An den Ufern mehrten sich die Ansiedlungen, Dörfer, Städte, ja ich

gewahrte mitten in dem Gewirre von Häusern, Tempeln mit kurios

geschwungenen Dächern und mehrstöckigen Pagoden schon große Fabriken

mit rauchenden Schornsteinen, das sicherste Zeichen europäischer Kultur

und der Nähe einer europäischen Niederlassung. Der Kanal war hier

an sechzig bis achtzig Meter breit, und hatte schon auf der bisher

zurückgelegten Strecke der ungemein lebhafte Verkehr mein Staunen

erweckt, so überstieg derselbe hier in der Nähe von Tientsin alles, was

ich in China bisher gesehen. Es war im Grunde genommen begreiflich,

denn der Kanal ist ja eine große Verkehrsroute, ähnlich wie eine

unserer Haupteisenbahnlinien. Auf diesen sehen wir vielleicht alle

Viertelstunden Züge laufen, aber die Größe des Verkehrs lernen wir erst

in den Bahnhöfen der Hauptstationen kennen. Tientsin ist eine derartige

Hauptstation des Kaiserkanals, sogar die wichtigste und größte

desselben auf seinem ganzen achtzehnhundert Kilometer langen Wege von

Hangtschou bis Tungtschou bei Peking. Bei einer nach Hunderttausenden

zählenden Menge von Fahrzeugen kann man sich leicht vorstellen, was das

heißt. Schon einige Kilometer vor Tientsin war der Kanal von diesen

Booten buchstäblich bedeckt; lange Reihen davon lagen dicht neben-

und ineinander, vielleicht fünfzig oder noch mehr der Breite nach

von Ufer zu Ufer, und das Fortkommen wurde so schwierig, daß meine

Bootsleute das Segel einziehen und, sich mit Händen und Füßen gegen die

umliegenden Boote stemmend, den Weg für mein Fahrzeug bahnen mußten.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe wir wirklich nach der Millionenstadt

Tientsin gelangten. Obschon ich diese zweitgrößte Stadt des Reiches

der Mitte von früher kannte, sah ich doch erst diesmal den am meisten

malerischen, eigenartigsten Teil derselben, jenen, in welchem sich

der großartigste Verkehr von ganz China konzentriert. Vom Verdecke

meines Bootes sah ich das Häusermeer dieser großen Handelsmetropole

mit ihren bis in den Kanal gebauten Warenlagern. Auf beiden Ufern

drängten sich Hunderttausende geschäftiger Menschen mit Lasten beladen,

Lasten ziehend, Karren führend, im Karren sitzend, zu Pferd oder

Maultier oder in Sänften getragen; in den engen Straßen wälzte sich

diese Menschenmasse, absonderlich, bunt, lärmend, gestikulierend,

auf und nieder. Buntbemalte Mauern, Pagoden, Tempel, Ehrenpforten,

Mandarinsyamen mit hohen Flaggenstangen, Tausende von bemalten

oder vergoldeten Aushängeschildern in den Straßen, Farbe, Leben,

Bewegung, Lärm überall, am meisten aber auf dem Kanale selbst, wo sich

Zehntausende von Booten drängten, Boote in allen Farben, mit grotesken

Ornamenten bemalt, mit roten Beschwörungszettelchen beklebt; auf dem

Bug glotzten ungeheure Fischaugen, auf den Masten wehten lustig bunte

Wimpel, am Steuer flatterten allerhand Flaggen mit eigentümlichen

großen Schriftzeichen, und auf jedem Verdeck arbeiteten, schrieen

Dutzende von Menschen. Die Boote waren so dicht nebeneinander, daß ich

bequem, von einem zum andern springend, ans Festland hätte gelangen

können. Wo diese Boote wohl herkamen? Wo sie hinwollten? Was sie für

Lasten, für Waren haben mochten? Die Menschen, die sie bemannten, waren

in ihrem Aussehen verschieden, sie sprachen verschiedene Sprachen,

stammten aus den verschiedensten Teilen dieses ungeheuren, einen

halben Kontinent umfassenden Reiches, aber es waren doch durchweg

Chinesen, nicht ein einziger Angehöriger einer fremden Nation befand

sich unter ihnen, nur ich allein. Selbst in Canton oder Peking oder

Shanghai habe ich keinen so großartigen, so erdrückenden Eindruck des

ungeheuren Handels und Wandels der Chinesen bekommen wie hier, während

der Stunden, die ich mit meinem Boote auf dem Kaiserkanal in Tientsin

zubrachte.

