Von Tsiuhsien nahm ich den Weg in westlicher Richtung nach der

Gelehrtenstadt Yentschoufu, dem Sitz des kommandierenden Generals von

Schantung und einer der schönsten Städte der Provinz. Bischof Anzer,

der Leiter der deutschen katholischen Mission von Südschantung, die in

Tsining am Kaiserkanal ihren Hauptsitz hat, ließ hier eine Zweigmission

einrichten. Wie in Tsining, in Tsautschoufu und anderen Orten, wo

die Missionare ihre Thätigkeit entfalten, waren sie auch hier bis zum

letzten Jahre unaufhörlichen Verfolgungen ausgesetzt, die bekanntlich

in der Ermordung der beiden Missionare Nieß und Henle ihren Höhepunkt

fanden. Wie das heilige Grab des Confucius, so besuchte ich auch

von Tsining aus die Gräber der beiden Märtyrer, die vorläufig, bis

hinreichend freiwillige Beiträge zur Errichtung würdiger Denkmäler

einlaufen, auch nur Erdhügel nach chinesischer Art sind. Für die

Deutschen besitzen diese Gräber ungleich höhere Wichtigkeit als jene

der chinesischen Heiligen, denn die, welche unter diesen Erdhügeln

ruhen, waren die direkte Ursache, daß Deutschland sich heute einen

Hafen in China und, was mehr ist, den Handel einer großen Provinz

gesichert hat, der mit der Zeit viele Millionen eintragen wird. Des bin

ich heute, nachdem ich das ganze Gebiet durchwandert, gewiß.

In einigen Jahren werden deutsche Eisenbahnen durch die bisher fast

unbekannten Gegenden führen und sie dem deutschen Handel, der deutschen

Kultur eröffnen zum Segen ihrer selbst und zum Nutzen ihrer Erschließer.

[Illustration: Handschrift und Siegel des Präfekten von Tsining.]

[2] Näheres über Schantung und seine Merkwürdigkeiten, über die

Stromgebiete des Hoangho und Kaiserkanals, sowie über die Provinz

Petschili in Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China, Leipzig, J. J.

Weber. Preis 14 Mark.

[Illustration: Flußleben auf dem Jangtsekiang.]

Der Kaiserkanal.

Der große Wasserweg, welcher von Süd nach Nord quer durch das

chinesische Reich führend, die südlichen Provinzen desselben mit

Tientsin und Peking verbindet, ist trotz seines gegenwärtigen

Verfalls immer noch eine der wichtigsten Verkehrsstraßen des

Kontinents, ja, man könnte ruhig behaupten, nächst dem Jangtsekiang

und der transsibirischen Eisenbahn die wichtigste. Auf den wenigsten

Wasserstraßen des Erdballs dürften sich so viele Schiffe befinden wie

auf dem Kaiserkanal. Nach Zehntausenden zählen die Fahrzeuge, welche

das durchschnittlich etwa fünfzig Meter breite Bett des Kanals auf

seinem über siebzehnhundert Kilometer langen Laufe von Hangtschau

bis Tungtschau (bei Peking) bedecken. Gelegentlich meines Besuches

von Tschinkiang und Yangtschau, am Ausgangspunkte des Kanals und des

Jangtsekiang, sah ich selbst viele Tausende von Frachtbooten, welche

auf einer Strecke von vielleicht zwanzig Kilometer mit nur geringen

Unterbrechungen dicht aufeinander folgten und manchmal kilometerlange

Ketten bildeten. Noch immer wird der Tributreis auf dem Kanal nach

Peking befördert, noch immer herrscht auf dieser Wasserstraße ein

ungeheurer Warenverkehr, und hat dieser in den siebziger Jahren

vielleicht eine Verminderung erfahren, so ist er seit den letzten

drei bis vier Jahren entschieden wieder im Steigen begriffen und wird

vielleicht in ebensovielen Jahren denselben Verkehr aufweisen wie

zuvor.

