Aber wie anders ist das Bild dieser Prüfungshalle alle drei Jahre

während der Septemberprüfungen! Fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen,

vielleicht noch mehr, drängen sich dann innerhalb der Umfassungsmauern

zusammen, und die Aufmerksamkeit der ganzen Provinz mit ihren dreißig

Millionen Einwohnern konzentriert sich hier, wie es etwa in England

zur Zeit der großen Rennen auf der berühmten Epsomdown bei Derby oder

zur Zeit der Stiergefechte auf der Plaza de Toros in Sevilla der Fall

ist. Schon eine Woche vorher treffen aus allen Teilen der Provinz die

Prüfungskandidaten mit ihren Familien und Freunden in Canton ein, und

nachdem sie in den chinesischen Hotels oder bei Privaten Unterkunft

gefunden haben, melden sie sich mit ihren Legitimationen bei der

Prüfungskommission, welche in den Gebäuden des vorerwähnten kleineren

Hofes ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und dort während des ganzen

Prüfungsmonats wohnen bleibt. Die kaiserlichen Kommissare, hohe

Mandarine, Hunderte von Beamten, Schreibern, Sekretären, Soldaten und

Wächtern beleben die öden Räume und bereiten alles für die Prüfungen

vor, zu denen sich gewöhnlich acht- bis zwölftausend Kandidaten

zu melden pflegen, mitunter viel mehr, als die Prüfungshalle

Platz besitzt. Der weite Raum wird gereinigt, und auch die kleinen

vorgeschilderten Zellen, deren es in der Cantoner Prüfungshalle 8653

giebt, werden gekehrt und für die Aufnahme der Kandidaten einfach

dadurch vorbereitet, daß man in die Mauereinschnitte zwei fußbreite

Bretter einschiebt; das eine derselben dient als Tisch, das andere als

Sitz.

Am frühen Morgen des festgesetzten Tages drängen sich die

Prüfungskandidaten, begleitet von ihren Verwandten, Freunden und

Dienern vor dem Hauptthore der Halle zusammen, alle sind mit

Kleidungsstücken, Decken, Lebensmitteln, Kochgeschirren, Theetöpfen

und sonstigem Hausrat schwer beladen, denn die Kandidaten bleiben

während der nächsten neun Tage in den winzigen Prüfungszellen wohnen

und dürfen nur die dritte und die sechste Nacht außerhalb der streng

bewachten Prüfungshalle zubringen. Niemand darf sie in das Innere

derselben begleiten. Am Thore nehmen sie von ihren Begleitern Abschied

und treten, bepackt mit ihrem Hausrat, einzeln durch das Thor. Hier

werden sie von Beamten der Prüfungskommission genau untersucht, ob sie

nicht etwa kleine Taschenausgaben der Klassiker oder sonst irgendwelche

verbotene Gegenstände mit sich führen, und haben sie diese Untersuchung

bestanden, so melden sie sich bei den Mandarinen. Von diesen erhält

jeder Kandidat einige gestempelte Papierbogen, auf welchen sein Name

und seine Nummer der ihm zugewiesenen Zelle verzeichnet stehen. Mit

Spannung erwarten sie die kleinen roten Zettelchen, welche in der

Prüfungshalle selbst gedruckt werden und die Themata enthalten, über

welche sie binnen zwei Tagen drei Arbeiten und ein Gedicht verfassen

müssen. Keine Arbeit darf mehr als vierhundert und weniger als

dreihundert Schriftzeichen enthalten, und etwaige Aenderungen oder

Randnoten dürfen zusammengenommen weitere hundert Schriftzeichen nicht

übersteigen.

