letzte, enthält das Datum: Tag, Monat und Regierungsjahr des Kaisers;
die zweite die Inhaltsangabe (mu-lu). Dann folgen auf dem Rest der
ersten und zuweilen auch der zweiten Seite Hof- und Palastnachrichten.
Jeder Ausgang des Kaisers, jedes Gebet, jeder Besuch wird genau mit
allen Einzelheiten des Zeremoniells, der Kleidung und des Gefolges
verzeichnet. Die dritte Seite enthält den Garnisonsbefehl, d. h.
den Stand und die Dienstleistungen der verschiedenen Tatarenbanner
von Peking. Auf den folgenden Seiten befinden sich die Edikte des
Kaisers, dann die Ernennungen und Verfügungen auf Grund von Meldungen
der Zensoren und Provinzgouverneure, schließlich Meldungen aus den
verschiedenen Provinzen und Vorkommnisse in Peking, kaiserliche,
militärische oder polizeiliche Strafen und dergleichen. Eine
eigentümliche Einrichtung der Pekinger Zeitung ist es, daß die
Verfügungen des Kaisers gewöhnlich einige Tage früher veröffentlicht
werden als die Berichte der Gouverneure, auf welche hin sie getroffen
wurden, denn die chinesische Hofetikette schreibt vor, daß die
kaiserlichen Worte stets allen andern vorgehen.
Im ganzen und großen ist also die Pekinger Zeitung etwa unseren
offiziellen Regierungszeitungen ähnlich, allein man würde sich gewaltig
irren, wollte man annehmen, ihr Inhalt wäre auch ähnlich langweilig.
Im Gegenteil, die Lektüre derselben oder vielmehr die Uebersetzung
ist für den Europäer, welcher Hof und Regierung, Leben und Sitten in
China kennen lernen will, eine unerschöpfliche Quelle des Wissens,
und ich gestehe offen, ich verdanke dieser Lektüre mehr Nachrichten,
Fingerzeige, Aufschlüsse als allen dickbändigen Reisewerken über
China. Ich bin zuerst in Siam auf diese offiziellen Veröffentlichungen
aufmerksam gemacht worden, und während meiner folgenden Reisen in
China, Korea und Japan war es stets meine erste Sorge, möglichst
viele Nummern der Regierungszeitungen durchzustudieren. Sie sind die
einzigen Bädeker jener Länder. Das ganze China, von Peking bis in
die fernsten Grenzländer, vom kaiserlichen Hofleben bis herab zu dem
Treiben der Wegelagerer und Seeräuber entrollte sich in diesen kleinen,
mit Hieroglyphen gefüllten Blättchen vor meinen Augen: Militär und
Marine, Gerichtspflege, Tempelopfer und Ahnenverehrung, Beamtenwesen,
Agrikultur, Industrie, Aberglauben und Volksgebräuche, und fürwahr, es
könnte kein besseres Buch über China geschrieben werden, als wenn man
einen Jahrgang der Pekinger Zeitung übersetzen und durch Erklärungen
ergänzen würde.
Das, was man in anderen Ländern gewöhnlich als offizielles
Vertuschungssystem bezeichnet, kennen die Chinesen nicht. Ich war auf
das höchste erstaunt, als ich in der Pekinger Zeitung alle Missethaten
der höchsten Mandarine, Ministerialbeamten, Tatarengenerale ganz offen
geschildert fand. Ja sogar Anklagen gegen die Kaiserin-Exregentin,
gegen die Kaiserinnen und Prinzen von seiten der Zensoren finden in der
Tsing-pao Aufnahme, dazu die Strafen, welche der Kaiser auf Grundlage
von Berichten zu erteilen für gut fand. Wo wäre ein ähnliches Vorgehen
in europäischen Staaten denkbar?