Der Anblick, den diese vielen Tausende bei den Schleusen von

Tschinkiang zusammengedrängten Fahrzeuge darboten, wird mir zeitlebens

unvergeßlich bleiben. Der ganze breite Kanal war von einem Ufer zum

andern mit ihnen buchstäblich bedeckt, überhöht von einem Wald von

buntbewimpelten Masten, zwischen denen sich hier und da die Flaggen

der Mandarinboote und Kriegsfahrzeuge zeigten. Jedes Fahrzeug war

von einer Unzahl Menschen bewohnt, welche die vier bis fünf Monate

dauernde Fahrt nach Peking und die ebensolange Rückfahrt nach dem

Süden des Reiches mitmachten. Jedes der schwerbeladenen Boote besaß

auf dem Bug zwei Anker mit je vier Armen und zwischen den über den

Stern des Bootes hinausragenden Seitenwänden ein Steuerruder, das je

nach der verschiedenen Wassertiefe im Kanal gehoben und gesenkt werden

kann. An den Seiten der Boote befanden sich buntbemalte Leeboards

(Schwertbretter), welche die Chinesen ähnlich wie die Holländer zur

Sicherung der Fahrt bei seitlichen Winden herablassen. Viele Boote

waren mit grotesken Fratzen und Ornamenten bemalt, der Bug zeigte

sehr hübsche Schnitzereien, und hinter denselben zwei riesige gemalte

Fischaugen, denn die Chinesen meinen, daß auch die Boote solcher

Augen bedürfen, um ihren richtigen Weg finden zu können. Die Mehrzahl

der Boote hatten eine Ladung von 200 bis 400 Pikul (12000 bis 24000

Kilogramm) Reis, außerdem aber noch verschiedene andere Waren, denn

die Frachten der Boote, welche den kaiserlichen Tributreis nach Peking

bringen, sind von allen Zöllen und Abgaben während der ganzen Reise

befreit. Der Besitzer jedes Bootes erhält überdies von der kaiserlichen

Regierung eine Vergütung von 800 Cash (etwa 2 Mark) für den Transport

jedes Pikul Reis, im ganzen also 400 bis 800 Mark für die acht- bis

zehnmonatliche Reise, und von dieser Summe muß er die Löhne und den

Unterhalt seiner Leute, den Transport durch die vielen Schleusen und

alle sonstigen Ausgaben bestreiten. Die Summe ist nicht so gering, wenn

man die Lebensverhältnisse in China in Betracht zieht. Ich fand in den

beiden genannten Kanalstädten Hunderte von Privatbooten verschiedener

Größe, manche recht bequem eingerichtet, welche mir von den Eigentümern

für etwa zwei Mark fünfzig Pfennig für den Tag angeboten wurden, und

von dieser Summe bestreitet der Lao-pan (Kapitän) sämtliche Ausgaben,

sogar die Nahrung des Passagiers. Auch zahlreiche Omnibusboote

verkehren auf dem Kanal, und die Reisekosten betragen einen Cash,

d. h. etwa einen viertel Pfennig pro Li (575 Meter). Das Reisen in

China ist ungemein billig. Will man statt der langsamen, einförmigen,

durch Aufenthalte an den Schleusen und in den Städten unterbrochenen

Kanalfahrt lieber auf dem Landwege von Tschinkiang nach Peking reisen,

was je nach der Jahreszeit zwei bis drei Wochen Zeit erfordert, so

kostet ein zweiräderiger Karren, mit zwei Maultieren bespannt, etwa

fünfunddreißig Taels (d. h. neunzig bis hundert Mark). Dafür werden

dem Reisenden auf dem über tausend Kilometer langen Wege auch noch

luxuriöse Mahlzeiten, sogenannte San-su-san-hoen, geliefert, deren

jede aus sechs Gängen besteht.

[Illustration: Großer Confuciustempel in Kiu-fu.]