Sind diese Arbeiten abgeliefert, so können die Kandidaten unbehelligt

die Halle für eine Nacht verlassen. Bei ihrer Rückkehr werden sie

abermals untersucht, und man weist ihnen neue Zellen an, wo sie

die zweite Serie von fünf Arbeiten über klassische Gegenstände zu

schreiben haben. Die dritte Serie, für welche abermals drei Tage

Zeit gelassen werden, besteht aus fünf Arbeiten über Gegenstände,

deren Auswahl dem kaiserlichen Examinator überlassen bleibt und die

in den letzten Jahrzehnten zuweilen auch moderne Fragen, etwa über

Staatswissenschaften, die Geographie der Provinz oder des Reiches,

oder Mathematik, umfassen. Sind auch diese Arbeiten abgeliefert, so

ist die Prüfung vorüber, die Kandidaten können ihre Zellengefängnisse

verlassen. Aber es vergehen mehrere Wochen, ehe sie das Ergebnis der

Prüfung erfahren. Jedes der bei der Prüfungskommission eingelaufenen

Schriftstücke, mitunter bis zu dreißigtausend an der Zahl, muß

ja vorher sorgfältig geprüft werden, und diese Prüfung geht, zur

Vermeidung von Unterschleifen oder Bevorzugung, mit der größten

Strenge vor sich. Zunächst werden über die Namen der Kandidaten

auf den einzelnen Arbeiten Papierstreifen geklebt und diese mit

Nummern bezeichnet, so daß den Examinatoren die Verfasser der

Arbeiten unbekannt bleiben. Dann werden alle die vielen Tausende von

Schriftstücken mit roter Tinte abgeschrieben, eine dritte Klasse von

Beamten unterzieht sie der ersten Prüfung und wählt die besten aller

Arbeiten aus. Nur diese werden den kaiserlichen Examinatoren selbst

vorgelegt. Immerhin sind dies noch zehn Prozent, also zwei- bis

dreitausend Schriftstücke, von etwa achthundert bis tausend Kandidaten.

Nun sind jeder Provinz nur eine bestimmte Anzahl von litterarischen

Graden, in Kwantung z. B. nur siebzig bis achtzig, zugewiesen, und

den kaiserlichen Examinatoren liegt es ob, unter den nahezu tausend

besseren Kandidaten siebzig bis achtzig auszuwählen, deren Arbeiten

die vorzüglichsten waren. Auch damit sind die Vorsichtsmaßregeln

gegen Unterschleife nicht zu Ende, denn ein kaiserlicher Zensor

hat die Arbeiten der von den Examinatoren zur Erteilung von Graden

vorgeschlagenen Kandidaten durchzusehen und ihnen die Bestätigung zu

erteilen.

Wie mir indessen von chinesischen Litteraten selbst eingestanden wurde,

kommen bei diesen Prüfungen trotz aller Strenge dennoch Unterschleife

vor; Bücher werden eingeschmuggelt, Thorhüter bestochen, andere

Kandidaten verfassen die Arbeiten ihrer Kollegen. Dagegen lassen sich

die Examinatoren nicht so leicht zu Unregelmäßigkeiten herbei, denn

solche werden mit der größten Schärfe bestraft. In der Mitte der

sechziger Jahre wurde beispielsweise ein kaiserlicher Examinator,

Mandarin ersten Ranges und Großsekretär des Reiches, weil er seinen

Neffen begünstigt hatte, enthauptet. Im Herbst 1894 versuchte es ein

reicher Chinese aus der Provinz Tschekiang, den Examinator durch

Zuwendung einer Summe von zehntausend Taels zu bestechen. Der letztere

erstattete Anzeige, und der Chinese wurde zum Tode verurteilt.

