Von meinem hohen Standpunkte aus konnte ich die Mauer auf viele Meilen

weit verfolgen; wie eine ungeheure, zu Stein gewordene Schlange

führt sie unabsehbar nach Ost und West die steilen Berge hinauf auf

schwindelnde Höhen, in tiefe Thäler hinab, ohne die mindeste Rücksicht

auf die Bodenverhältnisse. Kein Berg ist zu hoch, kein Thal zu tief,

kein Fluß zu breit. Alles wird von diesem Riesenwerke überwunden. Jeder

Granitblock, jeder der zentnerschweren Ziegel mußte aus beträchtlichen

Entfernungen durch unwirtliches, unbewohntes Gebiet herbeigeschleppt

und dann erst noch auf steile, mitunter fast unzugängliche Höhen

getragen werden. Und wie viele Granitblöcke, wie viele Ziegel waren

für diese dreitausenddreihundert Kilometer lange Mauer erforderlich!

Auf einer früheren Reise hatte ich den ersten Anfang der Großen Mauer

bei Schanhaikwan im Gelben Meere gesehen, und wie hier, so setzte mich

auch dort ihre Massenfestigkeit, die Höhe und Stärke ihrer Türme,

die weit ins Meer vorgeschobene Endbastion in Erstaunen. Um für

diese Endbastion das Fundament zu schaffen, wurden große Schiffe mit

Eisenstücken und Granitblöcken gefüllt und versenkt. An manchen Stellen

ist die Mauer höher und stärker, an manchen schwächer, streckenweise

nur ein einfacher Erdwall, aber hier, bei Pa-ta-lin, an der Hauptroute

zwischen der Mongolei und China, ist sie durchwegs in verhältnismäßig

vorzüglichem Zustand und selbst auf den wolkenumzogenen Berggipfeln

durch feste Wachtürme verstärkt.

Und diese Mauer, die ich über den Gebirgskamm in unabsehbare Fernen

hinziehen sah, die Steppen der Mongolei und die kahlen Berghänge

Chinas zu ihren Füßen, ist, wie gesagt, nur die zweite, innere Mauer,

im siebenten Jahrhundert aufgeführt und unter der Mingdynastie vor

vierhundert Jahren erneuert. Bei ihrer Erbauung wurden über eine

Million Menschen an die chinesische Grenze befohlen, um an dem

Riesenwerk zu arbeiten. Die innere Mauer zweigt sich von der äußeren

nordöstlich von Peking ab und vereinigt sich mit ihr wieder im Westen

der Provinz Schansi, nahe dem mächtigen Hoanghostrom.

Die eigentliche Große Mauer, oder wie sie von den Chinesen genannt

wird, Wan-li-tschang-tscheng, das heißt das zehntausend Li lange

Bollwerk, liegt auf dem Wege von Nankou nach Sibirien um zwei

kleine Tagereisen weiter, unmittelbar an der großen Handelsstadt

Tschan-kia-kao, dem Kalgan der Russen, in der Mongolei und zieht vom

Gelben Meere bis in die Wüste Gobi im Westen des Reiches. Sie wurde

unter dem Kaiser Tschi-Hwangti im Jahre 214 vor Christi Geburt als

Schutz gegen die wiederholten Einfälle der Mongolen begonnen und im

Laufe der Zeiten wiederholt erneuert, ausgebessert und verstärkt.

Ihre Gesamtlänge beträgt dreitausenddreihundert Kilometer, also wie

etwa die Entfernung vom Ural nach Spanien. Wie der Jesuitenpater de

Mendoza erzählt, sandte der Kaiser, „um sothanes wunderbahres Werck

zu verfertigen, das dritte Theil seiner Unterthanen, und bißweilen

von fünff Mann zween dahin; und obgleich die Einwohner einer jeden

Landschafft an denen Oertern, so ihren Häusern am nächsten, blieben

und arbeiteten, sturben doch nichtsdestoweniger fast alle Diejenigen,

welche dahingingen, entweder vor Langwierigkeit der Reyse, oder vom

Unterschiede der Lufft, so in diesen Ländern ist.”

