

die Regierung und die ausländischen Gesandtschaften bestimmten

Briefschaften über Land nach Peking ab. Diese Extraposten legen die

Strecke Shanghai-Peking in zwölf Tagen zurück. Die Zollpostämter

besitzen für die Freimachung der Briefe eigene Postwertzeichen,

welche in der Mitte den chinesischen Drachen zeigen und am Rande die

Wertangabe in englischer Sprache, ein, zwei oder drei Candarins,

tragen. Die chinesischen Briefmarken haben jedoch nur für den

chinesischen und koreanischen Verkehr Gültigkeit. Sollen Briefe z. B.

von Peking oder Söul mittels der Zollpost nach Europa gesandt werden,

so wird auf dieselben der Wert der Briefmarken für die Sendung nach

Shanghai, also drei Candarins, aufgeklebt und außerdem noch der Wert

in so vielen englischen Briefmarken, als für die Sendung nach Europa

oder Amerika erforderlich ist. In Shanghai wird von seiten der Zollpost

die entsprechende deutsche, englische oder französische Briefmarke

dazugeklebt, je nachdem die Briefe mit deutschen, englischen oder

französischen Postschiffen nach Europa abgehen.

Für den lokalen Briefverkehr in Shanghai, Hankau, Ningpo, Tschifu und

Tschinkiang haben die europäischen Verwaltungen dieser Vertragshäfen

eigene Briefmarken zur Einführung gebracht, und dieselben werden auch

zur Freimachung der Briefe für andere Vertragshäfen benutzt. Die

Behörden machen mit diesen Briefmarken vortreffliche Geschäfte, weniger

durch die Lebhaftigkeit des Briefverkehrs als durch den Absatz, den sie

bei europäischen Briefmarkensammlern finden.

Wie man aus den vorstehenden Ausführungen sieht, ist China ganz im

Gegensatz zu den herrschenden Anschauungen viel mehr mit postalen

Einrichtungen versehen, als es wünschenswert ist, ja in keinem Lande

der Welt giebt es so vielerlei Postanstalten als gerade in China.

Shanghai allein besitzt beispielsweise außer den sechs früher schon

erwähnten staatlichen Postämtern noch gegen dreißig Privatposten für

den Inlandverkehr.

Im Lauf der letzten Jahre hat es der Leiter des chinesischen

Zollwesens, Sir Robert Hart, zu Wege gebracht, an vielen

Hauptverkehrsrouten eine kaiserliche Post einzuführen. Er bediente sich

dazu der Zollbeamten sowie einzelner Privatpostanstalten, und der ganze

Apparat arbeitet so vortrefflich, daß bald das ganze Chinesische Reich

kaiserliche Postämter besitzen dürfte.

Chinesisches Militär.

[Illustration: Militärmandarin in Tsining.]

China hat wohl europäisches Kriegsmaterial erworben, aber der

militärische Geist ist derselbe geblieben, wie er vor drei

Jahrhunderten zur Zeit der Eroberung Chinas durch die Mandschus

war. Die europäischen Instruktionsoffiziere fanden in China nicht

etwa als Lehrmeister von Strategie und Taktik, sondern einfach als

Drillsergeanten Verwendung. Vor drei Jahrhunderten hatte sich die

Kriegskunst der Mandschus in so ausgezeichneter Weise bewährt, daß

sie das größte Kaiserreich Asiens unterjochten und auf den Thron der

gestürzten Kaiserdynastie einen Mandschurengeneral setzen konnten;

warum und wozu sollte diese bewährte Kriegskunst geändert werden? Sie

ebenso wie die ganze Heeresorganisation wurden also bisher mit fast

abergläubischer Konsequenz beibehalten; da aber die Chinesen einsahen,

daß ihre Soldaten mit Bogen und Pfeil gegen die modernen Schießwaffen

der Europäer nicht aufkommen konnten, drückten sie einem Teil ihrer

Streiter an Stelle des Bogens Hinterladergewehre in die Hände und

schafften Kruppsche Kanonen an. Daß die Verschiedenheit der Waffen

auch eine Aenderung der Taktik mit sich bringt, daran haben sie bisher

nicht gedacht, obschon sie während ihrer Kriege gegen die Engländer,

Franzosen und Japaner gewiß hinlänglich Gelegenheit bekamen, dies zu

beobachten.

