„Da seit dem ersten Drittel des vorigen Monats in der Hauptstadt

und Umgebung reichlich Regen gefallen war und das Wetter sich nicht

aufklärte, so begaben Wir Uns zum Opfern und Beten nach Ta-Kao-Tien.

Danach blieb der Himmel immer bewölkt und der Regen hört nicht auf. Mit

ängstlicher Erwartung sehnen Wir einen Umschwung der Witterung herbei

und finden es deshalb angemessen, von neuem darum zu flehen. Wir haben

den 10. Juli dazu erwählt, um Uns in Eigener Person nach Ta-Kao-Tien

zu begeben. Nach dem Tempel Shih-Ying-Kung beordern Wir den Prinzen

dritter Klasse Tsai-Ying, nach Chao-Hsien den Prinzen vierter Klasse

Po-lun und nach Niang-ho mian den Herzog Tsitse, um insgesamt an dem

genannten Tage zu opfern und um gutes Wetter zu bitten.”

Da sich so einflußreiche Persönlichkeiten bei dem chinesischen Jupiter

Pluvius verwendeten und ihm so großartige Opfermahlzeiten gaben, konnte

er nicht anders, als sich erweichen lassen. Schon tags darauf trat

schönes, trockenes Wetter ein.

[Illustration: Der Tempel der fünf Pagoden (Wu-ta-sse) bei Peking.]

Die Umgebung von Peking.

Gegen Süden, Westen und Osten breiten sich um die berühmte Kaiserstadt

weite Tiefebenen aus, mit Schnee bedeckt im Winter, staubgefüllt

und reizlos im Frühjahr und Herbst, gewöhnlich auf weite Strecken

überschwemmt im Sommer. Der Peiho und seine zahlreichen Nebenflüsse

nehmen durch diese langweilige Ebene ihren vielgewundenen Lauf; nichts

zeigt hier die Nähe einer Großstadt, der Hauptstadt des volkreichsten

Reiches der Erde an. Anders ist es aber, wenn man Peking durch das

Nordthor verläßt. In weitem Halbkreis wird das Weichbild der Stadt hier

von einem Kranz kühner, ungemein malerischer Gebirge umzogen, die sich

bis weit in die Mongolei hinein ausdehnen, das beliebteste Jagdrevier

des chinesischen Kaiserhofes; der reizendste Sommeraufenthalt für

die chinesischen Großen, die fremden Gesandten und europäischen

Einwohner Pekings, welche der heißen Jahreszeit entfliehen wollen.

Schon unmittelbar nachdem man die schmutzige, volkreiche Nordvorstadt

durchritten hat (Spaziergänge bieten in Anbetracht der elenden Wege

keinen Genuß), stößt man auf Spuren der tausendjährigen fremdartigen

Kultur, welche sich dieses herrliche Stück Land unterworfen hat.

Ueberall liegen inmitten ausgedehnter Parks Sommerhäuser und Villen

in chinesischem Stil, dazu zahlreiche malerische Tempel, Klöster

und vor allem Schlösser des Kaiserhofes und der Prinzen. Auf den

Bergspitzen erheben sich hohe vielstöckige Pagoden, und wo immer ein

schöner Aussichtspunkt, ein schattiger Wald vorhanden ist, trägt er

gewiß einen Tempel oder ein Kloster. Die Mönche sind gerne bereit,

ihre Wohnungen mietweise den fremden Teufeln zu überlassen, und sicher

werden alle fremden Diplomaten, alle Europäer, welche längere Zeit

in Peking verweilt haben, den Sommeraufenthalt in den Bergen als die

schönste Erinnerung ihrer ganzen Chinareise bewahren. Kommt die heiße

Jahreszeit, dann flüchtet alles in diese prächtige Umgebung, vor

allem der kaiserliche Hof, der in den Vorbergen eine der herrlichsten

Residenzen besitzt, die ich in Asien gesehen habe, den berühmten

Wan-schu-schan, d. h. den Berg der zehntausend Zeitalter.

