gefallen ist, hätten doch zur Lehre dienen sollen, daß vor allem
für ein Kanalsystem zur Entwässerung der Tiefebenen zu sorgen war.
Millionen und Millionen Menschen waren durch die Ueberschwemmungen
jahrelang brot- und erwerbslos geworden; statt viele Millionen Goldes
zum bloßen Lebensunterhalt dieser Menschenmassen zu opfern, hätte man
diese Arbeitskräfte zur Herstellung der erforderlichen Kanalisierung
heranziehen sollen; sie wären zu spottbilligen Preisen zu haben
gewesen. Nicht für den Krieg allein war zu sorgen, sondern auch für
den Frieden, für den Handel, und dieser ist durch das allmähliche
Verseichten des Peiho unendlich bedroht. Aehnliche Verhältnisse lagen
vor zwei Jahrzehnten an der Mündung des Mississippi vor; ganz wie der
Peiho zeigte sein Stromlauf vielfache Windungen, und seiner Mündung lag
eine Schlammbank vor. Wenige Millionen Dollars haben hingereicht, die
störendsten Flußkrümmungen im Unterlaufe abzuschneiden, den Flußlauf
dadurch zu verkürzen, das Gefälle zu vergrößern und so zu ermöglichen,
daß in derselben Zeit eine erheblich größere Wassermenge abfließt; so
wurde die Ueberschwemmungsgefahr für die Uferländer des Mississippi
verringert. Statt die Barre an der Mündung dieses Stromes mühsam
auszubaggern, hat sie Kapitän Eads durch den Strom selbst wegreißen
lassen, indem er bis nahe an die Barre die reißenden Wassermassen
des Mississippi durch weit über die Meeresküste hinausreichende
künstliche Dämme zusammenhielt. Aehnliches hätte mit erheblich
geringeren Kosten auch am Peiho geschehen können; nicht nur von der
Ueberschwemmung von 1889 wäre das Land verschont geblieben, auch die
elenden Schiffahrtsverhältnisse wären dadurch wenigstens zum großen
Teile beseitigt worden. Erst dem jetzigen Nachfolger Lis bleibt es
vorbehalten, die Eisenbahn nach Peking zu bauen, und die Reise nach
der nur hundertzwölf Kilometer entfernten Reichshauptstadt, die bisher
mühsam in zwei Tagen zurückgelegt werden konnte, beansprucht jetzt kaum
vier Stunden. Aber die Regulierung des Peiho und des ganzen Flußnetzes
steht noch in weitem Felde. Erfolgt sie einmal, so wird Tientsin
einen weiteren und noch größeren Aufschwung erfahren als seit seiner
Eröffnung für den Fremdenverkehr im Jahre 1858.
[Illustration: Handschrift und Siegel von Li-Hung-Tschang.]
[Illustration: Die Straße der Gesandtschaften in Peking.]
[Illustration: Ehrenpforte in Peking.]
Die Hauptstadt des chinesischen Reiches.
Es dürfte auf dem Erdball kaum eine Stadt mit größerem Namen geben,
die diesen letzteren so wenig rechtfertigen würde wie Peking. Alle
Illusionen werden dort schon am ersten Tage unter erstickendem
schwarzen Staube begraben oder in stinkenden Pfützen ertränkt, und je
größer die Sehnsucht war, nach der Hauptstadt des Mongolenreiches zu
kommen, desto größer ist gewöhnlich schon nach eintägigem Aufenthalt
die Sehnsucht, Peking wieder zu verlassen. In keiner Weltstadt
wird das „man war dort gewesen” teurer erkauft, von keiner ist die
Erinnerung weniger befriedigend. China ist ja bekannt als ein Land
voller Widersprüche, aber der auffälligste derselben ist vielleicht
Peking selbst. Durchzieht man im Geiste die Welt, so wird man finden,
daß die Hauptstädte aller Länder ein Zehntel bis ein Dreißigstel
der Gesamtbevölkerung derselben enthalten. Peking aber, dessen
Einwohnerzahl man sich in Europa noch vor gar nicht langer Zeit mit
jener Londons wetteifernd dachte, hat wenig mehr als eine halbe
Million Einwohner, ein Achthundertstel der Gesamteinwohnerzahl des
Reiches. Peking ist die Residenz eines Kaisers, der den Namen „Sohn des
Himmels” und „Bruder der Sonne” führt und unumschränkter Beherrscher
des größten und ältesten Reiches der Erde ist, eines Reiches, das
schon vor Jahrtausenden hohe Kultur besaß, also zu einer Zeit, als wir
Europäer überhaupt noch kein menschenwürdiges Dasein hatten. Sehen wir
anderswo Länder von Jahrtausende alter Geschichte, so strotzen sie von
Denkmälern hoher Kunst, die wir mit Staunen betrachten. Aber vergeblich
sieht man sich in der Hauptstadt des ältesten aller Länder, in Peking,
nach solchen um; es gleicht eher der Hauptstadt eines Nomadenvolkes,
das seine Zelte aus Holz und Ziegel erbaut hat. Von der Pracht und
Herrlichkeit des ältesten Kaiserthrones dieses Erdballs sind nur wenige
Spuren zu sehen.
