Dieser Wirrwarr von Münzen wird in den offenen Häfen, hauptsächlich

in Canton, Shanghai, Tientsin und Futschau, noch durch die vielen

ausländischen Münzen erhöht, Singapore-, Hongkong- und mexikanische

Dollars, dann japanische Yen, spanische und portugiesische Münzen,

alle von verschiedener Silbergüte und demzufolge von verschiedenem

Wert. Wenn sie nur alle echt wären! Aber in wenigen Ländern habe ich

eine so große Zahl schlechter oder falscher Münzen angetroffen wie in

den chinesischen Hafenstädten. Im Inlande oder in den nicht geöffneten

Häfen kommen Silbermünzen überhaupt nicht vor. In Shanghai und Hongkong

nehmen die chinesischen Großkaufleute oder jene, die mit Europäern in

regem Verkehr stehen, die Banknoten der Hongkong and Shanghai Banking

Corporation ohne weiteres an. Diese große Bank, unter deren Direktoren

sich mehrere Deutsche befinden, besitzt in den größten Städten

Ostasiens, von Singapore bis Yokohama, Filialen, und ihre Banknoten

sind bei den Europäern Ostasiens überall im Verkehr. Aber obschon

sie auf fünf, zehn und mehr Silberdollar lauten, ist ihr Wert in den

verschiedenen Städten doch verschieden. So wechselte ich beispielsweise

in Singapore englisches Geld in ostasiatische Dollarbanknoten ein

und erhielt dank der großen Silberentwertung für jeden Goldsovereign

statt 5 Dollar 9½ bis 9¾ Dollar. Man bedeutete mir, daß die

Singapore-Banknoten der Hongkong- und Shanghai-Bank in Shanghai

ebenfalls kursierten. In Shanghai mußte ich jedoch, als ich die

Singapore-Banknoten bei dieser gleichen Bank in Shanghai-Banknoten

einwechselte, fünf Prozent des Wertes bezahlen.

Meine erste Erfahrung mit chinesischem Geld in China selbst machte ich

in Canton. Ich hatte mir von Hongkong einige hundert Silberdollars

mitgenommen, da man mir sagte, Banknoten würden in Canton von den

Chinesen nicht angenommen. Bei meinen ersten Einkäufen in Cantoner

Juwelierläden bemerkte ich auf jedem Tische eine kleine Wage. Sobald

ich meine Silberdollars auf den Tisch gelegt hatte, nahm der Händler

die Münzen in eine Hand und legte der Reihe nach jede einzelne auf

den aufrecht gehaltenen Zeigefinger der anderen Hand; dann schlug er

mit einer zweiten Münze leicht an die erste an, und befriedigte ihn

der Silberklang, so ließ er die erste Münze in den Schoß gleiten,

legte die zweite auf den Finger und schlug mit der dritten auf die

zweite. So ging dies fort, bis alle Münzen geprüft waren. Zwei hatte er

ausgeschieden, für die ich ihm andere geben mußte. Damit war aber die

Prüfung noch nicht beendigt. Die ganze Menge wurde auf die Wage gelegt,

gewogen, und da sich eine Differenz von etwa einem halben Dollar

herausstellte, mußte ich ihm auch noch diesen bezahlen. In den anderen

Kaufläden ging es mir ebenso, und bei meiner Abfahrt von Canton hatte

ich eine ganze Menge zurückgewiesener, schlechter Dollars in der Tasche.