Die Erklärung dieses merkwürdigen sozialen Phänomens liegt darin, daß
es in China keine innere Politik, keine politischen Parteien, keinen
Sozialismus und Anarchismus giebt; daß man in China keine absolute,
keine despotische Regierung, sondern im wahren Sinne des Wortes nur ein
Patriarchat kennt. Die Chinesen werden wie eine Familie betrachtet,
deren Patriarch der Kaiser ist, und vor diesem giebt es kein hoch und
niedrig, alle werden nach demselben Recht und Gesetz behandelt.
In den dem europäischen Handel geöffneten Vertragshäfen entstanden in
den letzten Jahren auch einige chinesische Tageszeitungen, aber sie
wurden ursprünglich nicht durch Chinesen, sondern durch Engländer
gegründet. In diesen Vertragshäfen spielt das Zeitungswesen eine
bedeutende Rolle. Obschon beispielsweise Shanghai nur etwa 6000
europäische Einwohner zählt, hat es fünf Tageszeitungen, davon vier
in englischer und eine in französischer Sprache erscheinend, ferner
mehrere Wochenblätter, darunter ein deutsches: Der ostasiatische
Lloyd, das einzige deutsche Blatt in ganz Asien. Hongkong mit
seinen 10000 Europäern besitzt drei englische Tages- und zwei
Wochenblätter, Tientsin, Amoy und Futschau je eine Tageszeitung,
obschon die europäischen Kolonien dieser Städte kaum einige hundert
Einwohner zählen. In der portugiesischen Kolonie Macao giebt es
noch einige portugiesische Blätter. Als nun die Herausgeber einiger
dieser europäischer Zeitungen das rege Interesse sahen, welches ihre
Veröffentlichungen auch unter den englisch sprechenden Chinesen
fanden, versuchten sie die Herausgabe chinesischer Tagesblätter,
welche gleichzeitig mit den englischen erschienen, und der Erfolg war
derartig, daß in den letzten Jahren eine ganze Reihe chinesischer
Blätter entstanden. So erscheint in der Redaktion der China Mail in
Hongkong die chinesische Wa T’ziat Pao, in jener der Daily Preß die
chinesische Tschung Ngoi San Pao. Die größte chinesische Tageszeitung
aber wird von der Redaktion der North China Daily News in Shanghai
hergestellt und heißt Tschen-Pao (Shanghai-Neuigkeiten); ja die
unternehmenden Herausgeber dieser Blätter veröffentlichen seit einiger
Zeit sogar ein illustriertes Wochenblatt in chinesischer Sprache,
Hu-Pao (litterarische Neuigkeiten), und machen damit vortreffliche
Geschäfte. In Tientsin kommt gleichzeitig mit der dortigen Times der
Tsche-Pao (etwa die chinesischen Worte für Times) heraus, und in der
größten Stadt Chinas, in Canton, gab vor zwölf Jahren der damalige
Vizekönig Tschang-Tschi-Tong selbst die Veranlassung zur Gründung einer
chinesischen Tageszeitung, zu deren Redakteur er einen seiner Sekretäre
ernannte. Diese Zeitung, Kwang-Pao (Neuigkeiten der Provinz Kwangtung),
wurde von dem Nachfolger des Vizekönigs eine Zeitlang unterdrückt,
erscheint aber jetzt wieder unter dem Namen Tschung si dsche Pao
(Tagesneuigkeiten aus China und dem Westen). Ist es nicht bezeichnend
für die Zustände in dem Jahrtausende alten Reiche der Mitte, daß der
Vizekönig einer der größten Provinzen desselben zum Zeitungsgründer
wird? Friedlich und freundschaftlich verträgt sich dieses
vizekönigliche Blatt mit seinem einzigen Cantoner Rivalen, dem Ling nam
dsche Pao, zu deutsch Tägliche Nachrichten von Ling nam. Canton hieß
nämlich in früheren Zeiten Ling nam. Auch in dem durch den Frieden von
Shimonoseki eröffneten Hafen Sutschau wurde 1897 eine neue, dreimal
monatlich erscheinende Zeitung gegründet, welche den Namen Schiwu Pao,
d. h. etwa „die Zeiten”, führt. Ihre Druckerei beschäftigt sich auch
mit der Uebersetzung und Herausgabe von nützlichen europäischen Büchern.