Mit unglaublichen Anstrengungen hatten wir endlich die große Brücke

erreicht, welche die beiden Stadthälften miteinander verbindet, und auf

welcher täglich Hunderttausende von Menschen, Wagen, Karren, Pferden,

Maultieren, Kamelen verkehren; doch ist diese Brücke vielleicht die

elendeste irgend einer Großstadt des Reiches. Auf unförmigen Pontons

liegen lose Querbalken, zerfahren, holperig, mit Löchern und fußbreiten

Spalten, ohne Geländer gegen das Wasser, so daß nicht selten Passanten,

ja Wagen und Pferde darüber hinausgedrückt werden und in den Kanal

stürzen.

Mein Kapitän meinte, hier müßte ich landen, denn die Brücke könnte

nicht geöffnet werden. Das Landen und Ausladen meiner Gepäckstücke

war aber inmitten dieses Wirrwarrs zu Wasser und zu Lande eine

Unmöglichkeit. Ich sandte also meinen Boy mit meinem Reisepaß zum

Brückenmandarin mit der Bitte, die Brücke öffnen zu lassen. Eine halbe

Stunde verrann, dann erhielt die Brückenmannschaft den Befehl, mein

Boot durchzulassen. Gongschläge warnten die Passanten. Wie besessen

stürzten noch alle, die auf der Brücke waren, hinüber und herüber,

die Kutscher hieben auf ihre Pferde ein, daß die Karren aus den

holperigen Balken fußhoch emporsprangen. Die Sänftenträger rannten,

was sie konnten, und selbst als die Brücke schon ein, zwei Schritte

weit geöffnet war, sprangen noch die guten Leutchen über den Spalt.

Endlich war der Raum breit genug, um durchzufahren. Jenseits aber

war das Gedränge der Boote womöglich noch dichter, und ich sah gar

keine Aussicht, durchzukommen. Da nahte sich mir, von Boot zu Boot

springend, ein junger Mandarin, das bezopfte Haupt von einem Tellerhute

mit weißem Knopfe bedeckt, in der Rechten eine Waffe wie eine lange

Cirkuspeitsche. Der Peitschenstiel war ein dickes Bambusrohr, so lang

wie eine Angelrute, und daran hing ein mehrere Meter langer, mehrfach

geknoteter Strick. Nachdem er vor mir den Kautau gemacht, stellte er

sich auf den Bug meines Bootes und übernahm die Führung desselben auf

so eigentümliche und geschickte Art, daß ich ihn wahrhaftig bewunderte.

Er schrie nicht und gestikulierte nicht, ganz gegen alle Chinesenart.

Er gebrauchte nur seine Peitsche. Mit raschem Blick hatte er die

Sachlage übersehen und wußte genau, auf welchem Wege er mich durch das

Labyrinth von Booten in freies Fahrwasser bringen konnte. Dazu mußten

die Boote, die fünf, sechs Reihen breit vor uns lagen, Platz machen.

Er sprang zunächst über mehrere hinweg und ließ dann seine Peitsche

sprechen. Mit unglaublicher Sicherheit fiel das Peitschenende auf den

Rücken des betreffenden Kapitäns, und kaum hatte dieser den Schlag

empfangen und, sich umwendend, den Mandarin erkannt, als er auch schon

sein Boot weiterführte, um dem nächsten Platz zu machen. Abermals

spielte die Peitsche, das zweite Boot wurde in den vom ersten geräumten

Platz gedreht, und so ging es fort, bis wir um eine Bootslänge vorwärts

konnten. Dann wiederholte sich die Taktik des Mandarins bei der

nächsten Reihe, dann bei der dritten, und eine halbe Stunde später

waren wir im freien Fahrwasser. Nun machte der Mandarin wieder seinen

Kautau, nahm von mir einen Vierteldollar Trinkgeld dankbar entgegen und

ließ sich, auf das nächste Boot springend, von diesem ans Ufer rudern.

