reichen Kaufleuten, Zöllen, Salz- und Opiumsteuern, Likin (Wegezöllen)
und anderem zu thun. In den Hafenstädten sind das Hauptzahlungsmittel
mexikanische, japanische, spanische, Hongkong- und Canton-Dollars,
selbst den Jangtsekiang aufwärts bis nach Tschunking werden sie überall
als Zahlung angenommen. So z. B. ist in Wuhu der Carolus oder spanische
Dollar allgemein eingeführt, und es sind davon auch in der ganzen
Provinz über eine Million verbreitet. Im Innern des Landes aber sind
es nicht Münzen, sondern Silberbarren, mit denen Zahlungen geleistet
werden. Ihrer dem chinesischen Schuh nicht unähnlichen Form nach werden
diese Barren allgemein mit dem englischen Namen Shoe bezeichnet.
Der gewöhnliche Shoe hat einen Wert von 50 Taels, es giebt aber
auch solche von 20, 10 und 5 Taels, welche wohl die kleinsten sind.
Im Chinesischen heißt dieses ungeprägte Silber Sycee (Seisieh). Um
Fälschungen der Barren zu vermeiden, bestehen in den größeren Städten
eigene Probierämter oder Kung-ku, die aber keineswegs Staatsämter sind,
sondern von den Bankhäusern und großen Geschäftsfirmen unterhalten
werden. Für die Prüfung und Bestimmung eines Shoes von 50 Taels wird
eine Gebühr von 50 Cash bezahlt. Da sich Silber auf dem Probierstein
je nach dem Silbergehalt mehr oder weniger entfärbt, so werden die
Shoes nach der Farbe (im Chinesischen Se) geprüft, und man sagt
„der Shoe hat 97 oder 98 Farbe”. Sobald der gewöhnlich sehr hohe
Silbergehalt bestimmt ist, wird der Shoe gewogen, und das Probieramt
schreibt mit roter Farbe den Inhalt und den Wert des Barrens in Taels
auf denselben. Diese Bestimmung wird von den Handelsleuten selten in
Zweifel gezogen und gewöhnlich in gutem Glauben angenommen.
Die Banken beschäftigen sich nicht nur mit der Verwaltung, Verzinsung
und Versendung von Geldern, sie gewähren auch Darlehen, bezahlen für
Kaufleute die Steuern und Abgaben, und ein höchst seltsames Geschäft
ist das Spekulieren in Beamtenstellen. Hat einer oder der andere
gelehrte Chinese seine Prüfungen gut bestanden, so hat er Anwartschaft
auf irgend einen Beamtenposten, den er nach Monaten oder nach Jahren
in Peking wirklich erhält. Während dieser Wartezeit werden ihm von
Banken, selbst von den Schansibanken, Vorschüsse geleistet, ja bei der
elenden Mandarinwirtschaft und der Käuflichkeit der Stellen schießen
die Banken die Gelder zum Ankauf einer Stellung vor, senden sie nach
Peking, und das Diplom, die Amtsinsignien und dergleichen werden auch
nicht dem Beamten, sondern der Bank zugesandt, welche sie dem neuen
Regierungsangestellten aushändigt. Die Bank zieht dann die Vorschüsse
von dem Gehalt der Beamten ratenweise ab. Der Geldverkehr zwischen
den einzelnen Städten wird gewöhnlich durch Wechsel besorgt, und die
Banken haben eigene, ich möchte sagen lokale Handlungsreisende, die
von Zeit zu Zeit oder auch täglich in den großen Geschäftshäusern
vorsprechen, um sich auf dem Laufenden zu erhalten. Sind beispielsweise
von vier verschiedenen Häusern in Futschau Gelder an ebensoviele
Häuser in Ningpo zu senden, so werden die Banken die Gesamtsumme an
ein europäisches Bankhaus in Futschau einzahlen, welches dafür einen
Wechsel an ein europäisches Haus in Ningpo sendet. Gleichzeitig
benachrichtigt die chinesische Bank in Futschau ihren Korrespondenten
in Ningpo, daß der an sie gelangende Wechsel in vier einzelnen Beträgen
an die vier bestimmten Handelshäuser zu zahlen sei. Kommt es vor,
daß Kaufleute in Ningpo bestimmte Summen an chinesische Kaufleute in
Futschau zu zahlen haben, so verständigen sich die Banken, und es
wird nur die Differenz übermittelt, also etwa das Prinzip unserer
„~Clearing Houses~”, aber ~par distance~.