Viel schneller kommen auf dem großen Kanal freilich die Mandarinboote

vorwärts, denn diesen müssen die gewöhnlichen Frachtboote Platz machen,

und sie werden auch zur Nachtzeit durch Schleusen gelassen, was bei

den gewöhnlichen Booten nicht gestattet ist. Die Boote der höheren

Mandarine, vom Taotai aufwärts, dürfen sogar von Dampfschaluppen

gezogen werden. Diese Mandarinboote sind wahre schwimmende Paläste,

wenigstens nach chinesischen Begriffen, mit schönen Schnitzereien,

Vergoldungen, Wimpeln, Flaggen, Ehrenschildern und dergleichen

geschmückt und auch im Innern sehr bequem eingerichtet. Zu ihrer

Sicherheit werden sie zuweilen auch noch von Kanonenbooten begleitet,

deren es auf dem Kanal und den von ihm durchschnittenen Seen des

Schmuggels und Piratenwesens wegen zahlreiche giebt. Durch ihre

Wachsamkeit ist das Reisen auf dem Kanal ziemlich sicher. Uebernachtet

man auf einem, längs der Kanalufer verankerten Boote, so sind bald

eigene Wächter, sogenannte Ta-keng zur Stelle, welche für wenige

Sapeken die Nachtwache auf dem Verdeck übernehmen und alle halbe

Stunden durch heftige Gongschläge ihre Wachsamkeit anzeigen. Bei Tag

aber ist der Kanal viel zu belebt, als daß Piraten einen Angriff wagen

würden.

Woher der große Kanal den in europäischen Werken gewöhnlich gebrauchten

Namen „Kaiserkanal” bekommen hat, ist nicht recht erklärlich. In

China ist dieser Name unbekannt. Dort heißt er Yun-ho, d. h. „Fluß

für Transporte” oder Yun-liang-ho, d. h. „Fluß für Tributtransporte”.

Dabei ist der Name „Fluß” viel richtiger als Kanal, denn der Yun-ho

ist kein Kanal im europäischen Sinne. Er wurde auch nicht von einem

Ingenieur entworfen und ausgeführt, sondern ist das Werk mehrerer

Dynastien, welche Jahrhunderte lang daran arbeiten ließen, bis er seine

heutige Gestalt angenommen hat. In dem letzten Jahrhundert diente er

hauptsächlich für den Transport des Reistributes, welchen die südlichen

Provinzen zu liefern haben. In dem kaiserlichen Jahrbuch fand ich, daß

der Kiangnan jährlich einen Tribut von 1430000 Pikul (90000 Tonnen)

Reis nach Peking abführen muß, wozu vier- bis fünftausend Boote, in 65

Flottillen geteilt, erforderlich sind. Tschekiang hat 670000 Pikul,

Kiangsi 800000, Honan 220000, Schantung 350000 Pikul Reis zu liefern.

Aber diese ungeheuren Massen werden in Wirklichkeit fast niemals

aufgebracht. Eine Million Pikul im ganzen genommen, dürfte der Wahrheit

näher liegen, immerhin eine Menge, für deren Transport vier- bis

fünftausend Boote erforderlich sind.

[Illustration: Ein chinesisches Mandarinboot.]

Der Yun-ho ist selbst auf kleineren Landkarten Chinas durch eine lange

Linie bezeichnet, welche von Hangtschau in der Provinz Tschekiang

ausgehend, in hauptsächlich nördlicher Richtung den Jangtsekiang und

Hoangho überschreitend, nach Tientsin beziehentlich Peking führt.

Bei seiner Anlage wurden in geschickter Weise alte Flußläufe,

Seen, Thalniederungen benutzt, was wohl die augenblickliche Arbeit

erleichterte, den Kanal dafür aber den Ueberschwemmungen durch die

ungeheuren Ströme, welche er durchkreuzt, aussetzt. Noch in der

ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde er durch die Gewässer des

Jangtsekiang gespeist, und die Strömung war gegen Norden gerichtet;

seitdem aber der furchtbare Hoangho in den fünfziger Jahren seinen

alten südöstlichen Lauf aufgab, und statt seine Schlammfluten dem

Gelben Meer zuzuführen, dieselben durch ein neu gegrabenes Bett in den

Golf von Petschili münden ließ, haben sich auch die Verhältnisse im

Transportkanal gründlich verändert. Die jährlichen Ueberschwemmungen

des nahezu 4500 Kilometer langen, ungemein wasserreichen Hoangho lassen

auf dem ausgedehnten Inundationsgebiet erhebliche Schichten von Schlamm

und Erde zurück, und auch das Flußbett wird durch diese Ablagerungen

so beträchtlich erhöht, daß die Uferbewohner ihre Ortschaften und

Felder nur durch die entsprechende fortwährende Erhöhung der Uferdämme

schützen können. Neben diesen Ablagerungen fand, nach den Angaben

von M. Bickmore im Journal der asiatischen Gesellschaft, auch eine

allmähliche Hebung der westlich von der Halbinsel Schantung gelegenen

Länderstriche von innen heraus statt, und diese Umstände brachten

naturgemäß beträchtliche Veränderungen in dem Flußsystem zwischen

Hoangho und Jangtsekiang mit sich.

