Prinzessinnen, Hofdamen, Frauen der Minister und höchsten Mandarine
versammelt. Beim Eintreffen des Zuges überreichten die Prinzessinnen
der tiefverschleierten Braut einen Apfel und durchräucherten den
Phönixstuhl mit tibetanischem Weihrauch. Nun nahm die Braut allein
darin Platz, Trauungstafel und Siegel wurden in die dafür bestimmten
Drachenstühle gelegt, und begleitet von dem großartigen, glänzenden
Gefolge begab sich die Braut zu dem Palast des Kaisers, diesmal
schon beschattet von dem hohen kaiserlichen Sonnenschirm mit sieben
eingestickten Phönixen. An dem Außenthore mußten den Vorschriften gemäß
alle Sänften zurückbleiben und nur jene mit der Kaiserin wurde bis an
die Eingangspforte des Palastes getragen. Dort mußten die Sänftenträger
und Eunuchen mit abgewendeten Gesichtern zurücktreten, die Palastgarden
aber hinter einem hohen Schirm sich verbergen, um zu verhindern, daß
sie die Kaiserin erblickten. Unter Beihilfe der Prinzessinnen verließ
die Kaiserin nun die Sänfte und erhielt in der Vorhalle des Palastes
abermals einen Apfel sowie ein großes, mit Perlen und Goldstücken
gefülltes Gefäß. Langsam durchschritt sie den Korridor zu dem
Brautgemach, vor dem der Kaiser, ihr Gemahl, sie erwartete. Zu seinen
Füßen lag ein Sattel, daneben standen Pfeil und Bogen. Als der Kaiser
seine Braut gewahr wurde, schoß er einen Pfeil tief in den Sattel, trat
dann auf die junge Kaiserin zu und schlug ihren Schleier zurück. Zwei
Prinzessinnen führten sie nun in das Brautgemach und luden sie ein,
auf dem Brautbette Platz zu nehmen. Der Kaiser setzte sich neben sie,
und mit ineinander verschlungenen Armen tranken sie nun den von den
Prinzessinnen dargereichten Wein. Hierauf genossen sie eine Suppe, die
Brühe des langen Lebens genannt, und einen aus allerhand mysteriösen
Kräutern und Wurzeln gemachten Brei, „die Mehlspeise der Söhne und
Enkel”. Die Prinzessinnen bildeten bei dieser feierlichen stummen
Mahlzeit die Bedienung. Dann machten sie das Brautbett zurecht, legten
an die vier Ecken desselben vier mit Nephritstein (Jade) eingelegte
Scepter und zogen sich zurück. In der offiziellen Pekinger Zeitung,
die den ganzen Hergang in der größten Ausführlichkeit schilderte, ist
leider nicht erwähnt, ob die kaiserliche Braut ihre Phönixe und Fasanen
auf dem Kopf behielt. Es heißt darin nur, daß die Prinzessinnen am
nächsten Morgen um drei Uhr wieder erschienen, um das Kaiserpaar zu
wecken. Eine halbe Stunde später begaben sich die Neuvermählten nach
dem Hwa-Huang-Tempel, um dort ihre Gebete zu verrichten, und hierauf
nach dem Chieng-Ching-Palaste, wo sie sich vor den Gedenktafeln
der kaiserlichen Ahnen neunmal zu Boden warfen. Nach einem kurzen
Höflichkeitsbesuch bei der Kaiserinmutter kehrten sie nach dem
Kaiserpalast zurück. Hier mußte die junge Kaiserin neunmal vor ihrem
Gatten die Knie beugen und gelegentlich dieser Turnübung dem Kaiser ihr
Nephritscepter überreichen. Dafür reichte ihr der Kaiser sein eigenes
Scepter. Nun war die Zeit für den Empfang der Nebenkaiserinnen und des
ganzen Harems mit Gefolge und Dienerschaft gekommen. Alle, selbst die
Nebenkaiserinnen, mußten vor der jungen Herrin den Kautau ausführen.