Damit sind wohl alle Zeitungen des Vierhundertmillionen-Reiches
erschöpft, ein halbes Dutzend von je drei- bis sechstausend Auflage,
das Shanghaier Tschen-Pao ausgenommen, das täglich in einer Auflage
von zwölftausend Exemplaren gedruckt wird. Aber neben diesen Blättern
wirkt schon seit Jahren noch ein anderes, halbwöchentliches Blatt,
das an Auflage alle zusammen übertreffen dürfte und bis in die
entferntesten Provinzen des Reiches, ja nach Tibet und der Mongolei
geht, überall gelesen, überall beachtet wird und ganz im stillen den
größten Einfluß unter allen periodischen Veröffentlichungen Chinas
ausüben dürfte, ein Blatt, besser gedruckt und von vornehmerem Aussehen
als alle anderen, die Pekinger Zeitung nicht ausgenommen. Es führt den
Titel Y-wen-lu und wird von den Priestern der katholischen Mission in
Zikawei bei Shanghai herausgegeben. In meisterhafter Weise verstehen
es die chinesischen Redakteure, katholische Priester, das Volk zu
belehren, Auszüge aus der Pekinger Zeitung wie aus den europäischen
Blättern zu bringen, dazu gediegene Artikel über Europa und seine
Errungenschaften, aber gleichzeitig wird auch für die katholische
Religion Propaganda gemacht, und es ist nicht zum geringsten diesem
Blatte zuzuschreiben, wenn die katholische Kirche heute in China weit
über eine Million Anhänger besitzt.
Die chinesischen Tagesblätter sind in Aussehen und Einteilung nicht
etwa das, was wir in Europa als chinesisch zu bezeichnen pflegen,
exotisch, eigentümlich, verzwickt, verschnörkelt, denn sie sind ja
nicht der chinesischen Kultur entsprungen, sondern der europäischen
und wurden nur der chinesischen angepaßt. Der Mehrzahl nach besitzen
sie etwa das Format der deutschen Gartenlaube und haben vier
Blätter, bei denen auch die Innenseiten bedruckt sind, gerade so wie
bei unseren Zeitungen. Auch die Einteilung ist ganz dieselbe, nur
umgedreht; dort, wo bei uns die Anzeigen stehen, also auf der letzten
Seite, befinden sich Titel und Leitartikel, und das was bei uns die
erste Seite ist, ist bei den chinesischen Blättern die letzte, ganz
gefüllt mit Reklamen. Da sage man noch, die chinesische Kultur sei
seit Jahrtausenden stehengeblieben! Reklamen von Geheimmittelchen,
Pillen und Pülverchen, von Schneidern und Schustern, von Theatern und
Vergnügungen, Verlustanzeigen, Land-, Häuserverkäufe und dergleichen.
Manche dieser Anzeigen sind sogar schon mit kleinen Bilderchen
illustriert, um die Aufmerksamkeit besser anzuziehen. Und all diese
Dinge findet man nicht nur auf einer Seite. Nein, bei den meisten
Blättern sind vier ganze Seiten, also die Hälfte der Ausgabe, mit
Anzeigen gefüllt, deren Lektüre einen tiefen Einblick in das wirkliche
Volksleben und den Volkscharakter der Chinesen gewährt. Zeigt die
Pekinger Zeitung den Hof, das offizielle China und jene Ereignisse,
welche zur Kenntnis und Behandlung von seiten der Regierung kommen,
so führen die Reklameseiten der lokalen Blätter den Fremden in den
chinesischen Kleinverkehr, in die Details des städtischen Lebens ein
und zeigen, daß dieses Volk in den Fremdenstädten im großen und ganzen
gerade so lebt wie wir Europäer, nur ins Chinesische übertragen.