Ich war in Tientsin. Zu meiner Linken erhob sich der Yamen des

Vicekönigs von Petschili, während so langer Jahre die Residenz von

Li-Hung-Tschang, und ein paar hundert Schritte weiter sah ich die

neuerstandene französische Kirche mit ihren Türmen und kaiserlichen

Schutztafeln, im Jahre 1897 aus den Trümmern jener Kirche wieder

erbaut, die vor einunddreißig Jahren von fanatischen Chinesen

geplündert und verbrannt worden war. Eine Stunde später legte mein Boot

am Bund der europäischen Ansiedelung, dem Astor Hotel gegenüber, an,

meine Irrfahrten im chinesischen Lande waren vorüber, ich befand mich

wieder unter Europäern.

[Illustration: Meine Bootsleute auf dem Kaiserkanal.]

Tientsin.

Von Tientsin wird im Abendlande vielfach als von einer Seestadt, dem

Hafen Pekings und der Hauptstadt der Provinz Petschili, gesprochen;

aber alle drei Bezeichnungen sind nur in beschränktem Grade richtig.

Tientsin ist keine Seestadt, sondern liegt etwa fünfzig Kilometer

vom Meere entfernt; es ist wohl in mancher Hinsicht der Vorhafen von

Peking, hat aber die Hauptstadt des Reiches der Mitte an Bedeutung und

Größe weitaus überflügelt. Während man Peking als eine Millionenstadt

anzusehen pflegt, besitzt es thatsächlich kaum eine halbe Million

Einwohner; dagegen hat Tientsin deren weit über eine Million und ist

nach Canton die bevölkertste Stadt von China, in seinem Verhältnis zu

Peking etwa ähnlich wie Amsterdam oder Rotterdam zum Haag; Tientsin

ist auch nicht die Hauptstadt der Provinz Petschili, diese ist das

kleine Paoting-fu. Der Umstand, daß der letzte Vicekönig der Provinz,

Li-Hung-Tschang, den größten Teil des Jahres in Tientsin zu verweilen

pflegte, mag die Ursache dieses Irrtums sein.

[Illustration: Der chinesische Glücksgott.]

Tientsin, zu deutsch Himmelsfurt, ist im Grunde genommen eine

Inlandstadt, rings umgeben von weiten, vollkommen flachen Niederungen,

in denen man vergeblich einen Felsen oder auch nur einen Stein

suchen würde. Auf Hunderte Kilometer nach Nord und Süd ist das

Land Alluvialboden, die Anschwemmung des von Nordwesten kommenden,

wasserreichen Peihoflusses, zu deutsch „Fluß des Nordens”, dessen

Schlamm- und Erdmassen mit der Zeit die Westhälfte des Golfs von

Petschili ausfüllen werden. Schon jetzt wird die Schiffahrt in dem

Golf durch zahlreiche Untiefen erschwert, und die Barre, welche der

Peihofluß vor seiner Mündung aufgeworfen hat, macht es den Dampfern

unmöglich, zur Ebbe in den Fluß einzufahren. Richten die Seedampfer

ihre Abfahrtszeit von Shanghai oder Tschifu nicht so ein, daß sie zur

Flutzeit die Peihomündung erreichen, so müssen sie vor der Barre liegen

bleiben, und oft sehen die Passagiere der ankommenden Dampfer dort ein

Dutzend oder mehr Schiffe vor Anker liegen.

Haben die Lotsen die Dampfer glücklich über die Barre geführt, so

dauert es immer noch einen Tag Flußfahrt, um Tientsin zu erreichen,

denn obschon die geradlinige Entfernung von dieser Handelshauptstadt

des nördlichen China nur etwa fünfzig Kilometer beträgt, muß das

Schiff doch auf seiner Fahrt den vielen Flußwindungen folgen, welche

diese Entfernung mehr als verdoppeln. Diese Flußfahrt ist wohl eine

der eintönigsten, die man unternehmen kann, an jene auf dem unteren

Mississippi zwischen dem Golf von Mexico und New-Orleans erinnernd.

