Reichskanzleramt, ist das Großsekretariat, aus vier Großsekretären
bestehend, doch sind die Befugnisse desselben und sein Einfluß geringer
als jene der Mitglieder des Tschun-Tschi-Tschu, zu deutsch Reichsrat.
Dieser setzt sich aus fünf Mandarinen erster Klasse zusammen,
gewöhnlich aus einem kaiserlichen Prinzen als Präsidenten an ihrer
Spitze, durchwegs hochbetagten Herren, denen es gewiß recht schwer
fallen muß, häufig um drei Uhr morgens in Gegenwart des Kaisers über
die Regierungsangelegenheiten des Reiches zu beraten. Vom Reichsrate
gelangen die letzteren an eines der sechs Ministerien oder, falls es
sich um Angelegenheiten handelt, welche das Ausland betreffen, an das
in den letzten Jahren so berühmt gewordene Tsung-li-Yamen, welchem
viele Jahre lang das chinesische „Mädchen für alles”, Prinz Kung, als
Präsident vorstand.
Ebenso wie die Wohnungen der Prinzen und Mandarine (von Palästen
kann man bei ebenerdigen, einfachen Gebäuden nicht sprechen), ebenso
wie die Ministerien und anderen Regierungsgebäude, so ist auch
das Tsung-li-Yamen von einer jener hohen, kahlen Mauern umgeben,
welche der Tatarenstadt von Peking ein so einförmiges, düsteres
Aussehen verleihen. Ueber dem mit verschiedenen Ziegeldächern
eingedeckten Haupteingang stehen auf einer Tafel vier große
vergoldete Schriftzeichen, welche, in unsere Sprache übertragen,
lauten: „Reich der Mitte, Ausland, Friede, Glück”, was etwa bedeuten
soll: „Chinesisches Amt zur Herstellung friedlicher und glücklicher
Beziehungen mit dem Ausland”. Von diesen friedlichen und glücklichen
Beziehungen haben die Chinesen bisher freilich nicht viel zu
verspüren bekommen. Ihre Schuld ist es keineswegs. Das Um und Auf
der chinesischen Wünsche in Bezug auf das Ausland ist, in Ruhe
gelassen zu werden, und wollte man die vier Worte: „Reich der Mitte,
Ausland, Friede, Glück” in chinesischen Sinne auslegen, so müßte
man über die Thüren des Tsung-li-Yamens schreiben: „Ausland, lasse
das Reich der Mitte in Frieden, dann ist es glücklich”. Seitdem die
Europäer nach China gekommen sind, ist die Regierung aus Kriegen,
Verlegenheiten, Zahlungen, Verlusten an Macht, Ansehen, Land und
Volk nicht herausgekommen, und man kann es den Chinesen wahrhaftig
nicht übelnehmen, wenn sie den Europäer mit nicht gerade freundlichen
Blicken betrachten, und wenn die Herren des Tsung-li-Yamens bestrebt
sind, die Europäer hinzuhalten. Denn es ist ja eine ausgemachte Sache
für sie, daß niemals ein Europäer kommt, um zu geben, sondern immer
nur, um zu nehmen. Die Gesandten der Mächte wollen Entschädigungen,
Gebietsabtretungen, die Kaufleute Konzessionen, Kaufabschlüsse, die
Missionare gar werfen durch die christliche Lehre, die mit dem ganzen
Gesellschaftsleben, dem Ahnenkultus und der Religion der Chinesen in
schroffstem Widerspruch steht, das ganze Gefüge über den Haufen und
wirken mit ihren Lehren, wie ein Chinese sich drastisch ausdrückte,
wie Sauerteig. Die zehn Mitglieder des Tsung-li-Yamens haben für ihre
Unterhandlungen mit den Ausländern diese Halle eingerichtet, bei deren
Betreten die letzteren mit zweierlei Gepäck ausgerüstet sein müssen,
entweder mit Geduld oder mit Kanonen. Wer Kanonen zu seiner Verfügung
hat, kommt besser fort.
Hinter dem Eingange öffnen sich dem Besucher des Yamens eine Reihe
von einfachen, aber reinlichen und geschmackvoll ausgestatteten
Hallen, deren letzte in einem hübschen wohlgepflegten Garten endigt.
