Treiben, das sich in demselben abspielt. Von dem offiziellen Leben
der Kaiserstadt bekommt man allerdings nur wenig zu sehen: Mandarine
mit verschiedenen ihrem Rang entsprechenden Stickereien auf Brust
und Rücken zu Maultier und begleitet von einem Troß von Dienern oder
in Sänften, die, je nach dem Range ihres Insassen, von zwei, vier
oder sechs Trägern getragen werden; mandschurische Bannersoldaten
und Yamenläufer, Angestellte der Regierungsbureaus. Die Straßen der
Tatarenstadt zeigen sonst nur wenig Leben, denn die Chinesen, die
eigentlichen Träger des Handels und Verkehrs, dürfen in derselben nicht
wohnen, und alle Theater, Freudenhäuser, Opium- und Theehäuser sind
hier verboten.
[Illustration: Audienzhalle im Kaiserpalast zu Peking.]
Desto lebhafter ist das Leben und Treiben in der Chinesenstadt. Auf
den Fahrwegen in der Mitte der Straßen drängt sich das Volk, wandert
von Bude zu Bude, kauft und verkauft, schreit, lärmt, gestikuliert,
lebhafter als in der Toledo von Neapel. Endlose Reihen der kleinen,
zweiräderigen Maultierwägelchen fahren auf und nieder, alle Augenblicke
stockt der Verkehr; auf den Fisch-, Fleisch-, Pelz-, Porzellan-
und Gemüsemärkten ein fortwährendes Gedränge, hier und da auch
eine öffentliche, grausenerregende Hinrichtung; unter viereckigen
Sonnenschirmen gehen ambulante Handwerker, Barbiere, Restaurateure
und dergleichen ihren Geschäften nach; zwischen ihnen, besonders aber
an der Bettlerbrücke, kauern zahllose Bettler, zum Teil entsetzlich
verstümmelt, Blinde, Lahme, Aussätzige, mit offenen Wunden bedeckt, und
flehen unter fortwährendem Kumscha- Kumscharufen um Almosen. Als Rahmen
dieses ungemein belebten, farbenreichen, seltsamen Bildes dienen die
vielen Kuriositätenläden, Konditoreien, Restaurants, Kramläden aller
Art; schlanke Pfeiler, von denen verschiedenfarbige lange Holzschilder,
mit allerhand Inschriften in großen Goldbuchstaben bedeckt,
herabhängen, überragen die einstöckigen kleinen Häuschen. Niedliche,
mit geschnitzten Balustraden versehene Galerien ziehen sich unter den
Dächern des ersten Stockwerkes hin, und die Häuserfronten, besonders
jene der Konditoreien, sind über und über mit vergoldeten Schnitzereien
bedeckt, die allerdings von dem schrecklichen Staub geschwärzt sind.
[Illustration: Das Observatorium in Peking.]
Hier und dort werden auf freien Plätzen von den vergnügungssüchtigen
Zopfträgern allerhand Tierkämpfe veranstaltet; nicht nur Hähne,
auch Tauben, Wachteln, ja sogar Grillen werden dazu verwendet, und
mit gespannter Aufmerksamkeit folgen die Wettenden dem Kampfe der
winzigen Tierchen. Leben, Lärmen, Bewegung, Verkehr überall, dazu
Staub, Schmutz, Gedränge, Gestank und furchtbare Hitze, die im Winter
ebensogroßer Kälte Platz macht. Ebenso still und schläfrig, wie es
in der Tatarenstadt zugeht, ebenso lärmend und bewegt ist es in der
Chinesenstadt: in den Chinesen steckt das Leben, der Erwerb, der
Reichtum, und dennoch sind die Tataren die Herren der Stadt und des
ganzen Landes.