Glücklicherweise wird nur die Hochzeit mit der ersten Kaiserin mit so
großem Pomp und Aufwand gefeiert, sonst käme der Kaiser sein Leben
lang aus den Heiratszeremonien gar nicht heraus. Mit den Neben- und
Aushilfskaiserinnen wird nicht viel Aufhebens gemacht. Die Pekinger
Zeitung verkündet einfach ihre Ernennung, ebenso wie die Ernennung
einer Anzahl von Beischläferinnen verschiedener Grade. Sie haben alle
ihre eigenen Wohnungen, ihre Dienerschaft und Eunuchen, und der Kaiser
macht bei ihnen nach Belieben die Runde. In dieser Beziehung werden
ihm von dem Zeremonienmeister keine Vorschriften gemacht, dafür hält
dieser unter den Beischläferinnen strenge Ordnung, und sollten sich die
Haremsdamen irgend welche Vergehen zu schulden kommen lassen, so werden
sie zuweilen streng bestraft. So z. B. veröffentlichte die Pekinger
Staatszeitung im Jahre 1895 folgendes Edikt:
„Ich, der Kaiser, habe folgende von mir getroffene Verfügung der
allergnädigsten Kaiserin-Exregentin mitgeteilt: Unser Hof hat seine
Familientraditionen und Vorschriften, die streng und vernünftig sind.
Dem Hofharem gebührt es nicht, sich in Sachen der Staatsverwaltung
einzumischen. Die Frauen zweiten Ranges, Zfin und Tscheshen, haben ihre
bisherige Bescheidenheit aufgegeben. Sie haben sich dem Prunke ergeben
und wenden sich wiederholt an Se. Majestät mit Bitten und Anliegen, ihm
viel Sorge verursachend. Das darf nicht weiter vorkommen. Denn wenn man
sie nicht warnt, so steht zu befürchten, daß die Frauen des Kaisers
von allen Seiten mit Bitten und Intriguen bestürmt werden, während
diese Intriguen doch nur eine Leiter zu allerlei Betrug sind. Deshalb
sind die Frauen Zfin und Tscheshen zu degradieren und solches zur
öffentlichen Kenntnis zu bringen. Jetzt wird Ruhe und Stille im Innern
des Palais einkehren. So geschehe es.”
Noch strenger ist vom kaiserlichen Hausministerium unter den Eunuchen
aufgeräumt worden, deren es in kaiserlichen Diensten wohl dreitausend
giebt. Da sie sich in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers befinden,
so ist auch ihr Einfluß auf denselben bedeutend, und sie lassen
sich in Anbetracht ihrer unverantwortlichen Stellung häufig zu
allerhand Gesetzlosigkeiten verleiten. Jeden Monat veröffentlicht die
Staatszeitung Edikte, denen zufolge verschiedene Eunuchen geköpft oder
in die Verbannung gesandt worden sind.
Der Thronfolger wird in China unter den Kindern der verschiedenen
Beischläferinnen ganz nach Gutdünken des Kaisers erwählt; die
Töchter des Kaisers aber werden an hohe mandschurische Generale
oder mongolische Fürsten verheiratet, nur dürfen die letztern ihren
hochgeborenen Gemahlinnen gegenüber keinerlei eheliche Rechte ausüben,
müssen also sozusagen Eunuchen spielen. Sollten sie sich vielleicht
doch zu unerlaubten Beziehungen zu ihren eigenen Frauen verleiten
lassen, so werden sie streng bestraft. Der Kaiser Taokwang ließ einem
solchen kecken Gatten achtzig Stockschläge verabfolgen.
Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe.
Die Pekinger Regierungszeitung vom 29. Juni 1895 brachte folgendes
Edikt des Kaisers: „In den letzten Wochen ist im Bereiche der
Hauptstadt viel Regen gefallen, und noch immer ist der Himmel mit
Wolken bedeckt, so daß zu befürchten steht, es könnte durch zu viel
Regen die Ernte geschädigt werden. Wir sind auf das tiefste besorgt,
und es erscheint geziemend, um günstiges Wetter zu flehen. Wir werden
uns deshalb am 1. Juli nach Takao-tien zum Opfern begeben und die
himmlische Macht bitten, Regen und Sonnenschein, alles zur rechten
Zeit, zu gewähren, auf daß man beruhigt der Ernte entgegensehen könne.”
Am 30. Juni erschien in der Regierungszeitung folgende Nachricht:
„Der Kaiser wird sich morgen früh drei Uhr zum Opfern nach Takao-tien
begeben.”
Aehnliche Edikte und Nachrichten finden sich in der genannten Zeitung
nahezu jede Woche. Bald opfert der Kaiser in der Ahnenhalle, bald im
Tempel des Himmels oder in jenem der Erde. Die Opferzeit ist gewöhnlich
ungemein früh, zwischen drei und fünf Uhr morgens, zuweilen sogar
mitten in der Nacht.