Ein kleiner Raum mit einem rundem Tisch und verzwickten chinesischen
Stühlen aus schwarzem Holz dient als gewöhnliches Empfangszimmer
für fremdländische Gesandte, wobei stets drei Mitglieder des
Tsung-li-Yamens mit einer Schar von Sekretären und Dienern gegenwärtig
sind. An den Wänden hängen an Stelle von Bildern oder Landkarten die
in China allgemein gebräuchlichen langen Papierstreifen mit allerlei
Weisheitssprüchen. Der erste derselben lautet: „Zu lernen ist sehr
verdienstvoll”, der zweite: „Wenn der Thee halb angebrüht ist,
entsteigt ihm das Aroma”, der dritte: „~Wei schan tsui luh~”, was
etwa bedeutet: „Gut zu thun ist das höchste Glück”. Den ersten Spruch
mögen die Herren des Tsung-li-Yamens wohl beherzigen, denn solange sie
nicht wissen, das es neben Frankreich, England und Rußland auch noch
andere Reiche in Europa giebt, taugen sie für ihren Beruf nicht viel.
Bis vor kurzem unterstanden dem Yamen folgende Aemter: eine englische
Abteilung mit sechs Beamten, eine französische mit sieben, eine
russische mit sechs, eine amerikanische Abteilung mit sechs Beamten,
schließlich eine Abteilung für Seeverteidigung. Es wird wohl nicht
lange dauern, bis noch eine deutsche Abteilung hinzukommt.
Ebenso wie die Ministerien sind auch die Mehrzahl der fremdländischen
Gesandtschaften in chinesischen Häusern, ursprünglich Wohnungen von
Prinzen oder hohen Mandarinen, untergebracht, und sie unterscheiden
sich von den übrigen einförmigen Gebäuden nur durch die Flaggenmasten,
die über die Thore ragen. Der Verkehr zwischen den Gesandten und den
chinesischen Mandarinen beschränkt sich auf das Allernotwendigste.
Selten erfolgen gegenseitige Besuche, noch seltener erscheint irgend
ein Mitglied des Tsung-li-Yamens zu einer Soiree oder einem Diner, aus
Furcht, von den anderen als fremdenfreundlich angesehen zu werden.
Ueber das ganze Thun und Lassen selbst der höchsten Mandarine wacht
das Zensorenamt mit zahllosen Beamten, und jeder Mandarin hat in
den Archiven dieses Amtes seine Konduitenliste. Selbst der Kaiser
untersteht den Zensoren. Als Kuang-Su zum erstenmal nach seiner
Thronbesteigung seine Ahnenopfer darbrachte, übergab ihm ein Zensor
eine Schrift, in welcher er dem Kaiser das Recht absprach, diese
Ahnenopfer vorzunehmen, da er nicht direkter Sprosse der letzten
Kaiser, sondern nur ein Neffe des vorletzten Kaisers sei. Dann nahm
er sich vor den Augen des Kaisers das Leben, weil er es gewagt, die
Handlungen des Kaisers zu bemängeln. So ist das ganze Leben an dem
merkwürdigen Hofe, so ist die Regierung des chinesischen Reiches
ein seltsames Gemisch von gut und schlecht, ein Zwiespalt von
Vorwärtsschreiten und Beharren bei dem Althergebrachten, ein Gegensatz
von Patriotismus und kleinlichem Intriguenspiel, von Uneigennützigkeit
und schlimmster Habgier. Die Wasser sind getrübt, und die Europäer
fischen nach Herzenslust darin. An jeder Angel zappelt eine Eisenbahn,
ein Hafen, eine Provinz.
Die chinesischen Mandarine sind in neun Rangklassen eingeteilt, die
sich durch bestimmte Vorrechte, Gehaltsbezüge und äußerlich durch
bestimmte Abzeichen, hauptsächlich durch die eigroßen Rangknöpfe auf
den Hüten und die gestickten Tierwappen auf Brust und Rücken ihrer
Gewänder unterscheiden. Das ganze Beamtentum als Stand führt in China
den Namen Pe-kuan, d. h. die hundert Obliegenheiten, die Mandarine
der höchsten Klassen heißen Tai-fu, jene der niederen Kuang-fu. Der
Name Mandarin ist portugiesischen Ursprungs und unter den Chinesen
unbekannt. Die nominellen staatlichen Bezüge der Ministerbeamten sind
anscheinend gar nicht so gering, ja viel bedeutender als jene der
europäischen Staaten. So bezieht z. B. der Vizekönig einer Provinz
20000 Taels (nach dem gegenwärtigen Kurse entspricht ein Tael im Werte
etwa 3 Mark); der Gouverneur 16000, der Provinzschatzmeister 9000, der
Provinzrichter 6000, ein Präfekt 3000, ein Distriktmagistrat zwischen
2000 und 800 Taels; ein Provinzkommandant 4000, ein General 2400, ein
Oberst 1300 Taels und so abwärts bis zu dem niedrigsten Beamten, der
etwa 130 Taels im Jahre erhält. Wenn diese Bezüge wirklich nur für die
Person des Betreffenden bestimmt wären, dann könnten die Mandarine
vortrefflich auskommen und hätten es kaum nötig, zu Nebenverdiensten
Zuflucht zu nehmen. Allein gewöhnlich kommen sie erst nach einer
mehrere Jahre langen Wartezeit auf ihren Posten, und da es für Personen
mit litterarischen Graden nicht standesgemäß ist, sich irgend welchem
Handels- oder Arbeitsberuf hinzugeben, müssen sie auf ihre zukünftigen
Bezüge hin Schulden machen. Haben sie endlich den Posten, so können sie
ihn den bestehenden Vorschriften nach nur drei Jahre lang behalten.