In anderen Provinzstädten ist der Zudrang zu den Wettprüfungen zuweilen

noch stärker als in Canton. So z. B. mußten vor einigen Jahren in

Hangtschau, dessen Prüfungshalle zehntausend Zellen enthält, in den

engen Gäßchen dazwischen noch über tausend Sänften aufgestellt werden,

um alle Kandidaten unterzubringen. Man sollte meinen, den siebzig bis

achtzig Glücklichen, welchen es von all den Tausenden allein beschieden

ist, mit litterarischen Graden aus den Prüfungen hervorzugehen,

stände zum mindesten das große Los bevor. Welch große Kosten, welch

mühsame Reisen, welche Arbeiten und Entbehrungen sind mit derlei

Prüfungen verbunden! Der Aufenthalt in den kleinen Zellen ist bei

heißem Wetter geradezu unerträglich, und so mancher alte oder schwache

Mann, der als Kandidat die Prüfungshalle betritt, verläßt sie nicht

mehr lebend. Gar nicht selten sind die Fälle, daß besonders Greise

an Erschöpfung sterben, und da es gegen die Vorschriften wäre, die

Thore der Halle während der Prüfungen zu öffnen, so werden Oeffnungen

in die Umfassungsmauer gebrochen und die Leichname der Unglücklichen

herausgeschafft. Ein großer Prozentsatz der Kandidaten giebt sich auch

mit der einmaligen Prüfung nicht zufrieden. Beharrlich melden sie sich

ein zweites, drittes Mal, ja noch öfter, und vielleicht ist es ihnen

endlich vergönnt, als Greise die Prüfung zu bestehen, d. h. damit den

Titel Chü-dschin, d. h. beförderter Mann zu erringen. Und ist dies

wirklich geschehen, so werden Eilboten zu Land oder Wasser nach dem

Heimatsort gesandt, um das Glück zu verkünden, welches diesem letzteren

zu teil geworden ist. Die Familie des neugebackenen Chü-dschin

veranstaltet große Freudenfeste, sie läßt an den Straßenecken große

rote Plakate anschlagen und alle Freunde und Bekannten durch eigene

gedruckte Anzeigen von der erfolgten Ernennung in Kenntnis setzen.

Ueber die eigene Hausthür aber wird eine große Tafel mit den Worten

Beförderter Mann aufgehängt. Wohlhabende errichten häufig sogar

steinerne Triumphbögen zu Ehren eines glücklichen Prüfungskandidaten.

Und was hat der Kandidat dadurch in Wirklichkeit erreicht? Nicht etwa

einen einträglichen fetten Mandarinsposten, irgend welche besondere

Würden oder Auszeichnungen, sondern einfach die Möglichkeit, mit

der Zeit, vielleicht nach vielen Jahren, irgend eine bescheidene

Staatsstellung zu erreichen.

Wer schneller und sicherer zu einer solchen gelangen will, muß sich

noch zu einer dritten Art von Prüfungen melden, welche alle drei

Jahre einmal, gewöhnlich in dem auf die Provinzprüfungen folgenden

Frühjahr in der Reichshauptstadt selbst stattfinden. Auch in Peking ist

die Prüfungshalle nicht viel besser als in den Provinzhauptstädten,

doch sind die Kandidaten die Gäste des Kaisers, und während sie

dreimal drei Tage mit je einer mittägigen Unterbrechung in den

Prüfungszellen schmachten, erhalten sie aus den Küchen, welche bei

jedem Zellengäßchen eingerichtet werden, reichliche Lebensmittel.

Aber die Kosten der weiten, mitunter monatelangen und beschwerlichen

Reise müssen sie selbst bestreiten. Haben sie keine Mittel dazu, so

wird ihnen möglicherweise ein reiches Bankhaus dieselben vorstrecken,

und sind sie einmal Mandarin geworden, so müssen sie diese Darlehen

mit reichen Zinsen zurückerstatten. Auch in Peking vollziehen sich

die Prüfungen in ähnlicher Weise wie in den Provinzhauptstädten, nur

sind sie entsprechend schwieriger, die Aufgaben über klassische und

philosophische Themata müssen glänzend gelöst werden, die Gedichte

fehlerfrei sein. Durchschnittlich melden sich zu jeder Prüfung

vierzehntausend Kandidaten aus allen Provinzen, und nur ein Zehntel

davon können den vielumworbenen Grad eines Tsen-tse, d. h. fertiger

Gelehrter, etwa unserem Doktorgrad entsprechend, erreichen. Jede

Provinz hat je nach ihrer Einwohnerzahl Anspruch auf eine bestimmte

Zahl von Tsen-tse-Stellen, und diejenigen Kandidaten, welche diesen

Grad erlangt haben, werden gewöhnlich nach kurzer Zeit zu Mandarinen

befördert und erhalten eine Regierungsanstellung. Wer von den Tsen-tse

anstrebt, noch höhere litterarische Ehren zu erreichen, muß sich einer

vierten Prüfung unterziehen. Diese wird in der verbotenen Stadt sogar

unter den Augen des Kaisers selbst abgehalten, und die Glücklichen,

welche diese schwierigste aller Prüfungen bestehen, werden

Mitglieder der Hanlinakademie und führen den stolzen Titel Poeten und

Historiker des kaiserlichen Hofes. Die besten von diesen werden nach

einer formellen Prüfung vor dem Kaiser zu Tschuang-yuen, d. h. etwa

poeta laureatus, ernannt und haben damit Anspruch auf den Posten eines

kaiserlichen Examinators oder auf andere hohe Würden.