Besehen wir uns die letzten, d. h. also die ersten Seiten der
chinesischen Zeitungen. Der Kopf ist ganz wie bei unseren Blättern;
der Titel recht groß, daneben in kleineren Zeichen die Stellen, wo
man in der Hauptstadt wie in den Provinzen abonnieren kann, darunter
das chinesische Datum. Der Preis einer Nummer ist durchschnittlich
etwa fünf bis sechs Sapeken, beiläufig anderthalb Pfennig. Dann folgen
vortrefflich geschriebene Leitartikel über in- und ausländische
Dinge, und die chinesischen Redakteure nehmen gar keinen Anstand, der
Regierung allerhand gutgemeinte Ratschläge zu geben. Die zweite Seite
enthält Auszüge aus der Pekinger Zeitung, Ernennungen, kaiserliche
Edikte, welche sich die Zeitungen von ihren hauptstädtischen
Korrespondenten, die es auch in China schon giebt, telegraphieren
lassen. Daran schließen sich Uebersetzungen der Reuterschen Depeschen
über die wichtigsten Ereignisse der westlichen Welt, denn Reuter
hat auch in Ostasien seine Abonnenten. Den interessantesten Teil
der chinesischen Zeitungen bilden indessen die letzten Textseiten:
Lokalnachrichten, Feuilleton, kleine Korrespondenzen aus der
Provinz, Personalsachen, Gerichtspflege. Wie man sieht, haben
sich die chinesischen Ritter der Feder oder vielmehr des Pinsels,
denn man schreibt in China mit einem Pinsel, die europäischen
Zeitungsredaktionen ganz zum Vorbilde genommen. Nun kommen in den
englischen Blättern, aus welchen sie einen großen Teil ihrer Weisheit
schöpfen, eine ganze Menge von Begriffen und Dingen vor, für welche es
begreiflicherweise keine chinesischen Wörter giebt, wie z. B. Telephon,
Telegraph. Statt lange Umschreibungen zu gebrauchen, nehmen sie ähnlich
klingende chinesische Wörter zu Hilfe, die an und für sich ganz andere
Dinge bedeuten, was anfänglich dem chinesischen Leser recht chinesisch
vorkommen mag. In ihrer Art sind sie wie unsere Bilderrätsel. So
z. B. wird das Wort Ultimatum von den chinesischen Redakteuren durch
die Zeichen U-li-ma-tung gebildet, Telephon aus den drei Zeichen
to-li-fung, und status quo aus ße-ta-tu-ko. Ebenso schwierig ist es für
sie, in den Anzeigen europäischer Kaufleute deren Namen zu schreiben.
Deshalb besitzt jedes europäische Haus einen eigenen chinesischen
Namen, so z. B. heißt Ehlers E-li-si, Golding Go-ting, Morrison
Ma-li-sun, Wolf Wa-fu, Wilkinson Way-king-sun. Nur Meier oder Mayer
giebt es wie allüberall auf unserm Erdball, auch sogar in China, Meyer
bleibt Meyer, wohin er kommt, nur wird der Name im Chinesischen Mei-ier
geschrieben.