Um die Beamten nämlich so unabhängig als möglich von Familien- und
Freundschaftseinflüssen zu erhalten, werden sie alle drei Jahre auf
andere Posten versetzt, und selbst solange sie in einer Stadt bleiben,
können sie ihren Gehalt nicht ausschließlich für ihre Bedürfnisse
verwenden, sondern müssen davon auch noch ein Heer von Sekretären,
Schreibern und Dienern füttern, welche vom Staate nicht bezahlt werden
und von den Chinesen nicht mit Unrecht die Bezeichnung Klauen ihrer
Vorgesetzten erhalten haben. Der Mandarin ist in seinem Distrikte nicht
nur der Vertreter der Regierung, er ist gleichzeitig Polizeibeamter,
Richter, Steuereinnehmer, Standesbeamter und Notar, und in seiner Hand
vereinigen sich alle Verwaltungszweige. Seine Hauptpflichten sind es,
Ruhe und Ordnung zu erhalten, die Steuern einzutreiben und darauf acht
zu haben, daß er von den Spionen der Regierung, den Zensoren oder
vom Volke selbst seinen Vorgesetzten nicht wegen Mißbrauchs seines
Amtes angezeigt wird. Gelingt ihm dies, so kann er nach Ablauf der
dreijährigen Amtszeit Beförderung gewärtigen. Er kann auch dem Volk
mehr Steuern abnehmen, als dieses zu zahlen verpflichtet ist, und die
Chinesen lassen sich das auch ganz gerne gefallen. Sie wissen ja, daß
Widerstand gegen die Regierungsvertreter immer Geld kostet und zu
zeitraubenden Untersuchungen, zu weiteren Bedrückungen, möglicherweise
zu Aufständen führt, wodurch sie viel größere Verluste erleiden
würden, als es die rechtswidrige Steuereintreibung verursacht. Der
Mandarin seinerseits wird dieses Spiel auch nicht zu weit führen,
denn wird er bei seinem Vorgesetzten angeklagt, so muß er diesem
vielleicht eine viel größere Geldstrafe zahlen, als sein ganzer dem
Volke abgenommener Gewinn ausmacht. Sollte er dann immer noch seine
Erpressungen fortsetzen, so kann es vorkommen, daß die Bevölkerung
seines Wirkungskreises ihn eines Tages in feierlichem Aufzuge mit einer
Sänfte aus dem Yamen abholt und vor die Stadtthore trägt. In solchen
Fällen giebt die Regierung, der es vor allem um den lieben Frieden
zu thun ist, gewöhnlich dem Volke recht und ernennt einen anderen
Mandarin an die Stelle des verjagten. Ebenso wie das Volk eine maßvolle
Uebervorteilung durch die Mandarine duldet, ebenso geschieht dies auch
von seiten der Regierung, die sehr wohl weiß, daß der Mandarin mit
seinem Gehalte nicht auskommen kann, und die direkt und indirekt aus
den Erpressungen ihrer Beamten Nutzen zieht. Direkt dadurch, daß sie
die Einzahlung eines größeren Steuerbetrages von den Beamten erwarten
kann, indirekt dadurch, daß auch die Hände der höheren Mandarine von
den unteren geschmiert werden. W. Holcombe erzählt, ein chinesischer
hoher Diplomat habe ihm selbst mitgeteilt, er könne in Peking nur dann
eine Audienz erlangen, wenn er dieselbe mit gewichtigen Geschenken
bezahle. Bei seiner ersten Audienz bei einem Prinzen des kaiserlichen
Hauses brachte sein Sekretär hundert Unzen Silber mit, welche er an der
Pforte dem Hausoffizier des Prinzen übergab. Derselbe Gewährsmann sah
einmal bei einem hervorragenden Pekinger Juwelier hundert lackierte,
mit Seide überzogene Servierbretter, von denen jedes zehn kleinere
Abteilungen enthielt, bestimmt zur Aufnahme von Silberbarren von je
zehn Unzen Gewicht. Die Servierbretter waren von einem hohen Mandarin
bestellt worden, der dieselben mit zehntausend Unzen Silber füllen und
einem kaiserlichen Prinzen zum Geschenk machen wollte. Kleine Geschenke
erhalten die Freundschaft, und mit Geld läßt sich eben auch in China
viel erreichen, selbst Mandarinstellen.