Der Mittelpunkt dieses clearing für ganz China ist jedoch unzweifelhaft
nicht Canton oder Hongkong, sondern Shanghai. Die Bankhäuser in
Shanghai haben allerorts ihre Korrespondenten, und der größte Teil
des Geld- und Wechselverkehrs spielt sich dort ab. All dies zeigt
entschieden ein großes gegenseitiges Vertrauen, eine Ehrlichkeit und
Anständigkeit des Geschäftsverkehrs, von welcher man in Europa bisher
viel zu wenig Kenntnis hatte, und beweist, daß man die Chinesen in
dieser Hinsicht auch viel zu sehr unterschätzt, wie man bisher gewohnt
war, die Japaner zu überschätzen. Die geschilderten Verhältnisse
zerstören auch gründlich die immer noch in vielen Kreisen bestehende
Annahme, China besitze kein Geld, keinen Geschäftsverkehr, das Land
wäre seit Jahrtausenden erstarrt und verlottert.
Wie die Chinesen ihre Briefe befördern.
Der Umstand, daß in den Briefmarkenalbums nur chinesische
Zollbriefmarken, aber keine eigentlichen Reichspostmarken vorkommen,
hat in Europa die Meinung aufkommen lassen, China besitze überhaupt
kein Postwesen. Das mag richtig sein, wenn man sich darunter das
moderne Postwesen nach Stephanschem Muster vorstellt, mit seinen
regelmäßigen Versendungs- und Lieferzeiten, mit Briefmarken, Postkarten
und internationalen Einrichtungen. Man würde aber gewaltig fehlgehen,
wollte man annehmen, daß es in dem großen Reiche der Mitte überhaupt
keine Post gäbe. Im Gegenteil. Briefe, Pakete und Gelder können in
China heute von einem Ende des viele Millionen Quadratkilometer großen
Landes zum andern befördert werden, und diese Sendungen gelangen
mit erstaunlicher Sicherheit in die Hände der Adressaten. Städte
und Dörfer aller achtzehn Provinzen sind durch die chinesische Post
erreichbar, und unsere europäischen Kaufleute können mit dem Dalai Lama
von Tibet oder dem Vizekönig der Mandschurei beinahe ebenso einfach
korrespondieren, als wäre China ein Glied des Weltpostvereins.
Dabei sind die postalischen Einrichtungen Chinas nicht etwa
Errungenschaften der Neuzeit, den Europäern abgelauscht, wie es
beispielsweise in Japan der Fall ist. Das chinesische Postwesen ist
das älteste des Erdballs, älter als jenes der Aegypter und Chaldäer,
ebenso wie ja auch die chinesische Schriftsprache die älteste ist.
Schon vor fünftausend Jahren haben die Chinesen Briefe geschrieben und
durch ihre Post befördern lassen. Vor einem Jahrtausend besaßen sie
schon ihre Regierungszeitung, die durch Postboten an ihre Abonnenten
bestellt wurde, und da sage man, die Chinesen hätten keine Post! Marco
Polo hat in seinen Werken die erste Schilderung dieser Post entworfen,
und hätten die Europäer damals (etwa im dreizehnten Jahrhundert) mehr
Unternehmungsgeist besessen, es wäre, gestützt auf die Ausführungen
Marco Polos, vielleicht schon zu jener Zeit unserm Kontinent ein Thurn
und Taxis erstanden.