[Illustration: Die chinesische Mauer bei Ning-Hai.]

Mit rührender Treue halten die Söhne des Himmels an ihren alten

Ueberlieferungen fest und stehen den Erfindungen der Yan-kwei-tse,

ausländischen Teufel (das ist die gebräuchliche Bezeichnung der

Chinesen für die Europäer) fast mit Verachtung gegenüber. Ich sah dies

schon in der ersten Woche meines Aufenthalts in China, als ich von

Hongkong den Perlfluß aufwärts nach Canton fuhr. Canton, die größte

Stadt des himmlischen Reiches, gleichzeitig eines der wichtigsten und

reichsten Handelsemporien Chinas, ist mit hohen, gewaltigen Mauern

umgeben, und auch die Inseln, sowie die Höhen längs der Flußufer sind

von steinernen Festungswerken gekrönt. Doch bestehen diese aus nichts

weiter als festen Mauern, die einen weiten Platz umschließen, in deren

Mitte sich die ebenfalls aus Stein erbauten Kasernen erheben. Natürlich

war es bei der Expedition gegen Canton den Franzosen ein leichtes,

diese Mauern zusammenzuschießen, Canton einzunehmen und dasselbe zwei

Jahre lang besetzt zu halten. Dies hätte den Chinesen doch zeigen

müssen, daß derlei Forts nicht nur kein Verteidigungsmittel sind,

sondern daß die Steinmauern beim Aufschlagen der feindlichen Geschosse

durch die umhergestreuten Trümmer den Verteidigern noch gefährlicher

werden. Man hätte erwarten sollen, daß die Chinesen nach dem Abzuge der

Franzosen moderne Forts anlegen würden. Statt dessen hatten sie nichts

Eiligeres zu thun, als die noch unbesetzten Höhen längs des Perlflusses

mit ganz denselben Steinmauern zu umgeben, wie sie die bisherigen

Forts zeigten. Diese Mauern krönen nicht etwa den Gipfel oder das

oberste Plateau der Höhen, sondern umschließen deren Fuß, ziehen sich

allenfalls auch in den Thälern oder auf den Bergkämmen aufwärts, aber

stets so, als wollten die Erbauer geflissentlich das ganze Innere des

Forts den feindlichen Kugeln bloßstellen. In den Schießscharten dieser

Forts stecken wohl mitunter moderne Geschütze, von Krupp oder Armstrong

geliefert, in Canton selbst jedoch fand ich auf den Ringmauern nicht

ein einziges modernes Geschütz, sondern nichts als verrostete,

vollständig unbrauchbare Kanonen aus früheren Jahrhunderten, auf

zerfallenen Holzlafetten ruhend oder einfach im hohen Grase schlummernd.

Die Garnison Cantons besteht aus den Soldaten der alten Mandschu- und

Tatarenfamilien, die mit Weib und Kind in der mit einer besonderen

Mauer umgebenen Tatarenstadt wohnen. Auf den freien Plätzen dort, sowie

außerhalb der Stadtmauer sah ich diese Soldaten exerzieren. Die einen

hatten moderne Mauser- oder Winchestergewehre, die anderen Bogen und

Pfeil, wieder andere lange dreispitzige Lanzen, Schilde und Schwerter.

Dieselben Festungswerke, dieselben Soldaten fand ich später am

Jangtsekiang, ja selbst in den Hafenstädten am Golf von Tschihli,

welche doch die Hauptstadt des Reiches, Peking, vor feindlichen

Angriffen beschützen sollen. Der wichtigste dieser Häfen ist nächst

Tientsin das auf der Halbinsel Schantung gelegene Tschifu. Diese

Wichtigkeit wurde in den letzten Jahren sogar von den Chinesen

anerkannt, und sie beschlossen, dort neue Forts zu erbauen. Dem

Hafen sind zwei Inseln vorgelagert, welche den Zugang vollständig

beherrschen. Statt dort wurden die Forts, natürlich wieder nach

der alten Schablone, auf dem Festlande weiter einwärts errichtet.

