seiner Linken angewiesen hat, werden Thee und Pfeifen aufgetragen. Der
Besucher ist nicht verpflichtet, irgend etwas zu genießen, außer wenn
der Hausherr ihm als besonderen Beweis seiner Achtung eine Tasse Thee
selbst darreicht. Er wird dies niemals mit einer Hand, sondern immer
mit beiden Händen thun, indem er sich von seinem Sitze erhebt, und in
derselben Weise muß der Besucher die Tasse Thee auch in Empfang nehmen.
Bei offiziellen Besuchen zwischen Mandarinen und europäischen Beamten
wird der dargebotene Thee erst am Schlusse des Besuches getrunken.
Berührt der Hausherr im Laufe der Unterhaltung seine Tasse, so ist dies
das stillschweigende Zeichen, daß er die Unterhaltung beendet zu sehen
wünscht.
Auch in den einzelnen Redeformen beobachtet der Chinese gewisse
feste Regeln, und eine ungezwungene Unterhaltung wie bei uns ist im
Reiche der Mitte absolut unbekannt. Ja und Nein werden immer in der
sonderbarsten Weise umschrieben, denn es wird in China beispielsweise
als schlimmer Verstoß gegen die gute Sitte angesehen, jemandem
etwas direkt durch ein Nein abzuschlagen. Seit Jahrhunderten sind
die einzelnen Fragen und Antworten bei Besuchen in bestimmte Formen
krystallisiert, mit solchen bombastischen Floskeln verziert, so mit
Komplimenten ausgeschmückt, daß sie in der wörtlichen Uebersetzung
geradezu unverständlich sind. Drückt beispielsweise der Besucher sein
Bedauern darüber aus, daß er den Hausherrn so lange nicht gesehen
hat, so wird dieser nach den bestehenden Formeln antworten: „Wir
beanspruchen die Mühe Ihrer ehrenwerten Schritte zu empfangen; ist
die Person in der Sänfte wohl?” was soviel heißt als „Ich danke
für Ihren Besuch und hoffe, Sie befinden sich wohl”. Gewöhnlich
sendet der Hausherr nach den einleitenden Höflichkeitsbezeugungen
nach seinen Söhnen, die beim Eintreten den Kautau vor dem Besucher
ausführen. Studiert einer der Söhne, so wird vom Besucher die Hoffnung
ausgesprochen, daß er „den Wohlgeruch der Bücher fortführen”, d. h.
den litterarischen Ruf der Familie aufrechterhalten wird. Je höher der
Besucher die Anwesenden preist, desto verächtlicher wird der Hausherr
von seinen Angehörigen sprechen, denn es gehört zur guten Sitte, alles
Fremde in den Himmel zu erheben, alles Eigene herunterzusetzen; aber
immer in der für Ausländer so schwer verständlichen Umschreibung. Die
Frage: „Erfreut sich der ehrenwerte große Mann des Glückes?” will
sagen „Befindet sich Ihr Vater wohl?” Fragt der Besucher: „Wie viele
würdige junge Herren (Söhne) haben Sie?” so antwortet der Vater, wenn
er beispielsweise nur einen Sohn haben sollte: „Mein Los ist armselig,
ich habe nur einen kleinen Käfer”. In ähnlichen Formen bewegen sich
auch die Gespräche von Fremden, die einander begegnen, selbst wenn sie
Bettler sein sollten. So z. B.:
„Wie lautet Ihr ehrenwerter Name?”
„Der erbärmliche Name Ihres minderen Bruders ist Ming.”
„Was ist Ihre erhabene Langlebigkeit?”
„Sehr gering. Nur elende siebzig Jahre.”
„Wo befindet sich Ihr edler Palast?”
„Das Schmutzloch, in welchem ich mich verberge, ist in X.”
„Wie viele würdige junge Herren (oder wie viele „kostbare Pakete”)
haben Sie?”
„Nur drei dumme kleine Schweinchen.”
