sich die Mandarine, in mancher Stadt drei oder vier hintereinander, zum
Gegenbesuch anmelden. Den Vortrab bildeten Soldaten und Yamendiener,
die zuweilen die großen phantastischen Paradewaffen trugen, dann kam
die von vier Dienern getragene, von einem großen roten Zeremonienschirm
beschattete Sänfte, in welcher der betreffende Mandarin saß, und die
Kautaus, Theezeremonien und langweiligen, überall ziemlich gleichen
Gespräche begannen von neuem, bis ich durch das Erheben meiner
Theetasse das Zeichen zum Aufbruch gab.
[Illustration: Segelschubkarren.]
Kiautschou hat von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und
Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich
rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler
in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich
Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen
der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter,
Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen
Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern, vom frühen
Morgen bis in die Nacht hinein. Ja, ich fand in wenigen Städten so viel
Industrie wie hier, und die Stadt wird durch die geplante Eisenbahn von
Tsingtau nach der Hauptstadt Tsinanfu gewiß viel gewinnen, denn was
Schantung vor allem anderen braucht, sind Schienenwege. Als ich nach
zweitägigem Aufenthalte mit meiner umfangreichen Karawane aufbrach, um
durch die große Ebene nördlich von Kiautschou nach Weihsien zu reisen,
bekam ich den ersten Vorgeschmack der gegenwärtigen Verkehrsrouten. Die
einzelnen Dörfer und Städte in der ganzen Provinz sind nicht etwa durch
Straßen oder auch nur Landwege miteinander verbunden, die irgendwie von
den Mandarinen unterhalten werden, sondern Karren, Reiter, Fußgänger
schlagen einfach die nächste Richtung nach ihrem Ziele ein, und ihren
Spuren folgen die Nachkommenden, so daß allmählich eine breite,
tief ausgefahrene Route in dem weichen Alluvialboden entsteht, im
trockenen Herbst und Frühjahr mit knietiefem, feinem Staub bedeckt,
im Winter festgefroren, in der sommerlichen Regenzeit mit knietiefem
Wasser angefüllt. Selbst die wichtigsten Verkehrsstraßen, wie jene
zwischen dem einzigen Handelshafen von Schantung, Tschifu, nach der
Hauptstadt, und die große, vom Jangtsekiang quer durch Schantung
nach Peking führende sogenannte Kaiserstraße sind nicht viel besser,
so daß man sich die Annehmlichkeiten des Reisens in der deutschen
Provinz von China leicht ausmalen kann. Ermattet, ausgehungert, mit
fingerdickem Staub bedeckt, kam ich nach den langen Tagemärschen
in mein Nachtquartier, und in den Dorfherbergen war zuweilen das
Wasser so schmutzig und übelriechend, daß ich ein paar Flaschen
Apollinariswasser opfern mußte, um mich zu reinigen. Die große Mehrzahl
der Mandarine und fast alle Kaufleute, die ich sprach, begrüßen die
kommende Eisenbahn als einen Segen, und daß dem Bau dieser Eisenbahn
keine übergroßen technischen Schwierigkeiten entgegenstehen, konnte
ich überall erkennen. Von Kiautschou dehnt sich eine ungeheure, fast
durch gar keine Erhebung unterbrochene Ebene in nördlicher Richtung
quer durch Schantung und die Provinz Petschili bis nach Peking aus;
die auf den meisten Karten verzeichneten Gebirge sind dort nicht
vorhanden und erheben sich nur im mittleren Teile von Schantung, so
daß sie von der nach der Hauptstadt Tsinanfu geplanten Eisenbahn, ohne
einen Umweg zu machen, umfahren werden können. Die Mehrzahl der auf
den Karten verzeichneten größeren Flüsse sind einen großen Teil des
Jahres über wasserlos und erfordern keine schwierigen Brückenbauten.