Trotz all dieser Anpassungen der chinesischen Redakteure an ihre
englischen Vorbilder in Ostasien zeigt sich in ihren Berichten doch
ein naiver Geist, Aberglauben und Leichtgläubigkeit, die dem Leser
unwillkürlich ein Lächeln entlocken. Beim Lesen der einfältigen
Lokalberichte und Korrespondenzen aus der Provinz fiel mir die
merkwürdige Uebereinstimmung mit ähnlichen Berichten auf, wie sie bei
uns noch im letzten Jahrhundert häufig zu lesen waren und allgemein
Glauben fanden. Die Geschichte wiederholt sich eben, und man kann
die einzelnen Phasen unserer eigenen Kulturentwickelung heute noch
in fernen Ländern bei anderen Völkern wiederfinden, unser Altertum,
unser Mittelalter, unsere neuere Zeit. Das habe ich auf meinen Reisen
in allen Weltteilen in tausenderlei Einzelheiten gesehen, das fand
ich, wie gesagt, auch in der chinesischen Presse. Ich erwähne hier nur
einige den Cantoner Blättern entnommene Nachrichten, z. B. vom 8. Mai
1894:
„Eine Jungfrau hatte in einem Rocke unvorsichtigerweise eine Nadel
stecken lassen, die ihr beim Ankleiden in die Haut drang. Ratlos
standen die herbeigerufenen chinesischen Aerzte, ohne Mittel, zu helfen
und den Schmerz zu lindern. Da rief ihr Bruder einen Freund herbei, der
sich auf dergleichen verstand. Er legte dem Mädchen ein mit geheimen
Zeichen beschriebenes Papier auf die Brust, und am folgenden Tage kam
die Nadel richtig zum Vorschein, so daß sie entfernt werden konnte.”
9. Mai: „In Schuntak kamen bei einem starken Regenguß zwei Fischlein
vom Himmel nieder. Sie sahen so lieblich aus, daß die Bevölkerung sie
nicht zu speisen wagte. Sie wurden deshalb sorgfältig in den Fluß
gesetzt, wo sie lustig davonschwammen.”
10. Mai: „In der Pu-Tschi-Tschiaostraße mietete jemand ein Haus und
machte bekannt, daß er von den Heiligen zum Erlöser der leidenden
Menschheit bestimmt sei. Er fand starken Zuspruch, besonders von
Frauen. Da thaten sich die Nachbarn zusammen und jagten ihn davon.”
11. Mai: „In einem Gebäude des Panyü-Ritters wuchs vor einigen Tagen
ein Bambus hervor, der in einem Vormittag die Höhe von sieben Fuß
erreichte, das Dach durchbrach und in drei Tagen siebzig Fuß hoch
war. Es giebt Leute, die das wunder finden, obschon eigentlich nichts
natürlicher ist. Der Boden ist dort schwefelhaltig, und Schwefel ist
bekannt wegen seiner Expansivkraft.”
Derartige Mitteilungen fand ich in jeder Zeitungsnummer, zuweilen auf
derselben Seite mit Reuterdepeschen. Das alte und das moderne China
begegnen sich in diesen Blättern, aber es wird gar nicht mehr so lange
dauern, bis die Bewohner der Hauptstädte derlei naive Nachrichten gar
nicht mehr lesen werden. Dafür werden sie größere Aufmerksamkeit den
Bank- und Verkehrsnachrichten, den Wechsel- und Aktienkursen zuwenden,
die von Jahr zu Jahr in den wenigen bestehenden Blättern immer mehr
Platz einnehmen. Der Keim für den neuen Kurs ist auch in China gelegt,
und in zwei Jahrzehnten dürfte jede größere Stadt des Reiches der Mitte
ihre Zeitung besitzen.
[Illustration: Tabakspfeife der Schantungleute (⅓ der natürlichen
Größe).]
Geld- und Bankwesen.
[Illustration: Vier-Tiau-Banknote in Shanghai (halbe Größe).]
So sehr der Außenhandel Chinas in den letzten Jahrzehnten auch
gestiegen ist, so bildet er noch heute nur einen kleinen Prozentsatz
des Binnenhandels dieses ungeheuren, an Größe den ganzen europäischen
Kontinent weit übertreffenden Reiches. China ist so überaus reich an
Naturprodukten aller Art, daß es bis auf die jüngste Zeit ausländische
Produkte kaum gebraucht hat; die Produkte des Südens gehen nach dem
Norden, jene des Nordens nach dem Süden. Im ganzen Reiche findet der
regste Austausch der eigenen Erzeugnisse statt. Die Flüsse, Kanäle,
Straßen, Pfade sind jahraus jahrein mit Frachtladungen bevölkert, und
wohl kein einziges Reich der Erde dürfte einen so großen Binnenhandel
besitzen wie China.