[Illustration: Admiral Ting, Oberbefehlshaber der chinesischen Flotte
in der Schlacht am Yaluflusse.]
Daß Titel, Würden, Pfauenfedern und derlei Auszeichnungen im
himmlischen Reiche ebenso käuflich sind wie anderswo, wird niemand
wundernehmen. Auch die Chinesen sind eitel, und es giebt eine ganze
Menge reicher Leute, welchen der Kaiser den Mandarinsrang als Belohnung
dafür verliehen hat, daß sie in Zeiten der Bedrängnis große Summen
für Brücken, Dammbauten oder gemeinnützige Zwecke opferten. Solche
Ehren geben dem Träger gewisse Vorrechte und als äußeres Abzeichen den
vielbegehrten Mandarinknopf auf dem Hut (also das Knopflochbändchen ins
Chinesische übersetzt); doch ist damit nicht etwa das Recht, wirkliche
Aemter zu bekleiden, verknüpft.
Indessen kann man in China auch Aemter für Geld kaufen. Von mancher
Seite ist dies bestritten worden, und der vorgenannte amerikanische
Diplomat behauptet, er hätte während seines mehrjährigen Aufenthaltes
in China niemals einen Mandarin in offiziöser Stellung getroffen, der
diese durch Kauf erlangt hätte, niemals auch nur von einem solchen
gehört, ausgenommen Leute vom Range eines Dorfpolizisten.
Demgegenüber ist es mir wohl erlaubt, ein Edikt des Kaisers von China
anzuführen, das in der offiziellen Pekinger Staatszeitung vom 6. Juli
1894 veröffentlicht wurde. Dasselbe lautet: „Der Lektor im Hanlin
yuan, Wen-ting schi, bemerkt in einer Eingabe, daß der Verkauf von
Aemtern keine althergebrachte Einrichtung sei, und bittet, denselben
zu Gunsten einer geordneten Staatsverwaltung ganz einzustellen. Wenn
die Staatsverwaltung den Aemterverkauf zuließ, so war dies ursprünglich
eine der äußersten Geldnot entspringende Maßregel. In der letzten Zeit
nimmt jedoch der Aemterverkauf dermaßen überhand, daß Verwirrungen
im Beamtenkorps entstehen und allerlei Mißstände eintreten müssen.
Der Taotai und der Präfekt sollen für das Wohl der Bevölkerung Sorge
tragen. Wie können aber Leute, die nichts von Amtsgeschäften verstehen
und sich mit Geld ein Amt erkauft haben, ihren Posten genügend
ausfüllen? Das Finanzministerium soll deswegen zunächst den Verkauf
von Taotai- und Präfektenposten gänzlich einstellen. Wegen der anderen
kleineren Aemter möge die genannte Behörde gleichfalls in Erwägung
ziehen, wie dem Verkauf derselben passend Einhalt gethan werden kann,
und darüber ausführlich berichten.”
Obschon es in China, wie schon aus diesem kaiserlichen Edikt
hervorgeht, eine ganze Menge derartiger durch Stellenkauf auf ihre
Posten gelangten Mandarine giebt, so machen auch diese vielen Schwalben
immer noch keinen Sommer aus. Ein ostasiatisches Blatt bemerkt
darüber ganz richtig: „Das hohe Ideal, das einst in Bezug auf die
Staatsverwaltung bestand, ist gesunken und verdunkelt durch zahlreiche
Fehler und Flecken; dessenungeachtet besteht zweifellos ein Ideal.