Peter de Gojern, der 1655 bis 1657 die Gesandtschaft der Ostindischen

Gesellschaft zum großen Tatarenchan, d. h. dem Stammvater der jetzt

regierenden chinesischen Kaiserdynastie, nach Peking begleitete, sagt

in seiner 1666 in Amsterdam erschienenen Reisebeschreibung:

„Den Baw dieses wundergrossen Wercks ließ der Kayser aufführen nicht so

sehr zur Scheide Wandt zwischen dem Sinischen und Tartarischen Reiche,

als zum hochnöthigen Mittel hinfüro dem Einfall der Tarter zu wahren

und solche mächtige Feinde allerdings aus dem Reiche zu halten. Er

ließ eine solche Zahl Menschen daran arbeiten, daß das gantze Werck

innerhalb fünff Jahren fertig und vollzogen ward.”

„Denn da nam dieser Kayser auß jedweden zehen Männern durchs gantze

China drey, und zuletzt auß jeden fünffen zween heraus, welche

täglich an der Mawr arbeiten und ein gewisses Stücke davon fertig

schaffen musten. Das gantze Werck ward von Kiesel- und andern Steinen

auffgeführt, und dermassen dicht und fest gemawret, daß man nicht die

geringste Spalte oder Ritze daran finden konnte. Ja es hatte der Kayser

ein gar strenges Gebot publiciret, daß, wo in einigem Winckel oder

Fugen des Wercks sich ein Nagel hineinschlagen liesse, derjenige, so am

selbigen Stücke gearbeitet, ein Fenster im Galgen geben solte.”

Ein Wort des Kaisers hatte genügt, Millionen von Menschen in Bewegung

zu setzen; Millionen verließen ihre Heimat, ihre Familien, um nach der

Nordgrenze des ungeheuren Reiches zu ziehen und dort unter den größten

Entbehrungen jahrelang zu arbeiten. Hunderttausende büßten ihr Leben

ein, von irgend welchem Lohn, irgend welcher Entschädigung für diese

Opfer war nicht die Rede, und doch opferten sie sich, weil es der

Kaiser befohlen. Aehnliches, wenn auch in unvergleichlich kleinerem

Maßstabe, ist bei der Herstellung des Suezkanals erfolgt, aber es

ist sehr fraglich, ob sich ein gleiches Zusammentreiben von Menschen

noch einmal ausführen ließe. In China indessen gilt das Kaiserwort im

Ernstfalle noch immer für allmächtig. Noch heute richten sich trotz

aller Mißwirtschaft, trotz Elend, Zerfall und Aufständen doch noch

alle Blicke nach Peking. Ich habe das im chinesischen Reiche überall

wahrgenommen, und wenn auch das Vertrauen in den Bestand und in die

Widerstandskraft des chinesischen Volkes durch den letzten Krieg mit

Japan erheblich erschüttert worden ist, so scheint es mir doch sehr

gefehlt, diese Widerstandskraft zu unterschätzen. Droht wirklich ernste

Gefahr für den Bestand des Reiches und dringt davon die Ueberzeugung

in die Massen des Volkes, dann dürfte China nicht so leicht zu besiegen

sein, wie es durch die Japaner geschehen ist.

Dafür wird aber die friedliche Eroberung desto sicherer stattfinden,

soweit es den Handel, den Verkehr, die Erschließung des Landes

betrifft, und gegen diese wird auch die chinesische Mauer nicht

standhalten. Die einstigen tapferen Mongolen, welche unter

Dschingis-Chan das Reich überfluteten, ziehen heute als friedliche

Kameltreiber durch die Mauer nach China; ihre Fürsten sind Vasallen

des Kaisers und kommen zeitweilig nach Peking, um dort ihren Tribut zu

entrichten.

Nicht die Mongolen drohen dem chinesischen Reiche, sondern das Volk,

das nördlich an sie grenzt: die Russen. Gegen sie giebt es keine

chinesische Mauer, und durch denselben Engpaß von Nankou, durch welchen

heute der ganze Verkehr zwischen China und Sibirien auf Kamel- und

Maultierrücken stattfindet, wird binnen einem Jahrzehnt die Lokomotive

dampfen.