Ganz wie dort, befindet sich auch hier an den schlammigen Mündungen ein

elendes Dorf, die Wohnungen der Lotsen und Fischer enthaltend, das in

der neuesten Geschichte Chinas so berühmt gewordene Taku, zu deutsch

Große Mündung. Von der Schiffsbrücke gewahrt man in der Ferne die

langen Linien der Takuforts, welche auf Veranlassung Li-Hung-Tschangs

zum Teil von deutschen Ingenieuren erbaut und mit deutschen Geschützen

armiert worden sind. Je weiter der Dampfer stromaufwärts dringt, desto

zahlreicher werden die menschlichen Ansiedelungen, elende Dörfer

mit strohgedeckten Lehmhütten, deren Farbe von jener der weiten

staubbedeckten Ebene kaum absticht. Soweit man sehen kann, kein Baum,

kein Strauch; Grabhügel sind streckenweise die einzigen Erhebungen über

dem Boden, Gräber, Tausende und Abertausende an der Zahl, einzeln oder

gruppenweise beisammen, wahre Totenstädte. An manchen Stellen werden

sie von hohen, schmutzigweißen Salzpyramiden oder Ziegelbrennereien

überragt.

An den Ufern des schmutziggelben, etwa ein Kilometer breiten Stromes

tummeln sich zwischen zahllosen schwarzen Schweinen nackte Kinder umher

und baden sich in der Brandung, welche der Dampfer aufwirft. In der

Umgebung der Dörfer arbeiten fleißige Mongolen in den Getreide- und

Reisfeldern. Mit einem ungeheuern Strohhut als einziger Bekleidung,

versetzen sie die zarten Reispflanzen, graben oder schöpfen Wasser aus

dem Fluß; an manchen Uferstellen knarren und quietschen Wasserräder,

von Büffeln getrieben, auf deren Rücken kleine Chinesen hocken; hier

und da wird das Wasser auch von Windmühlen emporgehoben, die aber

nicht, wie die unserigen, ihre Segel auf senkrechten, sondern auf

wagerechten Flügeln tragen und aussehen wie riesige Haspelräder. Armut

und Elend, wohin man blickt. Selbst die zahlreichen Dschunken, welche

den Fluß bevölkern, sehen ärmlich und schmutzig aus im Vergleich zu

jenen von Canton und Futschau.

[Illustration: Pagode von Tsiu-hsien.]

[Illustration: Die Takustraße in Tientsin.]

[Illustration: Fort des Gouverneurs von Tientsin.]

Nur mühsam kommen die großen Dampfer in dem vielgewundenen Strome

vorwärts. Zuweilen fahren sie beim Ausweichen anderer mit dem Bug

in ein Reisfeld und können nicht weiter vorwärts; dann müssen die

chinesischen Schiffskulis ans Land, um mit Seilen und Stangen das

Schiff wieder in den Strom zu bringen. Die Passagiere auf dem Verdeck

haben fortwährend ihre Plätze zu wechseln, wollen sie sich gegen die

Sonnenglut schützen; bald scheint die Sonne von rechts, bald von links,

bald von hinten oder vorn, so stark sind die Flußkrümmungen, denen

das Schiff folgen muß. Sie bringen die Passagiere fortwährend aus der

Orientierung. Ortschaften, die man auf der einen Seite gesehen hat,

gewahrt man bald darauf auf der andern; dieselben Schiffe sieht

man bald nach Westen, bald nach Osten dampfen, und dabei hat es den

Anschein, als führen sie auf dem trockenen Lande, denn vom Flusse

selbst hat man seiner Krümmungen wegen gewöhnlich nur ein kurzes Stück

vor sich.