An Sehenswürdigkeiten besitzt Peking außerhalb seiner Mauern viel mehr
als innerhalb. Einige Wegstunden nördlich von Peking erheben sich die
Ausläufer des mongolischen Hochlandes, und verborgen zwischen den
stellenweise bewaldeten Abhängen liegen zahllose Klöster, Pagoden,
Grabstätten, Tempel; dort liegen auch die kaiserlichen Sommerpaläste
und ausgedehnten Parks. Dorthin flüchten sich während der heißen
Zeit die fremden Vertreter und Missionare und gehen allerhand Sport
nach; noch weiter gegen Norden liegen die bekannten Kaisergräber
der Mingdynastie, und den Abschluß der belebten, reich bebauten und
bevölkerten Landschaft bildet die ungeheure chinesische Mauer mit
ihren gewaltigen Türmen und Thoren. Sie allein übertrifft die gehegten
Erwartungen, alles andere in und um Peking bleibt weit hinter denselben
zurück, und mit leichtem Herzen verläßt man die weit über das verdiente
Maß berühmte, aber immerhin hochinteressante Kaiserresidenz des
Chinesenreiches.
[Illustration: Pferd
Elefant
Wagen
Kanone
Bauer
Kanzler
Feldherr
Chinesische Schachfiguren.]
Kwang-Su, der Kaiser von China.
Kwang-Su, der Sohn des Himmels, der Herr der zehntausend Jahre,
kam, wie man sich in Peking ziemlich allgemein erzählt, durch ein
Verbrechen auf den Drachenthron, eine interessante und doch kaum
bekannte Geschichte. Sein Vorgänger, der junge Kaiser Tung-Chih, starb
im Januar 1875 an den Blattern, trotzdem seine Aerzte für über tausend
Taels (viertausend Mark) Joßpapierchen verbrennen ließen, um den Segen
des Himmels auf ihn herabzuflehen und den in ihm steckenden Teufel zu
vertreiben. Tung-Chih hinterließ eine junge hübsche Witwe, Ah-Lu-Té,
deren Zustand einen nachgeborenen Thronerben erwarten ließ. Dann wäre
Ah-Lu-Té als Kaiserin-Mutter während der jungen Jahre ihres Sohnes
Regentin geworden, und die beiden bisherigen Regentinnen, die Witwen
des 1861 verstorbenen Kaisers Hien-föng, hätten abdanken müssen. Das
paßte ihnen natürlicherweise keineswegs, und so nahmen sie denn, wie
man sich in Peking erzählt, zu einem Pülverchen Zuflucht, das die junge
Nebenbuhlerin gleich nach dem Tode des Kaisers aus dem Wege räumte. Die
beiden alten Damen beriefen sofort die mandschurischen Prinzen zu einem
Familienrate und ließen den kaum mehr als drei Jahre alten Prinzen
Tsai-tjen, den Sohn des Prinzen Chun, als Thronerben erklären. Es war
Mitternacht, als die Wahl erfolgte, aber die Kaiserinnen mußten doch
ihr Bedenken über die Gesetzlichkeit dieses kleinen Staatsstreiches
à la chinois haben, denn ohne eine Minute Zeit zu verlieren, ließen
sie das schlafende Kind wecken und in den Beratungssaal bringen.
Dort empfing der arme heulende Junge die Huldigung der Prinzen und
wurde unter dem Namen Kwang-Su, d. h. erhabene Nachfolge, zum Kaiser
ausgerufen. In der Pekinger Staatszeitung aber erschien die Nachricht,
der verstorbene Kaiser hätte ihn selbst zu seinem Thronerben ernannt.
Natürlich konnte der den Windeln kaum entwachsene Knabe das gewaltige
Staatsschiff noch nicht lenken, und so blieben die beiden alten Witwen
an der Spitze der Regierung um zu schalten und zu walten, wie es ihnen
beliebte. Im Jahre 1881 starb die Kaiserin des östlichen Zimmers,
Tung-Tai-Hau, und die Kaiserin des westlichen Zimmers, Si-Tai-Hau,
führte die Zügel der Regierung bis Anfang März 1889, d. h. bis zur
Mündigkeitserklärung des regierenden Kaisers ganz allein. Seither trägt
sie den Titel Kaiserin-Exregentin, aber in Wirklichkeit ist sie immer
noch allmächtig und führt den Kaiser am Gängelbande.