[Illustration]

Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.

Die Umgangsformen sind bei den Chinesen vielleicht strengeren Regeln

unterworfen als bei irgend einem anderen Volke, nur kommen sie in

einer der unsrigen ganz entgegengesetzten Weise zum Ausdruck. Empfängt

beispielsweise ein Chinese Besucher in seinem Hause, so nimmt er dazu

seinen Hut nicht ab, sondern setzt ihn auf; er schüttelt bei der

Begrüßung nicht die Hände des Besuchers, sondern seine eigenen Hände,

und er weist dem Gaste nicht die rechte, sondern die linke Seite als

Ehrenplatz zu. Es wäre ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette, wollte

der Gast sich nach dem Befinden der Damen erkundigen oder den Wunsch

ausdrücken, ihnen vorgestellt zu werden. Die Damen bleiben unsichtbar,

selbst bei Mahlzeiten, und statt ihrer werden Frauen von zweifelhaftem

Ruf zugezogen. Die Tafel wird nicht mit einem weißen Tischtuch bedeckt,

wie bei uns, denn weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer.

Während der Mahlzeit werden nicht kalte, sondern warme Getränke

aufgetragen; die Reihenfolge der Speisen ist die umgekehrte der

unsrigen. Der Chinese hat nicht den Wunsch, möglichst jung, sondern

möglichst alt auszusehen, und es ist die größte Schmeichelei, einen

jungen Mann zu seinem ehrwürdigen Aeußeren zu beglückwünschen. Wir

schneiden unsere Kopfhaare kurz, der Chinese verlängert sie noch

künstlich durch Seidenschnüre; wir sind stolz auf unsere Bärte, der

Chinese vertilgt bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre sorgfältig

alle Bartspuren. Die Chinesin schnürt sich nicht den Leib, sondern die

Füße; geht sie aus, so setzt sie nicht einen Hut auf, sondern entfernt

jede Kopfbedeckung und zeigt das Gesicht unverschleiert. Der Chinese

trägt keinen Spazierstock, sondern einen Fächer, statt sich auf seinen

Spaziergängen von einem Hund begleiten zu lassen, trägt er einen Käfig

mit einem Vogel; und reitet er, so hält er die Zügel nicht in der

linken, sondern in der rechten Hand. Er schreibt nicht mit der Feder,

sondern mit einem Pinsel, und zwar von oben nach unten, von rechts nach

links, von hinten nach vorn; Randbemerkungen macht er nicht unten,

sondern oben, Nachschriften stehen dort, wo bei uns der Anfang ist, und

datiert er einen Brief, so schreibt er zuerst das Jahr, dann den Monat,

dann den Tag. Spricht er jemanden an, so nennt er den Namen zuerst,

den Titel nachher, und sagt nicht: „Guten Morgen, Herr Fischer”,

sondern „Fischer Herr, Tschin-Tschin”. Der Chinese kann die schlimmsten

Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekommen, er wird darüber vielleicht

lachen; tritt ihm aber zufällig jemand auf die kleine Zehe, was wir

unter gegenseitigen Höflichkeitsformen weiter unbeachtet lassen, so

vergeht er vor Zorn und prügelt sich vielleicht sogar. Stirbt sein

Sohn, ein Ereignis, worüber wir jammern und wehklagen, so lacht

der Chinese, solange er unter Leuten ist, darüber. Alle diese und

tausenderlei andere Einzelheiten in den Umgangsformen sind in China

durch uralte Ueberlieferungen geheiligt, ja sie werden durch ein

eigenes Staatsministerium bis ins kleinste festgestellt. Dieses

Ministerium, eine der sechs großen Zentralbehörden in Peking, führt

den Titel Li-Pu, etwa Amt der Gebräuche und Zeremonien. Der Hof, die

Festtage, der administrative und militärische Organismus, die Geburten,

Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Trauer, Götter- und Ahnenverehrung, die

Ehren und Würden, Uniformen, Trachten, Sommer- und Winterkleidung, die

Art der Begrüßung, Gehen, Fahren, Reiten, mit einem Worte das ganze

Leben des Chinesen von seiner Geburt bis zu seinem Tode, ja sogar

darüber hinaus, ist dem Li-Pu untergeordnet, und seine Vorschriften

werden von jedem Bewohner des Reichs der Mitte genau beobachtet.