Erst im siebzehnten Jahrhundert gelangte das Postwesen in Europa auf
dieselbe Stufe, auf der es in China schon zu Anfang der christlichen
Zeitrechnung war. Seither ist es den Chinesen freilich in ungeahnter
Weise vorausgeeilt, während es bei den letztern beinahe auf derselben
Stufe wie zur Zeit Christi stehen geblieben ist. Bis vor wenigen Jahren
verschloß sich ja China sogar dem Telegraphen.
Ohne ein eigenes Postwesen wäre es den Chinesen gar nicht möglich
gewesen, ihr ungeheures Reich von einer Hauptstadt aus zu regieren.
Deshalb stand schon vor Jahrtausenden und besteht heute noch ein
eigener Kurierdienst, der in Peking seinen Mittelpunkt hat und dort dem
Kriegsministerium untersteht. In einem der Yamen des letztern stehen
beständig Kuriere und Pferde bereit, um die kaiserlichen Dekrete und
die Pekinger Zeitung an die Vizekönige der einzelnen Provinzen zu
bringen, und es werden davon in jeder Woche eine bestimmte Zahl nach
verschiedenen Richtungen versendet. Die Kuriere nach der Mandschurei
und nach dem nördlichen Tibet sind gewöhnlich beritten, während jene
nach dem Süden die mitunter über zweitausend Kilometer weiten Strecken
zu Fuß zurücklegen. Wie rasch diese Kurierpost funktioniert, geht
beispielsweise aus der Thatsache hervor, daß den kaiserlichen Beamten
für die Reise von Peking nach Canton, eine Strecke von etwa zweitausend
Kilometern, drei Monate eingeräumt werden, während die Postläufer
gehalten sind, diese Strecke in zwölf Tagen zurückzulegen. Es entfallen
also auf jeden Tag gegen hundertsiebzig Kilometer. Gewöhnliche
offizielle Dokumente werden mit einer Schnelligkeit von zweihundert Li
(etwa hundertzehn Kilometer) pro Tag befördert; Dokumente, welche mit
der Bezeichnung „Eilig” versehen sind, müssen mit der Schnelligkeit
von zweihundertzwanzig Kilometern, und solche, welche den Vermerk
„Sehr Eilig” tragen, mit der Schnelligkeit von vierhundert Kilometern
im Tag befördert werden. Während der Taipingrevolution versahen die
Reichspostboten zeitweise den Dienst mit einer durchschnittlichen
Schnelligkeit von zwanzig Kilometern in der Stunde.
Freilich werden zu kaiserlichen Postläufern nur die größten und
stärksten Männer ausgesucht, und sie heißen im Chinesischen auch
Tschien-fu, d. h. starke Männer, oder Tsien-li-ma, d. h. Tausendpferd.
In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich nur wenig von dem chinesischen
Landvolk: lose blaue Jacken mit langen, weiten Aermeln, kurze, bis
über die Knie reichende Beinkleider und einen schwarzen Hut, der in
Form und Größe einer umgestürzten Schüssel ähnelt. Die Waden sind
nackt, und die Füße sind mit leichten Strohsandalen bekleidet. In
der Rechten halten die Läufer einen papiernen Sonnenschirm, in der
Linken eine Papierlaterne, deren Licht nach Eintritt der Dunkelheit
angezündet wird. Die Depeschen, Zeitungen und Pakete sind in Oelpapier
eingeschlagen und gewöhnlich in einem Rückenkorb aus Bambusgeflecht
untergebracht, der durch ein um die Brust geschlungenes Tuch
festgehalten wird. An diesem letztern baumelt eine kleine Glocke oder
Schelle, das Abzeichen der Postläufer. Obschon die zu tragende Last
zuweilen vierzig bis fünfzig Kilogramm beträgt, ist die gewöhnliche
Gangart der Postläufer der Laufschritt. Tag und Nacht, bei glühender
Hitze oder grimmiger Kälte traben sie auf den elenden Wegen leicht
einher, oft mehrere Stunden ohne Unterbrechung. Unterkunft und Nahrung
erhalten sie in den einzelnen Ortschaften, die sie berühren, von den
Behörden, doch gilt es den Läufern als Regel, sich niemals zu sättigen,
sondern lieber öfter, dafür aber nur eine geringe Menge Speisen zu
