Merkwürdigerweise wurden die Geheimgesellschaften trotz all dieser

traurigen Erfahrungen, trotz der großen Unsicherheit in Singapore

und Penang, trotz der vielen Raubanfälle, Kämpfe und Morde in diesen

englischen Kolonien am längsten geduldet, bis endlich der Aufstand

von 40000 bewaffneten Chinesen im Jahre 1876 auch hier energische

Maßregeln nach sich zog. Statt aber ihre Unterdrückung anzuordnen,

beschränkte sich das englische Kolonialamt auf ihre Registrierung

und Beaufsichtigung. Erst 1888, nachdem die Zustände unerträglich

geworden waren und die englischen Beamten in ihrem Leben bedroht

wurden, beschloß man die gänzliche Ausrottung der Geheimbünde, die auch

thatsächlich gelungen sein soll. Auf wie lange, ist eine andere Frage.

Nächst der Tien-ti-Gesellschaft ist der gefürchtetste, mächtigste und

verbreitetste Geheimbund Chinas die Wu-wei-kian, zu deutsch „Thue

nichts”, jener Bund, welchem das jüngste Hinmorden der christlichen

Missionare 1895 zugeschrieben wird und dessen Mitglieder von den

Europäern Vegetarianer genannt werden. In früheren Zeiten führte der

Bund den Namen „weißer Lotos”, und 1724 erließ der Kaiser Yung-Tsching

gegen ihn ein Edikt, demzufolge alle Mitglieder vogelfrei erklärt

wurden. H. F. Balfour hat sich während seines langjährigen Aufenthaltes

in Shanghai eingehend mit den Vegetarianern beschäftigt, die diesen

Namen deshalb führen, weil ihnen der Genuß von Fleischspeisen verboten

ist. Ursprünglich durften sie keine farbigen Kleider tragen, keine

spitzigen Waffen oder Werkzeuge benutzen (thatsächlich waren die Wunden

der jüngst ermordeten Missionare durchweg Hiebwunden) und kein Vermögen

besitzen. Beim Eintritt in den Bund müssen sie jetzt noch ihre ganze

Habe dem Bund abtreten und behalten nur die Nutznießung, solange sie

leben. Die Mehrzahl der Bündler gehören den wohlhabenderen Ständen an,

und der Bund, der im Gegensatz zu dem Tien-ti einem einzigen Oberhaupt

oder Großmeister untersteht, soll demnach auch ungeheure Reichtümer

besitzen. Zu Beginn des Jahrhunderts beschlossen die Vegetarianer die

Vernichtung der Kaiserdynastie in Peking. Der Plan wurde entdeckt, und

der Kaiser Kia-King dekretierte die Ausrottung der Vegetarianer im

ganzen Reiche. Sie zogen sich unter ihrem Großmeister Fang-Yung-Tschen

nach ihrem Hauptquartier Nanking zurück und hielten monatelang der

Belagerung durch die Kaiserlichen stand. Endlich fiel Nanking, der

Vicekönig ließ Tausende köpfen und gewährte nur jenen Gnade, die sich

entschließen würden, Fleisch zu essen, um dadurch ihre Unterwerfung und

Lossagung von dem Geheimbunde auszudrücken. Thatsächlich unterwarfen

sich sehr viele, allein keiner davon blieb lange am Leben. Sie wurden

als Renegaten von den übriggebliebenen Geheimbündlern ermordet.

Statt unterdrückt und vernichtet zu sein, wechselten die Mitglieder

der Gesellschaft den Namen derselben vom „weißen Lotos” in „Thue

nichts” und sind heute zahlreicher und gefürchteter als je zuvor.

Der Grund davon liegt darin, daß die Wu-wei-kian auf den Aberglauben

des Volkes wirken. Die Chinesen halten sie für Magiker, im Bund mit

diabolischen Mächten. Balfour sagt darüber: „Gebildete Chinesen haben

mir allen Ernstes versichert, daß die Wu-wei-kian aus Papier Vögel

ausschneiden und diesen mittels eines Zaubermittels Leben einflößen.

Sie können auch ihren Atem unglaublich lange Zeit anhalten, bis sie im

Gesichte schwarz werden und alles Leben in ihnen erloschen zu sein

scheint. Während dieser Zeit verläßt die Seele ihren Leib, um allerhand

Auskünfte einzuholen; sobald sie zurückkehrt, gelangen die Wu-wei-kian

wieder zum Leben”.