Sobald man beispielsweise einen Bezirksrichter findet, der seiner
Pflicht getreu nachkommt, wird er durch das Volk geehrt, und der Kaiser
drückt ihm seine Anerkennung aus. Die Strafen, welche die Pekinger
Staatszeitung beständig verkündet, legen auch einen Beweis für die
Bemühungen der Regierung ab, das System rein und wirksam zu erhalten.
Wie es in der Natur der Religionssysteme liegt, daß sich mit der Zeit
in dieselben Mißbräuche und unnötiges Zeremoniell einschleichen, so
nimmt auch ein verwickeltes System des Beamtentums allmählich ein
gekünsteltes Gewand an und verliert den Lebensatem, der es bei seiner
Entstehung beseelt hat.”
„Man darf also die zweifellos bestehenden Mißstände keineswegs
verallgemeinern. Unter den Beamten findet man zahlreiche Personen
von großer Lauterkeit des Charakters, Talent und Energie; tüchtige,
ehrliche, auf das Volk bedachte Männer füllen die Mehrzahl der Posten
aus, obgleich sie in Gegenständen Prüfungen bestehen müssen, welche
die moderne Wissenschaft verlacht. Die Massen des Volkes erfreuen sich
eines guten Teils persönlicher Freiheit; der bescheidene Chinese,
obgleich übersteuert, wird nicht so bedrückt, wie wir dies in manchen
Ländern des Westens sehen. Es giebt unter den letzteren solche, die
für zivilisiert gehalten werden, in denen aber die Mißwirtschaft viel
größer ist als im Reiche der Mitte.”
Wer die Verhältnisse in China aus eigener Anschauung kennen
gelernt hat, wird derselben Meinung sein. Anders steht es mit der
Ausführbarkeit der europäischen Finanzverwaltung im Reiche der
Mitte. In den offenen Hafenstädten und in den Distrikten längs des
Jangtsekiang wäre sie heute schon wohl möglich, aber im Innern des
Landes ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Die Massen des Volkes
müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie in Bezug auf ihre Taschen
unter europäischer Steuerverwaltung besser fahren, und das dürfte doch
noch viele Jahre Zeit erfordern.
[Illustration: Ehrenpforte in Kiautschou. Inschrift: „Mein Bruder ist
Doktor geworden”.]
Litterarische Wettprüfungen.
Ein höheres Ziel, als litterarische Ehren und Würden zu erlangen, giebt
es in China nicht, und gerade so wie vor anderthalbtausend Jahren
führt auch heute noch nur ein Weg zu diesem Ziele: die Wettprüfung.
Niemand, der eine solche Prüfung nicht bestanden hat, kann, wenigstens
dem Wortlaut des Gesetzes nach, Mandarin, Beamter, Minister, Gesandter
werden. Und selbst falls er einen solchen Posten nicht erreichen
sollte, bleibt er doch der angesehenste Mann in seinem Orte, er
ist vor dem Gerichte von Körperstrafen befreit, er braucht vor dem
Richter nicht zu knien und mit der Stirne die Erde zu berühren wie
das gewöhnliche Volk, und gerade so wie der Edelmann in Europa über
der Thür seines Palastes das Wappen seiner Väter anbringt, so hängt
derjenige, der in China die Prüfungen überstanden hat, eine große Tafel
mit seinem von ihm selbst erworbenen litterarischen Titel über seine
Hausthür.
Gymnasien, Universitäten, Kollegs, überhaupt Unterrichtsanstalten
wie in Europa, sind in China nur in wenigen Hauptstädten in sehr
beschränkter Zahl vorhanden und überdies Schöpfungen der neuesten
Zeit. Im Inlande treten an ihre Stelle Privatschulen. In diesen
werden die Kinder vom zarten Alter an in die Lehren des Confucius und
Mencius eingeweiht, dort lernen sie ein paar tausend chinesischer
Schriftzeichen lesen und auf Papier malen, dort führt sie der
Privatlehrer in die Feinheiten des chinesischen Stils und die
chinesische Kalligraphie ein. Geographie, Geschichte, Religion,
praktische Wissenschaften sind unbekannte Unterrichtsgegenstände. Eine
höhere chinesische Schule ist etwa mit einem europäischen Gymnasium
vergleichbar, in welchem vom ersten bis zum letzten Jahre nichts
anderes gelehrt würde als die griechischen Klassiker in der Ursprache.
Derjenige, der sie am besten auswendig herzusagen und zu erklären weiß,
wird in den Staatsdienst aufgenommen.