Das kleine Söhnchen des Himmels durfte sich seiner Kindheit nicht
lange erfreuen. Schon einige Monate nach seiner Erwählung zum Kaiser
wurde ein Shi-foo oder Hofmeister für ihn ernannt, und die Pekinger
Staatszeitung verkündete auch die Namen der für die Erziehung und
Ausbildung des Knaben bestimmten Lehrer. Das astronomische Amt, dem die
Feststellung der günstigsten Tage für alle kaiserlichen Unternehmungen
obliegt, bestimmte den 14. Mai 1876 für den Beginn des Unterrichtes.
An diesem Tage erschien der kleine Kwang-Su, geführt von seinem Vater,
zum erstenmal im Schulzimmer. Dort lagen die gelahrten Männer, die ihm
angemessene und zweckmäßige Lehren zu erteilen hatten, auf den Knieen
und empfingen ihren Schüler, Gebete murmelnd und mit der Stirne den
Boden berührend. Kwang-Su überreichte ihnen nun eine Schrift, worin
er sie bat, ihn in der chinesischen Weisheit zu unterrichten, und
damit begann die Studienzeit des Kaisers, die ohne Unterbrechung bis
zu seiner Verheiratung, d. h. bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre
währte. Von Schuleschwänzen, Spielen und Unterhalten war bei dem jungen
Kwang-Su keine Rede, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er
gewiß lieber den Kaiser aufgesteckt und wäre Prinz geblieben. Seine
tägliche Beschäftigung, sein Verhalten gegenüber den Lehrern, das ganze
Zeremoniell ihres Empfanges und ihrer Verabschiedung nach empfangener
Lektion ist auf das strengste geregelt. Schon um drei oder vier Uhr
morgens begann der Unterricht, zunächst in chinesischer Sprache und
Litteratur; dann folgten mandschurische und mongolische Lektionen,
der Unterricht in den verschiedenen chinesischen Dialekten, Reiten,
Fechten, Turnen, Bogenschießen. Dies ging so mit kurzen Unterbrechungen
für die Mahlzeiten den ganzen Tag fort, und mit Sonnenuntergang
mußte der Kleine ins Bett, um am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang
wieder seine chinesischen Lektionen zu empfangen. Die starren Lehrer
verstanden keinen Spaß. Nutzten die Ermahnungen nichts, so wurde das
Bambusstäbchen zu Hilfe genommen. Da man aber den Sohn des Himmels
nicht wie einen gewöhnlichen Sterblichen durchbläuen kann, so wurde ein
anderer Junge für ihn geprügelt. Dieser Prügelknabe, in chinesischer
Sprache Hahachutze, war von gleichem Alter wie der Kaiser und hatte
alle Stockschläge, die eigentlich für die kaiserlichen Weichteile
bestimmt waren, zu empfangen. Der Kaiser mußte dabei zusehen. In
ähnlicher Weise hatten früher auch europäische Monarchen ihre
Prügelknaben, z. B. Heinrich IV. von Frankreich, Edward VI. und Edward
VII. von England, ja während der Regierung mancher Souveräne giebt es
heute noch Prügelknaben, Minister genannt.
Im Jahre 1889 vollendete Kwang-Su sein fünfzehntes Lebensjahr. Schon
vorher wurde von der Kaiserin-Regentin eine passende Braut für ihn
ausgesucht, und die Staatszeitung vom 28. Oktober 1888 enthält darüber
folgendes kaiserliche Edikt:
„Seitdem der Kaiser in aller Ehrfurcht das Erbe seiner Vorfahren
angetreten hat, ist er allmählich zum Manne gereift, und es geziemt
sich nun, daß eine Person von hervorragenden Eigenschaften als seine
Gemahlin ausgewählt werde, damit sie ihn in den Pflichten des Palastes
und in seinen tugendhaften Bestrebungen unterstütze. Die Wahl ist
auf Yeh-ho-na-la gefallen. Sie ist die Tochter des stellvertretenden
Bannergenerals Kwei-Hsiang, eine tugendhafte Jungfrau von angenehmem
Aeußeren und Vorzügen. Wir befehlen, daß sie zur Kaiserin erhoben
werde.”
[Illustration: Straße in Peking.]
Damit aber der Kaiser nicht unvertraut mit den ehelichen Pflichten
seine neue Gemahlin heimführe, wurde ihm schon ein Jahr vorher eine
Lehrmeisterin beigegeben. Diese Fei wird stets unter den hübschesten
Töchtern der mandschurischen Bannerleute ausgesucht und muß ein Jahr
älter als der Kaiser, also fünfzehn Jahre alt sein. Von wem diese
ihrerseits die ehelichen Pflichten lernt, wird in dem Zeremonienbuche
nicht gesagt.
Unmittelbar nach der Vermählung des Kaisers erfolgte seine
Thronbesteigung. Eine Krönung giebt es an den orientalischen Höfen
nicht, ebensowenig, wie es Kronen giebt. Zunächst wurden kaiserliche
Prinzen in großem Aufzuge nach den Tempeln des Himmels und der
Erde, sowie nach der kaiserlichen Ahnenhalle gesandt, um dort die
Thronbesteigung des Kaisers zu verkünden. Am folgenden Tage stattete
der Kaiser, begleitet von allen Prinzen und dem ganzen prächtigen
Gefolge der abtretenden Kaiserin-Regentin einen Besuch ab, und am
4. März erfolgte der feierliche Regierungsantritt unter großartigem
Zeremoniell, an welchem der ganze Hof mit seinen Tausenden von
Würdenträgern und Garden teilnahm. Die Feierlichkeiten fanden jedoch
durchwegs innerhalb der Mauern der Palaststadt statt, und von den
Hunderten von Millionen chinesischer Unterthanen war nicht ein einziger
Zeuge derselben. Selbst bis heute haben nur die höchsten Würdenträger
des Reiches und einige der ausländischen Gesandten den Kaiser von
Angesicht zu Angesicht gesehen. Bei der Thronbesteigung aber waren auch
diese nicht zugegen, und was man davon erfuhr, entstammt dem in der
Regierungszeitung veröffentlichten Zeremoniell.
Sobald die kaiserlichen Astrologen vom Chien-ching-Thore der
Palaststadt aus verkündeten, daß der günstige Augenblick für den
Regierungsantritt gekommen sei, verließ der Kaiser, in seine mit
Drachen bestickten Galagewänder gekleidet, seine Gemächer und bestieg
eine Prachtsänfte, in welcher er zu der Chung-ho-Halle getragen
wurde. Dort nahm er die Huldigung der Beamten und Bannerleute des
inneren Palastes entgegen und begab sich nun in seiner Sänfte nach der
eigentlichen Thronhalle (Tai-ho), vor welcher ihn sein ganzer Hofstaat
unter den Klängen der Musik empfing. Dem Eingange zunächst standen die
Prinzen und höchsten Staatsbeamten; dann kamen zehn Palastgardisten mit
vergoldeten Helmen und mit Pantherschweifen verzierten Hellebarden;
ferner zehn Palastgardisten mit Gürtelschwertern; Beamte des
Zeremonienamtes; fünf kaiserliche Elefanten, unzählige Banner- und
Standartenträger, Garden, Musikkorps. Während die ganze Gesellschaft
sich zur Erde warf, betrat der Kaiser die Halle und bestieg den in
der Mitte stehenden Thron, eine hohe Plattform, auf welcher sich ein
breiter Stuhl mit hoher Rückenlehne befand. Auf diesen Thronstuhl ließ
sich der Kaiser nach mandschurischer Art mit untergeschlagenen Beinen
nieder. Die Musik verstummte, und die Beamten des Zeremonienamtes
führten der Majestät nun die kaiserlichen Prinzen, die mongolischen
Fürsten, den hohen Adel und die Würdenträger des großen Reiches zur
Huldigung vor den Thron. Auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters
knieten alle nieder, und der Reichsherold befahl nun die Urkunde der
Regierungsübernahme zu verlesen. Damit war die Thronbesteigung vorüber,
und der Kaiser kehrte als Herrscher über China nach seinem Palaste
zurück.
Nur durch die seltenen Empfänge der ausländischen Gesandten sind
Berichte über das eigentümliche, aber stets würdevolle Zeremoniell
am chinesischen Kaiserhofe durch europäische Augenzeugen in die
Oeffentlichkeit gelangt. So empfing der Kaiser gelegentlich des 60.
Geburtstages der Kaiserin-Exregentin die Gesandten, um die Glückwünsche
ihrer Souveräne in Empfang zu nehmen.
Der Schauplatz des feierlichen Staatsaktes war einem ostasiatischen
Blatte zufolge diesmal das Wenhuatien (d. h. Halle der Blüten der
Litteratur), ein älteres Gebäude von mäßiger Größe im südöstlichen
Teile des Palastes. Dasselbe dient zur Abhaltung einer litterarischen
Feierlichkeit im zweiten Monat jeden Jahres, bei welcher dem Kaiser
von einigen hervorragenden Mitgliedern der Hanlinakademie Vorträge
über die Klassiker gehalten werden. Der Eingang für die fremden
Vertreter und ihre Begleiter fand durch das Tunghuamen (das östliche
Blumenthor) statt, die einzige Oeffnung in der Ostmauer des inneren
Palastes. Dort wurden die Sänften zurückgelassen, und man begab sich
zu Fuß durch den weiten ummauerten Hofraum, an den Spalier bildenden
Palastgarden vorbei, nach dem Chuanhsintien (Halle der Offenbarung der
Herzensgüte), einem kleineren dreigeteilten Gebäude, in welchem den
mythischen Kaisern und alten Weisen einstmals Opfer dargebracht wurden
und das in diesem Falle als Wartesaal für die Gesandten diente. Die
letzteren wurden hier durch die Prinzen und Minister des Tsungli-Yamens
empfangen, um dann nach kurzem Aufenthalt durch das Wenhuamen (Thor
der Blüten der Litteratur) nach einer Reihe offenbar für den Zweck
besonders hergerichteter blauer Zelte geleitet zu werden, die dicht
neben dem Wenhuatien lagen und in denen für jede Gesandtschaft ein
besonderer Raum hergestellt war.
Von hier aus begaben sich die Vertreter mit ihrem Gefolge nach dem
Audienzsaal, bis zu der äußeren Freitreppe desselben durch zwei
Palastbeamte, vor den Thron durch zwei Minister des Tsungli-Yamens
geleitet. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr wurde der Aelteste des
diplomatischen Korps, der Gesandte der Vereinigten Staaten, geladen,
die übrigen folgten der Amtsdauer nach. Das Weitere spielte sich dann
in ähnlicher Weise ab, wie bei früheren Audienzen: der Gesandte näherte
sich mit seinen Begleitern unter drei Verbeugungen der Estrade, auf
welcher der Kaiser saß und zu der mehrere Stufen emporführten, hielt
darauf eine kurze Ansprache, in der er des feierlichen Ereignisses
gedachte, und überreichte, nachdem dieselbe von dem betreffenden
Gesandtschaftsdolmetscher ins Chinesische, von dem zur Seite des
Kaisers stehenden Prinzen Kung bezw. Ching (beide wechselten bei
den einzelnen Gesandten ab) ins Mandschurische übertragen war, das
Glückwunschschreiben seines Souveräns bezw. Präsidenten in die Hände
des ihm entgegenkommenden Prinzen, der es auf den mit gelber Seide
behangenen Tisch vor den Kaiser legte.