Das Hauptstreben der Gesellschaft ist wie bei den Hungs ebenfalls gegen

die Fremdherrschaft, also gegen die Mandschuren gerichtet. Allein sie

gehen in ihrem Grundsatz „China für die Chinesen” noch weiter und

stehen allen Europäern und allen europäischen Religionen, demnach

zunächst den Missionaren, feindlich gegenüber. Eine ganze Menge der

Morde und Angriffe auf Missionshäuser in den letzten Jahrzehnten werden

ihnen in die Schuhe geschoben, ebenso wie sie auch direkt der jüngsten

Greuelthaten beschuldigt werden.

Die drittgrößte Geheimgesellschaft ist die Ko-Lao-Wai oder

„Gesellschaft des älteren Bruders”. Als der letztere wird die frühere

Kaiserdynastie Tang angesehen, und das Streben der Gesellschaft ist

es, an die Stelle der Mandschuren die Nachkommen der Tang zu setzen.

Das Hauptquartier der Ko-Lao sind die mittleren Provinzen Chinas,

Hunan und Honan, und die Mitglieder des Bundes bestehen hauptsächlich

aus Soldaten. Boyle sagt über sie: „Nach allen Berichten sind sie

eine tollkühne und gewissenlose Bande, die in den mittleren Provinzen

des Reiches einen großen Teil der Missethäter und Vagabunden zu ihren

Mitgliedern zählt”, und Balfour sagt: „Es ist gar nicht zu bezweifeln,

daß, wenn einer ihrer alten Generale die Fahne des Aufruhrs entrollen

würde, binnen kürzester Zeit hunderttausend Mann um ihn geschart

wären”. Nach Briefen, die ich während meines Aufenthalts in China

erhielt, wird dem Einfluß dieser Ko-Lao großenteils der Mißerfolg

der chinesischen Waffen im Feldzuge gegen Japan zugeschrieben. Die

Regimenter, welche zahlreiche Ko-Lao in ihren Reihen hatten oder ganz

aus solchen bestanden, weigerten sich zu kämpfen oder liefen ganz

davon in der Hoffnung, daß durch die Niederlagen die Mandschudynastie

gestürzt würde und damit ihre Hoffnungen auf die Tangdynastie größere

Aussicht auf Erfüllung hätten.

[Illustration: Proklamation der Behörden von Südschantung zum Schutze

der Missionen.]

Auch die Mohammedaner, deren Zahl in China zwanzig bis fünfundzwanzig

Millionen erreicht, haben ihren eigenen großen Geheimbund,

Hwuy-Hwuy-Jin genannt. Novizen werden dadurch gereinigt, daß man sie

zunächst tüchtig durchbläut und ihnen dann Seifenwasser zu trinken

giebt, was die Nachwirkung des bei den Taoisten so beliebten und bei

den Mohammedanern verpönten Schweinefleisches paralysieren soll. Die

unzähligen anderen Geheimgesellschaften Chinas sind viel kleiner und

mehr auf gewisse Provinzen oder Städte beschränkt, gerade wie bei

unserer eigenen Vereinsmeierei. Auf die sozialen und politischen

Zustände des Reiches üben sie keinen nennenswerten Einfluß aus. Ob

der große Mohammedaneraufstand des Jahres 1895 in den Provinzen

Schensi und Kansu auf den Einfluß der Geheimbünde zurückzuführen ist,

kann nicht gesagt werden. Die Aufständischen waren hauptsächlich von

religiösem Fanatismus und blindem Chinesenhaß erfüllte Banden, die

hier schon seit Jahrhunderten einen Rassenkrieg gegen die Ungläubigen

führen; mit diesem Namen nämlich werden die Chinesen von den

Mohammedanern bezeichnet. Die letzteren, obschon ähnlich gekleidet wie

die Chinesen und allen Gebräuchen derselben, selbst dem Zopftragen

und dem Verkrüppeln der Füße bei den Frauen unterworfen, sind doch

anderer Rasse, denn sie stammen aus dem fernen Turkestan und wurden

vor einem Jahrtausend von den Kaisern der Tangdynastie nach Kansu

gerufen, um dieses gegen die Einfälle der Tibetaner zu schützen. Sie

erhielten dafür die Bewilligung, sich in Kansu und Schensi anzusiedeln,

verbreiteten sich aber auch auf die Nachbarprovinzen, vornehmlich

nach Schantung, und zählen heute zusammen etwa zwanzig Millionen.