[Illustration: Der Hauptaltar des Menciustempels in Tsiu-hsien].

Wie man sieht, ist das Mandarinentum in China nicht ganz so schlecht

wie sein Ruf. Die vielbegehrten Posten müssen mit großen Mühen und

durch jahrelanges Studium erworben werden und kommen nicht etwa durch

Günstlingswesen, hohe Verwandtschaften oder mächtige Freunde zur

Besetzung, wie es in manchen, uns viel näher liegenden Ländern zuweilen

geschieht. Wohl kommen sehr viele Unterschleife vor, im ganzen und

großen aber hat sich das System der Wettprüfungen durch anderthalb

Jahrtausende verhältnismäßig rein erhalten und läßt die Chinesen in

einem ganz anderen, günstigeren Lichte erscheinen, als es gewöhnlich

geschieht. Nur ist es zu bedauern, daß diese Kenntnisse sich nicht auf

nützlichere Gebiete erstrecken als die vergilbten, veralteten Klassiker

Chinas.

[Illustration: Bezopfter Schuljunge.]

[Illustration: Wahrsager.]

Die geheimen Gesellschaften Chinas.

Von allen jenen, die China und die Chinesen durch vieljährige

Beziehungen kennen, von Missionaren, Kaufleuten, Diplomaten, werden die

geheimen Gesellschaften des Reiches der Mitte als die Hauptursachen der

Christenmetzeleien und überhaupt als die Urheber der traurigen Zustände

in den chinesischen Städten bezeichnet. Sie sind durchwegs politischen

Charakters, und bei allen ist der Grundzug Fremdenhaß. Gelänge es der

Pekinger Regierung, diese Geheimbünde zu brechen und zu vernichten,

dann könnte an eine Wiedererwachung des Reiches gedacht werden;

dann wäre es möglich, eine kaiserliche Armee zu schaffen und den

Missionsanstalten sicheren Schutz angedeihen zu lassen; solange diese

Geheimbünde aber fortbestehen, niemals. Den besten Beweis dafür bilden

die englischen Kolonien in Malakka und die holländischen Kolonien in

der Sundasee. Solange man dort der chinesischen Geheimbünde nicht

habhaft werden konnte, waren Aufstände, blutige Kämpfe, Verbrechen

an der Tagesordnung; erst seit den strengen Maßregeln gegen die

Geheimbünde sind Ruhe und Ordnung eingetreten. Dasselbe gilt auch von

Hongkong.

Gerade in diesen Kolonien, wo die oberste Gewalt in den Händen der

Europäer liegt, war es möglich, einen Einblick in das Wesen dieser

chinesischen geheimen Gesellschaften zu erhalten und daraus auf ihre

Macht und Ausbreitung in China selbst zu schließen. Im Reiche der Mitte

gehört die Ausforschung dieser nach Hunderten zählenden Gesellschaften

beinahe zu den Unmöglichkeiten; wird doch Verrat an den Chinesen selbst

durch den Tod bestraft; wie erst würde es den Europäern ergehen,

welche gegen die Geheimbünde vorgehen wollten! Die erste Nachricht

von ihrem Bestehen war in einem Buch des bekannten Sinologen Doktor

Milne enthalten, das im Jahre 1825 unter dem Titel ~Some accounts

of a Secret Society in China~ erschien und die größte dieser

Gesellschaften, die Tien-ti-hwey, behandelte. Das Buch erregte die

Aufmerksamkeit eines Dolmetschers im Dienste der niederländischen

Kolonialregierung, Namens Gustav Schlegel. Gelegentlich einer

Haussuchung bei einem des Diebstahls beschuldigten Chinesen in Padang

(Sumatra) wurden eine Anzahl Bücher und Dokumente vorgefunden, die

Schlegel zur Uebersetzung zugewiesen wurden, und in ihnen fand er die

Bestätigung der Angaben Milnes, sowie die Thatsache, daß sich in Padang

eine Loge der großen Tien-ti-Gesellschaft befand. Gestützt auf das

reiche in seinen Händen befindliche Material, veröffentlichte er 1867

sein berühmtes Buch ~The Thian-Ti Hwei or Hung League~. Einige

Jahre nachher gewann der Protektor der Chinesen in Singapore, Mr. W. A.