Dabei hat China noch immer keine von jenen Erleichterungen des
Verkehrs, die wir heute bei uns als unerläßlich für den letzteren
ansehen: wenige Eisenbahnen, nur teilweise geregeltes Postwesen und
kein Münzwesen. Während in allen zivilisierten Staaten der Erde
Banknoten, Gold- oder Silbermünzen den Handel vermitteln, giebt es in
dem chinesischen Reiche keine solchen; nicht Gold und Silber, sondern
Kupfer ist der Standard, und was die Banknoten betrifft, die von den
Chinesen erfunden wurden und deren Einführung in den Handelsverkehr
schon der alte Marco Polo auf seinen Reisen in China vor sechshundert
Jahren gepriesen hat, so sind sogar diese in dem Reiche der Mitte außer
Kurs gekommen und nur noch in größeren Städten in lokalem Gebrauch.
Statt Pfund Sterling, Dollars, Napoleons, Mark und Gulden giebt
es in China nur kleine durchlochte Kupferscheiben als gesetzliche
Münze; sie sind es, die dem Tausende von Millionen Mark erreichenden
Geschäftsverkehr als Grundlage dienen.
Auf welche Weise geschieht dies nun? Wie können die Kaufleute in Canton
und Formosa mit jenen in der Mandschurei oder in Tibet auf Tausende von
Kilometern Entfernung den Geschäftsverkehr unterhalten? Wie können sie
selbst in den einzelnen Provinzen oder Städten ihre Waren bezahlen,
wollen sie es nicht mit ganzen Maultierladungen von Kupfer thun?
Und doch sind diese Kupfermünzen, wie gesagt, die einzigen Münzen des
Reiches und waren es schon vor Jahrtausenden. In Mittel-Schantung fand
ich Münzen, die zweitausend Jahre alt waren, und im chinesischen Museum
zu Hongkong habe ich Kupfermünzen gesehen, die viereinhalb Jahrtausende
alt waren. Münzen, nicht von runder Form, sondern viereckige Scheiben
mit einem Loch am obern und zwei fingerartigen Ansätzen am untern
Rande; die aufgeprägten Schriftzeichen besagten, daß sie im Jahre
2800 vor Christi Geburt unter der Dynastie Wuti zirkulierten; andere
Münzen von ähnlicher Form stammen aus der Zeit der Hia-Dynastie, also
zweitausend Jahre vor Christi Geburt. Ich selbst besitze chinesische
Münzen in der Form und Größe unserer Rasiermesserklingen, die über
zweitausend Jahre alt sind, andere runde von etwa sechs Centimeter
Durchmesser stammen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
und besitzen schon die viereckige Durchlochung in der Mitte, welche
alle chinesischen Kupfermünzen ohne Ausnahme noch heute zeigen. Ohne
Loch keine Münze. Wie ist es nun möglich, daß diese Münzen bei so
ungeheuren Summen, um die es sich zuweilen handelt, als Zahlungsmittel
dienen?