Sie leben mitten unter den Chinesen, vermengen sich aber niemals mit

diesen und sind ihnen auch seit jeher feindlichgesinnt geblieben.

Auch die Mohammedaner haben ihre Geheimgesellschaft, deren Streben

es ist, die beiden Provinzen ganz von Chinesen zu befreien und ein

unabhängiges mohammedanisches Reich zu gründen. Teilweise ist auch

religiöser Fanatismus ein Grund des Hasses gegen die Chinesen, denn

diese haben ihnen wohl die Ausübung ihrer Religion gestattet, aber die

Moscheen im Reiche der Mitte dürfen über den Pforten keinen Halbmond

und keine Bezeichnung als Moscheen tragen; im Innern der Moscheen sind

überdies auf Anordnung der chinesischen Behörden Statuen des Confucius

und die Ahnentafeln der chinesischen Kaiser aufgestellt, die von den

Mohammedanern verehrt werden müssen. Das, zusammen mit dem Rassenhaß

und den Bedrückungen durch die Mandarine, läßt die Gärung unter den

Mohammedanern nicht zur Ruhe kommen.

Bald nach dem chinesisch-japanischen Kriege und vielleicht als

Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der

Mandschuregierung entstand auch in Schantung ein Geheimbund,

Tjiu-dschung-tsau, allem Anschein nach dasselbe wie die weiße

Lotosgesellschaft, nur unter anderem Namen. Die Geheimbündler

verbreiteten unter den Chinesen den Glauben, daß sie unverwundbar

seien; dadurch gewannen sie so großen Einfluß, daß sogar die

Mandarinen sich ihrer bedienten, um dem Räuberunwesen zu steuern,

wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte. Allmählich wurden aber die

Geheimbündler selbst zu Räubern, ein Schrecken für Südschantung, so

daß die Provinzregierung endlich reguläre Truppen gegen sie aussandte.

Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge

der Unverwundbaren unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden

von den Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, wie sie in den

Höfen jedes Yamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am

Halse aufgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die Unverwundbaren

so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den

Tji-dschung-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei.

Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazu ist die

Unzufriedenheit mit der Regierung wie mit dem stetigen Fortschreiten

der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der

wohl ganz wie der letzte auch nur ein Auswuchs der Sekte der Weißen

Lotos sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben

Ta-tau-hui oder Gesellschaft der Großen Messer. Warum Große Messer,

weiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls nur eine lange, schmale

zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine

derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.

Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr

Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln.

Sie haben auch früher, als sie von der Regierung noch nicht so

verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet

wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung

der Mandschuregierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu

dem Zweck, um der Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen,

haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bethäuser der katholischen

Mission von Südschantung niedergebrannt. China mußte schon damals

der Mission einen Schadenersatz von 10000 Tiau (1 Tiau etwa 1 Mark

60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die

Ta-tau-hui zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai

(Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Yü-ta-dschen

(Mandarin) von Tsau-tschau-fu war, an der Spitze von Regierungstruppen

persönlich gegen die Großen Messer ins Feld. Die letzteren wurden

versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-hsien

hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer

der Großen Messer, Namens Liu-schö-dsau. Aber das eigentliche Haupt,

der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach

Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst

die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den

Betrag von 1000 Taels auf seinen Kopf setzt.

[Illustration: Chinesisches Räuchergefäß.]

Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten

erbitterte die Großen Messer natürlich noch mehr. Bald darauf wurden

in Kü-ye die beiden unglücklichen Missionare Nieß und Henle ermordet

und so viele andere Schandthaten verübt, daß auch von Peking auf

die Beschwerden des Missionsleiters die strengsten Befehle zur

Unterdrückung der Großen Messer kamen. Die Provinztruppen schlugen

die Horden auch in mehreren blutigen Gefechten, und der Gouverneur

berichtete nach Peking, der Geheimbund bestände nicht mehr. Das war

in der That der Fall, denn um der Verfolgung durch die Regierung zu

entgehen, organisierten sich die Mitglieder wieder zu einem neuen

Bunde unter anderem Namen, jenem der Boxer. Aber der Zweck all dieser

Gesellschaften ist, wie die Ereignisse gezeigt haben, stets der

gleiche: Vertreibung der Fremden, China für die Chinesen.

Chinesisches Zeitungswesen.