Unter Gleichgestellten ist es ein Verstoß gegen die Etikette, sie bei
ihrem Namen zu nennen, selbst wenn sie die besten Freunde oder sogar
Brüder sein sollten. Sie sprechen einander als Ehrwürdiger älterer
Bruder oder Ehrwürdiger jüngerer Bruder an. Der älteste Sohn einer
Familie Namens Ming wird als der große Ming bezeichnet, der zweite Sohn
als Ming Nummer zwei, der dritte als Ming Nummer drei und im Verkehr
mit Gleichgestellten werden sie von diesen mit Ehrwürdiger großer Ming,
oder Ehrwürdiger Ming Nummer zwei und so fort angesprochen. Nur der
Höhergestellte hat das Recht, sie bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.
So ist das ganze Leben der Chinesen eingeengt durch ein bis in die
kleinsten Einzelheiten gehendes Zeremoniell, auf das mit der größten
Fürsorge geachtet wird. Der Europäer, der glaubt, sich im Verkehr
mit Chinesen darüber hinwegsetzen zu können, wird niemals etwas
ausrichten, denn die Chinesen messen den Charakter und die Stellung
eines Mannes hauptsächlich nach diesen in unseren Augen nichtigen
Einzelheiten. Ich habe das auf meinen Reisen im Innern Chinas und
bei meinen Mandarinbesuchen fast täglich beobachtet. Der frühere
amerikanische Gesandte in Peking, Chester Holcombe, erzählt darüber
einige interessante Beispiele. Einmal sandte er einen Konsul nach
einer Provinzialhauptstadt, um dort eine Angelegenheit mit dem
Gouverneur zu schlichten. Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft in der
betreffenden Stadt ritt der Konsul, noch in seinen Reisekleidern, zu
dem Yamen des Gouverneurs und klopfte mit seiner Peitsche an die große
Thür. Der erschreckte Thorhüter nahm seine Karte ab und brachte sie dem
Gouverneur, aber dieser weigerte sich, den Konsul zu empfangen. Während
einer Woche ließ er sich täglich beim Gouverneur anmelden, täglich
wurde er abgewiesen, und schließlich mußte er unverrichteter Dinge die
beschwerliche, wochenlange Rückreise nach Peking antreten. Auf dem Wege
wurde er in einer Stadt von dem Pöbel auch noch thätlich insultiert.
Die fragliche Angelegenheit, die durch ein höfliches Auftreten des
Konsuls ohne weiteres hätte geregelt werden können, zog sich drei Jahre
lang hin, und schließlich mußte sich der Gesandte selbst bequemen, nach
der betreffenden Provinzialstadt zu reisen. Mit allen Einzelheiten
der chinesischen Etikette vertraut, wurde er von dem Gouverneur mit
ausgesuchter Höflichkeit empfangen, und die Sache wurde in der ersten
Unterredung beigelegt.
Einmal hatte Holcombe eine Konferenz mit den chinesischen Ministern im
Auswärtigen Amte in Peking. Als ich eintraf, so erzählt er, waren zwei
von ihnen bereits anwesend. Wir bekomplimentierten einander gegenseitig
geraume Zeit an der Thüre, bevor wir eintraten, und wieder eine geraume
Zeit, ehe wir an dem großen runden Tische im Konferenzzimmer unsere
Plätze einnehmen konnten. Während unserer Beratungen kamen nacheinander
fünf andere Minister. Jedesmal stürzten die anwesenden Minister wieder
aus der Thüre, verbeugten sich unzähligemal voreinander, ohne daß einer
den Vortritt annehmen wollte, und schließlich kämpften sie wieder unter
den tiefsten Verbeugungen um den untersten Sitz am Tische, so daß
während der Konferenz die Teilnehmer fünfmal ihre Plätze wechselten.