Der Ausflug von Peking nach Wan-schu-schan ist einer der wenigen in

dem ganzen elf Millionen Quadratkilometer großen Reiche, auf welchem

man nicht in Gefahr kommt, den Hals zu brechen. Der Weg, der nach

Wan-schu-schan führt, wird ja vom Kaiser benutzt und ist demnach in

vorzüglichem Zustande. Die Straße führt einem breiten, mit hohen

Schattenbäumen bepflanzten Kanal entlang, welcher das Ueberschußwasser

des Sees von Wan-schu-schan nach Peking führt, um damit die Bassins,

Kanäle und Seen der dortigen Kaiserstadt zu speisen. Einen so

angenehmen Ritt wie diesen habe ich auf allen meinen Reisen durch

China noch nicht unternommen. Von hundert zu hundert Metern stehen zu

den Seiten des Weges gemauerte Wachthäuser für die Mandschurenwachen,

welche darauf zu sehen haben, daß zur Zeit der kaiserlichen Reisen kein

Fremder den Weg benutzt. Vor dem Eingang zu jedem Wachthause stehen auf

Gestellen sechs Lanzen mit roten Pferdehaarbüscheln, und zu den Seiten

erheben sich Galgen mit darübergelegten Schnüren, die aber nicht etwa

zum Aufhängen der eingefangenen Menschen, sondern nach eingebrochener

Dunkelheit zum Aufhängen von Papierlaternen dienen.

[Illustration: Ehrenpforte in Wan-schu-schan.]

Die einzelnen Farmhäuser und Dörfchen, die Tempel, Brücken,

Gartenmauern, Landsitze und dergleichen, die sich in der Nähe des

Weges befinden, sind in so vorzüglichem Zustande der Erhaltung und von

solcher Sauberkeit, daß man sich irgendwo in der Welt, nur nicht in

China, diesem Lande der Ruinen und Verwahrlosung, glauben könnte. Es

sind Potemkinsche Dörfer, wohl bestimmt, den Kaiser über den wahren

Zustand seines ungeheuren Reiches hinwegzutäuschen, denn gerade die

Umgebung Pekings ist ein Ruinenfeld, wie es in solcher Ausdehnung und

Großartigkeit nur wenige seines Gleichen hat. Ich sah das wieder, als

ich von dem Wege ablenkte, um noch dem großen Tempel von Wu-ta-sse

einen kurzen Besuch zu machen. Dieses herrliche Denkmal, welches Kaiser

Yung-lo vor nahe fünf Jahrhunderten zu Ehren Buddhas mit ungeheuren

Kosten errichten ließ, ist dem Verfall nahe, die großen kaiserlichen

Gedenktafeln vor dem Tempel sind umgefallen, die riesigen, zwei Meter

langen Steinschildkröten, auf denen sie standen, sind mit Erde und

Schutt bedeckt, die Dächer der Tempelgebäude sind eingestürzt, und in

den Ruinen wohnen in Lumpen gehüllte, verlotterte Priester, die mir

für wenige Cents die letzten buddhistischen Gebettafeln verkauften.

Das Denkmal selbst, ein monumentaler Steinbau, mit Hunderten von

Buddhafiguren bedeckt, trägt auf seiner oberen Terrasse noch immer

die wunderlichen fünf Pagoden, doch ist die Treppe, die zu denselben

hinaufführt, eingestürzt und nicht mehr benutzbar. Weiterhin, auf

Meilen rechts und links vom Wege, nichts als Ruinen. Die herrlichsten

und kostbarsten Tempel, einst Zierden des chinesischen Reiches und

Schatzkästlein chinesischer Kunst, sind verfallen, überwuchert,

verlassen, wie die Ruinen von Uxmal und Palenke, die ich vor Jahren

besuchte. Schöne Bronzegefäße, Opferschalen, Glocken liegen halb im

Erdreich vergraben auf den Feldern, und niemand kümmert sich um sie.