[Illustration: Stadtmauer in Peking.]
Wie die meisten Hauptstädte geistig und schöpferisch die Mittelpunkte
der einzelnen Reiche sind, von denen das ganze Leben derselben
ausstrahlt, der Verkehr pulsiert, der Kreislauf der Regierungsmaschine
ausgeht, so sind sie auch in geographischer Hinsicht im Herzen
ihrer Länder gelegen, oder sie entwickelten sich an günstigen
Verkehrspunkten, an großen Stromläufen, an Meereshäfen. Die Hauptstadt
des Mongolenreiches aber liegt am Nordostende des letzteren, an keinem
Flusse, an keinem Meere, sondern in einer staubigen, wenig fruchtbaren,
Ueberschwemmungen ausgesetzten Ebene, und vergeblich fragt man sich,
warum diese Hauptstadt gerade dort angelegt worden ist. Begegnen wir in
unserem Leben etwas Unbegreiflichem, Widersinnigem, so bezeichnen wir
es mit Recht als chinesisch. Am allerersten läßt sich das auf Peking
selbst anwenden. Wer Indien, Siam, Birma, Kambodscha gesehen hat, der
erwartet in der Residenz des größten asiatischen Reiches Paläste, große
Tempel, Pagoden ähnlicher Art wie dort. Ja, diese Erwartungen werden
noch bestärkt, wenn man Tungtschau, die letzte Etappe auf der Flußreise
von Tientsin nach Peking, oder mit der Eisenbahn kommend, die weit
außerhalb der Ringmauern gelegene Bahnstation verlassen hat und sich
auf den aller Beschreibung spottenden, mit fußhohem Staub bedeckten
oder vor Schlamm grundlosen Wegen den ungeheuren Mauern nähert, welche
die Hauptstadt des Chinesenreiches umschließen. Fünfzehn Meter hoch,
verstärkt durch mächtige, gemauerte Bastionen, erhebt sich dieses
Bollwerk über die weite, niedrige, von Gärten und Feldern eingenommene
Umgebung. Auf Tausende von Metern kann man es verfolgen, bis es in
dräuenden, mehrere Stockwerke hohen Ecktürmen sein Ende erreicht. Der
Weg führt zu einem weiten Flügelthor, von einem mächtigen Aufbau mit
dreifachem, geschwungenem Dach gekrönt. Je mehr wir uns der Mauer,
hinter welcher Peking liegt, nähern, desto reger wird der Verkehr.