Das Li-Pu ist in eine Anzahl von Aemtern eingeteilt, deren jedes

seine besondere Bestimmung hat und seine Weisheit aus einem uralten

Werke, dem Buch der Gebräuche schöpft, das nicht weniger als

zweihundert Bände umfaßt. Einem dieser Aemter ist auch der Ahnenkultus

untergeordnet mit den Vorschriften für die Verehrung der verstorbenen

Kaiser, Generale, Staatsmänner und Gelehrten, der Geistermahlzeiten,

Ahnenopfer und dergleichen. Ein anderes Amt, das Amt des Gastes und

des Wirtes genannt, regelt den Verkehr mit den fremden Gesandtschaften

und tributpflichtigen Fürsten; ihm sind die Dolmetscher und die

chinesischen Gesandtschaften im Auslande in Bezug auf die Einzelheiten

der Ausrüstung und Reise untergeordnet. Sogar die Musik hat ein eigenes

Kaiserliches Musikamt mit einer großen Anzahl von Beamten, welche die

Aufgabe haben, „die Grundsätze der Harmonie und Melodie zu erforschen,

Musikstücke zu komponieren und Instrumente anzufertigen, um diese

Musikstücke aufzuführen”. Die Chinesen sind wohl das einzige Volk des

Erdballs, das ein eigenes Musikamt besitzt und so viel offizielle

Musik macht. Selbst die Regeln des Tanzes sind von dem Ministerium der

Gebräuche vorgeschrieben, denn, so sagt Confucius, „in Wirklichkeit ist

nichts ohne seine bestimmten Zeremonien”.

Der Chinese kann sich nicht einmal nach Belieben sein Haus bauen. Er

hat in der Anlage des Hauses, in der Richtung der Front, ja sogar

in Bezug auf die Höhe bestimmte Vorschriften zu beobachten. Er

darf es nicht höher bauen als das nächste Haus eines ihm im Range

Höherstehenden, und neben den Gesetzen, welche die Lebenden ihm zur

Befolgung auferlegen, darf er auch das Recht der Toten nicht verletzen.

Den bösen Geistern, die Himmel und Erde bevölkern, muß er aus dem

Wege gehen, oder wie es in China heißt, das Feng-Schui beobachten.