Pickering, so viel Einfluß auf die Hung-Gesellschaft, daß sie ihn zu

ihren geheimen Sitzungen zuließ. Er vervollständigte die Kenntnisse,

die bis dahin über das Wesen und den Umfang der Gesellschaft in die

Oeffentlichkeit gedrungen waren.

In ihrem Katechismus heißt es: „Seit der Erschaffung der Welt besitzen

wir den Namen Hung”.... „Ying und Yang, Himmel und Erde zusammen,

erzeugten die Söhne von Hung, in Myriaden vereinigt.” Wirkliche Beweise

ihres Bestehens stammen jedoch erst aus dem siebzehnten Jahrhundert,

d. h. seit der Vertreibung der angestammten Kaiserdynastie durch

die Tataren. Damals war ihr Wahlspruch: „Gehorche dem Himmel und

thue recht”; und dieser Wahlspruch steht auch heute noch auf jeder

Seite ihrer Bücher und Veröffentlichungen; thatsächlich aber ist ihr

Wahlspruch: „Hoan Tscheng, Hok Beng”, d. h. „Vertreibe die Tataren

und setze die Mings wieder ein”. Im Dialekt, wie er in der Provinz

Fokien gesprochen wird, heißt Tscheng die Mandschudynastie und Beng die

Mingdynastie. Neben dem Namen Tien-ti-Hwey wird von den Chinesen auch

Sam-hap, d. h. Triad (oder Dreiheit, Dreieinigkeit) als offizieller

Name des Geheimbundes anerkannt wegen der Vereinigung der drei

Begriffe Himmel, Erde, Mensch. Gestützt darauf strebt der Geheimbund

die Beteiligung aller Chinesen an, und um dieses Ziel zu erreichen,

sind alle Mittel erlaubt. Jede Loge (und es giebt deren wohl in jeder

Stadt Chinas) besitzt eine Anzahl von Tai-ma, d. h. Werbern. Sobald sie

aus irgend einem Grunde die Mitgliedschaft eines bestimmten Chinesen

für wünschenswert erachten, erhält er auf geheimnisvolle Weise einen

geschriebenen Befehl, sich zu der angegebenen Zeit an einem genau

bezeichneten Orte einzufinden. Hat der Betreffende nicht den Wunsch,

der Triad oder, wie sie auch heißt, der Hung-Gesellschaft beizutreten,

so wird er seinen Wohnsitz aufgeben und sich unter anderem Namen in

einem entfernten Orte verbergen, denn Widerstand wäre vergeblich.

Frederick Boyle, der sich mit dem Wesen der Hung-Gesellschaft eingehend

befaßt hat, sagt darüber: „Irgend einen Racheakt, sei es körperliche

Züchtigung oder eine falsche Anklage bei den Gerichten, zu welcher sich

auch falsche Zeugen finden, hat der Betreffende dann gewiß zu erwarten,

wenn ihm nicht noch Schlimmeres passiert. Zuweilen wird der Betreffende

bei passender Gelegenheit von den Tai-ma überfallen und gefesselt nach

der Loge geschleppt oder durch List in eine Falle gelockt.”

Als Versammlungsorte der Hung-Mitglieder werden überall die geheimsten

und entlegensten Schlupfwinkel ausgesucht; in Canton und Singapore

liegen sie zwischen Sümpfen und Dschungeln, und die Zugänge werden

durch Bewaffnete bewacht. Pickering erzählt, daß mehr als einmal

Fremde, die den Geheimspruch als Erkennungszeichen nicht zitieren

konnten, auf der Stelle getötet wurden. Nach diesen Logenplätzen

werden nun die Novizen geführt und dort einem ebenso umfangreichen

wie haarsträubenden Zeremoniell unterworfen, ehe sie als Mitglieder

aufgenommen werden. Es würde wohl einen stattlichen Band füllen, sollte

der ganze Hokuspokus mit seinen Einzelheiten geschildert werden.