Wie um den Eingang zu einem ungeheuren Bienenkorbe drängt sich hier
alles Leben zusammen, Tausende von Fußgängern, Lastträgern, Reitern
auf Mauleseln und Kamelen, Sänften, getragen von vier und sechs
Trägern, ganze Karawanen von Kamelen, mit schweren Lasten beladen,
alles schreiend, gestikulierend, stoßend, drängend, und wir wundern
uns, wie all diese Massen in dem finsteren, tunnelartigen Thorwege
Platz finden können. Noch größer aber ist die Verwunderung darüber,
daß von all den Tausenden Mongolen an den Thoren der Hauptstadt eines
dem Europäer feindlich gesinnten Reiches unter gewöhnlichen Umständen
kein einziger den reisenden Fremdlingen auch nur durch Blicke oder
Gesten irgend welche Feindschaft zeigt. Wir sind mitten in dem Gedränge
von Fußgängern und Reitern und Lasttieren, aber während sie einander
drücken und stoßen, machen sie dem Europäer freundlich Platz. Die
Soldaten der Thorwache verlangen keinen Reisepaß, unbehindert gelangen
wir durch das finstere Thor und sind in Peking. Lasse man doch ein
paar reisende Chinesen durch die Vorstädte unserer europäischen
Metropolen einziehen! Wie würde der Janhagel sie umdrängen, begaffen
und belästigen!
Peking ist eine der ältesten Städte der Welt. In den chinesischen
Annalen erscheint sie unter dem Namen Ki schon im zwölften Jahrhundert
vor Christi Geburt; aber erst Kublai-Chan, der Enkel des großen
Mongolenführers Dschingis-Chan, gab ihr ihre heutige Gestalt und
Ausdehnung. Marco Polo, der berühmte Venezianer, schilderte sie, als
sie noch den Namen Kambalik führte. Den Namen Peking oder vielmehr
Bedsching (Residenz des Nordens) erhielt sie erst im Jahre 1409, als
sie zur Hauptstadt des chinesischen Reiches erhoben wurde. Die Chinesen
selbst nennen Peking einfach Kingtscheng, d. h. die Residenz, auf den
chinesischen Landkarten aber ist sie als Tschun-tien-fu bezeichnet.
Die gewaltigen Ringmauern und Türme, mit denen sie heute umgeben
ist, wurden in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts erbaut.
Als die siegreichen Mandschu sich ein Jahrhundert später Pekings
bemächtigten, setzten sie sich in der nördlichen Hälfte fest, ihr
Anführer, der Gründer der noch heute regierenden Dynastie, bezog die
alten Paläste der Mongolenfürsten und relegierte die Chinesen in die
südliche Hälfte der Stadt.
[Illustration: Das nördliche Stadtthor in Peking.]
Mit dem Betreten der Hauptstadt beginnt die Enttäuschung, die mit jedem
Schritte, mit jeder Stunde des Aufenthaltes sich steigert. Wo ist auch
nur die Stadt? Auf weite Strecken Staub und Sümpfe, hier und da ein
elendes Chinesenhäuschen, keine Straßen, keine Paläste, keine Pagoden,
ganz wie ich es in der alten Hauptstadt des Reiches, in Nanking,
gefunden habe. Erst nach langem, ermüdendem Ritt über die elendesten
Wege beginnt das Gewirr schmutziger, mit niedrigen Häuschen besetzter
Straßen, dicht gedrängt mit ebenso schmutzigen, ärmlichen Leuten. Auch
wenn die zweite, die Chinesenstadt von der Tatarenstadt trennende Mauer
passiert ist, es wird nicht besser; wir sind endlich in der Straße der
Gesandtschaften, ohne daß ihr Aussehen es irgendwie, höchstens durch
die Flaggenstangen über den niedrigen Thoreingängen, verriete. Auch
das einzige Hotel der Reichshauptstadt Chinas befindet sich hier, kaum
bescheidenen Ansprüchen genügend. Und diese schmutzstarrenden Straßen,
diese armseligen Mauern und ärmlichen Kaufläden bilden Peking? Sollte
es doch nicht irgendwo bessere Stadtteile mit Palästen und schönen
Tempeln, mit reinlichen Straßen und Plätzen geben?