Auf Schritt und Tritt, in seinem ganzen Thun und Lassen ist er durch

Vorschriften und alte Traditionen eingeengt, besonders dann, wenn er

in den kaiserlichen Dienst getreten ist. Auch der gewöhnliche Bürger

muß sich dem Li-Pu willenlos unterwerfen. Die Farbe, Stoffgattung und

der Zuschnitt der Kleider, die Anzahl der Knöpfe, die Hüte, die Farbe

der Sänften, Sänftenstangen, ja sogar die Regen- und Sonnenschirme

haben ihre bestimmte Bedeutung. Der chinesische Beamte darf nicht

nach Belieben ein wärmeres Kleidungsstück anlegen oder es mit irgend

einem beliebigen Pelz verbrämen lassen. Er mag in den kalten Provinzen

des Nordens frieren, er mag bei der Annäherung des Sommers in dem

tropischen Süden schwitzen, Sommerkleidung oder Pelz muß er anbehalten,

solange nicht von Peking der Tag bezeichnet wird, an welchem Seine

Majestät der Kaiser seinen Sommer- oder Winterhut aufgesetzt hat. An

diesem Tage wechseln auch sämtliche Mandarine ihre Kleidung. Ist es

Sommer geworden, so werden die Pelze, die aufgestülpten schwarzen

Seidenhüte und die kleinen niedlichen Handöfchen, die jeder Beamte bis

dahin zu tragen hat, eingepackt und mit seidenen Gewändern, leichten

Bambushüten und Fächern vertauscht. Generalgouverneur, Tatarengeneral

oder Minister können sich wohl in den Provinzen den Luxus von sechs

oder mehr Sänftenträgern erlauben, in Peking aber dürfen ihre Sänften

nur von vier Trägern getragen werden. Würdenträger geringeren Grades

haben in Peking Anspruch auf zwei, außerhalb der Hauptstadt auf vier

Sänftenträger; noch geringere dürfen sich in Peking der Sänfte nicht

bedienen, können aber reiten. Zieht ein hoher Würdenträger diese Art

der Fortbewegung vor, so muß er von zehn Stalldienern begleitet werden,

von denen zwei vor ihm, acht hinter ihm einherschreiten. Je nach dem

Range sinkt diese Anzahl der Begleiter auf sechs, vier und zwei herab,

und Beamte des geringsten Grades haben nur einen Begleiter, wobei aber

auch noch eine strenge Unterscheidung darin liegt, ob der Begleiter vor

dem Reiter oder hinter ihm einherschreitet.

[Illustration: Mandarinshut im Winter.]

Die gelbe Farbe darf nur von Mitgliedern des kaiserlichen Hofes oder

von solchen Würdenträgern getragen werden, denen diese Auszeichnung

besonders verliehen wird. Die eigentlichen Rangabzeichen sind die

roten, weißen, blauen oder metallfarbenen Knöpfe auf den Hüten und die

viereckigen, reich gestickten Schilder auf Brust und Rücken. Zeigen

diese Schilder einen in Gold gestickten Storch, so sind die Träger

Beamte des höchsten Ranges, zeigen sie einen Drachen mit vier Klauen

an den Füßen, so sind die Träger Edelleute. Als besondere Auszeichnung

dürfen manche von diesen einen Drachen mit fünf Klauen tragen. Näht

sich jemand die fünfte Klaue auf, ohne die Berechtigung dazu zu

haben, so wird er durch hundert Stockschläge bestraft und muß einen

Monat den schrecklichen Holzkragen, Kang genannt, tragen. Nur gewisse

privilegierte Klassen dürfen sich in Seide kleiden; wenn ein Bürger in

die Stickereien seiner Kleider Goldfäden einflechten oder es wagen

sollte, statt schwarzer Tuchschuhe solche aus Seide zu tragen, so wird

er ebenfalls streng bestraft. Das gilt nicht allein von den Männern.

Auch die Frauen sind diesen strengen Kleidungsvorschriften unterworfen,

so daß man die Gattin eines Mandarins dritter Klasse beispielsweise von

einer solchen vierter Klasse, die Beamtenfrau von der Offiziersfrau und

von einer gewöhnlichen Bürgersfrau sofort unterscheiden kann.

[Illustration: Hände bei der Begrüßung (der linke Daumen trägt einen

Ring).]

Die Chinesin kann sich nicht nach Belieben in Samt und Seide hüllen,

Sonnenschirme, Spitzen, Federn von Qualität und Farbe tragen, wie ihre

Mittel es erlauben oder wie ihr es am besten steht. Es wäre gewiß den

gesellschaftlichen und Vermögensverhältnissen in anderen Ländern sehr

zuträglich, wenn man dort ebenfalls einige Vorschriften ähnlicher Art

machte. Außerhalb Chinas ist die Dame Mode souverän, in China nur der

Kaiser.

Wie die Kleidung, so ist auch die Begrüßung bei den Chinesen

strengen Regeln unterworfen. Europäische Reisende in China haben die

gegenseitige Begrüßung der Chinesen unter dem Sammelnamen Kautau

zusammengefaßt. Der Kautau besteht darin, daß man mit geschlossenen

Beinen in die Knie fällt und mit der Stirn den Boden einmal berührt.