Sachverständige schlugen die Hände über den Köpfen zusammen. Endlich

wurde der Tatarengeneral der Provinz über die Gründe dieser sonderbaren

Art der Küstenbefestigung befragt. „Ja”, antwortete dieser, „wohin soll

sich denn im Fall der Einnahme der Forts die Besatzung zurückziehen,

wenn diese Forts auf den Inseln angelegt würden?”

In Nanking, der alten Hauptstadt des himmlischen Reiches, wollte ich

das dort befindliche Arsenal besuchen. Allein es wurde nicht gestattet.

Doch erfuhr ich, daß alle früher dort bediensteten Europäer vor einigen

Jahren entlassen wurden. Die ganze Erzeugung von Gewehren, Kanonen,

Hieb- und Stichwaffen wird von den Chinesen geleitet. Die Garnison von

Nanking hat dieselben Stadtteile inne wie vor dreihundert Jahren, und

die Waffen sind, wie ich es bei dem Exerzieren der Truppen selbst sah,

auch dieselben geblieben: Lanzen und Schwerter, Bogen und Pfeil. Nur

ein kleiner Teil der Truppen ist mit Schießgewehren bewaffnet.

Der Vicekönig von Wutschang am Jangtsekiang hat einen der am

Strome gelegenen befestigten Lager vor einigen Jahren hundert

Hinterladergewehre mit je hundert Patronen gesandt mit dem Auftrage,

Schießübungen anzustellen. Bei der Inspektion durch den Mandschugeneral

im darauffolgenden Jahre rückten die Truppen wieder mit Bogen und

Pfeil aus. Als nach dem Verbleib der Gewehre gefragt wurde, antwortete

der Lagerkommandant, daß er sie weggegeben hätte, als die Munition

verschossen war.

Pekinger Diplomaten erzählten mir, die Hälfte der dortigen Garnison

hätte ihre Gewehre in den Pfandhäusern, und in den Provinzen käme es

häufig vor, daß die Soldaten ihre modernen Hinterladergewehre gegen

alte Feuersteinflinten sehr gern umtauschen, da sie mit diesen besser

umzugehen wüßten.

Daß übrigens auch die kaiserliche Regierung in Peking keinen

allzugroßen Wert auf die moderne Bewaffnung legt, geht aus einem

Bericht der kaiserlichen Regierungszeitung hervor, der in der Ausgabe

vom 24. Juni 1894 enthalten ist, also schon zur Zeit, als der Krieg mit

Japan nahezu Gewißheit geworden war. Er lautet:

„Der Vize-Generalleutnant Ya er chien hatte in einem früheren

Berichte eine Vermehrung der Ausrüstung seiner in Tscheng-tu

stationierten Bannertruppen mit ausländischen Gewehren beantragt.

Die hierfür erforderlichen Geldmittel sollten den Ueberschüssen der

Opiumsteuer entnommen werden. Der Bannergeneral Kung schon, sowie der

Generalgouverneur der Provinz Szechuan (dessen Hauptstadt Tscheng-tu

ist) wurden seinerzeit zur Begutachtung dieses Antrages aufgefordert.

Nach den nunmehr eingereichten Berichten derselben sind die

Steuerüberschüsse nicht groß genug für die verlangte militärische

Ausrüstung; dieselben müssen auch für Notstandsjahre reserviert bleiben.

Deshalb wird dem Vize-Generalleutnant seine Bitte abgeschlagen.