Der Chinese wird selten im Verkehr mit seinen Landsleuten oder mit
Ausländern absichtlich eine unangenehme oder anstößige Bemerkung
fallen lassen. Ist er unzufrieden, so sagt er es nicht gerade heraus,
sondern überläßt es dem Zuhörer, die wirkliche Ursache herauszufinden,
während er ihm irgend eine erfundene Geschichte erzählt. Er will
seinen Zweck erreichen, aber auf eine, wie er glaubt, angenehmere
Weise. Erscheint beispielsweise einem chinesischen Diener sein Lohn
zu gering, so wird er sich nicht beschweren. Seiner Ansicht nach wäre
dies äußerst unhöflich. Er wird also sofort seinen Vater krank werden
oder einen Verwandten sterben lassen, um damit seinen Austritt aus dem
Dienst zu entschuldigen. Ist sein Dienstherr ein Ausländer, der mit
den chinesischen Gebräuchen noch nicht vertraut ist, so wird er die
Angaben des Dieners vielleicht als bare Münze nehmen und den Diener
wirklich entlassen. Aber hat er die Chinesen durch langen Verkehr mit
ihnen kennen gelernt, so wird er trachten, durch einen anderen Diener
den wahren Grund herauszufinden und ihn zu berücksichtigen, stets aber
wird er sich dabei den Anschein geben, als schenkte er den Ausflüchten
seines Dieners vollen Glauben, um diesen nicht auf einer Lüge zu
ertappen.
In der Absicht, unangenehme Wahrheiten, ihre wirklichen Gefühle und
Beweggründe zu verbergen, werden die Chinesen zu allen nur erdenklichen
Mitteln und Wendungen Zuflucht nehmen. Hoch oder niedrig, verlieren
sie selten ihren Gleichmut, und nur in ihrem Hause den vertrautesten
Freunden gegenüber legen sie die eisernen Fesseln der Etikette ab
und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Diese Sitte von Unterdrückung
und falscher Auslegung ihrer innersten Gedanken hat, wie Holcombe
sehr richtig sagt, in der Außenwelt den Eindruck hervorgerufen,
daß die Chinesen ein kaltblütiges, gleichgültiges Volk ohne Nerven
seien. Aber in Wirklichkeit sind sie äußerst empfindlich, stolz und
leidenschaftlich. Nichts bringt die Chinesen so sehr außer Fassung und
verwirrt sie, wie die geraden und schroffen Manieren der westlichen
Völker, hauptsächlich der Engländer und Amerikaner, und deshalb
verschanzen sie sich gerade diesen gegenüber hinter ihrer starren
Etikette, während sie dem höflichen, bescheidenen und geduldigen
Deutschen größere Offenheit und größeres Vertrauen entgegenbringen.
[Illustration: Paradewaffen der Mandarine.]
Wie die Chinesen Verdienste ehren.
Nach der letzten großen Schlacht zwischen den Chinesen und Japanern
brachten die Blätter die Drahtmeldung aus China, daß dem Vizekönig
von Tschihli (in Europa unter dem Namen Petschili besser bekannt) zur
Strafe für die Niederlage seiner Truppen ein Pfauenauge unterdrückt
worden sei.
[Illustration: Hutknopf der Mandarine (halbe Größe).]
Diese Nachricht dürfte der großen Mehrzahl der Leser unverständlich
geblieben sein, denn selbst die in China lebenden Europäer sind mit
chinesischen Orden und Ehrenzeichen nicht vertraut, die zuweilen in
den absonderlichsten Formen verliehen werden. Orden nach europäischen
Begriffen besitzen die Chinesen überhaupt nicht. Allerdings wurden
während der Kriege, welche die Chinesen in den letzten Jahrzehnten
gegen Engländer, Franzosen und die eigenen Rebellen auszufechten
hatten, an die im chinesischen Heere dienenden Europäer Orden und
Medaillen verliehen, doch waren diese letzteren nur willkommene Behelfe
der Vizekönige und wurden von der chinesischen Zentralregierung nicht
anerkannt. Erst am neunzehnten Tage des zwölften Monats des siebenten
Jahres Kuangsi (am 7. Februar 1882) stiftete der Kaiser des himmlischen
Reiches einen Orden, Shuanglung-Pao-Sing, zu deutsch den Orden des
doppelten Drachen, doch auch dieser wird nur an verdiente Ausländer
verliehen. So z. B. befanden sich unter den ersten mit dem Großkreuz
dekorierten Ausländern der Direktor der chinesischen Zollämter Sir
Robert Hart und der von der Chartumer Katastrophe her bekannte
englische General Gordon, der sich in der chinesischen Expedition
gegen die Taiping ausgezeichnet hatte. Allein Chinesen erhalten
weder Orden noch Medaillen. Die gebräuchlichste Belohnung für Zivil-
und Militärdienste ist die Erhebung zu einer höheren Rangstufe der
Mandarine oder, wie sie in China heißen, Kwun. Mandarin ist keineswegs
ein chinesisches, sondern ein vom portugiesischen Mandar, Befehlen,
abstammendes Wort, das nur in der lingua franca Ostasiens, dem pidgin
English, gebräuchlich ist.