Aber diese Begrüßung gebührt nicht jedermann. Der Li-Pu unterscheidet

acht verschiedene Arten der Begrüßung. Die gewöhnlichste besteht

darin, daß man die beiden zu Fäusten geballten Hände vor der Brust

aneinanderhält. Das ist der Kung-schau. Die nächst höhere Begrüßung,

Tso-yih genannt, besteht neben der eben beschriebenen noch in einer

Verbeugung. Bei der dritten, Ta-tsien, hockt der Grüßende nieder, als

ob er in die Knie fallen wollte; bei der vierten, Kwei genannt, fällt

er wirklich auf die Knie. Erst die fünfte Begrüßung ist der einfache

Kautau. Die sechste Art der Begrüßung besteht aus diesem Kautau, aber

mit dreimaligem Aufschlagen der Stirne auf den Boden. Deshalb auch ihr

Name San-kau, d. h. dreimal aufschlagen. Die siebente Begrüßung Lu-kau

besteht aus zwei San-kaus und die achte und ehrfurchtsvollste Begrüßung

aus drei San-kaus. Bei dieser, San-kwei-kin-kau genannt, muß also der

Grüßende dreimal niederknien und jedesmal die Stirne dreimal auf den

Boden schlagen. Dieser Gruß gebührt jedoch nur den höchsten Göttern

und dem Kaiser, dem Vertreter dieser Götter auf Erden. Manchen Göttern

wird nur die siebente oder sechste Begrüßung zu teil.

Die Kaiser der gegenwärtigen Dynastie haben bisher auf diese

Begrüßungsart ungemein streng gehalten, und sie bildete auch den

Gegenstand eines ernsten diplomatischen Zwischenfalles, als im Jahre

1873 der Empfang der Gesandten durch den Kaiser erörtert wurde. Das

Li-Pu bestand darauf, daß auch die Gesandten der Großmächte vor dem

Beherrscher des Reiches der Mitte sich dreimal niederwerfen und mit

der Stirn den Boden neunmal berühren sollten. Die Gesandten weigerten

sich natürlich, diese erniedrigende und keineswegs graziöse Begrüßung

auszuführen, und erklärten sich nur bereit, dem Kaiser dieselben Ehren

zu erweisen wie ihren eigenen, dem Kaiser im Range gleichstehenden

Souveränen. Die Verhandlungen wurden während sechs Monaten fast

täglich geführt, bis endlich den Diplomaten die Geduld riß und der

amerikanische Gesandte erklärte, die diplomatischen Beziehungen

abzubrechen und von seiner Regierung Instruktionen abzuwarten, welche

dem Ernst der Situation entsprechen würden. Daraufhin gab der Kaiser

gnädigst nach und begnügte sich mit drei tiefen Verbeugungen der

Gesandten. Eine andere Schwierigkeit bildeten die harmlosen schwachen

Degen, die zur diplomatischen Uniform gehören. In Gegenwart des Kaisers

dürfen keinerlei Waffen getragen werden, und es dauerte lange, ehe die

bezopften Zeremonienmeister der verbotenen Mode nachgaben.

Ebensowenig dürfen in Gegenwart des Kaisers Augengläser und Zwicker

getragen werden. Nun war einer der Vertreter so kurzsichtig, daß er

ohne Gläser vollständig hilflos war. Die Chinesen beschlossen, daraus

keine diplomatische Frage zu machen, sondern an die Gutherzigkeit des

betreffenden Gesandten zu appellieren. Er gab wirklich nach und wurde

von zwei Kollegen in die Audienzhalle des Kaisers geführt.

Augengläser dürfen in China auch im gewöhnlichen Leben vor im Range

höherstehenden Personen nicht getragen werden. Selbst der Kurzsichtige

muß sie abnehmen, wenn er vor einen Mandarin tritt, und sollte

beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen ein Kurzsichtiger in die Lage

kommen, etwas lesen zu müssen, so muß erst die Erlaubnis des Richters

zum Aufsetzen der Augengläser eingeholt werden. Augengläser bilden

überhaupt in China das Zeichen von höherem Ansehen und Würde. Sobald

ein Litterat irgend eine Mandarinstelle erhält, wird es gewiß sein

erstes sein, sich ein paar Augengläser anzuschaffen, selbst wenn er

sich des besten Sehvermögens erfreuen sollte.

Jedem Mandarin des Zivil- oder Militärstandes gebührt je nach seinem

Range eine der vorstehenden Begrüßungsarten. Begegnet ein niedriger

Mandarin auf der Straße einem höheren, so muß er vom Pferde oder aus

der Sänfte steigen, um diese Begrüßung vorschriftsmäßig auszuführen.

Mandarine desselben Ranges thun dasselbe, ja sie überbieten sich

sogar, um einander zuvorzukommen. Man kann sich leicht vorstellen,

welcher Zeitverlust und welche Umstände mit so zeremoniösen Begrüßungen

auf offener Straße verbunden sind, und deshalb trachten Mandarine,

wenn sie einander aus der Ferne ansichtig werden, auszuweichen, oder

sie ziehen die Vorhänge ihrer Sänften zu und thun, als bemerkten sie

einander gar nicht. Das Volk hat sich vor den Mandarinen, wenn sie

im Dienste sind oder zu Gericht sitzen, auf die Knie zu werfen. Nur

die Greise machen darin eine Ausnahme. Selbst grauhaarige Sträflinge

werden gewöhnlich von den Richtern aufgefordert, sich zu erheben.

Diese im Auslande leider so wenig gekannte Achtung vor dem Alter hat

in China für viele Ausländer schon sehr schlimme Folgen gehabt. Vor

einer Reihe von Jahren begegneten sechs junge Engländer in der Nähe

eines Vertragshafens einem alten Manne, der eine schwere Last auf dem

Rücken trug. Nach chinesischer Etikette würde jedermann, ob aus den

niedrigsten oder höchsten Ständen, einem Greise ausweichen, selbst wenn

er keine Bürde trüge. Der Weg war schmal und die Engländer bestanden

darauf, daß der Alte ihnen Platz mache. Als er sich weigerte, schlugen

sie ihn und stießen ihn endlich in den Sumpf zur Seite des Weges. Diese

That sollte ihnen übel bekommen. Die erzürnten Bewohner des Dorfes, zu

welchem der Alte gehörte, machten sich zur Verfolgung der Engländer auf

und töteten sie insgesamt.

Auch bei Besuchen beobachten die Chinesen ein eigentümliches

Zeremoniell. Der Besucher wird sich in seiner Sänfte nicht bis an das

Thor tragen lassen, sondern seinen der Sänfte stets vorausschreitenden

Visitenkartenträger mit seiner gewöhnlich etwa fünfundzwanzig

Centimeter langen roten Visitenkarte zu dem Bewohner des betreffenden

Hauses voraussenden. Ist der Besucher in Trauer, so sind seine

Visitenkarten von weißer Farbe, und die Schriftzeichen sind blau.

Will der Hausbewohner den Besucher nicht empfangen, so verleugnet er

nicht seine Gegenwart, wie es in anderen Ländern zu geschehen pflegt,

sondern sein Thorhüter wird dem Visitenkartenträger sagen: „Dein Herr

braucht sich nicht zu bemühen”. Darauf wird die Karte dort gelassen.

Wird der Besuch angenommen, so begiebt sich der Hausherr bis zum

Eingang, um den Besucher zu empfangen und ihn selbst unter vielen

Verbeugungen in die inneren Räume zu führen. Vorher wird er aber seinen

offiziellen Zeremonienhut aufsetzen. Die größeren Häuser und die Yamen

(Dienstwohnungen) der Mandarine haben gewöhnlich drei Eingänge. Der

mittlere Eingang wird nur Besuchern von gleichem oder höherem Range

als der Hausherr geöffnet. Auch diese Frage hat in China schon viele

Ungelegenheiten gemacht. In Canton z. B. unterhielten die europäischen

Konsuln viele Jahre lang keinen persönlichen Verkehr mit dem Vizekönig,

weil dieser sich weigerte, ihnen die mittlere Ehrenpforte zu öffnen.

Allerdings standen die Konsuln im Range tief unter dem Vizekönig,

allein sie waren die Vertreter ihrer Regierungen und unterließen

lieber den Verkehr mit dem Vizekönig gänzlich, als sich durch

eine Seitenpforte zu ihm zu begeben; nach langen diplomatischen

Verhandlungen setzten sie aber ihren Willen durch.

[Illustration: Visitenkarte des Prinzen Tsching. (¼ der

Originalgröße.)]

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 30 / 71 段