Wenn die zum Schutze des Landes bestimmten Bannertruppen in der

vorgeschriebenen militärischen Uebung verharren, so braucht an ihrer

Bewaffnung (aus Lanzen, Bogen und Pfeilen) nichts geändert zu werden

und bleibt die Tüchtigkeit der Soldaten gesichert. Der Bannergeneral

und seine untergebenen Offiziere sollen deshalb mit erhöhtem Eifer

die militärische Ausbildung der Truppen betreiben, von welcher die

Leistungsfähigkeit im Felde abhängt.”

In demselben Edikt befindet sich auch noch folgender Paragraph:

„Der obenerwähnte Generalleutnant ist mit einem übermäßigen Gefolge

von siebzehn Offizieren und Soldaten nach Peking gekommen und soll die

Reisekosten eigenmächtig den für den Unterhalt der Truppen bestimmten

Fonds entnommen haben. Diese Verwendung öffentlicher Gelder zu

Privatzwecken läßt sich aus den von sämtlichen Hauptleuten unter Siegel

eingelieferten Dokumenten erweisen. Der Generalleutnant soll über

diesen Punkt genauen Bericht erstatten.”

Am folgenden Tage, den 25. Juni 1894, enthält die Pekinger

Staatszeitung folgendes Edikt:

„Im Januar hatte das Kriegsministerium Uns gebeten, an alle Provinzen

den Befehl zur schleunigen Aufstellung einer Truppenliste zu erteilen,

um eine genaue Zusammenstellung der verfügbaren Armeen machen zu

können. Dieser Befehl wurde allen Generalgouverneuren und Gouverneuren

erteilt und ihnen eine Frist von drei Monaten gestellt.

Da diese Frist abgelaufen ist, so möge das Kriegsministerium die

Aufstellung besorgen, gegen die säumigen Beamten jedoch Strafe

beantragen.”

Der Zufall spielte mir Auszüge aus den offiziellen Truppenlisten in die

Hände, und gestützt darauf, sowie auf die Erkundigungen, die ich in

verschiedenen Garnisonen einzog, fand ich das Heerwesen Chinas heute im

großen und ganzen ebenso, wie es vor dreihundert Jahren geschildert

wurde. Die ganze Organisation des Heeres ist zu interessant, zu

originell, um nicht näher besprochen zu werden.

[Illustration: Karte des kommandierenden Generals von Schantung.]