Die große Umfassungsmauer, die wir bei unserem Einzuge bewundert haben,
ist in Peking wie in jeder anderen Stadt Chinas gleichzeitig das
bedeutendste Bauwerk. In der Größe und Mächtigkeit ihrer Ringmauern
sind die Chinesen wohl unübertroffen. Hier am Fuße der Ausläufer des
mongolischen Hochlandes umschließen sie in einem länglichen Rechteck
gegen fünfundsechzig Quadratkilometer Landes, etwa die gleiche
Fläche wie Berlin, aber da die Bevölkerung Pekings kaum ein Drittel
jener von Berlin erreicht, so ist es begreiflich, daß weite Strecken
innerhalb der Ringmauern von Feldern und wüsten, unbebauten Ländereien
eingenommen sind, in denen man sich ganz leicht irgendwo in der
Mongolei, weit von Peking entfernt, denken könnte. Nur die mittleren
Teile des großen Rechtecks sind wirklich mit Häusern und Straßen
besetzt.
Das Merkwürdigste der letzteren ist wohl ihre Regelmäßigkeit. Ich
kenne in der Alten und Neuen Welt wenige Städte, die so abgezirkelt
wären, wie Peking. Unsere alten Städte zeigen ein Gewirr krummer,
enger Gäßchen, als hätten ihre Gründer mit Absicht die gerade Linie
vermieden. Selbst die neuesten Städteschöpfungen in den amerikanischen
Prairien, die wohl einen regelmäßigen, schachbrettartigen Straßenplan
haben, dehnen sich nach verschiedenen Richtungen der Prairie ungleich
aus. Peking, das doch ebenfalls eine uralte Stadt ist, besitzt
zunächst die genau rechteckige Umfassungsmauer der Tatarenstadt, an
welche sich südlich eine ebenso regelmäßige Umfassungsmauer um die
Chinesenstadt anschließt. Innerhalb beider Städte sind die Straßen nach
Schachbrettform angelegt, nur sind jene der Chinesenstadt enger. In
der Tatarenstadt sind manche Straßen wahre Boulevards, bis zu dreißig
Metern Breite.
[Illustration: Endstation der Bahn Taku-Peking.]
Die Umfassungsmauer der Tatarenstadt sperrt diese auch gegen die
Chinesenstadt ab, ein merkwürdiges Wechselspiel! In alter Zeit erbauten
die Chinesen unweit Peking die berühmte Große Mauer gegen die Tataren,
und hier in der Hauptstadt Chinas erbauten die Tataren eine große Mauer
gegen die Chinesen!
Das regelmäßige Straßennetz der Tatarenstadt, die entschieden die
schönere von beiden ist, wird auf eigentümliche Art unterbrochen.
Gewiß hat jeder in japanischen Bazars schon die viereckigen Schachteln
gesehen, in denen man beim Abheben des Deckels kleinere Schachteln
findet, die wieder kleinere einschließen. Aehnlich liegt innerhalb der
Tatarenstadt eine zweite, mit der äußeren parallele Umfassungsmauer,
welche die offizielle Kaiserstadt umschließt, und innerhalb dieser
zweiten Mauer zieht sich parallel zu dieser eine dritte Mauer hin,
ein Rechteck umfassend, welches die allen Europäern und Chinesen
vollständig unzugängliche eigentliche Palaststadt des Kaisers und
seines Hofes enthält. Drei ummauerte Städte sind auf diese Weise
ineinandergeschachtelt, und an die äußerste, größte, schließt sich die
durch Thore verbundene Chinesenstadt an.
Wie von den Städten, so gilt das Einschachteln und Ummauern auch
von den Wohnsitzen der Prinzen, der Mandarine und militärischen
Würdenträger, von den verschiedenen Regierungsämtern und den Yamen.
Während wir unseren Gebäuden nach der Straßenseite zu die schönsten
und imposantesten Formen geben, während wir sie mehrere Stockwerke
hoch aufbauen, mit Türmen, Erkern und Balkonen versehen, ist in
Peking, wie überhaupt in ganz China, das gerade Gegenteil der Fall.