Heute ist es nicht mehr der letztere, welcher den Transportkanal

speist, und die Strömung in demselben ist auch nicht mehr nach

Norden gerichtet, sondern der Kanal erhält sein Speisewasser aus

dem großen, den Hungtsesee durchfließenden Hoaiho; ja, der Kanal

bildet gewissermaßen die Fortsetzung dieses Flusses und führt seine

Wassermassen in nördlicher und südlicher Richtung ab. Nun ist der

Wasserstand in dem Hoaiho und damit auch in dem ausgedehnten Hungtsesee

sehr heftigen und plötzlichen Schwankungen unterworfen, für welche das

durch hohe steinerne Uferdämme eingefaßte Kanalbett nicht ausreicht.

Das Gebiet westlich des Kanals, eine weite, wasserreiche Ebene,

liegt höher als das Kanalbett, das Gebiet östlich desselben bis zur

Meeresküste liegt tiefer als das Kanalbett. Der östliche Kanaldamm

ragt etwa sechs bis acht Meter über diesen, Hiaho genannten Landstrich

empor, der nichts weiter als ein ungeheurer Polder von der Ausdehnung

des Königreichs Holland ist. Wie dort, mußte auch das Hiahogebiet gegen

die Meeresfluten durch Dämme geschützt werden; wie dort, wird es von

zahlreichen Speise- und Abzugskanälen durchzogen und bildet eines der

ertragreichsten Reisgebiete nicht nur Chinas, sondern vielleicht von

ganz Asien. Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts befand

sich hier die Mündung des Hoangho, und das ausgedehnte Tiefland war

alljährlich schrecklichen Ueberschwemmungen ausgesetzt. Seither hat

er sich nach Norden gewendet, und die Bewohner sind herzlich froh,

daß sie den unangenehmen Gesellen losgeworden sind. Allein sie wären

aus dem Regen in die Traufe gekommen, wenn die Kanalbehörden nicht

recht sinnreiche Einrichtungen getroffen hätten, um das Hiahotiefland

gegen die Wassermassen des Hoaiho zu schützen und die letzteren für

die Reiskulturen des Tieflandes dienstbar zu machen. Sie legten dazu

an verschiedenen Stellen in dem östlichen Kanaldamm Abzugsschleusen

verschiedener Art und Größe an, deren kleinste Art Tong genannt wird.

Diese Tong sind Oeffnungen von einem Meter ins Geviert, welche in

entsprechender Höhe durch den östlichen Kanaldamm führen, um das

Ueberschußwasser des Kanals in die Speisekanäle des Hiaholandes

abzulassen. Sie bleiben stets geöffnet.