sich zu nehmen. Charakteristisch für die Sicherheitszustände in China
ist es, daß die Postläufer keine Waffen tragen. Nur in unruhigen
Zeiten werden ihnen ein oder mehrere Geleitsmänner mitgegeben, ebenso
kräftig und ausdauernd, wie sie selbst sind. Diese Tschien-fu haben
eine eigentümliche Art, sich auf Kämpfe mit etwaigen Straßenräubern
einzuüben. In einem hohen Raume werden an langen, von der Decke
hängenden Seilen schwere Sandsäcke befestigt. Der Uebende stellt sich
in der Mitte zwischen denselben auf und versetzt der Reihe nach jedem
Sacke einen kräftigen Stoß, bis sie sich alle in schwingender Bewegung
befinden. Die Aufgabe des Uebenden besteht nun darin, die schweren
Säcke fortwährend in Schwingung zu erhalten und darauf zu sehen, daß
kein Sack ihn von hinten trifft oder gar umwirft. Sollte das geschehen,
so wird der Betreffende zum Geleitsdienst nicht mehr zugelassen. Man
glaubt gar nicht, welche Behendigkeit und Kraft es von dem Uebenden
erfordert, sich diese von allen Seiten auf ihn eindringenden Sandsäcke
vom Leibe zu halten, und die chinesischen Straßenräuber haben auch
gewöhnlich vor den Geleitsmännern der Post einen heiligen Respekt.
[Illustration: Briefbogen. Briefumschlag.
Ein chinesischer Brief (ein Viertel der natürlichen Größe).]
Für die reitenden Boten sind auf bestimmte Entfernungen Pferdewechsel
vorhanden, und die Beförderung der Postsäcke erfolgt in ähnlicher
Weise, wie sie beispielsweise in den Vereinigten Staaten noch in den
sechziger Jahren, vor der Eröffnung der Pacific-Eisenbahnen, stattfand.
Dort waren es Privatunternehmer, die bekannte, noch heute blühende
Firma Wells Fargo Expreß, welche die Briefbeförderung zwischen dem
Mississippithal und Kalifornien besorgten, und noch in den siebziger
Jahren bin ich in Arizona diesen Postreitern mitunter selbst begegnet.
Obschon die Läufer der chinesischen Regierungspost nur mit offiziellen
Depeschen Peking verlassen, werden ihnen auf ihrem Wege nach den
entfernten Provinzhauptstädten doch auch viele Privatbriefe zur
Besorgung übergeben, ein recht einträglicher Nebenverdienst, wenn man
bedenkt, daß die Beförderung eines Briefes, je nach der Strecke, zwei-
bis vierhundert oder selbst noch mehr Cash, d. h. vierzig bis achtzig
Pfennig kostet.
Aber der eigentliche nichtamtliche Postverkehr Chinas wird durch
private Postunternehmungen besorgt, deren es in jeder größeren Stadt
eine beträchtliche Anzahl giebt. Es spricht nicht wenig für die
Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Geschäftsleute, daß diese
privaten Postanstalten unter keinerlei Regierungsaufsicht stehen,
keine Bürgschaften zu hinterlegen haben und mitunter nur unbedeutendes
Betriebskapital besitzen; dennoch werden ihnen häufig von Kaufleuten
beträchtliche Geldwerte zur Beförderung übergeben. Obschon nun diese
Beförderung gewöhnlich durch einfache, arme Postläufer erfolgt und die
Briefe mitunter mehrmals die Hände wechseln, kommen Verluste doch nur
selten vor. Tragen die Angestellten der betreffenden Firmen die Schuld
an dem Verlust, so wird derselbe von den Firmen voll ersetzt.
Jede dieser Privatposten besitzt in den verschiedenen Städten eigene
Agenten, und wo sich eine Agentur für jeden einzelnen Unternehmer nicht
lohnen würde, bestellen mehrere einen gemeinschaftlichen Agenten,
welcher dafür an ihre Gesamtheit jährlich eine Art Miete zu entrichten
hat. Was er während des Jahres über diese Summe an Beförderungsgebühren
einnimmt, ist sein Verdienst. Wird die Summe aber nicht erreicht, so
wird ihm der Unterschied von den Postanstalten ersetzt.