Glaubt ein Chinese, daß er die vor Tausenden von Jahren geschriebenen
Sieben heiligen Bücher hinreichend meistert, so kann er sich zu den
öffentlichen Prüfungen melden, welche zweimal in je drei Jahren in
der Hauptstadt seines Distriktes abgehalten werden. Alt und jung wird
zugelassen, und es kommt häufig vor, daß Großvater, Vater und Sohn
gleichzeitig als Prüfungskandidaten in den Wettkampf treten. Die von
der Provinzregierung ernannten Examinatoren prüfen die schriftlichen
Arbeiten. Diejenigen Kandidaten, welche die besten Arbeiten geliefert
haben, gewöhnlich ein Zehntel der ganzen Zahl, erhalten den
vielbegehrten Knopf auf ihren Hut und den offiziellen Titel Siu-tz-ai,
d. h. Knospendes Genie.
Aber das ist nur die erste und niedrigste Stufe zum chinesischen
Parnaß, eine notwendige Vorbedingung, um als Kandidat zu den Prüfungen
in der Provinzhauptstadt zugelassen zu werden, welche alle drei Jahre
einmal, gewöhnlich im September, abgehalten werden. Die Examinatoren
sind Mitglieder der Hanlinakademie in Peking, dieser chinesischen
Akademie der Wissenschaften, und werden vom Kaiser ernannt. Außerdem
wohnen der Vicegouverneur der Provinz und die hervorragendsten
Mandarine denselben bei.
Den Besuchern der chinesischen Provinzhauptstädte, vor allem der
Städte Canton, Hangtschau und Nanking, werden gewöhnlich die großen
Prüfungshallen gezeigt, in welchen diese Wettprüfungen stattfinden.
Woher der Name Prüfungshalle stammt, kann ich mir nicht recht erklären,
denn als ich, geführt von meinem Dragoman, jene von Canton betrat,
glaubte ich mich eher in einem Viehpark zu befinden, wie ich sie rings
um die großen Schlachthäuser von Chicago gesehen habe, als in dem
Versammlungsort der Gelehrtenwelt der Provinz Kwantung: eine ebene,
mit Gras und Unkraut überwucherte Fläche von etwa sechzehn Morgen
Ausdehnung, eingeschlossen von einer hohen alten Mauer. Ein breiter,
schlecht gepflasterter Weg führt von einem Thore quer über diesen Platz
zu dem gegenüberliegenden Thore und teilt ihn in zwei gleiche Hälften.
Von diesem Mittelweg zweigen sich auf beiden Seiten in Abständen von
etwa fünf zu fünf Schritten niedrige, stallartige Gebäude ab, welche
bis an die Umfassungsmauer reichen. Die Breite dieser sonderbaren
langen Gebäude beträgt kaum drei Schritte, die restlichen zwei Schritte
entfallen auf die engen Gänge oder Gäßchen zwischen ihnen. Auf der
einen Seite zeigt jedes Gebäude etwa hundert kleine Thüröffnungen, die
andere wird durch eine kahle Mauer gebildet, die weder Fenster noch
Thüren hat. Von einer Halle ist nichts zu sehen. Verwundert erkundigte
ich mich nach dem Zweck dieser anscheinenden Stallungen. Mein Dragoman
ließ mich durch eine der vielen kleinen Thüröffnungen treten. Ich
befand mich in einem kahlen, gemauerten Raume, der das Aussehen
und die Größe zwischen einem Schilderhaus und einem Schweinestall
haben mochte. Thüre, Fenster, Einrichtung waren nicht vorhanden.
Nahe beim Thüreingang und an der gegenüberliegenden Mauer bemerkte
ich horizontale Einschnitte. Der Boden starrte vor Schmutz, und bei
meinem Eintritt raschelten Eidechsen davon. Kellerasseln und anderes
Ungeziefer verschwanden in den Rissen und Sprüngen der Mauer. Genau so
sahen auch alle anderen dieser kerkerartigen Räume aus. Jeder zeigte
über der Thüröffnung eine Nummer, und ebenso trug auch jedes Gäßchen
eine Bezeichnung.
Als wir dieses Labyrinth von Tausenden von Kammern durchschritten
hatten, gelangten wir durch das jenseitige Thor in einen kleineren
Hof, in welchem sich einige andere niedrige Gebäude, aber mit größeren
Räumlichkeiten, befanden. Das war alles. Nirgends war eine Spur von
Leben. All diese Räume waren öde und verlassen. Nur an der großen
Eingangspforte lungerten einige Wächter und Soldaten umher.