Auch bezüglich der zu erwartenden Einnahmen braucht man sich keinerlei
Sorgen hinzugeben. Ich war auf der Reise nach der Hauptstadt überrascht
von der großen Zahl volkreicher Städte und Dörfer; nach jeder halben
Wegstunde stieß ich auf ein Dorf von mehreren hundert Einwohnern;
häufig sah ich in meiner Sehweite im Umkreis Dutzende von Dörfern,
durch die hohen Weiden und Eschen, welche ihren Hauptschmuck bilden,
leicht erkennbar, von wirklichem Elend bekam ich nichts zu sehen. Und
wenn in manchen Jahren der große Uebelthäter von China, der Hoangho,
ungeheure Länderstrecken überschwemmt, wenn in verschiedenen Gebieten
heftige Regengüsse oder anhaltende Dürre die Ernte vernichten, so
ist dafür in anderen Gebieten der Ertrag der Ländereien an Weizen,
Hirse, Bohnen, Reis und anderen Früchten so groß, daß der stellenweise
entstehenden Hungersnot gesteuert werden könnte, wenn nur Transportwege
vorhanden wären, um den Ueberfluß eines Gebietes nach dem notleidenden
anderen schaffen zu können. Aber diese Transportmittel sind der
Hauptsache nach Schubkarren, welche von Kulis gelenkt werden. All die
zahlreichen Produkte der ungemein fruchtbaren und dichtbevölkerten
Provinz, Kohle, Eisen, Lebensmittel, Seide, Wolle, Stoffe, Glas-
und Töpferwaren, werden auf Schubkarren verfrachtet, und selbst der
Passagierverkehr bedient sich hauptsächlich dieser primitiven Fuhrwerke.
[Illustration: Kaiserliche Pavillons im Park des Confuciustempels in
Kiu-fu.]
Merkwürdigerweise bedienen sich die Schubkarrenkulis um Schantung zur
Beförderung ihres Fahrzeugs auch der Segel. Vor dem Karren stecken zu
beiden Seiten des Rades mannshohe Segelstangen, und zwischen diesen
hissen die Kulis bei günstigem Winde blaue oder graue Segel. Unter
diesen Umständen spricht es ungemein für den natürlichen Reichtum der
Provinz, sowie für den Fleiß, die Nüchternheit und Sparsamkeit ihrer
Bewohner, daß so viele Millionen ihr Auskommen finden können und daß in
einer Reihe von Städten so große Wohlhabenheit herrscht. In Weihsien,
Tsingtschoufu, Tsinanfu, Tsinin und anderen Städten giebt es eine ganze
Anzahl von Millionären, ja die Hauptstadt der Provinz dürfte zu den
reichsten Städten Chinas gezählt werden können. Freilich bekommt nur
der aufmerksame Reisende davon etwas zu sehen, denn ebensowenig wie in
anderen Provinzen besitzen auch die Städte Schantungs irgend welche
Paläste: die Reichen verbergen ihre Wohnungen, ihre Wohlhabenheit
hinter hohen Mauern, und die einzigen ansehnlichen Bauten, die man zu
sehen bekommt, sind vor allem die mächtigen, von kuriosen Türmchen und
Pagoden gekrönten Ringmauern, welche alle Städte und auch zahlreiche
Marktflecken umgeben, sowie die vielen, Buddha oder Confucius
geweihten Tempel, die sich gewöhnlich inmitten schattiger Cedern- und
Fichtenhaine erheben. Sie bilden die einzigen Sehenswürdigkeiten nach
unseren Begriffen, denn Monumente, Museen, Theater, große Fabrikanlagen
und dergleichen gibt es in Schantung ebensowenig wie in dem ganzen
übrigen China. Die Theater werden von den im Lande umherziehenden
Wandertruppen jedesmal auf Marktplätzen oder in Tempelhöfen eigens aus
Bambusrohren errichtet und nach Beendigung ihres „Gastspiels” wieder
abgebrochen. Fabriken giebt es nicht; alles, sogar die Kohlenminen,
Glasbläsereien und Töpfereien der großen Industriestadt Poschan sind
gewissermaßen Hausindustrie, und die einzigen Dampfmaschinen der ganzen
an fünfunddreißig Millionen Einwohner zählenden Provinz befinden sich
in dem Arsenal von Tsinanfu.
[Illustration: Gespann in Ost-Schantung.]
Für den Mangel an sogenannten Sehenswürdigkeiten wurde ich aber durch
das Leben und Treiben der Bewohner in den Städten wie auf dem Lande
mehr als entschädigt, denn die Provinz hat noch keine Beziehungen zu
der Außenwelt, alles hat sich in malerischer Ursprünglichkeit erhalten,
und deshalb war für mich jede Stadt, jedes Dorf eine Art Museum.