Wie in so vielen andern Dingen, so zeigt die chinesische Kultur auch

in Bezug auf das Zeitungswesen die größten Widersprüche. Während

Europa nur noch wenige Kleinstädte besitzt, die nicht ihre eigene

Tageszeitung aufzuweisen hätten, wohnen zwischen dem Himalaya und der

sibirischen Grenze gegen vierhundert Millionen Menschen, denen der

Begriff Zeitung in unserm Sinne noch vollständig unbekannt ist. Und

doch wären alle Grundbedingungen dafür in China massenhaft vorhanden.

Die Chinesen sind ja die Erfinder des Papiers, der Druckerschwärze,

des Buchdrucks, ja der Zeitungen selbst. Schon vor dreizehnhundert

Jahren schnitten sie ihre Schriftzeichen in Holzplatten und druckten

ganze Werke. Vor achthundert Jahren, im Jahre 1040, erfanden sie die

beweglichen Drucktypen, und während wir in Europa die Zeitung als eine

Errungenschaft der neuesten Zeit ansehen, besaßen die Chinesen deren

eine schon vor elfhundert Jahren, denn chinesische Werke aus der Zeit

der Dynastie Tang, zwischen den Jahren 713 und 741, erwähnen bereits

die Pekinger Staatszeitung. Sie ist also um viele Jahrhunderte die

älteste Zeitung der Welt, mit seltener Pünktlichkeit durch Generationen

hindurch Tag für Tag erscheinend.

[Illustration: Messing-Opiumlampe aus Kiautschou.]

Zu einer Tageszeitung im Inlande haben es aber die Hunderte von

Millionen Zopfträgern bis auf die jüngste Zeit nicht gebracht, obschon

es weder an schriftstellerischen Talenten, noch an Lesern, noch an

Stoff mangelt. Und an Neugierde fehlt es wahrscheinlich ebensowenig,

wenn man den großartigen Stadtklatsch in Betracht zieht, der durch

Hausierer, Barbiere, Dienerschaft von Straße zu Straße verbreitet wird

und stets willfährige Zuhörer findet. Oder ist vielleicht die Regierung

daran schuld, die mit eiserner Faust alle Zeitungsunternehmungen

niederhält, Redakteure verfolgt und einsperrt, wie es bei uns,

sagen wir vor dem Jahre 1848, der Fall war? Nicht im mindesten. Das

mittelalterliche China ist im Gegensatz zu manchem unserer modernen

Kulturstaaten das Paradies der Preßfreiheit. Jeder kann drucken

und veröffentlichen, was er will. Es giebt kein Preßgesetz, keine

Bürgschaft, keinen Zeitungsstempel, keine Zensur, keine Beschlagnahme.

Litteratur, besonders die klassische, wird in China hochgeschätzt.

Die Litteraten gehören zu den angesehensten Ständen, und von der

Bevölkerung ist vielleicht ein gleicher Prozentsatz des Lesens kundig

wie unter den Völkern von Südeuropa. Dennoch hat sich China bis auf die

jüngste Zeit mit der einzigen Pekinger Zeitung begnügt.

Diese Pekinger Zeitung, im Chinesischen „Tzing pao”, ist in Bezug

auf ihre Redaktion, ihr Aussehen und ihre Verbreitung ein Unikum.

Der Text beschränkt sich auf Hofnachrichten und die Veröffentlichung

von kaiserlichen Erlassen, Ernennungen, Gesetzen und Strafen. Alle

Dokumente der ganzen Regierungsmaschine dieses größten Reiches der

Welt gelangen in den großen Staatsrat, und dieser verfügt, welche

Dokumente veröffentlicht werden sollen. Abschriften derselben werden

dann dem Geheimen Rat übergeben, von welchem täglich ein Mandarin den

Dienst im kaiserlichen Palast versieht. Dem Geheimen Rat liegt es

ob, die Dekrete, Diplome, Urteile und dergleichen an ihre Bestimmung

gelangen zu lassen, und dazu werden sie der Generalpostdirektion, einer

Abteilung des Kriegsministeriums, übergeben, die sie durch eigene

Kuriere nach den verschiedenen Provinzen entsendet, denn ein geregeltes

Postwesen nach europäischem Muster ist ja in China unbekannt.