Vor allem ist es auffällig, daß die Hauptmasse des chinesischen

Heeres nicht dem Kaiser untersteht und in seinem Namen angeworben

und unterhalten wird, sondern daß jeder Vizekönig der achtzehn

Provinzen Chinas seine eigenen, von den benachbarten Heeren völlig

unabhängigen Truppen besitzt. In dieser Hinsicht haben die chinesischen

Vizekönige fast ebenso souveräne Rechte wie früher die einzelnen

deutschen Fürsten. Der eine Vizekönig verwendet mehr Sorgfalt

auf die Uniformierung und Bewaffnung seines Heeres, der andere

weniger; die Vizekönige der mit Fremden mehr in Berührung kommenden

Küstenprovinzen haben schlagfertigere und besser gedrillte Truppen

als jene des Inlandes, wo die Heere mitunter sehr vernachlässigt

werden. Doch ist jedem Vizekönig die Truppenzahl, die er unterhalten

muß, vorgeschrieben, und die Zentralregierung kann von ihm die

Beistellung irgend eines beliebigen Teiles derselben oder des ganzen

Heeres verlangen. So wurden beispielsweise bei Ausbruch des letzten

Krieges die ersten 15000 Mann von den Vizekönigen der drei nördlichen

Küstenprovinzen auf Befehl des Kaisers beigestellt. Das kleinste Heer

besitzt die Provinz Anhuei im Inlande mit 8700 Mann, das größte die

Küstenprovinz Kwangtung mit 70000 Mann. Die anderen Provinzen besitzen

Heere von 20000 bis 60000, Tschihli, die früher von Li-Hung-Tschang

regierte wichtigste Provinz des Reiches, 42000 Mann. Die Gesamtsumme

dieser Provinzialtruppen oder, wie sie in China heißen, der Truppen

des grünen Banners, beläuft sich auf 650000 Mann. Ihr Sold ist

ebenso verschieden wie ihre Bewaffnung und ihre Einteilung. Während

beispielsweise die Ausgaben für die Armee Li-Hung-Tschangs im Jahre

über 1½ Millionen Taels betragen, erreichen jene der um 8000 Mann

stärkeren Armee Kiangfus kaum 1 Million Taels. Die Gesamtausgaben der

Provinzen für die 650000 Mann betragen 14½ Millionen Taels oder etwa 60

Millionen Mark. Diese Ausgaben müssen jedoch bei der Zentralregierung

verrechnet werden, ebenso ist es diese letztere, welche auf Grundlage

der eingereichten Vorschläge sämtliche Offiziere ernennt. Die

Truppen des grünen Banners besaßen nach den erwähnten Tabellen des

Kriegsministeriums in Peking folgende Offiziere: 16 Generale, 64

Generalleutnants, 280 Oberste, 373 Oberstleutnants, 425 Majore, 825

Hauptleute, 1650 Leutnants und 3500 Fähnriche, im ganzen also etwa

7100 Offiziere. Dies dürfte wohl die geringste Offizierszahl in irgend

einem Heere sein, denn beispielsweise besitzt Frankreich bei einer der

chinesischen Truppenzahl nahezu gleichen Friedensstärke mehr als die

vierfache Zahl von Offizieren, nämlich 28555. Italien besitzt bei einem

Drittel der obigen Friedensstärke die doppelte Zahl von Offizieren.

[Illustration: Tatarengeneral mit Gefolge.]

Die Truppen der einzelnen Provinzen sind nicht in Regimenter und

Bataillone eingeteilt, sondern liegen in Abteilungen verschiedenster

Stärke in Städten, Forts oder in einzelnen Lagern. Jede Provinz ist

in eine gewisse Zahl militärischer Distrikte unter dem Befehl eines

Obersten eingeteilt, und in jedem Distrikt befinden sich mehrere Lager.

In den Städten versehen die Garnisonen gleichzeitig den Polizeidienst,

denn Polizei im europäischen Sinne giebt es in China nicht. In den

Lagern, besonders wenn diese auf dem Lande gelegen sind, hat der

Soldat nicht viel zu thun. Ausgenommen zur Zeit der Manöver oder

bei Inspektionen durch die Kommandierenden, beschäftigt er sich mit

Ackerbau, Gartenzucht oder allerhand Gewerben. Gewöhnlich ist er auch

noch verheiratet und hat Weib und Kind bei sich.

In jeder Provinz giebt es einen Mandschu- oder Tatarengeneral,

der unabhängig von dem Provinzgouverneur seine (kaiserlichen)

Mandschutruppen befehligt und direkt der Zentralregierung untersteht,

außerdem noch einen General der Provinztruppen. Der kommandierende

General von Schantung hat sein Hauptquartier nicht in der Kaiserstadt,

sondern in Yentschou-fu, wo ich Gelegenheit bekam, Tieng-min-leh, dies

sein Name, kennen zu lernen. Er erwies mir nämlich die Ehre seines

Besuches. Ihm voraus trabte seine berittene Leibgarde, mit kurzen

Schwertern bewaffnet, dann kamen die Träger der Zeremonienschirme und

fantastisch geformten, auf langen Stangen sitzenden Zeremonienwaffen,

endlich der Karren des Generals, umgeben von zwölf Schwertträgern.