Diese Tiefebene wäre ein reich gesegneter, fruchtbarer Länderstrich,

würde sie nicht so häufig von furchtbaren Ueberschwemmungen,

abwechselnd mit anhaltender Dürre, heimgesucht werden. Die

Verwüstungen, welche die Elemente hier zeitweilig anrichten, spotten

der Beschreibung.

Unter solchen Verhältnissen darf der Reisende über die Armut und das

Elend, welches auf der Tiefebene zwischen Taku und Tientsin ihm überall

entgegentritt, nicht überrascht sein. Im Gegenteil, es ist zu staunen,

daß die Bevölkerung innerhalb der letzten Jahre mit so großem Fleiß

wieder die Kulturen hergestellt, die Dörfer wieder aufgebaut hat. Die

Zahl der letzteren mehrt sich, je näher man an Tientsin herankommt.

Auch die Vegetation wird üppiger, man gewahrt sogar den lange auf

weiten Strecken vermißten Baumwuchs. Gegen Nordwesten erscheinen die

zahlreichen rauchenden Schornsteine und Gebäude des von Li-Hung-Tschang

geschaffenen Arsenals, und bald darauf geht der Dampfer vor der

Fremdenstadt am Tientsin vor Anker.

Engländer, Deutsche und Amerikaner, im ganzen kaum tausend Seelen,

haben hier und am Südufer des etwa 120 Meter breiten Stromes ein

kleines, reizendes Städtchen geschaffen. Mit seinen geraden, von Bäumen

beschatteten Straßen und hübschen einstöckigen Häusern in modernem

Baustil ließe dasselbe ganz vergessen, daß man sich nicht in Europa,

sondern im nördlichen China befindet, wenn nicht auf dem schattigen

Bund und an dem davorliegenden Flußufer Tausende langbezopfter

Chinesen schreiend und stoßend sich drängen würden, beladen mit Kisten

und Säcken, Lasten aller Art, die aus den Schiffen auf den Bund

getragen und dort bergehoch aufgetürmt werden. Tientsin ist ja der

Hauptstapelplatz und Hauptmarkt des ganzen chinesischen Nordostens, und

dabei ist die Geschäftszeit auf neun Monate im Jahre beschränkt. Von

Mitte Dezember bis Mitte März ist der Fluß, die große Verkehrsstraße,

von welcher Tientsin lebt, gewöhnlich durch Eis gesperrt, und obschon

die Chinesen auch dann noch Waren mittels Segelschlitten flußauf und

flußab befördern, reicht dieser Transport über das Eis doch lange

nicht hin, um den gewaltigen Warenverkehr zu bewältigen. Immer höher

werden die Warenberge auf dem Bund; jenseits des Flusses, auf dem

Nordufer, gewahrt man noch höhere Berge von Getreide- und Reisfässern,

Theekisten, dazu große Pyramiden von Salz, das gerade in der Umgebung

von Tientsin massenhaft gewonnen wird und ein Monopol der chinesischen

Staatsregierung bildet. Neben diesen Artikeln bilden die Hauptausfuhr

Tientsins: Bohnen, Strohgeflechte, Erbsen, Datteln, Kamelhaar,

Schafwolle und dergleichen, während die Haupteinfuhrartikel Opium,

Baumwollstoffe, Fensterglas, Zucker, Stahl- und Eisenwaren, endlich

Papier sind. Der Handel, hauptsächlich in den Händen englischer und

deutscher Firmen liegend, ist in den letzten Jahren sehr bedeutend

gestiegen, und Tientsin ist heute die dritte Handels- und Hafenstadt

Chinas, nur von Hankau und Shanghai übertroffen.

In der Fremdenkonzession von Tientsin, von den Chinesen „Tze-ku-lin”,

d. h. Bambusgebüsch, genannt, waren nach dem letzten Bericht des

chinesischen Zolldirektors 16 englische, 15 deutsche, 5 französische

und je 3 amerikanische, japanische und russische Firmen ansässig, mit

852 Europäern, darunter 380 Engländer, 200 Amerikaner und 60 Deutsche.

Gerade so wie Shanghai, besitzt auch Tientsin auf seiner Konzession

mehrere Klubs (darunter einen deutschen), Kirchen, Hotels, Konsulate,

Kaufläden, und das gesellige Leben ist ein sehr reges. Die dort

erscheinende Wochenschrift Peking and Tientsin Times ist eines der

besten fremdsprachlichen Blätter von China.