Gleichzeitig mit den Beamten der Postdirektion finden sich im Geheimen

Rate täglich auch Beamte der Ministerien und die Redakteure der

Pekinger Zeitung ein, um von den verschiedenen Dokumenten Abschriften

anzufertigen. Die Druckerei der Pekinger Zeitung, ein halbamtliches

Unternehmen, untersteht der Oberaufsicht der Postdirektion; sie hat

darauf zu achten, daß der Wortlaut der amtlichen Bekanntmachungen

nicht geändert oder gekürzt werde; sie erhält auch täglich eine für

die verschiedenen Behörden der Hauptstadt wie der Provinzen bestimmte

Anzahl Abdrücke, die sie gleichzeitig mit den anderen Dokumenten durch

die Kuriere versendet.

Man wird sich möglicherweise über den Ausdruck Zeitungsdruckerei

wundern, denn bisher wurde ziemlich allgemein angenommen, daß die

Pekinger Zeitung täglich in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren

geschrieben wird. Dies ist ein Irrtum. Die wirklich offizielle Pekinger

Zeitung wird gedruckt, gerade so wie unsere Regierungszeitungen, und

es besteht in Peking hierfür eine eigene Druckerei mit Setzern und

Pressen, nur erfolgt der Zeitungsdruck dort nicht so einfach und rasch

wie bei uns. Es vergehen immer einige Tage, bis eine Ausgabe der

Zeitung hergestellt ist. Man muß sich eben vor Augen halten, daß unsere

Setzer im ganzen mit ein paar Dutzend Buchstaben zu arbeiten haben,

die in Kästen vor ihnen liegen, ja bei den neuen amerikanischen und

deutschen Setz- oder Zeilengießmaschinen fallen sogar diese Setzkästen

fort, und die Setzer arbeiten wie an einer Schreibmaschine. In der

chinesischen Sprache giebt es statt einzelner Buchstaben ebensoviele

Tausende verschiedener Zeichen; jedes Wort oder doch jede Silbe hat

ihr eigenes Zeichen, und dementsprechend giebt es in chinesischen

Druckereien auch ganze Katakomben gefüllt mit Tausenden von Kästchen,

jedes mit anderen Typen. Die größte Druckerei, die ich in China zu

besuchen Gelegenheit hatte, war jene der katholischen Mission in

Zikaway, am Sutschaukanal gelegen. Ich wanderte dort lange Gänge, zu

beiden Seiten mit derartigen Kästen besetzt, auf und ab. In jedem

lagen verschiedene Typen, nicht etwa die winzigen Metallstäbchen,

die so leicht zu handhaben sind, sondern Holzstücke von etwa einem

Quadratcentimeter Durchschnitt für die gewöhnlichen Typen. Unsere

Buchstaben sind einfach in der Form und leicht zu erkennen. Die

chinesischen Zeichen aber bestehen der Mehrzahl nach aus zwanzig bis

dreißig verschiedenen Strichlein, kunterbunt durcheinander gezogen,

mit Auswüchsen, Quadrätchen, Punkten und Kreislinien, daß einem

europäischen Setzer die Haare zu Berge stehen würden, hätte er es auch

nur mit sechsundzwanzig derlei Zeichen zu thun. Und die Chinesen haben

deren mindestens ebensoviele Tausende. Dabei sind mitunter Dutzende

dieser schwer zu unterscheidenden Hieroglyphen nur durch ganz kleine

Strichlein oder Punkte voneinander unterschieden. Welche Freude für den

Setzer und erst recht für den Korrektor! Ein chinesischer Setzer müßte,

wollte er sich aus den langen Galerien die Typen selbst zusammenholen,

so viel umherlaufen wie ein Briefträger; er hat deshalb gewöhnlich

einige Laufburschen zu seiner Verfügung, welche ihm die verschiedenen

Typen, deren er bedarf, aussuchen.

Unter solchen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß der Satz

chinesischer Handschriften so viele Zeit beansprucht. Aber auch der

Druck geht ähnlich langsam vor sich. Die Papierblätter der Pekinger

Zeitung, neunzehn Centimeter hoch und zwanzig Centimeter breit, liegen

neben dem Drucker, der den Satz in einem Holzrahmen vor sich stehen

hat. Zunächst nimmt er mittels einer breiten Bürste, einem umgekehrten

Blumenstrauß nicht unähnlich, etwas Druckerschwärze aus einem

muldenartigen Gefäß und schwärzt die Typen. Dann legt er sorgfältig ein

Blättchen darauf und fährt mit einem kleinen harten Handkissen darüber.