Weihsien mit seinen großen Märkten, Tsingtschoufu mit den herrlichen
Buddhatempeln und interessanten mohammedanischen Moscheen, Lintschi
mit seinen mehrtausendjährigen Altertümern, das industriereiche
Poschan, dann Tschangschan, Tschangkin und vor allem die gegen
vierhunderttausend Einwohner zählende Hauptstadt boten mir eine Reihe
von Bildern, wie sie sich dem Reisenden in China selten zeigen. Dazu
reiste ich in der schönsten Jahreszeit, im Frühling, und das Klima
ist jenem von Mitteleuropa ähnlich, wenn auch die Sommer heißer und
an den Küsten viel feuchter sind als bei uns. Die Chinesen sind große
Freunde der Natur, sie haben sich für die Anlage ihrer Städte die
malerischsten Punkte ausgesucht, und auch die grüne Landschaft besitzt
hier großen Reiz; fehlen auch in ganz Schantung die Wälder, so sind
doch alle Ortschaften von großen Obstgärten umgeben, und in den Feldern
erheben sich überall dunkle Cypressen- und Cedernhaine, in deren
Schatten unter mannshohen Erdhügeln die Toten ruhen auf ewig, denn
nur in den seltensten Fällen rührt der Chinese an den Gräbern seiner
Vorfahren. Schantung besitzt aber auch Königsgräber in der Gestalt
hoher Pyramiden, von deren Vorhandensein man im Abendlande bisher
nichts wußte. Jenseits von Putang, westlich von Tsingtschoufu ragen sie
aus dem grünen Meer der wallenden Felder empor, noch mysteriöser als
jene des Landes der Pharaonen. Obschon die Zeit viel von der ganzen
Anlage verwischt hat, konnte ich doch erkennen, daß dieser Friedhof
einer Königsdynastie einst großartig gewesen sein muß, großartiger
vielleicht als jene der Ming, die ich bei Peking und bei Nanking
gesehen habe. Der ganze Komplex umfaßt etwa einen Quadratkilometer
und ist durchschnittlich drei bis vier Meter über die Ebene erhaben.
Nach den aus großen Quadern aufgeführten, stellenweise noch erhaltenen
Umfassungsmauern und der ganzen Terrainbildung zu urteilen, muß
dieses ausgedehnte Plateau künstlich aufgeführt worden sein, eine
übermenschliche Arbeit. Fünf große und mehrere kleine Pyramiden liegen
nördlich des Weges, sechs große südlich desselben. Die Höhe der großen
Pyramiden, vom Plateau aus gerechnet, schwankt zwischen vierzig und
sechzig Meter; die höchsten sind jene, die sich von dem Dorfe in
südwestlicher Richtung in einer Reihe gegen einen hohen Kalkfelsen
hinziehen, auf dessen Spitze sich eine Anzahl Tempel, Opferhallen und
Steindenkmäler erheben.
[Illustration: Visitenkarte des Mandarins von Poschan.]
Wie alle Gräber in Schantung, so sind auch diese Königsgräber nur aus
Erde aufgeführt, und es wundert mich nur, daß die Form ihrer Terrassen
und Stufen so gut erhalten ist. Selbst die Wände sind glatt und vom
Regen nur wenig angegriffen. Dort wo dies der Fall ist, stellte sich
die Anfüllung als ein Gemenge von Lehm und Schutt mit zahlreichen
Scherben dar. Die Wände jedoch bestehen aus festgeknetetem und
gestampftem Lehm. Jede Pyramide hat eine breite Stufenterrasse von
zweihundert bis vierhundert Schritt Umfang und zwanzig bis dreißig
Meter Höhe, und auf dem Plateau dieses massigen Unterbaues erhebt sich,
umgeben von steinernen Inschriftstafeln, eine kleinere Stufenpyramide.
Die nördlichste Pyramide besitzt keine derartige Terrasse, sondern
steigt vom Boden in fünf mächtigen, gleichmäßigen Stufen empor,
so daß sie mich in ihrem ganzen Aussehen lebhaft an die berühmte
Stufenpyramide von Sakkara erinnerte. Leider ist es unmöglich, Näheres
über das Alter und die Bestimmung dieser Pyramiden zu erfahren, denn
der erste Kaiser der Tsindynastie, dieser Napoleon Chinas, dem es
gelungen war, all die Fürstentümer und Königreiche zu unterwerfen und
unter sein Scepter zu bringen, ließ auch alle Geschichtswerke und
Archive der verschiedenen kleinen Dynastien verbrennen.
[Illustration: Chinesische Kohlenarbeiter.]
[Illustration: Das Eingangsthor zum Taischanweg in Taingan fu.]