Etwa drei Kilometer oberhalb der Fremdenkonzession oder dem Settlement,

wie es die Europäer nennen, dehnt sich an beiden Ufern des Peiho die

Chinesenstadt Tientsin aus. Die innere Stadt ist ebenso wie die

meisten andern Städte mit einer Ringmauer umgeben, über welche hinaus

sich in den letzten Jahrzehnten mehrere große Vorstädte entwickelt

haben, volkreicher, belebter und geschäftiger als die innere Stadt. Um

diese Vorstädte und das fremde Settlement wurde in den siebziger Jahren

noch eine zweite Erdmauer und ein breiter tiefer Wassergraben gezogen

in einem Umfang von über dreißig Kilometern. Etwa im Stadtmittelpunkte

von der Südseite her mündet der Große Kanal, der allerdings durch die

Seeschiffahrt und langjährige Vernachlässigung von seiner früheren

Bedeutung etwas verloren hat, aber immerhin noch in hervorragender

Weise zur Warenbeförderung benutzt wird.

[Illustration: Deutsches Klubhaus in Tientsin.]

Für die Fremden, welche schon andere chinesische Städte kennen gelernt

haben, bietet die Millionenstadt Tientsin nur sehr wenig von Interesse.

An Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen hat sie kaum irgend etwas

aufzuweisen. Sie besitzt keine großen Tempel, Pagoden, Plätze, Paläste;

die Wohnungen der Reichen sind gewöhnlich von hohen Mauern umschlossen

und auch vom Yamen des früheren mächtigen Vicekönigs ist nichts zu

sehen als die große, von Soldaten bewachte Pforte. Selbst wem vergönnt

war, in das Innere des Yamens zu dringen und von Li-Hung-Tschang

empfangen zu werden, wird außer der gewaltigen Persönlichkeit des

letzteren wenig bleibende Eindrücke mit sich genommen haben. Wie

alle anderen Yamen in den Provinzhauptstädten enthält auch jenes von

Tientsin mehrere Höfe mit ebenerdigen Gebäuden, die sich keineswegs

durch ihre Architektur oder durch besondere Reinlichkeit auszeichnen.

Nur hat der Vicekönig, seiner Vorliebe für fremdländische Einrichtungen

entsprechend, zwei oder drei Räumlichkeiten neben seiner Privatwohnung

europäisch möblieren lassen.

[Illustration: Schubkarrenequipage.]