Wenn in diesen Edikten von Priestern niemals gesprochen wird, sondern
immer nur vom Kaiser, so hat dies seinen Grund darin, daß er selbst
der Stellvertreter der chinesischen Gottheit auf Erden ist, eine
Art Hoherpriester mit dem Zopfe. Wie in biblischen Zeiten König und
Oberpriester häufig in einer Person vereinigt waren, so ist es in
China bis auf den heutigen Tag geblieben. Ja noch mehr: der Kaiser ist
der Sohn des Himmels, seine Vorfahren auf dem Drachenthrone weilen
als Geister in der Gesellschaft der himmlischen Mächte, und er selbst
fährt bei seinem Ableben auf einem goldenen Drachen zum Himmel. Sein
Geist lebt dort fort und beeinflußt das Leben der Hinterbliebenen in
derselben Weise, wie das seine von seinen eigenen Vorfahren beeinflußt
wurde. Aus diesem Glauben entwickelte sich der Ahnenkultus, der in
China und besonders am Kaiserhofe kaum weiter getrieben werden kann.
Innerhalb der verbotenen Purpurstadt im Herzen Pekings befindet sich
ein großer kaiserlicher Ahnentempel, und auch in den anderen, dem
Himmel, der Erde, der Sonne und dem Monde geweihten Tempeln Pekings
sind die kleinen Ahnentafeln der verstorbenen Kaiser aufgestellt. In
dem Tai-miau, d. h. dem Großen Tempel, neben dem Kaiserpalast, befinden
sich außer den Ahnentafeln der Kaiser auch jene der Kaiserinnen aus
den letzten zehn Generationen, einfache Holztäfelchen, auf welchen
die Namen und Titel der Verstorbenen verzeichnet sind und die in
vergoldeten Holzkästchen auf langen Tischen stehen. Anschließend an den
kaiserlichen Ahnentempel befindet sich an der Ostseite eine Halle für
die Ahnentafeln der kaiserlichen Prinzen, an der Westseite eine zweite
für die Tafeln verdienter Staatsmänner, Feldherren und andere, also
eine Art chinesischer Ruhmeshalle, jedoch ohne irgend welchen anderen
Schmuck, ohne Statuen oder dergleichen.
In diesem Tai-miau bankettiert der Kaiser unmittelbar nach seiner
Thronbesteigung mit seinen kaiserlichen Vorgängern, denn die Opfer,
welche diesen dargebracht werden, denken sich die Chinesen als
Festmahle. Sobald der Kaiser in großem Ornat die Halle betreten hat,
werden vor die Ahnentafeln jedes einzelnen Kaiserpaares die Opfer
gesetzt, und zwar vor jede Tafel drei Becher Wein, zwei Schüsseln
Suppe, ein kleines Tischchen und ein Stuhl, auf welchem passende
Kleider für den unsichtbaren Vorfahren liegen. Jeder Kaiser erhält
außerdem noch zwei Stücke kostbaren Seidenstoff. Auf langen Tischen
vor jedem Kaiserpaare werden auch noch zwischen Weihrauchfässern und
glimmenden Räucherkerzchen je ein geschlachtetes Schwein, ein Rind und
ein Schaf gelegt. Hierauf tritt der Kaiser allein in die Mitte der
Halle, wirft sich auf die Knie, und mit der Stirne den Boden berührend
ruft er der Reihe nach alle seine Vorfahren mit ihren Namen und Titeln
an, eine zeitraubende Affaire, wenn man bedenkt, daß diese Titel aus
je zwölf bis zwanzig Wörtern bestehen. Dann bittet er sie, diese
Opfergaben als Ausdruck seiner Fürsorge und Verehrung entgegenzunehmen.
Der Kaiser liest dieses Gebet von einer kleinen gelben Holztafel ab,
die er sodann unter den Klängen eines mongolischen Musikkorps und dem
Gesang von Chorsängern den Zeremonienmeistern übergiebt. Beamte raffen
nun die Seidenstoffe zusammen und tragen sie in feierlichem Aufzuge zu
einem großen offenen Altare, wo sie in Gemeinschaft mit der Gebettafel
verbrannt werden.