Die Chinesen haben neun Klassen von Mandarinen, deren jede für Militär
und Zivil besondere Abzeichen besitzt, durchwegs Tiere, die auf einem
etwa einen Quadratfuß großen viereckigen Tuchschild mit farbiger Seide
aufgestickt sind. Diese Schilder werden von den Mandarinen auf Brust
und Rücken getragen, und an ihnen erkennen die Chinesen ihre Beamten,
die Soldaten ihre Offiziere. Die Tiere sind die folgenden:
Rang Armee und Flotte Zivil
1. Klasse Nashorn Kranich
2. „ indischer Löwe Goldfasan
3. „ Leopard Pfau
4. „ Tiger wilde Gans
5. „ Bär Silberfasan
6. „ Tigerkatze Reiher
7. „ Waschbär Ente
8. „ Seehund Wachtel
9. „ Rhinoceros Elster.
Außer diesen Brustschildern ist auch die Art der Leibgürtel genau
festgesetzt, so z. B. tragen die Mandarine erster Klasse rote Gürtel
mit Schnallen aus Jade (Nephrit) und Rubinen, jene der letzten Klasse
Schnallen aus Büffelhorn.
Zu den Abzeichen der Mandarine gehören auch die Knöpfe oder vielmehr
nußgroßen runden Kugeln auf der Spitze der chinesischen Hüte. Bei den
Mandarinen erster Klasse sind die Kugeln Rubinen, bei jenen der zweiten
Klasse Korallen, die Knöpfe der Mandarine dritter und vierter Klasse
sind blau, und zwar durchsichtig blau (Saphir) und undurchsichtig
(Lapis Lazuli); bei der fünften und sechsten Klasse weiß, durchsichtig
(Krystall) und undurchsichtig (Marmor). Sollen Mandarine für leichtere
Vergehen bestraft werden, so wird ihnen für eine bestimmte Zeit der
Knopf entzogen.
Neben diesen mit dem Rang verbundenen Abzeichen giebt es in China
auch außerordentliche Auszeichnungen, von denen die höchste die
gelbe Reitjacke ist (im Chinesischen Ma-Kwa), ein gelbseidener Rock,
der jedoch nur auf Reisen, im Felde und bei Hofe getragen wird. Sir
Robert Hart und von den Chinesen der berühmte Vizekönig von Tschili,
Li-Hung-Tschang, sind die bekanntesten Inhaber der gelben Reitjacke.
Für ganz besondere Leistungen wird auch die gelbe Flagge verliehen,
ein kleines gelbseidenes Fähnchen, das der Inhaber in seiner Rechten
trägt. Der Besitz des Fähnchens führt das souveräne Recht von Leben
und Tod mit sich und es wird deshalb nur äußerst selten verliehen. In
ganz China dürften kaum mehr als sechs Würdenträger die gelbe Flagge
besitzen.
Häufiger wird die Pfauen- oder Krähenfeder verliehen. Die so
Ausgezeichneten tragen die Feder auf dem Hute hinten nach abwärts
geneigt. Prinzen und den höchsten Würdenträgern werden die Pfauenfedern
mit drei Augen verliehen, geringeren Beamten nur solche mit zwei Augen,
und Federn mit einem Auge sind sogar für geringes Geld käuflich.
Li-Hung-Tschang konnte in Anbetracht seines hohen Ranges keine
schlimmere Strafe widerfahren als die 1894 erlassene Verfügung, daß er
eine Zeit lang nur zwei Augen auf seiner Pfauenfeder tragen durfte.