Nun war freilich in der letzten Zeit in europäischen Blättern viel von
den chinesischen Taels zu lesen, in denen Zahlungen geleistet werden
und welche nach ihrem Kurse beiläufig drei Reichsmark entsprechen;
auch der Briefmarkensammler findet auf den von der chinesischen
Zollbehörde herausgegebenen Briefmarken als Wertangabe einen, zwei
oder drei Candarins, und fragt er, was der Candarin für einen Wert
besitzt, so wird ihm zur Antwort, daß zehn Sapeken oder, wie sie im
Chinesischen heißen, Li, einen Candarin ausmachen; allein Taels,
Candarins und Li sind nur fiktive Werte, als Münzen bestehen sie
nicht, ebensowenig wie heute die englischen Guineen. Der Tael ist
einfach eine chinesische Unze reines Silber, und soll eine bestimmte
Summe in Silber bezahlt werden, so wird die beiläufige Menge von einem
Silberbarren abgeschlagen, das Zuviel abgeschnitten oder das Fehlende
durch kleine Stückchen ergänzt. Auch wird das Silber in sogenannte
Shoes von der Form einer Badewanne im Gewichte von 5, 10, 20 oder mehr
Taels gegossen. Die wirkliche Münze des Kleinverkehrs in ganz China
ist der Cash, und etwa 1350 bis 1450 dieser Cash bilden einen Tael. Es
befinden sich nämlich unter den Cash so viele falsche oder schlecht
geprägte, abgegriffene Münzen, daß nicht einmal die gesetzliche Zahl
von 1350 eingehalten wird, sondern je nach der Güte der Münzen 1350 bis
1450 Cash dazu gehören, um einen Tael zu machen. Wie die Kupfermünzen,
so haben auch die Taels selbst nicht im ganzen Lande den gleichen Wert.
Am wertvollsten ist wohl der Haikwan-Tael, in welchem die Zollabgaben
geleistet werden. Daneben hat jede Provinz ihren eigenen Tael, und will
ein Kaufmann in Shanghai etwa 100 Taels nach Hankau oder Tientsin
oder Nütschwang remittieren, so gelten diese 100 Taels in Hankau
vielleicht 101, in Tientsin 98, in Nütschwang 103 Taels, bei beständig
wechselndem Kurs.
[Illustration: Cash, heutige Verkehrsmünzen von Schantung, alle vom
gleichen Wert (natürliche Größe).]
[Illustration: Chinesische Münzen von 2000 bis 4000 Jahren Alter.]
[Illustration: Alte Münzen vom Jahre 2000 vor Christi bis zum vorigen
Jahrhundert.]
[Illustration: Silberbarren.]
In Canton sind die Taels überhaupt abgeschafft, und die gesetzliche
Münzeinheit ist seit einigen Jahren der Canton-Silberdollar. Der
Vizekönig der Provinz Kwantung hat nämlich vor mehreren Jahren
in Canton eine Münze mit europäischen Prägemaschinen und unter
europäischer Leitung errichten lassen, eine der großartigsten
Münzstätten der Erde, deren Graveure, Arbeiter aber durchaus Chinesen
sind. Dort kommen nun seit 1890 gut geprägte ganze, halbe und fünftel
Dollars zur Ausgabe, welche trotzdem, daß sie keine Durchlochungen in
der Mitte zeigen, von der dortigen Bevölkerung allgemein angenommen
werden. Auf der Rückseite dieser Canton-Dollars, welche im Wert dem
japanischen Yen und dem mexikanischen Dollar ziemlich gleich sind,
befindet sich das chinesische Wappentier, der mehrfach gewundene
Drache, und die Umschrift in englischer Sprache: Kwantung Province
nebst der Wertangabe, die aber nicht auf den Dollar, sondern auf den
Tael Bezug hat. So zum Beispiel heißt es auf dem Dollarstück nicht
etwa Ein Dollar, sondern 7 mace und 2 Candarins. Auf den silbernen
Zehn- und Fünf-Centstücken, die ebenfalls zur Ausgabe gelangten, heißt
es 72 resp. 36 Candarins. Wohl hat der Canton-Dollar 100 Cents gerade
wie der mexikanische, aber es wird nicht nach Cents, sondern nach Cash
gerechnet, von denen 972 auf den Dollar gehen. Diese Cash der Cantoner
Münze, heute in China die beliebtesten, zeigen auf ihrer runden Scheibe
von 2½ Centimeter Durchmesser chinesische Bezeichnungen, die soviel als
„Gangbare Münze” bedeuten. In der Mitte sind sie gerade so durchlocht
wie die Cash in anderen Provinzen.