In der Tatarenstadt wandert man in den breiten, staubigen, sonnigen
Avenuen zwischen niedrigen, grauen Mauern einher, die hier und da von
freistehenden Thorbogen unterbrochen sind, unter deren Ziegeldächern
sich in vergoldeten Lettern die Ueberschriften der verschiedenen
Aemter befinden. Von den Gebäuden selbst sieht man höchstens einige
mit blauen und grünen Glasurziegeln bedeckte, kurios geschwungene
Dächer über die äußeren Umfassungsmauern hervorragen. Anders in der
Chinesenstadt. Dort bieten die Straßen einen malerischen, belebteren
Anblick dar, denn der Verkehr ist in den viel engeren Straßen auf einen
kleineren Raum eingeschränkt, die Häuser enthalten überall Kaufläden
der verschiedensten Art, und vor diesen sind noch in der Mitte der
Straße lange Reihen von Kaufbuden aufgestellt, zwischen denen sich die
Tausende und Abertausende langbezopfter Chinesen drängen. Nur hier
bekommt der Fremde ähnliches Leben, ähnlichen Verkehr zu sehen wie in
den anderen Hauptstädten Chinas, in Canton, Hankau, Tientsin, sofern
es ihm der aller Beschreibung spottende Zustand der Straßen überhaupt
gestattet. Während in unseren Ländern den Hauptstädten gewöhnlich
die größte Sorgfalt gewidmet wird, ist in China das Umgekehrte der
Fall. Kaum eine andere Großstadt des weiten Reiches dürfte einen
ähnlichen Schmutz und Unrat zeigen wie Peking. In früheren Zeiten mag
es wohl anders gewesen sein, denn noch jetzt zeigen die Straßen Spuren
einstiger sorgfältiger Pflasterung. Aber in China wird selten etwas
ausgebessert. Einmal gebaut, bleiben die Bauten oder Straßen sich
selbst überlassen, bis sie allmählich gänzlich verfallen. Ursprünglich
waren die Straßen auf eigentümliche Weise angelegt. Während wir
beispielsweise die an den Straßenseiten entlang laufenden Trottoirs
erhöhen und den mittleren Teil der Straße tiefer legen, ist in Peking
der mittlere Fahrweg für Wagen, Reiter und Sänften erhöht, und die
Seitenwege längs der Hausmauern sind tief. Freilich ist durch den regen
Verkehr der Unterschied zwischen Fahr- und Fußweg an vielen Stellen
verwischt worden; die Pflasterung bot den Chinesen einen bequemen
Steinbruch dar, aus welchem sie sich das Baumaterial für ihre Häuser
holten, und stellenweise liegt der mittlere Straßenteil sogar tiefer.
Die Tausende von Fuhrwerken, Kamelen und Maultieren haben im Laufe
der Jahrhunderte den Straßenboden aufgewühlt, und mit Ausnahme der
sommerlichen Regenmonate sind die Straßen mit fußtiefem schwarzen
Staub bedeckt. Durch den lebhaften Verkehr fortwährend aufgewirbelt,
erfüllt dieser Staub die Atmosphäre, legt sich auf Hausdächer,
dringt in die Kaufläden, lagert in dicken Schichten auf den Waren,
Lebensmitteln und den Verkäufern, schwärzt die zuweilen schön bemalten
und mit Vergoldungen geschmückten Häuserfronten, eine furchtbare,
ekelerregende Plage, wenn man in Betracht zieht, auf welche Weise der
Staub entstanden ist. Aller Unrat von Tieren und Menschen wird auf die
Straße geworfen und bleibt dort liegen. Tausende und Abertausende von
Lastträgern, Kutschern, Kamel- und Maultiertreibern entleeren sich
täglich auf der Straße, und ertönen zur Zeit des Sonnenunterganges vor
den Thoren die Gongschläge als Signal der Thorsperre, so erscheinen
gewöhnlich gleichzeitig vor den Hausthüren Knechte, um dem mit dem
scheußlichsten Unrat geschwängerten Staube auf eine originelle
Weise noch weiteren Unrat zuzuführen. Wasser ist nämlich in Peking,
das natürlich keine Wasserleitung besitzt, ein kostbarer Artikel.