An gewissen Stellen zwischen den Tong sind größere Schleusen,

sogenannte Tscha, im östlichen Uferdamme angebracht. Die Wände dieser

bis nahe an den Kanalboden reichenden Oeffnungen sind mit Steinen

und Zement bekleidet und besitzen vertikale Coulissen, welche zur

Aufnahme schwerer Holzbalken dienen, die horizontal aufeinandergelegt

werden. Reichen die Tong nicht aus, um das überschüssige Kanalwasser

abzuleiten, so werden je nach der Menge desselben ein, zwei oder

mehr dieser horizontalen Balken aus den Tscha genommen, und das

Ueberschußwasser ergießt sich in brausendem Falle in die Abzugskanäle,

welche durch das Hiahotiefland nach dem Gelben Meere führen. Im Mai

und Juni, wenn der aus den Bergen von Honan kommende Hoaiho durch

die schmelzenden Eis- und Schneemassen erheblich geschwollen ist,

reichen die Tong und Tschas nicht mehr aus, um das im Kanal sich

sammelnde Ueberschußwasser abzuführen, und dann liegt die Gefahr

nahe, daß selbst der Kanaldamm durchbrochen und damit der ganze Kanal

auf lange Strecken vernichtet wird. Um dies zu verhindern, haben die

chinesischen Ingenieure an gewissen Stellen des östlichen Kanaldammes

sogenannte Pa angelegt. Dazu wurde auf Strecken von achtzig bis

hundertzwanzig Meter Länge der östliche Kanaldamm bis nahe an den Boden

durchschnitten und durch einen leichten Aufbau aus kleinen Steinen, mit

Erde vermischt, ersetzt, der durch Reisigfaschinen zusammengehalten

wird. Steigt das Wasser im Kanal durch die Anschwellungen des Hoaiho

in gefahrdrohender Weise, so werden in diesen Pa nur ein oder zwei

mittlere Reisigfaschinen entfernt; das Wasser bricht sich nun leicht

eine Bahn durch die so entstandene Oeffnung und erweitert sie durch

seine eigene Kraft. Ist das Ueberschußwasser durch die Abzugskanäle des

Hiaholandes abgelaufen, so werden die Pa erneuert, und der Kanal ist

wieder hergestellt.

Verkehrsunterbrechungen finden im Kanal besonders im Norden recht

häufig statt. In manchen trockenen Sommern sinkt der Wasserspiegel

für einige Wochen, so daß auf kilometerlange Strecken die Wassertiefe

nur zwei bis drei Fuß beträgt und viele Boote stecken bleiben. In

kalten Wintern friert der Kanal zuweilen auch für ein bis zwei

Wochen zu, im Winter 1893 war er sogar drei Wochen lang durch eine

dicke Eisdecke geschlossen; aber im Frühjahr und Herbst kann man im

Kanal kilometerlange Reihen von Frachtbooten sehen, die mit langen

Seilen durch die Bootsmannschaften langsam vorwärts gezogen werden.

Männer, Frauen, Kinder, alles hilft ziehen, von Tagesanbruch bis

gegen neun Uhr abends, und die Wege auf beiden Kanaldämmen zeigen

zuweilen ununterbrochene Reihen von im Gänsemarsch hintereinander

einherzottelnden Chinesen. Liegen an den Kanalufern Boote vor Anker,

über welche das Zugseil der hohen Maste wegen nicht gezogen werden

kann, so springt die ganze Gesellschaft an Bord und rudert die Boote

vorwärts, bis die Bahn wieder frei ist. Dasselbe findet auch auf einer

mehrere Kilometer langen Strecke im Tschao-pe-ten statt, in welchem die

Kanaldämme unterbrochen sind. Bei günstigen Winden werden die Segel

aufgezogen, und die Bootsmannschaften können ruhen.

[Illustration: Chinesische Pyramiden.]

Die schwerste Arbeit auf der einförmigen langen Reise durch den Kanal

erfordert das Passieren der Schleusen, deren es Dutzende giebt. In

der Provinz Kiangsu allein sind deren vier, aber nicht Schleusen

nach europäischer Art, sondern das Passieren von einem Niveau zum

andern erfolgt auf steilen Rampen, über welche das durch Steinmauern

eingezwängte Wasser herabschießt. Auf diesen Mauern zu beiden

Seiten der Rampen sind hölzerne Winden (Gangspille) nach Art der

Pferdegöpel angebracht. Nähert sich ein Frachtboot einer Schleuse,

so sind auch bald achtzig bis hundert Kulis zur Stelle, mit deren

Führer der Besitzer des Bootes sich bezüglich des Preises einigen

muß. Gewöhnlich beträgt er 1000 bis 2000 Cash. Dann wird das Boot

an die Seile der Winden festgebunden, die Kulis stellen sich an die

langen hölzernen Arme der Winden, und unter furchtbarem Schreien und

Lärmen wird das Boot langsam die Rampe emporgezogen, bis es sich auf

dem höhern Wasserspiegel befindet. Während dessen beten und opfern

die Bootseigentümer den Kanalgöttern. Das Passieren von einem höhern

Wasserspiegel zu einem tiefern geht leichter vor sich und kostet

dementsprechend auch weniger.