Krähenfedern werden nur Soldaten der kaiserlichen Garde verliehen.
Sie können aber auch die Pfauenfeder erhalten. So z. B. bringt
der Titel Baturu die Pfauenfeder mit sich. Ein Baturu ist in der
chinesischen Armee etwa dasselbe, was der Ritter der Ehrenlegion in
der französischen Armee, nur trägt der chinesische Baturu statt des
Kreuzes am roten Bändchen die Pfauenfeder und erhält einen passenden
Titel, z. B. der Tapfere oder der Großmütige, mit dem auch höhere
Bezüge verbunden sind. Bisher wurde nur ein Europäer, der General Mesny
(ein Franzose), Baturu.
Noch seltsamer als die eben erwähnten sind einige andere Auszeichnungen
der Chinesen, z. B. das Recht, die Schwertscheide mit der gelben Rinde
der Robinia pygmaea, einer Akazienart, überziehen zu lassen, oder das
Recht, beim Reiten rote Zügel zu führen. Li-Hung-Tschang ist auch
Inhaber dieser Auszeichnungen.
[Illustration: Orden des doppelten Drachen dritter Klasse des ersten
Grades.]
[Illustration: Band zum nebenstehenden Orden. (Hälfte bis zu einem
Ende.)]
Zivilmandarinen wird als besondere Belohnung gestattet, die Tragstangen
ihrer Tragstühle rot überziehen zu lassen. Mandarine gehen niemals zu
Fuß aus, sondern reiten oder lassen sich in Tragstühlen tragen. Es wäre
eine Entwürdigung für einen Mandarin, zu Fuß oder ohne entsprechende
Begleitung von Dienern und Sekretären auf der Straße zu erscheinen.
Zu den zahlreichen Orden chinesischer Art, die der frühere Vizekönig
von Tschili besitzt, gehört auch der Zobelorden, wenn diese
Bezeichnung erlaubt ist. Das Tragen von Zobelfellen erfordert in
China die kaiserliche Bewilligung, und die Kaiserinwitwe sandte
Li-Hung-Tschang selbst als Geburtstagsgeschenk die für einen Mantel
erforderliche Zahl von Zobelfellen.
[Illustration: Kaiserliche Ehrenpforte zwischen Kiu-fu und dem
Confuciusgrab.]
In der offiziellen Pekinger Zeitung war vor einigen Jahren von einer
noch seltsameren Auszeichnung zu lesen, die damit zusammenhängt, daß
es in China keinen Erbadel nach unserer Art giebt. Sir Robert Hart,
der früher erwähnte chinesische Zolldirektor, hatte durch seine
vortrefflichen Maßnahmen die Einnahmen des Reiches beträchtlich
vermehrt, und der Kaiser erließ deshalb folgende Verordnung: „Dem
Generaldirektor wird ein Stück Seide verliehen, worauf die Namen seiner
drei nächsten Vorfahren in fünf verschiedenen Farben aufgestickt sind.
Diese Auszeichnung betrachten Wir (der Kaiser) höher als die gelbe
Reitjacke.”
Und bald darauf enthielt die Pekinger Zeitung einen kaiserlichen Erlaß,
demzufolge der Kaiser den drei nächsten Vorfahren des Sir Robert Hart
die Kappenknöpfe ersten Ranges verlieh. Glückliche Vorfahren! Sir
Robert Hart wäre es lieber gewesen, seine Nachkommen so ausgezeichnet
zu sehen, aber, so argumentieren die chinesischen Staatsmänner, was
haben die Nachkommen des Sir Robert zu seinen Erfolgen beigetragen?
Waren die Vorfahren daran nicht viel mehr beteiligt?