Damit ist ein Blatt einer Zeitung fertiggedruckt, denn weder bei

chinesischen noch bei japanischen Büchern wird die Rückseite bedruckt.

Die Blätter werden mit dem Druck nach außen einmal gefaltet und an

den offenen Seiten zusammengeheftet. Würde man ein chinesisches Buch

aufschneiden, so ergäben sich nach je zwei bedruckten Seiten immer zwei

leere.

Ein solches Buch ist nun auch jedes Exemplar der offiziellen Pekinger

Zeitung, denn der Inhalt verteilt sich auf zehn bis zwanzig und

noch mehr Blätter, je nach der Menge des Textes. Sind alle Blätter

in der geschilderten Weise gedruckt worden, so werden sie gefaltet

und zusammengeheftet dadurch, daß man sie etwa einen Centimeter vom

Rückenrand durchlocht, Bindfäden aus gedrehtem Papier durchzieht und

diese zusammenknüpft. Ueber die Bindfäden aus Papier darf man sich

nicht wundern, denn das chinesische Papier ist aus viel zäheren Stoffen

angefertigt als das unserige. In Korea fand ich sogar aus Papier

gedrehte Seile und Schnüre allgemein im Gebrauch.

Jedes Exemplar der Pekinger Zeitung wird nun mit einem Umschlag von

gelbem Papier versehen, denn gelb ist die Farbe des Kaisers; dann wird

noch auf der hintersten Seite des Umschlags in roter Farbe der Name

Tsing-pao, d. h. Hauptstadtzeitung aufgedruckt, und damit ist die

Zeitung zur Ausgabe bereit. Eigene Kuriere der Postbehörde übernehmen

die Pakete und laufen damit durch die Straßen Pekings, um sie den

einzelnen Mandarinen, Gesandtschaften und sonstigen Abonnenten zu

überbringen. Auf die Zeitung kann nämlich auch um den geringen Preis

von beiläufig einer deutschen Reichsmark für den Monat abonniert werden.

Davon machen auch eigene halbamtliche Druckereien in jeder

Provinzhauptstadt Gebrauch. Kaum ist der Kurier aus Peking mit

den Regierungsdepeschen und den Zeitungsnummern im Yamen des

Generalgouverneurs oder Vizekönigs eingetroffen, so kommt ein

Zeitungsexemplar nach der Druckerei, um dort für die Abonnenten und

Behörden der Provinz nochmals vervielfältigt zu werden.

Der ganze geschilderte Vorgang nimmt wie gesagt mehrere Tage

in Anspruch. Nun liegt es aber im Interesse der Behörden und

Gesandtschaften, so rasch als möglich in den Besitz der einzigen

offiziellen Regierungsnachrichten zu kommen, und deshalb werden mit

stillschweigendem Einverständnis der Postverwaltung in Peking noch zwei

andere Ausgaben der Zeitung veranstaltet. Bei der einen, „T’schang

peun”, d. h. lange Zeitung (weil das Format etwas länger ist), wird

der Text der Dekrete auf Wachsplatten rasch eingeschnitten und von

diesen der Druck veranstaltet; für die zweite „Sie’-peun”, d. h.

geschriebene Zeitung, wird der Inhalt der Dokumente von Schreibern

rasch in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren abgeschrieben. Sie

besteht aus einem einfachen Blatt Papier ohne Umschlag. Diese Ausgabe

kommt gewöhnlich einige Tage früher als die gedruckte zur Verteilung

und kostet, ihrer Herstellungsweise entsprechend, erheblich mehr, d. h.

etwa 24 Reichsmark monatlich.

Nehmen wir einmal eines der gelben offiziellen Zeitungshefte zur Hand.

Natürlich müssen wir, wie bei arabischen und jüdischen Büchern, von

rückwärts beginnen. Jede Seite wird durch violette Linien in sieben

vertikale, etwas über einen Centimeter breite Rubriken geteilt, und in

jeder Rubrik stehen vierzehn Zeichen, die aber nicht am oberen Rande,

sondern etwa fünf Centimeter weiter unten beginnen. Auf jeder Seite

bleibt dieser obere Raum als Ausdruck der Achtung für die kaiserlichen

Dekrete und Nachrichten frei, gerade so wie wir es in unseren Briefen

an Hochgestellte zu thun pflegen.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 34 / 71 段