Auch durch die zahlreichen Zollstationen werden die Boote, besonders

jene der Missionare und Geschäftsreisenden, in ihrer Fahrt erheblich

aufgehalten. Alle acht bis zehn Kilometer trifft man auf ein Zollamt,

dessen Einnahmen entweder den kaiserlichen Kassen oder lokalen

Mandarinen zufließen, und bei jedem Zollamt müssen sich die Boote die

Untersuchung durch die Zollbeamten gefallen lassen. Nur die Boote des

kaiserlichen Reistributs und jene der Mandarine dürfen die Zollämter

ungehindert passieren, ja bei hohen Mandarinen müssen sich die

Zollbeamten in ihre Staatskleider werfen und den Reisenden durch den

Kautau ihre Ehrfurcht bezeigen.

Damit den lokalen Mandarinen ja keine Einnahmen entgehen, wird der

Kanal bei mancher Zollstation zur Nachtzeit durch ein Holzgitter

gesperrt und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. Am großartigsten

sind die Ansammlungen von Frachtbooten in Hangtschau am Südende und in

Tungtschau am Nordende des Kanals, ferner in Tschinkiang und Tientsin.

Man kann dort häufig viele Tausende von Booten versammelt sehen, die

so dicht aneinander liegen, daß man den Kanal mitunter trockenen

Fußes, von einem Boot auf das andere springend, übersetzen kann. Von

verschiedenen chinesischen Transportgesellschaften wurden seit Jahren

Versuche gemacht, die Erlaubnis zur Einführung von Schleppdampfern

zu erlangen, die den Verkehr ungemein erleichtern würden. Allein sie

scheiterten an dem Widerstand der Regierung, die vielleicht nicht so

sehr den Neuerungen widerstrebt, als das Auswaschen und Zerfallen

der Kanaldämme durch den heftigen Wellenschlag befürchtet. Die

Instandhaltung des Kanals verschlingt in jedem Jahre ohnehin schon

ungeheure Summen, und ihn für den Dampferverkehr einzurichten, dürfte

bei den gegenwärtigen Verhältnissen eine Unmöglichkeit sein.

Obschon der Kaiserkanal den weitaus wichtigsten Verkehrsweg zwischen

dem Süden und Norden Chinas bildet, ist er seltsamerweise von

europäischen Reisenden nur streckenweise befahren worden, ja ich glaube

nicht, daß einer von ihnen jemals den ganzen Weg von Hangtschou, dem

südlichen Anfangspunkte des Kanals, und Peking, eine Strecke von über

achtzehnhundert Kilometern, zurückgelegt hat.

Nachdem ich den südlichen Teil des Kaiserkanals auf früheren Reisen

kennen gelernt hatte, bot sich mir im Jahre 1898 Gelegenheit, auch die

nördliche, gegen fünfhundert Kilometer lange Strecke, zwischen der

Nordgrenze Schantungs und Peking, zu bereisen. Auch hier könnte ich

meine Vorgänger an den Fingern einer Hand abzählen, und wie mir der

Kapitän meines Schiffes selbst mitteilte, war ich der erste Europäer,

den er überhaupt gesehen, einzelne Missionare ausgenommen. Eine solche

Reise ist keineswegs mit besonderen Annehmlichkeiten verknüpft. Schon

beim Aufstehen von dem erbärmlichen Nachtlager auf der Dschunke

beginnen die Schwierigkeiten mit dem Waschen. Wohl fuhr ich auf einem

wasserreichen Kanal einher, aber sein Wasser ist womöglich noch

ärger mit Erde und allerhand Unrat geschwängert als jenes des großen

Hoangho, den ich kurz zuvor befahren hatte. Schwimmen doch auf seinem

schmalen Bette zwischen Tschingkiang und Tientsin Hunderttausende von

Booten, während des Sommers und Herbstes dürften über eine Million

Menschen auf ihm wohnen, und der Kanal nimmt den ganzen Unrat auf.