Hierauf folgt eine höchst eigentümliche Zeremonie, die lebhaft an
ähnliche Zeremonien im altjüdischen und christlichen Gottesdienste
erinnert. Ein hoher Tempelbeamter reicht dem Kaiser einen Becher mit
dem Wein des Segens dar. Bevor er ihn empfängt, kniet er dreimal nieder
und berührt jedesmal mit der Stirne dreimal den Boden. Hat er den
Becher geleert, so wird ihm das Fleisch des Segens auf einer Schüssel
dargereicht, wobei er dieselbe Anzahl von Kautaus auszuführen hat. Im
Laufe dieses Opferdienstes hat er im ganzen achtzehnmal niederzuknien
und die Stirne vierundfünzigmal auf die kalten Steinplatten zu senken,
eine recht anstrengende Turnübung, die von allen anwesenden Prinzen und
Würdenträgern ebenfalls ausgeführt werden muß.
Der wichtigste Tempel Pekings, in welchem der Kaiser selbst als
Hoherpriester den Opferdienst versieht, ist der berühmte Tempel
des Himmels. In der Chinesenstadt, anschließend an die starken,
hohen Umfassungsmauern Pekings, befinden sich zwei große, mehrere
Quadratkilometer umfassende Tempelhaine, eigentlich schattige, mit
prachtvollen alten Bäumen besetzte Parks, auf deren grünen Matten die
Opfertiere, Rinder, Schafe und andere, grasen. Hohe, blaßrote Mauern
umschließen diese weiten Plätze des Friedens, und nur wenigen Fremden
ist es vergönnt, in das Innere einzudringen. Der westliche Park
enthält den Tempel des Ackerbaues, der östliche den viel größeren
und wichtigeren Tian-niau, d. h. den Tempel des Himmels. Bevor die
augenblicklich regierende Dynastie auf den Thron gelangte, war der
Tempel des Ackerbaues eigentlich der Tempel der Erde. Aber im Jahre
1531 entschieden die Schriftgelehrten, daß dieser Tempel der Erde
außerhalb der Stadtmauern liegen müsse, und es wurde deshalb nördlich
der Tatarenstadt ein Park von etwa dreihundert Morgen angelegt, in
dessen Mitte sich der Tempel oder vielmehr der Altar der Erde erhebt.
[Illustration: Der Tempel des Himmels zu Peking.]
Während des größten Teiles des Jahres sind die heiligen Tempelhaine
einsam und verlassen, die stillsten Plätzchen des weiten chinesischen
Reiches. Aber dreimal im Jahre, zur Zeit der Sommer- und
Wintersolstitien und zu Beginn des Frühlings, drängen sich unter den
schattigen Bäumen rings um den Altar des Himmels die Großen des Reiches
in ihrer ganzen Pracht. Der Kaiser, die Prinzen, Mandarine und Generale
sind dann hier versammelt, begleitet von Musikern, Chorsängern,
Tempeldienern und Tänzern, von Leibgarden und Palastsoldaten, ein
ungemein seltsames, großartiges Bild. Der Kaiser verläßt schon am
Tage vorher bei Sonnenuntergang seinen Palast, um im feierlichsten
Aufzuge durch die frischgescheuerten, mit gelbem Sand bestreuten
Straßen seiner Hauptstadt nach dem Tempel zu pilgern. Aus Ehrfurcht
vor der geheiligten Person des Monarchen müssen sämtliche Thüren und
Fenster der Häuser geschlossen werden, keine Seele, weder Chinese noch
Europäer, darf sich zeigen. Durch diese verödeten Straßen rollt der
von einem Elefanten gezogene gelbe Staatswagen, in welchem der Kaiser
sitzt. Nicht weniger als zweitausend Hofbeamte, Mandarine, Eunuchen und
Garden, mit zahllosen Bannern, Ehrentafeln und Ehrenschirmen begleiten
den Monarchen. Im Tempelhain angelangt, besichtigt der Kaiser zunächst
die Opfertiere und begiebt sich hierauf in die Halle des Fastens und
der Buße, während sein Gefolge sich außen unter den Bäumen auf den
Rasen lagert. Kein Laut unterbricht die nächtliche Stille, denn der
Kaiser liegt mehrere Stunden in der dunklen Halle auf den Knieen, im
Gebet versunken. Hierauf wird der Kaiser in ein Staatszelt geführt, wo
er unter großem Zeremoniell die Händewaschung vornimmt und die langen
blauseidenen Gewänder als Oberpriester anlegt; nun beginnt der Zug
zu dem Opferaltar. Voran schreiten Bannerträger, dann 235 Musiker in
blauseidenen Talaren und eine gleiche Zahl von Tänzern, welche während
des Marsches langsame, feierliche Tanzbewegungen ausführen. Hierauf
kommt der Kaiser, gefolgt von allen Prinzen und hohen Würdenträgern,
viele Hunderte an der Zahl.