Das vom deutschen Kaiser gesandte Glückwunschschreiben bestand in
buchförmig zusammengelegten Pergamentblättern, auf denen der Text in
mehreren Farben kunstvoll ausgeführt war und die durch zwei massive,
mit weißem Leder überzogene und mit reicher Goldverzierung sowie dem
kaiserlichen Namenszuge geschmückte Deckel zusammengehalten wurden. Das
Ganze, ein vornehmes Kunstwerk, das allgemeine Bewunderung erregte, lag
in einem eleganten Holzkasten, auf dem ebenfalls ein großes W mit der
Kaiserkrone angebracht war.
Der Monarch neigte das Haupt beim Empfang, sprach dann in vernehmlichem
Tone zu dem links neben ihm knieenden Prinzen einige Sätze, in denen
er seiner Genugthuung und Freude Ausdruck gab, dieser wiederholte
die Worte, nachdem er die Estrade verlassen, dem Dolmetscher auf
Chinesisch, der letztere in seiner Landessprache dem Gesandten.
Damit war die Audienz beendet, und der Gesandte verließ, abermals
unter Verbeugungen und in derselben Weise geleitet wie vorher, die
Empfangshalle.
Das orientalische Zeremoniell machte sich hierbei in bedeutsamer Weise
geltend: das Wenhuatien hat in seiner Südwand drei Eingänge, zu denen
drei steinerne Freitreppen emporführen; solange nun der Gesandte Träger
des kaiserlichen Schreibens war, überließ man ihm den vornehmsten
Zugang, d. h. die große mit einem Teppich belegte Mitteltreppe und die
Mittelthüre, die sonst nur von dem Kaiser benutzt wird; der Ausgang
fand dagegen durch die linke Seitenthüre statt.
Dem ganzen Vorgang ließ sich eine majestätische Würde nicht
absprechen. Der Kaiser saß, wie bemerkt, auf einer Estrade an einem
mit gelber Seide behangenen Tische; hinter ihm befanden sich die
üblichen Paraphernalien: der Wandschirm, die Pfauenwedel; zur Rechten
standen zwei Prinzen des kaiserlichen Hauses, zur Linken der Prinz
von Kechin und Prinz Kung bezw. Prinz Ching. In der Halle selbst
bildeten schwerttragende Garden zu beiden Seiten Spalier, dahinter
standen Eunuchen und Palastbeamte. Das bei weitem Interessanteste
in der ganzen Scene war natürlich die Person des mit Zobelpelz und
Staatsmütze angethanen jugendlichen Monarchen. Die ungewöhnlich großen,
glänzenden schwarzen Augen gaben dem zarten, fast kindlichen Gesichte
ein ungemein sympathisches Aussehen, das auch durch die von einem
kürzlich überstandenen Fieberanfall herrührende Blässe durchaus nicht
beeinträchtigt wurde.
Beim Heraustreten aus der Halle bot sich dem Auge ein malerisches
Bild. Zu beiden Seiten, d. h. nach Ost und West, von der nach Süden zu
führenden Freitreppe zog sich in weit ausholendem Bogen die lange Reihe
der Palastgarden entlang, davor und dahinter bewegten sich Scharen von
Beamten in ihren langen Tuniken mit den buntgestickten viereckigen
Rangabzeichen auf Brust und Rücken. Bei aller Geschäftigkeit war
keine eilige oder überstürzende Bewegung zu beobachten, alles ging,
dem chinesischen Amtscharakter entsprechend, feierlich und würdevoll
zu. Wandte man sich nach rechts, so erblickte man am Ende des weiten
Platzes die hohe, mit gelbglasierten Ziegeln gedeckte Mauer, welche
die lange Reihe der Mittelhallen des Palastes einschließt; am Südende
derselben gewahrte man das dreiteilige Tsoyimen (Linkes Thor der
Rechtlichkeit), und jenseits davon, weit darüber hinausragend, erhob
sich der mächtige Bau der Taihohalle, das durch seine architektonischen
Verhältnisse am meisten hervorragende Gebäude der Kaiserstadt.
Das Ganze wirkte, wie jede chinesische Anlage, weniger durch die
Einzelausführung als vielmehr durch das Kolossale der Ausdehnung und
das Würdevolle der Gruppierung.