Der interessanteste Teil von Schantung ist jedoch das Bergland
südlich von Tsinanfu; nach all den offiziellen Besuchen, Mahlzeiten
und gesellschaftlichen Zerstreuungen chinesischer Art, wie sie der
Aufenthalt in der von vielen Mandarinen bewohnten Provinzhauptstadt mit
sich brachte, war ich froh, wieder mit meiner Karawane hinauszuziehen
in die Natur, um das heilige Land von China kennen zu lernen. Ein
Ritt von anderthalb Tagen brachte mich nach dem Mekka von China, nach
der viertausend Jahre alten Stadt Taingan. Schon aus weiter Ferne
sah ich das Wahrzeichen des heiligen Landes, den mächtigen, beinahe
zweitausend Meter hohen Taishan in die Wolken ragen. Mit Spannung ritt
ich durch das Thor der hohen Stadtmauer in Taingan ein, denn hier mußte
ich doch endlich Altertümer, Denkmäler aus der längst vergangenen
großen Zeit Chinas finden, die ich auf meinen bisherigen Reisen in
diesem ältesten Kulturlande des Erdballes vergeblich gesucht hatte. Die
tausendjährigen Städte besitzen keine Burgen, alte Mauern, malerische
Ruinen, wie sie sich in allen Ländern des Abendlandes darbieten, nun
war ich in einer der ältesten Städte der Erde, die aus der Zeit der
ägyptischen Pyramidenbauer stammt. Aber auch hier wurde ich grausam
enttäuscht. Ruinen sah ich wohl, Ruinen von großen Vorstädten und
ganzen Stadtvierteln, doch stammen sie nicht aus alten Zeiten, sondern
sind die traurigen Ueberreste, welche die wütenden Rebellen aus dem
Taipingkriege hier zurückgelassen haben. Dieser Krieg aus der Mitte des
vorigen Jahrhunderts war vielleicht der größte, blutigste, grausamste
aller Zeiten, denn ganze Provinzen von der Ausdehnung europäischer
Reiche wurden verwüstet, zwanzig Millionen Menschen getötet. An wenigen
Stellen wütete er so furchtbar wie hier, denn siebenmal drangen die
Rebellen im Laufe der Kriegsjahre in Taingan ein, plünderten und
zerstörten, was sie konnten, und das heutige Taingan ist nicht viel
besser, nicht interessanter als irgend eine andere Stadt der Provinz.
Nur der große Taishantempel, der mit seinem von tausendjährigen Cedern
und Cypressen erfüllten Park fast die ganze nördliche Hälfte der Stadt
einnimmt, ist von den Taiping verschont geblieben. Dieser Tempel ist
das Ziel von vielen Tausenden von Pilgern, die in jedem Jahre aus allen
Teilen des chinesischen Reiches hier zusammenströmen, um der „heiligen
Mutter des Taishan” zu opfern und ihren Segen zu erflehen. Als ich,
begleitet von einigen Soldaten, den Tempelpark betrat, waren gerade an
die zehntausend Pilger hier versammelt, von denen die Mehrzahl noch
niemals einen Europäer gesehen haben mochte. Natürlicherweise war
ich bald von Neugierigen umringt, und als ich gar mit Hilfe meines
Photographen den Apparat aufstellte, um die großen Tempelbauten, die
uralten Denkmäler und die Menschenmenge selbst aufzunehmen, schienen
die abergläubigen Zopfträger zu fürchten, ich wolle sie verzaubern. Ein
derartiges dreibeiniges Ding mit glänzenden Metall- und Glasplatten
hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen. Bald begann es
Steine auf mich zu hageln, und einige Mutige machten Miene, auf mich
loszuschlagen. Da erhob ich erzürnt meinen Stock, und in demselben
Augenblicke zerstob die Menge vor mir. Meine Soldaten griffen nun
ihrerseits ein und trieben die Tausende wie eine Herde Schafe vor sich
her, den Ausgängen zu. Binnen wenigen Minuten war der Platz gesäubert,
die Thore wurden geschlossen, und ich konnte unbeirrt meine Aufnahmen
machen.
[Illustration: Pagode in Tsiu-hsien.]
Der Taishantempel von Taingan gehört zu den größten Tempeln von ganz
Ostasien; der Provinzgouverneur hatte dem Mandarin von Taingan den
Befehl zukommen lassen, den sonst nur einmal im Jahre geöffneten Tempel
für mich aufschließen zu lassen, und ich war wohl der erste Europäer,
der Gelegenheit hatte, ihn in allen seinen Teilen zu besichtigen und
Aufnahmen zu machen. Mehr als die auf einem Thron sitzende, kunstvoll
geschnitzte und vergoldete Figur der heiligen Mutter bewunderte ich
die herrlichen Malereien, welche die Tempelwände bedecken und die, aus
dem siebzehnten Jahrhundert stammend, wohl zu dem Schönsten gehören,
was die chinesische Kunst hervorgebracht hat. In einer Reihe von
Wandgemälden ist hier die Besteigung des Taishan durch den ersten
Kaiser der gegenwärtigen Dynastie dargestellt, und in Bezug auf
Farbenreichtum, Perspektive, Gruppierung der zahlreichen Figuren habe
ich auch in Japan nichts Schöneres gesehen.