Wasserträger durchziehen die Straßen und verkaufen den Kübel für
einige Sapeken. Ebensowenig besitzen die Häuser eigene Kloaken. Die
guten Bewohner der Reichshauptstadt töten also zwei Fliegen mit
einem Schlage dadurch, daß sie die flüssigen Abfälle der Häuser zum
Begießen der Straßen verwenden. Die Knechte schöpfen den Unrat mit
großen Schaufellöffeln aus den Kübeln und schleudern ihn möglichst
weit über die Straße, ähnlich wie unsere Bauern ihre Felder zu düngen
pflegen. Dadurch wird allerdings der Staub für ein Stündchen, gerade
zur schönen, kühlen Abendzeit, gelöscht, aber in Peking wird sich dann
gewiß jeder aus naheliegenden Gründen hüten, sein Haus zu verlassen.
[Illustration: Löwenstandbild vor dem kaiserlichen Sommerpalast zu
Peking.]
Kommen dagegen, besonders im Juli und August, die gewöhnlich sehr
heftigen Regengüsse, dann ist Peking ein einziger stagnierender Sumpf,
aus welchem nur die Häuser und stellenweise der mittlere Fahrweg
hervorragen. Für Fußgänger ist dann selbstverständlich der Verkehr
ganz unmöglich, aber auch für Reiter und die Insassen von Sänften ist
er mitunter lebensgefährlich. Der Schlamm verdeckt die zahlreichen
Untiefen, und stolpern Reittiere oder die zuweilen bis über die Knie im
Schlamme watenden Sänftenträger, dann purzeln gewöhnlich auch die in
kostbare Gewänder gehüllten Mandarine in die stinkende Jauche. Von den
beiden Uebeln, Staub und Schlamm, ist der Staub immer noch das kleinere.
Der Kaiser hat von diesen elenden, verlotterten Zuständen seiner
Hauptstadt kaum eine Ahnung. Selten verläßt er die verbotene Stadt
seiner Paläste, um sich nach irgend einem der großen Tempel zu
Gebeten und Opfern tragen zu lassen, und dieses große Ereignis wird
gewöhnlich vorher in der Regierungszeitung bekanntgemacht. Dann wird
von seiten der Stadtbehörden über Hals und Kopf an der Ausbesserung
jener Straßen gearbeitet, durch welche der kaiserliche Zug seinen
Weg nehmen soll; der mittlere erhöhte Fahrweg wird mit gelbem Sand
bestreut, die Löcher werden ausgefüllt, die Jahrmarktsbuden zu beiden
Seiten geschlossen, und wo sich besonders unflätige Stellen in den
Häuserreihen zeigen, werden große gelbe Tücher vorgespannt, damit ihr
Anblick den kaiserlichen Augen entzogen bleibt. Auch sonst werden alle
Fenster und Thüren der Häuser geschlossen, die Straßen aber für jeden
anderen Verkehr abgesperrt, und während es bei uns unstatthaft ist, den
Souveränen den Rücken zuzuwenden, ist dies bei den Chinesen Vorschrift.
Ja, wenn doch der Kaiser einmal unvermutet den Befehl geben würde,
einen andern als den so vorbereiteten Weg einzuschlagen! Aber ebenso,
wie die Chinesen Sklaven des Kaisers sind, so ist der Kaiser wieder
Sklave der Traditionen und der strengen Hofetikette. Eine derartige
Willensäußerung von seiten eines chinesischen Kaisers ist kaum jemals
vorgekommen, wie es auch unter den verschiedenen Söhnen des Himmels
niemals einen Harun al Raschid gegeben hat.
Recht drollig sind die Namen mancher Straßen der Hauptstadt. Eine
Straße in der Nähe der Gesandtschaften heißt die „Straße der
glücklichen Spatzen” von den zahlreichen, frechen Sperlingen, die in
Peking gerade so ihr Unwesen treiben wie bei uns und im Verein mit
Hunden, Raben und Tauben die einzigen Straßenreiniger sind. Eine Straße
heißt Barbarenstraße (unter welchem Namen die Europäer in China bekannt
sind), andere führen die Namen Affen, Gehorsam, Steinerner Tiger oder
Unermeßbar große Straße; die verkehrsreichste und lärmendste aller
Verkehrsadern aber heißt sonderbarerweise die Straße ewiger Ruhe.