In diplomatischen Kreisen wurde es entschieden mit Genugthuung begrüßt,
daß der chinesische Hof sich endlich entschlossen hat, den mit so
ängstlicher Sorgfalt gehüteten inneren Palast den fremden Vertretern
zu öffnen und so eine endgültige Lösung der langwierigen Audienzfrage
herbeizuführen. Wie schwer ihm dies geworden sein mag, haben die
jahrelangen Verhandlungen zur Genüge dargethan.
Die Hauptpflichten des Kaisers von China bestehen darin, seinen
Vorfahren zu opfern, seiner Stieftante, der alten Kaiserin-Exregentin,
alle fünf Tage einen Besuch zu machen, in den Tempeln des Himmels und
der Erde zu beten und den Großwürdenträgern Audienz zu erteilen, in
denen alle laufenden Regierungsgeschäfte erledigt werden. Nach den
Mitteilungen, die ich von Pekinger Diplomaten erhielt, soll der Kaiser
viel intelligenter und energischer sein als seine Vorgänger. Dem
Aussehen nach ist er klein, mager, bartlos, mit einem unverhältnismäßig
großen Kopf; doch machte er auf die wenigen europäischen Gesandten,
die ihn zu Gesicht bekommen haben, einen sehr günstigen Eindruck.
Daß er auch bestrebt ist, sich über die Grenzen der Purpurstadt
hinaus zu informieren, geht aus vielen Thatsachen hervor. Er hat
das Studium der englischen Sprache begonnen, er liest die ihm zur
Sanktionierung vorgelegten Berichte, und wo er Bestechlichkeit oder
Nachlässigkeit der Beamten wittert, läßt er sofort von den Censoren
genaue Untersuchungen einleiten. Vor einigen Jahren wurde die ganze
chinesische Welt durch die Nachricht überrascht, daß der Kaiser selbst
die Prüfung der Zöglinge der Pekinger Hanlinakademie vorgenommen
hätte, ein unerhörtes Ereignis. Diese Akademie ist die höchste
litterarische Anstalt Chinas. Ihre Mitglieder sind hohe Würdenträger,
Mandarine, Gesandte und dergleichen, und aus ihnen rekrutieren
sich nach erfolgreich bestandenen Prüfungen die Examinatoren in
den Provinzen, sowie die Lehrer für den kaiserlichen Thronfolger,
wie für die kaiserlichen Kinder überhaupt. Seine Majestät ist zwar
bisher trotz seiner zehnjährigen Ehe mit so vielen Gemahlinnen noch
nicht mit Nachkommenschaft gesegnet worden, aber die Lehrer für eine
solche sind schon da. Nun hat sich die in ganz China so ausgebreitete
Bestechlichkeit sogar bis an diese Hanlinakademie herangewagt, und die
Beamten, welche die so wichtigen und einträglichen Examinatorenstellen
erlangen wollen, liefern mit ihren schriftlichen Prüfungsarbeiten
gleichzeitig eine mehr oder minder hohe Geldsumme ab. Wie eine
Bombe fiel nun unter die Prüfungskommission der Befehl des Kaisers,
die schriftlichen Arbeiten der Aspiranten ihm vorzulegen. Bei der
Durchsicht stürzte er die Rangliste von unterst zu oberst; sechs
Beamte, welche die Kommission an die letzte Stelle gesetzt hatte,
erlangten die höchsten Ehren, andere, welche in die erste Klasse
aufgenommen worden waren, wurden in die dritte oder vierte gestellt,
einige sogar ganz abgewiesen. Unter den Aspiranten befand sich auch
Tsui-Kuo-Yin, der frühere chinesische Gesandte in den Vereinigten
Staaten, ein angesehener, ehrwürdiger Mandarin zweiter Klasse und
Lehrer des kaiserlichen Thronfolgers. Seine Arbeit schien den Kaiser
nicht befriedigt zu haben, denn es wurde ihm sein Mandarinknopf zweiter
Klasse und sein Rang als Lehrer entzogen.