In den großen Bankhäusern von Hongkong und Shanghai bewunderte ich

die unglaubliche Fertigkeit, mit welcher die Schroffs (chinesische

Unterbeamten) die einzelnen Dollars nach ihrer Güte prüfen. Die Banken

Ostasiens, darunter mehrere deutsche, haben nämlich wohl Europäer

als Leiter, Kassierer, Korrespondenten und Buchführer, welche die

eigentlichen Bankgeschäfte führen, allein Banknoten und klingende Münze

sind ausschließlich unter der Obhut der Chinesen. Die langbezopften,

bartlosen, mitunter recht ausgemästeten Gestalten, mit ungeheuren

kreisrunden Brillen auf der Nase, haben in den Bankhäusern eigene

Lokale, wo auf Zähltischen Massen von Banknoten und Geldrollen liegen,

wo schwere Kisten, mit Silberdollars gefüllt, bis zu Manneshöhe

aufgetürmt stehen und Haufen von Silberbarren auf den Fußböden liegen,

oft Hunderttausende von Dollars im Wert. Wird Silbergeld eingezahlt,

so übernehmen die Schroffs die Rollen und prüfen jeden einzelnen

Dollar, indem sie ihn äußerst geschickt mit den Fingern der einen Hand

emporschnellen und mit der anderen auffangen, und jede, deren Klang

den Schroff nicht befriedigt, wird zurückgewiesen. Dann werden diese

minderwertigen Dollars eigens berechnet, die anderen, um ihr Gewicht

zu prüfen, gewogen, und der Eigentümer erhält eine Anweisung an die

europäischen Bankbeamten für die entsprechende Summe, die ihm von

diesen in einem Check oder, wenn er Banknoten will, von Chinesen in

solchen ausbezahlt wird.

Der oberste Beamte der chinesischen Angestellten, selbst ein Chinese,

heißt Komprador. Derartige Kompradores besitzt gewiß jede europäische

Firma in China, von Hongkong hinauf bis nach Nintschuang, Hankau oder

Tschunking, im Innern des Landes, nahe der tibetanischen Grenze.

Ohne Komprador wäre der Verkehr mit den Chinesen überhaupt nicht

möglich. Alle Kompradores sprechen das eigentümliche, in ganz Ostasien

gebräuchliche Pidschen-Englisch, und in dieser, selbst dem englisch

sprechenden Fremden ziemlich unverständlichen Sprache verkehrt der

ostasiatische Kaufmann mit dem Komprador, der seinerseits den ganzen

Bargeldverkehr seines Kaufmanns leitet, das Bargeld in seinen Händen

hat und seine Bücher in chinesischer Sprache führt. Die Kompradores

erlegen bei ihrem Eintritt in das Geschäft eine Bürgschaft, aber auch

ohne diese würden sie das Vertrauen ihrer Firma selten mißbrauchen,

ja ihre Ehrlichkeit ist im gewissen Sinne sprichwörtlich. Nicht nur

der europäische Kaufmann in China, auch der Privatmann hält sich einen

Komprador, der alle Geldgeschäfte seines Herrn unter sich hat. Der

Europäer führt gewöhnlich überhaupt kein Geld bei sich, höchstens

einige kupferne Cash, um sie gelegentlich einem Bettler zu geben. Bei

Einkäufen irgendwelcher Art, auf den Märkten, in Kaufläden, Gasthöfen

und Klubs werden alle Rechnungen mit „Chits” bezahlt.

Der Chit (sprich Tschitt) ist ein leeres Blatt Papier von etwa

zehn Centimeter ins Geviert, mit der Firma des Eigentümers als

Kopf. Gewöhnlich sind deren fünfzig oder hundert zu einem Block

zusammengeklebt. Kauft der europäische Kaufmann einen Anzug oder ein

Buch oder irgend einen Gegenstand, so wird der Verkäufer den Betrag auf

ein Blatt des „Chitbook” schreiben, und der Käufer unterzeichnet es.

Will der Europäer in irgend einem Gasthofe oder Klub ein Glas Wein oder

eine Flasche Sekt trinken, so wird ihm der Kellner (stets ein Chinese)

das Chitbook vorlegen. Der Konsument schreibt den Betrag mit Bleistift

darauf, setzt seinen Namen darunter und entfernt sich. Selbst mir, dem

Fremden, der in jeder Stadt höchstens ein paar Wochen weilte, wurde

nicht Barzahlung abgefordert, sondern einfach das Chitbook vorgelegt.

Diese Papierblättchen werden von den Handelsleuten in bestimmten

Zeiträumen den Firmen nach gesondert und dann von dem eigenen Komprador

den Kompradores der betreffenden Firmen zur Zahlung unterbreitet.

Meine eigenen Chits wurden den Kompradores des Hotels, wo ich eben

wohnte, gesandt, und diese bezahlten die Beträge ohne weitere Frage.

Zahlte ich in größeren Kaufläden mit einer Banknote, auf die ich einen

Betrag herauszubekommen hatte, so erhielt ich von dem Verkäufer einen

Chit für den Komprador des Geschäftes, der irgendwo in der Ecke hinter

seinem Zahltische saß, und dieser zahlte mir den Betrag gegen Abgabe

des Chits. Will eine Hausfrau bare Münze haben, so wendet sie sich

nicht an ihren Gatten, sondern giebt ihrem Komprador einen Chit, und

dieser zahlt ihr den darauf verzeichneten Betrag in bar. Niemand in

diesen Großstädten Chinas hat Bargeld in der Tasche, nur der Komprador

hat es stets. Er ist die lebendige Geldlade. Er kassiert Beiträge ein,

zahlt sie aus, führt Ueberschüsse an die Bank ab und legt zeitweise die

Bücher seinem Brotherrn zur Prüfung vor. Das ist alles, was dieser mit

Geld überhaupt zu thun hat.

Unter den Chinesen dagegen ist im Lokalverkehr, ausgenommen bei

größeren Beträgen, nur Barzahlung gebräuchlich, und deshalb hat auch

jeder Kaufmann seine Goldwage und seinen Probierstein für Silber

neben sich auf dem Kauftisch stehen, um die Münzen nach ihrer Güte zu

prüfen. Goldmünzen hat es in China niemals gegeben und giebt es auch

heute nicht. Gold ist in China überhaupt selten zu sehen. Empfängt

der chinesische Kaufmann einen Silberdollar in Zahlung, und findet er

ihn gut, so prägt er sofort seinen Stempel darauf, den sogenannten

„Chop”, und hat er keinen, so drückt er den Farbenstempel auf oder malt

seine Unterschrift in roter Farbe auf den Dollar. Als ich das erste

Mal in Hongkong Banknoten in Silberdollars umwechselte, erhielt ich

in Papier gewickelte Münzenrollen, die ihrer Länge nach zu schließen,

den doppelten Betrag enthalten mußten. Ich fürchtete, der betreffende

Schroff hätte sich zu seinem Nachteil geirrt, und öffnete die Rolle,

um nachzuzählen. Als ich die Dollarmünzen vor mir sah, war auch die

verdächtige Länge der Rollen erklärt. Von den hundert Dollars, welche

sich in jeder Rolle befanden, waren nicht zehn unversehrt. Alle anderen

zeigten mehrere tiefe Eindrücke von chinesischen Firmennamen, jeder

etwa zweimal so groß als die Stempelzeichen auf unseren Silber- oder

Goldwaren. Bei einzelnen war von der Prägung gar nichts mehr zu sehen,

und durch diese Dutzende, ja vielleicht Hunderte von Stempeln waren

aus den flachen Münzen silberne Hohlgefäße geworden im Verhältnis so

tief wie unsere flachen Theeschalen. Nur die Randprägung war noch

erkenntlich und besagte, daß diese Silberschalen einst Münzen waren.

Diese Hohlprägungen also waren die Ursache, daß die Geldrollen eine so

ungewöhnliche Länge zeigten.

Aber nicht genug damit. In manchen Kaufläden und Wechselstuben

Cantons fand ich auf den Tischen kleine Körbe, gefüllt mit kleinen

Silberstückchen und Silberringen, und als ich sie näher besah,

entpuppten sich die Ringe als die Ränder von Silberdollars, welche so

viele Stempel empfangen hatten, daß endlich Stück für Stück aus der

Mitte herausgefallen und nur der äußere Rand der Münze übrig geblieben

war. Die einzelnen Silberstückchen im Korbe aber waren derartige Teile

der Dollars. Auch sie sind noch gangbare Münzen. Sie werden einfach

abgewogen, und ihr Wert wird nach dem Gewicht berechnet.

Wie die Wage und der Probierstein, so ist dem chinesischen Kaufmann

noch ein dritter Gegenstand für den geschäftlichen Verkehr absolut

unentbehrlich, nämlich das Rechenbrett. Ohne Rechenbrett ist

der Chinese einfach hilflos und nicht im stande, die kleinsten

Rechenexempel auszuführen. Bei jeder gewöhnlichen Addierung, sagen

wir, um 5, 7 und 11 zusammenzuzählen, nimmt er das Rechenbrett zu

Hilfe und fingert darauf herum, wie auf den Saiten einer Zither. Das

Rechenbrett, im Chinesischen Swampan genannt, besteht aus einem Rahmen

von der Größe eines Papierbogens, zwischen den eine Anzahl paralleler

Stäbchen eingesetzt sind. Diese sind durch ein Querstäbchen in zwei

Teile geteilt. Auf der einen Hälfte jedes Stäbchens stecken je fünf

kleine Holzkugeln, auf der anderen je zwei. Jede der fünf Kugeln

zählt eins, jede der zwei Kugeln fünf. Will der Chinese zählen, so

schiebt er zunächst alle Kugeln an die Rahmenwände zurück. Um dann

beispielsweise sechs und acht zusammenzuzählen schiebt er eine einzelne

der fünf Kugeln und eine der zwei Kugeln desselben Stäbchens gegen den

mittleren Teilstab zusammen und hat so sechs; dann schiebt er, um acht

dazu zu bekommen, drei weitere Einserkugeln desselben Stäbchens und

die zweite Fünferkugel zusammen; zwei Fünfer bilden aber eine Zehn;

diese werden durch die auf dem nächsten Stäbchen zur Linken sitzenden

Kugeln dargestellt; er schiebt also wieder beide Fünferkugeln an die

Wand zurück, dafür eine Zehnerkugel vor und hat so zehn und vier, also

vierzehn. Die Kugeln des zweitnächsten Stäbchens stellen die Hunderte,

jene des drittnächsten die Tausende dar. Ich habe nicht nur in China

und Japan, sondern in allen ausländischen Kolonien der Chinesen, in

Siam, Singapore, Japan, Korea, Nord- und Südamerika in jedem einzelnen

chinesischen Kaufladen ausnahmslos derlei Rechenbretter gefunden, und

die Chinesen hängen mit einem gewissen Aberglauben an ihnen. Werden

beispielsweise in Canton morgens die Kaufläden geöffnet, so ist es das

erste Werk der Händler, ihren Swampan zur Hand zu nehmen und allmählich

immer heftiger zu schütteln, daß die Kugeln lärmend aneinander

klappern. Das bringt ihrer Meinung nach gute Geschäfte mit sich.

Im Straßenverkehr der chinesischen Städte spielen die Cashwechsler eine

große Rolle. In den Geschäftsstraßen kauern sie zuweilen dutzendweise

längs der Häuser, vor sich ein Tischchen mit Haufen von Kupfermünzen,

neben sich einen Korb mit einigen zwanzig oder dreißig Strängen von

Cash, ihr ganzes Arbeitskapital. Es war mir immer ein Wunder, wie diese

langbezopften Leutchen ihr Leben fristen konnten, denn ihr ganzes

Barkapital würde einem Europäer mit bescheidenen Bedürfnissen nicht

länger als eine Woche genügen. Und diese Wechsler leben damit nicht

nur Jahr aus Jahr ein, sie verdienen sich auch noch ganz hübsche

Sümmchen. Hat einer der vielen ambulanten Frucht- oder Gemüsehändler,

Barbiere, Restaurateure einen Sack voll kupferner Cash verdient, so

tauscht er sich diese losen Münzen gegen die entsprechende Anzahl

Cashstränge, sogenannte Tiao, ein. Er leert seinen Geldschrank vor

dem Wechsler, und dieser untersucht und zählt die Mengen großer und

kleiner, alter und neuer, guter und schlechter Kupfermünzen, wie sie

eben in dem täglichen Verkehr in ganz China durch so und so viele Hände

wandern. Nach längerem Feilschen werden Händler und Wechsler einig,

und der letztere giebt dem ersteren für den vollen Münzenhaufen schön

zusammengebundene Geldwürste, aus einiger Entfernung betrachtet, einem

Pärchen Frankfurter nicht unähnlich.

Jede Wurst, von je 30 Centimeter Länge, enthält etwa 250 durchlochte

Bronzemünzen; das Gewicht des Wurstpaares beträgt durchschnittlich

2 Kilo, und der Wert beläuft sich auf etwa 1 Mark 20 Pfennig. Da es

im Innern Chinas häufig schwer fällt, Silberbarren gegen derartige

Bronzemünzen umzutauschen, so mußte ich auf meinen Reisen, um nicht

in Zahlungsverlegenheiten zu kommen, gewöhnlich 30 bis 40 Tiao, also

60 bis 80 Kilo Münzen mit mir führen, und meine Geldbörse war ein

zweispänniger Reisekarren.

Während die Zölle und Steuern in Taels bezahlt werden, entsprechen die

Cashstränge aber nicht den Taels, sondern t’scha-pu-to (beiläufig)

eher dem Dollar. In China ist alles t’scha-pu-to, sogar das Geld.

Um einen Strang zu machen, sucht der Wechsler aus seinen Münzhaufen

zuerst zehn Säulen von je 100 Cash zusammen, wobei er aber auch eine

gewisse Anzahl schlechter, durch Falschmünzer zur Verbreitung gelangter

Cash einschmuggelt. In jedem Strange werden sich immerhin 30 bis 50

derartig minderwertige Cash befinden, und darin liegt das Geheimnis des

Verdienstes der Wechsler. Dann dreht er ein Hanfseil fest zusammen,

macht einen Knoten in der Mitte und fädelt nun 100 Cash auf den Strang;

hierauf wird ein kleiner Knoten gemacht, abermals eine Säule von 100

Cash aufgefädelt, bis der Strang zehn derartige Abteilungen von je

100 Cash enthält. Er wird nun fest zu einem Kranz zusammengebunden

und repräsentiert t’scha-pu-to einen Dollar spanischer, japanischer,

mexikanischer oder Hongkonger Münze. Aber die letzte Abteilung enthält

nicht 100, sondern 74 Cash. 20 werden abgezogen, weil es so Sitte ist,

und die übrigen 6 Cash sind für den Hanfstrick. Der Wechsler hat also

von jedem Dollar 26 Cash offiziell, außerdem etwa 30 bis 50 andere, da

er schlechte Cash eingeschmuggelt hat, und überdies läßt er sich für

diesen Strang von dem Kunden nicht 1000, sondern vielleicht 1050 bis

1070 Cash zahlen unter dem Vorwande, daß sich unter dessen Münzen eine

große Anzahl schlechter Cash befänden. Er mag also bei jedem Strang bis

zu 100 Cash verdienen, d. h. bei jedem Dollar ein Zehntel. Verkauft er

im Tage 10 bis 20 Dollar, so hat er sich ein für einen Chinesen recht

annehmbares Sümmchen verdient. Deshalb also die vielen Wechsler in den

Straßen.

Die nächsthöhere Klasse der chinesischen Bankiers sitzt schon in

eigenen Läden, die mit dem Gott des Handels, einer abscheulichen

bärtigen Puppe, mit phantastischen Gewändern angethan, geschmückt sind.

Der Gott des Handels muß ja Glück bringen. In den Geschäften Cantons

sind diese Fratzen in Nischen nahe der Decke im Hintergrund des Ladens

aufgestellt, und eine brennende Lampe davor soll den bezopften Götzen

wach erhalten. Vorn, gegen die Straße zu, befindet sich der Ladentisch

mit Silberwage, Rechenbrett und einigen Körben für das Silber, denn

diese Klasse von Bankiers hat mit Kupfermünzen wenig mehr zu thun. Sie

haben, wie alle anderen Berufszweige, auch ihre eigenen Vereinigungen

oder Klubs mit gedruckten Vorschriften, die bei schweren Geldstrafen

genau befolgt werden müssen. In ihnen wird z. B. den einzelnen

Mitgliedern vorgeschrieben, dieselben Zinsen und Gebühren zu berechnen

und einander nicht zu unterbieten.

Die Hauptgeschäfte dieser kleinen Bankiers sind denen ihrer

europäischen Kollegen nicht unähnlich, nur berechnen sie für Darlehen,

Wechsel, Checks und dergleichen erheblich mehr als die letzteren.

Ein fester Zinsfuß besteht selbstverständlich in China nicht, und

die Zinsen richten sich beispielsweise bei Darlehen ausschließlich

nach der Stellung desjenigen, der ein Darlehen aufnimmt. Genießt er

Ansehen und guten Ruf, so braucht er „nur” ½ bis ¾ Prozent im Monat

zu bezahlen, oder 8 bis 10 Prozent im Jahre. Papiere, Schuldscheine

und ähnliches werden nicht verlangt. Das Wort des Betreffenden oder

höchstens noch eines Bürgen genügt. Andere, weniger „gute” Kunden haben

12 bis 14, ja noch mehr Prozente zu bezahlen. Die Bankiers nehmen

auch Depositen an, für welche sie etwa die Hälfte der Darlehnszinsen

bezahlen. Sind die Geschäftsleute vertrauenswürdig, so können sie

auch mehr ziehen, als ihr Guthaben ausmacht, je mehr, desto besser,

weil sie ja hohe Zinsen dafür zu zahlen haben. Vertrauen spielt in

China vielleicht noch eine größere Rolle als bei uns, und entschieden

wird dort viel weniger geschrieben. Geldanweisungen oder Wechsel

werden ziemlich allgemein, wenigstens in den Provinzen, in denen sie

ausgestellt wurden, als Zahlung angenommen und gehen durch verschiedene

Hände. Die Chinesen haben eigentümlicherweise dreierlei Schreibarten

für Ziffern. Wie wir etwa die arabischen und römischen Ziffern haben,

so besitzen sie für den gewöhnlichen Gebrauch recht einfache Ziffern,

z. B. für eins 一, zwei 二, drei 三, zehn 十 und so fort; hundert, tausend

und zehntausend setzen sie aber nicht wie wir aus den Grundzahlen

zusammen, sondern sie besitzen eigene Zeichen dafür, denn sie haben

keine Null. Für Wechsel und Checks verwenden sie viel kompliziertere

Schriftzeichen, und eine dritte noch schwierigere Art dient für

bedeutende Summen, Urkunden und dergleichen.

Ein chinesischer Wechsel besteht aus einem Streifen zähen Papiers, auf

welchem allerhand schwarze, rote und blaue Schriftzeichen aufgemalt und

aufgestempelt sind. In Blau prangt der Name des Bankiers und das Datum,

in Schwarz jener des Ausstellers und der Betrag, in Rot werden die

Unterschriften jener gemacht, durch deren Hände der Wechsel geht. Die

Bankfirma drückt, bevor sie den Wechsel aus ihrem Buche reißt, ihren

Stempel derart auf, daß die eine Hälfte auf den Wechsel, die andere auf

den entsprechenden Coupon fällt, und von diesem Stempel und dem Namen

oder der Stellung der Firma hängt auch der Wert des Wechsels ab. Die

Provision für den Bankier beläuft sich auf 3 bis 4 Prozent.

In verschiedenen Städten haben die kleineren Bankiers das Recht,

Banknoten auszugeben, ohne irgendwelche staatliche Kontrolle, aber sie

sind doch gehalten, wenigstens die Hälfte des Wertes ihrer im Umlauf

befindlichen Banknoten in Bargeld zu besitzen. Die kleinste Banknote

lautet auf 400 Cash (nach dem gegenwärtigen Kurse beiläufig eine Mark),

die höchste auf 500 Tiao. Für falsche Banknoten sind die Bankhäuser

nicht haftbar.

[Illustration: Tiau-Banknote in Schantung (natürl. Größe).]

Am wichtigsten sind für den Europäer die großen chinesischen Banken,

deren sich in jeder Stadt mehrere befinden, und die auch mit den

europäischen Banken der offenen Häfen in regem Geschäftsverkehr stehen.

Das Kapital dieser Banken wird entweder von den Firmeninhabern selbst

aufgebracht, oder es beteiligen sich große Kaufleute und Aktionäre

daran, ganz wie bei uns. In den offiziellen Berichten der Zollbehörden

an die Zentralstelle in Peking fand ich das Kapital der Mehrzahl

dieser „großen” Banken durchschnittlich mit 20000 bis 150000 Taels

angegeben; das größte Kapital besitzen mehrere Canton-Banken mit

500000 Dollars. Leider hat die Zollbehörde in Shanghai in den letzten

bis auf 1880 zurückreichenden Berichten unterlassen, von den dortigen

Banken zu sprechen, denn Shanghai ist unzweifelhaft der wichtigste

Handelsmittelpunkt des chinesischen Reiches, dasselbe, was die Londoner

„City” für England und seine Kolonien ist. Es wäre möglich, daß in

Shanghai eine oder die andere chinesische Bank ein Kapital besitzt, das

eine Million und mehr erreicht.

Von diesen „großen” Banken sind in den verschiedenen Hafenstädten

die Haikwanbanken die wichtigsten, denn diese befassen sich mit

den Einzahlungen der Zölle an die Zollämter und der Absendung der

Zolleinnahmen nach Peking resp. Tientsin. Die Zölle dürfen nicht in

gewöhnlichen Provinz-Taels, sondern nur in vollwertigen, gesetzlich

bestimmten Taels einbezahlt werden, und daher auch der Name Haikwan

tael, der in der letzten Zeit in den europäischen Zeitungen häufig

zu lesen war. In den Europäern nicht geöffneten Städten nehmen

diejenigen Banken die erste Stelle ein, welche die Steuern, Likin,

Abgaben für Opium und Salz einkassieren, die Beamtenbesoldungen

ausbezahlen und die Einnahmen der einzelnen Distrikte nach Peking

remittieren. Diese Banken sind nicht etwa Staatsbanken. Gewisse, das

Vertrauen des Gouverneurs oder Taotais genießende Bankhäuser werden

eben mit den Regierungsgeschäften betraut. Möglicherweise haben sie

sich diese Stellung durch Bestechung der Beamten erworben, oder die

letzteren beteiligen sich an dem Gewinn. Da sie das größte Ansehen

genießen, werden ihnen häufig auch die Gelder von kaufmännischen

oder Wohlthätigkeitsgesellschaften, Waisenhäusern und Spitälern zur

Verwaltung gegeben. Sie zahlen für Depositen weniger Zinsen und sind

überhaupt konservativer als die gewöhnlichen Banken. Ihnen zunächst

im Ansehen und Vertrauen kommen die sogenannten Schansibanken. Sie

führen diesen Namen deshalb, weil ihre Leiter durchwegs aus der

Provinz Schansi im Norden Chinas stammen; auch ihre Angestellten sind

größtenteils aus der gleichen Provinz, womöglich sogar aus demselben

Orte. Die Hauptsitze dieser Schansibanken befinden sich in den

größten Städten Chinas, und von dort werden in kleineren Städten und

Hafenplätzen Zweigbanken gegründet. Wie groß das Vertrauen ist, das man

diesen Schansileuten entgegenbringt, geht aus der Thatsache hervor, daß

die Zweighäuser häufig ohne irgend welches Kapital gegründet werden.

Kaum hat die Bank ihre Thüren geöffnet, so erhält sie schon Depositen,

mit denen sie ihr Geschäft betreibt.

[Illustration: Das Zunfthaus der Cantoner Kaufleute in Futschau.]

Jede der genannten Banken besitzt einen Beamtenstand von sechs bis

zwölf, ja bis zu zwanzig Leuten, welche feste Summen monatlich

beziehen und außerdem noch an dem Gewinn der Bank beteiligt sind.

Eine Ausnahme machen die Schansibanken. Wird ein Beamter in irgend

einem Zweighause im Innern des Landes angestellt, so geschieht dies

gewöhnlich auf die Dauer von drei Jahren, während welcher Zeit die

Familie des Betreffenden als Pfand unter der Aufsicht des Haupthauses

bleibt und von diesem allen Lebensbedarf erhält, der genau verrechnet

wird. Auch der Beamte erhält während der drei Jahre keinen Gehalt, er

entnimmt den Bankgeldern alles, was er für Nahrung, Wohnung, Kleidung,

für Repräsentationskosten, Bankette und dergleichen bedarf, und bucht

jeden Betrag unter den Bankausgaben. Unterbeamte erhalten ihren

Bedarf an Kleidung, Nahrung und dergleichen von dem Bankchef. Während

der ganzen Dienstzeit dürfen sie mit ihren Familien nur durch das

Hauptbankhaus verkehren, d. h. ihre Briefe an die Familie werden zuerst

von den Chefs gelesen, bevor sie in die Hände der Familie gelangen.

Nach Ablauf der drei Jahre werden sie von anderen Beamten abgelöst

und kehren mit ihren Büchern nach dem Hauptsitz der Bank zurück. Dort

werden die letzteren geprüft, und hat sich neben ehrlicher Verwaltung

der Gelder auch noch ein ansehnlicher Gewinn gezeigt, so erhalten

die Beamten eine bedeutende Summe als Belohnung und dürfen zu ihren

Familien zurückkehren. Werden Unterschleife entdeckt, so müssen sich

die Betreffenden vor dem Gericht verantworten und werden gegebenenfalls

eingesperrt.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 36 / 71 段