Nachdem der Novize nahezu die ganze Nacht in Angst und Pein allen

möglichen Prozeduren unterworfen wurde, gelangt er endlich vor den

Thron des Meisters und liegt dort in weiße Gewänder gekleidet, mit

aufgelöstem Haar und offener Brust auf dem Rücken, während acht Räte

spitze Schwerter nach seiner Brust richten. Dort hat er zu schwören,

daß er seine ganze Familie als tot betrachte und keine irdischen

Beziehungen und Verpflichtungen mehr anerkenne. Dann muß er einige

Tropfen seines Blutes in einen mit Wein gefüllten Becher fallen

lassen, und nachdem er diesen geleert, wird er als Novize in den Bund

aufgenommen, um bei späteren Versammlungen noch weiteren Prüfungen

unterworfen zu werden.

Die Hung-Gesellschaft besitzt keinen obersten Meister, sondern sie

wird von den fünf Großlogen der Provinzen Fokien, Kwangtung, Yüman,

Hunan und Tschekiang geleitet. Alle anderen Logen, auch jene in den

Kolonien, dann in Amerika und Australien sind irgend einer der fünf

Großlogen unterthan, und ihre Mitgliederzahl muß mehrere Millionen

erreichen. In Singapore beispielsweise war sie im Jahre 1887 nahezu

so zahlreich wie die ganze chinesische Bevölkerung. Alle Mitglieder

sind durch die strengsten Gesetze und Androhung furchtbarer Strafen

zu Gehorsam und Einhaltung der Vorschriften des Tien-ti verpflichtet.

Der vierunddreißigste der sechsunddreißig Grundartikel verbietet

ihnen, um nur das Wichtigste hervorzuheben, bei grausamer Todesstrafe,

unter keiner Bedingung sich an die bestehenden Gerichte, Behörden

oder Polizei zu wenden. Der fünfunddreißigste Artikel setzt ebenfalls

die Todesstrafe darauf, wenn ein Mitglied irgendwie vor Gericht

Zeugenschaft ablegt, außer es ist falsche Zeugenschaft auf Befehl

der Logenleiter. Die ganze Gerichtsbarkeit aller Mitglieder der

Loge liegt dem Meister ob. Man kann sich unter diesen Umständen den

ungeheuren Einfluß und die Bedeutung der Hung-Gesellschaft in China

leicht vorstellen. Sie bildet gewissermaßen einen Staat im Staate, viel

stärker, besser organisiert und einflußreicher als dieser selbst, und

wie Boyle sagt: „die verkommenste, blutdürstigste und bedrückendste

Gesellschaft, welche die Weltgeschichte kennt”. Schlegel sagt: „Die

Hung-Gesellschaft hat überall, wohin sie kam, Bürgerkrieg und Mord im

Gefolge gehabt”, und Milne sagt: „Die Mitglieder schützen einander

gegen das Gesetz, verbergen ihre Verbrechen und helfen ihren Brüdern,

sich der Hand der Gerechtigkeit zu entziehen”. Pickering äußert sich

folgendermaßen: „Die Tien-ti ist eine Vereinigung, um die Interessen

ihrer Mitglieder gegen die Gesetze aufrechtzuerhalten und Reichtümer

zu sammeln, indem sie den Freudenhäusern, Spielhöllen und dergleichen

unrechtmäßig Tribut auferlegen”. Der Polizeiinspektor von Singapore

berichtet: „Sie sind eine ständige Gefahr für den Frieden der Kolonie”.

Sie üben überall eine Schreckensherrschaft aus, und die Mandarinen sind

dagegen machtlos, denn irgendwelche Unternehmungen gegen sie werden

durch Tortur, Mord, Brand oder durch falsche Anklagen gerächt, für

welch letztere sich immer, wenn nötig, tausend falsche Zeugen finden.

Die Logenleiter beuten in vielen Fällen ihre Macht zu ihren eigenen

Zwecken aus und gelangen so zu großem Reichtum. Tschang-Ah-Kwi, einer

der Vorsteher der Loge zu Penang, wurde vor einigen Jahren wegen

Mordes angeklagt, und man fand, daß er ein Vermögen von 40 Millionen

Mark besaß. Sein Spießgeselle Tschin-Ah-Yam erfreute sich eines nahezu

ebensogroßen Vermögens. Das Obergericht in Singapore verurteilte den

Distrikt-Großmeister der Hungs, Namens Khu-Tan-Tek, vor kurzem zum

Tode, und er erklärte, man würde nicht den Mut haben, ihn hinzurichten.