Der chinesische Adel ist mit dem europäischen in keiner Weise zu
vergleichen und könnte eher als eine Art amtlicher Würden angesehen
werden. Er wird ausschließlich nur für militärische Verdienste
verliehen und besteht aus neun Klassen, von denen die obersten fünf
beiläufig unseren Herzögen, Markgrafen, Grafen, Vizegrafen (Vicomtes)
und Baronen entsprechen. Ihre chinesischen Namen sind Kung, Hau, Puk,
Tß und Nam. Jede Klasse ist wieder in verschiedene Unterabteilungen
geteilt, je nach den Leistungen, für welche der Adel verliehen worden
ist. Die oberen Adelstitel sind nur während einer bestimmten Anzahl
von Generationen in der Familie erblich, z. B. sechsundzwanzig in der
ersten (Herzog), und nur eine in der achten Adelsklasse, so daß die
Adelsfamilien nach einer bestimmten Zeit allmählich erlöschen. Den
erblichen Adel in europäischem Sinne besitzen in China nur die direkten
Nachkommen von Confucius und Koxinga (der Eroberer von Formosa), sowie
die acht von den alten Mandschurenfürsten abstammenden Familien.
[Illustration: Das Tsungli-Yamen in Peking.]
Die Mandarine.
Würde alles das, was in der letzten Zeit über das chinesische
Mandarinentum geschrieben wurde, der Wahrheit entsprechen, so müßte
man als die erste und wichtigste Maßregel für die Reorganisierung des
chinesischen Staatswesens dem Kaiser empfehlen, alle Mandarine ohne
weiteres aufzuhängen. In Europa gilt der Mandarin als das Urbild von
Bestechlichkeit, Faulheit und Niedertracht, und alles, was diesen
Namen führt, wird mehr oder weniger als ein korruptes Beamtengesindel
angesehen, das den Ruin des chinesischen Reiches herbeiführen muß.
Wäre dem wirklich so, dann müßte es längst kein China mehr geben, denn
wie das Mandarinentum heute besteht, so hat es schon vor Jahrtausenden
bestanden, und China ist doch während dieser Jahrtausende das größte
und volkreichste Reich der Erde geblieben, mit großen Reichtümern
und ausgebreitetem Handel, mit einer hohen Kultur eigener Art und
bedeutenden sittlichen Eigenschaften, welche jener mancher anderer
Völker um ein bedeutendes überragen. Das chinesische Mandarinentum kann
deshalb nicht so schlecht sein wie sein Ruf und ist es auch nicht.
[Illustration: Prinz Chung.]
In China sind Adel- und Kastengeist, sowie die bevorzugten Klassen
nicht so ausgeprägt, das Volk ist wahrhaft demokratisch, und jedem,
der die Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, stehen alle Stellen bis
zu den höchsten Ministerstellen in der unmittelbaren Umgebung des
Kaisers offen. Die Bedingung dafür ist fleißiges Studium der Klassiker,
eine schöne Handschrift, guter Stil, Gewandtheit in Aufsätzen, die
Kenntnis der alten Lehren des Confucius, dessen Geist das chinesische
Staatswesen heute noch regiert. Für alle Beamtenposten werden derartige
litterarische Prüfungen ausgeschrieben; die einen in den lokalen
Distrikten, die anderen in den Provinzhauptstädten, wieder andere in
Peking, ja unter den Augen des Kaisers selbst. Wer diese Prüfungen
besteht, erhält dadurch die Befähigung, Beamter zu werden, und je
besser er sich seiner Aufgaben entledigt hat, desto größer ist seine
Aussicht, wirklich einen Posten zu erhalten. Die Zahl der Beamten ist
nämlich im Verhältnis zu jenen, die sich dafür vorbereiten, eine sehr
geringe und entspricht auch nicht entfernt den Bedürfnissen des Landes.
Im Vergleich zu dem großen Beamtenstand der europäischen Staaten ist
derjenige Chinas wie zehn zu eins, das ganze Riesenreich wird alles
in allem von 2100 Mandarinen verwaltet; dabei ist der chinesische
Beamtenstand der angesehenste und begehrteste aller Stände und steht
auch hoch über dem Militär. Finden z. B. Festlichkeiten statt, an
welchen die Zivil- und Militärmandarine teilnehmen, so gebührt den
ersteren der Ehrenplatz an der Ostseite, den letzteren jener an der
Westseite.