Die Chinesen schreiben viel mehr Briefe, als man anzunehmen geneigt
wäre, und der ungeheure Geschäftsverkehr im Inland macht die große
Zahl von Briefen und dementsprechend auch die große Zahl von privaten
Postämtern begreiflich. Dennoch ist der Verdienst der letzteren wegen
der Zersplitterung des Postdienstes und der doppelten oder dreifachen
Besetzung desselben Postens nur gering. Würde die Regierung das
ganze Postwesen in eigene Verwaltung nehmen und in ähnlicher Weise
einrichten, wie es heute wohl in allen Staaten des Erdballs geschieht,
so könnten sehr beträchtliche Einnahmen erzielt werden.
Die Chinesen schreiben ihre Briefe gewöhnlich auf kleine, weiche,
gelbliche Papierbogen, die durch rote Striche in vertikale,
fingerbreite Spalten geteilt sind. Jede Spalte enthält eine Zeile
der eigentümlichen, von oben nach unten und von rechts nach links
geschriebenen Schriftzeichen.
Der Brief wird in einen geklebten Umschlag von länglicher Form
gesteckt, der der Länge nach mit einem zweifingerbreiten Streifen von
roter Farbe, der Glücksfarbe, bedruckt ist. Auf diesen wird die Adresse
geschrieben und der nun fertige Brief auf eines der Postämter getragen.
Briefmarken sind in den chinesischen Privatpostämtern unbekannt. Der
Beamte erkundigt sich, ob der Briefschreiber die Beförderung ganz
oder teilweise bezahlen oder die Bezahlung dem Adressaten überlassen
will, und pinselt dementsprechend einen Vermerk auf den Briefumschlag:
„Weingeld (d. h. Postgebühr) bezahlt”, oder „Weingeld nach dem Tarif”,
oder „so und so viel Cash bezahlt, Rest einzufordern”. Nur wenn der
Brief Banknoten, Wechsel und dergleichen enthalten sollte, wird die
Beförderungsgebühr von dem Absender bezahlt, und er erhält dafür einen
Empfangsschein, auf Grund dessen er im Fall des Briefverlustes die
volle Wertsumme vom Postamte einfordern kann. Bei solchen Wertsendungen
sind je nach der Entfernung des Bestimmungsortes für je hundert Taels
ein halber bis anderthalb Tael Versicherungsgebühr zu bezahlen.
Wohl giebt es bei den meisten Privatpostämtern Chinas, und es sind
deren Tausende, feste Tarife; je größer die Entfernung, desto höher die
Bestellungsgebühr; das Briefgewicht ist dabei Nebensache. Deshalb kommt
es auch in den verschiedenen Großstädten täglich vor, daß eine Anzahl
Briefschreiber ihre für dieselbe Stadt bestimmten Briefe in einen
einzigen Umschlag zusammenthun, wodurch je nach der Zahl der Briefe ein
oder mehrere Taels an Postgebühr erspart werden. Am Bestimmungsorte
übernimmt es dann der Adressat, die anderen beigeschlossenen Briefe
an ihre Adressen abzuliefern oder nochmals der Post zur Beförderung
zu geben. So beträgt beispielsweise die Gebühr für einen Brief von
Tschunking am oberen Jangtsekiang nach Hankau, eine Entfernung von 3000
Li, 60 Cash, im Hankauer Lokalverkehr jedoch nur 5 Cash; werden zwanzig
Briefe nach Hankau befördert, so würden sie einzeln 60 Cash, zusammen
1200 Cash, d. h. nahezu einen Tael kosten. In einem Umschlag vereinigt,
kosten sie nur 60 Cash, und dazu in Hankau selbst je 5 Cash, d. i.
100 Cash Bestellungsgebühr. Statt 1200 Cash haben also die Empfänger
zusammen nur 160 Cash zu bezahlen.