Nachdem die Pilger der heiligen Mutter im Taishantempel geopfert haben,
unternehmen sie gewöhnlich zu Fuß den Aufstieg auf den gewaltigen
Granitberg, dessen Gipfel, etwa fünfundzwanzig Kilometer von Taingan
entfernt, der höchste des ganzen Berglandes von Schantung ist. Am
zweiten Morgen nach meinem Eintreffen in Taingan zog auch ich,
begleitet von meinem Photographen, durch das Nordthor der Stadt, um
die sechstausend Stufen, welche von dem ersten Drittel der Höhe zum
Gipfel führen, emporzuklettern; und mittags stand ich mitten zwischen
den zahlreichen großen Tempeln, welche das oberste Plateau des
heiligen Berges krönen. Meinen Leuten die photographischen Aufnahmen
überlassend, pilgerte ich zwischen kostbaren Bronzedenkmälern und
ungeheuren Steintafeln, welche verschiedene Kaiser hier gestiftet
haben, zu dem heiligsten der Tempel, jenem der heiligen Mutter: sie
thront auf einem rotlackierten Holzaltar, in kostbare, mit herrlichen
Stickereien geschmückte Seidengewänder gehüllt; vor ihr aber ist
der Boden des weiten Tempelraumes meterhoch mit Münzen bedeckt, den
Opfergaben der Pilger. Auch Silberstücke von verschiedener Größe liegen
zwischen den Millionen von Kupfermünzen, die in jedem Jahr einmal
von einem Abgesandten des Provinzgouverneurs hinausgeschafft werden.
Den größten Teil der zusammen immerhin mehrere hunderttausend Mark
betragenden Gaben erhält die Kaiserinmutter in Peking, ein zweiter Teil
fließt in die Taschen des Mandarins, den Rest erhalten die Mönche der
zahlreichen Klöster, welche sich auf dem Taishan befinden.
Zwei Tagereisen südlich von Taingan liegt das berühmte Kiufu, die
Vaterstadt von Confucius, und auch hier war es mir vergönnt, als
der erste Europäer den stets verschlossenen Tempel des Heiligen zu
betreten. Dank meiner Empfehlungen sandte der Herzog Confucius,
der direkte Nachkomme des großen Religionsstifters in der
sechsundsiebzigsten Generation, seine Kammerherren und fünfzig Mann
seiner grotesk uniformierten Leibgarde, um mich zu empfangen und in
den Tempel zu geleiten, der wie jener von Taingan in einem großen Park
mit mehrtausendjährigen Bäumen gelegen ist, den Taingantempel jedoch
an Größe und Pracht weitaus übertrifft. Ich habe auch in Peking, ja
selbst an den heiligen Stätten des Jyeyasu in Japan nichts Schöneres
gesehen. Die Denkmäler, Ehrenpforten, Nebengebäude, Pavillons und
Kioske strotzen von kunstvollen Holzschnitzereien, Skulpturen und
Vergoldungen, am schönsten aber präsentiert sich der ungeheure Tempel
selbst in seiner erhabenen Einfachheit. Er erhebt sich auf einer
weiten, von Balustraden aus weißem Marmor umschlossenen Terrasse,
die etwa mannshoch über dem Parkgrund gelegen ist. Zahlreiche weiße
Marmorsäulen, Monolithen, mit köstlichen Skulpturen bedeckt, stehen
vor der etwa achtzig Meter langen Fassade und tragen die Architraven
des ungeheuren zweistöckigen Daches, das ganz mit Porzellanziegeln von
gelber Farbe, der Farbe des Kaisers, eingedeckt ist. Der ganze Tempel
besitzt kein Fenster, und in dem weiten inneren Raume ist es so dunkel,
daß eine photographische Aufnahme unmöglich war. Mächtige viereckige
Säulen tragen das Dach; an den Wänden hängen mehrere Meter lange, mit
breiten geschnitzten Goldrahmen umfaßte Inschriftstafeln, Widmungen
der Kaiser verschiedener Dynastien. In der Mitte des Raumes erhebt
sich eine Art Heiligenschrein aus rotlackiertem Holz mit vergoldeten
Skulpturen, und in diesem Schrein sah ich die überlebensgroße Statue
des Confucius mit seiner Ahnentafel davor, nach dem Glauben der
Chinesen der Sitz seines Geistes. Eine Reihe von Opfertischen vor
diesem Schrein tragen zahlreiche Bronzegefäße, Urnen, Behälter für
Räucherkerzen, Statuen und dergleichen, Geschenke verschiedener Kaiser
während der letzten zweitausend Jahre. Manche dieser uralten Gefäße
stammen aus dem persönlichen Besitz des alten Confucius, eine Reihe
von seinen Manuskripten und Gegenständen des täglichen Gebrauchs aber
sind in der Familie von Vater auf Sohn durch die Jahrtausende bis heute
erhalten geblieben und befinden sich in dem Palast des gegenwärtigen
Herzogs. Das Wohnhaus des Confucius ist verschwunden, aber eine Ceder,
die er selbst gepflanzt hat, steht heute noch in dem Tempelpark.