Mittlerweile ist an der heiligen Opferstätte selbst alles vorbereitet
worden. Innerhalb einer zweiten Ringmauer erhebt sich auf einer
Marmorterrasse der mächtige runde Tempel des Himmels mit drei hohen,
sich verengenden Stockwerken und himmelblauen Porzellandächern. Hehre
Einfachheit kennzeichnet das Innere. Vergoldete Holzsäulen tragen
die Dächer, und an der Nordseite, dem Eingang gegenüber, stehen auf
reich geschnitzten, rot lackierten Tischen die einfachen Täfelchen
des Shang-te, das heißt des „obersten Herrn des Himmels, der Erde
und aller Dinge”, sowie der acht verstorbenen Kaiser der regierenden
Dynastie. Aus diesem Tempel werden die mit blauem Seidenstoff umhüllten
Täfelchen nach dem heiligen Altar des Himmels getragen, auf welchem das
kaiserliche Opferfest stattfinden soll.
Dieser Altar, eine der heiligsten Stätten des chinesischen Reiches,
befindet sich nahebei in einem dichten Cypressenhaine. Umgeben von
ehrwürdigen alten Bäumen, erhebt sich hier ein aus blendend weißen,
kreisrunden Marmorterrassen bestehender Aufbau, zu dessen oberster
Plattform vier breite Treppen von je neun Stufen emporführen. Die
Terrassen, ebenso wie die Treppen sind von skulpturengeschmückten
Marmorbalustraden umgeben, in denen Drachen- und Phönixmotive die
Hauptrolle spielen. In der Mitte des obersten, mit weißem Marmor
belegten Plateaus erhebt sich ein großer Marmorblock für den Kaiser,
und darüber wird ein die ganze Fläche einnehmender Baldachin gespannt.
Bei dem flackernden Schein zahlreicher Fackeln stellen nun die in
lange, hellblaue Gewänder gehüllten Diener die Kaisertäfelchen auf die
oberste Plattform; auf die nächsttiefere Terrasse werden die Täfelchen
der Sonne, des Großen Bären, der fünf Planeten, der achtundzwanzig
Konstellationen und ein letztes Täfelchen für die übrigen Sterne
aufgestellt. Diesen gegenüber, auf der entgegengesetzten Seite der
zweiten Terrasse, werden die Täfelchen für Mond, Wind, Regen, Wolken
und Donner auf kleine Tischchen gestellt, so daß also der oberste Gott
Shang-te nach chinesischen Begriffen von allen Himmelskörpern umgeben
ist.
Vor jedes Täfelchen werden auf langen Tischen Räucherpfannen für
Weihrauch gestellt und allmählich auch die Kerzen und Räucherstäbchen
entzündet. Während der ganze Cypressenhain durch die brennenden
Fackeln erleuchtet wird, flimmern auf der weißen Marmorpyramide,
den aztekischen Teocalli nicht unähnlich, Tausende und Abertausende
kleiner Lichtchen. Bei ihrem Scheine werden nun vor jedem Täfelchen
die Opfergaben aufgetürmt: zwölf Stück der schwersten blauen Seide
vor Shang-te, je drei Stück weißer Seide vor jedem Kaiser, dann
zusammen siebzehn Stück roter, gelber, blauer, schwarzer und weißer
Seide für die übrigen Täfelchen, die, wie gesagt, nichts weiter als
etwa fußhohe, zwei Zoll breite, aufrechtstehende Holzplättchen sind,
auf welchen die Namen der genannten Himmelskörper stehen. Sobald
die Kunde von dem Anmarsch des kaiserlichen Zuges hierher gelangt,
werden die Opfermahlzeiten aufgetragen: Shang-te ein geschlachtetes
Kalb, den Sternen ein Stier, ein Schaf und ein Schwein. Vor jedes
Täfelchen werden drei Schalen Reiswein aufgestellt und dann in acht
Reihen achtundzwanzig mit allerhand Lebensmitteln und Früchten
gefüllte Schüsseln gesetzt. Manche derselben enthalten Suppe mit
Rind- und Schweinefleischschnitten, andere wieder Pökelfleisch mit
Vermicelli, wieder andere Hasen- oder Rehfleisch, geräucherten oder
gesalzenen Fisch, Bambussprossen, Petersilie, gekochten Reis, Hirse,
Zwiebelblüten verschiedener Art, ja selbst Gewürze, wie Salz und
Pfeffer, werden bei dieser Göttermahlzeit nicht vergessen. Chorgesang
und Musik verkünden das Nahen des kaiserlichen Zuges. Bald ist der
ganze Rasenplatz mit Tausenden von Menschen angefüllt; die Prinzen und
Würdenträger steigen auf die beiden untersten Terrassen, während der
Kaiser allein langsam zur obersten Plattform emporsteigt und dort vor
dem Täfelchen des Shang-te sich dreimal zur Erde wirft und neunmal
mit der Stirne den Boden berührt. Dasselbe wird hierauf von allen
Anwesenden ausgeführt.