Uebrigens gelten die Tarifsätze der Postämter nur für Fremde und
Privatleute, die nur selten Briefe absenden. Die Inhaber der Postämter
lassen mit sich reden. Je geringer ihr Ansehen und ihre Stellung, desto
wohlfeiler ist die Beförderung; haben die Postämter es mit großen
Hongs, d. h. Geschäftshäusern zu thun, die viele Briefe absenden, so
gehen sie mit ihrem Tarif auf zwei Drittel oder die Hälfte herunter;
ja sie befördern die Briefe der Angestellten dieser Häuser ganz frei,
d. h. stempeln diese Briefe „Weingeld bezahlt” und lassen an den
Abgangstagen ihrer Postläufer die Briefe von den einzelnen Hongs durch
ihre Angestellten selbst abholen.
Beim Eintreffen der Kuriere senden die Postanstalten die Briefe den
verschiedenen Adressaten ins Haus und ziehen dabei die Gebühren ein.
Die großen Geschäftshäuser haben aber gewöhnlich bei ihren Postämtern
eine laufende Rechnung und zahlen die Briefgebühren ein- oder zweimal
jährlich.
In den Großstädten haben sich die meisten größeren Postunternehmungen
untereinander bezüglich der Absendung ihrer Läufer nach anderen
wichtigen Städten geeinigt, d. h. einen sogenannten Pool abgeschlossen,
demzufolge jeden Tag oder jeden zweiten, dritten, vierten Tag, je nach
Erfordernis, der Läufer einer anderen Postanstalt abgeht und die Briefe
sämtlicher Postanstalten mitnimmt. Da jeder Brief die zu bezahlende
Summe und den Namen der Postanstalt zeigt, so ist die Abrechnung
ziemlich leicht. Dank dieser Vereinigung der Postämter lohnt es sich
nunmehr auch, zeitweilig Kuriere nach entfernteren, unbedeutenden
Städten abzusenden, so daß heute thatsächlich in ganz China von diesen
Postanstalten Briefe bestellt werden. Der Kurier erhält von seinem
Absender den Auftrag, den betreffenden Brief auf seinem Wege in dem dem
Bestimmungsort nächstgelegenen Wirtshause abzugeben. Der Wirt verwahrt
den Brief, bis ein nach demselben Dorfe ziehender Maultiertreiber
oder Lastträger bei ihm vorkommt, und übergiebt ihn diesem zur
Weiterbeförderung. Gewöhnlich sind diese Leute froh, sich durch
solche Gelegenheiten ein paar Cash zu verdienen, und geben die Briefe
gewissenhaft ab.
Dort, wo zwischen verschiedenen Städten Dampferverkehr herrscht, werden
die Briefsäcke den Compradores, d. h. Zahlmeister, der Dampfer zur
Beförderung anvertraut, und diese beziehen dafür von den Postämtern
gewisse Summen, die entweder für jeden Postsack oder jährlich bezahlt
werden. An den verschiedenen Bestimmungsorten der Postsäcke erwarten
die Agenten der Postämter die Ankunft des Dampfers und nehmen die
Säcke zur Verteilung oder Weitersendung der Briefe in Empfang. In
ähnlicher Weise wird sogar auch der Briefverkehr zwischen China und
den zahlreichen chinesischen Kolonien in Ostasien, in Singapore, Siam,
Tonking, Saigon, den Philippinen besorgt. Die Chinesen gehen so viel
wie möglich den europäischen Postämtern aus dem Wege, besonders wenn
es sich um Beförderung von Geldsummen handelt. Gerade die Chinesen in
den Kolonien senden sehr viel Geld nach ihrem Heimatsland, wohin sie ja
gewöhnlich bei zunehmendem Alter selbst zurückkehren.