Das einzige, wodurch sich Tientsin vor anderen chinesischen Städten,

besonders den südlichen auszeichnet, sind seine breiten Straßen und das

ungemein rege Leben, das sich in ihnen zeigt. Ich habe dasselbe bereits

im vorstehenden Kapitel geschildert. Nirgends, weder in Shanghai noch

in Canton, noch in Hankau wird man einen derart lebhaften Verkehr

finden wie hier, in der Stadt sowohl wie auf dem Flusse. Auf dem

letzteren drängen sich die alten malerischen Dschunken, chinesische

Kanonenboote, Schleppdampfer, Ruderboote so sehr, daß sie mitunter

das Flußbett vollständig bedecken und man des Wassers kaum ansichtig

wird. Und trotz der großen Breite der Straßen kann man sich oft nur

mit Mühe zwischen den Menschen, Kamelen, Maultieren, Eseln, Lastwagen

und Schubkarren Bahn brechen. Wohin der Weg auch führen mag, überall

dasselbe rege, lärmende Leben, derselbe Verkehr. Die ganze Bevölkerung

scheint tagsüber auf der Straße zu sein und dringenden Geschäften

nachzujagen, als wären sie lauter Börsenspieler, bei denen in Minuten

Tausende auf dem Spiele stehen. Im Gegensatz zu den engen Gäßchen der

zweiten Millionenstadt Chinas, Canton, welche einen anderen Verkehr

als zu Fuß oder in der Sänfte gar nicht ermöglichen, wird hier viel

auf Maultieren und Eseln geritten, und an den Straßenecken stehen

tagsüber lange Reihen dieser Tiere, gesattelt und auf Kunden harrend,

wie in unseren Städten die Droschken. Auch die japanische Rickshaw, der

zweiräderige, von Kulis gezogene Handwagen, hat hier schon ebenso wie

in Shanghai ihren Einzug gefeiert, aber für die unteren Volksklassen

der Chinesen ist doch der Schubkarren noch immer das beliebteste

Beförderungsmittel geblieben, weil es das wohlfeilste ist. Die Chinesen

benutzen diese Schubkarren nicht nur für Personenverkehr, sondern

auch zum Transport kleinerer Lasten, der Hauptfrachtenverkehr aber

wird durch die Kamele und zweiräderigen Lastkarren vermittelt, beides

Erscheinungen, die in den südlich gelegenen Städten und selbst noch in

Shanghai unbekannt sind. Sie bringen einige Abwechselung in die sonst

große Eintönigkeit des chinesischen Straßenverkehrs, der, wie bemerkt,

in solcher Lebhaftigkeit nicht nur in China, sondern auch in ganz Asien

nur an wenigen Orten angetroffen wird.

[Illustration: Katholische Kirche in Tientsin.]

Mitten in Tientsin, an den Ufern des breiten, lebhaften Stromes,

erhebt sich seit Ende der neunziger Jahre wieder die katholische

Kathedrale, welche in dem berüchtigten Aufstand des Jahres 1870 von

fanatischem Pöbel am 21. Juni zerstört worden war. Mit ihr wurden

damals das französische Konsulat und das Kloster der Lazaristen

verbrannt, die Priester, Nonnen und eine Anzahl anderer Europäer

wurden in grausamster Weise ermordet. Die chinesische Regierung wurde

veranlaßt, den Hinterbliebenen eine Entschädigung von zwei Millionen

Taels zu zahlen und die zerstörten Gebäude wieder zu errichten, aber

es hat beinahe drei Jahrzehnte gebraucht, bis diese Gebäude vollendet

waren. Heute erheben sich vor der imposanten Kathedrale auf einer

gemauerten Plattform noch zwei offene Pavillons, welche steinerne

kaiserliche Schutztafeln bergen, zur Verhinderung ähnlicher Angriffe

seitens des fremdenfeindlichen Pöbels. Von dem vielgerühmten Wirken

des langjährigen Vicekönigs von Tschihli, Li-Hung-Tschang, sieht

man in Tientsin ebenso wie in der Provinz nur wenig. Er hat seine

Thätigkeit hauptsächlich der Einrichtung von Verteidigungsmitteln

zugewendet, wohl in Vorahnung des Krieges mit den Japanern; er hat die

Kriegsmarine von China geschaffen, die Festungswerke an der Mündung

des Peiho und weiter stromaufwärts anlegen lassen, das Arsenal gebaut,

eine Kriegsschule, sogar ein Hospital gegründet; während früher der

Frachtenverkehr zur See zum weitaus größten Teile durch Schiffe unter

fremdländischen Flaggen vermittelt wurde, ist es ihm zu danken, daß

eine chinesische Dampfergesellschaft, die China Merchant Company,

fast ebensoviele Frachten Tientsins befördert wie die englischen

Schiffe; Li hat auch die Telegraphenverbindung mit Peking und anderen

Inlandstädten, ferner die Eisenbahn nach den Kai-ping-Kohlenminen zu

stande gebracht. Aber für die Hebung des Wohlstandes im Volke ist nur

wenig geschehen. Vielleicht besaß er die Macht und die Mittel nicht, um

jene Werke zu schaffen, die Tientsin, Peking und der ganzen Provinz vor

allem andern not thun: die Eisenbahn nach Peking, die Vertiefung und

Ausbesserung des immer mehr verfallenden großen Kanals, dieser einzigen

Landverkehrsroute mit dem Süden, dann die Entwässerung der Provinz, die

Regulierung des Peihoflusses.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 24 / 71 段