Militärmandarine bedienen sich bei Ausgängen oder Besuchen gewöhnlich

eines zweiräderigen Maultierkarrens, Zivilmandarine der Sänfte. Der

alte Herr war von einer Liebenswürdigkeit, wie ich sie noch bei

keinem Mandarin angetroffen hatte. Er blieb eine halbe Stunde bei

mir sitzen, sprach unter anderm von Napoleon III. und Moltke, dessen

Schriften, ins Chinesische übersetzt, sich in seiner Bibliothek

befänden. Er erwähnte auch, er hätte in den chinesischen Zeitungen

Shanghais und Pekings von meiner Reise gelesen, sowie von meiner

publizistischen Thätigkeit zu Gunsten Chinas während des japanischen

Krieges, und ich könne in China überall des freundlichsten Empfanges

sicher sein. Er sei ein großer Freund der Deutschen, hätte von diesen

viel gelernt und ließe auch seine Truppen nach deutschem Muster

drillen. Wie diese aussehen, ist aus den Abbildungen dieses Kapitels

zu entnehmen. Im ganzen mochte er in seinem Lager einige hundert Mann

haben.

[Illustration: Europäisch gedrillte Truppen in Tientsin.]

Der Sold der Soldaten des grünen Banners ist äußerst gering und beträgt

kaum mehr als zwanzig bis dreißig Pfennige für den Tag, wovon er sich

beköstigen und uniformieren muß, vorausgesetzt, daß ihm der Sold

überhaupt regelmäßig bezahlt wird. Gewöhnlich halten die Offiziere

kleinere Beträge zurück und geben sie den Soldaten dafür an Festtagen

oder zum neuen Jahre. Eine feste Dienstzeit giebt es in China nicht,

ebensowenig eine allgemeine Wehrpflicht. Es giebt keine Pension, keine

Alterszulagen, keine ärztliche Pflege, keine Armeeverpflegung, jeder

muß sich selbst nach Belieben verpflegen, nähren und kleiden. Die

Uniform der Provinzialtruppen besteht aus einer blauen Bluse mit rotem

oder weißem Besatz, auf deren Brust- und Rückenteil in einem etwa

zwanzig Centimeter großen, weißgeränderten Kreise die Provinz und das

Lager, in welchem der Mann steht, in chinesischen Lettern verzeichnet

sind. Die leinenen Beinkleider, gewöhnlich von blauer Farbe, stecken

in den kurzen Schäften der aus Filz verfertigten Stiefeln, und auf

dem Kopfe sitzt ein tellerartiger Tatarenhut aus Bambusgeflecht, bei

manchen Truppen mit einem roten Roßschweif geschmückt. Im Polizeidienst

besteht die Bewaffnung der Soldaten aus einer kurzen, ein-, zwei- oder

dreispitzigen Lanze, zuweilen auch aus einem Doppelschwert mit zwei

Klingen in einer Scheide. Auf dem Lande, außer Dienst, oder in den

Lagern sind die Soldaten gar nicht bewaffnet.

Die Rekrutierung erfolgt am Werbetische, und trotz des erbärmlichen

Soldes ist der Andrang doch immer stärker als der Bedarf. Ich sah

eine derartige Rekrutierung in Nanking. Auf dem freien Platze vor

dem Hause eines der höheren Offiziere war ein Zelt aufgeschlagen, in

welchem sich einige Offiziere befanden. Ein paar Soldaten, mit Lanzen

bewaffnet, hielten die sich herandrängenden Bewerber und das Volk in

Ordnung. Vor dem Zelte lag ein etwa sechs Fuß langer Bambusstock auf

dem Boden mit runden Steinen im Gewicht von zusammen hundert Catties

(etwa 65 Kilogramm), an den Enden des Stabes gleichmäßig verteilt. Die

Soldaten ließen die bis zur Hüfte entblößten Applikanten der Reihe nach

vortreten. Die Offiziere warfen ein paar prüfende Blicke auf sie, dann

wurde ihnen befohlen, den Bambusstock mit beiden Händen bis über den

Kopf emporzuheben. Bestanden sie diese Kraftprobe, so wurde ihr Name in

ein Register eingetragen und ihnen geheißen, im Lager vorzusprechen.

Dort erhielten sie einiges Handgeld, kaum viel mehr als einer Mark

entsprechend, und blauen Stoff, um ihre Uniform daraus nähen zu lassen.

Damit waren sie kaiserliche Soldaten.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 38 / 71 段