Auf Flüssen, die einen Dampferverkehr besitzen, werden die Postboten
gewöhnlich nur stromabwärts in eigenen Segel- und Ruderbooten nach
ihrem Bestimmungsort gesandt; der Verkehr stromaufwärts erfolgt zu
Land mittels Läufern. Am besten wird der ganze Postdienst dieser Art
aus der Schilderung des Verkehrs auf der wichtigsten Verkehrslinie
Chinas, dem Jangtsekiang, erhellen. Der entfernteste dieser Flußhäfen
ist Tschungking am oberen Jangtsekiang, in der Luftlinie nur
vierhundertdreißig Kilometer von der tibetanischen Grenze entfernt,
eintausendfünfhundert Kilometer von Peking und etwa ebensoweit von
Shanghai. Die wirkliche Entfernung dürfte zweitausend Kilometer
übersteigen.
Tschungking besitzt sechzehn Postämter, von welchen sich drei mit dem
Brief-, Geld- und Paketverkehr mit den stromabwärts gelegenen Städten
bis Shanghai befassen, während dreizehn den Postverkehr im ganzen
westlichen und südwestlichen China besorgen. Neun von ihnen besorgen
auch die Beförderung von Waren, Gepäck und Reisenden (mittels Sänften
und Tragstühlen) nach der Mehrzahl der dortigen Städte. Alle dreizehn
Postämter bilden eine Art Postverein, denn sie berechnen die gleichen
Gebühren und senden ihre Läufer, gewöhnlich drei- bis neunmal im Monat,
gemeinschaftlich aus. Von diesen Läufern werden nicht weniger als 48
der wichtigsten Städte und Märkte der Provinz Szetschuan regelmäßig
bedient, ferner fünf Städte in der 1000 Kilometer entfernten Provinz
Schensi, zwei Städte in Kansu, zwei in Kweitschau und drei in Yünnan,
zusammen also 60 Städte, in welchen die Postämter von Tschungking
eigene Agenturen unterhalten. Im Bedarfsfalle werden nach den
verschiedenen Städten noch Extraposten abgesandt, deren Zahl monatlich
im Durchschnitt sechs erreicht.
Die drei mit den Flußhäfen des Jangtsekiang verkehrenden Postämter
benutzen zur Beförderung der Briefe und Pakete sogenannte
Post-Wasserhände, d. h. kleine, von einem, höchstens zwei Mann
gelenkte Segel- und Ruderboote, in welchen die Kuriere und Poststücke
untergebracht werden. Die Briefpakete werden in Oelpapier gewickelt,
dann in wasserdichte Säcke gepackt und mit Schnüren an die Ruder des
Bootes gebunden, damit im Falle eines Schiffbruchs diese Ruder als eine
Art Rettungsgürtel dienen und die Briefsäcke nicht verloren gehen.
Ein Brief von Tschungking nach Hankau kostet 60 Cash, ein Paket etwa
300 Cash für je 500 Gramm Gewicht, ein Wechsel von 1000 Taels nach
Hankau 1000 Cash (also 1/10 Prozent), worin die Versicherungsgebühr
eingeschlossen ist. Die drei Postämter lassen gemeinschaftlich alle
fünf Tage ein Postboot nach Hankau abgehen, und ebenso häufig wird die
Post von Hankau nach Tschungking gesandt. Extraposten kommen jetzt, da
Tschungking bereits eine Telegraphenverbindung mit dem chinesischen
Netz besitzt, auf dieser Linie nur noch selten vor.
Die Postboote sind länger und leichter gebaut als die gewöhnlichen
Flußboote; der Bootsmann sitzt am Hinterteile des Schiffes und rudert
mit den nackten Füßen, wobei die große Zehe etwa wie der Daumen
arbeitet; mit der Rechten handhabt er das Steuerruder. Gleichzeitig
wird, wenn irgend möglich, auch das Segel benutzt; dennoch war die
kürzeste Zeit, in welcher ein Postboot von Tschungking Hankau erreicht
hat, bisher elf Tage, stromaufwärts würde es selbstverständlich noch
viel länger dauern; deshalb werden die Postboote, sobald sie Itschang
oder Hankau erreicht haben, für 3000 bis 4000 Cash verkauft und
Bootsleute, wie Kuriere kehren zu Land nach Tschungking zurück, wobei
sie gleichzeitig die Hankauer Post mitnehmen.