Der schlammige Kanalgrund wird durch die zum Vorwärtsstoßen der Boote

benutzten Stangen fortwährend aufgerührt, so daß sich das Wasser im

Glase vollständig undurchsichtig zeigt. Ich hätte es nicht mit dem

Mikroskop untersuchen mögen. Und doch ist dieses Kanalwasser das einzig

vorhandene im Umkreis von vielen Kilometern; die Landleute benutzen

es zum Bewässern ihrer Felder, die Bewohner der vielen, längs des

Kanals liegenden Städte und Dörfer zum Trinken, ja es soll nach der

Aussage der Missionare, die ich in den Städten sprach, sogar sehr

gesund sein, wenn sich die darin schwimmenden Schlammteilchen durch

mehrstündiges Stehen auf dem Boden abgelagert haben. Filter fand ich

nirgends in Verwendung. Ich ließ mir gewöhnlich am Abend mehrere Gefäße

vollschöpfen, und des Morgens war das Wasser hinreichend klar geworden,

um wenigstens zum Waschen benutzt zu werden. Zu meinem Thee hatte ich

mir aus den Gebirgen von Mittel-Schantung Quellwasser, in geleerte

Apollinarisflaschen gefüllt, mitgenommen. Wohl giebt es auch in dem

ganzen Gebiete zwischen dem Kaiserkanal und den Küsten des Golfes

von Petschili zahlreiche Quellen, aber das Wasser ist überall erdig,

in vielen Orten auch übelriechend und ungesund, so daß die Einwohner

das Kanalwasser als ein wahres Labsal zu betrachten scheinen. Es

ist wenigstens fließendes Wasser. Die vielen Flußläufe, die auf den

Landkarten dieses Gebietes verzeichnet sind, haben den größten Teil des

Jahres über keinen Tropfen Wasser oder existieren überhaupt nicht. Der

wichtigste dieser Flußläufe ist der Lao-Huang-Ho, nämlich das Flußbett

des Hoangho vor etwa tausend Jahren. Im Grunde genommen sind auch alle

anderen Flußläufe südlich und nördlich davon, bis an den Peiho, nichts

anderes als alte Flußläufe des Hoangho, der in seiner Unbeständigkeit

sich bald hierhin, bald dorthin wandte, ja man könnte füglich

behaupten, daß an den ganzen Küsten des Gelben Meeres von Tientsin bis

an die Mündung des Jangtsekiang keine Strecke von hundert Kilometern

liegt, wo der Hoangho nicht einmal seine Mündung gehabt hätte. Nun

haben sich aus früheren Zeiten die einmal angegebenen Flußläufe auf

den Landkarten erhalten und sind auch in die neueste Wäbersche Karte

aufgenommen worden, so daß dieses Gebiet aussieht, als sei es von

wasserreichen Flüssen durchzogen, während das gerade Gegenteil der Fall

ist.

Die Städte und Dörfer, die ich passierte, liegen zum Teil in Ruinen.

Auf der ganzen Strecke zwischen dem Hoangho und Tientsin befindet sich

keine Schleuse, keine Brücke, erst in der Nähe der Millionenstadt

Tientsin sah ich wieder Zeichen ähnlicher Wohlhabenheit wie in der

Provinz Schantung; der Verkehr auf dem Kanal wurde immer lebhafter,

immer gefährlicher. Aber geschickt manövrierten Kapitän und

Mannschaften zwischen den zahlreichen Booten hindurch, obschon sie nach

der fünf Tage und fünf Nächte dauernden, fast ununterbrochenen Fahrt

todmüde waren. Die Kulis standen mit langen Enterhaken bewaffnet auf

dem Bug, und wollten Schiffe ihrem Geschrei nicht weichen, so benützten

sie rücksichtslos die langen Stangen, ja sie hakten sie in die fremden

Boote ein, um das unsere rascher vorwärts zu ziehen, ohne daß die

Insassen derselben Protest erhoben hätten. Meine in roten Uniformjacken

steckenden Geleitsoldaten und die Flagge auf meinem Boote mochten

sie glauben machen, es befände sich ein hoher Mandarin an Bord, und

Mandarine erfreuen sich auf Reisen der umfassendsten Privilegien.

China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen · 第 23 / 71 段