Welch herrliches Bild des Friedens, der Kultur und des Wohlstandes

muß dieses Land einstens dargeboten haben! Aber die Chinesen haben es

nicht verstanden, es gegen die Einfälle der Feinde zu verteidigen. Die

letzten waren die schrecklichen Horden der aufständischen Taiping, und

was diese noch in einer Anwandlung von Ehrfurcht verschont hatten,

wurde von noch schlimmeren Vandalen, von den Soldaten Frankreichs und

Englands zerstört, verbrannt, geplündert. Dieser chinesische Krieg wird

immer ein Schandfleck in der Geschichte dieser beiden Völker bleiben.

Es wäre genug gewesen, die Chinesen zu bezwingen und den Kaiser zu

Paaren zu treiben, es war aber ein Verbrechen, diese entzückenden

Paläste und Tempel, diese Sommersitze, Brücken, Denkmäler, Gräber aus

mutwilliger Zerstörungswut zu vernichten.

Auf den Kaiserweg zurückgekehrt, kam ich etwa auf der halben Entfernung

zwischen Peking und Wan-schu-schan auf einen kaiserlichen Tempel,

in welchem der Kaiser, der abwechselnd zu Pferde oder in der Sänfte

reist, abzusteigen pflegt, um dort Thee zu nehmen. Jenseits des Kanals

gewahrte ich eine große Zahl niedriger Gebäude, von einer Lehmmauer

umgeben, die sich wohl einen Kilometer weit den Kanal entlang hinzieht:

das Lager mehrerer tausend mandschurischer Bannertruppen, die gerade

in ihren bunten malerischen Trachten am Exerzieren waren. Bald darauf

stieß ich auf das von einem hölzernen Paifong (Ehrenpforte) überhöhte

Eingangsthor des Parkes von Wan-schu-schan, der selbstverständlich

jedem Fremden, ob Europäer oder Chinese, verschlossen ist. Eine hohe,

viele Kilometer lange Ziegelmauer umgiebt den ganzen großen Sommersitz;

die Wachthäuser für die mandschurischen Soldaten mehren sich, und neben

den daran stehenden langen Lanzen sah ich noch bei jedem Wachthause

ebensoviele Stangen stehen, die an ihrer Spitze scharfe Haken trugen.

Diese Instrumente sind dazu bestimmt, Neugierige, welche vielleicht

die Mauer erklimmen sollten, bei den Hosen zu fassen und wieder

herunterzuzerren.

[Illustration: Ein Kiosk in Wan-schu-schan.]

Nach langem Ritt gelangte ich in das Mandschurendorf Wan-schu-schan, zu

Füßen des gleichnamigen Berges, eine Art mandschurisches Paradedorf.

Wäre doch ganz China so rein, so wohlhabend, so nett wie dieses Dorf!

Und wie leicht wäre dies bei einer halbwegs guten Regierung möglich!

War es doch vor Zeiten so, als gute Kaiser mit ehrlichen Beamten über

das Reich der Mitte herrschten. In der Mitte des Dorfes befindet

sich ein großer, von Wachthäusern und davor stehenden spanischen

Reitern eingefaßter Platz, und dieser führt direkt zur monumentalen

Haupteingangspforte des kaiserlichen Sommersitzes, von zwei ungeheuren

Bronzelöwen bewacht. Hunderte von neugierigen Mandschuren und Chinesen

umdrängten mich, als ich, in der Mitte des Platzes stehen bleibend,

erstaunt mein Fernglas auf die großartigen Paläste richtete, die sich

hinter der Umfassungsmauer auf den Bergabhängen erheben, allein niemand

wagte ein Schimpfwort oder einen Steinwurf.

War es mir auch nicht vergönnt, das Innere des herrlichen Sommersitzes

zu betreten, weil die kaiserliche Familie eben hier weilte, so sah ich

ihn doch in allen seinen Einzelheiten von meinem Standorte hier und

dann von einem im Norden sich erhebenden bewaldeten Hügel. Ich habe in

China und Japan, in Siam und Indien und anderen Ländern des asiatischen

Kontinents keine so eigenartige Palastgruppe gesehen wie jene, welche

sich meinem Auge auf dem Berge der zehntausend Zeitalter entrollte. Die

Sage, die chinesische Kunst sei im Verfall, wird hier zu Schanden. Als

letzter Ausläufer des Hsi-schan (Westgebirges) erhebt sich hier ein

steiler Berg, auf der Südseite von einem großen See bespülte steinerne

Balustraden mit Statuen, Obelisken und bronzenen Tiergestalten umfassen

die spiegelklare Wasserfläche, aus der stellenweise die großen Blätter

der Lotospflanze hervorragen. Die reizendsten Pavillons mit zierlichen,

kurios geschwungenen Porzellandächern erheben sich an den Ufern, auf

der Landseite von Gartenanlagen eingefaßt, hinter denen sich die

mächtigen Cypressen und Kiefern eines großen schattigen Parks erheben.

Zwei Inselchen unterbrechen den Seespiegel, durch herrliche weiße

Marmorbrücken miteinander verbunden; auf einem dieser Inselchen erhebt

sich ein großer Tempel mit einer hohen Pagode von mehreren Stockwerken.

Zu ihren Füßen ruht auf dem Wasser eine mächtige weiße Dschunke mit

einem zweistöckigen Gebäude darauf. Bei näherer Besichtigung ergiebt

sich, daß dieses seltsame Fahrzeug vom Seegrunde aus ganz aus weißem

Marmor gebaut ist, ein Lieblingsaufenthalt der Kaiserin-Mutter, welche

diesen Sommersitz mit dem Kaiser zu teilen pflegt, um ihn so besser

unter den Augen und sicherer unter dem Daumen zu haben, denn nicht der

Kaiser, sondern diese merkwürdige Frau ist die eigentliche Lenkerin der

Geschicke von China.

Noch merkwürdiger, großartiger als der See und die unzähligen in

dem weiten ihn umgebenden Park verstreuten Gloriettes, Wohnhäuser,

Ehrenpforten, Tempelchen und dergleichen sind die Paläste, welche sich

auf dem steilen Berge selbst erheben. Vom Seeufer steigt zunächst

eine ungeheure Steinterrasse empor mit vertikalen vielleicht dreißig

bis vierzig Meter hohen Wänden, und auf der weiten oberen Plattform

steht eine großartige Pagode mit vier schön geschwungenen Dächern aus

orangegelbem Porzellan übereinander, gekrönt von einem goldenen Knauf.

Die Pagodenwände selbst sind mit grünen Porzellanziegeln bekleidet und

auf das reichste ornamentiert. Zu beiden Seiten dieses merkwürdigen

Bauwerks bedecken die Anhöhe Tempelchen, Wohnhäuser, Kioske ohne Zahl,

durch breite Treppenfluchten miteinander verbunden; zwischen ihnen

erheben sich im Schatten mächtiger, knorriger Kiefern Bronzepagoden,

Urnen, Vasen von hohem Wert.

Ein Weg führt zu einem breiten Felsenvorsprung an der Südseite des

Berges. Auf diesem zeigte sich mir ein geräumiges, luftiges Wohnhaus,

mit dreiteiligem grauen Ziegeldach, das auf dicken rotlackierten

Pfeilern ruht und weit über die Wohnräume hinwegreicht, so eine breite

Veranda bildend. Auf der Terrasse davor erheben sich große Fichten,

und unter einer derselben gewahrte ich einen roten Armstuhl mit einem

kleinen Tischchen daneben. Dieses Haus wurde mir als das gewöhnliche

Wohnhaus des Kaisers bezeichnet, und auf der Terrasse davor soll er den

größten Teil seiner Zeit zubringen. Auf meine Frage nach dem Wohnhause

der Kaiserin-Mutter wurde mir die Antwort zu teil, daß diese ihren

Aufenthaltsort häufig wechsle, bald in diesem, bald in jenem der vielen

innerhalb der Umfassungsmauer zerstreuten Gebäude wohne.

Von der kaiserlichen Villa führt ein breiter sonniger, anscheinend

zementierter Weg auf den Gipfel des Berges, und dieser wird von der

eigentlichen offiziellen Kaiserresidenz gekrönt, ein Palast mit

Rundbogenfenstern und ebensolchen Pforten, ganz mit orangegelben

glänzenden Porzellanziegeln bekleidet, die in dem Sonnenlichte wie

Edelsteine glitzerten. Eben als ich mein Fernglas darauf richtete,

erschien auf dem kahlen Wege davor ein farbenreicher Zug von Menschen,

dessen Mittelpunkt eine in Gelb gekleidete sitzende Gestalt bildete,

über die ein großer roter Sonnenschirm einhergetragen wurde. Von unten

herauf näherte sich diesem Zuge ein zweiter, ebenso zahlreicher,

aus welchem eine rotgekleidete Gestalt hervortrat, als beide

Menschengruppen voreinander Halt machten. Das Volk rings um mich

bezeichnete mir die letztere als den Kaiser, die gelbe Gestalt als jene

der Kaiserin-Mutter.

Wie alle anderen Kaiserpaläste und Prinzensitze in der Umgebung

von Peking, vor allem wie der feenhafte nur einen Kilometer von

Wan-schu-schan entfernte Sommerpalast mit seinem ausgedehnten

herrlichen Park, so war auch Wan-schu-schan im Jahre 1860 von den

französisch-englischen Truppen verbrannt und zerstört worden. Die

Kaiserin-Mutter ließ diesen Sommersitz jedoch in den letzten Jahren

neu erbauen, und hier war es, wo Prinz Heinrich als erster Prinz eines

souveränen Hauses von dem Sohne des Himmels empfangen wurde.

Die Große chinesische Mauer.

Von den vielen Reisenden, die China besuchen, gehen nur wenige über

Shanghai hinaus, nach Peking, und von den wenigen, die Peking besuchen,

unternimmt höchstens ein Zehntel den Ausflug zur Großen Mauer, weil

sie von dieser das eigentlich Imposante, die dreitausenddreihundert

Kilometer Länge, doch nicht sehen können, sondern nur ein Stückchen,

und dann, weil die Reise keineswegs eine Vergnügungstour genannt

werden kann. Es ist nicht jedermanns Sache, eine Woche auf hartem

Maultierrücken durch Steinwüsten und über kahle Gebirge zu reiten,

in elenden schmutzigen Chinesenspelunken zu übernachten und

sonnenverbrannt, ermüdet, wenn überhaupt mit gesunden Gliedern,

nach Peking zurückzukehren, nur um eine Mauer gesehen zu haben. Wer

sich aber diesen Strapazen wirklich unterzieht, der wird reichlich

dafür entschädigt, nicht der chinesischen Mauer wegen, sondern weil

er auf dieser Reise das Leben und Treiben der Chinesen im Inlande

kennen lernt, ein ungemein malerisches und landschaftlich großartiges

Stück China sieht und an der Großen Mauer selbst noch einen Blick

in die Mongolei werfen kann, unter die Nachkommen der Horden des

Dschingis-Chan und Kublai-Chan.

Schon das Leben auf der großen Heerstraße zwischen Peking und der

Großen Mauer gewährt das größte Interesse, denn auf dieser Straße

findet der Warenaustausch statt zwischen dem chinesischen Reiche, der

Mongolei und Sibirien. Als ich, begleitet von meinem chinesischen

Dolmetscher, auf einem Eselchen Peking verließ, um mich nordwärts

gegen die Mongolei zu wenden, hatte ich schon im Stadtthore Mühe,

überhaupt durchzukommen, denn nach Tausenden zählen die Kamele,

die, schwerbepackt mit allerhand Waren, täglich hier ankommen oder

ihren Rückweg nach dem fernen Sibirien antreten. Auf dem viertägigen

Ritt nach Nankou, am Südabhange der mongolischen Berge, begegnete

ich zahlreichen Karawanen, gewöhnlich mit sechs bis acht, aber auch

zwanzig und dreißig Kamelen im Gänsemarsch hintereinander, geführt

von breitgesichtigen schlitzäugigen Mongolen. Die Kamele bilden heute

noch das wichtigste Transportmittel auf dieser Weltverkehrsroute;

sie bringen Thee im Werte von vielen Millionen, chinesische

Seidenstoffe, Kleidungsstücke, Stickereien, Industrieprodukte aller

Art nach Norden und kehren mit Kohle, Kamelhaar, Häuten, Kalk, Soda,

Papier und dergleichen von dort wieder nach Peking zurück. Neben

den Kamelkarawanen begegnete ich auch solchen von Maultieren, aber

verhältnismäßig nur wenigen Fuhrwerken, vornehmlich plumpen, schweren

Ochsenkarren. In verschiedenen Werken über China habe ich gelesen,

der elende Zustand dieser Weltverkehrsroute ließe einen Wagenverkehr

überhaupt nicht zu, und die Strecke von Nankou über das Gebirge nach

Kalgan an der Großen Mauer wäre selbst für Reiter auf Maultieren

nur mit Lebensgefahr zu passieren. Das war bis vor einem Jahrzehnt

wirklich der Fall. Seither sind aber, ein in China unerhörtes Ereignis,

die Wege ausgebessert worden, und man kann heute von Peking bis in

die Mongolei fahren. Freilich nicht in Equipagen, sondern nur in

zweirädrigen federlosen Karren, die dem Reisenden beim Fahren die

Knochen aus dem Leibe rütteln, und kommt man zu einer besonders steilen

oder der massenhaft umherliegenden Felstrümmer wegen unpassierbaren

Strecke, so werden die Räder abgezogen und der Karrenkasten mittels

Stangen zwischen zwei hintereinandermarschierenden Maultieren

aufgehängt. Wird der Weg wieder besser, dann wird diese sonderbare

Sänfte, im Chinesischen Schen-tse genannt, durch das Anstecken der

Räder wieder in ein Fuhrwerk verwandelt.

Je weiter ich mich auf meinem Ritt von Peking entfernte, desto kahler

und trostloser wurde die weite Ebene. Rings um Peking ist sie wohl

bebaut und mit zahlreichen Dörfern, Gärten, Lustschlössern der Prinzen

und Großen, Tempeln, Pagoden und Parkanlagen besetzt. Nachdem ich aber

um Mittagszeit auf einer schönen Marmorbrücke den wilden Bergstrom

Schaho übersetzt hatte, wurde die Gegend einsamer, unfruchtbarer,

denn die vielen Wildbäche, welche zur Regenzeit ihre Fluten und

Geröllmassen aus den nahen mongolischen Bergen herabwälzen, verheeren

dieses Gebiet in jedem Jahre. Das ungemein malerische, vielgezackte

Gebirge umschließt die Ebene in einem weiten Halbkreis; nirgends zeigt

sich eine Bresche, ein Paß, um hinüberzugelangen auf die mongolische

Seite. Erst kurz vor Nankou entdeckte ich den Weg, der dem Pei-Scha-ho,

einem kleinen, zeitweilig aber sehr wasserreichen Bergstrom entlang in

das Gebirge emporführt. Am Austritt dieses Flusses in die Ebene liegt

Nankou, das mein erstes Reiseziel war.

Nankou ist ein kleines Chinesennest, eigentlich nur aus einer

einzigen breiten Straße bestehend, in welcher jedes zweite Haus eine

Karawanserei für die Kamel-, Maultier- und Pferdekarawanen ist.

Hier drängt sich des Abends der ganze Verkehr der sibirischen Route

zusammen, um am folgenden Morgen den letzten Tagesmarsch nach Peking

zurückzulegen oder auf dem Wege nach Norden den schwierigen Aufstieg

durch den Nankoupaß nach der Großen Mauer zu unternehmen. Eine andere

Verkehrsroute zwischen der Mongolei und China giebt es auf Hunderte von

Kilometern nicht, denn wäre auch die Große Mauer nicht da, so würden

doch die weg- und steglosen steilen Gebirge jeden Verkehr unmöglich

machen. Binnen wenigen Jahren dürfte es wohl anders werden, denn eine

Eisenbahn zwischen Peking und Sibirien durch die Mongolei ist geradezu

unvermeidlich, und die langsam, aber stetig und sicher vordringenden

Russen haben die Konzession zur Erbauung dieser Bahn bereits erhalten.