Thatsächlich wurde ihm das Leben geschenkt, wie man sagt, weil man sich

vor der Rache der Hung-Mitglieder fürchtete. In China selbst wäre es

bisher natürlich vergebliche Mühe gewesen, gegen die Hungs vorzugehen.

Der beste Beweis ist ja der große Taipingkrieg, der auf Veranlassung

der Hung-Gesellschaft entfacht wurde und den China erst durch die Hilfe

der Europäer zu Ende führen konnte, nachdem die volkreichsten Provinzen

in Wüsten, die blühendsten Städte in rauchende Trümmerhaufen verwandelt

worden waren. In früheren Zeiten schritt die chinesische Regierung

wohl energisch gegen die Hungs ein. So wurden in Canton an einem Tage

allein dreitausend von ihnen enthauptet, und gelegentlich der Unruhen

in Peking im Jahre 1817 wurden zehntausend in die dortigen Gefängnisse

geworfen, wo sie verschmachteten. Allein die Hungs sind eine lernäische

Schlange und der Kaiser von China leider kein Herakles.

Dagegen wurde in den europäischen Kolonien in Ostasien die

Unterdrückung der Hung-Gesellschaft mit mehr oder minder Erfolg

durchgeführt. Die Hungs sind die Ursache, daß sich der Sultan des

unabhängigen Malayenstaates Perak unter den Schutz Englands stellen

mußte, denn er konnte mit seiner Macht gegen die fünfzigtausend Hungs

in seinem Staate nicht ankämpfen. In Niederländisch-Indien und in den

Philippinnen machte man zuerst in furchtbarer Weise Bekanntschaft

mit den Hungs, und dem Morden, Plündern und Rauben wurde dadurch

wenigstens teilweise Einhalt gethan, daß man auf die Verleitung zum

Eintritt in den Geheimbund die Todesstrafe setzte. Ebenso wurden über

jene Chinesen, in deren Besitz man Flaggen, Bücher oder Abzeichen der

Hung-Gesellschaft fand, die schwersten Strafen verhängt. Die ganze

mongolische Bevölkerung wurde strenger Kontrolle unterworfen, indem

man ihnen eigene Quartiere anwies, außerhalb welcher sie nicht wohnen

durften. Die Quartiere wurden in Bezirke abgeteilt und eigenen Beamten

und Polizisten unterstellt, die für die Bevölkerung verantwortlich

waren. In jeder Straße oder Abteilung einer solchen waren eigene

Wachleute, die jeden Einwohner persönlich kannten und dafür zu sorgen

hatten, daß niemand nach einer bestimmten Sperrstunde ohne triftigen

Grund seine Wohnung verließ. Allein auch diese strenge Maßregeln

konnten die geheimen Gesellschaften nicht unterdrücken, wie die äußerst

bewegte Geschichte der spanischen und niederländischen Kolonien

hinlänglich beweist. Wie oft wurde Manila von den Hungs und anderen

Geheimbündlern geplündert und besetzt! Wie oft war es notwendig, mit

der ganzen Garnison gegen sie vorzugehen! Ebenso war Bandjermassin auf

Borneo die Stätte blutiger Kämpfe, so daß die niederländisch-indische

Regierung sich entschloß, alle Mitglieder der Hungs und alle

verdächtigen Chinesen aus ihrem Gebiet zu verweisen. Zehn Jahre später

schrieb aber Schlegel: „Es ist unmöglich gewesen, die Hungs aus ihren

Wohnsitzen gänzlich zu vertreiben. Sie bestehen heute noch an allen

Orten”. Die vielen Tausende, welche Niederländisch-Indien wirklich

verließen, wandten sich nach dem Sultanat von Sarawak im Nordwesten

Borneos, und Rajah Brook konnte sich gegen dieses Raubgesindel nicht

anders helfen, als indem er zehntausend der eingeborenen Dayaks anwarb

und gegen die Chinesen zu Felde zog. So wurden sie vernichtet.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 33 / 71 段