Sackgassen werden in China tote genannt, im Gegensatz, zu den anderen,
die lebende heißen. Auch die Paläste und Tempel haben eigentümliche
Namen. Der Palast des Kaisers heißt der friedliche Palast des Himmels,
jener der Kaiserin der Palast der irdischen Ruhe, ein Confuciustempel
heißt die Halle gespannter geistiger Uebung, und einzelne Thore führen
die Namen wie: das Große Reine oder das Thor des ewigen Friedens, oder
endlich das Thor der standhaften Unschuld.
[Illustration: Der Gelbe Tempel zu Peking.]
Die Paläste der verbotenen Stadt bekommt der gewöhnliche Sterbliche
niemals zu sehen, außer er wäre kaiserlicher Prinz, Tatarengeneral
oder mandschurischer Eunuch. Selbst den Gesandten der Großmächte
wurde niemals der Anblick des eigentlichen Kaiserpalastes zu teil.
Gelegentlich des Neujahrsfestes wurden sie vor einigen Jahren zum
erstenmal innerhalb der Umfassungsmauern des Palastes empfangen, aber
auch nur in einer freistehenden, von der eigentlichen Kaiserresidenz
entfernten Halle. Mandschurische Palastwachen halten jeden Unbefugten
an den Thoren zurück, doch ist wenigstens die äußere oder zweite
Kaiserstadt den Europäern geöffnet. Ein großer Teil derselben wird
von den schattigen Anlagen des kaiserlichen Parkes eingenommen
mit seinem künstlichen See, über welchen mit Statuen geschmückte
hohe Marmorbrücken führen, mit seinen künstlich aufgeworfenen,
tempelgekrönten Hügeln, mit Yamen und offiziellen Bauten verschiedener
Art, durch ihre grünen Dächer kenntlich.
Die orangegelben Porzellandächer, welche über die roten Mauern der
verbotenen oder Purpurstadt emporragen, sind jene der kaiserlichen
Paläste. Die meisten anderen Hausdächer Pekings bestehen aus
grauen Hohlziegeln. Das auswärtige Amt, Tsung-Li-Yamen genannt,
und die ausländischen Gesandtschaften sind in ehemaligen Prinzen-
oder Mandarinenresidenzen untergebracht, und wer das behagliche
Innere einer solchen kennen lernen will, braucht nur eines dieser
Gesandtschaftspalais mit seinen vielen Gebäuden, seinen Höfen und
Gärten zu besuchen. An Sehenswürdigkeiten in unserem Sinne besitzt
Peking nur wenig. Mit Ausnahme der Tempel des Himmels und der Erde
am Südende der Chinesenstadt, der alten Jesuitensternwarte, der
vielen Pagoden, marmornen Thore und Brücken ist in der Hauptstadt
des Chinesenreiches nicht viel zu sehen. Den besten Ueberblick über
die Stadt erhält man, wenn man einen Turm der katholischen Kirche
besteigt oder aus der breiten äußeren Stadtmauer spazieren geht. Dort
ist man wenigstens gegen den furchtbaren Staub und das Gedränge des
schmutzigen Volkes geschützt, und dorthin flüchten sich auch an schönen
Tagen die Mandarine zu einem Spaziergang; statt Hündchen mit sich zu
führen, tragen sie vielleicht auf einem Stöckchen einen Jagdfalken,
Kanarienvogel oder eine Wachtel. Von hier oben aus gesehen zeigt sich
Peking viel freundlicher, denn die hohen Mauern, mit welchen die
Mandarinenwohnungen umschlossen sind, verbergen diese vollständig,
während man von den Stadtmauern wenigstens zwischen den Baumkronen
der vielen grünen Gärten die Dächer der Häuser zu Gesicht bekommt.
Jede größere Residenz hat ihren Garten, und das am meisten ins Auge
fallende Objekt inmitten dieser Gartenstadt bleibt immer das Gelb der
kaiserlichen Porzellandächer, so daß ein witziger Franzose einmal
sagte, von der Stadtmauer aus gesehen zeige sich Peking wie eine
~plat d’épinard aux oeufs~, eine Spinatschüssel mit einem Eidotter
in der Mitte.