[Illustration: Der Confuciusbaum und das Thor der goldenen Stirne in
Kiufu.]
[Illustration: Der Gipfel des Taischan.]
Auch Vater und Mutter des Confucius, sowie seinen Söhnen, Enkeln und
Aposteln sind in diesem Parke eigene Tempel geweiht, umgeben von
steinernen oder bronzenen Gedenktafeln verschiedener Kaiser. Das Grab
des Religionsstifters befindet sich etwa zwei Kilometer außerhalb der
Stadt. Eine Avenue, von tausendjährigen Baumriesen besetzt, führt
hinaus zu dieser Stätte, wo, umgeben von etwa zwanzigtausend Gräbern
seiner Nachkommen, der Heilige ruht. Ein Erdhügel von etwa zwölf Meter
Höhe bedeckt seine sterbliche Hülle, und davor steht ein einfacher
Grabstein mit seinem Namen. Auch seine nächsten Nachkommen sind hier
begraben, und in jedem Jahre versammeln sich die heutigen Träger des
Namens Confucius, oder vielmehr Kung-tse, wie er im Chinesischen heißt,
um in einer eignen Opferhalle dem großen Toten zu opfern. Dasselbe
geschieht auch in dem Confuciustempel der Vaterstadt Kiufu unter
Verbrennung von Opfern, Zeremonientänzen und Mahlzeiten, bei denen dem
Geiste des Verstorbenen von dem jetzigen Herzog Speisen und Getränke
vorgesetzt werden. Wohl zwei Drittel der etwa 18000 Einwohner zählenden
Stadt sind Nachkommen des Confucius und führen seinen Namen; die
Begräbnisstätte außerhalb der Stadtmauer ist seit 2400 Jahren benutzt
worden, und wie damals, so lassen sich auch heute noch alle Angehörigen
des Stammes Confucius hier beerdigen, selbst wenn sie tausend Kilometer
weit von Kiufu das Zeitliche gesegnet haben sollten. Wenn immer die
Mittel vorhanden sind, werden ihre Leichen hierher transportiert.
Merkwürdigerweise ist Kiufu, dieses Jerusalem von China, kein
Wallfahrtsort wie Taingan; nur selten kommen fromme Confucianer
hierher, und noch weniger wird das etwa vierzig Kilometer weiter
südlich gelegene Tsiuhsien besucht, die Geburtsstadt des größten
Apostels der Confuciuslehre, Mencius. Ich fand Tsiuhsien noch ärmlicher
und verfallener als Kiufu; bei meinem Einzug lief die ganze zerlumpte
Bevölkerung hinter mir her, und es herrschte in der Stadt große
Aufregung, so daß mir und meinen Begleitern von seiten des Mandarins
nahegelegt wurde, möglichst bald weiterzureisen. Der Ahnentempel und
die Grabstätte des Mencius ähneln jenen seines großen Lehrmeisters,
nur sind sie kleiner, einfacher, und während die Tempel des Confucius
vorzüglich erhalten sind, gehen jene des Mencius dem Verfall entgegen.
Die direkten Nachkommen des Mung-tse, dies ist sein chinesischer Name,
kümmern sich wenig darum. Die ganze Familie ist verlottert, und ihr
Haupt verdient keineswegs die in der Familie erbliche Würde eines
Mitglieds der berühmten Pekinger Hanlin-Akademie.