Nun schweigt die Musik, Totenstille herrscht ringsherum. Der Kaiser
aber hebt ein prachtvolles Stück blauen Nephritsteines (Jade), das
Symbol des Himmels, mit beiden Händen zu der Tafel des Shang-te empor,
als sichtbares Zeichen des Opfers. Aus der Ferne erhebt sich die Stimme
eines Sängers, der eine Opferhymne singt, und währenddessen wird von
Dienern das Opferkalb des Shang-te mit heißer Suppe besprengt. Zunächst
wird vom Kaiser von einem blauen Gebetstäfelchen ein Gebet abgelesen,
in welchem der Segen des Himmels und die Gunst der verstorbenen Kaiser
herabgefleht wird. Das Musikkorps spielt nun eine Hymne, während
welcher die Tänzer langsam quadrillenartige Figuren ausführen. Bei
dem flackernden Fackelscheine, inmitten der dunkeln Waldbäume, mit
dem klaren Sternenhimmel darüber, müssen diese malerischen Gruppen,
umgeben von Tausenden in prächtige Gewänder gehüllten Prinzen und
Würdenträgern, ein ungemein feierliches, fremdartiges Bild darbieten,
das leider niemals dem Auge eines Europäers sichtbar wird. Wer erinnert
sich aber bei der Vorstellung dieser Scene nicht an die Schilderungen
der biblischen Opferfeste, an Melchisedek und das jüdische Paschal?
Seit Tausenden von Jahren werden die chinesischen Opferfeste in genau
derselben, streng geregelten Weise ausgeführt, und wie sie nach
Westen bis an das Mittelmeer gelangt sind, dürften sie auch ihren Weg
nach Osten zu den Azteken genommen haben, deren Opferfeste mit den
chinesischen bedeutende Aehnlichkeiten besaßen. In Ost und West sind
sie verschwunden, nur an der Quelle selbst, in China, haben sie sich
bis auf den heutigen Tag erhalten.
Abermals schweigt die Musik, und die nächtliche Stille wird durch eine
mysteriöse Stimme unterbrochen, welche die Worte singt: „Reicht den
Becher des Segens und das Fleisch des Segens dar”. Hohe Würdenträger
bieten nun beides in feierlicher Weise dem Kaiser dar, welcher vor
und nach dem Einnehmen dreimalige Kautaus vor den Täfelchen ausführt.
Unter den Klängen einer Jubelhymne werden diese Täfelchen wieder nach
dem Tempel zurückgetragen, die Seidenstücke, Opfertiere und Speisen
aber dem Feuer übergeben, um durch die Verbrennung thatsächlich zu den
Geistern zu gelangen, für welche sie bestimmt sind. In feierlichem Zuge
werden die Opfergegenstände über den nur durch Fackeln erleuchteten
Tempelhain auf den Verbrennungsplatz getragen. In einer Ecke nahe
der Umfassungsmauer erhebt sich ein etwa drei Meter hoher offener
Feuerherd aus grünem Porzellan, und neben diesem stehen acht kleinere
Kamine aus Mauerwerk, in welche runde Eisenschüsseln von etwa einem
Meter Durchmesser eingelassen sind. Auf die in allen Herden glimmenden
Holzkohlen werden nun die Opfer gelegt, jene für Shang-te auf den
grünen Porzellanherd, jene für die Kaiser auf die eisernen Herde, und
während die kostbarsten Seidenstücke, das Fleisch und die Gemüse in
Rauch aufgehen, kehrt der Kaiser von seinem Opfergange nach dem Palast
zurück. Wenn die Sterne am Firmament erblassen und der erste schwache
Schimmer des anbrechenden Tages am Horizont erscheint, liegt der große
Park des Himmelstempels wieder still und verlassen da, kaum daß noch
leichter Rauch sich über den verbrannten Opfern kräuselt.