Vorläufig aber laufen alle Verkehrsrouten nach Norden hier zusammen,

ebenso wie all die Verkehrsrouten von Sibirien und der Mongolei aus den

verschiedensten Weltgegenden an dem Nordende des Passes oder vielmehr

an jenem Thore der Großen Mauer zusammenlaufen, welches bei Kalgan in

der Mongolei liegt.

[Illustration: Die Große chinesische Mauer.]

Diese ungemein wichtige Lage von Nankou haben die Chinesen schon vor

vielen Jahrhunderten erkannt; sie haben nicht nur Nankou mit einer

hohen und starken, von Türmen flankierten Ringmauer umgeben, sondern

auch ähnliche Mauern als Thalsperren links und rechts der Berge

emporgeführt. Unseren modernen Geschützen würden diese Riesenmauern,

welche bereits einen Teil der gegen die Mongoleninvasion errichteten

großen Mauer bilden, freilich nicht lange stand halten, aber in

früheren Zeiten leisteten sie gegen die nur mit Bogen und Pfeil, Lanze

und Schwert bewaffneten Reiterscharen vorzügliche Dienste.

Als ich nach einer elenden, in einer lärmenden Chinesenspelunke

verbrachten Nacht bei Sonnenaufgang wieder weiter ritt, passierte ich

noch zwei andere derartige Paßsperren, ehe ich die Höhe des Gebirges

und damit auch die Große Mauer selbst erreichte. Oder doch wenigstens

das, was man als diese eigentlich bezeichnen sollte, denn obschon nur

sozusagen ein Vorwerk derselben, ist sie doch viel höher, mächtiger

und besser erhalten als die noch zwei Tagereisen weiter nordwestlich

vorbeiführende Große Mauer.

Der Eindruck, den das gewaltige Bauwerk beim ersten Anblick hervorruft,

wird noch dadurch erhöht, daß der zu ihr emporführende Weg in einem von

steilen Felsen eingefaßten finsteren Engpaß läuft, so schmal, daß der

Weg neben dem Wildbache, der am Grunde der Schlucht braust, kaum Platz

findet. Ist die etwa sechshundert Meter über dem Meere gelegene Paßhöhe

erstiegen, so steht man vor dem berühmten Pa-ta-ling, dem Thore, das

hier durch die Mauer führt und von einem mächtigen Wachturm überhöht

wird. Eine Rampe führt zu der Mauer empor und, auf dieser stehend,

konnte ich erst die ungeheure Mächtigkeit und Ausdehnung derselben

erkennen. Wie die meisten Stadtmauern in China, besteht auch diese

Grenzsperre gegen die Mongolei aus einem Erdwall, der zu beiden Seiten

bis hinauf mit mächtigen Granitquadern belegt ist, so fest und genau

aufeinander gefügt, daß sich auch heute noch, viele Jahrhunderte nach

der Erbauung, nur wenige Lücken zeigen. Dieser Wall, in einer unteren

Breite von etwa achtzehn Metern und einer Höhe von elf Metern, ist oben

mit Steinen oder gebrannten Ziegeln gepflastert und hat zwischen den

Parapetmauern oder Brustwehren, mit denen er auf beiden Seiten seiner

ganzen ungeheuren Länge nach eingefaßt wird, eine Breite von fünf bis

sieben Meter.

Die Brustwehren sind aus halbmeterlangen, fußbreiten Ziegeln aufgeführt

und besitzen auf etwa anderthalb Fuß Höhe vom Boden Schießscharten

für Handfeuerwaffen, während zwischen den gewaltigen, drei Meter

voneinander entfernten Zinnen die Geschütze eingeführt wurden. Von den

letzteren liegen noch Dutzende ohne Laffetten, verrostet, auf dem Wall

umher, denn die Große Mauer wird ihrer ganzen Ausdehnung nach nicht

mehr bewacht, und auch die von hundertfünfzig zu hundertfünfzig Meter

sich über die Mauer erhebenden granitenen Wachthürme sind verlassen,

Schlupfwinkel für Fledermäuse und allerhand Ungeziefer.

[Illustration: Der kaiserliche Reisepaß des Verfassers für Schantung,

Petschili und die Mongolei im Jahre 1898.]

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 29 / 71 段