Schon die bestehenden Vorschriften über die Besetzung der
Mandarinenposten zeigen, in welchen Ehren sie gehalten werden. So
dürfen sich z. B. Chinesen, welche von den geächteten Ständen, also von
Barbieren, Schauspielern, Schifferknechten und dergleichen abstammen,
und selbst wenn ihre Ahnen in der dritten Generation eines dieser
Gewerbe betrieben haben sollten, nicht Mandarine werden und auch nicht
an den öffentlichen Prüfungen teilnehmen. Das führte in Hankau zu
einem ergötzlichen Vorfall, der bezeichnend ist für die chinesischen
Sitten. Unter den Bewerbern um die militärischen Prüfungen befand sich
ein junger Mann, der durch seine außergewöhnlichen Kenntnisse und
Fertigkeiten den Neid der Mitbewerber erweckte; um ihn zu beseitigen,
wurde den Examinatoren die Anzeige gemacht, daß der Großvater des
Betreffenden, wie es der Wahrheit entsprach, Barbier gewesen sei.
Daraufhin wurde der unglückliche Kandidat aus den Listen gestrichen und
ihm anbefohlen, die Stadt sofort zu verlassen. Aber die Barbiere von
Hankau erhielten Kunde davon, und diese brachte sie so aus der Fassung,
daß sie beschlossen zu streiken. In Hankau und dem benachbarten Hanyang
legten dreitausend bezopfte Figaros ihre Waffen, die Rasiermesser,
nieder; auf der halben Million Chinesenschädel der beiden Städte
wuchsen die Haarstoppeln immer länger, die Scheitelzöpfe wurden immer
zerzauster, kein Barbier rührte sich. Selbst der Befehl der Behörden
an die Figaros, ihr Handwerk wieder aufzunehmen, blieb unbeachtet.
So wurde denn das Militär beauftragt, die Ritter vom Rasiermesser
abzufassen und in den Yamen zu bringen. Dort zwang man sie unter
Androhung der Bastonnade, jeden um den gewohnten Preis zu rasieren, und
der Vorhof des Yamens war eine Zeitlang eine ungeheure Barbierstube.
Allein da die Mehrzahl der Barbiere ausgerissen war oder sich versteckt
hatte, blieben immer noch Hunderttausende von Chinesenschädeln in
trauriger Verfassung. Auch die Zerstörung der Wohnungen der entflohenen
Barbiere durch das Militär konnte die letzteren nicht zur Reue bewegen,
ja noch mehr, die Barbiere der benachbarten Provinzhauptstadt Wutschang
schlossen sich dem Streik ihrer Brüder an. Allmählich kamen aber
Barbiere aus den anderen Provinzstädten nach Hankau, und die Sache
endete schließlich damit, das sich auch die Figaros der letzteren Stadt
fügten und die Berechtigung der Ausschließung ihres Standeskollegen von
den Prüfungen anerkannten.
[Illustration: Minister Hsu-Keng-shen-Yamen.]
Kein Chinese darf in seinem heimatlichen Distrikte Beamter werden;
um Begünstigungen vorzubeugen, darf er auch keine Verwandten unter
seine Untergebenen aufnehmen, und selbst in verschiedenen Distrikten
derselben Provinz dürfen Vettern nicht gleichzeitig Beamtenposten
einnehmen. Zur Aufrechterhaltung der Unparteilichkeit dürfen Beamte
keine Frau heiraten, die unter ihrem amtlichen Wirkungskreise steht, ja
sie dürfen in gerichtlichen Streitfragen zwischen zwei Parteien keine
Entscheidung fällen, wenn sie durch ihre Frauen mit einer der Parteien
im Verwandtschaftsverhältnis stehen sollten. Ehen mit Tänzerinnen,
Schauspielerinnen und Sängerinnen sind nicht nur ihnen, sondern auch
ihren Söhnen untersagt, und gehören sie dem erblichen Adel an, so darf
selbst ein Enkel keine solchen Ehen eingehen, ohne dadurch in eine
tiefere Adelsklasse versetzt zu werden.