[Illustration: Beschwörung eines Götzen.]
Neben diesen großen Opferfesten findet alljährlich auf dem Himmelsaltar
noch ein anderer höchst eigenartiger Götterdienst statt. Nicht in den
reichen kaiserlichen Gewändern, sondern in grobe Sackleinwand gehüllt
schreitet der Kaiser von der Halle der Buße zu dem Himmelsaltar. Oben
angelangt, verliest er die Namen aller Verbrecher, an welchen während
des abgelaufenen Jahres das Todesurteil vollstreckt wurde, und fleht
zum Himmel um Gnade für jene, welche möglicherweise an dem ihnen
zugeschriebenen Verbrechen schuldlos waren.
Aehnlich den Opferfesten im Tempel des Himmels sind jene im Tempel der
Erde, nur daß hier nicht den Himmelskörpern, sondern den Erdgeistern
geopfert wird, jenen der vier großen Meere, der vier großen Flüsse
Chinas und der vierzehn höchsten Berge; auch hier werden die Täfelchen
der verstorbenen Kaiser neben jenen der Erdgeister aufgestellt; aber
nur die für die Kaiser bestimmten Opfergaben werden verbrannt, die
Opfer für die Erdgeister werden tief in die Erde vergraben, um auf
diese Weise wirklich ihre Bestimmung zu erreichen.
Manche religiöse Zeremonien am chinesischen Kaiserhofe stammen aus
undenklichen Zeiten. Die Anbetung der Sonne und des Mondes in den ihnen
geweihten Tempeln ist noch ein bis auf den heutigen Tag erhaltenes
Ueberbleibsel der ältesten Religionen; manche andere Zeremonie, wie
z. B. das Ackerbaufest, reicht in dieselbe Zeitperiode zurück, in
welcher die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden. Vor viertausend Jahren
regierte beispielsweise in China der Kaiser Shun. Er wendete dem
Ackerbau besondere Aufmerksamkeit zu und eröffnete in jedem Frühjahr
selbst die Feldarbeit, indem er mit einem Pfluge Furchen zog. Ganz
wie vor viertausend Jahren geschieht dies noch heute in dem großen
Tempelhain für Agrikultur, der sich neben jenem des Himmels längs
der Südmauer Pekings hinzieht. An einem bestimmten Tage im Frühjahr
erscheint der Kaiser mit den kaiserlichen Prinzen und dem gesamten
Hofstaate, um zunächst den Göttern zu opfern, oder vielmehr in
symbolischer Weise mit ihnen ein Festmahl zu begehen. Nach den nötigen
Kautaus vertauschen der Kaiser und die Prinzen ihre prächtigen Gewänder
mit der Tracht der Landleute und begeben sich auf ein nahes Feld, wo
sie mit gelb lackierten Pflügen, an welche Büffel gespannt sind, neun
Furchen ziehen. Hinter den Pflügen schreiten Mandarinen einher, welche
den Samen ausstreuen. Während der ganzen Zeit tragen Chorsänger und
Musikkorps Hymnen zum Lobe des Ackerbaues vor.
Wie um reichen Erntesegen, muß der Kaiser auch, wie eingangs
erwähnt, um den erforderlichen Regen, oder wenn es zu viel regnet,
um Trockenheit zum Himmel flehen. Zunächst werden Präfekten oder
Gouverneure nach den verschiedenen Tempeln entsendet; werden ihre
Gebete nicht erhört, so beordert der Kaiser Prinzen seiner Familie
dahin, schließlich geht er selbst opfern und beten, unter der
Voraussetzung, daß ein Kaiser nicht nur auf Erden, sondern auch im
chinesischen Olymp mehr Einfluß hat als ein gewöhnlicher Sterblicher.
So verkündete der Kaiser beispielsweise in der Pekinger Zeitung vom 8.
Juli 1894 folgendes: